Nephilim, Band 1: Die Apokalypse - Clayton Husker - E-Book

Nephilim, Band 1: Die Apokalypse E-Book

Clayton Husker

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Beschreibung

Die junge Runa streift durch eine untergegangene Welt. Ein Europa der wachsenden Sandwüsten, der wandernden Todeszonen und der bedrohlichen Zombiehorden. Die meisten Überlebenden der Apokalypse suchen Schutz hinter den Mauern der Stadtstaaten. Freiwillig unterwerfen sie sich dort der despotischen Herrschaft einer neuen Kirche. Runa meidet die Städte. Sie benötigt keinen Schutz. Ihr Ziel sind die letzten freien Menschen, die sich in den Ruinen der zerfallenen Zivilisation vor den Zombies und den Kirchenfürsten verbergen. Doch Runa sucht keine Zuflucht. Sie hat andere Pläne. Währenddessen geschieht weit im Osten etwas, womit niemand gerechnet hat. Das Zombievirus mutiert und gebiert eine neue untote Spezies. In einem Bombenkrater in Sankt Petersburg erwacht eine schreckliche Kreatur … Clayton Husker ist ein vielseitiger Autor mit schottischen Wurzeln, aufgewachsen in Norddeutschland und seit seiner Kindheit Fan von SciFi und Weird Fiction. Er lebt sehr zurückgezogen mitten in Schleswig-Holstein, dem Land zwischen den Meeren. Seine Romane sind packend ausgearbeitet und erzählen mitreißende Geschichten.

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Seitenzahl: 294

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Nephilim

 

 

Die Zombie-Serie

von

 

Clayton Husker

Inhalt

Titelseite

Band 1: Die Apokalypse

13. Mai im ersten Baktun (Jahr 15 der Apokalypse)

14. Mai im ersten Baktun (I)

14. Mai im ersten Baktun (II)

15. Mai im ersten Baktun

16. Mai im ersten Baktun

17. Mai im ersten Baktun

18. Mai im ersten Baktun

19. Mai im ersten Baktun (I)

19. Mai im ersten Baktun (II)

19. Mai im ersten Baktun (III)

18. August im fünften Baktun

25. Juli im neunten Baktun

26. Juli im neunten Baktun (I)

26. Juli im neunten Baktun (II)

26. Juli im neunten Baktun (III)

17. Oktober im neunten Baktun

4. April im zehnten Baktun

12. April im zehnten Baktun

16. April im zehnten Baktun

17. April im zehnten Baktun (I)

17. April im zehnten Baktun (II)

17. April im zehnten Baktun (III)

18. April im zehnten Baktun (I)

18. April im zehnten Baktun (II)

18. April im zehnten Baktun (III)

19. April im zehnten Baktun

30. April im zehnten Baktun

1. Mai im zehnten Baktun

3. Mai im zehnten Baktun (I)

3. Mai im zehnten Baktun (II)

17. März im sechzehnten Baktun

Interview mit Clayton Husker

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Impressum

Band 1:Die Apokalypse

 

»Zerstörung ist absolut keine Garantie für den Aufbau eines besseren Lebens.«

Else Pannek

 

 

Das fünfzehnte Jahr der Apokalypse sollte eines Tages als einer der Wendepunkte in der menschlichen Geschichte in die Annalen eingehen. Es war das Jahr, in dem die Zweite Apokalypse begann. Das Jahr, das alles veränderte.

13. Mai im ersten Baktun (Jahr 15 der Apokalypse)

Als Runa die Sanddünen durchwanderte, fielen ihr einige unnatürliche Lichtreflexe ins Auge. Sie kannte diese Zeichen nur zu gut, sie bedeuteten: Vorsichtig gehen. Solche Reflexe stammten meist von Glaselementen, wie sie bei Oberlichtern und Gebäudedächern vorkamen. Wenn man das Glitzern sah, konnte es gut angehen, dass man sich längst auf einer Glasfläche befand, auf der Tonnen von Flugsand lagen. Die Gefahr des Einbrechens war groß.

Vorsichtig tastete Runa sich an die Quelle der Lichtreflexe heran. Wie sich herausstellte, handelte es sich in der Tat um ein Oberlicht, von dem ein Teil noch aus der Düne herausragte. Sie wischte den feinen Flugsand von der Scheibe und versuchte, hineinzuspähen. Gelbliches Licht herrschte im Inneren des Gebäudes, es schien also weitere und vor allem größere Glasflächen zu geben, die nur sehr dünn mit Staub überlagert wurden, sodass sie vom Sonnenlicht noch durchdrungen werden konnten.

Üblicherweise mied Runa solche Gebäude, da sie meist nicht besonders sicher waren. Außerdem schwächelte deren strukturelle Integrität bisweilen, und in so einem Gebäude abzustürzen und sich die Knochen zu brechen, kam einem Todesurteil gleich. Doch das Mädchen hatte seit mehr als drei Tagen nichts mehr gegessen und auch der Wasservorrat war aufgebraucht. Runa wusste zwar, dass sie ihrem Ziel näher kam, hatte es jedoch bis dato nicht ausmachen können. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als neue Kraft zu schöpfen.

Diese Konsumgalerien mit ihren zahlreichen Shops boten häufig benötigtes Material. Selbst wenn sie geplündert worden waren, fand man hier und da noch verwertbare Dinge mit hoher Haltbarkeitsdauer, die noch einigermaßen genießbar waren – wie zum Beispiel Konserven, vakuumverpackte Lebensmittel, Karamellriegel oder Kondensmilch in Dosen. Einmal hatte Runa auf ihrer Reise an einer abseits gelegenen Tankstelle einen ganzen Karton völlig unversehrter Packungen mit Trockenfleisch gefunden. Länger als eine Woche hatte der Vorrat gehalten und in dieser Zeit war sie gut zu Kräften gekommen.

