Jan Krömer - Ermittler in Ostfriesland - Die Fälle 12 bis 14 - Moa Graven - E-Book

Jan Krömer - Ermittler in Ostfriesland - Die Fälle 12 bis 14 E-Book

Moa Graven

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Beschreibung

Jan Krömer und Lisa Berthold jagen in Aurich (Ostfriesland) immer Serienkiller. In diesem Sammelband erwarten sie drei weitere fesselnde Krimis mit dem etwas außergewöhnlichen Ermittlerduo, das zurückgezogen in einem alten Haus in Tannenhausen lebt. Dieser Sammelband enthält die Fälle 12 bis 14 mit den Titeln TATTOO, Es führt kein Weg zurück und Der einsamste Tod. Nervenkitzel von der ersten bis zur letzten Seite.

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TATTOO – Zum Inhalt
Lethargie
Gefesselt
In Tannenhausen
Opfer
Am Abend
Oles Bericht
Gesine
Todeskampf
Der Beobachter
Johann Peters
Kleine und große Grübeleien
Das zweite Opfer
Nervenkitzel
Sorge um Chief
Irrwege
Verletzungen
In der Gerichtsmedizin
Mutter
Wo liegt die Wahrheit?
Verstörend
Erfolgserlebnisse
Die Nachbarschaft
Zurück in Tannenhausen
Am nächsten Morgen
Es wird konkreter
In Tannenhausen
Die Nadel im Heuhaufen
Stefan Woortmann
Jan und Lisa
Die Schlinge zieht sich zu
Einen Monat später
Es führt kein Weg zurück - Zum Inhalt
Novemberblues
Der Unfall
Zurück zur Routine
Erkenntnisse
Nur ein Augenblick
Rätselhafte Spuren
Jessica Schmidt
Handwerker im Haus
In der Dienststelle
Die Wende
Ashes
Puzzleteile
In der Klinik
Ein Wunder
Die Augen
Oliver
Die lange Nacht
Gedankenspiele
In der Dienststelle
Die Aussage
Emden
Der schale Nachgeschmack
Stefan
Der einsamste Tod - Zum Inhalt
Feingefühl
In Tannenhausen
Der Unfall
Lisa
Markus
Jan
Hanna Ihnen
Tannenhausen
Die Anzeige
In der Dienststelle
Hanna und Rebekka
Befragungen
Fakten sammeln
Die Ärzte
Jan und die Schwestern
In Tannenhausen
Die Suche
Die ganze Wahrheit
Rebekka
Im Büro
Der nächste Tag
Lothar Ferdinand
Drei Wochen später
Mein Brief an Sie, liebe Leserin und lieber Leser,
Zur Autorin
Die Profiler Jan Krömer Krimi-Reihe in Aurich
Die weiteren Krimi-Reihen von Moa Graven im Überblick
Meine Autobiografie
Leseprobe aus dem aktuellen Fall mit der Langeooger Ermittlerin EVA STURM „Spuren in dunkler Nacht“
Vielen Dank für Ihr Interesse an meinen Krimis!

 

 

 

Jan Krömer Ermittler in Ostfriesland

Die Fälle 12 – 14

 

TATTOO

 

Es führt kein Weg zurück

 

Der einsamste Tod

 

 

 

 

 

 

Moa Graven ist Ostfriesin und schreibt seit 2013 Krimis. Erst mit fünfzig hat sie die Leidenschaft für das subtile Verbrechen auch für sich entdeckt, als sie einen Fortsetzungskrimi für ein Monatsmagazin schrieb. Seit 2017 lebt die Autorin vom Schreiben und eröffnete ein Krimihaus in Rhauderfehn, wo man sie auch besuchen kann.

Impressum

Jan Krömer – Ermittler in Ostfriesland – Die Fälle 12 bis 14 mit TATTOO – Es führt kein Weg zurück - Der einsamste Tod

Ostfrieslandkrimi von Moa Graven

Alle Rechte am Werk liegen bei der Autorin

Erschienen im Criminal-kick-Verlag Ostfriesland

Das Krimihaus – 3. Südwieke 128a – 26817 Rhauderfehn

Juli 2021

Covergestaltung: Moa Graven

TATTOO – Zum Inhalt

Keine Zeit für Krisen, obwohl Jan von der Sinnlosigkeit seines Jobs überzeugt in ein großes emotionales Loch zu fallen droht. Düstere Gedanken bestimmen seinen Tag und ziehen auch Lisa mit runter. Es ist Ende November, dunkel und stürmisch. Und dann gibt es grausame Mordfälle, die diese Sinnlosigkeit noch zu überflügeln scheinen.

Lethargie

Es setzte ihm alles zu und Lisa wusste nicht, wie lange sie den Kollegen in der Dienststelle noch erklären konnte, dass Jan eine leichte Grippe im Griff hatte. Aber das war noch das kleinere Übel. Viel schlimmer war es für sie, dass sie spürte, bald mit ihrem Latein am Ende zu sein. Seit einer Woche hatte Jan das Haus praktisch nicht mehr verlassen. Tagsüber lag er mit Chief zusammen auf dem Sofa und starrte zum Fenster. Er aß kaum etwas und erst am Abend machte er sich ein Brot oder so und öffnete die erste Rotweinfleische. Es schien alles zu viel für ihn zu sein. Zuerst sein Sohn Jonar, der sich entschieden hatte, wieder nach Norwegen zu gehen. Lisa wusste, wie sehr er an dem Jungen, den er erst so spät kennen gelernt hatte, hing. Es musste ihm das Herz entreißen, dass er ihn praktisch nicht mehr sehen würde. Weder konnte und wollte Jonar ständig nach Deutschland kommen, noch konnte sie sich vorstellen, dass Jan zwischen Aurich und Norwegen pendelte. Die logischste Konsequenz also, dass sich Vater und Sohn auseinanderlebten.

Und dann noch die Sache mit Katrin. Er hatte ihr beim Halloweenfest mit den ostfriesischen Kollegen bei in Rhauderfehn praktisch das Leben gerettet, als er sich auf den Angreifer mit dem Samureischwert geworfen hatte, bevor dieser noch einmal zuschlagen konnte.

Guntram hatte sich wohl tausend Mal dafür mit Tränen in den Augen bei ihm bedankt. Doch Jan wollte keinen Dank und hatte alles mit einer Handbewegung abgetan. »Das hätte doch jeder getan«, hatte er gesagt, als sie sich in Rhauderfehn auf den Weg gemacht hatten. Während der Fahrt hatte Jan nicht viel gesagt, außer, dass das für ihn das letzte Mal gewesen war, dass er etwas mit den anderen Kollegen in Ostfriesland zu tun haben wollte. Ihm schien alles nur noch auf die Nerven zu gehen.

Jetzt versuchte Lisa gerade, möglichst geräuschlos einen Tee zuzubereiten. Es war Sonntagnachmittag und Jan war auf dem Sofa eingenickt. Chief lag auf dem Boden zu seinen Füßen und räkelte sich. Wenn dem Hund jetzt noch etwas zustößt, dachte Lisa, dann wird er völlig den Verstand verlieren. Jan hing an dem Tier, das ließ sich kaum in Worte fassen. Und der Hund wurde langsam alt. Immer seltener hatte er im Sommer überhaupt Lust gehabt, draußen durch den Wald zu streifen und blieb, nachdem er sein Geschäft gleich hinter dem Haus erledigt hatte, hinten im Flur liegen und sah nach draußen. Es ähnelte dem, wie Jan sich nun verhielt.

Es war Ende November und der Wind pfiff um die Hausecke. Die Bäume des angrenzenden Waldes wiegten sich sachte hin und her, als würden sie sich auf ein Fest vorbereiten. Vielleicht spinne ich auch langsam, dachte Lisa. Und wundern würde es sie auch schon längst nicht mehr. Sie war zu viel allein. Allein mit Jan. Und das war im Prinzip dasselbe.

»Lisa?«

Jan, der wohl wach geworden sein musste, hatte sie erschreckt, als er ihren Namen sagte. Es klang in die Stille hinein wie ein Schreien.

»Jan«, erwiderte sie, »ich wusste nicht ... ich mache uns gerade einen Tee.«

»Das ist gut«, erwiderte er, setzte sich aufrecht hin, achtete dabei auf Chief, um ihn nicht mit den Füßen zu streifen und wuschelte sich durchs Haar. »Wie spät ist es eigentlich?«

Sie sah zur Armbanduhr. »Gleich vier.«

»Es wird schon wieder dunkel.«

»Ja.« Sie goss das Wasser auf, das schon vor Minuten so weit gewesen war, bevor sie sich in Gedanken verlor. Sie stellte die Kanne auf das Stövchen auf dem Tisch und wagte nicht, sich zu ihm aufs Sofa zu setzen, sondern blieb auf dem Stuhl zu seiner Rechten. Sie stützte die Arme auf den Tisch und legte ihr Kinn in die Hände.

»Was denkst du«, fuhr Jan fort, »wie geht es Katrin?«

Wahrscheinlich hat er wieder von der Sache geträumt, konstatierte Lisa. Es war in der letzten Zeit öfter vorgekommen.

»Soll ich sie morgen mal anrufen?«, fragte sie zurück.

