Wolle! - Clayton Husker - E-Book

Wolle! E-Book

Clayton Husker

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Beschreibung

Aus den umkämpften Gebieten kommen beunruhigende Nachrichten. Gewaltige Zombiehorden haben die Grenze zur Eurasischen Union überschritten. Die Streitkräfte der Menschen setzen alle Waffen ein, die ihnen zur Verfügung stehen, um die drohende Niederlage abzuwenden. Große Hoffnungen ruhen auf den neu entwickelten Geheimwaffen. Doch deren Einsatz verläuft nicht wie geplant. T93 – die Zombie-Serie von Clayton Husker entführt dich in eine Welt, die von lebenden Toten dominiert wird. Doch die Menschheit ist noch nicht am Ende. Mitten in der Nordsee, auf der Insel Helgoland, formiert sich der Widerstand gegen die Zombie-Invasion. Mit allen greifbaren Ressourcen treten die Menschen zum letzten Gefecht an. Der Krieg gegen die Zombies beginnt.

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Seitenzahl: 285

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T93

 

 

Die deutsche Zombie-Serie

von

 

Clayton Husker

Inhalt

Titelseite

Band 15: Wolle!

Jahr vier, 16. August, Nachmittag

Jahr fünf, 24. August, Morgen

Jahr fünf, 19. September, Morgen

Jahr fünf, 23. November, Morgen

Jahr fünf, 27. November, Mittag

Jahr fünf, 1. Dezember, Mittag

Jahr fünf, 24. Dezember, Nachmittag I

Jahr fünf, 24. Dezember, Nachmittag II

Jahr fünf, 24. Dezember, Nachmittag III

Jahr fünf, 26. Dezember, Morgen

Jahr fünf, 26. Dezember, Mittag

Jahr fünf, 30. Dezember, Morgen

Jahr sechs, 11. August, Morgen

Jahr sechs, 1. Oktober, Morgen

Jahr sechs, 1. Oktober, Mittag

Jahr sieben, 22. Juli, Morgen

Jahr sieben, 21. September, Mittag

Der zweite Krieg der Welten: Ein Interview mit Wilko Lennart

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Impressum

Band 15:Wolle!

 

»There is no law beyond Do what thou wilt.«

E. A. Crowley

 

»Den Menschen macht sein Wille groß und klein.«

Fr. Schiller

Jahr vier, 16. August, Nachmittag

»Alle Mann nach vorn! Los, los, los!«

Der OvD der Brückenwache brüllte seine Untergebenen an und scheuchte sie auf den Fahrdamm. Hier, auf dem Damm des hydroelektrischen Kraftwerkes bei Wolschski an der Wolga, nördlich von Wolgograd, hatten sich die Streitkräfte der Eurasischen Union eingegraben. Die Stellung beim Kraftwerk, das für europäische Verhältnisse wirklich riesig war, bildete nun, da die Wasser der Wolga inzwischen wieder weitgehend eisfrei flossen, einen wichtigen Brückenkopf in der Verteidigungslinie der Menschen. Die Konstruktion der gesamten Anlage mit Damm, Kraftwerk und Schleusen glich der von Gorkowskoje in frappierender Weise; allerdings war der Höhenunterschied etwas geringer als im Norden bei Nischni Nowgorod.

Hier verjüngte sich der mächtige Strom und teilte sich in Tausende Flüsse, Bäche und Ströme des Mündungsdeltas. Direkt hinter dem Kraftwerk zum Beispiel zweigte die Achtuba ab, ein Fluss von der Größe der Elbe. Etwas weiter südlich dann in der Kehre von Kirowski, wo die Wolga quasi in Richtung Kaspisches Meer abbog, zweigte auch der Wolgo-Donskoi-Kanal ab, der die beiden Ströme miteinander verband und dem Nord-Ostsee-Kanal in beinahe nichts nachstand. Im Wolgadelta und am Don hatten die Russen gezeigt, zu was sie wasserbaulich fähig waren, und die ausgedehnten Flusslandschaften hier übertrafen Ströme wie den Mississippi bei Weitem. Von der einstigen Friedfertigkeit der Industriemetropole war jedoch nicht viel geblieben, denn nun marschierte ein wahrlich gigantisches Heer von Untoten auf die Wolgaquerung am Kraftwerk zu.

