Verbannung - Sascha Raubal - E-Book

Verbannung E-Book

Sascha Raubal

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Beschreibung

In einer Welt, in der jede Abweichung von der Norm ein Todesurteil bedeutet, wachsen zwei junge Männer heran, die bei allen Gegensätzen eine unverbrüchliche Freundschaft verbindet. Als Mikail in höchster Not offenbart, dass auch er nicht »normal« ist, muss Loris hilflos zusehen, wie sein Freund in die tödliche Wildnis verbannt wird. Und das, direkt bevor die große Dürre beginnt, die ihre Heimatstadt Or in große Gefahr bringt. Gegen alle Widerstände kämpfen beide um ihr Leben und das ihrer Lieben, doch in diesen Wirren bleibt ihre so sicher geglaubte Freundschaft Stück für Stück auf der Strecke. Dieser Sammelband enthält die Bände 1 – 4 der insgesamt 12-teiligen Serie »Die Abartigen«. »Wer sich auf diese Reise einlässt, erlebt nicht nur spannende Abenteuer, sondern lernt auch viel über Menschlichkeit, Vergebung und die Kraft des Guten.« Manuela Hahn auf "Lesenswertes aus dem Bücherhaus" »Es ist eine Geschichte über das Menschsein, über Verschiedenheit und den Wunsch, dazu zu gehören, aber auch über das Bedürfnis, sich abzugrenzen. Es ist eine Geschichte über Sehnsüchte und Träume, Liebe und Freundschaft, Verrat, Missgunst, Entscheidungen, Glauben, Zweifel und Veränderung.« Andrea auf Andijah.eu

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 1178

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Sascha Raubal

die Abartigen

sammelband i

verbannung

Enthält die Bände 1 – 4:

Karawane nach Cood

Der Prozess

Die Freien

Kampf um Or

Die Einzelbände dieser Serie:

Band   1 – Karawane nach Cood

Band   2 – Der Prozess

Band   3 – Die Freien

Band   4 – Kampf um Or

Band   5 – Flüchtlinge

Band   6 – Neuland

Band   7 – Die Stimme Gottes

Band   8 – Waldland in Flammen

Band   9 – Donnerechsen

Band 10 – Todesklippen

Band 11 – Invasion

Band 12 – Das größte Verbrechen

Inhaltswarnung:

In diesem Buch wird gelebt und gestorben – mit allem, was dazugehört.

Menschen, die sich mit Biologie und speziell Genetik auskennen, könnten während der Lektüre von Band 3 an aufgerollten Zehennägeln leiden. Sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt!

Die Abartigen, Sammelband I – Verbannung

1. Auflage 2025

© 2025 Sascha Raubal

ISBN: 978-3-384-71982-9

Cover:

Dream Design – Cover and Art

Innenteilillustrationen:

Markus Gerwinski (https://www.markus.gerwinski.de)

Dies hier ist Menschenwerk. Sowohl beim Text als auch bei Cover und Illustrationen wurden keine KI-generierten Inhalte genutzt.

Druck und Distribution im Auftrag :

tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Für die Inhalte fremder Internet-Seiten übernimmt der Autor keine Haftung.

Die Verwendung dieses Werkes oder von Teilen davon zum Training von KI-Technologien oder -Systemen ist untersagt.

Inhaltsverzeichnis

Band 1, Kapitel 1 – Mikail

Band 1, Kapitel 2 – Loris

Band 1, Kapitel 3 – Mikail

Band 1, Kapitel 4 – Loris

Band 1, Kapitel 5 – Mikail

Band 1, Kapitel 6 – Loris

Band 1, Kapitel 7 – Mikail

Band 1, Kapitel 8 – Loris

Band 1, Kapitel 9 – Mikail

Band 1, Kapitel 10 – Loris

Band 2, Kapitel 1 – Mikail

Band 2, Kapitel 2 – Loris

Band 2, Kapitel 3 – Mikail

Band 2, Kapitel 4 – Loris

Band 2, Kapitel 5 – Mikail

Band 2, Kapitel 6 – Loris

Band 2, Kapitel 7 – Mikail

Band 2, Kapitel 8 – Loris

Band 2, Kapitel 9 – Mikail

Band 2, Kapitel 10 – Loris

Band 2, Kapitel 11 – Mikail

Band 2, Kapitel 12 – Loris

Band 2, Kapitel 13 – Mikail

Band 2, Kapitel 14 – Loris

Band 2, Kapitel 15 – Mikail

Band 2, Kapitel 16 – Loris

Band 2, Kapitel 17 – Mikail

Band 2, Kapitel 18 – Loris

Band 2, Kapitel 19 – Mikail

Band 2, Kapitel 20 – Loris

Band 2, Kapitel 21 – Mikail

Band 3, Kapitel 1 – Loris

Band 3, Kapitel 2 – Mikail

Band 3, Kapitel 3 – Loris

Band 3, Kapitel 4 – Mikail

Band 3, Kapitel 5 – Loris

Band 3, Kapitel 6 – Mikail

Band 3, Kapitel 7 – Loris

Band 3, Kapitel 8 – Mikail

Band 3, Kapitel 9 – Loris

Band 3, Kapitel 10 – Mikail

Band 3, Kapitel 11 – Loris

Band 3, Kapitel 12 – Mikail

Band 3, Kapitel 13 – Loris

Band 3, Kapitel 14 – Mikail

Band 3, Kapitel 15 – Loris

Band 3, Kapitel 16 – Mikail

Band 3, Kapitel 17 – Loris

Band 3, Kapitel 18 – Mikail

Band 3, Kapitel 19 – Loris

Band 3, Kapitel 20 – Mikail

Band 3, Kapitel 21 – Loris

Band 4, Kapitel 1 – Mikail

Band 4, Kapitel 2 – Loris

Band 4, Kapitel 3 – Mikail

Band 4, Kapitel 4 – Loris

Band 4, Kapitel 5 – Mikail

Band 4, Kapitel 6 – Loris

Band 4, Kapitel 7 – Mikail

Band 4, Kapitel 8 – Loris

Band 4, Kapitel 9 – Mikail

Band 4, Kapitel 10 – Loris

Band 4, Kapitel 11 – Mikail

Band 4, Kapitel 12 – Loris

Band 4, Kapitel 13 – Mikail

Band 4, Kapitel 14 – Loris

Band 4, Kapitel 15 – Mikail

Band 4, Kapitel 16 – Loris

Band 4, Kapitel 17 – Mikail

Band 4, Kapitel 18 – Loris

Band 4, Kapitel 19 – Mikail

Band 4, Kapitel 20 – Loris

Band 4, Kapitel 21 – Mikail

Band 4, Kapitel 22 – Loris

Band 4, Kapitel 23 – Mikail

Band 4, Kapitel 24 – Loris

Band 4, Kapitel 25 – Mikail

Band 4, Kapitel 26 – Loris

Band 4, Kapitel 27 – Mikail

Band 4, Kapitel 28 – Loris

Band 4, Kapitel 29 – Mikail

Es geht weiter! Sammelband II

Danke

Der Autor

Die Kurt-Reihe

die Abartigen

band 1

karawane nach cood

1

Zum zweiten Male ertönten die Hörner, unheilverkündend schallten sie von den Gipfeln des Sandsteingebirges bis weit über das Umland hinaus. Der tiefe Klang verriet Mikail, dass es sich um einen Säugling handeln musste. Armer kleiner Wurm. Was das Kind wohl hatte? Schnell zwang er sich, an etwas anderes zu denken. Lia! Er sollte sie heute unbedingt von der Schule abholen. Ja, sie würde sich freuen.

Mikail schnappte sich den nächsten Sack Korn und warf ihn auf den oberen Boden. Vater würde toben, wenn er das sah, doch der übertrieb es einfach mit der Ängstlichkeit. Vorsichtshalber wandte er sich um und warf einen Blick aus dem Scheunentor. Niemand in Sicht. Gut. Die restlichen vier Säcke folgten, dann kletterte er selbst hinauf und stapelte alles ordentlich.

Gerade wollte er wieder hinabsteigen, da trat Toivo ein. Seine von Natur aus dunkle und von der Sonne noch mehr gebräunte Haut war wie fast immer bedeckt von Schweiß und Staub.

»Schon fertig?« Vater zog misstrauisch die Brauen hoch.

»Hab mich beeilt«, antwortete Mikail und ging zur Leiter. »Ich will nachher Lia abholen.«

Toivo schnaubte verärgert. »Als wenn das so eilig wäre. Du hast es mal wieder im Schnellverfahren erledigt.« Er packte seinen Sohn an den Schultern, als dieser den Erdboden erreichte, und schüttelte ihn. »Kerl, verdammt, du hast das Horn gehört. Hast du immer noch nicht begriffen, welchem Risiko du dich aussetzt? Und uns gleich dazu?«

Mikail verzog das Gesicht. »Es war niemand da, ich hab aufgepasst.«

»Aufgepasst!« Vater schüttelte verzweifelt den Kopf. »Weil du ganz sicher jeden hörst, der plötzlich hereinplatzt. Was, wenn dein Freund Loris aufgekreuzt wäre?«

»Was dann?« Mikail machte sich los. »Er ist mein Freund, er würde dichthalten, das weißt du.«

»Ja, er ist dein Freund. Und er ist ein guter Kerl, keine Frage. Aber du kennst seine Eltern. Rutscht ihm einmal etwas heraus, dann ist das das Ende.« Er schwieg eine kurze Weile und sah Mikail eindringlich in die Augen. »Gerade, weil du so auf Lia aus bist.«

»Was höre ich da?«, tönte eine wohlbekannte Stimme herein. »Der Kerl ist auf Lia aus? Mein Schwesterherz? Sehr eigenartig, dafür hält er sich aber ganz schön zurück. Vielleicht sollte ich ihm mal kräftig in den Arsch treten, damit er endlich in die Pötte kommt.«

Mit einem breiten Grinsen trat Loris um die Ecke. Toivo ließ seinen Sohn los und zwang ein erfreutes Lächeln auf sein Gesicht. »Gut, dann brauche ich es nicht zu erledigen.« Er verließ die Scheune, klopfte Mikails bestem Freund im Vorbeigehen auf die Schulter und warf nur noch einen mahnenden Blick zurück, bevor er ganz draußen war.

