Nephilim, Band 6: Marsch der Toten - Clayton Husker - E-Book

Nephilim, Band 6: Marsch der Toten E-Book

Clayton Husker

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Beschreibung

Hinter den Mauern von Neo Colonia führen die Menschen ein zwar entbehrungsreiches, aber halbwegs sicheres Leben. Bis die Feinde der Menschheit die Stadt angreifen. Die Nephilim-Zombies treiben die Bewohner zusammen und schicken sie auf eine entsetzliche Reise; grausamer und mörderischer als alles, was diese bisher kannten. Der Zug der Verdammten setzt sich in Bewegung. Sein Ziel liegt weit im Osten – es ist der unterirdische Hive der Nephilim. Als Xiuna und ihr Bruder Terion davon erfahren, nehmen sie die Verfolgung auf…

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Seitenzahl: 279

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Nephilim

 

 

Die Zombie-Serie

von

 

Clayton Husker

Inhalt

Titelseite

Band 6: Marsch der Toten

30. August im zweiunddreißigsten Baktun (I)

30. August im zweiunddreißigsten Baktun (II)

30. August im zweiunddreißigsten Baktun (III)

30. August im zweiunddreißigsten Baktun (IV)

30. August im zweiunddreißigsten Baktun (V)

31. August im zweiunddreißigsten Baktun (I)

31. August im zweiunddreißigsten Baktun (II)

31. August im zweiunddreißigsten Baktun (III)

2. September im zweiunddreißigsten Baktun (I)

2. September im zweiunddreißigsten Baktun (II)

3. September im zweiunddreißigsten Baktun

4. September im zweiunddreißigsten Baktun (I)

4. September im zweiunddreißigsten Baktun (II)

5. September im zweiunddreißigsten Baktun

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Impressum

Band 6:Marsch der Toten

 

 

»Vergangenheit wird uns ein düstrer Traum,

am Horizont ein schwarzer Wolkensaum.«

 

Frank Wedekind

30. August im zweiunddreißigsten Baktun (I)

Bischof Ivan Draga reagierte schnell und routiniert. Seine Schwerter, die er sonst auf dem Rücken trug, wirbelten über seinem Kopf. Noch in der Bewegung schwang er sie über Kreuz nach vorn vor sich wie Windmühlenflügel, was ein wischendes Geräusch erzeugte. Dann war Xiuna bei ihm und ihre Kampfmesser klirrten gegen die Klingen der Schwerter, deren Bewegung abrupt stoppte. Einen Moment lang standen sich die beiden erbitterten Gegner Auge in Auge gegenüber. Xiuna sah in die fast schwarzen Augen des Bischofs und entdeckte darin puren Hass, nicht nur auf sie, sondern es war ein Hass auf alles, das nicht zu einhundert Prozent seinen Idealen entsprach.

Draga versuchte eine seitliche Ausfallbewegung, um den Druck von seinen Klingen zu nehmen und seine Gegnerin unvermittelt ihren Schwerpunkt verlieren zu lassen, doch da hatte er sich verrechnet. Als er plötzlich auswich, stand Xiuna wie gemauert und folgte seiner Bewegung in einer fließenden Geschmeidigkeit, die selbst einen bestens ausgebildeten Krieger wie Bischof Draga erstaunte.

»Ich sehe, die alten Hexen in der Ordensburg haben dir einiges beigebracht. Wie ich hörte, wurde aus deinem Blut ein Antiserum hergestellt. Das bedeutet, dass ein Teil von dir jetzt in mir ist, Schätzchen. Vielleicht möchtest du gottloses Flittchen ja auch ein Stück von Ivan Draga in dir haben? Das ließe sich arrangieren, wenn du verblutend im Sand liegst.«

Xiuna war natürlich vollkommen klar, dass diese Provokation Teil einer Finte sein sollte, die zum Ziel hatte, ihre Aufmerksamkeit durch emotionale Attacken zu schwächen, um einen vernichtenden Hieb zu setzen. Offenbar war Draga auf ein schnelles Ende des Kampfes aus. Geduld gehörte wohl eher nicht zu seinen größten Tugenden – wenn dieser Mann überhaupt so etwas wie Tugend besaß, was Xiuna ernsthaft bezweifelte.

Die Spitze seines linken Schwertes wippte leicht, als würde er damit ansetzen, doch auch dies – entschied Xiuna – war Teil der Finte. Draga war schlau; er wusste natürlich, dass Xiuna in ihrer Ausbildung auf solche Situationen trainiert worden war. Deshalb versuchte er, falsche Signale zu senden, die den Anschein von Unbewusstheit trugen. Damit wollte er Xiuna zu einer möglichen Gegenreaktion herausfordern, die er dann zu ihrem Nachteil auszunutzen gedachte. Doch das Schwierige am Katz-und-Maus-Spiel war, nicht zu wissen, wer die Katze ist. So auch in diesem Fall.

Xiuna machte einen Schritt nach rechts, verlagerte dabei ihr Gewicht beinahe unmerklich – aber so, dass Draga es noch eben wahrnahm – nach links, zumindest dem Anschein nach. Hierbei kam ihr der Sand sehr zupass, denn er kaschierte die minimale, tatsächliche Bewegung, die einen Rückfall vorbereitete, der den Stoß des Gegners ins Leere laufen lassen sollte.

Radeon und Terion standen völlig paralysiert am Fuß der Düne und beobachteten das Duell, in das auch die Begleiter des Bischofs nicht einzugreifen wagten. Jeder der hier Anwesenden wusste, dass sich exakt an diesem Ort in exakt diesem Moment das weitere Schicksal Neo Colonias und des Bunkers entschied. Wobei Dragas Fußtruppen wahrscheinlich keinerlei Ahnung hatten, was sich einige Stockwerke unter ihren Füßen befand und abspielte.