»Waffen entsichern! Feuern auf Befehl!«

Die erste bemannte Verteidigungsstellung lag ziemlich genau in der Mitte des Wolgadurchflusses. Das Wasser rauschte donnernd und tosend durch Dutzende Turbinenschächte, die Strom für das angrenzende Siedlungsgebiet am Westufer lieferten. Hier, inmitten des Stromes, stand ein aus Stahlbeton errichteter Verteidigungsposten, der mit Mikrowellenkanonen bestückt und mit Elitesoldaten besetzt war.

Weiter vorn, am westlichen Ende der Schleuseninsel, hatten die Pioniere umfangreiche, unbemannte Verteidigungseinrichtungen aufgebaut. Die Streitkräfte hatten sich die mächtige Energiequelle zunutze gemacht, und so bestanden sämtliche Barrikaden auf der Straße und sogar die Bahngleise auf der Brücke aus Strom führenden Teilen mit einer Ladung, die Schweine grillen konnte. Für die Zeds würde es größte Verluste mit sich bringen, diese Barrikaden zu überwinden.

Die etwa dreihundert Meter lange Brücke zwischen der Schleuseninsel und der Kraftwerksanlage war überzogen mit Stromzäunen und Landminen. Auch hier würden es die Zeds nicht leicht haben, durchzubrechen. Im Notfall konnte diese Brücke auch gesprengt werden.

Auf der wesentlich größeren, fast zehn Hektar messenden Kraftwerksinsel schließlich, wo sich das große Umspannwerk befand, lag ein komplettes Infanteriebataillon eingegraben. Am betonierten Wolga-Ufer hatten die Soldaten mehrere Geschützstellungen mit schweren Maschinenkanonen errichtet und wachten über die Flussquerung.

»Beeilung, Beeilung! Gefechtsstände besetzen! Doppelte Mannstärke. Melder! Fordern Sie Luftunterstützung bei der Standortkommandantur an! Und geben Sie Zielkoordinaten Alpha Charly One an die Artillerie durch!«

Leutnant Stavros Merinci vom Vereinigten Strategischen Kommando Süd in Rostow am Don, der als diensthabender Offizier die Verteidigungsstellung an der Brücke kommandierte, trieb seine Leute zur Eile an. Denn das, was da auf die Brücke drängte, war auch für den gestandenen Sohn serbischer Einwanderer beinahe zu viel. Sicher, die Dienste hatten die Annäherung einer großen Zed-Horde bereits angekündigt, aber das dort drüben am anderen Ende der Brücke sprengte jede Vorstellungskraft. Vom Ausguck in der ersten Frontlinie aus konnte er durch seinen Feldstecher erkennen, dass sich eine gewaltige Masse an Körpern durch das Hafen- und Industriegebiet am östlichen Ufer schob. Dort, jenseits der Schleusen, oberhalb des Achtuba-Abflusses, lagen auch die Koordinaten für das Artilleriesperrfeuer, das der Melder soeben anforderte.

»Mein Gott«, entfuhr es dem Obergefreiten, der neben Merinci auf dem Ausguck stand, »das müssen ja hunderttausend oder mehr sein!«

»Wahrscheinlich mehr als eine Million«, gab der Kommandierende zurück, ohne das Fernglas abzusetzen, »vielleicht sogar zwei Millionen. Wir haben keine exakten Zahlen.«

Auf der anderen Seite des Flusses braute sich etwas zusammen. Eine fast einen Kilometer breite Front aus lauter Zeds schob sich durch das weitgehend offene Gelände des Hafenviertels und wälzte sich vorwärts wie ein lebendiger Lavastrom. Die zerfetzten und völlig verlumpten Körper verhielten sich in einer Masse, die ihre Konturen völlig verlor, wie eine Flüssigkeit; ein Umstand, den man bei Aufmärschen dieser Größenordnung oft beobachten konnte. Sie strömten förmlich durch Gassen und Straßen, überfluteten Industriebrachen und Freiflächen und umspülten stehende Hindernisse.

