Tyrannei - Sascha Raubal - E-Book

Tyrannei E-Book

Sascha Raubal

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Beschreibung

In seiner ehemaligen Heimatstadt hat Mikail nur noch Verachtung und Zurückweisung erfahren. Aber auch die Nomaden sind wenig begeistert über die Idee, ihn bei sich aufzunehmen. Als Flüchtlinge aus einem fernen Land auftauchen, ergreift er die Gelegenheit, zusammen mit der Riesin Jekarina und dem schnellen Tabo jenes Land zu erforschen. Dort herrscht ein Tyrann, dem Menschenleben nichts wert sind – und Mikail gerät in dessen Gewalt. Loris hingegen glaubt, endlich ein ruhiges Leben mit seiner Liebsten führen zu können, als ein Fremder aus einem ominösen »Land Gottes« auftaucht und in Or Unruhe stiftet. Loris legt sich mit ihm an und findet sich unversehens als Mörder hinter Gittern wieder. Sein einziger Ausweg scheint die Flucht zu sein, in eine Wildnis, die ihn auf unzählige Arten umbringen kann. Doch so leicht gibt er sich nicht geschlagen. Dieser Sammelband enthält die Bände 5 – 8 der insgesamt 12-teiligen Serie »Die Abartigen«.

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MOBI

Seitenzahl: 1276

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Sascha Raubal

die Abartigen

sammelband ii

tyrannei

Enthält die Bände 5-8:

Flüchtlinge

Neuland

Die Stimme Gottes

Waldland in Flammen

Die Einzelbände dieser Serie:

Band   1 – Karawane nach Cood

Band   2 – Der Prozess

Band   3 – Die Freien

Band   4 – Kampf um Or

Band   5 – Flüchtlinge

Band   6 – Neuland

Band   7 – Die Stimme Gottes

Band   8 – Waldland in Flammen

Band   9 – Donnerechsen

Band 10 – Todesklippen

Band 11 – Invasion

Band 12 – Das größte Verbrechen

Inhaltswarnung:

In diesem Band kommt einiges an Grausamkeit vor, Krieg, tödliche Gewalt auch gegen Kinder und Schwangere, sexualisierte Gewalt. Ich gehe nicht in Details, denn Splatter mag ich nicht, aber man weiß, was geschieht.

Und wer bei der Lektüre nur an eine spezielle Religion denkt … irrt.

Die Abartigen, Sammelband II – Tyrannei

1. Auflage 2025

© 2025 Sascha Raubal

ISBN: 978-3-384-72211-9

Cover:

Dream Design – Cover and Art

Innenteilillustrationen:

Markus Gerwinski (https://www.markus.gerwinski.de)

Dies hier ist Menschenwerk. Sowohl beim Text als auch bei Cover und Illustrationen wurden keine KI-generierten Inhalte genutzt.

Druck und Distribution im Auftrag :

tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Für die Inhalte fremder Internet-Seiten übernimmt der Autor keine Haftung.

Die Verwendung dieses Werkes oder von Teilen davon zum Training von KI-Technologien oder -Systemen ist untersagt.

Inhaltsverzeichnis

Band 5, Kapitel 1 – Loris

Band 5, Kapitel 2 – Mikail

Band 5, Kapitel 3 – Loris

Band 5, Kapitel 4 – Mikail

Band 5, Kapitel 5 – Loris

Band 5, Kapitel 6 – Mikail

Band 5, Kapitel 7 – Loris

Band 5, Kapitel 8 – Mikail

Band 5, Kapitel 9 – Loris

Band 5, Kapitel 10 – Mikail

Band 5, Kapitel 11 – Loris

Band 5, Kapitel 12 – Mikail

Band 5, Kapitel 13 – Loris

Band 5, Kapitel 14 – Mikail

Band 5, Kapitel 15 – Loris

Band 5, Kapitel 16 – Mikail

Band 5, Kapitel 17 – Loris

Band 5, Kapitel 18 – Mikail

Band 5, Kapitel 19 – Loris

Band 5, Kapitel 20 – Mikail

Band 6, Kapitel 1 – Loris

Band 6, Kapitel 2 – Mikail

Band 6, Kapitel 3 – Loris

Band 6, Kapitel 4 – Mikail

Band 6, Kapitel 5 – Loris

Band 6, Kapitel 6 – Mikail

Band 6, Kapitel 7 – Loris

Band 6, Kapitel 8 – Mikail

Band 6, Kapitel 9 – Loris

Band 6, Kapitel 10 – Mikail

Band 6, Kapitel 11 – Loris

Band 6, Kapitel 12 – Mikail

Band 6, Kapitel 13 – Loris

Band 6, Kapitel 14 – Mikail

Band 6, Kapitel 15 – Loris

Band 6, Kapitel 16 – Mikail

Band 6, Kapitel 17 – Loris

Band 6, Kapitel 18 – Mikail

Band 6, Kapitel 19 – Loris

Band 6, Kapitel 20 – Mikail

Band 6, Kapitel 21 – Loris

Nachbemerkung zu Band 6

Band 7, Kapitel 1 – Mikail

Band 7, Kapitel 2 – Loris

Band 7, Kapitel 3 – Mikail

Band 7, Kapitel 4 – Loris

Band 7, Kapitel 5 – Mikail

Band 7, Kapitel 6 – Loris

Band 7, Kapitel 7 – Mikail

Band 7, Kapitel 8 – Loris

Band 7, Kapitel 9 – Mikail

Band 7, Kapitel 10 – Loris

Band 7, Kapitel 11 – Mikail

Band 7, Kapitel 12 – Loris

Band 7, Kapitel 13 – Mikail

Band 7, Kapitel 14 – Loris

Band 7, Kapitel 15 – Mikail

Band 7, Kapitel 16 – Loris

Band 7, Kapitel 17 – Mikail

Band 7, Kapitel 18 – Loris

Band 7, Kapitel 19 – Mikail

Band 7, Kapitel 20 – Loris

Band 7, Kapitel 21 – Mikail

Band 7, Kapitel 22 – Loris

Band 7, Kapitel 23 – Mikail

Band 7, Kapitel 24 – Loris

Band 7, Kapitel 25 – Mikail

Band 7, Kapitel 26 – Loris

Nachbemerkung zu Band 7

Band 8, Kapitel 1 – Mikail

Band 8, Kapitel 2 – Loris

Band 8, Kapitel 3 – Mikail

Band 8, Kapitel 4 – Loris

Band 8, Kapitel 5 – Mikail

Band 8, Kapitel 6 – Loris

Band 8, Kapitel 7 – Mikail

Band 8, Kapitel 8 – Loris

Band 8, Kapitel 9 – Mikail

Band 8, Kapitel 10 – Loris

Band 8, Kapitel 11 – Mikail

Band 8, Kapitel 12 – Loris

Band 8, Kapitel 13 – Mikail

Band 8, Kapitel 14 – Loris

Band 8, Kapitel 15 – Mikail

Band 8, Kapitel 16 – Loris

Band 8, Kapitel 17 – Mikail

Band 8, Kapitel 18 – Loris

Band 8, Kapitel 19 – Mikail

Band 8, Kapitel 20 – Loris

Band 8, Kapitel 21 – Mikail

Band 8, Kapitel 22 – Loris

Band 8, Kapitel 23 – Mikail

Band 8, Kapitel 24 – Loris

Band 8, Kapitel 25 – Mikail

Band 8, Kapitel 26 – Loris

Band 8, Kapitel 27 – Mikail

Es geht weiter! Sammelband III

Danke

Der Autor

Die Kurt-Reihe

die Abartigen

band 5

flüchtlinge

1

»Ich sage euch, ihr lebt in Sünde!«, rief der Mann, der mitten auf dem Ladeplatz auf einer kleinen Kiste stand, den Umstehenden zu.

»Die Stadt heißt Or, nicht Sünde«, erscholl eine Stimme. Einige lachten. Auch Loris konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Noch nahmen diesen eigenartigen Fremden, der sich Lehrer nannte, nur wenige ernst. Die Menschen in Or waren bodenständig, praktisch veranlagt. Mit dem, was dieser Kerl da faselte, konnten sie nichts anfangen. Er war vor kurzem mit einer Karawane aus Sawan eingetroffen, zusammen mit zwei anderen, die inzwischen nach Cood weitergereist waren, und schwang seitdem jeden Tag an einem anderen Ort in der Stadt seine seltsamen Reden, auf einer kleinen Kiste stehend. So nun auch hier, und das schon am frühen Morgen.

Abgesehen vom Inhalt amüsierten sich die Leute über die Sprechweise des Mannes: langsam, gedehnt, manchmal etwas undeutlich. So sprach niemand, dem Loris jemals begegnet war, nicht mal der dämliche Donald. Natürlich hatten sich in den Städten leicht unterschiedliche Dialekte entwickelt, an denen man oft erkennen konnte, woher jemand stammte. Auch seine Gefährtin Mitena klang ein wenig nach ihrer Heimat Cood. Doch durch den regen Austausch zwischen den Städten hielten sich die Unterschiede in sehr engen Grenzen, viele nahmen sie gar nicht wahr. Dieser komische Kauz mit seiner grauen Kutte dagegen hörte sich einfach nur – witzig an.

Lia konnte allerdings ganz und gar nicht über ihn lachen. Loris’ Schwester stand neben ihm und schüttelte wütend den Kopf. »Lehrer nennt der sich? Verzapft den ganzen Tag nur Unsinn und maßt sich an, Lehrer sein zu wollen. Man sollte ihn schleunigst aus der Stadt schmeißen, den Schwachkopf.«

»Hört die Worte Gottes!«, rief das Objekt ihrer Wut eben lautstark.