Loris baute sich vor Mikail auf und starrte ihm herausfordernd in die Augen. Sie waren beinahe gleich groß, Mikail hatte etwa zwei Fingerbreit mehr zu bieten. Wie üblich trug der Sohn des Eisenunternehmers gute, neue Kleidung und hatte das lange schwarze Haar in einem Pferdeschwanz nach hinten gebunden. Mikails Hemd und Hose dagegen waren trotz des derben Stoffes durch die Arbeit auf dem Hof immer recht schnell ruiniert, und seine braunen Locken sahen meist wie ein explodiertes Vogelnest aus.

»Du bist also hinter meiner kleinen Schwester her, ja?« Loris hob die Fäuste und boxte Mikail in die Schulter. »Dann wird’s aber Zeit, dass du das in die Tat umsetzt, du Depp. Stattdessen bringst du sie auch noch dazu, alle anderen davonzujagen. Ihr und eure bescheuerte Idee. Du bist neunzehn, sie siebzehn, was soll der Unsinn?«

Mikail streckte ihm die Zunge raus und lachte. »Lass das mal unsere Sache sein, ja? Wir haben uns das so vorgenommen, und du mischst dich nicht ein. Was willst du eigentlich hier? Nix zu tun oder was?«

Loris zuckte die Schultern. »Nö, nicht viel. Das heißt, wenn es nach meinem alten Herrn ginge, müsste ich ständig im Geschäft mithelfen. Aber …«

»Aber du bist ’ne faule Sau und hast nicht die geringste Lust dazu, schon klar.«

»Das war jetzt aber unschön formuliert«, moserte Loris und lachte. »Faul war ich ja nun noch nie. Ich hab nur … Besseres zu tun.«

»Wie zum Beispiel hier rumzuhängen, zu lauschen und blöde Sprüche zu machen.«

Loris kicherte. »Jaja, lauschen. Da hab ich ja ein gar furchtbares Geheimnis erfahren. Du bist hinter Lia her. Als wenn ich das nicht wüsste.«

Innerlich atmete Mikail auf. Wenn das alles war, was Loris gehört hatte … Er vertraute seinem Freund wirklich, doch Vater hatte recht: Allzu schnell rutschte ein falsches Wort heraus. Außerdem wollte er Loris nicht unnötig in die Zwickmühle bringen.

»Allerdings«, fuhr dieser mit erhobenem Zeigefinger fort, »habe ich auch noch eine Botschaft zu überbringen. Von meiner lieben Frau Mutter.«

»Au weh.«

»Genau.«

»Was will sie denn?«

»Keine Ahnung. Klang aber nicht besorgniserregend. Eher sogar, als ob sie gute Nachrichten für uns hat. Wir sollen uns heute Nachmittag bei ihr einfinden. Um drei.«

Unwillkürlich dachte Mikail wieder an den Klang der Hörner. Um drei würden sie zum letzten Mal ertönen. Er schluckte. »Gut, um drei bin ich bei euch.«

»Prima, dann sehen wir uns spätestens da.« Loris klopfte ihm auf den Oberarm und wandte sich zum Gehen. »Ach ja … du weißt, wann Lia heute Schluss macht?«

»Hau ab!« Mikail schnappte sich eine Handvoll Stroh vom Boden und warf es grinsend hinter Loris her.

Natürlich wusste er sehr genau, wann die Schule aus war. Bis dahin war aber noch einiges zu tun. Die Dürre rückte immer näher, und noch waren nicht alle Felder abgeerntet. Den letzten Sack Gerste hatte er gerade eingelagert, doch die anderen Getreidesorten wurden teilweise eben erst reif. Neben etwas Viehzucht bauten seine Eltern hauptsächlich Getreide an, das in Ors trockenem Klima guten Ertrag abwarf.

Er hatte schon genug Zeit verquasselt, nun musste er schleunigst zurück aufs Feld und seinem Bruder helfen. Dann war gerade noch Zeit für ein paar Bissen zu Mittag, und wenn er schnell war, erwischte er Lia noch an der Schule.

Als er aus der Scheune lief, rannte er fast in Alex, den Gockel hinein. »Du blödes Vieh!«, schimpfte er lachend. »Irgendwann rennt dich wirklich noch mal jemand über den Haufen.« Alex sah ihn nur scheel von der Seite an. Der Hahn reichte Mikail bis zur Hüfte, die übliche Rasse, die hier von Bauern gehalten wurde, bei denen genug Platz war. Das gab schöne große Eier und ordentlich Fleisch. In der Stadt hielten sich auch einige Leute Hühner, eher zum Spaß, die waren dann aber nicht einmal halb so groß. »So ein dicker Brocken, und dann ein Erbsenhirn«, lästerte Mikail grinsend und kurvte um den stolzen Gockel herum. »Geh, kümmer dich um deine Mädels, sonst kommst du demnächst in die Suppe!«

Auf dem Weg am Haus vorbei rief Mutter ihn aus dem Küchenfenster.

»Mikail, sei so lieb, und gehe Vater bei den Rindern zur Hand, ja?«

»Ich sollte eigentlich Tomasch helfen.«

»Der schafft den Rest auch noch alleine.« Pilar winkte ab. »Ist nicht mehr viel, und er weiß schon Bescheid. Aber Vater braucht ein paar starke Hände bei dem Bullen. Der will mal wieder nicht so, wie er soll.«

Ach, der nun wieder. So ein störrisches Mistvieh aber auch. Wenn er nicht so fleißig Nachwuchs produziert hätte, wäre er schon längst geschlachtet worden. Aber so ein großer, stattlicher Stier sorgte auch für große Nachkommen mit viel Fleisch und einer guten Milchleistung. Dafür nahm Vater die Scherereien in Kauf. Vor allem, da meist Mikail derjenige war, der das Biest zur Raison bringen musste.

Er schlug also den Weg zum Stall ein und hörte seinen Vater schon von weitem fluchen. Ja, das klang nach einem der üblichen Trotzanfälle des Bullen.

»Björn, du dämliches Drecksvieh, komm jetzt da raus!«

Als Mikail den Stall betrat, musste er unwillkürlich schmunzeln. Björn der Bulle stand in einem der kleinen Abteile, in denen die trächtigen Kühe kurz vor der Geburt gehalten wurden. Ein dicker Strick lag um seinen Hals, an dem Vater mit vor Zorn und Anstrengung hochrotem Kopf zerrte wie ein Wahnsinniger. Björn sah ihn nur aus seinen großen Augen an und rührte sich keinen Fingerbreit. Zum Glück waren diese gezüchteten Rinder nicht aggressiv, im Gegensatz zu den wildlebenden Arten. Bei zwei Metern Risthöhe hätte der Stier seinen Besitzer mit einem einzigen Tritt zermalmen oder ihn mit den beachtlichen Seitenhörnern aufspießen können. Nur die Stirnhörner, bei wilden Rindern tödliche Waffen, waren bei Hausrindern wie Björn zu zwei lächerlichen Höckerchen zurückgebildet. Statt bösartig zu werden, stand der Bulle einfach nur vor der Kuh und bewegte sich nicht. Er wollte das trächtige Weibchen beschützen; eigentlich ein feiner Zug von ihm, hier jedoch vollkommen unnötig. Im Gegenteil, sollte irgendetwas bei der Geburt schiefgehen, könnte man nicht einmal eingreifen.

»Na, spinnt er mal wieder?« Mikail trat schmunzelnd zu seinem Vater. Der atmete ächzend aus, ließ den Strick locker und reichte ihn an Mikail weiter.

»Das Übliche. Björn und seine Vatergefühle. Man sollte den Viechern das unbedingt abzüchten.«

»Dann werden sie am Ende wieder gefährlich.«

Toivo winkte schwer schnaufend ab. »Jaja, kann sein. Na los, hol das blöde Vieh da raus. Trixi wirft bald, dann müssen wir zu ihr kommen.«

»Ist recht.« Mikail wickelte sich das Seil um den Unterarm und stemmte sich gegen den Boden. »Na, dann komm mal, du unterbelichteter Fleischberg. Raus jetzt!« Er zog, und Björn sah ihn wie immer erstaunt an, bevor er dem Zug nachgab und widerwillig den ersten Schritt machte. Der lernte es auch nie, dass er gegen Mikail nicht ankam.

»Soll ich ihn raus auf die Weide bringen oder in sein Abteil?«

Vater stand in der Stalltür und sah nach draußen. Er passte auf, dass niemand kam. »Ins Abteil, etwas Strafe muss sein.«

Hörnerklang schwebte durch die Luft herein. Wieder eine Stunde um. Für einen Moment ließ Mikail nach, und Björn gewann ein Stück Boden zurück.

»Mist!« Mikail konzentrierte sich wieder auf seine Aufgabe. Meter um Meter zog er das störrische Rindvieh in den Mittelgang hinein. Dort endlich gab es den Widerstand auf und ließ sich nun brav zu seinem eigenen Platz führen.