Unterwegs bestand ihr Speiseplan häufig aus Insekten, Maden und Würmern, die als Pioniere des Lebens begannen, die von den Blistern verwüsteten Gebiete zurückzuerobern. Ein Konservenfund bedeutete da jedes Mal ein Fest für das Mädchen.

Entschlossen trat sie zwei Schritte zurück und schlug das Fenster mit ihrem Wanderstock ein. Die Scherben fielen eine ganze Weile, bis sie klirrend irgendwo am Boden zersprangen. Es ging also tief hinunter. Sie legte sich an den Rand des eingeschlagenen Fensters, kleine Rieselfälle aus golden glänzendem Staub fielen leise raschelnd in das Gebäude. Der Geruch, den die Öffnung verströmte, erwies sich als nicht unbedingt unangenehm, also erfolgversprechend. Es roch nur wenig muffig, nicht faulig. Offenbar war es in dem Bau trocken.

Schnell gewöhnten sich Runas Augen an das dämmrige Licht im Innern der ehemaligen Kathedrale des Konsums, die sich in ihrer Höhe über wenigstens vier Stockwerke erstreckte. Lange Rolltreppen waren zu erkennen, großflächige Werbeschilder, die zum Teil lose und abgerissen in ihren Halterungen hingen, außerdem Gebilde, die früher diesen Komplex beleuchtet hatten. Von einer einstmals opulenten Bepflanzung kündeten lediglich vertrocknete Reste, die im Luftzug zu rascheln begannen.

Vorsichtig lauschte Runa in den großen Raum hinein. Verdächtige Geräusche, die auf die Anwesenheit von Zeds hindeuteten, ließen sich nicht vernehmen, sodass sie beschloss, in das Innere des Baus vorzudringen. Ein gezielter Griff in ihre Ausrüstung brachte ein langes Seil zum Vorschein, das sie am Rand des Oberlichtes befestigte und in das Loch warf. Sie konnte hören, dass ein Teil des Seiles unten am Boden aufschlug. Sie bedeckte ihren Rucksack mit Sand, um ihn zu tarnen, obwohl es wahrscheinlich im Umkreis mehrerer Tagesmärsche niemanden gab, der ihn hätte stehlen können. Routine halt.

Sie nahm ihre Stabtaschenlampe, die über einen Kurbelgenerator verfügte, zwischen die Zähne und ließ sich an dem Seil langsam in die Tiefe gleiten. Die Atmosphäre um sie herum machte einen gespenstischen Eindruck, hervorgerufen durch das spärliche Licht und die Schwaden feinsten Staubes, die in der Luft waberten. Hier unten war es kühler als an der Oberfläche. Das Rauschen des warmen Windes gab es hier nicht, auch nicht den Flugsand, der einem oben das Fell von den Knochen fraß, wenn man nicht aufpasste.

Als Runa mit ihren Füßen den Boden berührte, knirschten unter den Sohlen ihrer Stiefel die Glasscherben des eingeschlagenen Fensters. Hier unten schien jedes Geräusch doppelt so intensiv zu sein wie an der Oberfläche. Vorsichtig drehte sie sich einmal im Kreis, die Hände griffbereit an den Messern. Da sich jedoch keine unmittelbare Bedrohung zeigte, entspannte sie sich wieder und sah sich gründlich um.

Die Shoppingmall bestand aus Einzelgeschäften, die in vier Etagen einst ein umfangreiches Warenangebot geführt haben mochten. In der Zeit vor den Blistern war dieser Ort sicherlich oft geplündert worden. Zahlreiche Beschädigungen zeugten von starkem Vandalismus. Es gab diverse Treppenanlagen aus Metall und einige rundum verglaste Säulen mit kleinen Kabinen darin, deren Funktion Runa nicht kannte.

Sie aktivierte ihre Diodenstablampe und zog ein Stirnband aus der Tasche, an dem sie die Lampe befestigte, um so den Lichtkegel in Blickrichtung und dennoch die Hände frei zu haben. Dann begann sie, systematisch die Shops abzugehen auf der Suche nach Nahrung, Wasser und anderen nützlichen Dingen. In vielen Geschäften lag und hing Kleidung, die Runa bei näherer Betrachtung als vollkommen unnütz bewertete. Die Preisschilder mit zum Teil vierstelligen Beträgen irritierten sie, denn warum sollte man so viel Geld für so wenig Stoff ausgeben?

Langsam drang sie in den dunkleren Teil des Gebäudes vor. Hier gab es Geschäfte, die am ehesten ihren Erwartungen entsprachen. Lange Reihen schmuckloser Regale, die meisten komplett leer geräumt, in den Gängen Angebotstische mit vergilbten Plakaten daran, ebenfalls leer. Nach einer Weile der erfolglosen Suche fand Runa schließlich einige Päckchen mit Hustenbonbons, von denen sie wusste, dass sie viel Zucker enthielten, und eine verbeulte Aluminiumbüchse mit Babynahrung; ein guter Proteinlieferant. Unter einem Regal entdeckte sie zwei Literflaschen mit Mineralwasser, ungeöffnet. Wenn Runa geplünderte Geschäfte durchsuchte, hatte sie es sich zur Maxime gemacht, unter die leeren Regale zu schauen, denn dort fand man oft Konserven und andere Waren, die weggerollt waren. Plünderer bückten sich in der Regel nicht.

Als sie sich wieder erhob und die Fundstücke in einem schlauchartigen Umhängebeutel verstaute, vernahm sie ein Geräusch, das sie aufhorchen ließ. Diese Mischung aus scharrenden Tönen und einem neugierigen Schnüffeln begleitete sie nun schon ihr Leben lang. Zed! Irgendwo in diesen Regalreihen schlurfte ein Walker umher, oder eventuell auch ein ausgemergelter Hunter. Solche Gestalten bereiteten ihr im Grunde keine Sorgen, mit denen wurde sie gut fertig. Beunruhigend fand Runa, dass sie kurz darauf weitere Geräusche hörte. Sie kamen aus drei verschiedenen Richtungen.