»Gott? Ich dachte, du heißt Sandor«, plärrte dieselbe Stimme wie vorhin. Da hatte aber eine wirklich Spaß daran, den Kerl zu reizen.

Nun war die Geduld des Fremden am Ende. Er richtete den stechenden Blick seiner grauen Augen – irgendwie war alles an ihm grau: Haare, Augen, Kutte und sogar die Haut – auf die Frau, die ihm so frech dazwischengeblökt hatte, streckte den Arm aus und wies mit anklagendem Finger auf sie.

»Ja, mach dich nur lustig über mich! Lache nur über das Wort Gottes des Allmächtigen! Aber glaube nicht, dass du seiner Gerechtigkeit entgehen wirst. Nimm seine Botschaft an, oder ertrage die Strafe für deine Unverschämtheiten!«

»Sagt wer?«, forderte ihn nun ein Mann heraus, der direkt neben der wenig beeindruckten Frau stand. So drohend, wie er dreinschaute, war er möglicherweise ihr Gefährte.

»Die Stimme Gottes«, war die Antwort, in bedeutungsschwangerem Ton ausgesprochen. »Denn sie ist der Quell aller Weisheit.«

»Dann schick den Kerl gerne mal bei mir vorbei«, entgegnete der Mann ungerührt und zeigte die Fäuste. »Mal sehen, ob dieser Gott, oder wie der heißt, sich an mein Mädel rantraut, wenn ich ihm die Visage poliere.«

Er nahm besagtes Mädel – eine Frau von geschätzt vierzig Jahren – am Arm und ging mit ihr davon, dicht an Loris und Lia vorbei.

»Gott. Was ist denn das für ein Name?«, murmelte der Mann im Vorübergehen. »Der soll sich nur blicken lassen.« Seine Gefährtin lachte, dann verschwanden sie in einer Gasse.

Auch Loris zog seine Schwester weg. »Komm, lassen wir den Trottel doch schwafeln. Wer soll den Schwachsinn schon glauben?«

Lia schnaubte. »Das sagst du so. Ich hab schon von mindestens zwei Leuten gehört, die meinten, es könnte ja doch was dran sein. Dass so eine Gestalt, die über allem steht und alles im Griff hat, doch eigentlich nicht unglaubwürdiger ist als unsichtbare kleine Wesen, die unsere Kinder verunstalten. Und ihnen gefällt die Vorstellung, etwas tun zu können.«

»Tun? Was wollen sie denn tun?«

»Na, der Kerl behauptet doch, dass es von einem selbst abhängt, ob man als gesunder Mensch oder als Abar…«, sie unterbrach sich, »… als Veränderter geboren wird. Zumindest im nächsten Leben.«

Noch immer rutschte ihnen beiden das Wort abartig nur allzu leicht heraus. Trotz allem, was geschehen war. Mikail, Loris’ bester Freund, den Lia geliebt hatte, war ein so veränderter Mensch gewesen. War es immer noch, ein Ausgestoßener jetzt, irgendwo da draußen in der Wildnis. Wo entgegen der allgemeinen Lehre wohl doch einige von denen überlebten, die man in den Städten nicht duldete. Meist wurden sie schon als Säuglinge ausgesetzt oder im Kindesalter, doch manche - wie Mikail – verbargen ihre Andersartigkeit bis ins Erwachsenenalter. Bis sie eines Tages eben doch aufflogen.

»So ein Schwachsinn!« Loris schüttelte verständnislos den Kopf. »Nächstes Leben. Wer’s diesmal nicht auf die Reihe bringt, darf’s eben wieder versuchen? Wie soll das gehen? Tot ist tot.«

»Sagst du. Der Kerl da behauptet aber was anderes, und manche möchten’s halt gern glauben.« Sie zuckte die Schultern. »Ich kann das sogar irgendwie verstehen. Überleg mal, wenn jemand sein ganzes Leben ein Arschloch war, dabei aber gut gelebt hat, dann wird er im nächsten Leben für sein mieses Benehmen büßen müssen. Und wer immer lieb und hilfsbereit und ehrlich war, aber nie viel erreicht hat, wird dafür beim nächsten Mal belohnt. Ist schon irgendwie eine schöne Vorstellung, oder?«

»Na ja, aber nur, weil die Vorstellung so schön ist, wird’s halt nicht wahr«, hielt Loris trocken dagegen. »Es gibt ja nun absolut nichts, was dafürspricht, dass da irgendwas dran sein könnte.«

»Ist das bei der Sache mit den winzigen Lebewesen, die unsere Gene durcheinanderbringen, anders?«

Er sah sie erstaunt an. »Natürlich! Die Ahnen selbst haben das doch noch herausgefunden, mit ihren Wundermaschinen.«

»Und das wird seitdem von Generation zu Generation in der Schule weitergegeben. Haben wir Belege dafür? Diese Biester sind so winzig, dass wir sie nicht sehen können. Die Gene sind noch winziger. Wir glauben es, aber handfeste Beweise können wir nicht beibringen, oder?«

Jetzt verstand er gar nichts mehr. »Lia! Du bist Lehrerin! Glaubst du etwa selbst nicht an das, was du lehrst?«

Sie knuffte ihn in die Seite. »Idiot! Ich will dir doch nur erklären, warum einige Leute auf die Geschichten dieses Sandor hereinfallen.«

»Aber wir sind hier doch nur gesunde Menschen, was wollen sie denn dann besser machen?«, fragte Loris verständnislos.

»Sie wollen dafür sorgen, dass sie auch das nächste Mal gesund geboren werden.«

Loris hatte den Eindruck, Knoten im Hirn zu bekommen. Das klang dermaßen unsinnig! Doch inzwischen hatten sie das Ratsgebäude erreicht, und er musste seinen Kopf wirklich für handfestere Probleme freihalten.

»Ach, lassen wir das.« Er gab seiner Schwester einen flüchtigen Kuss auf die Wange. »Wünsch mir lieber Glück, damit ich den Rat davon überzeuge, dass wir etwas an unserer Dürrestrategie ändern müssen.«

Sie klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter. »Das schaffst du schon. Nach dem, was du in den letzten Monaten geleistet hast, hat dein Wort ganz schön Gewicht bei ihnen.«

Bei weitem nicht genug, dachte Loris missmutig und eilte hinein.

»Das ist doch lächerlich.« Ratsmann Cheuk schüttelte energisch den Kopf. »Du willst allen Ernstes das Viehzeug, das uns alle acht Jahre belagert und in die Stadt einzudringen versucht, noch extra anlocken? Künstliche Wasserstellen für diese Bestien schaffen? Damit noch immer mehr von denen kommen?« Er wandte sich an die anderen Ratsmitglieder. »Wollen wir uns diesen Unsinn wirklich noch weiter anhören?«

Dura, der für die Handwerker im Rat saß, machte eine abwiegelnde Handbewegung. »Ich würde das nicht so leichtfertig abtun. Erinnert euch doch bitte kurz daran, wie oft Loris sich mit seinen Ideen gegen unseren Widerstand durchsetzen musste. Und wir alle wissen: Im Nachhinein können wir nur den Ahnen danken, dass wir auf ihn gehört haben. Seine Befestigungen der Mauern, die neuen Waffen, all das haben viele von uns als Unsinn abgetan. Doch er hat damit unzählige Leben gerettet. Ohne ihn wäre es viel, viel schlimmer gekommen. Auch in den Monaten nach der Dürre, beim Wiederaufbau, hat sich sein heller Kopf immer wieder als wertvoll erwiesen. Ich finde, wir sollten ihm durchaus noch weiter zuhören.«

Die oberste Ratsfrau Dafina nickte zustimmend. »Der Ansicht bin ich ebenfalls. Dieser junge Mann hat wirklich Großartiges geleistet, als Dürrekommandant und auch danach. Wir schulden ihm zumindest, ihn aussprechen zu lassen.« Sie wandte sich mit aufmunterndem Lächeln an Loris. »Bitte erkläre uns, was du mit diesen eigenartigen Pumpen vorhast, die du eben angesprochen hast.«

Loris schenkte ihr einen dankbaren Blick. Es war beruhigend, sie auf seiner Seite zu haben. Als ältestes und geachtetstes Ratsmitglied hatte sie ihm schon mehrfach beigestanden.

»Bevor ich zu den technischen Ausführungen komme«, setzte er dann seine von Cheuk so unfreundlich unterbrochene Rede fort, »möchte ich noch einmal ausdrücklich betonen: Ich will nicht etwa zusätzliche Tiere zur Stadt locken. Sie riechen sowieso in weitem Umkreis unser Wasser, deshalb sammeln sie sich ja zu jeder Dürre vor den Mauern, wenn der Durst sie in den Wahnsinn treibt. Mein Plan ist ganz im Gegenteil, sie von der Stadt wegzulocken. Nicht weit, aber doch in ausreichenden Abstand zu Or, damit sie uns eben nicht mehr gefährlich werden.«

Er wies erneut auf die Karte, die er zur Veranschaulichung gezeichnet hatte. »Ihr seht, alle von mir angedachten neuen Speicher liegen am Rande des Umlands, gerade noch innerhalb der Grenzen, in denen wir uns von der Stadt entfernen. Fünf in der Ebene, drei in den Bergen, dort, wo sich unserer Erfahrung nach die meisten Tiere der Stadt nähern. Wenn wir ihnen dort für die Zeit der Dürre gerade so viel Wasser anbieten, dass sie über die Runden kommen, gibt es für sie keinen Grund, sich an den Mauern den Schädel einzurennen. Oder diese eben umzureißen und Massaker unter der Bevölkerung anzurichten.«

So, wie es in der vor weniger als drei Monaten zu Ende gegangenen Dürre der Fall gewesen war. Bis dahin hatten die Stadtmauern von Or allen Versuchen der wilden Tiere standgehalten, sich am Wasser und der Nahrung innerhalb der Stadt zu vergreifen – mal von Vogelschwärmen abgesehen. Doch dann waren nicht nur neuartige, besonders große, starke und sehr schwer zu tötende Wölfe aufgetaucht, sondern auch geradezu monströse Echsen. Diese bis zu acht Meter langen Bestien waren nicht nur in der Lage, die aus Sandstein gebaute Große Mauer zu erklimmen, die Or zur Ebene hin schützte. Mit stahlharten Klauen und enormer Kraft konnten sie die kleineren Mauern zu den Gebirgstälern glatt niederreißen und damit sowohl sich als auch weiteren Raubtieren Eintritt verschaffen.

