T93, Band 4: Liebe! - Clayton Husker - E-Book

T93, Band 4: Liebe! E-Book

Clayton Husker

4,3

Beschreibung

Was, wenn dein Garten zum letzten Rückzugsgebiet wird? Was, wenn du Tag und Nacht ums Überleben kämpfen musst? Was, wenn über deine Welt ein grenzenloser Krieg hereinzubrechen droht? T93 – die neue Zombie-Serie von Clayton Husker entführt dich in eine Welt, die von lebenden Toten dominiert wird. Doch die Menschheit ist noch nicht am Ende. Mitten in der Nordsee, auf der Insel Helgoland, formiert sich der Widerstand gegen die Zombie-Invasion. Mit allen greifbaren Ressourcen treten die Menschen zum letzten Gefecht an. Der Krieg gegen die Zombies beginnt. Während die norddeutschen Prepper bei der Suche nach einer neuen Heimat fündig werden und ein zweites Refugium erbauen, wird die Situation in den neu besiedelten Gebieten Nordeuropas immer schlimmer. Durch die rücksichtslose Kriegsführung haben die Militärs weite Landstriche in eine Eiswüste verwandelt. Die Wissenschaftler schlagen Alarm: Das Zombie-Virus beginnt zu mutieren und erschafft furchtbare Killermaschinen, die den Soldaten das Leben schwermachen. In den Siedlungsgebieten regt sich Unmut, denn ein Whistleblower veröffentlicht ein grausames Geheimnis.

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T93

 

 

Die deutsche Zombie-Serie

von

 

Clayton Husker

Inhalt

Titelseite

Band 4: Liebe!

Jahr Zwei. 17. Februar, Mittag I

Jahr Zwei. 17. Februar, Mittag II

Jahr Zwei. 17. Februar, Mittag III

Jahr Zwei. 17. Februar, Mittag IV

Jahr Zwei. 17. Februar, Nachmittag

Jahr Zwei. 17. Februar, Abend

Jahr Zwei. 18. Februar, Morgen

Jahr Zwei. 19. Februar, Morgen I

Jahr Zwei. 19. Februar, Morgen II

Jahr Zwei. 19. Februar, Morgen III

Jahr Zwei. 19. Februar, Morgen IV

Jahr Zwei. 24. Februar, Mittag

Jahr Zwei. 27. Februar, Morgen

Jahr Zwei. 21. März, Morgen

Jahr Zwei. 21. März, Mittag I

Jahr Zwei. 21. März, Mittag II

Jahr Zwei. 21. März, Mittag III

Jahr Zwei. 21. März, Nachmittag

Jahr Zwei. 28. März, Nachmittag

Jahr Zwei. 30. März, Morgen

Jahr Zwei. 30. März, Mittag

Jahr Zwei. 01. April, Nachmittag

Jahr Zwei. 07. April, Morgen I

Jahr Zwei. 07. April, Morgen II

Jahr Zwei. 07. April, Morgen III

Jahr Zwei. 09. April, Morgen

Jahr Zwei. 10. April, Nachmittag I

Jahr Zwei. 10. April, Nachmittag II

Jahr Zwei. 11. April, Mittag I

Jahr Zwei. 11. April, Mittag II

Jahr Zwei. 13. April, Abend

Jahr Zwei. 16. April, Abend

Jahr Zwei. 17. April, Mittag I

Jahr Zwei. 17. April, Mittag II

Jahr Zwei. 17. April, Nachmittag

Empfehlungen

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Impressum

Band 4:Liebe!

 

»Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen.« – Albert Schweitzer

»Wie kann man einen Menschen beweinen, der gestorben ist? Diejenigen sind zu beklagen, die ihn geliebt und verloren haben.« – Helmuth von Moltke

Jahr Zwei. 17. Februar, Mittag

Alv Bulvey saß, an das Vorderrad des Eisenschweins gelehnt, auf dem Asphalt und weinte. Er war mit Blut und wer-weiß-was besudelt und seine Hände zitterten. Die beiden kleinen Jungs und die Tochter Feline saßen bei ihm und weinten ebenfalls. Es war so schnell gegangen. Nur ein Moment der Unaufmerksamkeit hatte ihr Leben komplett verändert. Noch vor einer Stunde schien alles in bester Ordnung.