Dragas Angriff erfolgte kraftvoll, präzise und normalerweise tödlich, doch er hatte Xiunas Köder geschluckt, der ihm vorgegaukelt hatte, sie wäre auf seine List hereingefallen. Ein mächtiger Stoß mit seinem rechten Schwert in Hüfthöhe verfehlte Xiunas Körper nur um Haaresbreite, weil sie sich ruckartig nach hinten fallen ließ, um Bruchteile einer Sekunde später wieder hochzufedern und ihrerseits mit einem der Messer nach Draga zu stoßen.

Der Bischof wollte ausweichen, doch der Sand gab unter der Wucht seines Kampfgewichts nach und rutschte, was ihn beinahe zu Fall gebracht hätte. Er riss den linken Schwertarm hoch, um die Gewichtsverlagerung auszugleichen.

Darauf hatte Xiuna nur gewartet. Sie flog ihm förmlich entgegen und traf ihn mit einem Hieb unter der linken Achsel. Dort gab es eine Schwachstelle in seiner Körperpanzerung. Die Klinge drang durch den Schnittschutz und öffnete eine Wunde, aus der sofort Blut lief.

Dragas Gesicht – verzerrt durch Schmerz – nahm einen überraschten Ausdruck an, als die beiden Kontrahenten sich im Abstand von etwa drei Metern wieder aufrichteten. Er besah sich die Fleischwunde, beschloss offensichtlich, sie zu ignorieren, und nahm wieder eine Kampfstellung ein. Er wirbelte aggressiv mit den Schwertern auf und ab und stapfte auf sie zu.

»Du kleines Miststück bist zäher als ich dachte. Ich werde mir deine Ohren als Trophäe aufbewahren, verstehst du? Ich werde sie an meinen Gürtel hängen.«

Xiuna sagte nichts. Mit strengem, konzentriertem Blick analysierte sie längst wieder die Bewegungsmuster ihres Gegners. Sie hatte nicht vor, sich auch nur irgendein Körperteil ihres Gegenübers irgendwohin zu hängen oder aufzubewahren. Ihre Absicht war es, den Mann zu töten, denn sie wusste nur zu gut, zu welchen Grausamkeiten diese Bestie fähig war.

Früher in der Ordensburg hatte man Ivan Dragas Namen meist nur hinter vorgehaltener Hand geflüstert, obgleich ihn natürlich jeder – zumindest vom Hörensagen – kannte. Genau genommen war dieser Krieger – ein Berserker vor dem Herrn – die gefürchtetste Person in Königsberg. Selbst die unheiligen Schwestern hatten größten Respekt vor ihm, und das, obwohl sie selbst gefürchtete Kämpferinnen waren.

Niemand wusste genau, woher der Mann stammte. Man munkelte, er wäre in der Taiga inmitten von Wölfen und Bären aufgewachsen. Sicher, dabei handelte es sich lediglich um eine Legende, aber Xiuna konnte sich das doch gut vorstellen. Wahrscheinlich würden die Leitwölfe ein solches Ungeheuer mit eingekniffener Rute umschleichen und ihm die Füße lecken, ihm die Jagdbeute vorlegen und es im Mondlicht anheulen. In der gesamten Ordensburg hatte Xiuna nicht eine Person getroffen, die diesem furchtbaren Krieger an Brutalität und Aggression gleichgekommen wäre.

Draga wusste um die außergewöhnlichen Kräfte seiner Gegnerin, denn besonders in ihrem letzten Jahr im Akolythenlehrgang hatten sich unter Trainern und führenden Ordensgeschwistern diesbezügliche Gerüchte manifestiert. Hinter vorgehaltener Hand hatte man sie als Hexe bezeichnet und ihr schwarzmagische Fähigkeiten nachgesagt. Nachdem sie Schwester Clara im Kampf getötet hatte und aus der Ordensburg geflohen war, durfte dort niemand mehr öffentlich über Xiuna von Vovin sprechen.

Dragas plötzliches Auftauchen hatte Xiuna derart überrascht, dass sie nicht einmal auf die Idee gekommen war, ihre enormen geistigen Kräfte gegen den Bischof zu lenken. Hier und jetzt befanden die beiden sich in einem klassischen Kampf Mann gegen Mann respektive gegen Frau.

Erneut griff der Hüne an und stürmte vorwärts. Er schwang seine beiden Schwerter kreuzweise vor sich, um einen möglichst effektiven Angriff zu starten. Diese Wand aus sirrenden Klingen zu durchdringen war beinahe unmöglich, und so entschloss sich Xiuna, dem Stahlgewitter vor sich zu entgehen. Sie federte tief in den Knien, setze zu einem gewaltigen Sprung an und hob ab, dabei eine Vorwärtsrolle in der Luft vollziehend. Sie landete hinter Draga im Sand. Ihr Gegner hatte diese Bewegung natürlich verfolgt und wirbelte herum, was jedoch seine Schwertführung störte.

Genau darauf hatte Xiuna gebaut. Noch während sie in der Hocke landete, verlagerte sie ihr Gewicht auf das rechte Bein und ließ das linke herausschnellen, direkt in Ivan Dragas Richtung. Dort traf sie mit absoluter Präzision ihr Ziel, Dragas rechtes Knie. Der Tritt traf seinen Innenminiskus und ließ das Muskelgewebe an dieser Stelle schmerzhaft reißen. Draga knickte mit verzerrtem Gesicht ein und kam aus dem Konzept, was Xiuna nutzte, um mit den Messern eine Attacke zu führen.