»Nein, das ist nicht nötig.«

Sie goss den Tee ein, auch für ihn, und sie schwiegen weiter. Jeder auf seine Weise dem Leben nachtrauernd. Das Schlimmste für Lisa war, dass sie nicht mehr an ihn herankam. Seit dem letzten Sommer war er so weit weg. Da hatte Jonar das erste Mal eine Andeutung in die Richtung gemacht, dass es ihm in Norwegen bestimmt besser gefallen würde. Er war von seiner Studienreise nach Australien zurückgekehrt und offenbar zu einem anderen Menschen geworden, dem weites Land und Freiheit mehr zu bedeuten vermochten, als in der Nähe seines Vaters zu sein. So jedenfalls schien Jan es interpretiert zu haben. Aber konnte er es Jonar verübeln, hatte er einmal, als er noch bereit war, darüber zu sprechen, zu Lisa gesagt. Bis zu dessen sechzehntem Lebensjahr hatte Jan gar nichts von der Existenz seines Sohnes gewusst. Warum also sollte dem Jungen so viel daran liegen, jetzt bei seinem Vater zu bleiben? Und doch hatte es Jan tiefer getroffen, als es ihm lieb war. Er hatte sich an den Gedanken gewöhnt, dass es jemanden gab, der ihm ähnlich sah. Sein eigen Fleisch und Blut. Bewusst hätte er mit Mitte dreißig ganz sicher kein Kind mehr in die Welt gesetzt. Deshalb war Jonar so etwas wie ein Geschenk für ihn. Er liebte ihn über alles. Und jetzt musste Jan lernen, dass Liebe auch so richtig weh tun konnte. Ganz anders, als wenn eine Frau einen verließ oder man selber die Reißleine zog. Mit Jonar war das alles ein viel einschneidenderes Ereignis.

»Ich glaube, ich gehe heute früh ins Bett«, sagte Lisa schließlich und stellte ihren leeren Teebecher in die Spüle.

»Gute Nacht«, murmelte Jan, dem entgangen war, dass sie gar nicht jetzt sofort gemeint hatte.

Trotzdem ließ sie ihn allein. Und sie wusste, dass er die ganze Nacht dort vor dem Fenster mit Chief sitzen bleiben würde.

 

Gefesselt

Schon wieder waren Blätter auf ihren Rasen gefallen. Die alte Kastanie brauchte immer am längsten, um sich auf den bevorstehenden Winter vorzubereiten.

Gesine Peters schob die Gardine zurück vors Fenster. Wohl oder übel würde sie gleich wohl wieder nach draußen gehen müssen mit ihrer Harke. Im Grunde machte ihr Laub in den Beeten ja nichts aus. Doch vorne vorm Haus auf dem Rasen, da gehörten sie einfach nicht hin. Und seitdem sie alleine lebte, musste sie sich um alles kümmern. Auch, was das Haus und den Garten betraf. Sie hatte schon des Öfteren mit dem Gedanken gespielt, das Haus, das für sie alleine eigentlich viel zu groß war, zu verkaufen. Im letzten Moment allerdings zögerte sie dann doch immer, einen Immobilienmakler anzurufen. Es hingen so viele Erinnerungen zwischen diesen Wänden. Ihr ganzes Leben hatte sich hier abgespielt. Gemeinsam mit Harmannus hatte sie vier Kinder großgezogen. Damals war das so, dass sie sich um den Haushalt und die Erziehung kümmerte. Sie hatte es nie bereut und verstand ihre beiden erwachsenen Töchter manchmal nicht, wenn diese darauf bestanden, morgens um halb sieben aus dem Haus zu gehen, um einer sinnvolleren Arbeit als der Sorge um die Familie nachzugehen. Gesine wusste, wie sie über ihr Leben dachten. Doch es machte ihr nichts aus. Sie hatte es aufgegeben, ihnen zu zeigen, dass jeder Moment, den sie hier verbracht hatte, es wert gewesen war.

Sie stellte das Geschirr auf die Spülablage und griff nach ihrer dicken Wolljacke. Dazu ein Schal und eine Mütze, so war sie gegen die Kälte, die sie draußen erwartete, gewappnet.

Die Harke stand in einem kleinen Abstellschuppen neben dem Haus und Gesine zog die verwitterte Holztür, die niemals abgeschlossen wurde, auf. Ihr Blick fiel auf ein altes Schaukelpferd. Es hatte ihrer ältesten Tochter gehört. Ein Ohr war abgebrochen und ihr Mann hatte es nicht mehr geschafft, es zu reparieren. Gesine verdrängte die aufkommenden Gefühle, die bei dem Anblick zwangsläufig in ihr aufstiegen, und ging wieder nach draußen.

Es war gar nicht so kalt, wie sie geglaubt hatte. Bevor sie nach vorne ging, um den Rasen vom frisch gefallenen Laub zu befreien, fiel ihr Blick noch einmal in den Nachbargarten. Das geschah immer automatisch. Und nebenan bei Claudia gab es auch immer etwas zu sehen. Die alleinstehende Frau im Alter ihrer ältesten Tochter gehörte zu den Menschen, die einen Garten für die Tiere gestalteten. Jedenfalls behauptete Claudia das immer, wenn sie sich über die Buchsbaumhecke hinweg unterhielten. Das Ergebnis war, dass es bei Claudia im Sommer wucherte. Vor allem Wildkräuter, was Harmannus immer ärgerlich Unkraut genannt hatte. Claudia hatte einmal versucht, ihn darüber aufzuklären, doch er hatte nur abgewinkt.

Jetzt im Herbst sah der Garten immer noch wild aus, doch auch er hatte seine Farben an die herannahende dunkle Jahreszeit verloren. Claudia häufte abgebrochene Gehölze auf und harkte großzügig Laub zusammen für die Wildtiere, die Schutz im Winter suchten. Das fand Gesine im Prinzip auch richtig, konnte sich aber selber nicht zu so einer Verwilderung durchringen. Aber einen Laubhaufen, direkt neben dem Haus vor dem kleinen Schuppen, den hatte nun auch sie. Im vergangenen Sommer hatte Claudia ein altes Sofa mitten auf ihren nicht gemähten Rasen gestellt. Als Gesine sie fragte, ob sie es an die Straße stellen wollte, da würde sie dann sicher gerne behilflich sein, da hatte Claudia nur gelacht. Es sei zwar alt und nicht mehr schön für die Wohnung, aber im Garten, da könne es durchaus noch seine Dienste leisten. Und fortan saß Claudia auf einem Sofa im Garten. Gesine hatte insgeheim den Kopf geschüttelt, aber nichts weiter dazu gesagt.

Jetzt allerdings, als sie aus dem Augenwinkel wahrnahm, dass Claudia auf dem Sofa saß, obwohl die Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt lagen, brachte es sie doch ins Grübeln. Konnte ein Mensch wirklich so verrückt sein und sich jetzt da draußen hinsetzen? Nicht einmal ihrer Nachbarin hätte sie so etwas zugetraut. Sie trug auch keine Jacke. Das war schon komisch. Gefesselt von dem Anblick rief Gesine über die Hecke hinweg:

»Claudia, alles in Ordnung bei dir?«

Es gab keine Antwort und auch keine Regung auf der anderen Seite.

Gesine sah sich unsicher um. Niemand sonst war um diese Zeit hier draußen zu sehen. Das war ja auch kein Wunder, ihre Häuser lagen mit wenigen weiteren ziemlich abgelegen am Rande von Ihlow. Hier kam am frühen Nachmittag nur der Postbote vorbei, wenn überhaupt. Also war es jetzt an ihr, sich Gewissheit zu verschaffen, dass mit Claudia alles in Ordnung war.

Gesine stellte die Harke gegen die Hauswand, zog ihre Strickjacke fester um sich und ging zu ihrem Gartentor, um auf das Nachbargrundstück zu gelangen.

Als sie vor dem Sofa stand, auf dem Claudia saß, brachte sie keinen Laut heraus, obwohl sie völlig geschockt war von dem Anblick. Claudia war tot. Ihr Gesicht war leichenblass, die Augen weit geöffnet und rot unterlaufen. Die Hände waren vor ihrem Bauch mit einem Strick gefesselt. Beinahe bereute Gesine, dass sie nicht die Gleichgültigkeit gegenüber Laub auf dem Rasen an den Tag gelegt hatte, wie ihre nun tote Nachbarin. Es wäre ihr einiges erspart geblieben.

»Großer Gott«, stieß Gesine schließlich aus und rannte so schnell es ihre Gicht zuließ, zum Haus zurück, um die Polizei zu rufen.

In Tannenhausen

Jan stand noch unter der Dusche, als bei Lisa, die schon früher aus dem Haus gegangen war, die Nachricht einging, dass es in Ihlow eine Tote gab. Sie versuchte, ihn auf dem Handy zu erreichen, doch er nahm nicht ab.