Vorsichtig begann Runa, sich zurückzuziehen. Ihre Kopflampe schaltete sie aus. Die Augen brauchten einige Momente, um sich an das dämmrige Licht hier unten anzupassen. Sie wusste, dass die Zeds sie mit ihrem Geruchssinn nicht zu orten in der Lage waren. Unter Walkern konnte sie sich sogar relativ frei bewegen, ohne dass diese angriffen. Bei den wesentlich aggressiveren Hunter-Zeds allerdings verhielt sich das anders. Sie reagierten trotz des Hormonschutzes auf Bewegungen und Geräusche.

Vorsichtig, sehr langsam, bewegte sich Runa rückwärts, ihre Messer kampfbereit in den Händen haltend. Sie konnte verschwommene Schatten ausmachen, Schemen, die in der Dunkelheit herumhuschten, jedoch nichts Konkretes. Sie aktivierte einige ihrer überaus nützlichen geistigen Fähigkeiten, welche sie bei ihrer Mutter und anderen Lehrern erlernt hatte. So konnte sie die Abläufe der Dinge vor ihrem geistigen Auge verlangsamen und die Positionen der Bedrohung festmachen. Es waren fünf Zeds, die da vor ihrem inneren Auge aufleuchteten. Drei Hunter, zwei Walker. Und sie kamen in Runas Richtung. Bis zum Seil waren es noch mehr als zweihundert Meter. Zu viel, denn bis sie dort ankam, würden zumindest die Hunter sie eingeholt haben.

Beim Rückwärtsgehen trat sie unvermittelt auf eine Zellophanpackung für Einwegrasierer. Das erzeugte ein weithin hörbares Knistern und Knacken. Kurz darauf war in dem Markt buchstäblich die Hölle los. Die Hunter stießen ein furchtbar schrilles Geschrei aus und rannten in die Richtung, aus der sie das Geräusch vernommen hatten. Runa entschloss sich zu einem Gegenangriff. Mit gezogenen Messern sprintete sie durch die Regale, um die Zeds zu attackieren und ihnen die kalten, stählernen Klingen in ihre Schädel zu rammen, doch dazu kam es nicht.

Wie vom Blitz getroffen verharrten die Zeds und warfen sich dann unvermittelt auf die Knie. Sie senkten die Köpfe und hoben die Hände empor, die Handflächen zeigten nach oben. Inzwischen waren viele andere Zeds aus ihren Verstecken hervorgekrochen. Sie belagerten die Haupthalle und zeigten alle dasselbe Verhalten. Runa kannte das, sie hatte dieses äußerst seltsame Gebaren bei den Zeds schön öfter erlebt. Normalerweise brachten sie diese Demutsgeste nur ihren Anführern, den Strugglern, entgegen. Immer wenn die Zeds ihr auf diese Weise begegneten, beunruhigte das Runa zutiefst. Was war an ihr anders als an den anderen Menschen, über die diese Kreaturen ohne zu zögern hergefallen wären? Als sie zu ihrem Seil zurückkehrte und dafür die Halle durchquerte, bildeten die Zeds eine Gasse und ließen sie passieren, ohne dass Runa irgendetwas dafür tun musste.

14. Mai im ersten Baktun (I)

In dem Tümpel am Grunde des Bombenkraters im Zentrum von Sankt Petersburg tat sich etwas. Bewegung kam in die schlierige Brühe. Schwarz und Unheil versprechend gluckste dieses Liquid zwischen algenbewachsenen Betonbrocken und rostigen, grotesk verdrehten Stahlgebilden hin und her. Ab und an bildete sich ein kleiner Strudel, der anzeigte, dass dort etwas seine Bahnen zog, das nicht von Wind und Wetter bewegt wurde. Gasbläschen stiegen auf und zerplatzten leise an der Oberfläche, ansonsten herrschte eine gespenstische Ruhe.

Die Umgebung konnte lebensfeindlicher nicht sein; außer Algen und Flechten wuchs hier nichts. Es schien, als hätte das ultimative Böse von diesem Ort Besitz ergriffen. Genau genommen handelte es sich auch um nichts anderes, denn hier verbanden sich seit über zehn Jahren Eiweißmoleküle, Kohlenstoffverbindungen und sogar artifizielle Bestandteile in einem widergöttlichen Schöpfungsprozess zu etwas, das Böses in diese Wirklichkeit tragen würde, und zwar weit jenseits dessen, was diese Welt bislang gesehen hatte. Das alte Sprichwort »Was lange währt, wird endlich gut« wurde in dieser trüben Brühe ad absurdum geführt.

Als vor fünfzehn Jahren im Norden Deutschlands in einer mit illegalen Abfällen bestückten Biogasanlage das Zed-Virus entstanden war, hatte niemand auch nur den Hauch einer Ahnung gehabt, wohin dieses kleine Missgeschick die Menschheit eines Tages führen sollte, nämlich an den Rand der Ausrottung.

Damals brachte dieses hoch aggressive Virus in verschiedenen Varianten Legionen von Zombies hervor, die von den Sicherheitskräften als Zeds bezeichnet wurden. Eine Version schlimmer als die vorige.

In einem geheimen Labor kreierten völlig vom menschlichen Verstand losgelöste Irre dann das Z1V35-Virus, das in dem Pfuhl in Sankt Petersburg zu etwas mutierte, das später die Bezeichnung Z2V1 tragen sollte. Ebenso wie seine Vorgängervarianten infizierte es lebendiges Gewebe, tötete es ab und bediente sich dessen Biomasse, um sich zu vermehren. Das Groteske an dieser Umwandlung von Lebewesen in Zombies war der Umstand, dass sie sich nach wie vor bewegten und zum Teil sogar die Erinnerungen und kognitiven Fähigkeiten des ursprünglichen Wesens behielten. Um die Kreaturen auszuschalten, war es unbedingt erforderlich, ihr zentrales Nervensystem zu eliminieren, sprich: ihr Gehirn zu zerstören.