Ihr Treck fuhr von der A8 bei Ettlingen auf die A5, und als sie das Autobahndreieck passierten, entschlossen sich Alv und Eckhardt, eine kurze Rast einzulegen. Alle Mitglieder der Gruppe standen noch immer unter dem Stress des Durchbruchs bei Leonberg und hatten sich eine kleine Pause verdient. Die Fahrzeuge standen auf der Rampe einer Überführung der L607 hintereinander, und die jungen Frauen hatte Tee und Kaffee ausgeschenkt. Es wurde geraucht. Die Rundumsicht war gut, und Sandy entschloss sich, ihren Kaffee noch kurz wegzubringen, bevor es weiter ging. Da passierte es. Zunächst war es nur ein Rascheln, ein Geräusch, als wenn der Wind durch das Laub fegt. Aber dann folgte dieses krächzende, knarrende Geräusch, das so gar nicht natürlich klang. Als Sandy sich herumdrehte, um nachzuschauen, war es bereits zu spät. Ein halb verwester Zombie, der im verschneiten Laub des Grünstreifens gelegen hatte, sprang mit einem Mal auf. Der Untote, dessen Gesicht durch Insektenfraß und Fäule völlig entstellt war, fiel sie an und biss in ihre Schulter. Ein blutiges Stück Fleisch trennte er mit einem Ruck aus ihrem Körper und versuchte, es zu verschlingen. Wie sinnlos der Versuch war, fressen zu wollen, ging dieser Kreatur überhaupt nicht auf. In ihrem Unterleib klaffte ein riesiges Loch, aus dem Reste der ehemaligen Gedärme in Fetzen heraushingen. Ratten, Mäuse und allerlei Raubzeug hatten sich an dem Zombie gütlich getan, wobei einige der Aasfresser wohl auch dem Zombie zum Opfer gefallen sein dürften, der ja nicht tot war, sondern nur beschädigt, was seine Fressgier jedoch nicht im Mindesten beeinträchtigte. Ein grotesker und widernatürlicher Kreislauf aus Fressen und Gefressenwerden hatte diese Kreatur in einen unansehnlichen, stinkenden Klumpen aus verwesendem Fleisch und blanken Knochen verwandelt, der im zerfetzten Rest einer Feuerwehruniform steckte. Er war nur sehr eingeschränkt bewegungsfähig, und hätte Sandy sich zu ihrer Erleichterung nur zwei Meter weiter weg hingehockt, wäre ihr wahrscheinlich nichts passiert, weil sie den Angreifer dann wahrscheinlich rechtzeitig bemerkt hätte.

Ihr gellender Schrei alarmierte die Männer, Alv und Eckhardt waren zuerst zur Stelle, und Alv ging auf den Zombie los, ohne nach links und rechts zu sehen. Er zog sein Kampfmesser und stach wie ein Wahnsinniger auf den Schädel des Zombies ein, bis dieser völlig zerstört war. Eckhardt versuchte derweil, mit einem Verbandspäckchen, das er aus seiner Jackentasche gezogen hatte, die blutende Schulterwunde von Sandy notdürftig zu verarzten.

Alv kam dazu und kniete sich neben der Verletzten nieder. Ihr Gesicht war schmerzverzerrt und sie blutete stark aus der Schulter, das Verbandspäckchen konnte die Blutung nicht reduzieren. Alv schob ihr die Hand sanft ins Genick und richtete sie etwas auf. Er lehnte sie an eine Birke, so dass sie aufrecht sitzen konnte.

»Scheiße, Mann. Scheiße …«, presste er durch die Lippen. Im Hintergrund hörte er Feline schreien, die mit den beiden Jungs, Angus und Arnie, aus Richtung der LKW angelaufen kam. Die drei hetzten durch den Schnee, die lockeren Flocken und die Blätter des letzten Herbstes flogen zu den Seiten davon. Feline brach neben ihrer Mutter zusammen, und Eckhardt fing die Jungs ab, die durch das Unterholz stolperten.