Als er das Wasser abstellte, fühlte Jan sich wie gelähmt. Er hatte bis sechs Uhr am Morgen in der Wohnküche gesessen, weil er nicht schlafen konnte. Während er grübelte, fielen ihm immer wieder die Augen zu, doch eine innere Unruhe brachte ihn fast zur Verzweiflung. Dabei hatte er nicht einmal besonders viel getrunken gehabt. Es war einfach so, dass er nicht mehr wusste, wofür das alles gut sein sollte. Morgens aufstehen, sich duschen, frühstücken und zur Arbeit fahren. Mit dem Abschied von Jonar war ihm diese Trostlosigkeit noch einmal mehr deutlich geworden. Und deshalb stand er jetzt in der Kabine und konnte sich kaum rühren. Er wusste, dass, wenn er sich jetzt abtrocknete, sich anzog und nach unten in die Küche ging, dass dann gar nichts mehr aufzuhalten wäre. Der Tag, er würde ihn einfach überrollen. Und davor graute es ihn. Dann hörte er ein nebulöses Geräusch. Er lauschte. Sein Handy. Das gab schließlich den Ausschlag, nach dem Handtuch zu greifen.

Es war Lisa gewesen und er rief sofort zurück.

»Man«, schimpfte sie los, »was treibst du da eigentlich solange. Hast du schon mal was von Arbeitszeiten gehört?«

»Was ist denn los«, blieb Jan ruhig. Immer, wenn sie so ausflippte, war etwas passiert. Er nahm es ihr nicht übel.

»Eine Tote in Ihlow«, sagte sie schon ruhiger, »draußen im Garten. Ich wollte gerade ohne dich losfahren.«

»Mach das ruhig«, sagte Jan, »ich komme direkt dorthin.«

»Okay.« Sie gab ihm die Adresse durch und sie legten auf.

War das sein Adrenalin?, fragte sich Jan. Eine Tote im Garten sollte ihm Motivation genug sein, sich auf die Arbeit zu freuen? Lustlos setzte er sich noch einen Kaffee an. Er wusste, dass er es unterbewusst aus dem Grunde tat, damit Lisa schon die ersten Aussagen aufgenommen hatte, wenn er kam. Vielleicht war sogar schon das Opfer weg. An diesem Morgen war ihm nicht nach Toten.

 

Lisa parkte vor dem Haus, in dem bereits überall Lichter brannten. Die Kollegen von der Spurensicherung waren dieses Mal schneller gewesen als sie. Das gab ihr zu denken. Sie wusste, dass es Jans Schuld war. Oder doch nicht? Früher, da war sie einfach losgefahren, wenn sie ihn nicht erreichte. Dieses Mal hatte sie es nicht getan. Ein Kollege winkte sie hinter das Haus in den Garten.

Lisa stapfte durch das hohe Gras und wunderte sich. War das heute so üblich, dass es so verwildert aussah? Selbst vorne vor dem Haus? Es war nicht so, dass es ihr wichtig gewesen wäre. Aber irgendwie zog es ihre Aufmerksamkeit auf sich. Dann sah sie das rot geblümte Sofa. Und darauf saß eine Frau und sah in ihre Richtung. Jedenfalls schien es so. Ihre großen dunklen Augen wirkten flehend, als Lisa näher kam.

»Moin«, sagte Ole Meemken der Gerichtsmediziner, der ebenfalls schon vor ihr eingetroffen war.

»Hallo«, sagte sie schmallippig, weil sie den Anblick der Toten immer noch in sich aufnahm. »Ihre Hände sind gefesselt.«

»Ach was ... wär mir jetzt gar nicht aufgefallen.«

Meemken schien schlecht drauf zu sein, doch das war ihr im Moment egal.

Hatte die Tote gebetet, bevor sie starb? Ihre Finger waren ineinander gefaltet. Und dann der flehentliche Blick. Doch das konnte auch damit zusammenhängen, dass sie wusste, dass sie sterben würde, als man ihr die Fesseln umlegte.

»Ist Jan krank?«, fragte Ole jetzt, weil ihm die Bemerkung von eben wohl leidtat.

»Was?«

»Jan«, wiederholte er, »ist der krank?«

»Ach so, nein, er wird gleich hier sein.«

»Na dann.« Er kam mit einem Stöhnen von den Knien hoch, weil er sich eben mit den Schuhen der Toten beschäftigt hatte. »Sie sitzt seit gut zwölf Stunden hier, würde ich sagen. Die Schuhe haben die Feuchtigkeit der letzten Nacht aufgenommen, aber nur marginal.«

»Wahrscheinlich hätte die Nachbarin sie dann wohl auch schon eher bemerkt«, meinte Lisa.

»Ja, kann sein.«

»Also ist sie gestern Abend ermordet worden.«

»Das hab ich nicht gesagt«, entgegnete er und stemmte die Hände in den Rücken. »Sie wurde gestern hier auf das Sofa gesetzt, das lässt sich aus dem Zustand der Schuhe und der Kleidung rückschließen. Wie lange sie tatsächlich tot ist, muss ich in Oldenburg näher untersuchen.«

»Sicher«, räumte Lisa ein, »oh, da kommt Jan.«

Beide sahen ihm jetzt dabei zu, wie er unter dem Absperrband hindurchging und in ihre Richtung lief. Die Hände hatte er tief in seinem Parka vergraben und den Kragen hochgeschlagen. Offensichtlich war ihm kalt.

»Hallo«, sagte er knapp und beschäftigte sich sofort mit der Frau auf dem Sofa. Lisa und Ole gingen ein paar Schritte zur Seite und sahen ihm dabei zu, wie er in die Hocke ging und dem Opfer direkt in die Augen sah. Dann kam er wieder hoch, ging um das Sofa herum. Blieb immer wieder stehen und sah auf die Frau, die, hätte man es nicht besser gewusst, zu spüren schien, dass sie fixiert wurde.

»Stand das Sofa schon dort, oder wurde es erst mit dem Opfer zusammen dorthin gestellt?«, fragte Jan dann und stellte sich neben Lisa.

»Das weiß ich nicht«, gab sie zu. »Ich bin auch noch nicht so lange hier. Die Nachbarin hat sie entdeckt, wir können gleich mit ihr sprechen.« Sie zeigte über die Hecke zu dem Haus. Es ärgerte sie, dass sie sich diese Frage noch nicht gestellt hatte. Wenn die Frau mit dem Sofa zusammen rausgetragen worden war, dann könnte es ein Hinweis auf ein Ritual sein. Vielleicht eine Familiensache, weil man Sofas wie dieses in der Regel in Häusern fand, wo mehrere Menschen zusammenlebten. Robuster fester Stoff und großes Muster auf eher dunkler Farbe. Strapazierfähig und so auch gegen tobende Kinder gewappnet.

»Nicht schlimm«, sagte Jan, »es war nur das Erste, was ich mich gefragt habe. Und dann die gefalteten Hände. Ein religiöses Motiv? Das alles werden wir in Erfahrung bringen müssen. Wie heißt sie denn?«

»Claudia Bley«, erwiderte Lisa, »sie lebte hier offensichtlich alleine, wenn ich es richtig verstanden habe.«

»Wer hat das gesagt?«

»Ich war das«, mischte sich Ole ein, dem der Ton von Jan gegenüber seiner Kollegin nicht gefiel. »Einer der Kollegen hat ja mit der Nachbarin schon geredet, weil sie angerufen hat. Da hieß es wohl, sie lebt alleine hier.«

»Na gut«, sagte Jan, »und bitte versuche auch herauszufinden, was das für ein Geruch ist in ihren Haaren.«

Ole zog die Stirn kraus. »Geruch? Was genau meinst du?«

»Komm«, sagte Jan und lockte ihn mit dem Zeigefinger zum Sofa. »Beug dich auf gut zwanzig Zentimeter zu ihr herab, am besten von hinten und dann atme tief ein.«

Ole tat mit leichtem Widerwillen, was Jan von ihm erwartete, obwohl er sich ziemlich dämlich dabei vorkam. Lisa sah sich das Schauspiel an und war irgendwie froh, dass Jan wieder in seinem Element war.

»Vielleicht Essig«, meinte Ole und richtete sich wieder auf.

»Ja, sowas in der Art. Vielleicht findest du ja in Oldenburg mehr heraus.«

»Klar, kann ich versuchen. Seid ihr dann soweit mit ihr fertig?«

»Einen Moment bitte«, sagte Jan, »ich wäre gerne noch ein wenig mit ihr alleine, wenn ihr nichts dagegen habt.«

Ole riss die Hände hoch. »Oh, von mir aus. Ich hab ja nachher noch das Vergnügen.« Ein wenig beleidigt schlich er davon und ging ins Haus zu den Männern von der Spurensicherung.

»Soll ich auch gehen?«, fragte Lisa unsicher. »Ich meine, ich könnte schon zur Nachbarin rübergehen.«

»Quatsch«, sagte Jan und grinste, »ich wollte nur Oles Gesicht sehen.«

»Na, dir scheint es ja wirklich besser zu gehen.« Sie lachte mit.

Er erwiderte darauf nichts, sondern ging in einigem Abstand noch einmal um das Sofa herum. Immer wieder blieb er kurz stehen, sah zum Himmel, dann wieder zum Opfer. Was macht er da nur, fragte sich Lisa. Dieses Schauspiel, es faszinierte sie. Genau das bewunderte sie an Jan. Diesen Gesichtsausdruck, wenn er bei der Arbeit war. Es hätte wirklich nichts gegeben, was ihn in diesem Moment hätte stören können. Er sog den Tatort, die ersichtlichen Umstände und noch vieles weiter darüber hinaus, was sich auch schon im Ansatz ihrer Vorstellungskraft entzog, in sich auf und zog seine Schlüsse daraus. Sie wusste, dass sie nie so sein würde wie er. Er besaß eine Gabe, Dinge zu erahnen. Fast erschrak sie, als er dann auf sie zuging, weil er fertig war.