Loris zerriss es immer noch das Herz, wenn er an die vielen Toten dachte, die sich am Ende des Kampfes auf dem Platz vor dem Krankenhaus getürmt hatten. Eine einzige dieser Echsen, ein Rudel Wölfe und einige weitere Bestien hatten Dutzende getötet, Hunderte verletzt. Uschindi, eine gute Freundin und Mitglied seines Dürrerates, Jitu, der junge Mann, der sich selbst geopfert hatte, um das geschuppte Monstrum aufzuhalten, so viele, deren Namen Loris erst hinterher erfahren hatte.

»Ich weiß, wir konnten uns Generationen lang auf unsere Mauern verlassen, doch letztlich haben wir mit der Taktik, die Tiere auszusperren und vom Wasser fernzuhalten, selbst für die Angriffe gesorgt. Alles Wasser für uns, unser Vieh, ja sogar die Blumen! Und die Tiere der Wildnis darben. Geben wir ihnen etwas ab, gerade genug, damit sie überleben können. Und zwar leicht erreichbar, ohne gegen unsere Mauern und Waffen anrennen zu müssen. Dann werden sie uns in Frieden lassen.«

»Du hast doch den Arsch offen«, erscholl es da aus den Zuschauerrängen.

Loris zuckte beim Klang dieser Stimme zusammen wie unter einem Schlag. Den Kerl brauchte er jetzt gerade noch.

Auch Dafina, Loris’ Mutter Mona und einige weitere Ratsmitglieder schauten drein, als hätten sie eben einen großen Schluck Essig getrunken.

»Donald«, begrüßte die oberste Ratsfrau den Sägewerksbesitzer eisig. »Hast du außer Beleidigungen auch noch Anderes beizutragen?«

Der große, rotblonde Mann, dessen tumbes Gesicht so viel Intelligenz vermuten ließ, wie er zu bieten hatte, kam die Stufen zwischen den Zuschauerrängen hinabgestapft.

»Beleidigungen?« Er musterte die Anwesenden mit seinem üblichen, arroganten Blick. »Das hat mit nichts mit Beleidigung zu tun, wenn ich die Dinge beim Namen nenne. Dieser Irre«, er wedelte in Richtung Loris, »will also allen Ernstes das Viehzeug auch noch hätscheln, das mir meinen Sohn genommen hat? Statt sie mit Speeren zu spicken, bis keine dieser Bestien mehr übrig ist, will er sie mit Wasser versorgen?«

Er warf einen kurzen Blick auf die Karte und die Schemazeichnungen, die Loris ebenfalls mitgebracht und für den Rat aufgehängt hatte, las die Maße der geplanten Bauwerke ab und grinste spöttisch.

»Das ist dein Ernst?«, fragte er Loris abfällig. »Jedes einzelne dieser Becken, das du ausheben willst, fasst mehr als tausend Kubikmeter. Unterirdisch, im Boden der Ebene. Ist dir klar, welchen Aufwand das bedeutet?«

»Der Boden besteht aus Sandstein, ebenso wie die Berge um uns herum«, gab Loris zurück. »Der ist leicht zu bearbeiten, das wissen wir doch alle. Und wir haben acht Jahre Zeit bis zur nächsten großen Dürre.«

»Ganz recht«, antwortete Donald. »Leicht zu bearbeiten. Man kann aus diesem Sandstein wunderbare, große Blöcke schneiden, mit denen wir unsere Mauern um einige Meter erhöhen. Am besten holen wir das Material direkt aus dem Boden vor der Mauer, das gibt noch einen schönen Graben. Und dann will ich mal sehen, wie eines dieser Drecksviecher noch hinaufkommen will. Vor allem, wenn wir reichlich hübsche Speerschleudern darauf stehen haben. Das ist der richtige Weg, mit dem Viehzeug umzugehen.«

Verdammt! So simpel diese Idee war, Donald war sicher nicht alleine darauf gekommen. Aber er hatte einige reichere Unternehmer auf seiner Seite, längst nicht alle geistig minderbemittelt, sondern einfach nur zu sehr auf den eigenen, kurzfristigen Vorteil bedacht.

»Das wird das Problem aber nicht dauerhaft lösen«, widersprach Loris. »Die Tiere sind in einem ständigen Wettlauf miteinander, werden immer stärker, größer, gefährlicher. Und wir sind Teil dieses Wettlaufes. Wir bauen immer höhere Mauern, immer wirksamere Waffen. Bis die Tiere wieder nachziehen. Warum dieser Irrsinn? Warum nicht den Kampf beenden, indem wir den Tieren das zugestehen, worauf doch sie ein Anrecht haben? Etwas Wasser, das wir entbehren können. Wasser, das wir in den Regenzeiten sammeln und ihnen dann zur Verfügung stellen, wenn sie es dringend brauchen. Geben wir ihnen nicht länger einen Grund, uns anzugreifen, und wir haben dauerhaft unsere Ruhe.«

»Anrecht?« Donald lief dunkelrot an. »Anrecht? Dieses Viehzeug hat überhaupt kein Anrecht auf irgendwas. Die haben mir meinen Sohn genommen! Sie haben unsere Mitbürger abgeschlachtet. Und du willst sie dafür noch belohnen?« Inzwischen brüllte er wie von Sinnen. »Wage es, und ich schlage dir persönlich den Schädel ein!«

»Es reicht«, schnitt ihm Dafinas Stimme wie eine Messerklinge das Wort ab. »Drohungen werden in diesem Saal nicht geduldet. Du hast deine Meinung deutlich zum Ausdruck gebracht, aber nun verlässt du sofort das Gebäude.«

Donald fuhr herum, schien einen Moment kurz davor zu sein, sich auf sie zu stürzen. Doch nun erhoben sich noch weitere Ratsmitglieder, stellten sich Dafina demonstrativ zur Seite, blickten ihn herausfordernd an.

Mit einem wütenden Schnauben wandte sich Donald einem der Ausgänge zu, warf im Vorübergehen noch einige der Ständer um, an denen Loris seine Zeichnungen aufgehängt hatte, und rauschte hinaus. Für einen Moment glaubte Loris, eine graue Kapuze dort oben zu sehen, dann jedoch forderte Dafina mit einem Räuspern seine Aufmerksamkeit ein.

»Loris«, begann sie, »ich denke, für heute lassen wir es gut sein. Wir kennen nun deine Grundidee und müssen uns erst einmal Gedanken darüber machen. Die technischen Einzelheiten kannst du uns ein andermal präsentieren. Wir wissen ja um dein Talent in diesen Dingen.«

Loris wünschte sich zum wohl hundertsten Male, damals die Echse nicht getötet zu haben, bevor sie Donald den hohlen Kopf von den Schultern beißen konnte, nickte aber schicksalsergeben und begann, seine Pläne zusammenzurollen. Heute würde er nichts mehr erreichen.

»Das war ja mal wieder ein typischer Donald-Auftritt«, erscholl es hinter ihm, als er gerade den Platz vor dem Ratsgebäude überquerte. Loris blieb stehen und wandte sich um. Amad, der Armbruster, gesellte sich zu ihm.

»Hör mir auf!«, ächzte er. »Dieser Schwachkopf raubt mir den letzten Nerv. Ist ja nicht so, dass sein dämlicher Sohn für den ganzen Schlamassel verantwortlich gewesen wäre. Wer hat denn das Biest noch extra zum Angriff gereizt, das ihm dann den Schädel runtergebissen hat?«

»Wenn’s nur er gewesen wäre!« Amad legte ihm den Arm um die Schultern. »Stattdessen hat Kay, dieses Arschloch, auch noch alle anderen Toten auf dem Gewissen mit seiner Scheißaktion. Aber das wird sein hirnloser Vater nie und nimmer eingestehen.«

»Worauf du einen lassen kannst.« Loris kickte missmutig ein Steinchen davon. »Wolltest du nur zuschauen, wie der mich aus der Fassung bringt, oder hast du Neuigkeiten?«

Amad grinste. »Beides. Gasi, Kristobal und ich haben draußen ein paar Versuche angestellt, und das Ergebnis sieht gar nicht mal schlecht aus.«

Oh, das waren doch mal gute Nachrichten. »Kann ich mir das anschauen?«

»Deshalb bin ich hergekommen«, gab Amad zurück. »Wir haben uns extra was für dich aufgehoben. Kannst du jetzt gleich?«

Loris warf einen Blick zur Sonnenuhr am Turm. »Hmm … eigentlich wollte ich heim, Mitena kocht ein Rezept von der Küste. Und du weißt ja …«

Amad lachte »Ja, ich weiß. Du willst nicht wieder Knatsch mit ihr riskieren, weil du vor lauter Arbeit ständig weg bist. Marina hat sicher auch nix dagegen, wenn ich daheim esse. Dann verschieben wir’s auf Nachmittag. Um drei am Versuchsplatz?«

»Ich bin da.«

»Also? Was habt ihr für mich?« Loris sah erwartungsvoll in die Runde. Neben Amad standen Kristobal, der große, muskelbepackte Schmied, und Gasi, seines Zeichens Pulvermeister im Bergwerk. Die Gruppe traf sich in einem kleinen Tal, das beinahe am Rande des Umlands lag, in dem sich die Bewohner der Stadt relativ gefahrlos aufhalten konnten. Wer die Grenze überschritt, befand sich in der Wildnis, die von gefährlichen Tieren nur so wimmelte. Dort überlebte man nur in gut geschützten Karawanen – oder als Mensch mit ganz außergewöhnlichen Kräften wie Mikail und dessen eigenartige Freunde. Der Abstand zur Stadt war nötig, um nicht allzu viele neugierige Fragen zu provozieren, wenn es mal wieder so richtig krachte.