»Mamaaaaa …« Es war Arnies Stimme, welche die Luft förmlich zerriss. Der mittlerweile zwölfjährige Junge war völlig außer sich, als er die blutverschmierte Kleidung seiner Mutter sah. Sein älterer Bruder blieb etwas ruhiger, er fragte seinen Vater, was vorgefallen war. Alv berichtete kurz, und nun fing auch der fast Vierzehnjährige an zu weinen. Ihm war klar, dass er gerade seine Mutter verlor. Arnie schrie den Vater an:

»Du musst was machen, Papa! Mama ist verletzt! Hilf ihr! Mach sie gesund!«

Alvs Gesichtsausdruck verhärtete sich. Er drückte den Kleinen an sich und meinte:

»Arnie, du weißt doch, wie das ist, wenn Menschen gebissen werden. Wir können das nicht wieder gut machen.«

Arnie drehte sich weg und drückte sich ganz eng an seine Mutter. Sandy war ausgesprochen ruhig und gefasst, sie atmete schwer und hatte etwas Mühe beim Sprechen.

»Angus, Arnie. Meine Süßen. Ich kann jetzt leider nicht mehr für euch da sein. Ich hätte euch so gern erwachsen werden sehen, aber meine Zeit mit euch ist um. Es tut mir leid. Ich möchte, dass ihr eurem Vater gute Söhne seid, gehorcht ihm und macht euren Dad stolz auf euch, ja? Wenn ich da oben im Himmel bin, werde ich immer ein Auge auf euch haben, das verspreche ich euch. Ich habe euch so lieb …«

Ein Hustenanfall schüttelte sie, die Hände zitterten. Das Virus Z1V31 breitete sich rasant in ihrem Körper aus, und es war nur eine Frage sehr kurzer Zeit, bis seine tödliche Wirkung und die Mutation einsetzen würden. Alv und Eckhardt sahen sich an. Alv nickte.

»Feline …«, flüsterte Sandy, schwächer werdend, »ich möchte, dass du ab jetzt auf deine Brüder aufpasst. Sorge gut für sie. Sie brauchen dich. Ich hab euch drei immer mehr geliebt als alles andere auf der Welt. Aber jetzt kann ich nicht mehr weiter mit euch kommen. Nimm deine Brüder mit, ich habe jetzt noch etwas mit eurem Vater zu erledigen.«

In Felines Gesicht flossen die Tränen unaufhaltsam, als sie ihre Mutter noch einmal drückte.

»Kommt, Jungs. Wir müssen Mama und Papa jetzt alleine lassen.«

Arnie klammerte sich an seine Mutter.

»Nein! Ich will nicht, dass Mama stirbt! Ich will nicht ohne meine Mama sein!«

Alv nickte Eckhardt zu und er half Feline, den Jungen von der Mutter zu lösen. Angus weinte ebenfalls, doch er kam freiwillig mit, als Eckhardt und Feline den Kleinen durch den Wald forttrugen, um ihn zum Truck zu bringen. Alv drückte fest Sandys rechte Hand, die in seiner immer heißer wurde. Sie hatte Mühe zu atmen und das Sprechen fiel ihr immer schwerer.

»Alv, bitte sorge gut für unsere Jungs. Feline ist schon groß, aber die Jungs sind doch noch so klein …«

Ein Hustenanfall schüttelte sie.

»Ich wäre so gern mit euch gekommen, um noch einmal neu anzufangen. Sollte wohl nicht sein. Ich will, dass du weißt, dass ich unsere gemeinsame Zeit immer als die beste meines Lebens empfunden habe, auch wenn wir uns getrennt haben. Es hat mir viel bedeutet, dich kennengelernt zu haben, Alv Bulvey. Alter Dickschädel. Und nun bring es zu Ende. Ich will kein sabbernder Haufen Aas auf zwei Beinen sein. Mach es kurz, ich hab eh nicht mehr lang …«

Ihr Körper bäumte sich auf und zuckte konvulsivisch. Die letzte Phase ihres menschlichen Daseins hatte eindeutig begonnen, die letzten Sandkörner liefen durch ihre Lebensuhr. Alv schraubte den Schalldämpfer auf seine Pistole und sah ihr tief in die Augen. Er setzte den Lauf unter ihr Kinn und küsste sie noch einmal auf die Stirn.