»Na also, du Sturschädel.« Mikail klopfte dem Bullen auf die Flanke, schloss die Tür des Abteils und trat neben Toivo. »Hätte Trixi nicht schon längst werfen sollen?«

»Längst?« Vater sah ihn verwundert an. »Gestern hatten wir damit gerechnet, aber ein paar Tage Spielraum sind ja immer drin.« Er wischte sich zum wiederholten Male den Schweiß von der Stirn. »Danke dir, mein Junge. Jetzt komm, Mutter hat sicher schon das Essen fertig. Und du willst doch rechtzeitig wegkommen, oder?« Ein wissendes Lächeln umspielte seine Lippen.

Mikail nickte nur schweigend und grinste. Seine Liebe zu Lia war nun wirklich kein Geheimnis, und seine Eltern mochten Loris’ Schwester auch sehr gerne. So gönnten sie es ihrem Sohn, seine Flamme ab und an von der Schule abzuholen und nach Hause zu geleiten.

Wenig später saß die ganze Familie um den Esstisch versammelt. Pilar hatte Graupensuppe gekocht und ein paar schöne Stücke Bauchspeck hineingetan. Das größte bekam wie immer Mikail. Tomasch, kaum kleiner aber ein ganzes Stück breiter, hatte seine Proteste dagegen schon lange aufgegeben. Sein drei Jahre jüngerer Bruder brauchte einfach wesentlich mehr Energie.

»Hallo allerseits!« Als Letzte gesellte sich Tomaschs Gefährtin Yuki zu ihnen, ihre Tochter auf dem Arm. Die Kleine war gerade zwei Monate alt und hatte noch keinen Namen erhalten. Das Namensfest würde erst stattfinden, wenn sie ein halbes Lebensjahr vollendet hatte.

»Entschuldigt die Verspätung, sie hatte noch so einen Hunger.« Lächelnd setzte sich Yuki neben ihren Gefährten. Ihre rundlichen Formen ähnelten denen Pilars, was diese gerne als Bestätigung dafür ansah, dass Söhne sich ihre Gefährtinnen oft nach der Ähnlichkeit mit der Mutter aussuchten. Nun ja, Lia wäre ein recht guter Gegenbeweis gewesen.

Tomasch strahlte seine Liebste an und strich dem Kind zärtlich über den Kopf. Noch wohnten die beiden auf dem Hof von Toivo und Pilar, doch da alles danach aussah, dass sie dauerhaft zusammenbleiben würden, sah Tomasch sich bereits nach einer eigenen Behausung um. Einen ganzen Hof wollte er nicht führen, denn im Gegensatz zu Pilar hatte Yuki keinerlei Ambitionen, ihr Leben als Bäuerin zu verbringen. Sie ging lieber weiter ihrer Töpferei nach. Toivo war das nur recht, so würde ihm Tomaschs Arbeitskraft auf dem Hof erhalten bleiben.

Mikail ließ sich nur kurz von seiner Suppe ablenken, um einen Blick auf das Kind zu werfen, dann säbelte er den nächsten großen Bissen vom Bauchspeck ab. Er musste sich ranhalten, sonst verpasste er Lia noch.

Dann fiel ihm ein, was Loris gesagt hatte. »Ach so«, nuschelte er mit vollem Mund. »Ich soll übrigens heute um drei bei Loris sein, oder besser bei seiner Mutter. Die will irgendwas mit uns beiden besprechen.«

Pilar ließ den Löffel klappernd fallen. »Was?«

Mikail rollte nur die Augen und schluckte hinunter. »Sie will was mit uns besprechen. Loris meint, es klang nach einer guten Neuigkeit. Aber er hat wohl auch noch keine Ahnung, worum es genau geht.«

Seine Mutter hatte sich schon wieder gefangen und ignorierte die verwunderten Blicke Yukis. »Ach so. Entschuldige, für einen Moment dachte ich, ihr beiden hättet wieder was ausgefressen, so wie früher. Aber ihr seid ja nun schon groß.«

»Ja, Mutter, das sind wir.« Mikail beeilte sich, mit dem Essen fertig zu werden, verließ den Tisch und steuerte die Schule an. Die Kleinen würden gleich nach Hause entlassen werden.

»Und woher kamen die Ahnen?«

Lia saß auf dem Tisch ganz vorne und sah aufmerksam in die Klasse. Ein blonder Junge hob die Hand.

»Ja, Urik?«

»Von weiter her als wir uns vorstellen können. Aus einem Land, in dem man nicht mehr leben konnte, weil alles so schmutzig war.«

Mikail lehnte sich wie so oft von außen in den Fensterrahmen und lauschte Lias Unterricht. Einige der Kinder lächelten ihm zu, manche kicherten. Lia warf nur einen kurzen Blick in seine Richtung und fuhr fort.

»Ja, so in etwa. Das Land der Ahnen war schmutzig und giftig geworden, und so zogen sie aus, um eine neue Heimat zu suchen. Ein Land, in dem noch nichts anderes lebte und das sie für sich beanspruchen konnten.«

Lia fuhr fort, den Kindern die Geschichte der Ahnen zu erzählen. Dafür hatte sie ein ganz besonderes Talent, und so hingen nicht nur die Kinder gebannt an ihren Lippen, sondern auch Mikail. Wobei ihn diese Lippen mindestens ebenso faszinierten wie das, was sie berichteten. Von der vergifteten alten Heimat, von Menschen, die sich gegenseitig umbrachten für Land, Nahrung und Wasser, von dem Hass, den sie einander entgegenbrachten, wenn sie nur ein wenig unterschiedlich aussahen.

»Die waren wirklich so doof?«, fragte ein kleines Mädchen von vielleicht sieben Jahren dazwischen. »Bloß, weil der eine dunklere Haut hatte als der andere? Das sind doch nur Farben! Das ist ja so, als würde ich meine Freundin hauen, nur, weil ihre Haare schwarz sind und meine rot.«

Lia nickte. »Ja, Jena, so doof waren die wirklich. Du hast ganz recht, das sind nur Farben. Augen, Haare oder Haut, eigentlich ist da kein Unterschied. Auch davor sind die Ahnen geflohen. Und hier haben sie all diesen Unsinn hinter sich gelassen, hier zählen solche Kleinigkeiten nicht, seit vielen, vielen Generationen.«

Just in diesem Moment erschollen die Hörner zum vierten Male. Drei langgezogene Töne versetzten Mikail einen Stich im Herzen. Hier zählen solche Kleinigkeiten nicht, wiederholte er Lias Satz in Gedanken. Ihn fröstelte. Anderes zählte dafür umso mehr.

Lia drinnen klatschte in die Hände. »Fein, Kinder, Schluss für heute. Morgen geht’s um den großen Fehler der Ahnen. Aber jetzt ab nach Hause, eure Eltern warten sicher schon mit dem Essen.«

Lachende und kreischende Kinder stürmten einen Augenblick später aus der Schule, gefolgt von einer strahlenden Lehrerin.

»Na, du musst mich aber auch ständig in Verlegenheit bringen, was?« Lia umarmte Mikail und küsste ihn flüchtig auf die Wange. »Die Kinder fragen schon dauernd, ob wir Gefährten sind.«

Mikail grinste. »Na und? Sollen sie doch! Sobald ich zwanzig bin …«

»Jaja, schon recht.« Sie knuffte ihn in die Seite. »Vorausgesetzt, ich spiele mit.«

Er setzte eine zutiefst entsetzte Miene auf. »Das will ich doch hoffen! Ich halte mich doch nicht die ganze Zeit zurück, um dann …«

Au weh. Böser Fehler. Lias Blick enthielt mehr als nur ein Quäntchen echten Ärger. So wunderschön ihre grünen Augen auch leuchten konnten, ebenso konnten sie wütende Blitze abschießen. »Ach, darum geht’s? Na, wenn das so ist, tob dich nur aus. Man muss immer auf seine Prioritäten achten, nicht?«

Mikail schaute bedröppelt drein. »Ach komm, du weißt doch, dass ich nur Spaß mache. War doch meine Idee genauso wie deine. Meine Priorität bist du und sonst nichts.«

Lia zog eine Augenbraue hoch. Vor ein paar Jahren hatte sie lange vor dem Spiegel gestanden, bis sie sich diesen tadelnden Blick beigebracht hatte, und Mikail hatte sie dafür ausgelacht. Jetzt, das musste er zugeben, wirkte es ziemlich gut.

»So?« Sie ließ ihn noch einige Atemzüge lang zappeln. »Das will ich dir aber auch geraten haben.« Erneut knuffte sie ihn. »Du verbringst eindeutig zu viel Zeit mit meinem Bruder. Der setzt dir nur Flausen in den Kopf.«

»Was kann ich dafür, dass ihn der Lehrer damals ausgerechnet neben mich gesetzt hat?«, verteidigte er sich.

»Stimmt«, gab sie ihm recht. »Er war der Flegel, der durch deinen guten Einfluss ein paar Manieren lernen sollte.« Sie seufzte. »Hat nur leider nicht funktioniert.«

»Das will ich überhört haben!«

Mikail stöhnte und drehte sich um. »Wenn man vom Esel spricht …«

»… dann schreit er«, vollendete Lia und grinste ihren Bruder an. »Hast wohl mal wieder gelauscht, was?«

»Ich?« Loris sah so unschuldig aus wie ein neugeborenes Lämmchen. »Würde ich doch nie tun!«

Einen Augenblick später hatte er sich zwischen Mikail und Lia gedrängt und jedem einen Arm um die Schultern gelegt. »Was ihr nur von mir denkt, ts ts ts.«

Loris drückte seiner Schwester einen Kuss auf die Stirn. »Aber nun lauf mal lieber schnell heim, sonst verpasst du das Essen. Vater hat gekocht, das musst du ausnutzen.«

Aus eigener Erfahrung wusste Mikail, dass Yusef ein weitaus besserer Koch war als die Mutter beiden. Als Ärztin wurde Mona bewundert, als Ratsmitglied geachtet, als Köchin gefürchtet.