»Wir können jetzt gehen«, sagte er und sah ihr direkt ins Gesicht. »Du warst wohl ganz weit weg mit deinen Gedanken«, stellte er fest.

Nicht so weit, wie du denkst, dachte sie und nickte. »Dann lass uns jetzt zur Nachbarin gehen.«

 

Gesine Peters hatte schon längere Zeit hinter der Gardine gestanden und ließ sie jetzt los, als sie sah, dass zwei Beamte auf ihr Grundstück gingen. Es war soweit. Sie musste jetzt ihre Aussage machen. Es war das erste Mal, dass sie es mit der Kriminalpolizei zu tun hatte. Deshalb wusste sie auch nicht, wie man sich in solchen Situationen verhielt. Es klingelte an der Tür und sie fuhr sich noch einmal über ihren Haarknoten am Hinterkopf, bevor sie öffnete.

»Guten Tag«, sagte Lisa, »wir sind wegen Ihrer Nachbarin hier.« Sie stellte Jan und sich mit Namen vor.

»Schreckliche Sache«, sagte Gesine, »ich habe Tee aufgesetzt, kommen Sie doch herein.«

Jan gefiel das große alte Haus mit den hohen Decken. Ein Geruch stieg in seine Nase, als er die Tür hinter sich schloss. Es war bereits das zweite Mal an diesem Tag, dass er etwas roch, aber nicht sagen konnte, was es war. Das irritierte ihn. In der Regel wiederholten sich Gerüche und wurden dadurch zur Nebensache. Im Haus dieser Frau roch es nach Wärme, fand er. Und das lag nicht nur an dem Kachelofen aus hellen Fliesen im Flur, an dem sie vorbeikamen.

Auf dem dunklen Tisch im hellen großzügigen Esszimmer standen drei Teetassen und eine Kanne auf einem Stövchen, in dem ein Licht brannte.

»Sie haben die Polizei gerufen«, konstatierte Lisa, »als Sie ihre Nachbarin gesehen haben.«

Gesine schürzte die Lippen und nickte. »Ich wusste eigentlich gleich, dass da etwas nicht stimmt. Claudia war zwar manchmal etwas verrückt, aber so nun auch wieder nicht.«

»Sie meinen, dass sie auf einem Sofa draußen in ihrem Garten saß?«

»Ach«, machte Gesine, »sie wird mir fehlen. Sie hat immer so verrückte Sachen gemacht. Und als sie das Sofa im Sommer nach draußen geschleppt hat, da dachte ich zunächst, es kommt auf den Sperrmüll. Ich hätte ihr ja gerne dabei geholfen, doch durch meine schmerzenden Gelenke fehlt mir mittlerweile die Kraft für sowas.«

Lisa warf Jan einen vieldeutigen Blick zu. Es war dann wohl doch kein Familienritual gewesen, das Sofa stand schon länger dort.

»Es ist nicht gerade üblich, sein Sofa nach draußen zu stellen«, stellte Lisa fest. »Hat Claudia Ihnen denn erzählt, warum sie das gemacht hat?«

Gesine lächelte das erste Mal. »Sie wollte es gemütlich haben«, sagte sie, »Claudia meinte immer, dass es draußen am schönsten wäre, es aber im Grunde nur unbequeme oder ungeeignete oder lästige Möbel für den Garten gebe. Entweder, man saß darauf wie auf einem Folterstuhl oder man musste alles abends ins Haus tragen, weil es regnen könnte.«

»Das ist bei einem Sofa aber sicher ähnlich«, gab Lisa zu bedenken.

»Schon. Aber für Claudia war das anders. Sie sagte immer, das Sofa wird vom Regen nass und es wird von der Sonne wieder getrocknet. So würde es sich perfekt in den Rhythmus der Natur einfügen. Und weil es alt war, wäre es ihr auch egal, wenn es irgendwann tatsächlich an die Straße gestellt werden müsste.«

Jan war indes noch immer mit den Gerüchen beschäftigt. Was war das nur gewesen, was die Tote auf dem Kopf gehabt hatte? Es roch nicht nach einem Haarspray oder Gel. Und nach dem, was Gesine Peters da erzählte, war Claudia Bley auch nicht der Typ für sowas. Eher stellte er sich vor, dass sie sich Tannenzweige oder Rosen ins Haar steckte. Und plötzlich hatte er den Geruch wieder sehr intensiv in der Nase. So, als könnte er ihn nehmen und in eine Tüte stecken. Ob es das war? Hatte sie eine Blume im Haar getragen, als man sie tötete? Und wenn ja, wo war diese Blume, die so intensiv gerochen hatte, dann jetzt geblieben?

»Jan«, Lisa stupste ihn am Arm, »möchtest du noch Tee?«

Jan sah auf und in das Gesicht von Gesine Peters, die die Kanne über seiner Tasse hielt. »Nein«, sagte er, »vielen Dank.«

Sie stellte die Kanne auf das Stövchen zurück.

»Ihre Nachbarin war also anders als die anderen?«, riss Jan nun die Befragung an sich.

Gesine nickte. »Ja, ganz bestimmt. Sie war auf ihre ganz eigene Art verrückt, würde ich sagen. Aber nicht unsympathisch dabei.«

»Wie äußerte sich das. Ich meine, außer, dass sie Sofas in den Garten stellte?«

»Ach, wie soll man das beschreiben. Es ist ja heutzutage so, dass alles, was nicht jeder macht, als verrückt bezeichnet wird.«

»Das war sicher schon immer so«, meinte er nachdenklich.

Sie nickte zustimmend. »Und wenn man es als verrückt betrachtet, immer wildfremde Menschen zu sich ins Haus zum Essen einzuladen, oder, sämtliche Tiere, die auf dem Grundstück herumlungern durchzufüttern, dann war Claudia wohl tatsächlich verrückt.«

»Sie hat wildfremde Menschen eingeladen?«, hakte Jan interessiert nach. »Warum?«

Gesine wiegte ihren Kopf hin und her. »Ich habe sie nie danach gefragt, naja, nicht direkt. Aber sie muss es meinem Gesicht wohl angesehen haben, dass es mir suspekt vorkommt. Es waren die unterschiedlichsten Typen, Männer, Frauen, jung oder alt.«

»Wie kam es denn dazu? Ich meine, sie wird ja nicht losgezogen sein und wildfremde Menschen angesprochen und eingeladen haben?«

»Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass sie an jedem Samstag Gäste hatte. Ich habe mich nie konkret mir ihr darüber unterhalten. Und einmal, da war ich auch drüben. Das hatte sich spontan so ergeben. Es waren an diesem Abend nur jüngere Menschen da und ich kam wir vor, als besuche ich meine Enkelkinder.« Sie lächelte verträumt bei dieser Erinnerung. »Es war ein wunderbarer Abend. Ich habe sehr viel gelacht. Wissen Sie, manchmal glaube ich, wir sollten dafür sorgen, dass alte Menschen nicht unter sich bleiben, sondern mit den Jungen zusammenleben. Das bereichert das Leben doch. Stattdessen werden wir Alten in Heime abgeschoben und dürfen nicht einmal unsere Haustiere mitnehmen.«

Sie ist viel alleine, dachte Jan, sonst würde sie nicht so in den Themen herumspringen. Sie hatte eben selten jemanden, dem sie alles, was ihr so durch den Kopf ging, erzählen konnte. Da musste ihr eine Nachbarin wie Claudia Bley wie ein wahres Geschenk vorgekommen sein.

»Wie lange wohnte Claudia denn eigentlich schon hier?«, fragte er.

»Acht Jahre«, kam es wie es aus der Pistole geschossen. »Ich weiß das so genau, weil damals mein Harmannus das erste Mal ins Krankenhaus musste wegen einer schlimmen Diagnose. Und als der Krankenwagen abfuhr, da stand ich draußen und habe ihm nachgesehen. Im nächsten Moment fuhr dann ein Möbelwagen vor. Und dahinter ein blauer Opel. Das war Claudia. Ich wusste ja, dass das Nachbarhaus schon länger leer stand. Aber durch die Sache mit Harmannus hatte ich keine Zeit oder auch kein Interesse, mich damit zu beschäftigen, was mit dem Haus geschieht.«

»Sie hat es also gekauft?«

»Ja, so war das. Nach einer üblen Scheidung, wie sie mir mal im Vertrauen erzählte, hatte sie ein wenig Geld und beschlossen, sich aufs Land zurückzuziehen, weil ihr Tiere dann doch die liebsten Gesprächspartner geworden wären.«

Jan kam das Bild des Opfers wieder in den Sinn. Die großen dunklen Augen und die gefalteten Hände. Wer konnte einer augenscheinlich netten und spendablen Frau so etwas angetan haben? Offensichtlich gab es jemanden, der Claudia Bley eben nicht für nett und sympathisch gehalten hatte.