Sie wirbelte herum und war mit einem Schritt dicht an ihrem Gegner, dessen Augen sich vor Schreck weiteten. Dann riss Xiuna die Dolche hoch und rammte beide Klingen bis zum Heft in Dragas Hals, wo sie sofort die Schlagadern durchtrennten. Sie führte die Klingen ruckartig gegeneinander und der scharfe Stahl schnitt durch Dragas vorderen Halsbereich, als wäre dieser aus Papier.

Als sie ihre Waffen zurückriss und sich ruckartig von ihm abstieß, schoss ein roter Strahl aus der Wunde und besudelte die Kampfmontur des Bischofs. Aus weit aufgerissenen Augen starrte er sie an und ließ seine Schwerter in den Sand fallen. Die Hände wanderten zum Hals, tastend, als ob sie dort noch etwas halten könnten. Blut sickerte durch die Finger und färbte den Sand rot. Das Licht in den Augen des Bischofs brach und er kippte leblos zur Seite weg. Ivan Draga war besiegt.

In diesem Moment hallten zahlreiche Schüsse über den Sand. Die Wachposten des Castlegate-Komplexes hatten den Kampf bemerkt und eilten zu Hilfe. Sie feuerten auf die Soldaten des Bischofs und streckten die völlig perplexen Männer im Handstreich nieder. Sekunden später lag ein Haufen Leichen im Sand.

Xiuna stand oben auf dem Kamm der großen Düne im Wind, ihr schwarzes Gewand flatterte leicht in der Brise. Von den Klingen ihrer Messer tropfte das Blut des Gegners in den Sand, wo es kleine Klümpchen bildete.

Xiuna drehte den Kopf in Radeons Richtung und sprach mit ruhiger, dunkler Stimme, die durch den Vorhang ihrer verschwitzten schwarzen Haare drang.

»Ich will mit dem Kleriker reden.«

30. August im zweiunddreißigsten Baktun (II)

»Pezzi di merda! Wo sind die Kleriker, wenn man sie braucht? Vai al diavolo!«

Der hochgewachsene, dunkelhaarige Mann stand mit ausgebreiteten Armen schützend vor Frau und Kindern. Er war als junger Mensch zu Beginn der Zweiten Apokalypse aus dem Süden nach Neo Colonia gekommen, das damals noch Köln geheißen hatte und von den Zed-Horden vollkommen verwüstet worden war.

»Carmelo, wir wollen hier weg! Wir haben Angst!«, rief Sabrina, seine Frau und die Mutter ihrer gemeinsamen Kinder, ihm von hinten zu.

Er hatte damals beim Bau der großen Mauer geholfen, hatte – wie viele andere Zugereiste auch – in notdürftig errichteten Barackencamps unter unmenschlichen Bedingungen gehaust und war den Versprechen der Kleriker gefolgt, die aus den Trümmern der alten Domstadt unter der Ägide der neuen Kirche eine Festung errichten wollten, um den Zed-Horden und den tödlichen Strahlen des Megablisters zu trotzen. Letzterer kehrte alle 24 Monate auf seinem zyklischen Kurs zurück, um durch die gefürchteten, lila fluoreszierenden Strahlenfelder jegliches Leben auszulöschen, auf das er traf. Dieses tödliche Strahlengebilde hatten die Menschen selbst erschaffen, als sie im Zuge der Ersten Apokalypse mit furchtbaren Massenvernichtungswaffen gegen die Zeds vorgegangen waren. Wider jede Vernunft und ohne Rücksicht auf mögliche Folgen hatten sie vollkommen unerforschte Energieformen mit mächtigen Spaltwaffen kombiniert und so einen Nexus der Vernichtung geschaffen, dem nicht einmal die Untoten mit ihren Selbstheilungskräften etwas entgegenzusetzen hatten. Auch das Zed-Virus wurde durch die Blisterstrahlung zerstört. Einzig die riesigen Türme der verbliebenen Metropolen boten Schutz, weil sie die tödliche Energie ableiteten.

Carmelo Cimano war damals als Gastarbeiter in die im Wiederaufbau befindliche Stadt am Rhein gekommen, um hier nach seiner Odyssee durch das verwildernde Europa, das unter Bergen von Flugsand zu versinken drohte, eine neue Heimat zu finden, wie so viele andere auch. Er war als gläubiger Katholik in seiner Heimat Kampanien nordwestlich von Neapel aufgewachsen, doch als die Phlegräischen Felder begannen, die wenigen verbliebenen Siedlungen um Neapel herum in einen See aus brennendem Gestein zu versenken, hielt ihn dort nichts mehr.

 

»Religion ist Hoffnung!

Glaube ist Zuversicht!

Kirche ist Wahrheit!«

 

Diese Sätze lockten Carmelo nach Neo Colonia. Er hörte sie in einem Flüchtlingscamp nördlich der Alpen von Anwerbern und sie berührten sein damals noch sehr junges und mehr dem Glauben als dem Wissen zugewandtes Herz. In der nördlichen Alpenregion hielten sich zu dieser Zeit viele Menschen aus dem Süden auf, um den verheerenden Folgen der zahlreichen Vulkanausbrüche im Mittelmeerraum zu entkommen. Offenbar war der inflationäre Gebrauch schwerster Waffen im Erdmantel nicht folgenlos geblieben, denn der Vesuv mit seinen westlichen Supervulkanausläufern hatte gewaltige Mengen von Staub, Asche und schlussendlich Ströme von Lava hervorgebracht, die beinahe ganz Europa bedeckten. Seit der Veränderung im mittelatlantischen Klimagefüge trugen heiße Südwinde ganze Berge von Sand aus der immer schneller wachsenden Sahara nach Norden und schufen dort völlig neue Topografien.