»Du warst immer die Liebe meines Lebens, Sandy. Jetzt und auch im nächsten Leben. Ich liebe Dich.«

Dann zog er den Abzug durch. Die Mutter seiner Kinder sackte zusammen. Sandy war tot. Er schraubte den Schalldämpfer ab, steckte die Waffe weg und nahm den leichtgewichtigen Körper auf die Arme. Dann trug er sie zur Straße, wo seine Kinder bitterlich weinten. Auch über Alvs Gesicht flossen Tränenbäche.

Eckhardt kam ihm entgegen und meinte:

»Es tut mir leid, Alv. Es tut mir so leid.«

Alv sah ihn an und nickte.

»Mach eine Raketenkiste leer. Wir werden sie darin mit nach Süden nehmen. Da es eh friert, können wir die Kiste auf dem Ural verstauen. Ich will, dass meine Kinder in der neuen Heimat das Grab ihrer Mutter besuchen können. Und so soll es jedem gehen, der während der Fahrt sterben sollte. Alle, die zur Gesellschaft des Willens gehören und mit uns reisen, sollen auch ankommen.«

Eckhardt nahm ihm die Leiche ab und meinte:

»Selbstverständlich, Mann. Geht klar. Lass mich das erledigen. Deine Kinder sind vorn beim Eisenschwein, ich glaub, sie brauchen dich jetzt.«

Alv nickte und ging zum Führungsfahrzeug, wo Feline mit den Jungs auf einer Holzkiste saß und heulte. Alv setzte sich zu seinen Kindern und nahm sie in die Arme.

»Mama kommt mit uns zum neuen Zuhause, da werden wir sie begraben.«

Arnie flüsterte mit tränenerstickter Stimme:

»Wird Mama nun auch ein Schmetterling, wie unser Hund damals?«

»Ja, sicher. Sicher wird sie das, Arnie«, meinte der Vater, »vielleicht ist sie schon im neuen Zuhause und wartet auf uns, wenn wir ankommen.«

»Dann ist es gut, Papa.«

»Ja, mein Sohn.«

Alv schluchzte und ließ seinen Tränen freien Lauf. Um ihn herum verschwamm die Welt in einem Ozean aus Salzwasser.

Jahr Zwei. 17. Februar, Mittag

Die Trucks der Prepper-Gemeinde waren wieder abmarschbereit, der Ural war kurzerhand zum Leichenwagen umfunktioniert worden, und Alv hatte sich mit Eckhardt dahingehend abgesprochen, dass er den Rest der Fahrt bei seinen Kindern im Hulk-Truck verbringen würde. Vor allem die Jungs brauchten ihren Vater jetzt.

Alv und Eckhardt standen beim Eisenschwein, dem Führungsfahrzeug der Kolonne, und besprachen letzte Einzelheiten der Route, als es im Funkgerät knarzte. Der CB-Kanal 7 wurde laut.

»Hallo! Hallo? Hört mich jemand? Wir brauchen Hilfe! Wir werden angegriffen. Falls uns jemand hört, bitte helft uns!«

Eckhardt schaute seinen Freund an. Der nickte. Eckhardt nahm das Mikro des Funkgeräts und drückte die Ruftaste.

»Hallo. Wir hören Sie. Nennen Sie Ihren Namen, Standort, und beschreiben Sie Ihre Lage.«

»Hallo, Hallo. Hier spricht Holger Balmer. Ich befinde mich mit gut zwei Dutzend weiteren Personen in einem Reisebus auf der Bundesstraße 437 bei Winden. Unsere GPS Koordinaten sind … Moment … 49°05’36’’ Nord zu 8°07’18’’ Ost. Wir stecken fest und werden von einigen Dutzend Zombies angegriffen. Sie konnten den Bus noch nicht stürmen, aber wir können auch nicht flüchten, der Treibstoff ist ausgegangen. Wir haben keine Waffen. Wo sind Sie? Können Sie uns helfen? Bitte!«

Alv checkte die Digitalkarte.