»Du wirst staunen!«, antwortete Gasi mit leuchtenden Augen. Seit seine Knalleimer so wertvolle Dienste bei der Verteidigung der Stadt geleistet hatten, platzte der dürre Kerl mit dem aschblonden Wuschelkopf – von einigen auch Staubwedel genannt – vor Stolz. Und dass Loris ihn bei seiner neuesten verrückten Idee mit einbezogen hatte, machte ihn geradezu glücklich.

Gasi wies mit großer Geste auf ein kleines Gestell aus massiven Brettern, das ein stählernes Rohr beherbergte.

»Wir hatten erst geplant, etwas viel Größeres und Dickeres zu nehmen, uns aber dann für dieses Rohr entschieden. Ein Zentimeter Wandstärke, drei Zentimeter Innendurchmesser und einen knappen Meter lang.«

Interessiert lauschte Loris den Ausführungen der drei. Was in welcher Reihenfolge in das Rohr kam und warum, der Grund für die Form des Geschosses und so weiter.

»Hier hinten«, schloss Kristobal den Vortrag ab, »stehen unsere Zielscheiben. Wir haben ein Stück Echsenkragen und dahinter etwas Haut aufgespannt. Immerhin haben wir jetzt genug von dem Zeug für jede Menge Schusstests.«

Ja, da hatte er recht. Mehr als ein halbes Dutzend dieser Monster hatten sie in der Dürre erlegt, die meisten vor der Mauer. Ein einziges, das durchbrach und weiteren Tieren den Weg öffnete, hatte dann für das Massaker gesorgt. Wäre nicht Mikail mit seinen neuen Freunden aufgetaucht, auch Lia wäre von einem Wolf zerfleischt worden. Statt ihrer hatte es ein Mädchen erwischt, das sich mutig dazwischengeworfen hatte. Eine der sogenannten Abartigen, die es offenbar irgendwie schafften, in der mörderischen Wildnis zu überleben.

Die Stadt hatten Mikail und seine sehr eigenartigen Begleiter nicht gerettet, das hatten die Bewohner schon selbst geschafft – unter Loris’ Führung. Doch Lia verdankte ihr Leben dem Opfer dieses Mädchens, das Mikail offenbar sehr nahegestanden hatte.

Loris seufzte. Noch immer schmerzte die Erinnerung an den Streit, in dem Mikail und er auseinandergegangen waren. Am liebsten wollte er dessen harte Worte dem Verlust zuschreiben, den er erlitten hatte. Doch auch Loris hatte seinen Anteil daran gehabt, dass es so furchtbar gelaufen war. Auch er hatte seinem besten Freund seit Kindertagen Schlimmes an den Kopf geworfen. Wie gerne hätte er diese Worte ungesagt gemacht, um Verzeihung gebeten, die Freundschaft gerettet. Doch sie würden sich wohl nie wieder über den Weg laufen.

»Loris?« Amad wedelte mit der Hand vor seinem Gesicht herum. »Träumst du?«

Loris schüttelte sich kurz. »Entschuldigt«, bat er, »Ich war in Gedanken.« Er erinnerte sich, worum es zuletzt gegangen war. »Sind das dann nur diese beiden Schichten? Kragen und Haut?«

»Dahinter kommt der übliche Strohballen, und dann ein Sandhaufen, direkt vor der Felswand«, klärte Kristobal ihn auf. »Und jetzt schau zu. Gasi?«

Der dürre Pulvermeister nickte, ging in die Hocke und schaute an dem Rohr entlang. Er rutschte das Gestell etwas auf dem Boden herum, korrigierte die Neigung des Rohres und sah dann zufrieden auf. »Fertig. Her mit dem Docht.«

Amad entzündete einen Docht, der an einem langen Stab befestigt war. »Wir wollen bei den ersten Versuchen lieber nicht zu nah rangehen. Könnte ja sein, dass das Rohr irgendwann mürbe wird und uns um die Ohren fliegt.«

Ob dann die knapp zwei Meter Abstand reichen würden, wagte Loris zu bezweifeln, aber auch gefühlte Sicherheit war was wert.

Gasi hielt die Flamme an das kleine Stück Zündschnur, das am ansonsten verschlossenen hinteren Ende aus dem Rohr herausragte. Es krachte gewaltig. Ahnenscheiße, Loris hatte vergessen, sich die Ohren zuzuhalten!

Das Gestell war ein Stück nach hinten gehüpft, eine dicke Rauchwolke waberte vor dem Rohr herum, und hinter dem Ziel rieselten kleine Strohstückchen zu Boden.

Loris lief, gefolgt von den anderen, die beinahe hundert Meter zur Zielscheibe. Er besah sich das Ergebnis und war mehr als beeindruckt.

»Phantastisch, was ihr da gebaut habt!«, lobte er die drei. »Damit erlegen wir so ein verdammtes Echsenvieh mit dem ersten Schuss. Egal, wo wir es treffen.«

»Das will ich doch stark hoffen«, gab Amad lachend zurück. »Natürlich müssen wir noch vieles verbessern, aber es eilt ja nicht. Seit die Dürre zu Ende ist, scheinen die Biester das Interesse an Or verloren zu haben.«

Loris nickte. »Ja, unser Glück. Aber eine Frage hab ich dann doch noch. Das Ding verschießt ein einzelnes Geschoss, das selbst die Echsenpanzerung knackt. Die guten, alten Knalleimer dagegen haben eine ganze Ladung Kleinteile herausgejagt, die gleich mehrere Wölfe erlegt haben. Habt ihr da auch was?«

Amad grinste breit. »Na, was denkst du denn?«

2

»Wolnosch.« Jekarina wies mit großer Geste auf eine riesige Ansammlung von Zelten, die vor ihnen in der Ebene lag. »Die einzige ständige Siedlung der Freien.«

Mikail war beeindruckt. Von hier oben, auf dem Kamm eines der letzten Hügel nördlich des großen Gebirges stehend, sah das Lager geradezu gigantisch aus. Das waren nicht nur um die hundert Zelte wie bei einem der üblichen Clanlager, hier ging die Zahl der runden Behausungen aus Filz und Fellen in die Tausende.

»Das müssen mindestens so viele Einwohner sein wie in Or«, schätzte er.

»Ja, momentan ist ganz schön was los.« Jekarina klopfte ihm auf den Rücken. »Da finde ich bestimmt jede Menge Partner zum Ringen.« In den letzten Monaten hatte sie Mikail immer wieder dazu überredet, mit ihr oder auch Markus zu ringen. Beide stellten auf ihre eigene Weise schwierige Gegner dar, die Riesin aufgrund ihrer enormen Reichweite, Markus, weil er so unglaublich schnell war. Aber mit der Zeit hatte Mikail gelernt, mit beidem umzugehen, und nun gewann er sogar schon ab und zu.

»Na komm«, fuhr sie fort, »gehen wir weiter. Ich freue mich schon seit Wochen auf einen ordentlichen Krug Bier.«

»Da schließe ich mich an.« Markus grinste von einem Ohr zum anderen. »Endlich mal wieder ein schönes Bierchen. Das bekommen wir nur hier.«

Aha. Na, das gönnte Mikail seinen Freunden. Er ließ den Blick über die riesige Zeltstadt schweifen, während sie den Hang hinab darauf zugingen. Nanu? Das da hinten sah aber nicht nach Zelten aus.

»Sind das etwa richtige Häuser?«, fragte er erstaunt. Die Freien führten ihr nomadisches Leben normalerweise nur mit Zelten und Wagen. Feste Gebäude kannten sie nicht … dachte er zumindest bisher.

»Sind es, ja«, bestätigte Markus. »Es gibt einen ganzen Clan von mehreren hundert Menschen, die dauerhaft hier wohnen und nicht umherziehen wie wir. In erster Linie diejenigen, die in den hiesigen Werkstätten, Brauereien und so weiter arbeiten. Natürlich helfen auch wir mit, solange wir uns hier aufhalten, aber ein paar Fachleute sind ständig vor Ort, die haben das Ganze unter ihrer Aufsicht. Was du da siehst, sind zum Teil genau diese Werkstätten, zum Teil aber auch Wohnhäuser des Wolnosch-Clans. Nicht zu vergessen das Gebäude des Großen Rates, die Bibliothek und die Akademie.«

Mikail war baff. Nun reiste er schon einige Monate mit den Freien, doch immer noch hielten sie Überraschungen für ihn bereit.

