Krieg - Sascha Raubal - E-Book

Krieg E-Book

Sascha Raubal

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Beschreibung

Der Erhabene ist geschlagen, aber noch lange nicht besiegt. Mit seinen Truppen terrorisiert er das eigene Land und zwingt die Rebellen, ihre Kräfte aufzuspalten. Während Loris die Hauptstadt verteidigt, läuft Mikail in eine Falle, die ihn beinahe das Leben kostet. Aber statt des Todes findet er neue Verbündete, die mit ihm gegen Tiru antreten. Was wie ein weiterer Sieg erschien, erweist sich jedoch als Katastrophe. Tiru wendet sich einfach anderen Zielen zu: Den Städten oberhalb der Großen Wand. Deren Bewohner sind völlig ahnungslos und eine leichte Beute. Die Freunde machen sich auf die gefährliche Reise zurück in die Heimat, um den Wahnsinnigen zu stoppen. Doch ein ums andere Mal zeigt dieser sich ebenso schlau wie gewissenlos. Der Tod von Tausenden scheint unausweichlich. Dieser Sammelband enthält die Bände 9 – 12 der insgesamt 12-teiligen Serie »Die Abartigen«.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 1135

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Sascha Raubal

die Abartigen

sammelband iii

krieg

Enthält die Bände 9-12:

Donnerechsen

Todesklippen

Invasion

Das größte Verbrechen

Die Einzelbände dieser Serie:

Band   1 – Karawane nach Cood

Band   2 – Der Prozess

Band   3 – Die Freien

Band   4 – Kampf um Or

Band   5 – Flüchtlinge

Band   6 – Neuland

Band   7 – Die Stimme Gottes

Band   8 – Waldland in Flammen

Band   9 – Donnerechsen

Band 10 – Todesklippen

Band 11 – Invasion

Band 12 – Das größte Verbrechen

Inhaltswarnung:

Immer wieder zeigen Tiru und seine Krieger, dass sie vor nichts zurückschrecken. Wie immer gehe ich nicht in Details, aber schön ist es trotzdem nicht. Es werden Vergewaltigungen angesprochen, und tote Kinder kommen vor. Auch menschenverachtende Experimente werden geschildert.

Die Abartigen, Sammelband III – Krieg

1. Auflage 2025

© 2025 Sascha Raubal

ISBN: 978-3-384-72219-5

Cover:

Dream Design – Cover and Art

Innenteilillustrationen:

Markus Gerwinski (https://www.markus.gerwinski.de)

Dies hier ist Menschenwerk. Sowohl beim Text als auch bei Cover und Illustrationen wurden keine KI-generierten Inhalte genutzt.

Druck und Distribution im Auftrag :

tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Für die Inhalte fremder Internet-Seiten übernimmt der Autor keine Haftung.

Die Verwendung dieses Werkes oder von Teilen davon zum Training von KI-Technologien oder -Systemen ist untersagt.

Inhaltsverzeichnis

Band 9, Kapitel 1 – Loris

Band 9, Kapitel 2 – Mikail

Band 9, Kapitel 3 – Loris

Band 9, Kapitel 4 – Mikail

Band 9, Kapitel 5 – Loris

Band 9, Kapitel 6 – Mikail

Band 9, Kapitel 7 – Loris

Band 9, Kapitel 8 – Mikail

Band 9, Kapitel 9 – Loris

Band 9, Kapitel 10 – Mikail

Band 9, Kapitel 11 – Loris

Band 9, Kapitel 12 – Mikail

Band 9, Kapitel 13 – Loris

Band 9, Kapitel 14 – Mikail

Band 9, Kapitel 15 – Loris

Band 9, Kapitel 16 – Mikail

Band 9, Kapitel 17 – Loris

Band 9, Kapitel 18 – Mikail

Band 9, Kapitel 19 – Loris

Band 9, Kapitel 20 – Mikail

Band 9, Kapitel 21 – Loris

Band 9, Kapitel 22 – Mikail

Band 9, Kapitel 23 – Loris

Band 9, Kapitel 24 – Mikail

Band 9, Kapitel 25 – Loris

Band 10, Kapitel 1 – Mikail

Band 10, Kapitel 2 – Loris

Band 10, Kapitel 3 – Mikail

Band 10, Kapitel 4 – Loris

Band 10, Kapitel 5 – Mikail

Band 10, Kapitel 6 – Loris

Band 10, Kapitel 7 – Mikail

Band 10, Kapitel 8 – Loris

Band 10, Kapitel 9 – Mikail

Band 10, Kapitel 10 – Loris

Band 10, Kapitel 11 – Mikail

Band 10, Kapitel 12 – Loris

Band 10, Kapitel 13 – Mikail

Band 10, Kapitel 14 – Loris

Band 10, Kapitel 15 – Mikail

Band 10, Kapitel 16 – Loris

Band 10, Kapitel 17 – Mikail

Band 10, Kapitel 18 – Loris

Band 11, Kapitel 1 – Mikail

Band 11, Kapitel 2 – Loris

Band 11, Kapitel 3 – Mikail

Band 11, Kapitel 4 – Loris

Band 11, Kapitel 5 – Mikail

Band 11, Kapitel 6 – Loris

Band 11, Kapitel 7 – Mikail

Band 11, Kapitel 8 – Loris

Band 11, Kapitel 9 – Mikail

Band 11, Kapitel 10 – Loris

Band 11, Kapitel 11 – Mikail

Band 11, Kapitel 12 – Loris

Band 11, Kapitel 13 – Mikail

Band 11, Kapitel 14 – Loris

Band 11, Kapitel 15 – Mikail

Band 11, Kapitel 16 – Loris

Band 11, Kapitel 17 – Mikail

Band 11, Kapitel 18 – Loris

Band 12, Kapitel 1 – Mikail

Band 12, Kapitel 2 – Loris

Band 12, Kapitel 3 – Mikail

Band 12, Kapitel 4 – Loris

Band 12, Kapitel 5 – Mikail

Band 12, Kapitel 6 – Loris

Band 12, Kapitel 7 – Mikail

Band 12, Kapitel 8 – Loris

Band 12, Kapitel 9 – Mikail

Band 12, Kapitel 10 – Loris

Band 12, Kapitel 11 – Mikail

Band 12, Kapitel 12 – Loris

Band 12, Kapitel 13 – Mikail

Band 12, Kapitel 14 – Loris

Band 12, Kapitel 15 – Mikail

Band 12, Kapitel 16 – Loris

Band 12, Kapitel 17 – Mikail

Band 12, Kapitel 18 – Loris

Band 12, Kapitel 19 – Mikail

Band 12, Kapitel 20 – Loris

Band 12, Kapitel 21 – Mikail

Band 12, Kapitel 22 – Loris

Band 12, Kapitel 23 – Mikail

Lias Wahrheit

Danke

Der Autor

Die Kurt-Reihe

die Abartigen

band 9

donnerechsen

1

»Das ist echt irre mit diesen Religionen!« Loris stürmte in Mikails Zimmer und wedelte mit dem Buch, das er seit dem frühen Morgen las. Nachdem sie das Versteck der Bücher entdeckt hatten, die von den Ahnen stammten und vom gestürzten Herrscher gefunden worden waren, vergrub er sich jeden Tag eine Weile in die eigenartigen Gebilde mit den vielen Seiten aus dem glatten, dünnen und scheinbar unzerstörbaren Material. Die Sprache mutete fremd an, war aber durchaus noch verständlich. Wenigstens die Buchstaben waren denen, die man in den Städten verwendete, beinahe gleich.

»Die haben in der ersten Welt echt ihr ganzes Leben nach diesen seltsamen Gestalten ausgerichtet«, fuhr er fort, während er, den Blick auf die Seiten geheftet, auf Mikails Bett zusteuerte.

»Loris?«

»Das musst du dir mal vorstellen. Viele Tausende Mal mehr Menschen, als hier überhaupt leben, und alle tun, was irgendeine erfundene …«

»Loris!«

»Ja?« Er blickte auf und sah den Freund fragend an.

»Ich bin nicht alleine.«

»Hm?« Ah, neben Mikail lag noch jemand. Die Decke bis zum Hals hochgezogen, das von Natur aus dunkle Gesicht noch etwas dunkler als sonst, schaute ihn eine sichtlich verärgerte Puschpika an.

»Oh, guten Morgen!« Dann dämmerte es ihm. Hier im Waldland hatten die Leute ja große Probleme mit Nacktheit, von Spaß am Sex ganz zu schweigen.

»Ups.« Loris wandte sich ab. »Entschuldige, Puschpika, hab gar nicht dran gedacht.«

»Würdest du dann bitte …«

»Ähm … ja, natürlich. Wir sehen uns dann beim Frühstück?«

»Ja.« In Mikails Stimme lag eine Mischung aus Ärger und Amüsement.

Loris beeilte sich, den Raum zu verlassen und die Türen hinter sich zu schließen. Verstehen würde er das nie, was die hier für ein Tamtam um nackte Haut machten. Aber gut, respektieren musste er es wohl.

Auf dem Weg zum Besprechungsraum, in dem die Führungsgruppe der Rebellen auch ihre Mahlzeiten einnahm, schweiften seine Gedanken vom Lesestoff ab und zu seiner Heimatstadt Or hin. Wie es wohl Mitena ging? Verlief die Schwangerschaft gut? Hielt sie ihn längst für tot? Oder glaubte sie noch an seine Rückkehr?