In den Jahren nach dem ersten Ausbruch der Zed-Seuche starben Milliarden von Menschen, nur um dann als mordgierige Wiedergänger Angst und Schrecken zu verbreiten. Das Virus agierte dermaßen aggressiv, dass ihm sogar die Wirbeltiere – höhere wie niedere – erlagen.

Und nun, anderthalb Jahrzehnte nach dem Ausbruch, zu einer Zeit, in der die meisten Zeds an der von Menschen erschaffenen Biowaffe namens Projekt Kuru zugrunde gingen, schlug die Schwarmintelligenz des Virus zurück und gebar eine furchtbare Kreatur, die den Horror der Ersten Apokalypse um ein Vielfaches übertreffen sollte.

Ein unscheinbarer Krater, verursacht durch eine massive, bunkerbrechende Waffe, hatte den Schoß geschaffen, aus dem diese Kreatur, eine Abscheulichkeit, die jeder Beschreibung spottete, sich anschickte hervorzukriechen.

Plötzlich kam Bewegung in den Untergrund. Zentnerschwere Betonklötze schrammten aneinander und erzeugten dabei ein intensives, schabendes Geräusch, das den Boden im Umkreis von Dutzenden Metern erschütterte. Im Zentrum des trichterförmigen Kessels schoben sich die zerbrochenen Betonbrocken, die einst Bestandteil eines imposanten Bürokomplexes gewesen waren, aneinander vorbei und bildeten einen kleinen Hügel. Dieser hob und senkte sich, als atmete er. Überall bildete sich weißer Schaum in dem schwarzen Wasser und langsam erhob sich eine furchterregende Gestalt darin.

Zunächst schien der Körper irgendwie unförmig, wie aus schmutzig weißem Wachs geknetet. Er hatte die ungefähre Silhouette einer humanoiden Person, nur wesentlich größer und massiger. Das Wesen drückte die Bruchstücke der Ruine mit einer Leichtigkeit auseinander, als handelte es sich dabei um leere Pappkartons. Öliges Wasser perlte von der Gestalt ab. Der undefinierbare Stoff, aus dem dieser manifestierte Albtraum bestand, besaß offensichtlich metamorphe Eigenschaften, denn da, wo bei anderen – natürlichen – Wesen die Haut saß, war alles in Bewegung. In Wellen liefen Erschütterungen über die Oberfläche und Beulen traten hervor, als ob Kinderfäuste von innen gegen die Hautoberfläche boxten.

Plötzlich und ruckartig hob die Kreatur die unglaublich muskulösen Arme in den Himmel, warf seinen breiten, haarlosen Schädel in den Nacken und stieß ein infernalisches Gebrüll aus, das noch in Hunderten Metern Entfernung zu hören war. Der Geburtsschrei des Bösen erschütterte den Äther.

14. Mai im ersten Baktun (II)

»Wie ist dein Name?«, fragte der blonde Junge, der ihr gegenüberstand. Seine grünen Augen leuchteten keck in dem schmalen Gesicht, das von einem breiten Lächeln geteilt wurde. Sie kannte ihn, hatte ihn bereits gesehen. Früher. Er stand grinsend mit erhobenen Händen da, darauf bedacht, keine falsche Bewegung zu machen. Denn das zierliche, aber durchtrainierte Mädchen vor ihm hielt zwei bedrohliche Kampfmesser in ihren Händen, und das auf eine Weise, die erahnen ließ, dass sie damit auch umzugehen wusste.

»Runa. Ich heiße Runa.«

»Hallo, Runa. Ich bin Radeon – Radeon Waldeck.«

Der Junge, der ihr da so freundlich die Hand entgegenstreckte, mochte vierzehn, fünfzehn Jahre alt sein, vielleicht drei, vier Jahre älter als sie selbst. Es waren wohl eher drei als vier Jahre, sie wusste es. Dies war Radeon, der Vater ihrer Kinder. Eines Tages. Runa wusste, dass ihre Reise ein Ende gefunden hatte. Sie war zu Hause angekommen.

»Ich weiß«, antwortete sie und steckte ihre Messer weg.

»Woher? Kennen wir uns?«

»Nein. Noch nicht, Radeon. Noch nicht.«

Fünf Jahre. So lange hatte Runas Reise durch das halbe Westeuropa gedauert. Mit sieben Jahren war sie aus Rennes-le-Château, ihrer Heimat, allein fortgegangen, als einzige Überlebende einer relativ großen Dorfgemeinschaft, die von den Zeds ausgelöscht worden war. Fünf Jahre.

»Bist du ganz allein, Runa?«

»Ja, ich bin allein.«

»Ich … wir … also meine Eltern und ich und ein paar Freunde, wir wohnen nicht weit von hier. Wenn du willst, kannst du mitkommen. Wir haben gutes Essen und einen Platz zum Schlafen.«

Runa wusste, wohin es ging. Sie kannte den Ort nicht, aber sie wusste, wie er aussah. Sie wusste auch, was sie heute essen würde. Schmorkartoffeln, Sudrübchen, Shitake-Pilze und eine helle Soße, die nach Muskat schmeckte. Runa kannte die Zukunft.

»Ja, gern, Radeon. Wenn es deine Eltern nicht stört.«

»Ach was«, antwortete der Junge in der schwarzen Zimmermannshose, »die freuen sich über Besuch. Komm mit!«

Runa schloss sich ihm an und gemeinsam durchschritten sie eine karge Landschaft, die mit den fruchtbaren Niederungen an der Rur nichts mehr zu tun hatte. Vielmehr glich die Gegend hier eher den ehemaligen Braunkohletagebau-Gebieten etwas weiter südlich. Sämtliche Pflanzen waren verschwunden, die tote, graue Ackerkrume lag offen da wie eine schartige Wunde und gelber Sand war zu imposanten Dünen zusammengeweht. Aus ihnen ragten hier und da die vertrockneten Skelette von Laubbäumen hervor. Auf ihrer langen Wanderung hatte Runa viele solcher Landstriche gesehen und durchquert. Einige nur wenige Hundert Meter breit und im Begriff, langsam von harten Gräsern zurückerobert zu werden, andere wiederum mehrere Kilometer breit und vollkommen steril.