»Sind Sie erneut dort zu Gast gewesen?«, fragte er jetzt, »ich meine, wenn Ihre Nachbarin einlud? Haben Sie andere Gäste kennengelernt?«

»Nein«, winkte Gesine gleich ab, »das war nichts für mich. Ich bin eine alte Frau, die abends ihre Ruhe braucht. Ich lese gerne und gehe früh schlafen.«

»Also fanden diese Einladungen immer nur abends statt?«

Sie nickte. »Und manchmal, da wurde es auch etwas lauter, aber beschwert habe ich mich nie.«

»Laut? Inwiefern? Gab es Streit?«

»Nein, das glaube ich nicht. Sie haben nur viel getrunken und geredet. Dazu die Musik. Sie wissen ja sicher, wie das so ist auf einer Party, junger Mann.«

Nein, das wusste Jan nicht. Darüber war er in diesem Moment auch sehr froh. Allerdings war es wirklich bedauerlich, dass Gesine Peters keine allzu neugierige Nachbarin war. So trug sie eher nur wenig und bruchstückhaft zu dem Bild bei, was er sich von Claudia Bley und ihren Freunden zu machen versuchte.

»Aber Frau Bley hat Ihnen doch sicher hin und wieder von diesen Einladungen und den Gästen erzählt«, hakte Lisa nach, die sah, wie Jan mit sich rang. Seit sie ihn kannte, war er ein Eigenbrötler.

»Naja, so oft haben wir ja nicht geredet«, antwortete Gesine mit einer zögerlichen Handbewegung. »Es ist schon so, wie man immer sagt, im Alter wird man einsam. Aber es ist nicht so, dass es mir etwas ausmacht. Ich lebe viel in der Erinnerung. So ist das eben, wenn man als Letzte aus der Familie zurückbleibt und auf dem Land lebt.«

»Vielen Dank«, sagte Jan und stand plötzlich auf, »sicher kommen wir noch einmal auf Sie zurück, wenn wir Fragen haben. Und Sie melden sich bitte jederzeit bei uns, wenn Ihnen noch etwas einfällt, was wichtig sein könnte.«

»Sicher«, sagte sie und brachte die beiden zur Tür.

Opfer

Keno Terfehr hatte an diesem Morgen beschlossen, nicht zur Arbeit zu gehen. Schon am gestrigen Abend hatten ihn leichte Kopfschmerzen geplagt, die sich nun zu einer richtigen Migräne ausgewachsen hatten über Nacht.

Sicher, er hätte wie üblich seine Tabletten nehmen können, die Zähne zusammenbeißen und den Tag irgendwie durchstehen. Das machte er oft. Aber in letzter Zeit fragte er sich immer öfter, warum er es eigentlich tat.

Dass sein Leben neuerdings von Zweifeln geplagt wurde, lag auch daran, dass ihn seine langjährige Freundin Rebekka von heute auf morgen verlassen hatte. Das war jetzt schon über drei Monate her, aber Keno hatte es noch nicht überwunden. Ja, seitdem Rebekka weg war, ließ er sich hängen. Und vielleicht waren sogar die Migräneattacken häufiger geworden. Als knapp Vierzigjähriger war er einfach mit der Situation überfordert, plötzlich von vorne anfangen zu müssen. Frauen kennen lernen, Dates haben und das weitere Leben planen. Er hatte gedacht, mit Rebekka und ihm, da wäre alles in trockenen Tüchern. Eigentlich hatte er sich sogar schon gefragt, wann sie endlich auf das Babythema zu sprechen kommen würde. Dann nämlich, so sein Hintergedanke, würde er sie endlich fragen, ob sie ihn heiraten wollte.

Und jetzt war alles vorbei.

Keno quälte sich aus dem Bett und wankte ins Badezimmer. In seinem Kopf hämmerte es. Im Spiegelschrank kramte er nach Tabletten, während er mit der anderen Hand schon das Wasser anstellte und seinen Zahnputzbecher damit füllte. Mit verzerrtem Gesicht schluckte er dann zwei Tabletten und spülte den bitteren Geschmack mit noch mehr Wasser herunter. Er schlug sich kaltes Wasser ins Gesicht, zog sich seinen Jogginganzug über und ging nach unten in die Küche. Er griff nach dem Telefon, das auf dem Tisch lag, um bei seinem Arbeitgeber anzurufen. Doch bevor er soweit kam, klingelte es an der Tür. Wer konnte das sein?, fragte sich Keno. Es war ja noch nicht einmal halb acht. Weder der Postbote noch der Paketdienst war hier auf dem Land so früh unterwegs.

Für einen Moment vergaß er seine Kopfschmerzen und den Arbeitgeber und schlurfte auf Socken neugierig zur Tür und machte auf.

Vor ihm stand ein Mann in dunklem Overall, den er nicht kannte.

Am Abend

Auch wenn es zunächst den Anschein gehabt hatte, dass man bei einer Frau wie Claudia Bley durchaus Motive für einen Mord würde finden können dank ihres lockeren Lebenswandels, so blieb doch alles eher im Vagen, was Jan und Lisa bisher herausgefunden hatten.

Das Einzige, was Lisa gefiel, war, dass Jan wieder zugänglicher wurde. So saßen sie an diesem Abend fast so wie früher beisammen, fand sie, als sie erneut Käse aus dem Kühlschrank genommen hatte und damit zu ihm zurück aufs Sofa ging, wo er bereits Rotwein nachgeschenkt hatte.

»Viel haben wir ja nicht gerade«, sagte sie und zog die Beine hoch. »Das ist doch eigentlich erstaunlich, wenn man sich Claudia Bley nach den Schilderungen von ihrer Nachbarin vorstellt.«

»Hm«, machte Jan, »vielleicht kennen wir noch nicht alle ihre Geheimnisse.«

»Du meinst, da ist noch was?«

»Warum nicht. Jeder hat Geheimnisse. Es muss einen Grund dafür geben, dass ihr jemand so etwas angetan hat.«

»Sicher, da hast du Recht. »Es war auf jeden Fall kein Raubüberfall. Wertsachen und auch Bargeld sind noch im Haus gewesen.«

»Vielleicht gibt uns Oles abschließender Bericht mehr Aufschluss darüber, welchen Typ Täter wir suchen«, meinte Jan und beugte sich zu Chief, der unter dem Tisch lag herunter, und kraulte ihm über den Kopf. »Sie hatte Katzen«, sagte er mehr zu sich selbst.

»Claudia Bley?«, fragte Lisa, »woher weißt du das?«

»Ich habe leere Futterdosen im Müll gefunden.«

»Ach so. Aber das können ja auch wilde fremde Katzen gewesen sein, die sie gefüttert hat.«

»Stimmt. Tiere gehören einem sowieso nicht, das bilden sich die Menschen nur ein.«

»Siehst du das auch so bei Chief?«

»Natürlich. Ich habe mich nur dazu verpflichtet, mich um ihn zu kümmern. Und Hunde sind auch wieder ganz anders als Katzen. Die kommen in der Regel auch alleine zurecht.«

»Dann bist du sicher die Katze und ich der Hund«, sagte Lisa nachdenklich.

Er sah sie fragend an. »Denkst du?«

Sie nickte. »Ich komme alleine nicht zurecht, Jan.«

»Das glaube ich nicht«, erwiderte er und trank einen Schluck Rotwein. »Da stellst du dein Licht jetzt aber ganz schön unter den Scheffel.«

Die Stimmung war eindeutig gekippt, denn Lisa saß bedrückt in ihrer Ecke und starrte in ihr Glas.

»Lisa«, sagte Jan, »was ist los mit dir? Willst du darüber reden?«

Sachte schüttelte sie den Kopf und er sah eine Träne, die in ihr Rotweinglas tropfte.

»Lisa«, wiederholte er und griff nach ihrer Hand, »was bedrückt dich?«

Plötzlich konnte sie ihre Gefühle nicht mehr unterdrücken und weinte heftig los. »Ich weiß nicht, was mit mir los ist«, presste sie von Tränen geschüttelt hervor. »Manchmal weiß ich nicht mehr, wofür ich überhaupt noch lebe.« Sie schluchzte und suchte in ihrer Jeans nach einem Taschentuch, das sie schließlich fand und sich schnäuzte.

»Es ist meine Schuld«, flüsterte Jan, »es ist wegen mir, dass es dir nicht gut geht, ich weiß.«

»Nein«, warf sie ein, »das stimmt doch nicht. Es liegt an mir. Ich habe irgendwie ... wie soll ich es sagen. Ich habe das Gefühl, die Perspektive verloren zu haben. Alles kommt mir so sinnlos vor.«

»Willkommen im Club«, sagte Jan, »das geht mir schon lange so und das weißt du auch.«

Sie nickte.