Die Flüchtlinge aus Südeuropa stellten für die wenigen Überlebenden der Zed-Apokalypse ein ernstes Problem dar, denn die Vorräte in den unterirdischen Lagern schmolzen dahin wie Butter in der Sonne. Außerdem lockten diese Zuwandererströme auch neue Zed-Horden aus dem Osten an, der mittlerweile aus dem Kälteschlaf des vergangenen nuklearen Winters erwachte und aus dem Permafrost riesige Heere von Untoten entließ. Diese Zeds, die von einer anderen Spezies, den Strugglern, geführt wurden, suchten nach frischem Fleisch, das der Westen ihnen offensichtlich bot.

Carmelo saugte die Worte der Anwerber gierig auf und wurde mit der Eisenbahn dann nach Nordwesten verfrachtet, um als Baugehilfe in Neo Colonia tätig zu werden. Kost und Logis boten die Kleriker des Clerus Majorem Adonai Colonia, der neu entstandenen, christlich fundierten cisrhenanischen Kirche, die sich auf eine Sukzession der Utrechter Union berief. In Zeiten wie denen der beginnenden Zweiten Apokalypse bedeutete dies ein quasi fürstliches Angebot, denn wer nicht den Zeds zum Opfer fiel, der verhungerte oder verdurstete nicht selten in den Badlands entlang der verstrahlten Todesstreifen.

Viele Baktune, wie die Jahre in der neuen Stadt nun hießen, schuftete Carmelo zwölf Stunden am Tag und in der Nacht, wobei in der Mittagshitze zumeist die Arbeiten in den tiefen Gruben der Fundamente der großen Mauer zu verrichten waren. Ähnlich wie beim Bau der Pyramiden wachten sadistische Aufseher äußerst brutal über die Einhaltung der Arbeitsnormen, und nicht selten hagelte es Stockschläge, wenn es den Polieren nicht schnell genug ging oder etwas außerplanmäßig schiefging.

Gemeinsam mit sehr vielen anderen errichtete er den Bau nicht nur aus Beton, sondern auch aus Blut, Schweiß und Tränen. Zahllose Arbeiter verloren dabei ihr Leben, und das nicht nur wegen der andauernden Zed-Angriffe. Der Klerus stellte recht schnell eine Sturmtruppe auf, die den Bau bewachte und verteidigte. Die Prioren kommandierten diese Soldaten und sie tränkten den Boden um Neo Colonia mit dem verdorbenen Blut der Untoten, während das Bauwerk wuchs.

Bereits im zweiten Baujahr standen die minarettähnlichen Türme, die Pipes genannt wurden, und den ersten Test im dritten Baktun der neuen Zeitrechnung bestanden diese technischen Wunderwerke mit Bravour. Das Motto Kirche ist Sicherheit bekam damit ein anschauliches Baudenkmal und brannte sich tief und fest in das Bewusstsein der Menschen in und um Neo Colonia ein. So auch bei Carmelo, der sein gesamtes Über-Leben dem Dienst an der Kirche und der Gemeinschaft widmete und sich als fleißiger Arbeiter in den Status eines Poliers hocharbeitete.

Als der große Verteidigungswall endlich stand, hatte Carmelo einen kleinen Schatz von Leistungspunkten angesammelt, die er gegen Privilegien eintauschen konnte. So kam es, dass er eine kleine Wohnung im Innenstadtbereich beziehen und seine Partnerin heiraten konnte, um eine Familie zu gründen. Mittlerweile hatte er mit Sabrina drei Kinder – Stefano, er war jetzt bereits zwölf Baktune alt, die neunjährige Indira und Maurizio, mit sieben Jahren das Nesthäkchen der Familie. Noch bis vor Kurzem hatte ihr Leben in der prosperierenden Metropole verhältnismäßig gut ausgesehen, nicht so erbärmlich wie das der Handlanger in der Südstadt oder draußen im Speckgürtel. Er lebte von einem erträglichen Einkommen bei der Instandhaltung, seine Frau betrieb eine kleine Stubennäherei im Erdgeschoss des Wohnhauses im Weißenburgquartier und die Kinder besuchten sogar eine Schule des Klerus. Alles lief gut. Bis zu dem Moment, in dem alles aus den Fugen geriet.

Bereits tags zuvor waren gewisse Gerüchte aufgekommen, einen Putsch innerhalb der Kirche betreffend. Carmelos Arbeitskollegen wussten selbst nichts Genaues. Man munkelte, der Kardinal wäre ermordet worden und man hätte Schüsse im Dom und im Gebäude der Kongregation gehört. Dazu kam eine unbestimmte, aber deutlich spürbare Unruhe in den Straßen. Weitere Informationen vom Hörensagen ließen darauf schließen, dass auch in der Südstadt etwas vorging. Man munkelte von Zed-Horden, die durch unterirdische Gänge und Kanäle in die Stadt vordringen würden.

Carmelo versuchte stets, die jüngeren Kollegen zu beruhigen und verwies immer wieder auf die klerikale Schutzmacht, die in den letzten fast dreißig Baktunen Neo Colonia zu einem sicheren Ort gemacht hatte. Mit zugespitzten Fingern einer Hand versuchte er sie in typisch italienischer Manier von der Wichtigkeit des Zusammenhalts und von der Sicherheit der Kirche zu überzeugen.