Der Zustand der meisten Zeds – insbesondere der Walker unter ihnen – ließ sich nur als miserabel beschreiben. Die vorwiegend asiatisch geschnittenen Gesichter wiesen großflächige Erfrierungsschäden auf. So zum Beispiel schwarze Flecken, die oft den halben Kopf überzogen, und Hautablösungen, unter denen die verwesende und faulige Gesichtsmuskulatur zum Vorschein kam. Viele der erbarmungswürdigen Gestalten verfügten nicht einmal mehr über Unterkiefer; diese waren ihnen wohl auf dem langen Marsch aus Ostasien in den Westen irgendwie abhandengekommen. Ihre dunklen, mit abgefaulten Zahnstümpfen bestückten Oberkiefer, über denen auch oft keine Lippe mehr lag, machten die Fratzen nur noch abstoßender, als sie ohnehin schon waren.

Der trottelige, leicht vornübergebeugte, stolpernde Gang mit den seltsam nach hinten verrenkten Armen glich dem alter Säufer, die sich von Rausch zu Rausch hangelten und dabei unartikulierte, gutturale Laute ausstießen, weil ihnen die Zunge nicht länger gehorchen wollte. Diese derart lädierten Zeds bedeuteten im Normalfall keine besondere Bedrohung; die Gefahr, die von ihnen ausging, war allenfalls marginal.

Anders gestaltete sich die Gefährdungslage in Bezug auf die Hunter, die trotz der Blessuren und Verletzungen, die sie auf den langen Märschen davongetragen hatten, beweglich geblieben waren. Man konnte sie in der Menge gut ausmachen, da sich ihre Bewegungsmuster von denen der Walker grundsätzlich unterschieden. Das hektische Kopfrucken, der gehetzte, blutunterlaufene Blick, die unglaublich flinken Reaktionen auf äußere Stimulation. Ihre schrillen Schreie, das fast schon hysterische Kreischen und der ohrenbetäubende Kanon ihrer kruden Lautäußerungen trugen ebenfalls dazu bei, die Szene nochmals grotesker wirken zu lassen.

Wenn Merinci genauer hinsah, konnte er abseits des Zentrums Gestalten wahrnehmen, die sich noch ein wenig anders verhielten. Sie ähnelten den Huntern, waren letztlich aber wesentlich muskulöser. Struggler der ersten Generation! Noch dazu unerwartet viele. Der Leutnant gab diese Information sofort über seinen Melder an das Standortkommando weiter.

Die beim Umspannwerk auf der Wolga-Insel stationierte Artillerie begann, das andere Ufer und die Hafengegend unter Beschuss zu nehmen. Mit sechs 2S19M2-Haubitzen vom Kaliber einhundertzweiundfünfzig Millimeter. Dieses auf Basis des T-80-Panzers konstruierte selbstfahrende Geschütz zeigte mit Autolader und mehr als zehn Schuss pro Minute eine beeindruckende Feuerleistung. Die Granaten mit Schrapnellwirkung richteten beim Einschlag größten Schaden unter den Angreifern an. Drei Haubitzen feuerten jeweils auf den Uferbereich, wo sich der Fahrdamm verjüngte.

Der Batteriekommandant ließ je Geschütz drei Granaten abfeuern, dann gab es eine kurze Pause, in der die Zeds im Zielbereich wieder vorwärts strömten. Dann wurde die nächste Salve abgefeuert. Mit Gabelstaplern fuhren Soldaten bereits Nachschub an Granaten heran. Wenn die ersten drei Geschütze ihren Vorrat von fünfzig Granaten verschossen hatten und aufmunitioniert wurden, feuerten die anderen drei Geschütze im selben Intervall. Für die Zeds wurde das zu einem Spießrutenlauf zwischen zersplitternden Granaten.

Im Sekundentakt pfiffen die Granaten heran und rissen Abertausende Zeds in Stücke. Die wuchtigen Explosionen schleuderten die abgemagerten Körper der Walker und Hunter wie Spielzeuge in die Luft. Sie wirbelten durcheinander und landeten im weiten Umkreis des Einschlags, wenn es sie nicht vollständig zerfetzte, wie alles, was sich im Radius von zweihundert Metern um das Detonationszentrum bewegte. Wieder und wieder hagelten die zerstörerischen Geschosse vom Himmel herab, wieder und wieder schob sich die untote Mauer nach vorn und schloss die Lücke.