Fast ein halbes Jahr war nun schon vergangen, seit er als vermeintlicher Mörder geflohen war. Dieser verfluchte Kuttenträger Sandor! Erst hatte er die Nervensäge Donald umgebracht und den Mord Loris in die Schuhe geschoben, dann auch noch versucht, diesen in seiner Zelle abzustechen. Nur durch eine nächtliche Flucht war Loris mit dem Leben davongekommen, das er auf seinem langen Weg durch die Wildnis noch ein paarmal beinahe verloren hätte.

Nach all den Strapazen, unter denen er schließlich sein Ziel Kuvunja erreicht hatte, konnte ihm natürlich nichts Dümmeres passieren, als dem nächsten Lehrer, wie sich diese Verrückten in den grauen Kapuzenmänteln nannten, in die Fänge zu laufen. Wieder saß er in der Zelle, wieder floh er, nur um mit seinen beiden Freunden und Fluchthelfern Damir und Dunja hier im Waldland zu landen, im Kerker des wahnsinnigen Herrschers, der sich der Erhabene nannte. Ausgerechnet hier auf seinen alten Freund Mikail zu stoßen, war sicher das Letzte, womit er gerechnet hätte. Der und seine Verbündeten hatten die drei Gefangenen befreit, und gemeinsam hatten sie es geschafft, den Erhabenen von seinem goldenen Thron zu stürzen. Dunja jedoch hatte diesen Triumph nicht mehr miterlebt, sie war an den Folgen der Folter gestorben. Loris tat sich immer noch schwer zu glauben, dass das alles wirklich geschehen war.

Nun gut, Tiru, der ehemalige Erhabene, war entkommen. Und sicher würde er sich nicht einfach so geschlagen geben, nachdem man ihm seine Jahrhunderte währende Herrschaft genommen hatte. Aber damit sollten sich nun bitte die Menschen des Waldlandes herumschlagen. Er selbst wollte so schnell wie möglich nach Hause, zu seiner Mitena, und ihr wenigstens noch in den letzten Wochen der Schwangerschaft beistehen.

Seit vierzehn Tagen saß er nun schon hier fest. So lang war es her, dass Tiru sie hinters Licht geführt hatte und mit einem großen Teil seines Heeres in den Norden entkommen war. Nun wartete Loris auf Nachricht, wie es in der Heimat stand. Am liebsten wäre er sofort aufgebrochen. Doch sicher war es sinnvoller, erst die neuesten Informationen abzuwarten.

Er betrat den Besprechungsraum. Bereits vor der Tür hatte er das laute Organ Jekarinas gehört, an das er sich inzwischen gewöhnt hatte. Seit die Riesin und der Freie Tabo Loris und seine Freunde aus dem Kerker befreit hatten, war sie ihm zu einer echten Freundin geworden. Trotz ihrer furchteinflößenden Erscheinung, mit drei Metern Größe und voller Muskeln, war sie eine herzensgute Frau. Sie liebte den Kampf gegen Tiger, Bären und Berglöwen, verabscheute es aber zutiefst, Menschen töten zu müssen. Ihnen allen, die sie nicht aus dem Waldland stammten, machte es schwer zu schaffen, genau das getan zu haben. Außer Damir, der nach dem Tod seiner Zwillingsschwester Dunja nicht mehr derselbe war. Aus dem freundlichen, manchmal etwas abgehobenen Tüftler war ein eiskalter Rächer geworden, der ohne eine Gefühlsregung über Leichen ging, um sein Ziel zu erreichen: Tiru musste für Dunjas Tod bezahlen. Damir saß dementsprechend auch ein Stück von Jekarina entfernt. Die beiden kamen gar nicht miteinander aus. Auch Loris hatte jedes Mal ein ungutes Gefühl, wenn er sich in der Nähe des einstigen Freundes aufhielt.

»Morgen!«, schmetterte ihm ein gutgelaunter Kossula, der ehemalige Leibgardist, entgegen. »Na? Schon wieder die Nase in den Büchern?«

Loris wedelte mit dem Band, den er immer noch in der Hand hielt. »Klar.« Er pflanzte sich auf das nächstbeste freie Sitzkissen – Stühle waren hier nicht üblich. »Aber erst mal das Wichtigste: Haben wir inzwischen Nachricht von Tabo und Mette?«

Haidar, der frühere Truppführer mit dem roten Bart und der Vollglatze, schüttelte den Kopf. »Nein, was erwartest du? Sie sind beide Schnelle, aber fliegen können sie nicht. So eine Veränderung wäre mal praktisch, aber alle Gefiederten, die ich in meinem Leben kennengelernt habe, waren einfach zu schwer, um vom Boden wegzukommen.«

Gefiederte? Loris hatte ja schon Menschen mit Fell oder Hörnern auf dem Kopf gesehen, mit Raubtiergebissen oder bunten Streifen auf der Haut, aber mit Federn? Er würde wohl noch lange brauchen, bis er sich an die Vielfalt gewöhnt hatte, die die Natur täglich schuf. Und all diese Menschen lebten hier wie bei den Freien ganz normal in der Gesellschaft. Nun ja, je nachdem, ob ihre Veränderung nützlich oder hinderlich war, hatte Tiru sie in Gesegnete und Gestrafte eingeteilt, doch das hatte nun hoffentlich ein Ende.

»Sie sind ja erst seit fünf Tagen weg«, fuhr Haidar fort. »Das ist für die beiden genug Zeit, um den Felsbruch zu erreichen, der in euer Land führt. Aber sie müssen Tabos Volk informieren, bis zu deiner Heimatstadt gelangen und dort rauskriegen, wie es mit der Mordanklage gegen dich steht. Das dauert ein Vielfaches dieser Zeit.«

»Ja, natürlich«, gab Loris zu, »du hast ja recht. Ich kann’s halt nur nicht erwarten.«

»Sie werden deiner Frau auf jeden Fall Bescheid geben, dass du noch lebst«, fügte Jekarina tröstend hinzu. Bei den Freien sagte man nicht Gefährten, man sprach von Mann und Frau, wenn zwei Menschen fest zusammenlebten. Oder auch mal von Mann und Mann, Frau und Frau, je nach dem. Auch Mikail hatte das übernommen, Puschpika war für ihn seine Ehefrau – das eher abwertende Weib kam ihm nicht über die Lippen.

»Das ist mir das Wichtigste, ja. Nur möchte ich so gerne bei ihr sein, wenn das Kind kommt. Und das kann ich nur, wenn …«

»… sie dich nicht mehr für einen Mörder halten. Wissen wir.« Jekarina nickte verständnisvoll. »Deinem Mädel wird’s sicher ähnlich gehen, die wird sich auch nach dir sehnen. Aber noch viel wichtiger ist doch, dass alle gesund sind. Schlimmstenfalls verpasst du die Geburt und schließt eben bei deiner Rückkehr Frau und Kind in die Arme, ist doch auch was Schönes.«

Da hatte sie natürlich recht. Seufzend griff Loris nach etwas Obst und Brot.

»Und was lernst du aus diesen Dingern da?«, fragte Kossula und deutete auf das Buch.

»Ach, das ist echt unfassbar, was für einen Unsinn die Ahnen in der ersten Welt geglaubt haben«, antwortete Loris. »Kein Wunder, dass sich Tiru daraus seine eigene Version zusammengebastelt hat. Wenn man das liest, kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus.«

»Zum Beispiel?«

»Die einen glaubten, dass in jedem Baum und Strauch, sogar in Steinen und Bächen, irgendwelche seltsamen, unsichtbaren Wesen leben, die anderen hatten eine ganze Großfamilie von Göttern, die zwar unsterblich und wahnsinnig mächtig waren, dabei aber denselben Unsinn angestellt haben wie Menschen auch. Bei manchen hatten diese Götter Tiergestalt oder zumindest die Köpfe von Tieren.« Er nahm sich die Zeit, sein Stück Brot in eine Schale mit leckerer, scharfer Tunke zu stippen und den Bissen zu genießen, bevor er fortfuhr.

»Dann gab’s da noch die, die aus all den Göttern ihrer Vorfahren nur einen übrig behalten haben. Das waren wohl die Schwierigsten, weil sie allen anderen aufzwingen wollten, ebenfalls nur noch an den einen zu glauben. Und zwar an ihre ganz persönliche Version. Da hat man sich schon mal wegen Kleinigkeiten gegenseitig die Köpfe eingeschlagen. Völlig irre.«

»Also stimmt das wirklich, dass Tiru die Idee aus den alten Büchern hatte?«, fragte Lien, Haidars rechte Hand, zaghaft. »Alles, woran wir immer geglaubt haben, war eine große Lüge?« Man sah der jungen Frau an, dass diese Vorstellung ihr wehtat.

»Ist ziemlich offensichtlich, ja.« Loris machte ein wenig Platz für eine Dienerin, die ihm Saft einschenkte. Seltsamerweise waren die Menschen, die man ihr Leben lang dazu gezwungen hatte, Tiru und einige andere hohe Tiere zu bedienen, nicht etwa froh gewesen, von dieser Pflicht entbunden zu werden. Sie hatten sich freiwillig erboten, nun dieselbe Arbeit für die Anführer des Freiheitskampfes zu erledigen.