Ehe er weitere Fragen dazu stellen konnte, erblickte er einen Reiter, der offensichtlich auf die drei Neuankömmlinge zuhielt. »Will der was von uns?«

»Schätze schon«, gab Jekarina zurück. »Immerhin wurde unser Kommen ja bereits angekündigt. Vielleicht will der Rat uns sofort sehen.«

Der Reiter näherte sich in leichtem Galopp, winkte nun zu ihnen herüber, was endgültig Mikails Frage beantwortete.

»Jekarina, nehme ich an?«, rief er ihnen schon von Weitem entgegen.

Die Riesin lachte und hob den Arm zum Gruß. »Wie der mich bloß erkannt hat?«

Mikail musste schmunzeln. Ja, allzu viele Menschen von beinahe drei Metern liefen wohl selbst bei den Freien nicht herum, auch wenn sie zu einem großen Teil aus Veränderten bestanden. Von Fell und Echsenhaut über Nachtsicht, extrem gute Ohren und herausragende Kraft oder Schnelligkeit bis hin zu Riesenwuchs war alles vertreten. Natürlich auch vieles, was eher hinderlich war, zusätzliche oder fehlende Gliedmaßen, Verwachsungen und so weiter. Doch hier fand jeder seinen Platz, durfte jeder die ihm eigenen Fähigkeiten einbringen und wurde respektiert. Außer … er war in einer der Städte aufgewachsen. So wie Mikail.

Der Fremde war heran und zügelte sein Pferd. »Jekarina?«, fragte er erneut.

»Ebendiese«, gab sie zurück. »Man erwartet uns schon sehnsüchtig, was?«

»Neugierig trifft es eher«, antwortete der junge Mann, dessen Haut bunte Muster aufwies. »Wer von euch ist der Städter?«

Mikail hob die Hand. Tja … er war der Städter, das hatte sich immer noch nicht geändert. Aber vielleicht würde sein Besuch hier etwas bewirken.

»Ich soll euch direkt zum Großen Rat bringen, man möchte sich den Bewerber näher ansehen«, erklärte der Reiter, stieg ab und stellte sich als Naoki vor.

Unter der Führung des Boten strebten sie der Siedlung zu.

»Du heißt Mikail, nicht wahr?« Naoki sah ihn offen und freundlich an, ohne seine Neugier zu verbergen. »Nach allem, was man hört, hast du eine ganze Menge für den Clan getan, der dich aufgenommen hat.«

Mikail winkte ab. »Unsinn. Man hat mir Gastfreundschaft gewährt, Unterkunft, Nahrung und Schutz. Dafür muss ich mich doch einbringen. Ich bin Connor und allen anderen mehr als dankbar, erst recht, wo durch meine Schuld …« Er verstummte, sah traurig zu Boden.

»Was war deine Schuld?«, fragte Naoki nach.

»Gar nichts!«, mischte sich Jekarina ein. »Er gibt sich die Schuld am Tod eines jungen Mädchens. Ich hab ihm schon hundertmal gesagt, dass das völliger Schwachsinn ist. Wenn irgendwer schuld daran ist, dann ich. Ich hätte auf sie aufpassen müssen.«

»Wir«, setzte Markus hinzu. »Wir alle waren mitverantwortlich. Mikail konnte nun wirklich nichts dafür, dass sie sich einfach davongemacht hat, weil wir nicht aufmerksam genug waren.«

Ja, ja, und sie konnten es noch weitere hundertmal sagen, das änderte nichts daran, wie er sich fühlte. Nur weil er unbedingt nach Or hatte gehen müssen, um mal wieder den Helden zu spielen, war Joti gestorben. Die liebe, hübsche, kluge und mutige Joti, deren Liebe er nicht erwidert hatte, weil sein Herz noch an Lia gehangen hatte. Seine Jugendliebe, die sich dann doch von ihm abgewandt hatte. Für nichts und wieder nichts hatte Joti ihr Leben geopfert. Nein, rief er sich zur Ordnung. Um Lia das Leben zu retten. Das war weit mehr als nichts, ganz egal, was danach geschehen war.

»Können wir diese fruchtlose Diskussion bitte lassen?«, bat er bitter.

»Ist wohl besser so, ja«, grummelte Jekarina. »Dem Rat werde auf jeden Fall ich berichten, wie das Ganze gelaufen ist, dass das klar ist. Wenn sie es überhaupt hören wollen.«

Wenig später hielten sie auf einer breiten Straße auf die Mitte der Zeltstadt zu, wo die festen Gebäude standen. Mikail kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Offenbar gab es genau festgelegte Plätze für die Zelte, dazwischen Gassen und ganze Straßen, aber auch Pferche für einen Teil der Tiere und sogar Toilettenhäuschen. Die beste Näherung an so etwas hatte er bislang im Berglager gesehen, wo man kleine Verschläge direkt über einem schmalen Wasserlauf errichtet hatte, der alles sofort vom Plateau spülte. Hier existierte sogar eine richtige Kanalisation.

»Wir kommen zum Zentrum«, erklärte Naoki, der bereits einige Fragen Mikails freudig und stolz beantwortet hatte. »Dort siehst du die Wohnhäuser des Wolnosch-Clans. Sie liegen in mehreren Ringen um den großen Marktplatz herum. Dazwischen gibt es Gasthäuser, Badehäuser, Geschäfte und einiges mehr. Fast wie in einer eurer Städte, nehme ich an.«

Mikail erwiderte Naokis fragenden Blick mit einem Nicken.

»Ja, und dann«, fuhr ihr Führer fort, »haben wir eben noch die wirklich großen Bauten, die aus Stein errichtet sind. Du siehst ja, die normalen Häuser sind alle aus Holz. Aber die Ratshalle, die Bibliothek und die Akademie, die haben unsere Vorfahren schon vor Hunderten von Jahren richtig solide aus Stein gebaut. Damals lebten noch ein paar der ursprünglichen Vertriebenen, die diese Bauweise in den Städten erlernt hatten. Heute sind wir froh, dass unsere Baumeister die immer öfter nötigen Reparaturen erledigen können.« Er lachte.

»Eine Akademie? Was ist das?«

Nun sah der junge Mann mit der bunten Haut ihn überrascht an. »Gibt es denn das bei euch nicht?«

Mikail war überfragt. »Zumindest sagt mir der Ausdruck nichts. Vielleicht nennen wir es nur anders?«

Eben wollte Naoki zu einer Erklärung ansetzen, da rief jemand seinen Namen. Ein alter Mann mit langem Bart und kleinen Hörnern an beiden Kopfseiten winkte sie zu sich heran. »Da seid ihr ja endlich«, begrüßte er die Gruppe.

»Darf ich vorstellen: Sorusch, Mitglied des Großen Rates«, erklärte Naoki. »Entschuldige, aber schneller ging es nicht«, wandte er sich dann an den alten Mann. »Glaube nicht, ich habe getrödelt!«

»Schon gut, schon gut«, winkte der Mann ab. »Ist ja nicht so, dass wir uns in der Zwischenzeit gelangweilt hätten.«

Naoki lachte. »Stimmt, ihr habt ständig was zum Quatschen.«

Damit verabschiedete er sich und zog mit seinem Pferd davon.

»Der Bengel«, murmelte Sorusch und schüttelte schmunzelnd den Kopf. »Mein Enkel«, erklärte er dann und winkte Mikail und seine Begleiter herein. »Kommt, wir sind schon gespannt, alles zu erfahren.«

»Das ist ein wirklich außergewöhnlicher Antrag, den Connor und sein Clan da stellen.« Die kleine, rundliche Frau namens Pavla, allem Anschein nach die oberste Ratsfrau hier, sah Mikail nachdenklich an.

»In der Botschaft, die er euch vorausgeschickt hat, steht, dass du dich sehr gut in den Clan einfügst, mitarbeitest und sogar dein Leben für den Schutz der Clanmitglieder riskiert hast.«

Mikail sah keinen Grund das zu kommentieren und wartete lieber auf das »Aber«, das wahrscheinlich kommen würde.

»Das alles spricht für dich«, fuhr Pavla fort. »Und Connors Wort hat hier einiges Gewicht, er war schließlich schon zweimal Mitglied im Großen Rat. Andernfalls hätten wir dich nicht einmal hierher bestellt, sondern den Antrag gleich abgeschmettert. Denn eines muss dir klar sein: Seit Generationen ist kein Ausgestoßener, der dem Kindesalter entwachsen war, mehr bei uns aufgenommen worden. Und das aus gutem Grunde.«

Mikail nickte stumm. Das hatte ihm Connor schon ausführlich erklärt. Wer so lange unter den Städtern gelebt und ihre Sichtweisen verinnerlicht hatte, fügte sich nicht mehr in die Gemeinschaft der Freien ein. Außerdem hatte man vor langer Zeit beschlossen, dass ausschließlich Kinder an die Freien übergeben würden, wenn sie aufgrund ihrer sogenannten Abartigkeit aus den Städten verstoßen wurden. Wer seine Eigenheiten, die ihn von den in ihren eigenen Augen Gesunden unterschieden, allzu lange verbarg, sollte dafür nicht noch belohnt werden. Mal davon abgesehen, dass man diese ganze Vereinbarung, ja sogar die Existenz der Freien selbst, strikt geheim hielt. In den Städten glaubten bis auf wenige Eingeweihte alle, die Ausgesetzten würden dem sicheren Tod überantwortet. Was Mikail anging, hätte das mit dem sicheren Tod auch beinahe zugetroffen.