Bereits nach wenigen Minuten des Sperrfeuers wateten die Zeds durch Blut und Innereien und zerfetzte Körperteile, doch das interessierte sie nicht im Mindesten. Angetrieben von den Mentalbefehlen ihrer Struggler-Anführer und vom irren Kreischen der Hunter drängte die Meute weiter in Richtung Brücke. Mit jedem Schub schafften es einige, das Sperrfeuer zu durchdringen. Auf diese wartete jedoch an den Schleusen die nächste Überraschung, denn inzwischen hatten sich vier Kampfhubschrauber vom Typ Ka-52 im Bereich der nördlichen Zulaufbecken der Schleusen positioniert, die aus ihren Dreißig-Millimeter-Kanonen auf die Zeds feuerten, die auf dem Fahrdamm liefen. Zusätzlich hatten sie Dreiundzwanzig-Millimeter-Kanonen unter den Stummelflügeln montiert, die erweiterte Feuerkraft boten. Sie verschossen ebenfalls Sprengsplittergeschosse, um eine möglichst große Flächenwirkung zu erzielen.

Die doppelrotorigen Helikopter, die den Beinamen Alligator trugen, schwebten in einer Reihe nebeneinander und verwandelten den Fahrdamm in eine Hackfleischtheke. Zu allen Seiten spritzte das, was die Splittergeschosse übrig ließen, davon und verbreitete einen schmierigen, stinkenden Film auf den Fahrbahnen. Doch selbst diesem fliegenden Fleischwolf entkamen noch einige der flinken Hunter und nicht wenige Struggler, die sich Haken schlagend in Richtung Brücke bewegten. Trotz des schweren Beschusses war ein Durchbruch keine Frage des Ob mehr, sondern lediglich des Wann.

»Wir sprengen!«, rief Leutnant Merinci nach hinten.

»Herr Leutnant?«, fragte ein Unteroffizier.

Merinci sah den Mann an und befahl:

»Wolkowitz, nehmen Sie sich acht Mann und begleiten Sie das Team des Sprengmeisters zu den Ladungen. Der Befehl lautet: Scharf machen und Fernzündung vorbereiten!«

Der andere knallte die Hacken zusammen.

»Zu Befehl, Herr Leutnant. Ladungen scharf machen und Fernzündung einleiten.«

Der Unteroffizier machte auf dem Absatz kehrt und deutete auf seine Rekruten.

»Ihr da! Und ihr! Mitkommen! Waffen und Ersatzmagazine aufnehmen und folgen!«

Die Gruppe entfernte sich vom Ausguck des Befehlsstandes und verschwand im Inneren des gewaltigen Betonbauwerkes. Auf der Brücke selbst, die etwa die Hälfte der Flussbreite einnahm, existierten insgesamt vier Sprengsilos, in denen Barium-Thermalbomben verbaut worden waren. Der Nachteil derart großer Sprengsätze war, dass sie unmittelbar vor der Zündung scharf gemacht werden mussten.

Das Team des Sprengmeisters, aus vier Mann bestehend, und die acht Begleitsoldaten stiegen in das Innere des Bauwerkes hinab und bewegten sich in vier Gruppen durch die Wartungsgänge, die direkt unterhalb der Fahrbahnen verliefen. Zwei Gruppen mussten zu den Silos am östlichen Ende der Brücke vordringen, während die beiden anderen Gruppen einen kürzeren Weg vor sich hatten, da sie lediglich zu den Silos am westlichen Brückenende mussten.

Leider jedoch war dieses Vorhaben nicht von Erfolg gekrönt, denn ohne dass es jemand bemerkt hatte, waren einige Struggler der zweiten Generation unter der Wasseroberfläche durch den Fluss zu den Brückenpfeilern gewatet und erklommen diese gerade ausgesprochen agil und behände. Wie Schimpansen im Urwald hangelten sie sich durch den Wald aus Betonträgern, den man noch zu Sowjetzeiten mitten in die Wolga gepflanzt hatte, und erwarteten die Sprengmeister an den Silos. So, als wüssten sie, was die Menschen dort zu tun beabsichtigten.

Der Kampf im Inneren der Brücke war unfair und kurz. Die Struggler töteten die Mitglieder des Sprengkommandos binnen Sekunden. Auch die noch relativ unerfahrenen Wachsoldaten hatten nicht den Hauch einer Chance.