Doch heute war plötzlich alles anders.

»Sei still, Weib!«, zischte Carmelo leise, den Blick nicht von der Zimmertür wendend, durch die der absolute Horror in ihr Leben getreten war.

Vor ihm und seiner Familie stand eine Kreatur, die in den schlimmsten Schauermärchen nicht gruseliger hätte beschrieben sein können. Das Wesen stand auf zwei Beinen, verfügte über zwei Arme und der Kopf saß da, wo er bei einem Menschen üblicherweise auch saß. Doch da endeten die Gemeinsamkeiten auch schon. Der unbekleidete Körper war komplett unbehaart und verfügte offensichtlich nicht über Geschlechtsmerkmale. Die Haut war grau und schimmerte leicht irisierend. Am Ende der Extremitäten konnte man scharfe, gebogene Klauen erkennen. Am schlimmsten jedoch war das Antlitz der Bestie, zwischen dessen mandelförmigen, großen Augen man keine Nase erkennen konnte, was diesem Wesen ein alienhaftes, vollkommen fremdartiges Aussehen verlieh. Und dann dieses Maul, dieser grässliche, beinahe kreisrunde Schlund, in dem unzählige Zähne blitzten und gegeneinanderrieben, was ein knirschendes Geräusch erzeugte.

Carmelo wähnte sich in einem Albtraum, der einem Bosch-Gemälde entsprungen zu sein schien. So etwas Widergöttliches konnte – durfte! – nicht sein. Waren nicht schon die Zeds Schrecken genug, diese untoten, zu ewiger Hatz auf Menschenfleisch verdammten Kreaturen, deren Anblick einem das Blut in den Adern gefrieren ließ? Und nun dieses … Ding! Eine Monstrosität, die direkt der Hölle entsprungen schien, um die Gläubigen zu peinigen.

›Ein Dämon in Menschengestalt‹, durchfuhr es Carmelos Geist, der nicht mehr fähig war, das Grauen zu verarbeiten, das ihm hier gegenüberstand. Dies konnte nicht real sein, zu furchtbar war der Anblick, zu grotesk die Bilder, die seine Augen an das Gehirn sandten. Allein der Gedanke an seine völlig verängstigte Familie ließ Carmelo nicht den Verstand verlieren.

»Bewegt euch nicht!«, zischte Carmelo erneut.

Plötzlich begann das Wesen in einer unglaublichen Lautstärke zu kreischen. Mehrstimmig und schrill setzte es eine Kakophonie in den Raum, die markerschütternd war und sofort bei allen Anwesenden akute Angstzustände auslöste. In der Folge begann Sabrina zu schreien und auch die Kinder erhoben, getrieben von unbändiger Furcht, ihre Stimmen. Beinahe zehn Sekunden schrien alle durcheinander, nur Carmelo war zu keiner Lautäußerung mehr fähig, denn das Gebrüll der Bestie paralysierte ihn förmlich.

Als das Wesen sich in Bewegung setzte und direkt auf ihn zukam, suchte er krampfhaft nach einem Ausweg, einer Waffe, einer Fluchtmöglichkeit oder irgendetwas, das diese furchtbare Situation zu beenden geeignet wäre, doch es gab kein Entrinnen. Die fünf Menschen waren dem Monster ausgeliefert.

In einem Anfall äußerster Verzweiflung wollte Carmelo mit bloßen Fäusten auf die Bestie losgehen, doch ein heftiger Schlag von einem der muskulösen Arme beförderte ihn postwendend zurück in die Ecke, in der seine Familie hysterisch weinend kauerte. Das Ende für sie alle schien nah, als etwas Unerwartetes geschah: Das Horrorwesen deutete mit einer Klaue zur Tür und nickte mit dem Kopf in diese Richtung.

Wollte es sie gehen lassen, lag die Befreiung von diesem Nachtmahr in greifbarer Nähe? Ein Fünkchen Hoffnung keimte in Carmelo auf. Vielleicht handelte es sich um eine Mutation, die gar nichts mit den Zeds zu tun hatte? Wer wusste schon, was dort draußen in den Badlands so geschah?

»Bist du ein Freund?«, fragte Carmelo zögerlich und machte erneut einen Schritt auf die Gestalt zu, diesmal mit offenen Händen. Ein weiterer Hieb beförderte ihn rückwärts und beantwortete seine Frage.

»Ich glaube«, meinte Sabrina, sich über ihren Mann beugend, »wir sollen mit ihm gehen.«

Dabei tupfte sie mit einem Zipfel des dünnen Tuches, das sie um die Schultern trug, das Blut von seiner aufgeplatzten Lippe.

Noch einmal deutete das Wesen zur Tür und Sabrina erhob sich geduckt, mit beschwichtigender Geste, und nickte.

»Okay, wir haben verstanden. Wir haben verstanden.«

Sie deutete zur Tür und nickte erneut. Dann half sie ihrem Mann auf die Beine und scharte ihre Kinder um sich. Langsam, jede falsche Bewegung vermeidend, schoben sich die fünf zur Tür hinaus, gefolgt von dem knurrenden Wesen, das jeden ihrer Schritte mit Argusaugen überwachte. Weiter ging es zur Wohnungstür und von dort in den Hausflur, wo sich ihnen ein schreckliches Bild bot. Aus beinahe allen Türen kamen verängstigte Menschen, die von diesen seltsamen Kreaturen aus den Wohnungen gescheucht wurden. Frauen und Kinder weinten, Alte und Kranke fehlten völlig. Da einige der Monster mit Blut besudelt waren, konnte man wohl davon ausgehen, dass in den Wohnungen niemand lebend zurückgelassen wurde.