»Nun ist Connors Fürsprache sicher viel wert, wir möchten uns aber trotzdem selbst ein Bild von dir machen«, erklärte Pavla. »Bitte erzähle uns alles über dich. Wer bist du, wie konntest du so lange unentdeckt in der Stadt leben, wie wurdest du entlarvt und wie bist du letztlich zu Connors Clan gekommen?«

Mikail sah zu Markus und Jekarina, die links und rechts von ihm saßen, in der Mitte des großen Saales, gegenüber einem Dutzend Freien, die den Großen Rat bildeten. Seine Freunde nickten ihm aufmunternd zu.

Also erzählte er von seiner Kindheit auf dem elterlichen Bauernhof, von den Ängsten, die sie alle über Jahre hinweg ausgestanden hatten, dass man seine enorme Kraft entdecken könnte. Wie er sich in der Schule lieber hatte verprügeln lassen, als sich zu wehren, und wie er es sogar vor seinem besten Freund Loris und dessen Familie verborgen gehalten hatte. Dass dessen Schwester einst seine große Liebe gewesen war, ließ er unter den Tisch fallen.

Den Kampf gegen die Tundrawölfe, die die Karawane auf dem Rückweg von Cood angegriffen hatten, versuchte er möglichst kurz abzuhandeln. Er hatte jedes Mal das Gefühl, sich mit seinen Heldentaten zu brüsten, wenn jemand die Geschichte hören wollte. Stattdessen sprang er schnell zur Heimkehr nach Or und dem Verrat durch Kay.

»Einen Augenblick bitte«, unterbrach ihn eine tiefe Stimme. Sie gehörte einer Frau … nein … Moment … bei näherem Hinsehen steckte in dem eleganten Kleid wohl eher ein Mann, sogar mit einem recht kantigen Gesicht und unübersehbarem Bartschatten! Mikail merkte, dass er ziemlich dumm kuckte, und bemühte sich, ein neutrales Gesicht aufzusetzen. Was er als Kleid gedeutet hatte, war wohl nur eine besonders aufwendig gestaltete Kandora, wie sie bei den Freien wie auch in den Städten einige Männer trugen. Manchmal unpraktischer als Hemd und Hose, dafür vor allem in der wärmeren Jahreszeit luftiger und angenehmer.

»Ja, Liv?«, erteilte Pavla dem Ratsmann das Wort.

»Nur, dass ich das richtig verstehe«, begann Liv. »Du hast deine außergewöhnliche Kraft dein Leben lang erfolgreich versteckt. Dann gibst du dich zu erkennen, um eine Menge Menschen zu retten, und zum Dank dafür schmeißen sie dich raus. Ausgerechnet vor einer großen Dürre und nachdem sie gerade erfahren haben, dass sich neuerdings Tundrawölfe in der südlichen Steppe herumtreiben. Richtig?«

Mikail bestätigte das.

Liv brummte unwirsch. »Diese Leute in den Städten sind noch mieser als ich dachte.«

Das konnte Mikail so nicht stehen lassen. »Nicht alle«, widersprach er. »Fast alle, die während des Kampfes mitbekommen haben, dass ich anders bin, haben den Mund gehalten. Nur dieser Kay, das war einfach ein mieses Stück, der hat mich verpfiffen. Und dann haben ein paar Leute wirklich viel versucht, mir zu helfen. Die Gesetze lassen halt leider gar keinen Spielraum, das hat sogar die oberste Ratsfrau bedauert. Und sie hat erlaubt, dass man mir noch alles Mögliche mitgibt, Waffen, Proviant und so weiter.«

»Ach so«, kommentierte Liv ätzend. »Das ist natürlich was anderes. Man hat es bedauert und dir was mitgegeben, damit du vielleicht ein paar Tage länger durchhältst. Wirklich mitfühlend.«

»Liv, bitte!«, unterbrach Pavla die Tirade. »Wir alle kennen deinen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, und ich denke, niemand von uns heißt das Verhalten der Städter gut. Hier aber geht es um Mikail und seine Geschichte. Sei also bitte so gut, und lass ihn nun ungestört erzählen.«

Liv zuckte nur die Schultern und schwieg.

Mikail berichtete also davon, wie er dem Bären die Höhle abgejagt hatte, ließ den Vorfall im Bergwerk weg, da er nichts zur Sache tat, und kam dann zu dem Tag, an dem er Garik im Wald aufgelesen hatte.

»Ich wusste ja nicht, dass es diese Abmachung gab. Das Lager von Connors Clan hatte ich entdeckt, aber auf die Idee, dass man den Freien signalisierte, wann es ein Kind abzuholen gab, bin ich nicht gekommen«, rechtfertigte er sich.

»Das ist durchaus verständlich«, beruhigte Pavla ihn. »Du hast im besten Glauben gehandelt, das wird dir niemand vorwerfen. Und dann hast du beschlossen, den Jungen zum Clanlager zu bringen, ja?«

»Nicht ganz«, widersprach er. »Ich hatte zwar daran gedacht, war mir aber nicht sicher, wie man auf uns reagieren würde. Immerhin wusste man im Clan ja offenbar von mir, hatte sich aber nicht gezeigt oder mir gar Hilfe angeboten. Deshalb habe ich überlegt, dass ich es wohl alleine mit dem Kleinen schaffen muss. Bis dann diese Echsen auftauchten.«

Gespannt lauschte der ganze Rat dem Abenteuer, das die beiden erlebt hatten. Nur ganz knapp und durch ungeheures Glück waren sie den gigantischen Reptilien entkommen. Erst danach hatte Mikail beschlossen, es auf jeden Fall beim Clan zu versuchen. Zumindest den Jungen mussten sie doch bei sich aufnehmen.

»Du bist wirklich von Anfang an davon ausgegangen, dass du selbst keine Chance haben würdest?«, fragte Pavla nach. Bis auf Livs Zwischenruf überließ man ihr völlig das Gespräch.

»Ja«, bestätigte er. »Wie gesagt, man hatte mich ja bewusst ignoriert. Ich hoffte eben, dass man einem Kind gegenüber vielleicht offener wäre.«

»Ich hab selten sowas Selbstloses erlebt wie den Jungen hier«, kommentierte Liv und schenkte ihm einen respektvollen Blick.

»Scheint fast so«, gab Pavla ihm leise recht.

»Nun gut«, fuhr sie mit lauterer Stimme fort. »Du bist also in das Lager marschiert und hast darum gebeten, dass man sich um den Kleinen kümmert.«

Mikail nickte.

»Dort hat man dir dann erklärt, dass man das Kind sowieso aufgenommen hätte? Aha. Gut. Und, dass du für eine Aufnahme zu alt bist.«

Eben wollte er darauf antworten, als Pavla die Hand hob, um ihn zu bremsen.

»Nein, bitte, ab hier möchte ich es aus der Sicht des Clans hören. Jekarina oder … Markus, richtig? Ja? Kann bitte einer von euch fortfahren?«

»Ich mach das«, sagte Jekarina und berichtete in knappen Worten, wie ruhig Mikail es aufgenommen hatte, dass man ihn wieder wegschicken würde und wie wütend Garik darauf reagiert hatte.

»Der Junge hat uns eiskalt erpresst. Wenn wir Mikail davonjagen, geht er auch. Und der meinte das bitterernst«, erzählte die Riesin. »Mikail hat sogar mal versucht, sich heimlich davonzustehlen. Er hat sich absolut nicht aufgedrängt, ganz im Gegenteil. Aber Garik hat es gemerkt und wieder einen Aufstand gemacht. Er hat uns glatt vor den Latz geknallt, wenn wir Mikail in der Dürre wieder wegschicken, sind wir nicht besser als die Städter. Und … na ja … da hatte er ja auch recht, nicht?«

Dieser Kommentar wurde allerdings sehr zwiespältig aufgenommen. Während Liv und ein paar weitere beifällig nickten, waren andere offenbar ganz und gar nicht begeistert davon, mit den von ihnen so verachteten Städtern in einen Topf geworfen zu werden.

»Wie auch immer«, fuhr Jekarina fort, »wir sind zu dem Entschluss gekommen, Mikail erst mal Gastfreundschaft zu gewähren, bis die Dürre vorbei ist. Aufnahmen mögen verboten sein, das Gastrecht jedoch schien uns hier ausreichend. Immerhin hat der Junge uns unterstützt, wo er nur konnte, bei allen Arbeiten mitgeholfen, Wache geschoben und so weiter. Er hat sich wirklich wunderbar bei uns eingelebt. Hätte ich früher selbst nicht gedacht, dass jemand nach zwanzig Jahren Stadtleben so gut zu uns passen könnte.«

Auch diese Aussage rief bei einigen Ratsmitgliedern unwirsche Reaktionen hervor. Mikail merkte schon, hier würde er keinen leichten Stand haben.

»Und dann kam ja die Sache mit den Echsen.« Jekarina wurde nur ein kleines bisschen lauter, aber bei ihrer dröhnenden Stimme reichte das vollkommen, um alles Murren zum Schweigen zu bringen. »Wir sind auf drei von den Biestern gestoßen, eines davon war verdammt groß. Mikail hat uns nicht nur seine Entdeckung mitgeteilt, wo sie verletzlich sind, sondern gemeinsam mit uns gegen sie gekämpft. Er hat sein Leben riskiert und beinahe verloren, um den Clan zu schützen. Ohne ihn hätten wir mehr als nur eine Tote und einen Schwerverletzten zu beklagen gehabt. Das hat dann den gesamten Clanrat dazu gebracht, den Antrag zu stellen.«

Eine Stunde später saßen sie in einem Gasthaus. Normalerweise schliefen Gäste der Freien einfach in irgendeinem Zelt, hier jedoch bot man ihnen tatsächlich richtige kleine Zimmer an. Immerhin herrschte ein reger Verkehr von Meldereitern, sonstigen Boten und Händlern, die Waren aus Wolnosch zu den Clanlagern brachten oder umgekehrt. Sogar eine Wirtsstube gab es, in der nun alle drei einen köstlichen Eintopf löffelten – bereits die dritte Portion. Sehr zur Freude des Wirts hatten sie ja alle drei einen recht hohen Nahrungsbedarf.