»Ihr habt auch Blister hier? Wie schafft ihr es, zu überleben? Verfügt ihr über Buster?«

Der Junge grinste.

»Wart’s ab, du wirst es sehen. Es ist nicht mehr weit.«

Die Blister waren Relikte der Kriegsführung gegen die Zeds, das hatte Runa von ihrer Mutter gelernt. Oberste Regel unterwegs war immer gewesen: Weg vom violetten Licht!

Die Blister waren entstanden, als das Militär damals diese DOR-Bomben gegen die Zeds eingesetzt hatte. Irgendwer hatte herausgefunden, dass man die lebensvernichtende Strahlung der Bomben verstärken konnte, wenn man das Strahlungsfeld mit Mikrowellen beschoss. So schuf man gigantische, stets anwachsende Strahlungswolken, die jede Form von Leben vernichteten, vom Säugetier bis zum einfachen Bakterium im Boden. Diese katastrophalen Strahlenwolken wanderten sogar und sterilisierten nach und nach die Welt. Tiere und Pflanzen im Wirkungsbereich der zum Teil gigantischen Wolken starben einfach ab und die Blister hinterließen Wüstenlandschaften, wo immer sie vorüberzogen. Nicht einmal die Untoten, die Zeds, die im Grunde ja gar nicht lebendig waren, verschonte diese Strahlung.

Durch die enormen biologischen Veränderungen, welche die Blister hervorriefen, änderte sich auch das kontinentale Klima erheblich. Die Jahreszeiten flachten ab, der Wechsel war kaum mehr spürbar und die Winde veränderten sich, sodass Unmengen von heißer, staubiger Saharaluft nach Westeuropa transportiert wurden. Die Vegetation ging infolgedessen zurück, Flüsse vertrockneten und Wassermangel setzte ein. Die Pegel der großen europäischen Ströme waren auf die von Wildbächen geschrumpft und große Trockenheit herrschte überall.

Einziger Schutz gegen diese tödlichen Wolken waren sogenannte Buster, spezielle Röhrenkonstruktionen, die weit in den Himmel hinaufreichten und am unteren Ende mit Fließgewässern verbunden waren. Die antennenartigen Gebilde leiteten die tödliche Strahlung in das Wasser ab, das diese dann quasi fortschwemmte.

»Wovon lebt ihr hier?«, fragte Runa. »Man kann hier doch nichts anbauen.«

»Wir leben unterirdisch«, antwortete Radeon. »Wir haben einen großen, alten Militärbunker da hinten bei Glimbach ausgebaut und betreiben dort eine hydroponische Farm. Du wirst schon sehen, das ist eine tolle Anlage.«

»Aber die Blister …«, bemerkte Runa.

»Kein Problem. Der Bunker ist strahlensicher. Dort war vor der Apokalypse ein NATO-Hauptquartier untergebracht. Wir haben sechs Stockwerke nach unten, das sind dreißig Meter. Du kannst dir gar nicht vorstellen, was es da alles gibt!«

Runa lächelte ihn an. Die beiden durchquerten eine Senke, die vor nicht allzu langer Zeit einen See beherbergt hatte. Dieser hatte sich aber offenbar verflüchtigt. Die Spuren des Wassers waren jedoch noch feststellbar. Man konnte sogar die ehemalige Baumlinie entlang des Ufers ausmachen, dann das schotterbedeckte Ufer und am Grund das zu rissigem Mosaik erstarrte Schlammbett.

In den letzten fünf Jahren hatte Runa zugesehen, wie sich freundliche, fruchtbare Landschaften nach und nach in solche Öden verwandelten. Den Anfang machte immer der Durchzug eines Blisters, dann folgte die Verwüstung, weil selbst die Bodenbakterien abgestorben waren. Bäume und Gras vertrockneten, weil in ihnen kein Leben und somit auch kein Wasserkreislauf existierte. Die Landschaft nahm schnell eine durchgehend graubraune triste Färbung an, so, als hätte jemand einen Sepia-Fotofilter darübergelegt. Jede Form von Bewirtschaftung blieb in einer solchen Region sinnlos, denn es dauerte sehr lange, bis sich in diesen Wüsten Bakterien-, Pilz- und Flechtenkulturen als Grundlage neuen Lebens ansiedelten.

Besonders schwer lastete auf Runa das Wissen, dass ihre Quasigroßväter Alv Bulvey, Eckhardt Zinner und Mikail Pjotrew an den Entscheidungen, die zu derart weiträumigen Zerstörungen führten, maßgeblich beteiligt gewesen waren. Sie hatten Entwicklung und Einsatz der furchtbaren DOR-Waffen autorisiert und damit großes Leid über die Welt gebracht. Dies war einer der Gründe, warum Runa auf ihrer langen Reise durch die Badlands bei Kontakten mit anderen Menschen nie ein Wort verlor, woher sie eigentlich kam und wer sie war. Zu groß die Gefahr, den – berechtigten – Zorn der Menschen auf sich zu ziehen, die durch diese destruktiven Phänomene auch noch das letzte Hab und Gut verloren hatten.

Während der Wanderung zu Radeons Wohnort ließ die Zwölfjährige ihren Blick weiter schweifen. Kleine Staubwirbel tanzten auf dem leblosen Boden im Wind, verdorrte Stämme umgestürzter Bäume reckten wie Hilfe suchend ihre entlaubten Äste in den Himmel. Es war kein Laut zu vernehmen, außer dem des Windes, der dürre Zweige bewegte und ein unheimliches Klickern erzeugte, wenn sie einander berührten. Der Sand und längst verdorrtes, mumifiziertes Laub raschelten bei jedem Schritt unter ihren Füßen.