»Ich hab übrigens schon gegessen, lecker Eintopf, schön scharf. Und du, mein Bester?« Loris sah Mikail fragend an.

»Graupensuppe, auch lecker, danke der Nachfrage.«

»Na fein.« Loris klatschte in die Hände. »Da ihr ja sonst heute bestimmt nichts vorhabt, schlage ich vor, du, lieb Schwesterherz, stürmst den Eintopf, und wir zwei Hübschen schauen uns noch ein bisschen in der Stadt um, bis wir antreten müssen.«

»Antreten«? Lia sah ihn fragend an.

»Mutter will in zwei Stunden etwas mit uns besprechen. Keine Ahnung, was.«

»Na dann …« Lia wandte sich in Richtung ihres Elternhauses. »… sehen wir uns um drei.« Leichtfüßig lief sie davon.

Mikail blickte ihr hinterher. Ihr hellbraunes Haar flatterte in dem leichten Wind, der aus den Bergen herabkam. Am liebsten hätte er Loris in den Hintern getreten dafür, dass er aufgekreuzt war und das Treffen mit Lia damit so schnell beendet hatte. Aber … ein kleines bisschen Strafe musste schon sein. »Man merkt, dass ihr von verschiedenen Erzeugern seid.«

»Echt? Woran?«

»Die vielen Unterschiede. Sie sieht so gut aus, ist intelligent, liebenswürdig …« Weiter kam Mikail nicht, dann musste er sich schleunigst in Sicherheit bringen.

2

Eine Weile später saßen sie auf der inneren Mauer und ließen den Blick über die weiteren drei Halbringe schweifen, die die Südseite von Or umschlossen. Im Laufe der Jahrhunderte war die Stadt gewachsen und hatte immer neue, längere Stadtmauern erfordert. Auch ein großer Teil der Felder, Weiden und Stallungen lag innerhalb der Mauern, um Vieh und Ernte vor den Tieren der Wildnis zu schützen.

Der hiesige Sandstein war zum Glück leicht abzubauen, und so hatte man die älteren Mauern als zusätzlichen Schutz in Dürrezeiten stehen lassen. Da das Gelände zur Ebene hin sanft abfiel, konnte man von hier aus über alle weiteren Mauern hinwegsehen. Der erste Ring war inzwischen ziemlich dicht bebaut, beinahe wie die Innenstadt. Im zweiten gab es schon größere Lücken, Gemüsegärten und Felder, die bereits großenteils abgeerntet waren, und langsam vertrocknende Weiden. Der dritte Ring enthielt hauptsächlich Bauernhöfe und deren landwirtschaftliche Flächen, zwischen denen die typischen rotbraunen Häuser verstreut lagen. Allmählich stieß die Erweiterung der Stadt in die Ebene an ihre Grenzen, man siedelte nun schon in die Täler hinein, die aus den Bergen zur Stadt führten.

Auf den übrigen Seiten umfassten Felswände die Stadt, zerteilt von einigen schmalen Tälern und Schluchten, die unter anderem zu den Erzlagerstätten führten. Auch diese wurden abgeriegelt, wenn die Dürre begann.

Or lebte vom Eisen. In kilometerbreiten Baumplantagen weit vor den Mauern, Stadtwald genannt, wuchs das Holz für die Kohle, um das Erz zu verhütten. Noch schwelten die Meiler draußen in der Ebene, die Kohle karrte man zu den Hütten, nahe den Erzminen. Das fertige Roheisen wurde dann nach Or transportiert um wiederum außerhalb der Stadt weiter veredelt zu werden. Stahl und hochwertige Werkzeuge waren in den anderen Städten heiß begehrt. Der Rauch sowohl der Kohlemeiler als auch der Stahlwerke und Schmieden waberte durch die Mittagshitze, wenige Kilometer entfernt, sodass er die Stadt nur bei sehr ungünstigen Wetterlagen erreichte. Ein paar Wochen noch, dann wurden die Arbeiten eingestellt, die Menschen in die Sicherheit von Ors Mauern gebracht. Während der Dürre war es außerhalb der Stadt zu gefährlich. Loris’ Vater Yusef und die drei anderen Eisenunternehmer begannen schon mit den Vorbereitungen dafür.

Mikail hockte wie immer einen Meter vom Rand der Mauer entfernt, genau in der Mitte. Mit der Höhe hatte er es nicht so, vorsichtig ausgedrückt. Loris hatte schon lange aufgehört, ihn damit aufzuziehen, ließ aber selbst ganz locker die Beine über den Rand baumeln. Die innere Mauer war gerade einmal drei Meter hoch, nicht mehr als der obere Boden in Toivos Scheune, und auf den musste Mikail doch auch immer wieder klettern. Aber nun ja, Höhenangst war eben nicht logisch.

Vorhin hatte Mikail sich doch allen Ernstes über Gewissensbisse beklagt, weil sie hier faul in der Sonne saßen. Das war so typisch für ihn. Er hätte bestimmt daheim auf dem Hof noch einiges helfen können. Stattdessen saß er hier mit seinem Freund und ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Als braver Sohn hatte er sich vorgenommen, das später am Tag noch nachzuholen. Ach herrje! Es war jetzt schon klar, dass der Kerl einmal den Hof übernehmen würde, vermutlich mit seinem Bruder zusammen.

Solche Ambitionen hatte Loris nicht. Ins Eisengeschäft seines Vaters einzusteigen war ebenso wenig sein Traum wie den Beruf der Mutter zu ergreifen. Sich den ganzen Tag mit Kranken herumzuschlagen, ach nein, zu deprimierend. Und schon gar nicht mochte er die Arbeiten verrichten, die sein Vater ihm ständig zuwies. Von der Pike auf lernen, das sollte er bereits seit Jahren. Na danke.

Was er wirklich machen wollte, wusste er selbst noch nicht genau. Schlecht, wenn man zwanzig war und damit eigentlich langsam auf eigenen Beinen stehen sollte. Aber noch ließen ihm seine Eltern dieses Verhalten großzügig durchgehen. Noch.

»Man merkt, dass die Dürre näherkommt«, meldete sich Mikail nach einer längeren Zeit gemeinsamen Schweigens.

Loris brummelte nur dazu. Natürlich merkte man es. Es regnete kaum noch, die Temperaturen stiegen. Wie zu jeder Trockenzeit. Nur, dass diese sehr früh kam und besonders hart werden würde.

»Die zweite Dürre, die wir so richtig bewusst mitbekommen, was?«

Wieder brummelte Loris, bequemte sich dann aber doch zu einer Antwort. »Stimmt. Bei der letzten war ich zwölf und du elf. Weißt du noch, wie wir die Spatzen gejagt haben?«

Mikail lachte auf. »Ach ja, das war ein Spaß. Wir haben auch einige erwischt.«

»Da waren wir mächtig stolz drauf, erinnerst du dich? Und das mit unseren simplen Wurfhölzern. Diesmal dürfen wir richtige Jagdringe benutzen, das wird viel interessanter.«

Wenn sie überhaupt noch dafür eingesetzt wurden. Eigentlich war die Spatzenjagd vor allem Aufgabe der Jugendlichen. Die Biester wurden während der Dürre zu einer gewaltigen Plage, gegen Ende griffen sie in großen Scharen sogar Haustiere an, verletzten die größeren und pickten kleinere wie Kaninchen und Hühner ganz tot. Bis dahin versuchten sie, an jeden ungesicherten Nahrungsvorrat zu gelangen, fraßen, was sie stibitzen konnten. Noch schlimmer war es, wenn sie an Wasserspeicher herankamen und diese mit ihrem Kot verdreckten. Diese großen Becken waren in die flacheren Bergausläufer oberhalb der Stadt geschlagen worden, auf dem Landweg eigentlich nur aus der Stadt zu erreichen und momentan noch bis zum Rand gefüllt. Während der Dürre wurden alle Kinder ab zehn und die Jugendlichen bewaffnet – je nach Alter mit Wurfhölzern oder scharf geschliffenen Metallringen – und bekamen die Aufgabe, Wasser und Nahrung gegen die verfressenen Vögel zu verteidigen. Meist reichte es, einige der Tiere zu erlegen. Die anderen Biester stürzten sich dann gierig auf ihre toten Artgenossen. Zumindest, solange sie vor allem hungrig waren. In den Durstwochen war ihnen Wasser wichtiger als Futter.

»Geschmeckt haben die Viecher aber beschissen.«

Loris prustete los. »Hab ich dir doch gleich gesagt! Aber nein, du Dösel musstest ja unbedingt einen grillen.«

Mikail lachte mit. »Klar! Wieso hätte ich dir glauben sollen? Das musste ich schon selbst probieren.«

Zwei lange Hornstöße schallten aus den Bergen herüber. Mikails Lachen erstarb. Er schwieg eine Weile verbissen, dann fragte er: »Weißt du, wessen Kind es ist?«

Loris überlegte einen Moment. »Ich glaube, die Mutter heißt Ailen. Eine Bäckerin.«

»Und …«

»Schlangenaugen«, beantwortete Loris die unausgesprochene Frage. So hatte er es von Mona aufgeschnappt, als sie es heute beim Essen kurz erwähnte.