»Wieso trinkst du eigentlich kein Bier?«, fragte die Riesin zwischen zwei Löffeln. Es sah ulkig aus, wie sie sich auf dem normalgroßen Stuhl zusammenfaltete, um halbwegs an den Tisch zu passen. Sie hatte ein Zimmer bekommen, das normalerweise vier Personen Platz bot, damit man mehrere Betten für sie zusammenstellen konnte.

Mikail zuckte die Schultern. »Ist mir zu bitter.«

Markus lachte. »Wahrscheinlich liegt’s daran, wie die Städter das Zeug brauen. Die nehmen sicher nur Gerste.«

Mikail sah ihn verwundert an. »Äh … ja, klar, was sonst? Wir haben jedes Jahr einen schönen Teil unserer Gerste an die Brauerei verkauft.«

»Was sonst?« Jekarina lachte dröhnend. »Nun hör dir den an! Jungchen, in ein gutes Bier gehört auch Weizenmalz! Oder Roggen, das ist dann so was Feines wie das hier. Aber nur Gerste, das gibt doch nur Plörre.«

Aha. Mikail schielte misstrauisch auf den Krug, den man seiner Freundin eben hingestellt hatte. Den dritten bereits. Darin verbarg sich unter einer weißen Schaumkrone ein, wie er gesehen hatte, sehr dunkles Bier.

»Na komm, probier mal!«, forderte sie ihn auf und schob den Krug näher an ihn heran. »Das ist ein Roggenbier, und zwar ein wunderbares.«

Er rang sich zu einem Schluck durch und … winkte der Bedienung, um einen Krug zu bestellen.

Da trat ein Mann von etwa Mitte vierzig mit einem beeindruckenden Bauch an den Tisch, wie ihn bei den Freien nur wenige hatten. Das harte Leben, immer auf Wanderschaft, ließ die Menschen kaum Speck ansetzen.

»Werte Jekarina, ich muss dir leider widersprechen«, ließ der Fremde mit einem gutmütigen Lächeln verlauten. »Man kann auch nur mit Gerste sehr gute Biere brauen.«

»Sagt wer?«, fragte die Riesin und wandte sich um. Im Sitzen war sie mit dem Neuankömmling auf Augenhöhe.

»Sedat mein Name«, stellte der Dicke sich vor. »Braumeister, meines Zeichens. Du trinkst gerade von meinem Roggen.«

Jekarina strahlte ihn breit an. »Du hast das Gesöff hier gebraut? Dann betrachte dich als einen meiner besten Freunde und setz dich!«

Lächelnd kam Sedat der Aufforderung nach. »Ich freue mich, dass mein Werk dir so gut schmeckt. Probiere bei Gelegenheit auch mein dunkles Weizen!«

»Werde ich tun«, gab sie zurück. »Möchtest du dir nur ein Lob für dein vorzügliches Gebräu abholen oder hast du noch was anderes auf dem Herzen?«

»Ach, eigentlich warte ich hier auf meine Frau. Wir gönnen es uns ab und zu, nicht selbst zu kochen, sondern hier zu essen. Der Wirt ist nicht nur mein Kunde, sondern auch ein sehr annehmbarer Koch.«

Das konnte Mikail allerdings bestätigen. Der Eintopf war ein Genuss. Eben kam sein Bier, und er nahm sofort einen ordentlichen Schluck.

»Ihr habt meine Frau übrigens heute kennengelernt«, fuhr Sedat fort. »Ratsfrau Liv.«

Mikail verschluckte sich.

»Tut mir wirklich leid«, beteuerte er, während Sedat und Jekarina, die ihm gegenüber saßen, sich immer noch das Bier aus dem Gesicht wischten. »Ich weiß gar nicht, wie das passieren konnte.«

Sedat grinste nur breit. »Ich schon. Du bist nicht der Erste, der etwas … sagen wir verwundert reagiert. Selbst für uns Freie, die wir die Vielfalt leben und geradezu feiern, ist Liv eine ungewöhnliche Erscheinung. Ich habe erst von ganzen drei ähnlichen Fällen gehört.«

»Also … ist sie …« Mikail wusste nicht, wie er die Frage stellen sollte.

»Ob sie nun Frau oder Mann ist?«, half Sedat nach. »Nun, sie würde ganz klar sagen, sie ist eine Frau, die irgendein seltsamer Zufall in den Körper eines Mannes gesteckt hat. Und wenn man sie erst mal kennenlernt, dann begreift man, wie weiblich sie inwendig ist. Für mich ist sie beides: innen Frau, außen Mann. Was meinen persönlichen Vorlieben sehr entgegenkommt; ich liebe das weibliche Wesen, bevorzuge aber den männlichen Körper. So sind wir zusammengekommen, aber nicht nur deshalb sind wir nun schon sehr lange ein Paar. Ich denke, das hat ihr auch sehr dabei geholfen, sich mit ihrem Körper auszusöhnen. Ändern kann sie ja nichts daran.«

Mikail staunte nicht schlecht. »Das … ich weiß nicht … ich glaube, davon hab ich noch nie gehört. Hat das mit diesen kleinen Tieren zu tun, die in unseren Genen herumpfuschen?«

Sedat schüttelte den Kopf. »Nein, wohl kaum. Wir wissen aus den alten Schriften, dass es solche Menschen auch schon in der ersten Welt gab. Es ist selten, aber natürlich.«

»Dann müsste es aber doch in den Städten auch welche geben«, überlegte Mikail laut. »Aber wie gesagt: Ich habe noch nie davon gehört.«

»Tja, mein Junge«, erklärte Sedat nun mit einem eher säuerlichen Lächeln. »Glaubst du, in diesen Städten, wo man jede Abweichung von der selbsterklärten Norm als krank und abartig verdammt, würde jemand wie Liv sich trauen, offen zu sagen, wie sie ist?«

In diesem Moment betrat Liv die Wirtsstube, sah sich suchend um und kam dann zu ihnen an den Tisch.

»Hallo, mein Schatz«, begrüßte sie Sedat und küsste ihn auf die Wange. »Wie schön, du hast dich schon mit unseren Gästen angefreundet. Entschuldige, dass es so lange gedauert hat. Nach der Sitzung musste ich unbedingt noch mal nach Hause und mich rasieren. Ich sah ja schon wieder furchtbar aus. Dieser schreckliche Bartwuchs!«

Sie sah Jekarina an. »Das Problem hast du nicht.«

Die zuckte nur die Schultern. »Dafür kannst du im Stehen pinkeln, ohne dich komplett einzusauen.«

Liv schaute kurz verdutzt und lachte dann auf. »Auch wieder wahr.«

Bald darauf hatten sich angeregte Gespräche entsponnen. Jekarina erzählte gerade von der Begegnung mit dem Berglöwen auf dem Weg nach Or, da platzte Naoki herein.

»Liv«, sprach er die Ratsfrau an, »entschuldige, wenn ich dich störe, aber du sollst sofort in die Halle kommen.«

Liv sah verwundert von ihrer Schüssel auf, aus der sie eben den letzten Rest Eintopf löffelte. »Jetzt? Wir hatten beinahe den ganzen Tag Sitzungen, und nun soll ich schon wieder antanzen?«

»Tut mir leid, aber ja. Pavla sagt, es duldet keinen Aufschub.«

»Aber worum geht es denn?«

»Mehrere Jäger wurden getötet.«

»Oh nein!« Die Ratsfrau wischte sich den Mund ab und stand auf. »Entschuldigt mich bitte, ja?« Sie verabschiedete sich mit einem Kuss von ihrem Mann und mit einem Nicken von den anderen drei und wandte sich zum Gehen. »Sind etwa diese neuen Echsenviecher hier aufgetaucht?«, fragte sie, während sie dem jungen Mann nach draußen folgte.

»Nein«, antwortete der. Was er dann noch sagte, konnte Mikail nicht mehr verstehen.

3

»Das hättest du sehen sollen«, berichtete Loris aufgeregt am Frühstückstisch. »Zwei saubere Löcher in den Echsenpanzern, und den Strohballen dahinter hat es auch noch fast vollständig durchschlagen.«

Mitena hörte kauend zu, enthielt sich aber noch jeden Kommentars.

»Und dann diese Ladung aus vielen einzelnen Bleikugeln«, fuhr er enthusiastisch fort. »Da muss man zwar etwas näher ran, aber das Ziel hing hinterher regelrecht in Fetzen. Das überleben selbst diese grässlichen Riesenwölfe nicht.«

»Klingt furchtbar«, antwortete Mitena nun wenig begeistert. »Ich meine, ja, wir müssen uns gegen die Tiere verteidigen. Vor allem, wenn der Rat deine Idee mit den Tränken weiterhin abschmettert und in der nächsten Dürre wieder derselbe Ärger droht. Aber …«

Er sah sie erstaunt an. »Aber?«

»Na ja, es klingt trotzdem schrecklich. Waffen, die so große Zerstörung anrichten. Dieses blutige Gemetzel. Es wäre so viel besser, wenn sie endlich einsehen würden, dass man die Tiere einfach nur mit etwas Wasser versorgen muss, um sie von der Stadt fernzuhalten, statt sie erst zum Angriff zu zwingen und dann abzuschlachten.«

Loris seufzte. »Ja, mir wäre es auch lieber. Aber … wenn ich nur die Wahl habe, entweder diese Viecher draußen vor der Stadt abzuschlachten oder noch einmal so ein blutiges Gemetzel unter unseren Mitbürgern – und Freunden – zu erleben …«

»Natürlich«, gab sie nach. »Natürlich.«

Eine Weile aßen sie schweigsam vor sich hin.