Er bedankte sich bei der Frau und fuhr fort. »Man findet die Einzelteile des Glaubens, den Tiru hier eingeführt hat, in den verschiedenen Religionen der ersten Welt. Er hat sich eine bunte Mischung zusammengestellt aus den Dingen, die ihm am besten in den Kram passten.«

»Und was, wenn die Altvorderen wirklich vom Weg abgekommen waren?«, warf Farik ein. Der frühere Gardist tat sich ebenfalls schwer, seinen alten Glauben einfach abzustreifen, so wie die meisten, die damit aufgewachsen waren. »Was, wenn sie aus einem ursprünglich richtigen Glauben alle möglichen Irrlehren entwickelt haben, ihn verfälscht haben, wie es Tiru gelehrt hat?« Seine wie auch Liens Reaktion machten Loris mal wieder deutlich, wie vorsichtig er doch eigentlich mit dem Thema umgehen sollte. Was für ihn absurd und lächerlich klang, war für diese Menschen bislang eine unumstößliche Wahrheit gewesen. Er zog ihnen nun ein Stück weit den Boden unter den Füßen weg.

»Ach komm!« Kossula, noch nie besonders feinfühlig, machte eine wegwerfende Geste. »Ich habe selbst mit angehört, wie Tiru Mikail erzählt hat, dass er sich diesen Glauben ganz nach seinem Geschmack zusammengestellt hat. Außerdem, wie erklärst du dir die Einteilung in Gesegnete, Unwürdige und Gestrafte? Das gab es in der ersten Welt gar nicht, oder?« Er sah Loris fragend an.

»Nein, das gab es nicht«, bestätigte der. »Manche Menschen wurden mit Missbildungen geboren, konnten nicht gehen, waren blind oder so etwas, und es gab sogar Leute mit zusätzlichen Fingern oder einem Fell. Aber das ist nicht mit den Veränderungen zu vergleichen, die in unserer Welt ständig auftreten. Und so etwas wie deine Kraft und Schnelligkeit oder Liens überragendes Gehör, also Menschen, die ihr als Gesegnete bezeichnet, gab es dort gar nicht. Diesen Teil hat Tiru sich komplett aus den Fingern gesogen. Nur das mit der Wiedergeburt und der Belohnung oder Strafe im nächsten Leben, das hat er sich bei den Religionen abgeschaut. Aber bei anderen als denen mit dem einen Gott.«

Bei seinen letzten Sätzen waren Mikail und Puschpika eingetreten und nahmen gerade auf ihren gewohnten Kissen Platz, die man immer für sie frei ließ.

»Morgen allerseits!« Puschpika warf Loris einen säuerlichen Blick zu, bevor sie den Rest der Gruppe freundlich anlächelte. »Ihr bekommt wohl mal wieder eine Lehrstunde in Ahnenkunde?«

Haidar grinste. »Ist ganz interessant. Die Altvorderen haben wohl wirklich an alles geglaubt, was man ihnen erzählt hat, was?« Er schien sich bereits an den Gedanken gewöhnt zu haben.

»Wir doch auch«, kommentierte Lien leise.

»Mach dir nichts draus«, versuchte Loris sie zu trösten. »Man hat es euch ja auch mit aller Gewalt in die Köpfe geprügelt, kaum dass ihr laufen konntet. Die Ahnen haben sich da viel mehr blamiert. Da haben sich erwachsene Menschen den größten Unsinn vormachen lassen und begeistert dran geglaubt.«

Fragende Blicke ließen ihn lachen. »Ernsthaft! Da gab es welche, die haben jeden Tag drauf gewartet, dass irgendwelche Wesen aus anderen Welten bei ihnen landen und sie mitnehmen. Und ich meine keine Menschen, damals konnte man noch keine fremden Planeten wie den unseren erreichen. Man glaubte an Wesen, die überhaupt nicht aussahen wie wir und viel intelligenter waren. Wieder andere haben aus dem Essen eine Religion gemacht.«

»Das wär was für mich«, warf Jekarina lachend ein und biss von einem großen Stück kaltem Braten ab.

»Eher weniger«, erwiderte Loris schmunzelnd. »Die haben nämlich kein Fleisch gegessen, keine Eier, nicht mal Milch haben sie getrunken. Nichts, was von einem Tier stammt. Sogar Honig war verboten.«

Nun machte Jekarina große Augen. »Ehrlich? Na gut, nix für mich. Ahnen! Wie kommt man denn auf sowas?«

»Frag mich was Leichteres. Auf jeden Fall nicht, weil denen das von irgendeinem Gott verboten worden wäre. Die haben sich das ganz alleine ausgedacht. Der Autor des Buches nennt es eine Wohlstandserscheinung. Was immer das bedeuten mag. Und es gab noch mehr solche eigenartigen Bewegungen. Manche nannten sich die Erwachten, aber die versteh ich selbst nicht ganz.«

»Was ist das nun wieder für ’ne Truppe?«, fragte Mikail.

»Tja, das ist eben seltsam. Wir haben doch in der Schule gelernt, dass es in der ersten Welt die Unsitte gab, Menschen nach ihrer Hautfarbe zu beurteilen. Dunkle Haut war schlecht und dumm, helle Haut war gut und schlau.«

»Völlig bescheuert, ja. Und?«

»Diese Erwachten haben das dann irgendwie umgedreht. Angeblich wollten sie, dass alle Menschen gleich behandelt werden, was ja eigentlich selbstverständlich ist. Aber dabei haben sie es dermaßen übertrieben, dass es genau ins Gegenteil umgeschwenkt ist. Plötzlich waren die mit der dunklen Haut die besseren Menschen und die mit der hellen alle ganz böse.«

»Tolle Logik«, bemerkte der bisher schweigsame Damir.

»Ja, völlig verquer. Trotzdem hatten sie wohl eine Weile ziemlich viel Einfluss. Bis es selbst Menschen mit dunkler Haut zu blöd wurde und sie den Haufen zurechtgestutzt haben. Sagt der, der dieses Buch geschrieben hat.«

»Und das war eine Religion?«

»Sowas Ähnliches. Zumindest haben sie das genauso verbissen vertreten wie eben andere ihren Glauben an Gott. Wer abweichender Meinung war, wurde als ganz böse angesehen und mit allen Mitteln bekämpft. Hat aber nur ein paar Jahre gehalten, wenn ich das richtig verstanden habe.«

»Sachen gibt’s …« Mikail schüttelte verständnislos den Kopf.

»Na, das haben unsere Ahnen zum Glück hinter sich gelassen.« Jekarina nahm sich noch ein Stück Braten. »Kein Fleisch, wo kommen wir denn da hin?«

»Und dann haben sie selbst wieder ganz ähnlichen Unsinn eingeführt.« Loris zuckte die Schultern. »Hier Tiru mit seinem selbstgebauten Gott, bei uns der Wahnsinn, Menschen in Gesunde und Abartige zu trennen.«

»Anscheinend sind wir nicht gerade die schlaueste Tierart, was?« Damir erhob sich. »Wie wir miteinander umgehen, das macht kein Viech mit seinesgleichen.« Damit verließ er den Raum.

»Dass das ausgerechnet von ihm kommt …«, brummelte Jekarina, wischte sich die Finger ab und entfaltete ihre Beine, die ebenso so lang waren wie die ganze Puschpika. »Ich geh mal nachsehen, was die Bauarbeiten in der Stadt machen.« Sie stand auf. Zu ihrem Glück waren die Räume im Palast alle sehr hoch, sodass sie aufrecht stehen konnte.

»Da komm ich mit.« Tonio, ehemals Giftmischer des Herrschers und nun wieder als Kräuterkundiger tätig, wie man hier die Ärzte nannte, rappelte sich ebenfalls auf. Er hatte dem ganzen Gespräch schweigend gelauscht. »Bei der Gelegenheit kann ich gleich nach den Verwundeten sehen.« Noch waren längst nicht alle, die bei der Belagerung des Palastes verletzt worden waren, ganz über den Berg, doch Tonio und seine Kollegen setzten all ihr Können ein. Loris war sicher, selbst seine Mutter Mona könnte von diesen Leuten noch manches lernen – und umgekehrt.

»Ist euch was aufgefallen?«, fragte Mikail schmunzelnd, als die beiden den Raum verlassen hatten.

»Nee, was?«, fragte Loris verwirrt.

»Tonio findet immer wieder einen Grund, in Jekarinas Nähe zu sein.«

Kossula fiel glatt das Essen aus dem Mund. »Du meinst doch nicht im Ernst …«

»Ich denke, doch.«

Der muskelbepackte Leibgardist lachte schallend. »Der kleine, schmächtige Tonio und die Riesin? Die muss ihn ja hochheben wie ein Kleinkind, wenn er sie küssen will.«

»Na und?« Puschpika grinste. »Das müsste sie sogar mit dir machen, oder?«

Kossula verstummte. »Ja … aber …«

»Eifersüchtig?«, neckte Farik ihn. »Machst du dir etwa selbst Hoffnungen?«

»Bist du wahnsinnig? Gott bewahre! Das Weib kriegt doch kein Mann unter Kontrolle!«

»Tja nun«, gab Puschpika lakonisch zurück. »Nicht jeder Mann hat’s nötig, sein Weib zu kontrollieren.«

Kossula schaute erst verwirrt, dann eingeschnappt. Wortlos erhob er sich und verließ den Besprechungsraum.

»Jetzt ist er beleidigt, scheint’s.« Lien schüttelte den Kopf. »Die Männer hier werden noch viel lernen müssen.«

Da konnte Loris nur zustimmen, fürchtete aber, es werde Generationen brauchen, bis Frauen hier so selbstverständlich dieselben Rechte bekamen wie in seiner Heimat.

»Und? Was steht heute an?«, fragte er Mikail.