»Scheiße.«

Ja, das war nie schön. Loris hatte selbst zwei Geschwister verloren.

»Komm«, sagte er zu seinem Freund und stand auf. »Sie werden es bald rausbringen, das muss ich mir nicht ansehen.«

Mikail erhob sich ebenfalls und warf unnötigerweise einen Blick auf die große Sonnenuhr am Stadtturm. Die Hörner erklangen immer zu denselben Uhrzeiten, es war also ganz sicher zwei Uhr nachmittags. »Was machen wir bis dahin?«

»Wir gehen einfach jetzt schon zu mir und trinken noch was, bis Mutter Zeit für uns hat.«

»Passt.«

Sie zogen los in Richtung Innenstadt, wo vor allem Kaufleute und andere angesehene Persönlichkeiten lebten. Als einer der wichtigsten Männer im Eisengeschäft hatte Yusef dort ein geräumiges Haus, in dem auch Monas Praxis lag.

Ein Schwarm Spatzen zog über ihre Köpfe hinweg, in schillernden Grün- und Blautönen. Beinahe eine Armlänge Spannweite. Waren die Viecher seit der letzten Dürre schon wieder größer geworden?

»Ah, da seid ihr ja schon.« Mona betrat den Raum in ihrer Arbeitskleidung und musterte die beiden jungen Männer, die mit Bechern voll kalten Kräutertees in ihrer Küche saßen. Lia war zu Mikails Leidwesen zu einer Freundin gegangen, als die zwei gerade eingetroffen waren.

Mikail nickte ihr freundlich zu. »Hallo Mona. Loris sagte, du wolltest mich sprechen?«

»Allerdings, ja.« Sie blickte sich kurz um. »Yusef ist noch nicht da. Na schön. Lasst mir kurz Zeit, mich umzuziehen. Die letzte Patientin könnte etwas Ansteckendes haben, ich möchte diese Kleider sofort in die Seifenlauge stecken.« Schon verschwand sie durch eine andere Tür.

»Vater soll auch dabei sein?« Loris sah Mikail an. »Das wusste ich gar nicht. Dann scheint es was Größeres zu sein.«

»Das ist es«, erscholl Yusefs tiefe Stimme. Schwitzend betrat er den Raum. Er selbst fand sich stattlich, die meisten anderen bezeichneten ihn vorsichtig als wohlbeleibt, und der Weg von den Lagerhallen hierher war bei den herrschenden Temperaturen ein kleiner Gewaltmarsch für ihn. Selbst in seiner weiten, ärmellosen Galaba, die er aufgrund der Wärme trug, trieb es ihm noch den Schweiß auf die Stirn. Dabei war dieses beinahe bodenlange, kleidartige Hemd viel luftiger als Hemd und Hose, wie die meisten Männer und auch viele Frauen sie trugen.

»Mikail, schön, dich zu sehen.« Yusef klopfte dem Freund seines Sohnes gütig auf die Schulter und wandte sich Loris zu. »Wo ist deine Mutter?«

»Zieht sich grad noch um und versenkt ihren Kittel in der Lauge.«

»Ah.« Yusef griff sich den Tonkrug mit dem kalten Kräutertee, füllte einen Becher und trank ihn in einem Zug leer. Er goss nach und setzte sich zu den beiden Jüngeren an den Tisch.

»Um was geht es denn?«, fragte Loris seinen Vater. Die Neugier wurde langsam unerträglich.

»Warte auf deine Mutter, Junge. Sie möchte es Euch eröffnen. Nur so viel: Es wird spannend.« Yusef zwinkerte ihm verschwörerisch zu.

In diesem Moment betrat seine Gefährtin, mit der er seit über zwanzig Jahren zusammenlebte, die Küche. Statt des schlichten, praktischen und vor allem auskochbaren Kittels trug sie nun die feinen Kleider eines angesehenen und recht begüterten Ratsmitgliedes. Mit ihrer schlanken, hoch aufgeschossenen Figur sah sie ausgesprochen gut aus – ein ziemlicher Gegensatz zu Yusef.

»Spannend, nun ja«, kommentierte sie missbilligend. Hatte Yusef ganz gerne mal einen kleinen Schalk im Nacken sitzen, war Mona beinahe immer ernst und setzte oft genug eine säuerliche Miene auf. Die zeigte sie auch jetzt, doch nur für einen kurzen Augenblick. Dann erkannte Loris doch tatsächlich so etwas wie Aufregung in den Augen seiner Mutter. Und … Stolz?

Mona setzte sich neben ihren Gefährten und unterzog Loris und Mikail einer zweiten, eindringlicheren Musterung. Was bei den Ahnen ging da vor?

»Nun also«, begann sie, »ich habe tatsächlich aufregende Neuigkeiten für euch. Ihr wisst, die nächste große Dürre zieht herauf. Doch bis dahin sind es noch einige Wochen. Wir erleben gerade erst den Beginn der Trockenzeit. Bis sich ernsthafte Auswirkungen zeigen, dauert es noch eine Weile.«

Das alles waren Binsenweisheiten, die jedes Kind in der Schule lernte. Große Dürren gab es regelmäßig alle acht Jahre, wenn die jährliche Trockenzeit mit einer besonders aktiven und heißen Sonne zusammentraf. Wozu erzählte Mutter das?

»Da wir gemessen an den letzten Dürren zwar etwa gleich viele Vorräte haben, die Bevölkerung jedoch um etwa hundert Menschen angewachsen ist, hat der Rat beschlossen, dass die jährliche Karawane nach Cood diesmal etwas größer ausfallen soll. Mittels Tauben wurde bereits ausgehandelt, dass dort eine stattliche Menge Fisch bereitstehen wird, auch Salz benötigen wir mehr als sonst. Die Karawane aus Sawan, die heute Nachmittag eintrifft, wird mehrere Tonnen Salz mitnehmen, sodass unsere Vorräte nicht mehr ganz ausreichen werden. Ihr wisst, sie brauchen es zum Pökeln des Fleisches und für das eingelegte Gemüse.

Und weil nun also die Karawane um fünf Wagen aufgestockt wird, darunter auch ein weiterer deines Vaters, Loris, werden auch einige Leute mehr benötigt.«

Loris traute seinen Ohren nicht. Sollte das etwa heißen …

»Ich darf mit?« Bislang hatte Vater das Ansinnen seines Sohnes abgeschmettert, auf eine Karawane mitzugehen, obwohl diese Bewährungsprobe eigentlich für alle jungen Männer üblich war, die das zwanzigste Lebensjahr vollendet hatten. Yusefs Ansicht nach sollte der Junge erst mal daheim das Arbeiten lernen, bevor man ihn einer Karawane mitgab. Woher nur dieser Sinneswandel?

»So sieht’s aus«, bestätigte Yusef. »Deine Mutter hat mich überzeugt, dass wir dir diese Möglichkeit geben sollten, dich zur Abwechslung mal als nützlich zu erweisen. Ich hoffe, du machst uns keine Schande.«

Am liebsten wäre Loris aufgesprungen und vor Freude durch die Küche gehüpft. Endlich gab es mal ein wenig Abenteuer in seinem Leben! Er packte Mikail am Arm und strahlte ihn freudig an. »Klasse, oder?«

Der lächelte vorsichtig zurück. »Ja, ganz klasse. Aber …« Ein verunsicherter Blick zu Loris’ Eltern.

»Warum wir dich heute dabeihaben wollten?«

»Ja. Ich bin noch neunzehn und werde erst kurz nach der Dürre zwanzig, also darf ich noch nicht mit auf die Karawane.«

Mona lächelte schmallippig. »Nun ja. Das ist eine allgemeine Regel, aber kein geschriebenes Gesetz. Immerhin, Mikail, bist du von euch beiden der weitaus Vernünftigere. Was machen die paar Monate schon aus? Wir haben das im Rat durchgesprochen und sind uns einig, dass du längst reif genug für diese Aufgabe bist. Ob nun kurz vor oder kurz nach der Dürre, was macht das für einen Unterschied? Du wirst doch sicher Verwendung für das Geld haben, das du als Fahrer verdienst, nicht? Außerdem, ich will ganz ehrlich zu dir sein, erhoffen wir uns, dass du ein wenig auf unseren Tunichtgut aufpasst und ihn von den größten Dummheiten abhältst.«

Ach, das durfte doch wohl nicht wahr sein! Mikail sollte den Aufpasser spielen? Loris unterdrückte mühsam ein Grinsen. Als wenn ihn sein Freund jemals von etwas abgehalten hätte, wenn er es wirklich wollte. Aber Hauptsache, der Kerl war mit von der Partie. Gemeinsam ins Abenteuer, die Stadt an der Küste sehen, das Meer, was gab es Besseres?

»Sag mal, freust du dich denn gar nicht?«

»Doch doch«, gab Mikail wenig überzeugend zurück. »Ich fürchte nur, ich werde meinen Eltern ziemlich auf dem Hof fehlen.«

Sie saßen wieder auf der inneren Mauer und blickten gen Westen, wo zwischen Wäldern und Gebirge eine Staubwolke stand. Dort zog die Karawane aus Sawan heran.