»Glaubst du denn«, nahm Mitena das Gespräch irgendwann wieder auf, »dass Donald den Bau der Waffen ebenfalls verhindern wird?«

»Nein, warum sollte er? Er selbst ist doch der Erste, der alles, was da draußen lebt, ausrotten will. Als Rache für seinen Sohn.«

»Aber er hasst dich.«

Loris winkte ab. »Ich glaube, er hasst sowieso jeden, der ihm nicht nach dem Mund redet. Aber immerhin hat er mich einigermaßen ungestört den Wiederaufbau leiten lassen.«

»Weil er gewaltig daran verdient hat, als Besitzer des einzigen Sägewerkes.«

»Umso besser. Für die Gestelle der neuen Knallrohre brauchen wir jede Menge gutes Holz, Eiche vor allem, da kann er gleich wieder das nächste Geschäft machen.«

»Na schön«, gab sie lächelnd zu. »Du wirst das schon hinbekommen. Wann willst du denn deine neuen Erfindungen dem Rat präsentieren?«

»Das sind nicht nur meine Erfindungen«, stellte Loris klar. »Ich hatte zwar die Idee, dass man diese Knalleimer doch sicher auch kleiner bauen könnte, damit sie mit weniger Pulver präziser arbeiten, aber dann haben die Jungs das übernommen und selbst weitergetüftelt. Die Ehre gebührt also ihnen.«

»Dann hatten sie sich die Einladung gestern ja redlich verdient.«

Loris hatte die drei nach ihrer Rückkehr vom Versuchsgelände in ein Gasthaus zum Abendessen eingeladen.

»Haben sie, ja. Jetzt sind sie eifrig dabei, das Grundprinzip weiter zu verbessern. Wir haben immerhin acht Jahre Zeit bis zur nächsten Dürre. Wobei … wenn sich die Karawanen in Zukunft besser gegen Angriffe verteidigen könnten, das wäre schon was wert. Es gab ja bereits einige unschöne Begegnungen mit den großen Echsen. Ich denke, sobald die neuen Waffen verlässlich funktionieren, werden wir sie zuerst einmal dort einsetzen. Die fahrbaren Speerschleudern sind ein Anfang, aber man kann ja noch mehr tun.«

»Mach doch einfach ein Unternehmen auf, das die Dinger herstellt!«, schlug Mitena vor. »Zusammen mit Amad, Kristobal und Gasi. Dein Vater hat den Stahl, Donald wird als Holzlieferant ruhiggestellt, und alle sind glücklich.« Sie grinste breit. »Stell dir das Gesicht deines Vaters vor, wenn ausgerechnet du Unternehmer wirst.«

»Ein Bild für die Ahnen, ja«, stimmte er lachend zu. »Aber wer weiß … vielleicht mache ich das wirklich.«

Draußen schlug der Gong acht Uhr. Loris stand auf. »Schatz, ich muss los. Ratsmann Dura möchte mit mir unter vier Augen sprechen. Ich glaube, er steht auf meiner Seite, was die neuen Tränken angeht.« Er verabschiedete sich mit einem Kuss und machte sich auf den Weg.

»Versündige dich nicht!«

Nanu? Die Stimme kannte er doch? Das war doch dieser komische Kauz in Grau?

»Versündigen? Was soll das sein?«

Und diese Stimme kannte er ebenfalls zur Genüge. Donald. Was hatten die beiden denn miteinander zu schaffen?

Loris blieb stehen und versuchte zu erkennen, aus welcher Richtung die Worte kamen.

»Ihr armen Ungläubigen!« Das war wieder der Fremde, dieser Sandor. Es kam aus einer kleinen Seitengasse. Loris schlich sich ein wenig näher heran.

»Nicht einmal das Wort Sünde kennt ihr, wie könnt ihr dann seinen Sinn begreifen? Aber ich werde es euch lehren, euch alle.«

»Ich lehr dich auch gleich was«, gab Donald giftig zurück. »Und zwar, dass du deine Griffel von meinen Arbeitern zu lassen hast. Setzt ihnen Flausen in den Kopf, dass sie meinen Befehlen nicht zu gehorchen haben. Dir geht’s wohl zu gut.«

»Nur Gott hat das Recht, den Menschen Anweisungen zu geben«, konterte Sandor. »Gott und seine Diener, deren ich einer der bescheidensten bin.«

»Du kannst mich mal am Arsch lecken mit deiner Bescheidenheit. Diene diesem Heini, wo du willst, aber pfusche mir bloß nicht in meine Autorität, du Schwachkopf!«

Loris grinste in sich hinein. Der größte Schwachkopf der Stadt beschimpfte denjenigen, der ihm den Titel streitig zu machen drohte.

»Mich sendet Gott der Allmächtige«, erwiderte Sandor gefährlich zischend. »Du wirst mich und sein Werk, das er durch mich verrichtet, nicht aufhalten.«

Donald lachte laut auf. »Meinst du, ja? Du hast keine Ahnung, mit wem du dich hier anlegst. Ich habe Einfluss in der Stadt, und ich sorge dafür, dass sie dich in hohem Bogen rauswerfen. Besser, du nimmst die nächste Karawane, die Or verlässt. Ist mir scheißegal, wohin, nur verschwinde. Sonst lasse ich dich alleine ausweisen, mal sehen, wie lange du da draußen überlebst.«

Beinahe – aber wirklich nur beinahe – tat der seltsame Kerl in seiner grauen Kutte Loris leid. Der wusste ja nicht, dass Donald ungefähr dreimal am Tag irgendjemandem damit drohte, ihn entweder selbst zu feuern oder dafür zu sorgen, dass andere das taten. Tatsächlich geschah das so gut wie nie. Selbst die eigenen Arbeiter versuchte er damit nur einzuschüchtern, er hätte gar nicht auf sie verzichten können. Von ehrlicher Arbeit hatte der Kerl nämlich keinen blassen Schimmer, er war vollständig auf seine Leute angewiesen. Dass er das Sägewerk überhaupt noch hatte, war nur darauf zurückzuführen, dass er rücksichtslos und mit so manch miesem Trick das Aufkommen von Konkurrenz verhindert hatte. Außerdem hieß es, seine Gefährtin Lamnatu habe einen ausgeprägten Geschäftssinn und ziehe im Stillen so einige Strippen.

»Du überschätzt dich«, gab der Graue kühl zurück. Ach. Woher wusste der das? »Ich bin ein Diener Gottes, der deine Drohungen nicht fürchten muss. Das Licht des Glaubens wird sich durchsetzen, ob es dir passt oder nicht.«

Loris hörte Schritte und verzog sich schnell hinter eine Ecke. Da kam auch schon Sandor in seiner Kutte aus der Gasse und schwebte hochmütig von dannen.

»Dummes Arschloch, dir werd ich’s zeigen«, zeterte gleich darauf Donald, als er mit hochrotem Kopf dicht an Loris vorbeimarschierte, ohne ihn wahrzunehmen. Na, da hatten sich ja zwei gefunden.

»Loris«, erklärte ihm eine Stunde später Ratsmann Dura, »mir gefallen deine Überlegungen immer besser. Auf meine Unterstützung im Rat kannst du zählen.«

Loris strahlte ihn erfreut an. »Das ist wunderbar. Ich brauche jeden Fürsprecher, den ich bekommen kann.«

Dura nickte. »Allerdings. Du hast leider nicht nur Donald und ein paar seiner Speichellecker gegen dich, sondern auch einen großen Teil des Rates.«

»Ich weiß«, seufzte Loris. »Mehr als die Hälfte, fürchte ich.«

»Da dürftest du recht haben.« Dura langte über den Tisch und ergriff Loris’ Hand. »Du musst die Leute verstehen. Es geht ihnen gegen den Strich, ausgerechnet die Viecher plötzlich mit gutem Wasser zu versorgen, die vor ein paar Wochen unsere Stadt verwüstet und viele Menschen getötet haben, darunter welche, die ihnen wichtig waren. Cheuk zum Beispiel hat seinen Bruder an die Wölfe verloren. Er hasst diese Biester aus tiefstem Herzen.« Er lehnte sich wieder zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. »Und außerdem ist er nun mal Kaufmann und tut sich verdammt schwer damit, irgendetwas zu verschenken. Auch, wenn es nur ein paar Kubikmeter Wasser sind.«

Ja, das war noch so ein Punkt. »Nicht zu vergessen die Kosten für den Bau. Die müssen von der Stadt bestritten werden, also aus Steuergeldern. Da haben natürlich alle, die genug Geld haben, Angst, dass sie ein bisschen mehr davon abgeben sollen.«

»Du hast es erfasst«, stimmte Dura zu. »So langsam lernst du, wie ein Ratsmann zu denken.«

»Was soll ich also tun?«

»Weiter Überzeugungsarbeit leisten. Als Dürrekommandant hast du ja auch immer wieder deine Ideen durchgesetzt.«

»Da hatte ich aber mehr Autorität. Seit der Wiederaufbau abgeschlossen ist, bin ich endgültig nur noch ein ganz normaler Bürger wie alle anderen.«