»Dasselbe wie gestern und die nächsten Wochen«, lautete die Antwort. »Die Stadt auf Tirus Rückkehr vorbereiten.«

Momentan wusste niemand, wohin der gestürzte Herrscher gegangen war. Solange er sich irgendwo im Waldland herumtrieb, nutzten sie hier in Tasik-Hutan die Zeit, um die Hauptstadt auf einen erneuten Angriff vorzubereiten. Das letzte Mal hatte er sich ohne Gegenwehr in der Stadt festsetzen, den von Rebellen besetzten Palast belagern und seine Gegner von jeder Versorgung abschneiden können. Das durfte nicht noch einmal passieren.

Wenig später fand Loris sich bei den Handwerkern ein, die die neuen Verteidigungswaffen bauten. Wie erwartet traf er Damir dort an. Die beiden waren übereingekommen, den Kämpfern des Waldlandes nicht alles zu verraten, was sie über den Waffenbau wussten. Tirus Truppen waren ja nicht besser ausgerüstet als die zu den Rebellen übergelaufenen Wächter und Gardisten, daher reichte es völlig, den Verteidigern einige Vorteile zu verschaffen. Sollte diese Technik je in Tirus Hände fallen, wäre er den Städten, aus denen Loris und Damir stammten, immer noch unterlegen.

»Wie sieht’s aus?«, fragte Loris den Uhrmacher aus Kuvunja.

»Geht voran«, lautete die knappe Antwort. Damir besah sich die im Bau befindlichen Steinwerfer, rüttelte hier und da an den Verbindungen und wechselte einige Worte mit den Handwerkern, war aber offenbar nicht an einem Gespräch interessiert.

Loris gab sich damit zufrieden. Wochenlang hatte die Aussicht auf Rache für Dunjas Tod ihren Bruder angetrieben, doch nachdem Tiru mit einem geradezu billigen Trick entkommen war, hatte sein Enthusiasmus merklich nachgelassen. Er arbeitete durchaus mit, aber ohne die Aussicht, Goldi, wie er Tiru aufgrund von dessen vollständig aus Gold bestehendem Gebiss nannte, den Hals umzudrehen, wirkte er eher müde und antriebslos.

Loris wanderte weiter zu der Gruppe, die Speerschleudern herstellte. Sie waren hauptsächlich für den Einsatz gegen Tiger und Gendos gedacht. Da diese längst nicht so schwer gepanzert waren wie die Donnerechsen, die Or angegriffen hatten, reichten einfache, kupferne Speerspitzen völlig aus. Man würde bei Bedarf die Geschosse noch mit dem Gift einstreichen, das die Waldleute für die Jagd verwendeten, das war genug. Für die Wurfarme nutzten sie, wie auch für die Steinwerfer, verdrillte Seile. Zwar konnte diese Technik so unter Umständen Tiru in die Hände fallen, wenn dieser die Stadt zurückeroberte, aber Loris war sicher, dass seine Konstrukte weit schwächer waren als das, was Amad baute. Immerhin konnte man sie noch mit einem großen Geißfuß spannen und brauchte keinen Flaschenzug und Kurbeln dafür. Außerdem hatte Mikail ganz richtig angemerkt, dass ein Starker, also ein Veränderter wie er mit der Kraft mehrerer normaler Männer, durchaus in der Lage war, einen Speer mit ähnlicher Wucht zu werfen. Und Starke hatte Tiru reichlich. Die Rebellen dagegen mussten auch Menschen mit ganz gewöhnlichen Muskeln einsetzen, da boten die Schleudern einen großen Vorteil. Die einfachere Bauart und die vielen Arbeiter sorgten dafür, dass jeden Tag mehrere der Waffen fertig wurden. So ein Tempo hätte er sich damals in Or auch gewünscht.

»Das sieht wirklich gut aus«, lobte er seine Jungs. Handwerk erlernten in diesem Land nur die Jungen, Mädchen wurden möglichst dumm gehalten und hatten sich vollständig auf Haushalt und Feldarbeit zu konzentrieren. Nennenswerte Bildung, und sei es nur lesen, schreiben und rechnen, erhielten allerdings auch die gewöhnlichen Jungen nicht, sondern ausschließlich die Lehrer, also die Kuttenträger, die Tirus Glauben im Volk verbreiteten. Die restliche Bevölkerung konnte davon bisher nur träumen. Ein Umstand, den die Aufständischen schleunigst ändern wollten.

Nach einer kurzen Überprüfung der gerade im Bau befindlichen Waffen wanderte Loris hinüber zu den Schießständen, wo Männer und auch Frauen an den bereits fertigen Exemplaren übten. Man schoss nicht, wie Tirus Glaubenswächter früher, auf menschenähnliche Ziele, sondern auf runde Scheiben, wie er es von daheim gewöhnt war. Menschen bewusst die Hemmungen abzugewöhnen, andere zu töten, hielt er ebenso wie Mikail und Jekarina für unerträglich.

Tschock! Ein Speer schlug ins Zentrum einer Zielscheibe ein. Die Frau, die ihn auf gut fünfzig Meter Entfernung so genau platziert hatte, reckte jubelnd die Faust in die Luft. Ihre männlichen Kollegen reagierten sehr unterschiedlich. Manche zollten ihr die verdiente Anerkennung, andere waren unübersehbar wenig begeistert davon, dass eine Frau, die doch laut den Lehren Tirus dümmer und nutzloser als jeder Mann war, so einen Erfolg vorweisen konnte. Loris seufzte. Da war noch viel zu tun. Er ging schnurstracks auf die Schützin zu und lobte sie für den guten Schuss.

»Das kriegen die anderen aber doch auch hin, oder?«, fragte er in die Runde und schaute die Schützen an den übrigen vier Schleudern aufmunternd an. Diese schickten ihre Speere auf die Reise, und tatsächlich waren die Ergebnisse ganz ordentlich. Loris war zufrieden, überließ die Leute ihren Übungen und machte sich auf den Weg in die Stadt.

»Na? Wie geht’s voran?«, rief er in die beinahe drei Meter tiefe Grube hinab, die mitten in einer der großen Hauptstraßen klaffte. Links und rechts davon war weniger als ein Meter Platz zu den angrenzenden Gebäuden.

»Schau halt hin!«, kam die freche Antwort. Ken sah grinsend zu ihm hinauf. Der Gendoreiter hatte Loris und seine Freunde schon auf der Flucht aus dem Kerker begleitet und den ganzen Kampf gegen Tiru mit durchgestanden. Nun baute er mit seinen Leuten Fallen, um die großen, massigen Tiere mit den drei Hörnern am Kopf, die er selbst nur zu gut kannte, effektiv aufzuhalten. Noch gefährlicher waren allerdings die Tiger, riesige Katzen mit schwarzer, ledriger Haut, die von Reitern gelenkt wurden und alles zerfetzten, was ihnen in die Klauen und die mächtigen Reißzähne geriet.

Loris tat, wie ihm geheißen. Die Wände der rechteckigen Grube waren glatt verschalt, aus dem festgestampften Boden ragten meterlange Spieße mit kupfernen Spitzen senkrecht auf. Kaum ein halber Meter Abstand war zwischen den mörderischen Stöcken, das konnte bestenfalls ein Mensch mit viel Glück überleben, aber sicher kein Tiger oder gar eines der tonnenschweren, dickhäutigen Gendos. Ken und die Seinen waren eben dabei, die letzten Spieße zu befestigen.

»Und die Abdeckung?«

Ken wies mit dem Daumen ungefähr in Richtung einer Seitengasse, ohne nochmals von der Arbeit aufzusehen. Nun gut. Loris schob sich vorsichtig am Rand der tödlichen Grube entlang, bis er nach etwa drei Metern die Gasse erreichte. Dort fand er eine ganze Menge Balken vor, Schilfmatten und große Tücher, auf denen eine Schlammschicht in der Sonne trocknete.

»Tomas«, begrüßte er einen etwa vierzigjährigen Mann mit blonden Haaren, der eben einige Arbeiter anwies, einen etwa sechs Meter langen Balken über zwei Böcke zu legen. »Was macht die Abdeckung?«

»Ist bald fertig«, antwortete der Angesprochene. »Wir wollen gerade die Tragfähigkeit der Balken testen.«

Eine junge Frau mit stämmiger Figur trat vorsichtig auf den kaum mehr als handbreiten Balken, der nun in etwa einem halben Meter Höhe über dem Boden schwebte. Schon jetzt bog er sich leicht durch. Schritt für Schritt wagte sie sich von den Auflagen weg und zur Mitte hin, bis das Holz leise knackte.

»Genug!«, rief Tomas ihr zu. »Jetzt noch mal von vorne, aber in vollem Lauf drüber.«

Sie hüpfte hinab, ging zurück zum Anfang des Balkens und nahm noch ein paar Meter Anlauf. Dann erlebte Loris mal wieder die unglaubliche Geschwindigkeit, die die sogenannten Schnellen an den Tag legen konnten. Kein Pferd in vollem Galopp hätte mithalten können, als die Frau losraste, auf den Balken hüpfte und kaum mehr als einen Lidschlag später am anderen Ende wieder hinabsprang. Beinahe wäre sie bis zur Grube gerannt und womöglich hineingestürzt, so viel Schwung hatte sie.