Man jagte die Einwohner auf die Straße, wo ihnen durch eindeutige Gesten und ein Knurren und Grunzen deutlich gemacht wurde, vor der Häuserfront zu verweilen. Die Menschen trauten sich angesichts der bedrohlichen Lage kaum, aufzuschauen. Ängstlich richteten sie ihre Blicke auf den Boden. Carmelo riskierte einen Blick und erfasste die Situation binnen weniger Momente. Überall auf der Straße standen Menschen, bedroht von den Wesen, die – so vermutete er – zu dieser unbekannten Zed-Spezies gehörten, von der man seit einiger Zeit hinter vorgehaltener Hand sprach.

Sie agierten als Gruppe, das war – neben dem Äußeren – die auffälligste Veränderung. Die Zeds, die bislang in mehr oder weniger großen Horden gegen die Mauer gebrandet waren, agierten stets als Individuen. Sie wollten nur eines, nämlich Fleisch in ihre Schlunde stopfen. Wenn sie im Speckgürtel unter denen, die der Klerus nicht in die Stadt ließ, Opfer fanden, dann rissen sie sich darum wie wilde Tiere. Diese Wesen jedoch folgten offensichtlich einem Plan, das war deutlich erkennbar. Sie trieben die Menschen zusammen, und nur jene, die offenbar gebrechlich oder zu alt waren, wurden auf der Stelle getötet. Die Schreie der Opfer drangen aus vielen Fensteröffnungen in die Straßen herunter, was diese Szenerie mit noch mehr Grauen erfüllte.

»Was zum Teufel sind das für Gestalten?«, flüsterte Sabrina ihrem Mann zu, als einer der Peiniger an ihnen vorübergegangen war und sie sich einen Moment unbeobachtet fühlte.

»Ich bin nicht sicher«, antwortete Carmelo, »aber ich denke, das sind auch Zeds. Ich habe davon gehört, dass es eine neue Art geben soll. Werner vom Turbinenhaus erzählte, dass er zwei Kleriker belauscht hat, die etwas von Mutanten sagten. Sieht aus, als hätte er nicht gelogen.«

»Warum töten oder verwandeln sie uns nicht?«

»Das frage ich mich auch, Schatz. Sie haben irgendetwas vor. Nur junge Leute und Familien werden herausgeholt. Vielleicht sind wir für sie so etwas wie ein Vorrat oder so …«

»Oh Gott! Carmelo! Du musst uns hier rausbringen, denk an unsere Kinder. Ich will nicht, dass sie als Futter für diese Bestien enden. Bitte, Carmelo, tu etwas!«

»Schhhht! Sei leise!«

Ein weiteres Monster patrouillierte auf dem sandigen Gehsteig und drehte seinen Kopf ruckartig in Carmelos Richtung, wobei es ein äußerst bedrohliches Zischen von sich gab. Carmelo erstarrte förmlich mitten in der Bewegung, ebenso seine Frau, die vor den weinenden Kindern stand. Die Bestie knirschte mit den nadelspitzen Zähnen in ihrem Rundmaul und knurrte dumpf.

Plötzlich ruckte ihr Kopf herum, der Blick suchte die gegenüberliegende Straßenseite. Dort hatte ein Mann – Carmelo kannte ihn nur vom Sehen her – die Nerven verloren. Schreiend rannte er über die Straße in Richtung der Dünen, die sich auf dem Prälatenplatz auftürmten. Er versuchte zu fliehen. In diesem und im folgenden Augenblick wurden sämtliche Fluchtpläne, die Carmelo hastig ausgearbeitet hatte, zerstört und in Bruchstücke zermahlen, die feiner waren als der Sand, der seine Füße umspülte.

Zwei dieser Kreaturen wendeten und hechteten dem Flüchtenden hinterher. Dabei setzten sie zu Sprüngen an, die Carmelo nicht im Ansatz für möglich gehalten hätte. Während der Flüchtende durch den tiefer werdenden Sand lief, waren sie mit wenigen Sätzen bei ihm. Der erste Zed schlug ihm in den Rücken und warf ihn zu Boden. Sogleich war der zweite über ihm und riss sein furchtbares Maul auf, in dem die Zahnreihen zu rotieren begannen.

Carmelo mochte nicht glauben, was er da sah. Das konnte nicht wahr sein, das durfte einfach nicht so sein!

Unter markerschütternden Schreien wurde der Mann von den beiden Biestern getötet. Sein Blut floss aus zahlreichen Wunden und färbte den Sand dunkel. Die Angreifer frästen große Stücke aus seinem Körper förmlich heraus, selbst die Knochen des Brustkorbs durchtrennten die Sägezähne dieser Monster. Sie schlangen Haut, Haare, Fleisch und Knochen ihrer Beute hinunter, bis nichts zurückblieb, außer ein paar blutige Fetzen der Kleidung des Opfers.

Alle in der Straße hatten diese kurze, aber besonders schreckliche Szene mit angesehen, auch die Kinder, von denen viele bitterlich weinten. Einige schrien sogar schrill, was die Bewacher dazu veranlasste, sie noch schriller anzuschreien, bis die kleinen Münder still blieben.

Anschließend legte sich eine unnatürliche, fremdartige Ruhe über die Straße. Keiner hatte den Mut, etwas zu sagen. Mütter hielten ihren Kindern den Mund zu oder ermahnten sie zumindest mit eindeutigen Gesten zum Schweigen. Die Sonne brannte erbarmungslos vom Himmel, ein trockener, heißer Wind trieb kleine Staubwölkchen über den Grund. Von der sonst üblichen Geschäftigkeit in diesem Viertel war nichts zu bemerken, es wirkte wie erstarrt. Irgendwo schien eine Suppenküche abzubrennen, denn ein lautes Prasseln, Knacken und Zischen kam über die Häuser gekrochen; schwarzer Rauch stieg über den Dächern auf.