Einer der Alligator-Piloten beobachtete die Szene und berichtete Leutnant Merinci.

»Gator vier an Brückenkommando. Melde verstärktes Struggler-Aufkommen im Bereich der Wartungsgänge. Keine Möglichkeit zu schießen. Offenbar attackieren die Struggler unsere Männer dort. Jetzt dringen weitere Struggler und auch Hunter von Osten in die Wartungsgänge ein.«

Leutnant Merinci schlug mit der Faust auf den Tisch und drehte sich zu einem der Funker um.

»Verdammt! Was sagen die West-Teams?«

»Keine Verbindung, Herr Leutnant.«

Merinci überlegte kurz.

»Die Hundertzweiundfünfziger sollen auf die Brücke zielen! Sagen Sie dem Batterieführer, er soll diese gottverdammte Brücke wegfegen, oder hier geschieht ein Unglück!«

Die Order wurde weitergegeben, und nach einer kurzen Feuerpause, in der Tausende Zeds auf und in die Brücke vorgedrungen waren, begannen die Artilleriegeschütze, den östlichen Brückenkopf unter Feuer zu nehmen. Die Kanoniere hatten ihre Geschütze mit Penetrationsgranaten geladen. Diese durchschlugen die Fahrbahn und explodierten enorm wuchtig mitten im Brückenkörper. Vom Druck der Explosion hob sich die Fahrbahn um mehr als zwei Meter, bevor die Blase barst und die Umgebung mit Asphaltbrocken bombardierte. Viele Zeds und deren abgerissene Teile flogen durch die Luft und landeten mit den Betonbrocken in der Wolga.

Am östlichen Ende der Brücke klaffte bald ein etwa vier Meter breites Loch in der Fahrbahn; auch der danebenliegende Gleisstrang war abgerissen. Wie das Skelett eines stählernen Sauriers ragten verbogene Gleise und geborstene Betonschwellen in die Luft. Durchtrennte Leitungen hingen aus der klaffenden Wunde, als seien es zerfetzte Adern. Aus einigen dieser Leitungen, die zum Fernwärmesystem gehörten, stiegen dichte Dampfschwaden auf und hüllten die Szenerie in eine gespenstische Atmosphäre.

»Versuchen Sie erneut, Kontakt zu unseren Teams an der Brücke aufzunehmen!«, forderte Merinci den Funker auf. Der schüttelte den Kopf.

»Keine Verbindung möglich, Herr Leutnant!«, kam es prompt zurück.

Der Artilleriebeschuss setzte aus und der Batteriekommandant ließ melden, dass die Munition erschöpft sei; man erwarte jedoch in Kürze einen Versorgungszug mit Nachschub. Auch die Helikopter hatten ihre Magazine geleert und drehten ab, um zur Basis zurückzukehren. Merinci stand nun allein mit seinen Leuten gegen die Meute, die in und auf der Brücke in Richtung Barrikade stürmte.

Starkstromkabel und Tretminen sorgten zwar für eine gewisse Ausdünnung in den Reihen der Zeds, doch es blieben immer noch enorm viele von diesem Kreaturen übrig, die in Richtung Westufer vorwärts drangen. Leutnant Merinci spähte durch seinen Feldstecher und versuchte zu erkennen, was da in den von Dampfwolken verhangenen Bereichen geschah.

Zunächst konnte man nur Schemen erkennen, die zuckend in dem künstlichen Nebel umherhuschten. Die Bewegungsmuster ließen jedoch auf Hunter-Zeds schließen. Als einige Windböen die weiße Wand kurzfristig verschoben, verbesserte sich die Sicht, und was der Leutnant dort zu Gesicht bekam, ließ ihm den Atem stocken.

Er konnte deutlich erkennen, dass die Struggler die Walker dazu anhielten, sich ineinander zu verkeilen. Diese umklammerten einander, bissen sich ineinander fest und bildeten so mehrere Ketten aus Körpern, die sich mit jedem neu hinzukommenden Glied verlängerten. Zusätzlich klammerten sich einige kräftigere Zeds, offenbar Hunter, an die verbogenen Reste der Stahlbewehrung und stützten die Körperketten zusätzlich. Das Ziel dieser beweglichen Konstruktion war klar: das andere Ende der Granatenlöcher.