»Den Hang da vorn müssen wir hoch«, sagte Radeon und zeigte auf eine Abbruchkante, von der verdorrte Teile von Maispflanzen herabhingen. »Dann sind es nur noch einige Meter bis zum Eingang.«

»Habt ihr hier eigentlich Probleme mit Zeds?«, wollte Runa wissen, als die beiden den staubigen Hang emporkletterten.

»Zeds? Kaum. Die meisten von ihnen sind irgendwie … ja … stehen geblieben in den letzten Jahren. Sie sind einfach nicht mehr weitergegangen. Die Kleriker vom CMAC haben gesagt, es sei die Strafe Gottes für ihre Sünden. Sie seien verdammt dazu, die Hölle auf Erden zu erleben.«

»Kleriker? CMAC? Was ist das?«, fragte Runa nach. Radeon lachte.

»Sag mal, wo kommst du denn her? Aus China? Weißt du nicht, was die Kleriker-Konzerne sind?«

»Ich komme aus dem Süden. Aus Spanien«, log Runa, »da gab es so etwas nicht. Ich habe da in einem kleinen Dorf gelebt, bis die Zeds alle getötet haben. Und auf meiner Wanderung bin ich nicht vielen Leuten begegnet. Was ist das, ein Kon … zern?«

Radeon setzte sich auf halber Höhe des Hangs auf eine abgerutschte Scholle und klopfte mit der Linken neben sich. Als Runa sich ebenfalls gesetzt hatte, sprach er weiter.

»Die Konzerne haben sich vor rund drei Jahren gebildet. Das sind im Grunde riesige Unternehmen, die von den Kirchen gelenkt werden. Sie regieren die großen Städte. Ich kenne auch nur zwei oder drei. In Hamburg herrscht die TIKON, in Berlin die SBZ und hier in Köln, nicht weit entfernt, regiert der CMAC. Er nennt sich – warte mal, ja – Clerus Majorem Adonai Colonia. Deren Bischöfe haben quasi die Stadtverwaltung übernommen, nachdem die Zivilverwaltungen gescheitert sind. Zu der Zeit gab es überall Straßenkämpfe und die Nahrung wurde immer knapper wegen der verfluchten Blister, die alles zerstören. Die Kirchen haben dann die Macht übernommen und eine neue Ordnung aufgestellt. Niemand darf mehr kaufen oder verkaufen, der nicht bei der Kirche registriert ist. Und weil die Bischöfe auch das Militär übernommen haben, sind die nun einmal die Bosse in den Städten.«

Runa überlegte.

»Weißt du, wie viele Städte noch bewohnt sind?«

»Also hier im Norden weiß ich nur von drei Städten: Hamburg, Berlin und Köln. Weiter im Osten sollen auch noch Konzerne sein, aber das sind nur Gerüchte; ich weiß es nicht.«

»Nur drei Städte«, wiederholte Runa ungläubig, »mehr nicht? Wie viele Menschen sind denn überhaupt noch übrig?«

Radeon zuckte mit den Schultern.

»Man sagt, in Europa würden noch ungefähr vier Millionen leben, aber das weiß niemand so genau.«

Und du und deine Leute, ihr gehört auch zu dieser … Kirche?«

»Gottbewahre, nein!«, gab der Junge amüsiert zurück. »Wir sind zwar Gläubige, aber wir haben uns vom Konzern losgesagt. Deswegen mussten wir die Stadt auch verlassen. Den Schutz der Mauern genießt nur, wer sich zur Kirche bekennt und eine Registrierung trägt.«

Er zeigte auf den Bereich zwischen Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand.

»Man bekommt hier mit einer Spritze so ein kleines Glasding rein«, er zeigte mit den Fingern etwa einen Zentimeter, »und dann können die Prioren der Kirche und ihre Beamten mit ihren Geräten immer sehen, wer du bist und wo du hingehörst.«

»Scanner und RFID-Chips?«, fragte Runa.

»Ja, so heißen die Dinger, glaub ich. Du kennst so was?«

»Ich hab davon gehört. Die Erwachsenen in meinem Dorf sprachen davon.«

Unbewusst fasste sie an ihr Brustbein, wo an einer Kette ihre mit einem RFID-Chip versehene Hundemarke baumelte, die – abgesehen von den beiden wuchtigen Kampfmessern an ihrem Gürtel – ihr letztes Erinnerungsstück an das Leben in Rennes-le-Château darstellte. Als ihr klar wurde, was sie da tat und dass Radeon ihr interessiert zusah, fragte sie schnell weiter:

»Und ihr habt solche Dinger nicht, das heißt, ihr dürft nicht in die Stadt?«

»So ist es. Mein Vater sagt, wir sind Freelancer, frei im Glauben und frei im Leben. Mutter sagt, dass nur Glaube, der auf Erkenntnis und Willen fußt, wahrer Glaube ist. Nicht die Art von unterwürfigem Glauben, den die Kleriker fordern.«

»Daran sehe ich nichts Falsches«, meinte Runa.

»Vater hat mir erzählt«, fuhr der Junge fort, »dass er vor über zehn Jahren zum wahren Glauben fand. Er hatte im Datennetz, als es das noch gab, von einer Gemeinschaft im Süden erfahren, der Gesellschaft des Willens, die auch so lebten wie wir. Vater hat die Predigten von dort gehört und mit Freunden eine ähnliche Glaubensgemeinschaft aufgebaut.«

Runa stutzte.

»Die Gesellschaft des Willens war eine Glaubensgemeinschaft? Das ist mir neu.«

Radeon sah sie an.