Carmelo wusste in diesem Augenblick, dass es nicht nur einige Zeds waren, die in seiner Straße marodierten, sondern dass die gesamte Stadt gefallen war. Nirgends gab es Anzeichen für Gegenwehr, man hörte keine Schüsse. Die Detonationen, die man des Morgens aus der Weststadt vernommen hatte, schienen nicht viel Wirkung gezeigt zu haben. Er hatte keinen Zweifel mehr: Neo Colonia war gefallen.

Verzweifelt dachte Carmelo über die Situation nach. Ihm fehlten jegliche Informationen zur Lage. Vor nicht einmal einer halben Stunde hatte es plötzlich im Hausflur rumort. Dann war mit einem furchtbaren Krachen die Wohnungstür geborsten und auf einmal hatte dieses schreckliche Monster im Wohnzimmer gestanden. Bis gestern hatte es keine Anzeichen für eine solche Krise gegeben. Die Bedrohung war aus heiterem Himmel gekommen. Und auch jetzt, da er mit seiner Familie auf der Straße stand und auf etwas wartete, das im Grunde undenkbar war, verängstigte der Informationsmangel ihn zunehmend. Die aufsteigende Panik bekämpfte er mit Nachdenken. Pausenlos grübelte er darüber nach, wie er mit den Seinen aus dieser scheinbar aussichtslosen Lage entkommen könnte.

Die geschlossene Häuserfront bot keine Möglichkeit zu entkommen. Weglaufen war angesichts dessen, was er eben mit angesehen hatte, keine Option. Es machte ihn fast rasend, dass er offensichtlich nicht in der Lage war, seine Familie vor diesen Fischmäulern – die Bezeichnung fiel ihm als einzige für die Zeds ein – zu beschützen. Sie waren allgegenwärtig, übermächtig und viel zu aggressiv, als dass man sie hätte überwinden können.

Immer mehr dieser Wesen kamen aus den Hauseingängen, weitere Stadtbewohner vor sich her scheuchend. Tatsächlich trieben sie die Menschen zusammen. Der Gedanke daran, dass die Zähne der Monster sich in den Leib eines seiner Kinder bohren könnten, machte Carmelo wütend, unglaublich wütend. Sein Blutdruck stieg und die Adern auf seiner Handoberfläche schwollen an. Doch dann spürte er die zarte Berührung von Sabrinas Fingern auf der Handfläche, wie sie suchend über seine Haut tasteten und sich schließlich um die Hand legten. Er wusste, es hatte keinen Sinn, sie mussten sich fügen.

Der Ärger wich einer tiefen, ergreifenden Trauer, die Carmelo aufseufzen ließ. Sollte es wirklich so enden? Konnte ein gutes, ein gottesfürchtiges und arbeitsames Leben so einfach enden, indem Gott es zuließ, dass der Satan selbst seine Kreaturen aus der Hölle entließ, um die aufrechten und gläubigen Menschen zu drangsalieren? Befanden sie sich gar in den letzten Tagen, wie sie der Evangelist Johannes beschrieben hatte? Vielleicht stand auch die Entrückung der Gläubigen nun bevor, ein geistiger Aufstieg in die Himmel, wo sie alle von den Engeln erwartet wurden.

Der menschliche Geist neigte dazu, in ausweglosen Situationen selbst skurrile Thesen als wahrscheinlich zu erachten, wenn sie denn geeignet schienen, einen unabsehbaren Ausweg offenzulegen. Kein Strohhalm war zu dünn, kein Hoffnungsfloß zu klein, kein rettendes Ufer zu weit entfernt, wenn nur die Verzweiflung groß genug war. So erging es auch Carmelo in diesen Augenblicken.

Doch keine himmlische Fanfare, kein Ruf des Herrn, keine Geste der Barmherzigkeit wischte den Schrecken fort, dem er und seine Familie hier ausgesetzt waren. Der Horror blieb einfach. Die Hölle auf Erden, in der die Menschen seit der Ersten Apokalypse sowieso schon lebten, legte noch eine Ladung drauf.

Inzwischen kam Bewegung in die Szenerie. Hinten, am westlichen Ende der Straße, begannen die Fischmäuler, die Menschen voranzutreiben, und zwar in Richtung Rheinufer. Gruppe für Gruppe fügten die Monster die Menschen zu einem Treck zusammen, ein schweigender Marsch in Richtung Schlachtbank, wie Carmelo resigniert vermutete. Es sollte ein langer Marsch werden.

30. August im zweiunddreißigsten Baktun (III)

»Natürlich geht das nicht über Nacht. Das braucht seine Zeit.«

Xiuna unterstrich ihre Aussage mit einer ausladenden Geste. Sie saß mit Bischof Cronert und seinem Adlatus in Runas Jurte. Terion und Radeon waren bei ihnen. Draußen gingen Radeons Wachen verstärkt Streife, für den Fall, dass Bischof Dragas Kampfgruppe noch eine Nachhut besaß. In dem Rundbau aus Segeltuch, der so lange Jahre Xiunas Mutter als Wohnstatt gedient hatte, herrschten nun, da der Abend hereinbrach, erträgliche Temperaturen. Ein Ultraschallvaporisator sorgte dafür, dass die Luft nicht zu trocken wurde. Man saß in der Mitte des Zeltes auf Kissen am Boden um einen flachen Tisch herum, auf dem aromatischer Kräutertee dampfte.