»Unglaublich, da brat mir einer ’nen Storch«, entfuhr es dem Leutnant, »die verfluchten Hackfressen bauen eine lebende Brücke! Wie verdammte Ameisen! Ich fasse es nicht.«

Er drehte sich zum Funker um.

»Nachricht an das Artilleriekommando auf der Insel. Die sollen sofort ein oder mehrere Boote mit Dreißig-Millimeter-Kanonen bestücken und da rausfahren. Sollen reichlich Munition mitnehmen und diese verdammten Zed-Ketten da zerlegen! Und an die Standortverwaltung: Wir brauchen noch einmal die doppelte Anzahl Soldaten hier draußen, um die Turbinenschächte zu verteidigen. Die sollen im Camp alles und jeden aus den Federn holen!«

Kurze Zeit später meldete der Funker:

»Herr Leutnant, Artilleriekommando meint, Boot erst in frühestens dreißig Minuten möglich. Die Haubitzen ebenfalls. Helikopter in etwa vierzig bis fünfzig Minuten. Das Camp wurde mobilisiert, tausend Mann sind unterwegs hierher, Eintreffen in fünfzehn Minuten.«

»Gut, dann müssen wir das bis dahin selbst regeln. Feldwebel Andreijski, nehmen Sie eine Kompanie Infanteristen mit in den Turbinenbereich und sichern Sie die Anlagen dort unten. Ich habe den Verdacht, dass die Struggler versuchen werden, unsere Energiequelle anzugreifen. Die Biester werden aus dem Wasser kommen, seien Sie also wachsam. An jeder Turbine wird ein MG mit Sprengmantelgeschossen stationiert, jeder siebente Schuss Uranmunition. Verwenden Sie auch Handgranaten, achten Sie aber darauf, nicht die Turbinen zu beschädigen.«

»Zu Befehl!«

Der Feldwebel, dem die Order gegolten hatte, salutierte vorschriftsmäßig, machte auf dem Absatz kehrt und verließ den Kommandostand. Was immer auch geschah, die Kraftwerksanlage musste um jeden Preis gehalten werden. Leutnant Merinci scheuchte noch einige Kampfgruppen auf die Barrikade, wo eine vor Kurzem eingetroffene Mikrowellenkanone neuester Bauart eben montiert und justiert wurde. Dieser von den Soldaten Zombietoaster getaufte Apparat verschaffte ihnen im Nahkampf erhebliche Vorteile. Er sparte Munition und schaltete die Zeds nachhaltig aus. Leider hatte die Bereichsverwaltung des Strategischen Kommandos für diese Brücke nur eine Kanone bereitgestellt. Der Bedarf an diesen Maschinen wuchs zurzeit enorm, zumal im Hinterland wohl eine zweite Front errichtet werden sollte, was auch nicht unbedingt für das seitens des Generalstabs in die Frontverteidiger gesetzte Vertrauen sprach.

Die vom Fahrdamm abgezogenen Soldaten verließen im Laufschritt die Bastion und verschwanden mit dem Feldwebel in den Eingeweiden des Wasserkraftwerks. Die Rampen waren sehr breit und für Schwerlastfahrzeuge ausgelegt, so dass sich die relativ große Gruppe schnell in den Turbinenhäusern ausbreiten konnte. Mehrere Elektrokarren fuhren hier unten und verteilten Maschinengewehre und Munitionskisten auf die insgesamt siebzig Posten. Dort ging es zu wie im Innern eines Flugzeugträgers, dessen CIC den Ernstfall ausgerufen hatte. Menschen und Material wurden hin- und herbewegt. Es herrschte eine rege Betriebsamkeit.

Oben im Ausguck des Befehlsstandes lehnte Leutnant Merinci an der Brüstung und richtete seinen Feldstecher auf die geborstene Brücke. Er wusste zwar, dass die Zeds, gelenkt durch Mentalbefehle der Struggler, bis zu einem gewissen Grad kooperierten und strategisch sowie taktisch operierten, aber ein solches Maß an Organisation hatte er nicht erwartet. Gleichermaßen angeekelt und auf eine bestimmte, nicht näher definierbare Weise fasziniert, starrte Merinci auf das Gewimmel aus zerfetzten Leibern und beobachtete, wie die Zeds eine Brücke aus Fleisch und Knochen über das in der Betonbrücke klaffende Loch spannten. Am Ostufer standen Hunderttausende ihrer Art bereit, um diese Konstruktion zu betreten.