»Du kennst sie? Stimmt, du kommst ja aus dem Süden. Erzähl!«

Runa merkte, dass sie – entgegen ihrer sonstigen Vorsicht – einen Fehler gemacht hatte. Vielleicht lag es daran, dass ihre Visionen, die sie auf der langen Wanderschaft erfahren hatte, sich hier zu manifestieren begannen. Sie nahm sich vor, etwas zurückhaltender zu reagieren, zeigte sich aber innerlich amüsiert darüber, welche Formen die Legenden über Rennes-le-Château und die Gesellschaft des Willens annahmen. ›Glaubensgemeinschaft‹, dachte sie, ›na, dir hätte der Opa Eckhardt aber was erzählt!‹

»Äh … nein«, log sie, »ich kenne die nicht. Hab nur von dieser Gesellschaft gehört, unten im Süden erzählt man sich davon.«

»Na egal«, setzte Radeon seine Erzählung fort, »jedenfalls gehören wir nicht der Stadtkirche an. Unsere Freelancer-Gruppe hat dann irgendwann einen leer stehenden Bunker gefunden und von Zeds gesäubert. Vater sagt, sie haben insgesamt drei Jahre gebraucht, um alle sechs Stockwerke des Bunkers zu öffnen. Sie haben darin viel so Computerzeug gefunden und es über Zwischenhändler an die Kirche verscherbelt. Dafür bekamen sie Werkzeug und Saatgut und lauter anderen nützlichen Kram. Wir haben den Bunker dann umgebaut und halten uns bedeckt, damit die Prioren der Kirche uns nicht finden.«

»Was passiert, wenn diese Pri… Prioren euch finden?«

»Sie würden uns zwangsregistrieren und uns den Zehnten abpressen. Wir müssten jedes Jahr ein Zehntel unseres gesamten Besitzes an sie abgeben, egal, ob wir etwas dazugewonnen haben oder nicht. Wenn du nichts geben kannst, nehmen sie die Kinder mit, um sie für ihre Sturmtruppen zu rekrutieren. Viele Freelancer-Familien haben dadurch alles verloren und mussten als Bittsteller vor den Toren der Stadt knien und sich zum Klerus bekennen, bevor man sie schließlich aufnahm. Von diesen Familien hat man nie wieder etwas gehört hier draußen. Deshalb verstecken wir uns.«

Er löste eine Wasserflasche aus Aluminium von seinem Gürtel, trank einen Schluck und reichte sie Runa. Sie hatte zwar auch einen Wasservorrat an ihrem kleinen Rucksack, aber sie fand, dass es eine vertrauensbildende Maßnahme wäre, Radeons Angebot anzunehmen.

»Wie viele seid ihr denn eigentlich?«, fragte sie, als sie die Wasserflasche zurückgab.

»Dreiundfünfzig Erwachsene, neun Jugendliche und zwölf Kinder.«

»Das ist ja schon ein ganzes Dorf. Und alles unter der Erde.« Einen Moment lang zögerte sie, doch dann sprach sie weiter.

»Warum erzählst du mir das alles, Radeon? Ich könnte doch schließlich von der Kirche geschickt sein, um euch auszuspionieren. Denkst du darüber nicht nach?«

Er nahm noch einen Schluck aus der Flasche und nickte dann.

»Doch, darüber habe ich nachgedacht, Runa-aus-dem-Süden. Aber ich habe deine Augen gesehen, die Art, wie du dich bewegst, die Farbe deiner Haut. Nein, du bist kein Städter und auch kein Mitglied des Klerus. Und wenn es doch so sein sollte, dann ist das die verdammt noch mal beste Tarnung, die ich je gesehen habe. Ich glaube, ich kann das Risiko eingehen, dich mit zu mir nach Hause zu nehmen.«

Sie sah ihn von der Seite an. ›Du wirst eines Tages ein sehr guter Vater sein, Radeon Waldeck‹, dachte sie.

»Gehen wir weiter?«, fragte er. Runa nickte und die beiden erklommen den Hang vollständig. Oben angekommen standen sie auf einer weiten Ebene, die einst landwirtschaftlich genutzt worden war, nun jedoch brach lag. Linker Hand konnte man in einiger Entfernung Reste einer Siedlung erkennen, zur Rechten verhielt es sich ähnlich. Radeon steuerte auf einen Punkt genau zwischen den Häuserruinen zu, ein mit einfachem Maschendraht umzäuntes Areal, auf dem abgestorbene Bäume um ein paar kleinere Baracken herumstanden. Alles in allem bot dieser Platz den Charme eines Autofriedhofs, denn hier standen zahlreiche Autowracks unordentlich herum. Die beiden überquerten noch eine Straße und ein weiteres Feld, dann standen sie vor dem Tor des Geländes. Radeon suchte einen Schlüssel heraus, mit dem er das Rolltor öffnete, um es zur Seite so weit wegzuschieben, dass er und Runa durch den Spalt schlüpfen konnten. Auf dem kleinen, asphaltierten Vorplatz kamen ihnen ein Mann und eine Frau entgegen.

»Meine Eltern«, meinte Radeon freundlich.

Runa blieb stehen und schaute die beiden Erwachsenen an, während Radeon einige Schritte auf sie zu ging.

»Vater, Mutter, das ist Runa. Ich habe sie unten bei der alten Tonkuhle getroffen. Sie kommt aus dem Süden, aus Spanien.«

Der Vater des Jungen blieb stehen, doch die Mutter bewegte sich zügig auf Runa zu. Sie fasste das Mädchen an den Schultern.

»Hallo, Runa. Ich bin Brigitte. Du musst ja völlig ausgehungert sein. Du bist schon lange unterwegs, nicht wahr? Hast du keine Leute?«

Runa schüttelte wortlos den Kopf.

»Mein Gott, schau nur, Alexander, sie ist noch ein Kind. Bist du von Spanien aus hierher gewandert?«

Runa nickte. Die Frau drückte sie an sich, ein für Runa völlig unerwartetes Gefühl, das sie seit langer Zeit nicht mehr wahrgenommen hatte. Brigitte nahm Runa bei der Hand und zog sie in Richtung ihres Mannes. Jede Gegenwehr schien zwecklos.