»Und dann die Sache mit Jonar«, fuhr er fort, »das hat alles noch einmal schlimmer gemacht.«

»Das weiß ich doch«, sagte sie und hatte sich wieder im Griff. Immer, wenn sie Jan helfen konnte, fühlte sie sich besser. »Das muss ja auch wirklich schlimm sein, sein Kind nicht mehr zu sehen.«

»Er ist ja kein Kind mehr«, sagte Jan, »doch das macht es nicht besser. Er ist ein Teil von mir und ein sehr spätes Geschenk für mich gewesen. Ich konnte mir ja nie vorstellen, eigene Kinder zu haben.«

»Das kann ich auch nicht«, sagte Lisa. »Und das ist doch irgendwie nicht normal, oder?«

Er runzelte die Stirn und griff wieder zu seinem Glas. »So solltest du nicht denken«, sagte er ernst, »so etwas wie normal gibt es nicht. Das muss ich dir doch nicht erklären.«

»Nein«, bestätigte sie, »so meine ich das ja auch nicht. Aber eigentlich wäre es doch so, dass ich irgendwann wenigstens den Wunsch verspüren müsste, ich bin doch eine Frau.«

»Lisa«, sagte Jan und schüttelte den Kopf, »ich glaube, das meinst du jetzt nicht ernst. Ich gebe dir recht, wir als Ermittler sind vielleicht nicht normal in dem Sinne, dass wir keiner üblich geregelten Beschäftigung nachgehen und es obendrein noch mit üblen Killern zu tun haben. Ja, vielleicht ist es sogar das, was dich davon abhält, überhaupt nur an eine eigene Familie mit Kindern zu denken. Was solltest du denen denn abends erzählen, was du den ganzen Tag bei der Arbeit gemacht hast? Leichen beguckt und Mörder gejagt?«

Lisa musste unwillkürlich lachen. »Das ist so typisch«, sagte sie, »du nimmst mich einfach nicht ernst.«

»Ich nehme dich immer ernst, Lisa, das kann ich dir versichern. Aber du bist doch nicht so mies drauf, weil du keine Kinder hast. Was also steckt dahinter?«

Lisa hätte jetzt gerne das Thema gewechselt, wieder hin zum Mordfall. Sie schämte sich dafür, dass die Gefühle so mit ihr durchgegangen waren.

»Ich weiß nicht«, wich sie aus, »vielleicht hast du wirklich recht, und es liegt an dem Job. Wir haben es doch nur mit Toten und Verbrechern zu tun. Wie soll man da denn keinen schiefen Blick auf die Welt entwickeln? Wie soll man da nach Feierabend noch loslassen können, wenn man weiß, dass hinter jedem Gesicht, das einen anlächelt, auch ein ganz böser Mensch stecken kann.«

Jan verstand, was sie meinte. Und eigentlich waren genau das die Gründe, warum ihn der Beruf als Ermittler interessiert hatte. Das Böse im Menschen zu durchleuchten. Von ihrer Warte aus betrachtet war er ganz sicher nicht normal, doch er empfand es nicht so, sondern wunderte sich immer, wie andere ihr Leben aushielten.

»Ich habe in letzter Zeit öfter darüber nachgedacht, den Job hinzuschmeißen«, sagte er plötzlich zu ihrer Verwunderung.

»Wieso?«, fragte sie.

»Naja«, fuhr er fort, »es ist die Sinnlosigkeit in allem. Wir nehmen einen Killer fest und hundert andere morden am selben Tag munter weiter. Wir kriegen doch immer nur die Spitze des Eisbergs zu sehen. Was erreichen wir eigentlich mit unserer Arbeit? Wird die Gesellschaft dadurch auch nur ein Fünkchen besser? Im Grunde ist das, was wir machen, doch nur eine Alibiveranstaltung für den Staat, der dann behaupten kann, dass alles Menschenmögliche für die Sicherheit getan wird. Aber in Wahrheit ist das doch eine große Lüge. Niemand ist sicher. Niemand. Und nirgendwo gibt es Sicherheit. Jeden kann es überall und jeden Tag erwischen.«

»Das klingt sehr destruktiv«, meinte Lisa nachdenklich, obwohl sie verstand, worauf er hinauswollte. Und wenn man dem Gedankengang folgte, dann war ihre Arbeit tatsächlich sinnlos. »Als du damals anfingst«, sagte sie, »da hast du deine Aufgabe aber doch sicher positiver gesehen, oder?«

»Da war ich jung ...«.

»Du übertreibst«, meinte sie, »du bist doch nicht alt.« Sie musterte ihn von der Seite. Er sah in diesem Moment so verletzlich aus, dass sie ihn am liebsten in den Arm genommen hätte. Doch sie wusste, dass er es falsch verstehen würde. Und wahrscheinlich lag er damit nicht einmal daneben. Sie liebte ihn. Doch das würde sie ihm gegenüber niemals zugeben können, weil sie wusste, dass er für sie nicht so empfand. Niemals so empfinden würde. Und das war es, was ihr die Luft zum Atmen nahm, ihr die Kehle zuschnürte. Sie lebte mit einem Mann unter einem Dach, der ihr mehr bedeutete, als ihr eigenes Leben. Und ja, Jan Krömer, dachte sie, ich will ein Kind von dir. Ich will nichts mehr auf der Welt als genau das. Doch es war eine selbstzerstörerische Illusion, der sie sich hier hingab. Letztlich etwas, was in ihrer Fantasie bestand und nicht mit dem realen Leben und dem Mann, der neben ihr saß, zu tun hatte. Es wurde Zeit, dass sie sich von ihren Träumereien endlich verabschiedete.

»Ist ja auch egal«, sagte er und gähnte. »Vielleicht sollten wir jetzt einfach schlafen und uns in schöne Träume flüchten.«

Das war wieder so typisch Jan. Erst machte er ein Riesenfass auf, um dann im nächsten Moment alles mit einem Satz wegzuwischen.

»Du hast recht«, bestätigte sie, »es ist ja auch schon spät. Und morgen gibt es bestimmt den Bericht von Ole und wir kommen weiter.«

Während Lisa ins Bad ging, öffnete Jan die hintere Tür nach draußen und ging mit Chief hinters Haus. Auch, als sie dann kurz darauf in ihr Zimmer ging, waren die beiden noch nicht zurück. Sie schlang die Arme um sich, weil es ihr plötzlich kalt war. Sie war alleine im Haus. Es fühlte sich befremdlich an.

Oles Bericht

Ole haderte mit sich. Im Prinzip war er mit der Obduktion des Opfers Claudia Bley fertig. Doch es fühlte sich nicht so an. Da war noch etwas, was ihm zu schaffen machte und er zögerte jetzt schon seit einer Stunde, den Bericht nach Aurich zu senden.

Was ihn quälte, war die Tatsache, dass er keine eindeutige Todesursache ausmachen konnte, obwohl es auf den ersten Blick eindeutig erschien, woran Claudia Bley gestorben war. Sie hatte einen Herzinfarkt erlitten. Aber wie trieb man einen offensichtlich gesunden Menschen dazu, einen Herzinfarkt zu erleiden? Nichts an den Organen, die er entnommen hatte, wies darauf hin, dass sie ein Herzleiden gehabt hatte. Untermauert wurde das Ganze noch durch vorhandene Arztberichte. Demnach war Claudia Bley eher selten zum Arzt gegangen. Sie war zwar ein wenig übergewichtig gewesen, doch das war auch schon alles, worauf ihr Arzt sie dann bei den wenigen Konsultationen hingewiesen hatte.

Sicher, tröstete sich der Gerichtsmediziner, es gab immer die Möglichkeit einer versteckten, nicht weiter in Erscheinung getretenen, Herzschwäche. Und natürlich konnte diese dann tragend zum Tod führen, wenn man seinem vermeintlichen Mörder ausgeliefert war.

Es war einfach so, dass Ole mit seiner Arbeit unzufrieden war, weil sie keine eindeutigen Ergebnisse lieferte. Jedenfalls keine, die ihn zufriedenstellten.

Er kreuzte die Hände hinter seinem Kopf und dachte nach. Hatte er etwas übersehen? Wurde er nachlässig, weil er den Job schon zu lange machte? Er stand auf und ging wieder in den Raum zurück, wo Claudia Bley unter einem Tuch lag. Magisch wurde er davon angezogen, so, als hätte sie nach ihm gerufen. Er zog das Tuch beiseite und sah auf ihren nackten Körper.

Er hatte sich während seiner beruflichen Laufbahn soweit distanzieren können, dass er in diesen Körpern keine Menschen mehr sah. Sie waren nur noch Hüllen, die einmal mit Leben gefüllt waren und jetzt, da das Leben ausgehaucht war, nur noch Fleisch übrigließen, dass keine Persönlichkeit mehr besaß. Und unter diesen Voraussetzungen fiel es ihm auch nicht schwer, sie auseinanderzuschneiden, das Herz und die Leber zu entnehmen und in seinen Händen zu wiegen.

Er hatte es bisher niemandem gesagt, dass er diese Objektivität mittlerweile nur noch mit einem entsprechenden Alkoholpegel erreichen konnte. Es war nicht so, dass er während der Arbeit trank. Nein. Aber am Abend, wenn er nach Hause kam, alleine in seiner Wohnung saß, dann schaffte er es nicht einmal mehr, den Fernseher einzuschalten. Es interessierte ihn einfach nicht, was die Welt der vermeintlich normalen Menschen dort draußen machte. Er saß mit seinem Whisky auf dem Sofa und trank, bis er die nötige Bettschwere spürte. Dann ging er schlafen.

Claudia Bley war bestimmt ein interessanter Mensch gewesen, dachte er jetzt, als er ihre für ihr Alter noch gut geformten Brüste betrachtete. Sie hatte alleine gelebt wie er. Sie hatte sich ein Sofa mitten auf den Rasen gestellt, den sie nicht mähte. Sie hatte fremde Menschen zu sich nach Hause eingeladen, um nicht einsam zu sein. Er könnte so etwas niemals tun und deshalb bewunderte er sie insgeheim. Ja, das war es, diese Tote, die ging ihm nahe. Und das, obwohl er sie nicht gekannt hatte. Einfach nur, weil sie offensichtlich ein guter Mensch gewesen war, den man ermordet hatte.