»Ach komm!« Loris knuffte ihn in die Rippen. »Die werden schon mal eine Weile ohne dich auskommen. Bis wir abfahren, sind es noch zehn Tage hin, dann habt ihr die Ernte großenteils eingelagert. Und wir sind ja rechtzeitig vor Beginn der harten Zeit wieder da. Sie haben schließlich noch Tomasch.«

Er schnappte sich seinen Freund, nahm ihn in den Schwitzkasten und rubbelte ihm mit den Knöcheln über den Kopf. »Stell dich nicht so an! Das wird ein riesen Abenteuer!«

»Ja, klar, eigentlich finde ich es ja auch ganz prima. Nur, was halt meine Eltern dazu sagen werden …«

»Nachdem Mutter sich im Rat dafür eingesetzt hat, dass du mitkommen kannst? Ich glaube nicht, dass sie uns jetzt noch einen Strich durch die Rechnung machen. Vor allem, da Mutter persönlich mit ihnen spricht. Und zwar genau in diesem Moment.« Loris grinste seinen Freund breit an. »Du weißt, wie überzeugend sie ist. Selbst Vater kuscht vor ihr.«

Mikail gab sich offenbar geschlagen und lächelte unsicher. »Ja, da hast du wohl recht.« Er wies in Richtung der Staubwolke. »Schau, jetzt kann man schon die vordersten Wagen erkennen.«

Tatsächlich zeichneten sich vor dem Staub die Konturen großer Wagen ab, helle Planen leuchteten in der Sonne. Die Ladung aus Sawan bestand hauptsächlich aus gepökeltem Fleisch und eingelegtem Gemüse, Dörrobst und auch Zucker, alles dringend benötigt, um die bevorstehende Dürre zu überleben. Sawan lag runde 250 Kilometer entfernt am Beginn eines großen Flussdeltas, das außerhalb der Trockenzeiten fruchtbare Felder und Weiden mit reichlich Wasser versorgte, bevor dieses im Boden versickerte, ohne je ein Meer zu erreichen. So handelte die Stadt auch mit den verschiedensten haltbaren Lebensmitteln. In wenigen Tagen würde die Karawane zurück ins Grasland fahren, beladen vor allem mit Eisen, Stahl und eben Salz, für das wieder Ersatz aus Cood herbeigeschafft werden musste. Or lag in etwa auf halbem Weg zwischen Sawan und Cood und war deshalb Zwischenstation für das Salz. Das Pökeln und Sauer-Einlegen der landwirtschaftlichen Produkte verschlang Unmengen des weißen Pulvers, das nur an der Küste aus Meerwasser gewonnen werden konnte.

Je näher die Wagen kamen, desto klarer sah man auch die Zugtiere. Mächtige Rinder hatten die meiste Kraft, aber auch Pferde und Esel waren im Einsatz. Einige Begleitfahrzeuge wurden von großen Hunden gezogen, die im Falle eines Angriffes mit wenigen Handgriffen losgemacht werden konnten, um Mensch und Tier zu schützen. Wölfe und Wildhunde waren eine ständige Gefahr, bekamen aber schnell Respekt vor den Hunden, deren Schulterhöhe bei über einem Meter lag.

»Da seid ihr ja«, scholl eine Stimme zu ihnen herauf. Mona stand unten an der Mauer. »Mikail?«

Der Gerufene rutschte vorsichtig ein Stück näher heran und lugte kurz über den Rand. »Ja?«

»Lauf heim und spricht mit deinen Eltern! Ich habe ihnen alles erklärt, und sie sind natürlich sehr stolz, dass ihr Sohn jetzt schon mit auf eine Karawane darf. Du solltest ja auch einmal etwas von der Welt sehen, nicht wahr? Deine Sorge war völlig unbegründet.«

»Alles klar«, antwortete Mikail. »Danke. Ich gehe gleich los.« Er krabbelte zu einer der Treppen, die auf der Innenseite auf die Mauerkrone hinaufführten, und schnappte sich das Geländer. Erst dann richtete er sich auf und stakste vorsichtig hinab. Loris rollte mit den Augen und folgte ihm. »Mann, Mann, Mann! Daheim turnst du oben in der Scheune rum, und hier führst du dich auf wie ein Kleinkind. Das soll einer verstehen.«

»Die Scheune hat Wände außen rum, dann merke ich das nicht so. Wie oft soll ich dir das noch erklären?«

Loris grinste ihn breit an. »Bis du’s leid wirst. Soll ich mitkommen?«

»Leid bin ich das schon lange, und nein, ich rede lieber alleine mit meinen Eltern. Grüß mir Lia schön, ja?«

»Soll ich ihr einen Kuss von dir geben?«

»Wenn du zwei blaue Augen haben willst …«

»Wieso gleich zwei?«

»Eins von ihr, eins von mir.«

»Depp.« Loris lachte und dachte einen Moment nach. »Na schön, dann schau ich mal, was die Karawane alles dabeihat.«

»Und wen, ne?«

»Sowieso! Bis dann mal.« Er schlug seinem Freund auf die Schulter und machte sich auf den Weg zur großen Straße. In jeder der vier Mauern befand sich ein besonders breites und hohes Tor, durch das die Wagen der eintreffenden Karawane zum großen Ladeplatz in der Innenstadt fahren würde. Ja, mal sehen, wer diesmal dabei war. Es kamen immer ein paar junge Leute mit, um zu bleiben. So frischten die Städte ihre Bevölkerung auf. Und einige dieser jungen Leute verdienten sich ihre Fahrt als Gesellschafter. Das waren naturgemäß meist ganz besonders hübsche, da ließ sich doch bestimmt was machen.

Es dauerte noch beinahe eine halbe Stunde, bis die ersten Zugtiere durch das äußerste Tor stapften. Die vierte Mauer war mit gut drei Metern die dickste und mit rund fünf Metern die höchste. Eine gemauerte, etwa hüfthohe Brüstung verlief an der Außenseite. Wie alle anderen Mauern war sie aus Sandstein gebaut, den man praktisch vor der Haustür abbauen konnte. Or war auf dem Zeug errichtet, was auch die Anlage einer Kanalisation, von Regenzisternen und Kellern sehr erleichterte. Weiter innen bestand das Gebirge aus wesentlich härteren Gesteinsarten.

Loris stellte sich etwas abseits der Straße zu den anderen Schaulustigen und beobachtete den langen Zug. Zuerst wurden die großen Fuhrwerke eingelassen, gezogen von Rindern, Pferden, Eseln oder Maultieren. Je nach Kraft der Zugtiere und Gewicht der Ladung konnten bis zu zehn Tiere vor ein einzelnes Gefährt gespannt sein. Unmengen an Fässern mit Pökelfleisch und saurem Gemüse waren auf den Ladeflächen gestapelt, und ein Wagen beförderte einen sicher zwei Meter hohen Berg aus Zuckersäcken, fest verschnürt, damit nichts abrutschen konnte.

Das Trockenobst, die Hanfseile und die Stoffe waren wesentlich leichter, hier kamen weniger und schwächere Zugtiere zum Einsatz. Und dann waren da ja noch die Begleitfahrzeuge, die zum Teil Reiseproviant für Mensch und Tier beförderten, zum Teil das Personal, Köche und so weiter, und natürlich die Gesellschafter. Oh ja, da waren ein paar wirklich hübsche Mädels dabei, das fiel Loris’ Kennerblick sofort auf.

Zuletzt folgten die Hundewagen, die gemeinsam mit den Reitern jede Karawane absicherten und bis zum Schluss draußen Wache gehalten hatten, wohl mehr aus Tradition als wegen der tatsächlichen Gefahr eines Angriffs so dicht an der Stadt. Bei den Ahnen, das waren aber wirklich beeindruckende Viecher! Da waren Kaliber von beinahe einem Meter zwanzig Schulterhöhe dabei, die meisten mit massigem Körperbau, flachen Schnauzen, sichtlich starken Kiefern und kurzem, drahtig wirkendem Fell. Geifer troff ihnen von den Lefzen, während sie stoisch ihre Last zogen, je sechs Hunde vor einem kleinen Wagen, der immerhin zwei Personen als Kutsche diente und nebenbei Zelte und andere Ausrüstung transportierte.

Eines der Gefährte jedoch wurde von sehr eigenartigen Tieren gezogen, Hunde offensichtlich, doch schlanker und drahtiger, aber vor allem … schuppig. Sie erinnerten an eine Sorte Wildschweine, die man wegen einer ganz ähnlichen Haut auch als Hornschweine bezeichnete. Statt eines Fells trugen sie graugrüne Hornplatten, teils so groß und dick wie eine Daumenkuppe, was einige Unmutsäußerungen im Publikum auslöste. In Or war man sehr konservativ bei der Züchtung und stand solchen Auswüchsen ausgesprochen skeptisch gegenüber, Sawan war da schon immer etwas liberaler gewesen. Loris fand es unklug von den Leuten, diese Tiere ausgerechnet hierher mitzubringen. Mutter und einige andere Ratsmitglieder würden darüber sehr verstimmt sein.

Allerdings wirkten die seltsamen Hunde ganz ruhig, waren offenbar auf ein ebenso friedliches Wesen Menschen gegenüber hin gezüchtet wie alle Schutzhunde. Anders wäre es auch nicht tragbar gewesen. Diese Kampfmaschinen durften ausschließlich gegen Raubzeug einsetzbar sein. Ein einziges der Tiere außer Kontrolle konnte mehrere Menschenleben fordern, bis man es stoppte.