»Sehr schön«, kommentierte Tomas und nickte zufrieden. »Unsere Melder werden auf jeden Fall rüberkommen, solange sie sich genau auf den Balken halten. Ein Gendo oder ein ganzer Trupp dagegen …«

Ja, ein ganzer Trupp. Das war das, was Loris so gar nicht schmecken wollte. Die Gruben waren zwar vor allem für die Tiere gedacht, die Tiru im Kampf einsetzte, konnten aber auch für Menschen zur Todesfalle werden. Das Töten wurde hier als schrecklich normal empfunden. Und Damir, der sich die Gruben ausgedacht hatte, hatte diese Denkweise leider voll und ganz übernommen.

»Was ist mit der Brücke?«, fragte Loris.

»Die liegt schon da hinten bereit«, antwortete Tomas und deutete ein Stück die Gasse hinunter. »Gendos hält die auch nicht aus, aber Menschen können problemlos drüberlaufen. Selbst einen Eselskarren trägt sie.«

Gut. Solange die Stadt nicht angegriffen wurde, konnten die Bewohner also auch die Hauptstraßen sicher nutzen. Sollte Tiru auftauchen, würde man die Brücken entfernen und nur die wie die restliche Straße aussehenden Abdeckungen liegen lassen, die jeden, der sich daraufwagte, in den Tod rissen.

Loris verabschiedete sich und steuerte die nächste Grubenbaustelle an. Doch weit kam er nicht, da wurde er von der Seite angerufen. Er sah sich nach der Stimme um. »Priti? Was gibt’s?«

Die ehemalige Glaubenswächterin mit den ausnehmend guten Ohren wirkte etwas außer Atem. Sie schnaufte ein paarmal kräftig durch, bevor sie antwortete.

»Sie wollen dich im Palast sehen, im Besprechungsraum. Es gibt Neuigkeiten.«

»Keine guten, wenn ich dein Gesicht so sehe.«

»Kann man so sagen, ja. Komm mit!«

2

Kaum betrat Loris als Letzter den Raum, bedeutete Mikail den Anwesenden, ruhig zu sein. »Setz dich.« Er wies auf das freie Kissen, wartete, bis Loris Platz genommen hatte, und wandte sich dann an den Boten, der in einer Ecke stand. »So, nun bitte noch mal für alle.«

Der junge Mann trat vor und schaute etwas unsicher in die Runde. Vor allem Jekarina schien ihn mächtig zu beeindrucken, obwohl man hier doch den Umgang mit Veränderten gewöhnt war. Schließlich holte er tief Luft und wurde seine Nachricht los: »Tiru ist wieder aufgetaucht.«

Ein Raunen ging durch die Versammlung. Der Bote wartete einen Moment, bis Ruhe einkehrte, und fuhr dann fort.

»Er hat vor drei Tagen mit seinen Truppen ein größeres Dorf nördlich des Echsengebietes niedergebrannt. Soweit wir wissen, hat er zuerst von den Bewohnern verlangt, ihm alle Vorräte auszuhändigen. Außerdem sollten sie alle Gesegneten und sogar die kräftigen Männer unter den Unwürdigen in sein Heer schicken. Als man sich weigerte, weil man die geforderten Vorräte ja ohne starke Arbeiter auch nicht hätte ersetzen können, haben Tirus Wächter sich alles mit Gewalt genommen, den Dorfobersten und einige weitere umgebracht und dann die Hütten in Brand gesteckt. Die meisten Bewohner, die er nicht als Kämpfer brauchen konnte, hat er davongejagt. Sie sollen überall verbreiten, was geschieht, wenn man sich seinem Willen widersetzt.«

Mikail hatte einen Klumpen im Magen. Dieser Wahnsinnige ließ nun also endgültig die Maske fallen, terrorisierte sein eigenes Volk auch dort, wo man ihm bislang noch einigermaßen treu gewesen war. Sein Angriff auf den Westen des Landes, den er schon seit Jahrzehnten aufgrund irgendeiner alten Geschichte unterdrückt hatte, sollte immerhin die treffen, die sich gegen ihn hatten auflehnen wollen. Auch wenn ein Massenmord an Tausenden weit über alles noch ansatzweise Nachvollziehbare hinausgegangen wäre. Im Norden jedoch war man Mikails Informationen zufolge bislang nie als rebellisch aufgefallen. Trotzdem strafte er die Menschen dort nun also derart grausam dafür, dass sie einfach nur überleben wollten.

Rund um ihn redeten alle wild durcheinander. Jekarina forderte vehement, man müsse den Leuten dort so schnell wie möglich helfen. Kossula hielt – nicht zu Unrecht – dagegen, dass sie nach der Heimkehr vieler Kämpfer in den Westen nicht einmal genug Bewaffnete für so etwas hatten. Schon gar nicht, wenn sie in der Lage sein wollten, die Stadt zu verteidigen.

»Dann willst du die Menschen da draußen im Stich lassen und hier auf deinem dicken Hintern sitzen bleiben oder was?« Jekarinas von Natur aus dröhnendes Organ schmerzte nun, in all ihrer Wut, gewaltig in den Ohren.

Mikail sprang auf und hob die Arme. »Bitte, Freunde, seid leise!« Er sah die Riesin direkt an, gab ihr zu verstehen, dass besonders sie gemeint war. Das Stimmengewirr ließ nach und verstummte schließlich.

»Wir haben nur diese eine Meldung«, begann Mikail. »Jetzt sofort mit allem, was wir haben, loszurennen, wäre idiotisch. Entschuldige, Jekarina, aber wir können die Stadt nicht ungeschützt lassen. Es ist sehr gut möglich, dass Tiru genau damit rechnet. Er lockt uns von Tasik-Hutan weg, umgeht uns und nimmt die Stadt und den Palast ein, ehe wir wieder da sind. Dann wäre alles umsonst gewesen, wir würden alles wieder verlieren, wofür wir gekämpft haben.«

Das Gesicht seiner großen Freundin spiegelte deutlich den Kampf wieder, den sie mit sich selbst ausfocht. Schließlich schnaubte sie und nickte ergeben. »Na schön. Was dann? Wir können die Leute doch nicht einfach diesem Monster überlassen.«

»Und, wenn ich das sagen darf«, meldete sich Tonio zu Wort, »wenn wir Tiru nicht stoppen, presst er so viele Kämpfer in sein Heer, dass er uns zehn zu eins oder noch mehr überlegen ist. Er wird sicher auch die ihm treuen Truppen der Provinzoberen einsammeln. Mit jedem Tag, den er ungestört weitermachen kann, wächst seine Schlagkraft. Bislang wussten wir nicht einmal, wo er abgeblieben war. Seine Spuren hat er ja so gut verwischt, dass selbst unsere Nasen ihn nicht aufspüren konnten. Weiß Gott, wie er das angestellt hat. Nun beendet er das Versteckspiel und macht sich damit angreifbar. Zumindest im Moment noch. Aber wie gesagt: Er wird mit jedem Tag stärker.«

Das war die andere Seite, da hatte der ehemalige Blutmeister recht.

 Mikail ließ sich mit hängenden Schultern auf sein Kissen zurücksinken und sah in die Runde. »Dann stecken wir in der Klemme. Bleiben wir hier, wächst Tirus Heer so lange, bis wir nicht mehr gegen ihn ankommen. Versuchen wir ihn aufzuhalten, müssen wir die Hauptstadt beinahe wehrlos zurücklassen. Dabei dürfen wir auch Kiril und die anderen Lehrer nicht vergessen, die hiergeblieben sind und uns jeden Tag Ärger machen.«

Die allerdings ließen sich selbst von den anwesenden Kriegern nicht beeindrucken. Sie verließen sich voll und ganz darauf, dass niemand es wagen würde, sie als Männer Gottes auch nur festzusetzen. So verspritzten sie beinahe ungehindert ihr Gift unter der Bevölkerung, stachelten immer mehr Menschen gegen die Verräter auf, die den von Gott eingesetzten Herrscher davongejagt hatten. Früher oder später musste dafür eine Lösung her, aber wie die aussehen sollte, war Mikail völlig unklar. Im Westen hatte man die Kuttenträger kurzerhand umgebracht, da sie sich dort durch ihr eigenes Verhalten den Hass der Bevölkerung zugezogen hatten. Hier jedoch besaßen sie viel zu viel Ansehen unter den Bürgern, an handfeste Maßnahmen war nicht zu denken.

»Dann brauchen wir mehr Krieger«, stellte Kossula nüchtern fest. »Je brutaler Tiru vorgeht, desto mehr Dörfler sollten einsehen, dass sie erst dann Frieden finden, wenn sie ihn los sind. Im Westen weiß man das schon. Die Leute sind heimgekehrt, weil sie ihre Familien nicht noch länger alleine lassen konnten. Erfahren sie, dass Tiru zurück ist, werden sie wieder zu den Waffen greifen. Und aus dem Norden dürften wir auch Unterstützung bekommen, denke ich.«

»Vorausgesetzt, Tiru hat bis dahin nicht alle in sein Heer gezwungen«, warf Farik ein. »Es scheint, als sei er schnurstracks nach Norden marschiert. So ein großes Heer in gerade einmal elf Tagen bis hinter das Echsengebiet zu bringen, und das, ohne dass wir ihn verfolgen konnten, das ist schon eine reife Leistung. Er ist ein Verbrecher, aber denkt dran, er hat damals alle Kriegsherren besiegt. Der Mann versteht was von Taktik. Seine lange Zeit als unangefochtener Herrscher hat ihn arrogant werden lassen, das hat uns beim letzten Mal genutzt. Gerade hat er uns bewiesen, dass er es immer noch drauf hat. Von nun an wird er uns nicht mehr unterschätzen. Euch muss klar sein, wir haben es mit einem gefährlichen Gegner zu tun, der vor nichts zurückschreckt, keiner Grausamkeit und keiner List.«

Das befürchtete Mikail allerdings auch. Er wechselte einen Blick mit Loris. Es tat gut, den alten Freund wieder an seiner Seite zu haben. Der Streit damals, als man Mikail ein zweites, endgültiges Mal aus Or verwiesen hatte, war längst vergessen. Sie hatten sich ausgesprochen, beinahe noch einmal gestritten, weil jeder die Schuld unbedingt bei sich sehen wollte, doch nun war das alte Band wieder da, stärker als je zuvor.