Der Leutnant beobachtete, wie die Zeds sich aneinanderklammerten, einer nach dem anderen, und wie schließlich diese Kette eine Länge erreicht hatte, die der Spannweite des Lochs in der Brücke entsprach. Einige Hunter sprangen auf die andere Seite und stützten dieses Konstrukt, drückten es in die Höhe, bis die fuchtelnden Arme der ersten Bauteile das westliche Ende der Lücke zu fassen bekamen. Sie krallten sich an Resten der Stahlbetonstreben fest und zogen dann den Strang aus Körpern stramm wie ein Seil. Sofort gruppierten sich weitere Zeds um diese erste Verbindung und verstärkten sie massiv.

Dann gaben die Struggler offenbar das Signal zum Übertritt, denn in die am Ostufer ungeduldig wartende Horde kam Bewegung. Zuerst sprinteten die Hunter nach vorn und rannten mit hoher Geschwindigkeit über die Körperbrücke. Ohne im Lauf innezuhalten, erreichten sie das andere Ende des Loches und rannten irre kreischend weiter. All das konnte man trotz des immer wieder auftretenden Dampfnebels ziemlich gut erkennen.

»Die Fernwärmeleitung muss deaktiviert werden«, rief der Leutnant über die Schulter nach hinten. »Könnte sich bitte darum endlich mal jemand kümmern?«

Sofort spritzte ein Untergebener los und bewegte sich eiligen Schrittes in Richtung Leitungskontrollraum im Untergeschoss, wo die großen Sperrschieber mit den Spindelrädern in einer langen Reihe standen. Ohne lange nachzudenken, kurbelte er einfach sämtliche verfügbaren Ventilräder herunter. So konnte er sicher sein, dass alle Leitungen, die durch die Brücke führten, abgesperrt waren. Als er das letzte Rad losließ, vernahm er hinter sich ein leises, kehliges Knurren. Schlotternd drehte er sich um und starrte direkt in die hässliche, breite Fratze eines triefend nassen Strugglers. Ein diabolisches Grinsen verkündete das Lebensende des Soldaten.

Oben auf der Brücke tobte derweil das Chaos. Die Horde überquerte die Brücke in einer Zahl, dass die Verteidiger größte Schwierigkeiten hatten, ihre Stellung zu halten. Als endlich die Mikrowellenkanone einsatzbereit war und in den Pulk heranstürmender Hunter feuerte, dämpfte das ihren Vortrieb zunächst etwas. Allerdings rückten weitaus mehr Zeds nach, als das Geschütz auszuschalten in der Lage war. Einmal mehr zeigte das Gerät, zu welcher Leistung es fähig war. Es garte das Fleisch der Zeds binnen Sekunden – noch im Laufen. Die kleinen Dampffontänen, die aus ihrer mürben und rissigen Haut aufstiegen, wenn das brodelnde Eiweiß diese aufriss, hüllten den Vorplatz der großen Barrikade in einen grotesk anmutenden Geruch von gebratenem Fleisch.

Merinci ließ aus allen Rohren feuern und die Maschinen- und Sturmgewehre schickten den Zeds eine Wand aus Stahl und Blei entgegen. Die Angreifer fielen wie die Fliegen und binnen kürzester Zeit war der Vorplatz der großen Betonbarriere über und über mit Zed-Kadavern bedeckt. Von den Strugglern hatte bislang kein einziger sein untotes Dasein eingebüßt. Sie nutzten geschickt jede sich bietende Deckung oder hielten sich schlichtweg wehrlose Walker als Schutzschilde vor. Deren Körper wurden beim Sturm von den Einschlägen der Projektile in bizarrer Weise durchgeschüttelt.

Die Struggler der zweiten Generation, noch muskulöser gebaut als die Vorgängermodelle, waren offenbar in der Lage, den Wirkungsradius der Mikrowellenkanone ziemlich exakt einzuschätzen, denn sie wählten ihre Bewegungsmuster so, dass sie nicht in diese Zone hineinreichten. Sie lavierten und taktierten, damit sie immer außerhalb des Strahlenbereiches bleiben konnten. Das verzögerte zwar ihr Vordringen, brachte sie jedoch dem Ziel näher, ohne allzu viel Energie auf die Wiederherstellung zerstörter Gewebeteile verwenden zu müssen. Die meisten von ihnen begaben sich sowieso in das Innere der Brücke oder tauchten gänzlich im Fluss unter, um dann plötzlich an den Einlaufschächten der Turbinenhäuser aufzutauchen und gegen die dortigen Wachen zu kämpfen.