»Das ist ja furchtbar. Komm mit, Runa. Sei willkommen bei uns! Wir geben dir erst einmal neue Kleidung und ein Plätzchen, an dem du dich ausruhen kannst. Natürlich, nachdem du etwas gegessen hast. Es gibt Rüben und Kartoffeln – ich hoffe, du magst Gemüse.«

Runa nickte und ließ die Dinge geschehen.

15. Mai im ersten Baktun

Die furchtbare Bestie hatte sich manifestiert und eine feste körperliche Form angenommen. Einen Tag und eine Nacht hatte die vollständige Verfestigung in Anspruch genommen, nun war dieser Körper einsatzbereit. Eine dicke, ledrige Haut überzog die mehr als zwei Meter große, sehr kräftige Statur des Wesens, die mehr mit einem Gorilla gemein zu haben schien als mit einem Menschen. Dabei stammte fast die Hälfte der DNA des Wesens von der Russin Ludmilla Proschenkowa, die vor langer Zeit von einem Nephilim namens Heru’ur gebissen worden war. Weitere dreißig Prozent der DNA kamen von Heru’ur selbst und der Rest stammte von verschiedenen Opfern, die das Protoplasma im Laufe der Jahre assimiliert hatte. Darunter waren auch Insekten, Amphibien und Fische gewesen. Das Z1V35-Virus hatte im Verlaufe dieser protoplastischen Entwicklung einige Mutationen erfahren und lag nun in einer derart potenten Form vor, dass man es im Grunde als Z2V1 bezeichnen musste, um es korrekt zu benennen.

Die Kreatur, die dieses Virus geformt hatte, zeigte – wie alle anderen Zeds – keinerlei Lebenszeichen. Sie besaß weder einen Puls noch ein zirkulierendes System. Das Gehirn, nach dem Bauplan und aus den Zellerinnerungen der beiden menschlichen DNA-Spender konstruiert, lenkte zwar rudimentäre Funktionen des Körpers und konnte Daten verarbeiten, aber es würde nie das Bedürfnis verspüren, sich mit abstrakten Begriffen wie zum Beispiel Schönheit zu befassen. Wie bei allen Zeds üblich nisteten die Virenkerne in den Zellkernen. Nur bei diesem Wesen fanden sich in einem Nukleus nicht fünf, fünfzehn oder fünfundzwanzig Virenkerne, sondern mehr als fünfhundert. Ein einziger Tropfen Speichel aus dem mit einer Doppelreihe äußerst spitzer Zähne besetzten Maul der Bestie konnte einen normalen Menschen binnen Sekunden in eine ähnlich gefährliche Virenschleuder verwandeln.

Der gesamte Körper des Monsters war vollkommen haarlos, die Nägel zu Klauen von immenser Stabilität gewachsen wie bei einem überdimensionalen Ameisenbären. Es besaß zwei schwarze, pupillenlose Augen und aus dem kantigen Antlitz stach keine Nase hervor. Lediglich zwei verschließbare Querschlitze über dem lippenlosen Maul dienten der Aufnahme von Duftbotschaften.

Die Struggler der ersten und zweiten Generation, von denen noch immer vereinzelte Exemplare umherstreiften, verfügten über ein nur mäßig ausgebildetes Nachtsichtvermögen. Diese neue Kreatur, welche direkt der Hölle entwachsen schien, war diesbezüglich durch das veränderte Virus optimiert worden. Die Fremd-DNA- Bestandteile hatten hier in der organischen Konstruktion für gewisse besorgniserregende Upgrades gesorgt. Gegen die virengesteuerte Zed-Maschine war alles, was die Hölle zuvor ausgespien hatte, ein Kinderspielzeug.

Der Geist des Wesens entflammte ein Bewusstsein. Die gewaltige Schwarmintelligenz des Virus koordinierte sich und formulierte einen Gedanken. Es war ein Name: TORG ABILA. ICH BIN. Ein neuer Nephilim, gezeugt in der Erde mit dem Feuer der Hölle, mit dem Ziel, ewiges Dasein zu kreieren. Der gewaltige Zed streckte seine Gliedmaßen aus und betrachtete diese in aller Ruhe. Der Geist des Torg Abila musste sich an die neue körperliche Form zunächst gewöhnen, hatte er doch bis vor Kurzem noch im schwarzen Wasser eines Tümpels gehaust. Nun stand er hier in einer organischen Rüstung, die so manch praktikable Funktion aufwies.

Die Selbstheilungskräfte der Struggler besaß Torg Abila selbstverständlich, nur waren auch diese einer genetischen Rekonstruktion unterworfen gewesen. Die Reparatur von beschädigtem Gewebe vollzog sich nun um einiges schneller, als das bei den Strugglern stets der Fall gewesen war. Torg Abila fasste sich an den linken Arm und riss ihn mit einer kräftigen Bewegung an der Schulter ab. Den Arm warf er achtlos fort.

Sofort begann das Gewebe, sich zu rekonstruieren. Aus der Schulter heraus schob sich eine Art rudimentärer Knochenstruktur, die immer länger wurde, sich in verschiedene Armknochen unterteilte und bereits nach einer halben Minute grundsätzlich beweglich war, nur dass noch keine Muskeln daran hafteten. Diese schoben sich bereits aus der verletzten Schulter heraus wie Fleischbrät aus einer Wurststopfmaschine. Sie besaßen auch eine ähnliche Färbung, waren also nicht rot. Die Masse bewegte sich an dem skelettierten Arm entlang bis zum Ende und verdickte sich dann spezifisch zu einer mächtigen Muskulatur. Zum Schluss kroch das ledern wirkende Hautgewebe über die fertigen Muskeln, während der Nephilim bereits die Beweglichkeit des nachgewachsenen Armes testete. Die runderneuerte Gliedmaße funktionierte prächtig, was der Besitzer des Armes mit einem zufriedenen Schnaufen aus seinen schmalen Nüstern quittierte.

Es gab noch andere Features,