Und vielleicht lag darin die Diskrepanz, dachte er. Sie hatte einen Herzinfarkt erlitten, worauf der Täter hingearbeitet zu haben schien. Denn hinterher hatte er ihr die Arme zusammengebunden und sie draußen auf ihr Sofa gesetzt. Das wäre doch gar nicht nötig gewesen. Sie war ja tot. Er hatte sein Ziel doch erreicht. Aber er wollte mehr mit ihr machen. Wollte sie als wehrlos darstellen. Ja, das war es wohl gewesen. Er wollte ein Mörder sein. Es reichte ihm nicht, dass sie einfach tot war. Er wollte dafür gefeiert werden.

Ole ging noch einmal um den Tisch herum und fuhr sogar einmal ganz kurz mit seiner Hand über ihre Haut. Sie war eiskalt. Warum wunderte es ihn? Er wusste es nicht. Doch jetzt war es genug, bevor er noch völlig den Verstand verlor.

Er deckte sie zu und ging in sein Büro wieder an den Schreibtisch zurück. Er ergänzte den Bericht um seine Gedankengänge von eben und schickte ihn los. Sollten doch Jan und Lisa sich die Köpfe zerbrechen. Sein Job war das ja schließlich nicht.

 

»Endlich«, sagte Lisa, als die Mail von Ole bei ihr aufblinkte. »Der Bericht ist da.«

»Das wurde aber auch Zeit«, murmelte Jan, der ziellos im Internet gesurft hatte. »Druckst du ihn für uns aus?«

»Sicher«, erwiderte sie obenhin und war bereits damit beschäftigt. Anschließend ging sie zu seinem Schreibtisch, reichte ihm eine Ausfertigung und setzte sich wieder an ihren und beide lasen schweigend.

»Was ist denn mit Ole los?«, murmelte Jan.

»Wie?«, fragte sie und sah auf.

»Na, diese ganzen Randnotizen, sowas hat er sonst doch nicht gemacht. Seit wann teilt er uns seine Gedanken in den Berichten mit. Zieht Schlussfolgerungen, die eigentlich wir ziehen müssten.«

»Hm«, machte Lisa, »schon komisch, das stimmt. Aber irgendwie auch interessant. Ich meine, diese Sache mit dem Herzinfarkt. Und dass er sich über das Opfer Gedanken macht, ist doch auch irgendwie sein gutes Recht.«

»Schon«, gab Jan mit verzogenem Gesicht zu, »aber sonst macht er sowas nicht. Irgendwas stimmt nicht mit ihm.«

»Das solltest du nicht überbewerten, er ist doch auch nur ein Mensch.«

»Aber das war er schon immer, ließ es aber nie so raushängen«, blieb Jan beharrlich bei seiner Meinung, dass Ole sich merkwürdig verhielt.

»Wir können uns hier jetzt aber nicht mit Ole beschäftigen«, meinte Lisa, »wir müssen den Mord aufklären. Denn das hat er schon richtig interpretiert. Es hätte dem Mörder genug sein können, dass das Opfer tot war. Aber nein, er musste noch einen Ritualmord daraus machen.«

»So sind sie eben, die Serienkiller«, sagte Jan, »sie lieben es, uns Rätsel aufzugeben.«

»Serienkiller?«, wiederholte Lisa und kam zu ihm an den Schreibtisch und lehnte sich daran. »Du denkst, es wird weitere Opfer geben?«

Er nickte. »Sonst hätte er sich das Ritual wirklich sparen können, da gebe ich Ole recht. Wir sollten auch in den ungeklärten Fällen in der Datenbank recherchieren, ob es ähnliche gelagerte Fakten in der Vergangenheit gab.«

»Du meinst Herzinfarkte?«

»Nicht nur. Ich meine auf den ersten Blick natürliche Todesumstände, die sich dann doch als Mord herausgestellt haben, aber nie geklärt wurden.«

»Die Sache hinkt aber«, meinte Lisa, »wenn es ein natürlicher Tod ist, dann legt das niemand als ungeklärten Mord zu den Akten.«

»Vielleicht ist es sogar das«, meinte Jan nachdenklich. »Stell dir doch mal vor, der Täter hat schon öfter zugeschlagen und immer ging die Gerichtsmedizin von einem natürlichen Tod aus und klappte den Deckel zu. Das muss ihn doch irgendwie gefuchst haben. Wo blieb denn da der Ruhm für ihn und sein Werk. Also musste er seine Strategie ändern und noch eine Inszenierung hinzufügen.«

»Ich finde das alles ziemlich weit hergeholt«, gab Lisa zu bedenken, »wenn wir so an die Sache rangehen, dann verrennen wir uns glaub ich schnell.«

»Wir können ja klein anfangen und uns in ihrem direkten Umfeld umsehen. Könnte allerdings schwierig werden, da sie keine weiteren Verwandten hat außer ihrem geschiedenen Ehemann, der vermutlich kein Motiv haben dürfte.«

»Und die Leute, die sie eingeladen hat, von denen wir aber keine Namen haben.«

»Eben. Das macht es nicht gerade leichter. Es ist schon erstaunlich, wie eine Frau mit Ende vierzig sich praktisch anonym in der Gesellschaft bewegen kann.«

Jan reckte seine Arme nach oben, legte den Kopf in den Nacken. Dann stand er auf und sah auf die Bilder, die hinter seinem Schreibtisch an der großen Wand hingen.

»Hat sie einer besonderen Kirche angehört«, sagte er mehr zu sich selbst und strich sich übers Kinn.

»Sie war ausgetreten«, antwortete Lisa. »Du meinst, wegen der gefalteten Hände?«

Er nickte.

»Sie sind gefesselt«, meinte Lisa, »vielleicht hat sie jemand für eine Hexe gehalten.«

»Interessanter Gedanke«, murmelte Jan. »Aber war sie dafür nicht eigentlich ein viel zu guter Mensch?«

Lisa zog die Schultern hoch. Sie war neben ihn getreten und sah jetzt auch auf die Fotos.

»Woran erkennt man einen guten Menschen?«, fragte sie zurück.

Sie schwiegen beide und ließen die Bilder und das Gesagte auf sich wirken. So arbeiteten sie am besten zusammen. Quasi über einen unsichtbaren Faden waren ihre Gedanken miteinander verbunden. Sie waren ein gut eingespieltes Team. Und wahrscheinlich sehr viel mehr als das.

»Hast du denn jetzt schon mal wieder was von Katrin gehört?«, fragte Jan plötzlich und drehte der Bilderwand den Rücken zu und beugte sich über seinen Schreibtisch.

»Hm«, machte Lisa, die völlig umschwenken musste, da sie sich in das Bild von Claudia Bley, die auf dem Sofa saß, verbissen hatte. »Ich habe mit ihr telefoniert. Es geht ihr soweit gut. Sie würde sogar gerne wieder arbeiten, aber ihr Arzt verbietet es noch.«

»Typisch Katrin«, sagte Jan nur. Und damit schien das Thema schon wieder für ihn erledigt zu sein. »Hast du schon recherchiert, wie man einen Herzinfarkt bei einem relativ stabil gesunden Menschen herbeiführen kann?«

»Ähm ... nein«, sagte Lisa, »aber ich kann mich gleich dransetzen, wenn wir hier fertig sind.« Sie ging zu ihrem Schreibtisch rüber. »Aber da dürfte es viele Möglichkeiten geben. Angefangen von Medikamenten bis hin zu Elektroschockern.«

»Sicher. Ole hat ja nichts feststellen können. Es geht nur ums Prinzip, ich meine, auf welche Art Täter müssen wir uns konzentrieren? Ist es einer, der sich an ihr rächen wollte und ihr deshalb einen Stromschlag versetzt hat, oder jemand, der sie gequält hat.«

»Gequält«, wiederholte Lisa, während sie bereits etwas in ihre Tastatur tippte. »Kann man jemanden so lange quälen, dass er an einem Herzinfarkt stirbt?«

»Ich weiß nicht ...«. Jan setzte sich auf seinen Bürostuhl und legte die Füße auf den Tisch. »Irgendwie kann ich mir noch kein konkretes Bild vom Täter machen, wenn ich nicht genau weiß, wie sie gestorben ist.«

»Vielleicht ist er ein ganz normaler Typ. Ein Tischler, der in Aurich arbeitet und nach Feierabend darüber nachdenkt, Frauen in den mittleren Jahren zu töten. Einfach so.«

»Dann hätte er sich nicht Claudia Bley ausgesucht«, meinte Jan und ging tatsächlich ernsthaft auf ihre These ein. »Sie hätte aus einem normalen Typen glaube ich keine Aggressionen herauskitzeln können. Weißt du was, ich möchte nochmal mit der Nachbarin sprechen. Ist es okay, wenn ich alleine hinfahre?«

»Sicher«, antwortete Lisa, »wir sehen uns dann später zu Hause.« Sie wusste, dass er nicht wieder in die Dienststelle kommen würde.