Warte ab, schienen Loris’ Augen zu sagen. Überstürze nichts.

»Wir sollten nichts übers Knie brechen«, entschied Mikail. »Ich sag’s nochmal: Wir haben genau diese eine Meldung. Selbst, wenn wir jetzt sofort zu dem überfallenen Dorf aufbrechen, werden wir Tiru dort nicht mehr vorfinden. Versuchen wir doch erst einmal herauszufinden, ob er sich nun in eine bestimmte Richtung bewegt. Dann haben wir vielleicht die Chance, ihn abzufangen.«

»Und bis dahin?«, fragte Haidar.

»Befestigen wir die Stadt, so gut es geht«, übernahm Loris die Antwort. »Und zwar mit allem, was wir einsetzen können. Je besser wir Tasik-Hutan absichern, je mehr starke Waffen wir haben, desto mehr muss auch Tiru aufbieten. Das verschafft uns hoffentlich zumindest Zeit. Und es erhöht unsere Überlebenschancen.«

Das sowieso. Mikail lächelte Loris an. Das Zweiergespann funktionierte wieder.

Zwei Tage später hatte sich die Lage ein Stück weit geändert. Drei weitere Boten waren eingetroffen, zwei von ihnen Schnelle, der andere beritten. Das Meldesystem, das Haidar direkt nach dem Abzug Tirus aufgebaut hatte, funktionierte.

»Er bewegt sich eindeutig nach Westen und dabei leicht südwärts«, schloss Mikail, nachdem er alle über die letzten Neuigkeiten in Kenntnis gesetzt hatte. »Wenn er so weitermacht, erreicht er in fünfzehn bis zwanzig Tagen die Region, in der ihr«, er sah Loris, Jekarina und Kossula an, »seinen Truppen damals die krachende Niederlage bereitet habt.«

»Also ein Rachefeldzug.« Jekarina schnaubte wütend. »Der Drecksack will zu Ende bringen, was seiner Bande von Giftmördern nicht gelungen ist.«

»Oder es soll nur so aussehen«, warf Puschpika ein. »Es könnte immer noch sein, dass er uns nur hier weglocken will, um dann über Tasik-Hutan herzufallen.«

»Das können wir natürlich nicht ausschließen«, gab Mikail ihr recht. »Diese Möglichkeit besteht nach wie vor. Deshalb dürfen wir die Hauptstadt auch keinesfalls ungeschützt lassen, selbst wenn wir in den Westen gehen sollten, um da zu helfen.«

»Das müssen wir ja wohl«, stellte Jekarina sofort klar. »Sie haben uns geholfen, als die Stadt belagert wurde, da können wir nicht kneifen.«

»Andererseits sind gerade die Bauern im Westen inzwischen nicht mehr so unbedarft wie die im Rest des Landes«, gab Kossula zu bedenken. »Sie wissen jetzt, wie man kämpft. Wichtig wäre also zuerst einmal, sie über die drohende Gefahr zu informieren. Meldereiter können die Region in wenigen Tagen erreichen, das gibt ihnen genug Zeit, sich vorzubereiten.«

»Ah, grandiose Idee!« Die Stimme der Riesin troff vor Sarkasmus. »Sie sind uns den ganzen Weg hierher gefolgt, um Mikail und die anderen rauszuhauen. Und wir schicken ihnen eine Nachricht, sie sollen gefälligst selbst auf sich aufpassen. Meinst du das ernst? Es sind doch deine Leute da drüben im Westen!«

Ehe der ständige Kleinkrieg zwischen den beiden wieder aufflammen konnte, hob Mikail die Hand. »Nein, das können wir nicht machen. Natürlich schicken wir Boten, aber die werden den Menschen dort sicher nicht sagen, dass wir sie sich selbst überlassen.«

»Was dann? Doch Kämpfer von hier abziehen und damit Tiru die Möglichkeit geben, Tasik-Hutan wieder zu erobern?« Farik war anzusehen, wie sehr ihm die Situation missfiel.

»Keine nennenswerte Zahl, nein.« Mikail blickte zu Puschpika. Sie hatten das Ganze bereits unter vier Augen besprochen, und auch wenn sie beide alles andere als glücklich mit dem Ergebnis waren, eine Alternative sahen sie nicht.

»Ich werde mit ein paar Leuten aufbrechen«, teilte Mikail der Runde seine Entscheidung mit. »Kossula sollte mich begleiten, Ken und sein Gendo möglichst auch. Die beiden kennen sie dort im Westen. Loris und Damir brauchen wir viel dringender hier, um weitere Verteidigungsanlagen zu bauen. Jekarina, dich hätte ich auch sehr gerne hier. Wir besprechen das nachher noch.« Die Riesin machte Anstalten zu widersprechen, klappte dann aber den Mund wieder zu und schwieg mit grimmiger Miene.

»Haidar bleibt ebenfalls, genauso Lien und Farik. Ihr habt schon so viel Erfahrung mit der Verteidigung der Stadt gesammelt, dass ich euch auf jeden Fall hier brauche. Als Ohr hätte ich gerne Priti dabei, und Kanes Nase könnte uns auch wertvolle Dienste leisten. Zudem können sie reiten, und wir werden Pferde brauchen. Beide natürlich nur, wenn sie wollen.«

Kossula schüttelte bei diesen Worten den Kopf. »Mikail, du musst endlich lernen Befehle zu geben. Nur wenn sie wollen? Nein, du kommandierst sie ab, und sie folgen.«

»Ich will nicht sein wie Tiru.«

»Du musst ein Befehlshaber sein, verdammt noch mal! Ohne Befehl und Gehorsam funktioniert das alles nicht. Sei ein guter und anständiger Anführer, aber führe!«

Führen. Als wenn er darauf scharf wäre. Leider sagten ihm die Mienen aller anderen, dass sie derselben Meinung waren, sogar Jekarina und Loris.

Seufzend ergab sich Mikail in sein Schicksal. »Na schön. Also Priti und Kane, Kossula und Ken«

»Und wir vier Heinis sollen den ganzen Westen anführen?« Kossula war offensichtlich nicht begeistert.

»Das letzte Mal wart ihr doch auch nur wenige. Megumi willst du ja wohl nicht mitrechnen, oder? Und wie war das gerade noch? Ich befehle, ihr gehorcht?«

Für einen Moment schaute Kossula verdutzt, dann grinste er. »Das hab ich dann wohl mir selbst zu verdanken, was?«

»So sieht’s aus. Nächster Punkt: Wir wissen immer noch nicht, wie groß Tirus Heer ist. Er scheint zu den Überfällen nur gerade genug Krieger zu schicken, um jeden Widerstand in den Dörfern sofort zu brechen. Den Rest der Truppen hält er außer Sicht. Bisher hat noch niemand seine Haupt-… wie sagt man?«

»Hauptstreitmacht«, half Farik aus. »Und ja, die hat noch keiner gesehen. Ich hab doch schon gesagt, er ist ein schlauer Jaguar. Er lässt uns im Unklaren darüber, wie stark er wirklich ist, hält den Kopf unten und springt uns dann ins Kreuz, wenn wir nicht damit rechnen.«

»Dann dürfen wir eben nicht vergessen, uns ständig umzusehen.« Mikail bemühte sich, Zuversicht zu versprühen. Ob ihm das gelang? Da war er sich nicht so sicher. Auf jeden Fall nicht bei allen.

»So, damit steht der Plan. Morgen früh werden ich und die Genannten nach Westen aufbrechen. Kossula, sorge bitte für Pferde und genug Vorräte, um möglichst ohne längeren Aufenthalt durchreiten zu können. Ken, du kümmerst dich um dein Gendo. Die übrigen arbeiten mit noch mehr Kräften als bisher an der Befestigung der Stadt.«

»Ich komme auch mit«, meldete sich der bis dahin schweigsame Damir zu Wort.

»Du bleibst hier und baust die Verteidigung auf«, konterte Mikail entschieden.

»Aber Tiru …«

»Damir, ahnenverdammt noch mal, es geht hier um Tausende Menschenleben und nicht nur um deine persönliche Rache. Du bist hier weit wichtiger als irgendwo da draußen. Außerdem ist ja gar nicht sicher, dass Tiru die momentane Richtung beibehält. Es kann immer noch sein, dass er uns nur weglocken will und plötzlich vor der Stadt auftaucht. Und ich sage dir, wenn du ihn hier vor eine Speerschleuder bekommst, dann bitte, schieß ihn ab. Ich habe ihm einmal seine Sicherheit garantiert, wenn er sich in unsere Hand begibt. Das hat er nicht getan, er hat uns betrogen, damit ist meine Zusage hinfällig.«

Mikail sah Damir gerade in die Augen. Er konnte den Kerl einfach nicht brauchen. Sein Hass auf den Mann, der die Folter und den Tod seiner Schwester angeordnet hatte, vernebelte ihm das Hirn.