»Vierzig Kilometer, knappe Stunde, würde ich sagen. Was denkst Du?«

»Ich denke, wir sollten sie rausholen.«

»Okay. Regel du das im Funk. Wir fahren mit dem Eisenschwein und dem Streuwagen hin, ich sage Sigurd Bescheid, dass er Werkzeug und Dieselkanister auflädt. Wir fahren in zehn Minuten.«

Alv verschwand, um die unerwartete Aktion zu planen und die Fahrzeuge bereit zu machen. Zunächst informierte er Sepp, der die Order an alle Anderen weitergab.

Die Abfahrt würde sich noch um etwa zwei Stunden verzögern.

Eckhardt hielt derweil den Funkkontakt:

»Hören sie, Holger Balmer. Hier spricht Eckhardt Zinner. Wir stehen mit einem bewaffneten Konvoi bei Karlsruhe und können in etwa einer Stunde bei Ihnen sein. Versuchen Sie, sich so lange zu halten. Bewahren Sie Ruhe, verursachen Sie möglichst keine Geräusche im Fahrzeug. Gibt es Verletzte?«

»Oh Gott, danke! Ich danke Ihnen. Wir haben keine Verletzten, aber es sind vier Kinder an Bord. Wir haben keine Heizung und es wird langsam kalt hier drin. Bitte beeilen Sie sich!«

»Rücken Sie alle in der Mitte des Busses zusammen, ganz dicht. Nehmen Sie Mäntel und Jacken als Decken. Sie können jetzt nur toter Mann spielen, bis wir kommen – das ist Ihre einzige Chance. Wir sind unterwegs. Zinner Ende.«

»Ja, wir machen es, wie Sie sagen, aber bitte beeilen Sie sich.«

Inzwischen war Alv mit Sigurd und dem Räumfahrzeug nach vorn gekommen, auf der Ladefläche lagen Kisten und Kanister. Benny, Gernot und Wolfgang waren auch dabei und sie verteilten sich auf die Fahrzeuge. Alv stieg mit Wolfgang zu Eckhardt in das Eisenschwein, die anderen besetzten das Streufahrzeug. Sie senkten die Räumschilde und fuhren auf der Gegenfahrbahn in Richtung B437. Alv übernahm die Navigation.

»Wir müssen auf der A5 ein Stück nach Norden, vor Karlsruhe biegen wir nach Westen ab und umfahren die Stadt auf der B36. Am Hafen müssen wir zusehen, dass wir auf die B10 kommen, um die Rheinbrücke zu benutzen. Die Brücke ist intakt und relativ frei, sagt Sepp. Drüben dann auf die A65 bis zur Abfahrt der B9, dann fahren wir einen südlichen Bogen, um die Ortschaften da zu umgehen. Eine Ortschaft müssen wir durchfahren, die heißt bezeichnenderweise Minfeld. Wie passend. In der nächsten Ortseinfahrt ist ein Bahnhof, da müssten die Leute irgendwo stehen. Also los, Abfahrt.«

Eckhardt trat aufs Gas, und der Streuwagen folgte ihnen. Während der Fahrt wurden in beiden Fahrzeugen die Waffen einsatzbereit gemacht und Schalldämpfer aufgesetzt. Alv präparierte die HK417 mit Sprengmantelgeschossen. Der Angriff sollte blitzschnell und effektiv durchgeführt werden. Der Reisebus sollte so schnell wie möglich flott gemacht werden, um ihn aus der Gefahrenzone zu schaffen. Alv hoffte, dass es wirklich nur der Mangel an Sprit war, der den Bus lahmgelegt hatte.

Eckhardt sah zu ihm hinüber.

»Wieso retten wir die Leute?«

»Na ja. Erstens, wir brauchen mehr Leute, um unsere zukünftige Heimat zum Laufen zu bringen. Zweitens, ich lasse nicht gern Leute im Stich, die Hilfe brauchen. Und drittens, den Typen, mit dem du gefunkt hast, kenne ich.«

»Was? Wo kennst du denn überall Leute? Gibt’s auch welche, die du nicht kennst?«

Alv lachte.