Mit den letzten Reitern traf auch Loris auf dem Ladeplatz ein, wo die ersten Wagen bereits entladen waren. Dutzende Männer schafften die Waren in die verschiedenen Lagerhäuser, während die Gespanne auf der eben erst frei gewordenen Hauptstraße gleich wieder die Innenstadt verließen, um in den äußeren Ringen abgeschirrt zu werden. Die Wagen brauchten sicher die eine oder andere Reparatur und die Tiere Wasser und frisches Grün. Noch gab es das in ausreichenden Mengen. Muhen und Wiehern, das Schreien der Esel und Maultiere und vereinzeltes Hundegebell füllten die Luft, zusammen mit dem strengen und doch irgendwie angenehmen Geruch der dampfenden Tiere und ihres Dungs. Loris hatte diese Atmosphäre schon immer aufregend gefunden, und nun, wo er wusste, dass er selbst bald mit auf eine solche Reise gehen würde, erfüllte sie ihn mit unglaublicher Spannung und Vorfreude.

Wie erwartet fand er seine Mutter in einer hitzigen Diskussion mit drei Männern und zwei Frauen aus Sawan, ihrer Kleidung nach Wachen.

»Ich wiederhole«, schallte Monas messerscharfe Stimme über den Platz und schnitt mühelos durch den herrschenden Lärm. »Dieses Viehzeug hat in unserer Stadt nichts verloren. Schafft es sofort nach draußen!«

»Wir werden die Tiere genauso versorgen wie alle anderen«, widersprach eine der Frauen, klein, drahtig und offenbar befehlsgewohnt. Vermutlich die Kommandantin der Karawane. »Ich weiß, du bist empfindlich in diesen Dingen, aber du wirst damit leben müssen, dass wir uns bestmöglich absichern. Die neuen Hunde sind schneller und stärker als alle alten Rassen und nebenbei auch noch widerstandsfähiger im Kampf, weil Zähne die dicken Schuppen schlecht durchdringen. Diese sechs Tiere haben ein Rudel von beinahe zwanzig Wildhunden mühelos in die Flucht geschlagen und dabei sieben Stück erledigt, bevor die anderen auch nur heran waren. In Zukunft werden wir verstärkt auf die neue Rasse setzen, ob dir das nun gefällt oder nicht. Es sind Tiere, Mona, keine Menschen. Für sie gelten die Gesetze nicht.«

Loris kannte seine Mutter gut genug, um zu erkennen, dass sie kurz vor der Explosion stand. Da blieb er lieber auf Abstand und beobachtete den Disput aus der Deckung eines Fuhrwerks heraus, das noch auf seine Entladung wartete.

»Ihr könnt dieses abartige Viehzeug züchten, wie ihr wollt«, presste Mona hervor, mühsam die Kontrolle über ihren Zorn bewahrend, »aber hier in unserer Stadt hat es nichts verloren. Schafft sie nach draußen, sie werden dort versorgt, bis ihr wieder heimfahrt.«

Ein Mann legte der Karawanenführerin besänftigend die Hand auf die Schulter. »Schon gut, ich habe kein Problem damit, mit ihnen vor der Stadt zu lagern. Das ist hier direkt an der Mauer sicher genug, und die Tiere schützen mich vor allem, was kommen könnte.«

Die Frau drehte sich zu ihm um, und für einen Moment erwartete Loris, dass sie dieses Friedensangebot alleine deshalb ablehnen würde, weil sie Mona den Sieg nicht gönnte. Dann jedoch zuckte sie nur die Schultern und ließ den Rest der Gruppe grußlos stehen. Mona hielt es ebenso, wandte sich ab und ging zu einem Wagen, dessen Ladung beinahe gelöscht war, um sich dort mit dem Fahrer zu unterhalten. Verdammt, manchmal war Mutter einfach nur schrecklich stur!

Loris schüttelte den Kopf über sie und verließ den Winkel, aus dem heraus er das Geschehen beobachtet hatte. Wo waren eigentlich die Gesellschafterinnen abgeblieben? Na ja, wenn er sie jetzt nicht fand, spätestens heute Abend hatte er erfahren, in welchen Gasthäusern man die Mädels untergebracht hatte. Und ganz sicher würden die meisten Teilnehmer der Karawane ins Badehaus gehen, um sich den Staub der Reise vom Körper zu spülen. Da war bestimmt was zu machen.

3

Zu viert saßen sie um den Küchentisch. Vater starrte vor sich auf die Tischplatte, Mutter sah aus dem Fenster, während sie in einem fort ihre Hände knetete, und Tomasch kratzte sich seit einer gefühlten Ewigkeit unaufhörlich am Kopf.

»Was soll ich machen?«, fragte Mikail in die Runde. »Ihr habt selbst mit Mona gesprochen, und ganz offensichtlich konntet ihr sie auch nicht umstimmen. Was hätte ich da denn ausrichten sollen?«

Toivo seufzte schwer. »Gar nichts.« Er sah Mikail traurig an. »Dir macht keiner einen Vorwurf. Du hast alle Vorwände versucht, wir auch, es hat nichts gebracht. Wären wir zu stur gewesen, hätten wir nur ihr Misstrauen erregt. Niemand ist dir böse, wir machen uns einfach nur schreckliche Sorgen.«

»Ich weiß«, antwortete er leise und starrte nun seinerseits auf die Tischplatte. »Ich mir auch.«

»Vielleicht übertreibt ihr aber auch«, meldete sich Tomasch zu Wort. »Ich meine, er ist fast zwanzig, es hätte ihn sowieso bald erwischt mit der Karawane. Und immerhin ist es jetzt seit vielen Jahren gut gegangen. Er weiß, wie er sich zu verhalten hat. Der Junge ist ja manchmal ein Idiot, aber doch nicht dämlich.«

»Danke für die Blumen«, knurrte Mikail zurück und erwiderte dann das Lächeln seines Bruders.

Ruckartig stand Pilar von ihrem Stuhl auf. »Tomasch hat recht. Mikail weiß, was zu tun ist. Es wird alles gutgehen. Früher oder später musste es ja passieren, und letztlich müssen wir unserem Sohn einfach vertrauen. Er wird das schon schaffen.«

»Ach, Vertrauen …« ächzte Toivo. »Das ist nicht das Problem. Natürlich vertraue ich Mikail, dass er keinen Unsinn macht. Er ist vernünftig und weiß, was auf dem Spiel steht. Aber auf so einer Karawane kann immer wieder Unvorhergesehenes passieren, noch dazu so kurz vor einer Dürre. Davon geht die größte Gefahr aus. Was ist, wenn …«

»Was ist wenn, was ist wenn!« Pilar wischte den Gedanken mit einer Geste weg. »Was ist, wenn morgen die Welt untergeht? Niemandem ist damit geholfen, dass wir in Sorgen ertrinken. Mikail geht mit auf diese Reise und wird wieder heimkommen, ohne, dass irgendetwas passiert. Davon müssen wir einfach ausgehen, alles andere bringt uns doch gar nicht weiter.«

Mikail stand auf und nahm seine Mutter in den Arm. »Stimmt. Ich werde aufpassen und wieder heimkommen, und dann habe ich meine Karawane hinter mir. Niemand erwartet, dass ich mehrmals mitfahre. Schon nächstes Jahr finden sie andere, die sich darum reißen werden, so wie Loris.« Er ließ Pilar los und drückte sachte Toivos Schultern. »Ich schaff das, Vater. In Ordnung?«

Toivo sah zu ihm auf und versuchte sich an einem Lächeln. »In Ordnung, Junge. Reiß dich einfach zusammen! Denk an heute Morgen in der Scheune.«

»Ich dachte, du vertraust mir?«

Vater nickte. »Hast recht. Was bleibt mir auch anderes übrig?«

Schon am nächsten Tag hieß es antreten vor der Stadt zu den Kampfübungen. Mikail war das frühe Aufstehen gewöhnt und amüsierte sich köstlich über Loris, der kaum aus den Augen schauen konnte.

»Na, Schlafmütze? Da war wohl was Interessantes unter den Leuten aus Sawan?«

Loris brachte ein müdes Grinsen zustande. »Och … na ja … schon.«

»Wie heißt sie denn?«

Loris runzelte die Stirn. »Ähm … keine Ahnung. Aber süß ist sie. Ich schätze, ich werde heute Abend wieder bei ihr vorbeischauen.«

Im nächsten Moment taumelte er nach vorne, als ihm jemand klatschend auf den Rücken schlug. »Das glaubst du ernsthaft? Wenn ich heute Abend mit euch fertig bin, kriechst du nur noch auf dem Zahnfleisch in dein Bettchen, mein Junge.«

Loris verzog gequält das Gesicht. »Oh, wie schön. Das hab ich mir schon immer gewünscht. Morgen, Taio.«

»Morgen, Morgen, Jungs und Mädels.« Taio, klein, sehnig und laut Mikails Informationen einundfünfzig Jahre alt war eine Legende nicht nur als Karawanenführer. Er hatte die Stadt auch schon mehrfach durch die Dürre gebracht und war, wenn Mikail richtig informiert war, der jüngste Dürrekommandant aller Zeiten gewesen. Und sie würden mit ihm reisen. Taio baute sich breit grinsend vor den jungen Leuten auf. Neben den beiden Freunden standen noch sechs weitere Männer und zwei Frauen da, alle gerade zwanzig oder wenig darüber. Die meisten kannte Mikail zumindest vom Sehen, wenn er nicht sogar mit ihnen in der Schule gewesen war. Es gab ja nur zwei davon in der Stadt. Kristobal, heute Schmied und als Kind bereits ausnehmend groß, war inzwischen zu einem wahren Hünen herangewachsen, nicht nur einen halben Kopf größer als Mikail, sondern auch noch ein ganzes Stück breiter. Muskeln, wohin man sah. Was für ein Glück, dass er schon immer ein netter Kerl gewesen war.