Gesine

Gesine schälte gerade Kartoffeln, als sie meinte, schon wieder einen Wagen beim Nachbargrundstück zu hören. Seitdem man Claudia ermordet hatte, schlief sie nicht mehr gut. Ja, sie hatte sogar plötzlich Angst alleine im Haus. Bei jedem Geräusch schreckte sie nachts auf.

Sie legte die Kartoffel und das Messer beiseite, wischte ihre Hände an ihrer Schürze ab und ging zum Fenster. Es stieg ein Mann aus dem Wagen. Sie erkannte ihn. Er war schon bei ihr im Haus gewesen. Beruhigt ging Gesine in die Küche zurück, als es kurz darauf auch schon an der Tür klingelte. Nanu, dachte sie und ging auf den Flur, um zu öffnen.

»Hallo«, sagte Jan, »dürfte ich Sie vielleicht noch einmal kurz sprechen?«

»Sicher«, sagte Gesine und bat ihn, weiter hereinzukommen. Im Grunde genommen war sie froh über die Abwechslung. »Soll ich uns einen Tee kochen?«

Jan sah sich kurz in der Küche um und entdeckte die Kartoffeln auf der Spüle. »Das ist nicht nötig«, sagte er, »ich sehe, Sie bereiten gerade Ihr Mittagessen zu. Ich will auch gar nicht lange stören.«

»Ach was«, winkte Gesine ab, »das Essen mache ich doch sowieso nur noch aus Langeweile. Meistens habe ich gar keinen richtigen Appetit. Es schmeckt nicht immer, wenn man alleine ist.«

Jan meinte, eine gewisse Freude darüber in ihrer Stimme zu vernehmen, dass er da war. Deshalb stimmte er zu. »Dann nehme ich gerne einen Tee.«

Er sah ihr dabei zu, wie sie Wasser in einen Kessel laufen ließ und diesen auf eine Herdplatte stellte. Die weiße Porzellankanne mit dem Blumenmuster befüllte sie mit Teeblättern auf eine Art, als handele es sich um ein heiliges Ritual. Er stellte sich vor, dass sie Jonars Großmutter in Norwegen sei, die sich jetzt um seinen Sohn kümmerte. Bei einer Frau wie Gesine wäre er bestimmt gut aufgehoben. Er selber konnte sich nicht mehr an die Eltern von Viveca erinnern. Ja, manchmal fiel es ihm sogar schwer, sich das Gesicht seiner damals großen Liebe vorzustellen. Es war so ungerecht, dass sie schon tot war. Er hätte sich mehr um sie kümmern sollen. Ein Geräusch holte ihn von ganz weit weg wieder zurück in die Küche, in der es unterschwellig nach Mandeln roch. Gesine hatte Tassen auf den Tisch gestellt.

»Kluntje und Sahne?«, fragte sie ihn.

»Ich trinke schwarz«, erwiderte er und es wunderte ihn, dass sie es offensichtlich auch tat.

»Das ist gut«, sagte sie und lächelte, »Sahne hätte ich sowieso nicht im Haus gehabt. Und auf den Kluntje verzichte ich, damit ich nicht zu viel Zucker zu mir nehme. Finden Sie es komisch, dass eine alte Frau wie ich noch auf ihre Gesundheit achtet?«

Jan runzelte die Stirn. Darauf wusste er nichts zu erwidern. Weder wollte er ihr bestätigen, dass er sie für alt hielt, noch hatte er jemals über solche Fragen nachgedacht.

»Schon gut«, sagte sie und lachte, »ich sehe, wir verstehen uns.«

Mag sein, dachte Jan. Doch im Grunde bezweifelte er es. Sie goss das Wasser in die Kanne und stellte sie auf das Stövchen, in dem ein Teelicht flackerte.

»Heute ist der Himmel ausnahmsweise mal offener«, sagte sie und seufzte. »Ich mag diese dunkle Jahreszeit nicht. Und jetzt, wo nebenan dieser schreckliche Mord passiert ist ...«.

Endlich waren sie beim Thema.

»Ja, deswegen bin ich auch hier«, sagte er und sah auf ihre Hände, die sie ineinander rieb, so als würde es sie frieren. Dabei war es ziemlich warm in der Küche. Alte Leute eben, dachte er. »Es wäre schön, wenn Sie sich noch an Details zu den Besuchern nebenan erinnern könnten. Jetzt, da ein wenig Zeit vergangen ist, fällt es Ihnen vielleicht leichter. Ich meine, der erste Schock ...«.

»Ja ja, schon gut, junger Mann.« Gesine schenkte Tee ein. »Sie haben ja recht. Es war ein großer Schock. Und ehrlich gesagt, seitdem das passiert ist, da fühle ich mich in meinem Haus nicht mehr so ganz sicher. Früher, da habe ich nachts manchmal gar vergessen abzuschließen. Heute sehe ich mindestens drei Mal nach, bevor ich ins Bett gehe. Hoffentlich hört das irgendwann wieder auf.«

Jan hatte da so seine Zweifel, sprach sie aber nicht laut aus.

»Können Sie sich denn an überhaupt keinen Namen erinnern?«, fragte er stattdessen. »Irgendetwas könnte Claudia Bley doch mal nebenbei erwähnt haben, wenn Sie sich über den Zaun hinweg unterhielten. Vielleicht auch nur ein Vorname oder einen Ort, wo der Besucher oder die Besucherin herkam. Irgendetwas, das uns weiterhelfen könnte, diesen brutalen Mord aufzuklären.«

Gesine verarbeitete das Gesagte, indem sie ihre Teetasse zwischen ihren Händen hielt und pustete.

»Ich würde Ihnen so gerne weiterhelfen«, sagte sie und nickte dabei, »das dürfen Sie mir gerne glauben. Aber Claudia hat keine Namen erwähnt. Wir haben uns nur oberflächlich über die ganzen Besucher unterhalten. Ich wollte nicht, dass sie den Eindruck gewinnt, dass es mir unangenehm wäre oder ich sie einfach nur aus Neugier ausfragen würde. So bin ich eben nicht. Manch andere Nachbarin hätte da wahrscheinlich anders reagiert.«

»Ganz bestimmt sogar«, murmelte Jan, der die fast vornehm scheinende Zurückhaltung seines Gegenübers lobenswert aber in diesem Zusammenhang wenig hilfreich fand. Ja, irgendwie fand er ihr Verhalten sogar ein wenig übertrieben. Man musste ja nicht gleich als neugierig gelten, nur weil man sich dafür interessierte, was in dem Nachbarhaus vor sich ging. Irgendwie war man ja indirekt immer auch selber davon betroffen. Warum also legte Gesine Peters so großen Wert darauf, dass sie im Grunde von nichts wusste? Verheimlichte sie etwas? Hätte es sie selber belastet, wenn sie es sagte?

»Es tut mir leid, dass ich Ihnen nicht helfen kann«, sagte Gesine mit einem leichten Seufzer und schenkte noch einmal Tee für beide nach.

»Schon gut«, sagte Jan, »wir werden ja auch noch mit den weiter entfernt liegenden Nachbarn sprechen. Vielleicht haben wir da mehr Glück. Haben Sie eigentlich Kinder?«

Gesine Peters sah ihn mit hochgezogenen Brauen erstaunt an. »Ja«, sagte sie dann, »aber die sind schon lange aus dem Haus und wohnen nicht mehr hier.«

»Aber sie kommen Sie doch bestimmt öfter besuchen?«

Gesine Peters lachte kurz auf. »Sicher, Weihnachten, Ostern und manchmal sogar zu meinem Geburtstag.«

»Also eher selten?«

Sie nickte. »Aber ich nehme es ihnen nicht übel. Sie haben alle ihr eigenes Leben und wenig Zeit.«

Jan fragte sich, warum es ihm so wichtig erschienen war, noch einmal mit dieser Frau zu sprechen. Da war etwas Unterschwelliges, das ihn beschäftigte. Doch im Moment, da konnte er es noch nicht greifen. Er trank seinen Tee auf und verabschiedete sich.

Draußen vor der Tür sog er die frische Luft ein. Es würde in der kommenden Nacht vielleicht das erste Mal frieren, dachte er und musste an Chief denken. Es war gut, dass der Hund nachts nicht mehr draußen schlief. Als er das letzte Mal spät am Abend mit ihm kurz im Wald unterwegs gewesen war, da war ihm aufgefallen, dass der Hund am linken Hinterlauf lahmte und sich öfter hinsetzte als sonst. Er machte sich Sorgen um das Tier. Er mochte den Gedanken, ihn jetzt auch noch zu verlieren, nicht in sein Herz lassen.

Jan schüttelte sich kurz und ging dann nach nebenan, um noch einmal einen Blick in Claudia Bleys Haus zu werfen.

Zweifellos war sie ein interessanter Typ gewesen. Überall an den Wänden hingen vergrößerte Fotoaufnahmen, die sie auf Reisen um die ganze Welt mit vielen anderen Gesichtern zeigten. Offensichtlich hatte sie die Menschen geliebt. Und umgekehrt war es wohl auch so gewesen. Traf es immer die Falschen? Diese Frage nach dem Warum bei einem Mord war ein Klischee. Doch in diesem Fall wurde es belegt. Jedenfalls auf den ersten Blick. Bei jedem Menschen gab es nämlich auch die Schattenseiten. Und Jan war darauf aus, so eine dunkle Stimmung im Leben von Claudia Bley zu erkennen.