»Nee, im Ernst. Wenn es der ist, von dem ich annehme, dass er es ist, dann können wir ihn gut gebrauchen. Ist ein hervorragender Techniker und Computerfuzzi.«

Eckhardt nickte. Dann konzentrierte er sich auf die Straße, und Alv sah zu, dass er beim Navigieren den Überblick behielt. Die Annäherung an die Großstadt Karlsruhe war gefährlich, und die Rheinbrücke bedeutete ein Risiko, das man angesichts der Erlebnisse am Leonberger Tunnel besser nicht unterschätzte. Alv öffnete die Luke über dem Beifahrersitz und bestückte das MG auf dem Dach des Armeefahrzeugs mit einem Munitionskasten.

Jahr Zwei. 17. Februar, Mittag

Marschall Gärtner genoss sein Seehechtfilet, die süße Dijon-Senfsauce und nicht zuletzt die frischen Kartoffelreibeplätzchen. Er zog es vor, heute nicht in der Messe zu speisen, sondern er hatte seine Kollegen vom Militärrat zu sich in das große Büro gebeten. Admiral Hershew saß zu seiner Rechten am Tisch, General Deng zu seiner Linken, und ihm gegenüber schaufelte General Pjotrew das Essen in sich hinein, als gäbe es morgen nichts mehr. Auf dem Tisch stand ein guter Wein, »Rheinhessen Spätlese«, aber der Russe zog es vor, ein Nationalgetränk seiner Heimat zu goutieren. Gärtner fand Wodka zum Essen eher unpassend. Als das Essen beendet war und die Ordonnanz den Tisch geräumt hatte, holte Gärtner Zigarren und Whisky aus der opulenten Hausbar und bot diese an. Pjotrew blieb lieber beim Klaren. Als die Havannas den Raum in dichte Qualmwolken zu hüllen begannen, meinte der Marschall:

»Nun, Mikail, was gibt es von der Front zu berichten? Kommen wir voran?«

Der General drehte seine Zigarre zwischen Daumen und Zeigefinger und sah sinnierend auf die Glut, bevor er antwortete.

»Die Bauarbeiten an der Linie Archangelsk-Nowgorod schreiten gut voran, unsere Außengrenze steht zu vier Fünfteln. Auch die Mikrowellenwaffen funktionieren gut, zumindest die stationären. Ein wenig zu schaffen macht uns die Kälte vor Ort. Der nukleare Winter setzt ein, wir sind auf der gesamten Linie nördlich der Wolga jetzt bei Minus fünfundfünfzig Grad Celsius. Das macht es schwierig, weiter zu kommen. Allein die Instandhaltung der Maschinen kostet uns unheimliche Mengen an Energie, wir müssen mittlerweile sogar unsere Treibstofftanks heizen. Zum Glück sind die Fundamente für die Zaunanlagen rechtzeitig gesetzt worden, so dass wir nun lediglich oberirdisch arbeiten müssen.

Aber bei Minus Fünfzig Grad einen Metallzaun zu errichten, hat auch so seine Tücken. Das Material ermüdet sehr schnell. Schneller, als gedacht.«

»Na ja«, meinte der Marschall flapsig, »ihr Russen habt doch Erfahrung mit Scheißwetter, oder? In Sibirien habt ihr doch auch Pipelines gebaut. Stimmt doch, oder?«

Pjotrew sah ihn über die rauchende Zigarre, die in seinem breiten Mundwinkel steckte, hinweg an.

»Das ist natürlich richtig, russische Ingenieure und russische Techniker sind es gewohnt, mit russischem Material unter solchen Bedingungen effektiv zu arbeiten. Das Problem ist nur, wir haben dort weder das Eine, noch das Andere. Die Hälfte der Arbeiter sind Deportierte, das Material ist zum Teil aus Südeuropa importiert und der abrupte Temperaturwechsel macht es brüchig. Unsere Arbeiter sterben im Moment wie die Fliegen, und es wird in nächster Zeit wahrscheinlich noch kälter werden.«

Der Marschall schürzte die Lippen und paffte an seiner Cohiba.