»Na schön«, kam es gepresst von Damir. »Ich hoffe, ich kriege diese Gelegenheit.«

Mikail atmete innerlich auf. »Gut. Also, dann alles zurück an die Arbeit. Puschpika übernimmt ab morgen die Koordination.« Dagegen regte sich zum Glück nicht der geringste Widerstand. Die anwesenden Männer hatten begriffen, dass Puschpika einen klugen Kopf und, wenn nötig, verdammt viel Mumm in den Knochen hatte. Nicht einmal Kossula zweifelte das noch an.

Als sich alle erhoben, bedeutete Mikail Loris und Jekarina, noch zu bleiben. Sie ließen sich erneut auf die Kissen nieder.

»So. Jekarina, ich weiß, du wärest lieber im Westen dabei«, begann Mikail. »Du kennst die Leute, hast schon mit ihnen gekämpft, und dir liegt viel an ihnen.«

»Aber du befiehlst und ich gehorche, oder wie war das?«

»Nein, Jekarina, nein. Wir sind Freunde, haben so viel zusammen durchgemacht, ich lasse dich ganz bestimmt nicht springen, wie ich pfeife.«

»Was dann?«

»Ich brauche dich hier, damit du das Wertvollste beschützt, was ich habe.« Er deutete auf Puschpika und Loris. »Du weißt, wie sehr ich Puschpika liebe. Wir haben stundenlang geredet, sie will mich nicht gehen lassen, ich will sie nicht verlassen, aber uns bleibt keine Wahl. Wir müssen den Leuten im Westen zeigen, wie wichtig sie für uns sind. Das geht nun mal am besten, indem ich persönlich auftauche. Und Loris ist mein ältester Freund. Ich habe dir wohl alles von ihm erzählt in den letzten Monaten. Du hast ihn für mich aus dem Kerker geholt und Seite an Seite mit ihm gekämpft.«

Mikail stand auf, trat vor die Riesin und legte ihr die Hände auf die Schultern. Sie war selbst im Sitzen kaum kleiner als er. »Pass mir bitte auf die zwei auf. Ich will meine Puschpika gesund und munter wiedersehen, wenn ich zurückkomme. Und Loris muss schließlich heim zu Frau und Kind. Den beiden darf nichts passieren. Wenn ich irgendjemandem zutraue, sie gegen alles und jeden zu verteidigen, dann bist das du.«

Einen Moment lang sah Jekarina ihn zweifelnd an, dann erstrahlte ihr Gesicht in dem warmen Lächeln, das man dieser Gigantin gar nicht zutraute, bis man sie richtig kennenlernte. »Na schön, das ist ein Argument. Ich pass auf die beiden Hübschen auf, verlass dich auf mich. Und du kommst mir gefälligst heil wieder zurück, ist das klar?«

»Ich tu mein Bestes.«

Am folgenden Morgen trafen sie sich bereits bei Sonnenaufgang an den Ställen. Die ganze Führungsriege der Rebellen war anwesend. Neben den Reitpferden und dem Gendo warteten noch drei Packpferde mit Verpflegung und Ausrüstung auf die fünf.

Mikail sah von einem zum anderen derer, die er zurückließ. »Tut, was ihr könnt, um Tasik-Hutan auf einen Angriff vorzubereiten, ja? Ich will euch alle gesund und munter wiedersehen, wenn ich zurückkomme.« Ein etwas längerer Blick zu Loris, ein aufmunterndes Nicken von Jekarina. Dann nahm er Puschpika in die Arme.

»Komm du mir ja in einem Stück nach Hause, ist das klar?« Sie drückte ihn fest. »Ich habe mich nicht in dich verliebt, um dich gleich wieder zu verlieren.«

»Das geht mir genauso«, erwiderte er und küsste sie zärtlich. »Welchen schöneren Grund könnte es geben, hierher zurückzukommen, als dich an mich zu drücken?« Sie fühlte sich so unglaublich weich und warm an, und vor allem … wenn er seine Nase in ihr Haar steckte, dann roch sie einfach nach … Zuhause. So verrückt das auch sein mochte, ihr Geruch sagte ihm, hier gehörte er hin. Und hierhin wollte er unter allen Umständen zurückkehren. Zu ihr.

Ein letzter, inniger Kuss, dann zwang er sich sie loszulassen und schwang sich auf den Gaul. Auch alle anderen saßen auf.

»Also dann.« Er sah in die Runde, schenkte Puschpika einen liebevollen Blick. »Auf geht’s, versohlen wir Tiru noch mal den Arsch. Bis er’s endlich lernt.« Er drückte dem Pferd die Fersen in die Flanken und ritt los. Hinter sich hörte er den Rest seiner Gruppe.

3

Direkt nach dem Aufbruch Mikails und seiner Begleiter sammelte sich der Rest der Gruppe im Besprechungsraum.

»Er wird schon wieder heil zurückkommen«, brummte Jekarina aufmunternd und streichelte Puschpika wie einem Kind über den Kopf.

»Das will ich ihm geraten haben. Er wird hier noch gebraucht.« Puschpika pflanzte sich auf ihr Sitzkissen. »Und zwar nicht nur von mir. Die Leute brauchen jemanden, der ihnen sagt, wo’s langgeht. Mikail hat sich einen guten Ruf erworben, ihm werden sie folgen.«

»Womit er aber nicht wirklich glücklich ist«, wagte Loris einzuwenden. Er kannte seinen Freund zu genau. Die Vorstellung, sich als Herrscher aufzuspielen und damit praktisch in Tirus Fußstapfen zu treten, war Mikail zuwider.

»Das weiß ich«, gab Puschpika seufzend zu. »Ihr kommt aus einer ganz anderen Kultur, bei euch ist es selbstverständlich, dass alle mitentscheiden. Meine Landsleute kennen das nicht. Man hat sie generationenlang unselbständig gehalten, sie brauchen jemanden, der sie anführt. Und Mikail könnte dieser Jemand sein. Wenn der Weg dann zu mehr Selbstbestimmung führt, wunderbar. Aber das wird dauern.«

»Ich habe das Gefühl«, bemerkte Haidar, »ihm graust es so sehr vor dieser Rolle, dass er auch deshalb nach Westen gezogen ist, um dem Ganzen zu entgehen.«

»Könnte gut sein, ja«, stimmte Loris zu. Mikail hatte es ihm nicht offen gesagt, aber es brauchte nicht viel, um sich das auszurechnen.

»Blöderweise wäre er der Einzige, der dafür infrage kommt.« Lien kratzte sich am Kopf. »Wenn er weg ist, wird es umso schwieriger, Kiril und seine Lehrer unter Kontrolle zu halten. Der kommandiert nämlich nur allzu gerne das Volk herum, und niemand von uns hat auch nur annähernd Mikails Einfluss auf die Menschen, um das zu unterbinden. Er gilt vielen als Held.«

»Aber trifft das nicht auf euch alle zu?«, fragte Loris. »Ihr habt den Aufstand doch gemeinsam angeführt. Und Puschpika wird besonders von den Frauen bewundert, das habe ich schon von ein paar Wächterinnen gehört, die während der Belagerung aus Tirus Heer geflohen waren. Auch dich, Lien, und Priti haben sie als Legenden bezeichnet. Viele Frauen aus der Stadt haben mir Ähnliches gesagt. Gerade das Eheweib, das die Leibgarde des Erhabenen getötet hat und ihm entkommen ist, verehren manche regelrecht.«

»Das schmeichelt mir«, antwortete Puschpika, »nutzt aber nicht viel. Was Frauen denken, zählt hier wenig, das weißt du doch. Die Menschen würden sich nie und nimmer von mir oder Lien anführen lassen. Für einen großen Teil der Männer hier bin ich nur das verräterische Weib, das seinem Ehemann die Treue gebrochen hat. Selbst wenn es dabei um Tiru geht, Gehorsam ist die Pflicht des Eheweibs. Sie würden mich unter keinen Umständen als Herrscherin akzeptieren. Keine Frau. Nur ein Mann kommt infrage. Und so leid es mir tut, du wärest auch nicht geeignet.«

Loris wehrte erschrocken ab. »Bloß nicht! Ich will doch nicht ewig hier festsitzen.« Er merkte, wie unfreundlich das klingen musste. »Ich meine, ich will zurück zu meiner Gefährtin und unserem Kind, am besten, bevor es geboren wird. Das wisst ihr doch. Or ist meine Heimat, meine Familie lebt dort.«

»Schon gut«, beschwichtigte Haidar. »Verstehen wir. Dummerweise ist auch sonst niemand von uns dafür geeignet. Farik war wenigstens Gardist, aber das macht ihn in den Augen der Bevölkerung noch lange nicht zu einem rechtmäßigen Herrscher. Tiru hatte damals den Bürgerkrieg beendet, das war seine Legitimation. Und sein Rang als Stimme Gottes natürlich. Mikail ist für die Leute der Mann, der Tiru vertrieben hat. Selbst wenn sie das an sich nicht gutheißen mögen, so erkennen sie doch die Leistung an. Wir haben mitgemacht, du hattest sicher einen großen Anteil daran, das Bauernheer aus dem Westen herzubringen, aber der Kopf der Sache wird für sie immer Mikail bleiben. Er könnte Kiril etwas entgegensetzen, für uns wird das schwierig. Immerhin ist der alte Schreihals der Oberlehrer und damit seit Tirus Weggang quasi der Vertreter Gottes hier.«

»Dann hätten wir Mikail also nicht gehen lassen dürfen?«

»Wie man’s nimmt. Wahrscheinlich kann wirklich nur er im Westen dafür sorgen, dass die Leute Tiru erneut die Stirn bieten. Er wird dort gebraucht, hier aber genauso. Das weiß auch Tiru. Er hat uns mit Sicherheit sehr bewusst in diese Situation gebracht.«

Es klopfte, und einen Moment später öffnete ein junger Mann die Tür.