»Ihr seid also die Verstärkung, ja?« Taio musterte die Truppe, »Na schön. Fünf zusätzliche Wagen, vierzehn Leute mehr, darunter ihr Frischlinge, das muss eben reichen. Ich denke, ihr wisst alle, wer ich bin? Taio, Kommandant der Karawane, auf die ihr das Vergnügen habt mitzufahren. Ihr seid arg spät eingeteilt worden, da der Rat sich ja leider erst jetzt entschlossen hat, ein paar Wagen mehr mitzuschicken. Also muss ich euch im Schnellverfahren auf Zack bringen.« Er studierte eine kleine Tafel. »Wen haben wir denn da? Stefana?«

Die kräftigere der beiden Frauen hob die Hand.

»Du bist vor allem zum Kochen eingeteilt, richtig?«

Sie nickte. »Ja, und Gesellschafterin. Ich bleibe in Cood, will da mein eigenes Restaurant aufmachen. Da kann ich das Extra-Geld gut gebrauchen.«

»Gesellschafterin, ja?« Taio schmunzelte. »Na, da freuen sich doch gleich ein paar hier, was? Kannst du auch musizieren, singen, tanzen oder so?«

»Ich spiele Flöte.«

Prustendes Gelächter brach los. Stefana lachte mit. »Ihr Idioten! Männer sind so berechenbar.«

Taio ließ dem Heiterkeitsausbruch einige Augenblicke seinen Lauf, dann rief er die Bande zur Ordnung und fuhr fort, alle namentlich aufzurufen und kurz zu ihren Aufgaben zu befragen. Das Ganze diente weniger seiner Information, er als Kommandant musste das alles sicher schon längst wissen. Aber auf diese Weise lernten die Neuzugänge einander und die Aufgaben kennen, die die anderen auf der Reise hatten.

Als er bei Loris anlangte, verzog Taio zweifelnd das Gesicht. »Loris, Sohn von Yusef und Mona. Schau an.«

Der Angesprochene strahlte seinen Kommandanten an. »Ebendieser.«

»Und du sollst was tun?« Taio sah auf seine Tafel. »Den zusätzlichen Wagen deines Vaters lenken. Na fein. Du möchtest also gerne den ganzen Tag auf deinem faulen Hintern sitzen und dich von ein paar Rindviechern kutschieren lassen.«

Als Loris frech dazu nickte, stahl sich ein wissendes Lächeln in Taios Gesicht. »Na, dann mal viel Spaß dabei.« Er wandte sich Mikail zu. »Und der Jüngste im Bunde, Mikail. Tiere versorgen und ebenfalls den Wagen lenken. Du bist der Sohn von Toivo, richtig?«

»Der bin ich«, antwortete Mikail.

»Na, dann brauche ich mir ja wenig Gedanken machen. Du bist den Umgang mit Tieren und harte Arbeit gewohnt, nehme ich an?«

Mikail nickte nur dazu.

»Gut. Ich kenne deinen Vater von früher, wenn du nach ihm kommst, bin ich zufrieden. Apropos Vater …« Taio wandte sich an einen rotblonden Kerl, der so etwas ähnliches wie ein Bärtchen im Milchbubi-Gesicht hatte und ziemlich überheblich dreinsah. »Du bist Kay? Sohn von Donald, dem Sägewerksbesitzer?«

Der Bärtchenträger antwortete nur mit einem knappen Nicken und bedachte den Kommandanten mit einem arroganten Blick.

»Ja … sieht man«, urteilte der nur leise, trat zwei Schritte zurück, sah in die Runde und deutete dann auf ein Bündel Speere, das an der Stadtmauer lehnte. »Na schön. Jetzt greift sich jeder von euch zwei von diesen Zahnstochern.«

Runde zehn Meter entfernt standen fünf Zielscheiben von etwa einem Meter Durchmesser. Taio nahm selbst einen Speer, holte aus und warf – alles in einer einzigen Bewegung. Mit einem lauten Tock schlug die Stahlspitze knapp neben der Mitte in eine der Scheiben. »Nachmachen.«

Eine halbe Stunde später starrten zehn gequälte Gesichter den Kommandanten an, der kopfschüttelnd diejenigen Speere einsammelte, die noch nicht einmal die Scheiben getroffen hatten. Alle rieben sich ihre schmerzenden Schultern und Arme.

»Ach herrje«, seufzte Taio und warf die Waffen auf einen Haufen. »Da haben wir ja ein paar Meister dabei.« Er musterte die erschöpfte Truppe. »Mikail und Kristobal, ihr beide kommt mit den Speeren gut zurecht. Also werdet ihr auf jeden Fall immer welche am Mann haben. Der Rest, nun ja. Vielleicht könnte ich aus ein paar von euch noch passable Werfer machen, wenn wir die Zeit hätten. Haben wir aber nicht. Also schauen wir nach einer kleinen Pause mal, wie ihr mit dem Bogen oder der Armbrust klarkommt. Eines davon müsst ihr beherrschen.«

Taio setzte sich auf den Boden und bedeutete seinen Schützlingen, es ihm gleichzutun.

»Kinder, das ist kein Spaß.« Sein Blick wanderte über die Gruppe. »Ich weiß, dass die meisten von euch nicht explizit als Wächter eingeteilt sind. Küchendienst, Tiere, Lagerbau, das alles sind wichtige Aufgaben. Aber wir alle, und zwar wirklich alle, können jederzeit in die Situation geraten, uns und unsere Kameraden auf der Reise verteidigen zu müssen. Ich weiß nicht, ob ihr es gehört habt: Die Karawane aus Sawan wurde von einem größeren Rudel Wildhunde angegriffen. Diese Biester halten nicht so schön still wie die Zielscheiben. Und ihr solltet sie auch nicht auf weniger als zehn Meter herankommen lassen. Denn dann machen sie noch, zwei, drei Sätze und hängen euch oder dem Mann oder der Frau neben euch an der Kehle.«

»Aber das haben die Schutzhunde doch prima erledigt«, warf Marina ein, die zweite Frau in der Gruppe. Das zierliche Ding hatte den Speer schon kaum zehn Meter weit werfen können, bei fünfzehn hatte sie sofort aufgegeben.

Taio schnaubte. »Ja, haben sie. Diese seltsamen Echsenköter.« Er sandte einen missmutigen Blick an der Mauer entlang in Richtung des Mannes, der beinahe dreihundert Meter entfernt mit den schuppigen Tieren lagerte. »Nur sind Wildhunde zwar gerne in größeren Rudeln unterwegs, dafür gehören sie aber zu den schwächeren und kleineren Raubtieren. Ihre Giftzähne sind etwas ekelhaft, aber nicht unbedingt tödlich. In der Savanne werden sie von den Löwen kurzgehalten, bei uns und in dem Gebiet, das wir durchqueren werden, eher von Wölfen. Und diese Biester sind auch für unsere Schutzhunde verdammt ernstzunehmende Gegner.«

Der Kommandant sah ihnen eindringlich in die Augen. »Das hier ist keine Sportveranstaltung. Die Trockenzeit beginnt schon, und die Viecher spüren, dass dieses Jahr eine große Dürre ansteht. Wir werden zwar vor der schlimmen Zeit wieder zuhause sein, aber trotzdem: Ihr müsst euch darüber im Klaren sein, dass es ganz schnell sehr gefährlich werden kann.«

Wölfe waren sowieso eine ständige Bedrohung, sobald man sich aus der Umgebung der Stadt hinauswagte. Jedoch hielten sie sich normalerweise von Menschen fern und fraßen sich am Wild satt. Während der Dürre allerdings kamen sie aus den Bergen bis zur Stadt, weshalb auch im Gebirge viele Mauern oder stabile Zäune existierten, um alle möglichen Einfallswege zu schließen.

Stefana verdrehte die Augen. »Taio, wir sind keine Kinder mehr. Uns allen ist klar, was uns erwartet. Wir geben uns auch wirklich Mühe, aber der Speer ist einfach nur was für die Stärkeren unter uns. Mit dem Bogen habe ich schon geschossen, und die Armbrust ist doch sicher einfacher, oder? Anlegen, zielen, schießen.«

Taio schnaubte erneut, halb belustigt, halb verärgert. »Sicher. Ganz einfach. Und dann? Du musst das Ding auch wieder spannen können, das ist etwas umständlicher als mit dem Bogen.« Er erhob sich geschmeidig aus dem Schneidersitz. »Aber gut, schauen wir mal, wie ihr euch dabei anstellt.«

Nach einer weiteren Stunde war klar, dass Stefana wie auch Marina zwar tatsächlich sehr treffsicher mit der Armbrust waren, das Spannen aber wegen der erforderlichen Kraft arg lange dauerte.

»Mit dem Bogen kannst du immerhin umgehen«, lobte Taio Stefana. »Also wird das deine Waffe. Und Marina … dich stecken wir einfach mit Amad zusammen. Der spannt das Ding wirklich flott, nur trifft der Kerl auf fünf Meter kein Scheunentor mehr.« Der Kommandant schüttelte in tiefer Verzweiflung den Kopf und schaute Amad prüfend ins Gesicht. »Man sollte meinen, du schielst, aber nicht mal die Entschuldigung hast du.«

Amad grinste nur verlegen. »Tut mir leid, aber das war schon immer so. Ich treffe nicht mal den Mülleimer, wenn ich direkt davorstehe.«

»Das glaub ich sofort.« Taio schlug dem jungen Mann auf die Schulter. »Dafür ist es wenigstens nicht deine erste Karawane, richtig?«