»Dann müssen wir halt dafür sorgen, dass mehr Nachschub an die Ostfront kommt, was?«

Admiral Hershew räusperte sich.

»Aber wir können doch nicht einfach haufenweise Leute in einen Gulag schicken, nur um mit dem Arbeitspensum voran zu kommen. Das wird die Bevölkerung uns übel nehmen.«

Gärtner lächelte milde.

»Ach, wird sie das? Mikail, wie war das damals, hat die Bevölkerung das Herrn Stalin auch übel genommen, als er die Transsibirische Eisenbahn bauen ließ; auf den Gebeinen Hundertausender? Und vor allem: Hat es ihnen etwas genützt?«

Der Amerikaner reagierte mit entsetztem Gesichtsausdruck.

»Gärtner, wir sind hier nicht in der Sowjetunion!«

»Das stimmt natürlich. Aber wir haben eine Gesellschaft neu zu konstruieren, und das unter den denkbar ungünstigsten Voraussetzungen.

Sicher, im Moment lässt der Druck durch die Zeds etwas nach, weil ihnen Gott sei Dank die morschen Knochen einfrieren, aber wenn der Winter vorbei ist und die Burschen wieder auftauen, dann ist das Problem nicht so einfach aus der Welt, nur weil wir mit den Absätzen unserer roten Schühchen geklackert haben. Wir haben eine große Aufgabe zu erledigen, und eine riesige Last liegt auf unseren Schultern. Auf den Schultern von jedem hier im Raum. Und diese große Sache fordert nun einmal einen gewissen Preis. Ehrlich, ich schicke lieber diejenigen an die Front, denen es in unserer neuen Gesellschaft sowieso nicht gefällt.

Von mir aus können die ihre Freiheit und Selbstbestimmung jenseits der Wolga feiern, wenn sie ihre Strafe für Aufrührertum abgebüßt haben. Dann dient der Zaun ja auch ihrem Schutz, denn unsere Truppen werden diesen garantiert nicht in Richtung Osten überschreiten.

Ich hoffe, ich konnte mich diesbezüglich verständlich machen, Admiral.«

Das war wohl eine ziemlich endgültige Aussage, die keiner weiteren Diskussion bedurfte.

»Ach ja«, warf Gärtner lapidar ein, »General Deng, wie sieht es eigentlich mit unseren Reisenden aus? Haben Sie meine diesbezügliche Order umsetzen lassen?«

Der Chinese lächelte gewohnt höflich und erwiderte:

»Selbstverständlich, Herr Marschall. Ich hatte persönlich eine Kampfgruppe von Eurocoptern zu dem von Ihnen bestimmten Einsatzort beordert, dort wurde der Treck aus einer ziemlich misslichen Lage befreit. Der Einsatzgruppenleiter ließ mitteilen, dass Frau Radler Ihre Grüße herzlich erwidern lässt.«

Betont langsam beugte er sich zum Tisch und strich die Asche von seiner Zigarre. Gärtner nickte.

»Gut. Sehr gut.«

»Darf ich mir erlauben, zu fragen, inwieweit das Schicksal dieser Flüchtlinge für uns von Belang ist, Herr Marschall?«

Der Chinese lächelte noch immer völlig unverbindlich und nichtssagend.

»Nein, das dürfen Sie nicht. Es gab einen Befehl, der wurde ausgeführt. Das reicht.«

General Deng zog sich mit einem devoten Nicken, das ebenso gut das eines Attentäters sein konnte, in seinen Sessel zurück. Er machte eine kapitulierende Geste mit beiden Händen und widmete sich dann wieder seinem Tabak.

»Um auf unser Thema zurückzukommen«, warf General Pjotrew ein, »wir brauchen mehr Deportationen. Wie sollen wir das begründen?«

Marschall Gärtner nahm einen ordentlichen Zug von seiner Zigarre, und als sein Kopf in der Rauchschwade, die ihn umgab, fast verschwunden war, beugte er sich mit konspirativer Miene zum Tisch vor und meinte sinnierend:

»Mir schwebt da etwas vor. Aufgemerkt, meine Herren …«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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