»Kiril« , sagte er. »Er steht mal wieder oben im Fenster und wettert gegen uns.«

»Wenn man vom Esel spricht«, stöhnte Loris, und Jekarina ergänzte: »Dann schreit er.«

»Erhebt euch gegen die Verbrecher, die sich gegen unseren erhabenen Herrn, Gottes gesegneten Boten, gestellt haben, die sich versündigt haben gegen Gottes Wille! Sein untreues Weib, die verräterischen Wächter, und ganz besonders das Gesindel aus dem Land der Gottlosen. Gottes Zorn wird sie hinwegfegen, und ihr seid auserkoren, ihn zu vollstrecken.«

Kiril stand in seiner grauen, mit Gold veredelten Kutte in einem Fenster des großen Tempels, sah aus fünf Metern Höhe auf den weiten Platz vor dem Gebäude hinaus und plärrte mit seiner unangenehm durchdringenden Stimme seine Tiraden in die Welt.

»Wie ist der Idiot denn schon wieder da hochgekommen?«, fragte Farik wütend. »Wir hatten ihm doch den Zutritt zum Tempel verboten.«

»Er wird mal wieder einen Dummen gefunden haben, den er so lange zugetextet hat, bis der ihn durchlässt«, mutmaßte Lien. »Du kennst doch das Spielchen. Ich bin der Oberlehrer, dies ist das Haus Gottes, wie kannst du mir den Zutritt verweigern? Der übliche Unsinn.«

»Mörder sind sie, allesamt«, zeterte Kiril weiter. Selbst von hier aus sah man, wie ihm der Geifer aus dem Mund spritzte. »Die treuen Weiber unseres geliebten Herrschers haben sie grausam ermordet, seinen Palast in Besitz genommen und den Tempel des Herrn geschändet!«

»Darf ich dem Drecksack bitte den Hals umdrehen?«, fragte Jekarina wütend und erhob gleich darauf ihre donnernde Stimme, mit der sie mühelos Kirils Geschrei übertönte. »Halt dein verlogenes Maul, du Miststück! Du weißt ganz genau, dass die armen Dinger auf Tirus Befehl hin von seiner Leibgarde abgeschlachtet wurden. Wer soll denn so blöde sein, dir zu glauben?«

Eingerahmt von weißem Haar auf dem Kopf und ebenso weißem Vollbart, sah man besonders gut, wie das Gesicht des Oberlehrers noch röter anlief, als es eben schon gewesen war.

»Schweig, Weib!«, plärrte er zornig. »Du gottloses, verkommenes Weibsstück wagst es, mich, den obersten Diener Gottes, zu beleidigen? Der Herr wird …«

»Sich kaputtlachen über den Scheiß, den du hier erzählst«, unterbrach sie ihn. »Dabei sollte er dir eigentlich deinen knochigen Arsch aufreißen für die dreisten Lügen, die du verbreitest. Euer Gott ist doch so ein großer Freund der Wahrheit und Gerechtigkeit, oder?«

Für einen Moment sah es so aus, als wolle sich Kiril von dort oben direkt auf die Riesin stürzen, dann riss er sich zusammen, nahm eine betont aufrechte Haltung an und blickte arrogant auf sie herab. »Wie du siehst, bleibt die Strafe des Herrn aus, obwohl er mich jederzeit mit einem Blitz erschlagen könnte. Offenbar hat er an meinen Worten nichts auszusetzen. Denn ich spreche die reine Wahrheit.«

»Ach, so ist das?« Jekarina grinste breit. »Ist ja interessant. Wenn dein Gott also in der Lage ist, jedem einen Blitz über die Rübe zu ziehen, der ihm nicht passt … warum stehen wir«, sie wies mit einer Geste auf ihre Freunde, »hier dann noch so lebendig in der Gegend rum? Heißt das jetzt womöglich, dass er an uns gar nichts auszusetzen hat? Oder ist das ganze Gerede vom großen Blitzeschmeißer nur ein Haufen Schafscheiße?«

Loris musste sich mit aller Macht ein Lachen verkneifen. Ja, die Riesin mit dem grobknochigen Gesicht und der robusten Art konnte manchmal verdammt schnell denken. Und Kirils säuerliche Miene war einfach zu herrlich.

»An Gesindel wie euch macht der Herr sich nicht die Finger schmutzig«, lautete schließlich die schwache Entgegnung. »Er weiß, dass seine Kinder ihm bald wieder treu folgen und euch der gerechten Strafe zuführen werden.«

»Au weia. Was noch Blöderes ist dir wohl auf die Schnelle nicht eingefallen, was?«, kommentierte die Riesin und lachte dröhnend. »Und jetzt komm da runter und schleich dich, bevor ich nachhelfe!«

Einen Moment überlegte Kiril offensichtlich, in seiner Rede fortzufahren, doch als Jekarina einen Schritt auf den Eingang des Tempels zu machte und dabei demonstrativ nach hinten griff, wo ihre gigantische, zweischneidige Axt im Geschirr steckte, verschwand er eilends aus der Fensteröffnung. Wenige Herzschläge später tauchte er im Tor auf und rauschte hoch erhobenen Hauptes in sicherer Entfernung an ihnen vorbei, während er ihnen hasserfüllte Blicke zuwarf. »Ihr werdet nicht triumphieren!«, blökte er, als er sich in ausreichendem Abstand glaubte. »Bald werdet ihr vor dem Herrn und seinem erhabenen Boten im Schmutz liegen und um Gnade winseln.«

»Wirst du wohl?« Jekarina deutete an, ihm folgen zu wollen, woraufhin der alte Mann eilig und ganz und gar würdelos das Weite suchte.

»Feigling.« Sie lachte wieder so donnernd, dass man meinte, den Staub von der Tempelfassade rieseln zu sehen.

Für einen Moment fielen die anderen mit ein, dann zog Haidar ein unglückliches Gesicht. »Das ist ja sehr lustig, wie du ihn vorführst. Nur machen wir uns leider damit bei vielen Bürgern der Stadt nicht unbedingt beliebt. Sie halten nach wie vor zu Kiril und seinen Lehrern – und Lehren.«

»Soll ich ihn denn seine Lügen unwidersprochen in die Gegend furzen lassen?«, entgegnete Jekarina ungläubig.

»Natürlich nicht«, antwortete Haidar. »Aber wenn du ihn noch öfter so lächerlich machst, könnten wir einen großen Teil der Bevölkerung gegen uns aufbringen. Selbst diejenigen, die mit Tirus Herrschaft nicht allzu glücklich waren, werden es dir – und damit uns – übelnehmen, wenn du ihren Glauben in den Schmutz ziehst. Mit Kiril greifen wir in ihren Augen direkt Gott an.«

Das fürchtete Loris allerdings auch. So amüsant es war, wie Jekarina sich über den Schreihals lustig machte, die Waldleute mochten das ganz und gar nicht witzig finden. Wenn er sich umsah, begegnete er ziemlich vielen wütenden Blicken. Manche schenkten ihm auch ein Grinsen oder ein verschwörerisches Zwinkern. Leider eher die Minderheit.

Die nächsten Tage verbrachte Loris damit, die Befestigungsarbeiten und den Waffenbau zu beaufsichtigen. Während die Mauer, die das Tempel- und Palastgelände umgab, täglich mit weiteren Speerschleudern und Steinwerfern bestückt wurde, gruben Bautrupps an allen wichtigen Straßen Fallgruben, die den Truppen des gestürzten Herrschers – ganz besonders den großen Tieren, die er im Kampf einsetzte – zum Verhängnis werden sollten. Auf den Dächern der Gebäude wurde Material angehäuft, mit dem man bei Bedarf in Minuten die Nebenstrecken blockieren und den Feind auf die präparierten Hauptstraßen lenken konnte. Selbst im Wald, der die Stadt auf drei Seiten umgab, wurden Fallen aufgebaut. Tirus Heer sollte schon zermürbt werden, bevor es Tasik-Hutan überhaupt erreichte.

Leider hielt die peinliche Niederlage gegen Jekarina den Oberlehrer Kiril nicht lange ruhig. Zwar sorgte die Riesin mit einem gewaltigen Donnerwetter dafür, dass man ihn nun wirklich nicht mehr in den großen Tempel ließ, doch bereits am nächsten Tag sah man ihn auf dem Dach eines Hauses stehen. Von dort aus verbreitete er seine Lügen und Hasstiraden, bis er diesmal von Farik weggescheucht wurde – nur um Stunden später in einem alten, kleinen Tempel am Stadtrand zu sprechen. Dort wurde man ihn nicht so leicht los, zu viele seiner Anhänger hatten sich versammelt, es hätte einen Kampf gegeben, den man lieber vermeiden wollte.

Loris verstand ja, dass die herausragende Stellung des Oberlehrers es schwer machte, ihn effektiv ruhigzustellen. Trotzdem fragte er sich immer wieder, ob es nicht weniger Schaden angerichtet hätte, den Kerl wegzusperren, als ihn ständig weiter sein Gift versprühen zu lassen.