Nach dem Sieg über Bischof Draga ging es nun darum, die Rückeroberung von Neo Colonia zu planen. Der Bischof hatte die Bewohner von Castlegate um Hilfe gebeten, was angesichts der Tatsache, dass der Klerus die Freelancer vor nicht allzu langer Zeit noch gnadenlos verfolgt hatte, ein absolutes Novum darstellte.

»Wir erbitten Eure Hilfe natürlich nicht ohne Gegenleistung. Ich hatte ja bereits erwähnt, dass ich grundsätzlich bereit und willens bin, die Organisationsstrukturen in der Stadt völlig neu aufzustellen«, gab Bischof Cronert angesichts der skeptischen Blicke zu bedenken.

»Ich weiß, es fällt Ihnen allen schwer, einem Kleriker Glauben zu schenken, doch allein die Tatsache, dass Sie uns hierherbrachten und bis dato nicht getötet haben, deutet darauf hin, dass Sie eine Allianz in Betracht ziehen. Ich werde das Versprechen halten, das ich Ihnen gab.«

Es war Radeon, der ihm antwortete.

»Waffen. Wir brauchen Waffen. Schwere Waffen. Wenn wir diesen Komplex gegen die Nephilim verteidigen wollen, brauchen wir mehr als nur eine Handvoll Gewehre. Ich habe gegen diese Bestien bereits gekämpft, sie sind wendig, stark, und einige verfügen sogar über eine Art Mineralpanzer, der eine extreme Härte aufweist. Für so etwas benötigen wir Explosivgeschosse, vielleicht Kaliber .50, oder 20-Millimeter-Maschinenkanonen. Am besten beides.«

Cronert nickte.

»Ich verstehe Euch und ich bin sicher, Ihr seid ein Ehrenmann, Radeon Waldeck. Nachdem ich einiger dieser Kreaturen ansichtig wurde, stimme ich voll und ganz zu. Und ich versichere Euch, die Kirche wird die Freelancer nicht im Stich lassen. Ich werde persönlich dafür sorgen, dass dieser wichtige Stützpunkt hier mit dem benötigten Material versorgt wird. Im Gegenzug bringt Ihr Produkte der Aquafarm auf direktem Wege nach Neo Colonia, um die notleidende Bevölkerung mit Nahrung zu versorgen, einverstanden? Ich reiche Euch die Hand der Kirche in Frieden, Radeon Waldeck.«

Genau das tat er auch. Er streckte seine rechte Hand aus und hielt sie Radeon, der links von ihm saß, entgegen. Der zögerte noch kurz, ergriff dann die Hand des Bischofs und drückte sie so fest, dass dieser vor Schmerz das Gesicht verzog.

»Hintergeht ihr Kleriker uns«, knurrte er, »sind die Zeds euer kleinstes Problem.«

»Es ist ein Fair Trade, darauf gab ich Euch meine Hand. Ich halte, was ich verspreche.«

Terion mischte sich an dieser Stelle ein, während Xiuna ihren Tee genoss. Die anderen am Tisch handelten nicht unbedingt klug, fand sie, wenn alle den Tee kalt werden ließen, denn nur heiß entfaltete das Ganjakraut sein volles Aroma.

»Zunächst muss aber in der Stadt so etwas wie eine Ordnung wiederhergestellt werden, was schwierig sein dürfte. Da sind noch jede Menge Prioren und Sturmtruppen der Kongregation unterwegs. Es lässt sich nur schwer einschätzen, welche Truppen dem Klerus noch loyal zur Seite stehen. Dann ist da noch eine unbekannte Anzahl Nephilim, die sicherlich mit jeder Stunde anwächst, denn das neue Virus ist aggressiver und schneller als alles, was wir von den bisherigen Varianten kennen. Und es bringt zum Teil unvorstellbare Abscheulichkeiten hervor. Meine Schwester hat im Baltikum gegen Wesen gekämpft, die man sich hierzulande nicht einmal vorstellen kann. Mir scheint die Lage in Bezug auf Rückeroberung der Stadt ziemlich aussichtslos.«

»Religion ist Hoffnung! Glaube ist Zuversicht! Kirche ist Wahrheit!«, rezitierte der Bischof wie aus der Pistole geschossen. »Wir müssen den Menschen Hoffnung geben! Sie haben ein Recht auf eine gewisse Zuversicht, oder alles ist verloren. Dann hat der Satan sein perfides Spiel gewonnen und wir sind alle verloren. Helft uns, seine finsteren Pläne zu durchkreuzen, auf dass ein Fanal des Glaubens wieder in unserem Dom gesetzt werden kann.«

Nun stellte Xiuna ihre Teetasse langsam und mit Bedacht auf dem Tisch ab. Das leise Klicken des feinen Porzellanbechers ließ die Gesprächsrunde verstummen. Sie atmete ruhig und tief ein, dann wieder aus. Noch einmal tat sie dasselbe, erst nach dem dritten Atemzug sprach sie.

»Terion und ich werden mit den Klerikern nach Neo Colonia gehen und dort unter Bischof Cronerts Ägide das Vertrauen in die Kirche wieder errichten. Allerdings hege ich gewisse Befürchtungen, dass wir für viele Bewohner der Stadt zu spät kommen. Die Nephilim töten und fressen nicht nur, sie vermehren sich auch – und sie machen Gefangene.«

»Was?«

Bischof Cronert fiel buchstäblich aus allen Wolken.

»Was wollt Ihr damit sagen, ehrenwerte Diakonin?«