Das Ziel dieser Struggler bestand ohne Zweifel darin, die Turbinen zu zerstören, denn die Welt der lebenden Leichen bedurfte keiner Elektrifizierung und die Waffen und Abwehrmaßnahmen der Menschen waren zum großen Teil auf Strom angewiesen. Im gesamten technischen Komplex konnte man das Dröhnen und Scheppern vernehmen, wenn die Struggler unter Wasser versuchten, durch das Einwerfen großer Felsbrocken aus dem Flussbett in die Zulaufschächte, die Turbinen zu beschädigen. Doch an den Eintrag von Fremdmaterial hatten die damaligen Konstrukteure natürlich gedacht und entsprechend stabile Gittersysteme und Vorfilter installiert. Deshalb blieb den Strugglern nichts anderes übrig, als das Wasser zu verlassen und zu versuchen, die weitläufige Turbinenanlage Kammer für Kammer zu stürmen. Im Inneren der Anlage entbrannte ein heftiger Kampf um diese Stellung, den beide Seiten mit größter Härte führten.

An der Stelle, wo die Kraftwerksanlage in die Brücke überging, wurde ebenfalls hart gekämpft. Hier stand eine gewaltige Betonmauer von circa sechs Metern Höhe, die von einer vergitterten Stahlkonstruktion gekrönt war, ähnlich dem großen Verteidigungswall, der sich quer durch das alte Russland zog. Der Bau war ausgesprochen massiv und stand auf dem Hauptfundament des Turbinenhauses im Fluss. Auf Höhe der Fahrbahnen existierte ein etwa vier Meter hohes und ebenso breites Tor aus Stahl, das hydraulisch geöffnet werden konnte.

Auf zwei Ebenen hatte man Schießscharten in den Wall eingelassen; diese waren voll besetzt. Auf der Krone des Walls gab es einen übergitterten Laufgang mit Brustwehr; hier standen die Soldaten dicht an dicht. Und mittig über dem Tor stand die Mikrowellenkanone auf einer Plattform außerhalb der Gitterkonstruktion, damit durch die Gitter der Strahl nicht behindert wurde. Gesteuert wurde das Geschütz vom Befehlsstand aus, der in einem dreistöckigen Betonbau untergebracht war, der nördlich neben den Fahrbahnen errichtet worden war. Hier befand sich auch die Steuerungselektronik der Turbinenanlage.

Mit größter Sorge betrachtete Leutnant Merinci das ungeheuer druckvolle Vorrücken der Zeds, die nun schon am Wall angekommen waren und begannen, diesen zu erklimmen. Zunächst verlief dieses Unterfangen vollkommen erfolglos. Reihenweise fielen die Walker und Hunter der bestialischen Sturmspitze den Salven der Soldaten zum Opfer. Das Problem, welches sich für die Verteidiger auftat, ergab sich aus der schieren Menge an Kadavern, die sich vor dem Wall stapelten. Aus ihnen bildete sich mit der Zeit – und das sogar beängstigend schnell – eine Rampe, auf der die nachfolgenden Zeds zur Wallkrone emporklettern konnten.

Denselben Effekt hatte es auch bei anderen Angriffen auf den großen Verteidigungswall gegeben. Doch dort hatte man unter Einsatz schweren Gerätes die Leichenberge zur Seite geschoben, daraus im Permafrost des Nordens sogar einen zweiten – äußeren – Wall errichtet. Hier war desgleichen nicht möglich, zum einen wegen der Enge der in Betonleitelemente gefassten Fahrbahn, zum anderen wegen des unaufhaltsamen Ansturms neuer Zed-Kontingente. Leutnant Merinci gewann zusehends den Eindruck, die Struggler bezögen diese Situation bewusst in ihre taktischen Überlegungen ein. Sie opferten also Abertausende von Walkern und Huntern, um sich aus deren Kadavern eine Basis zur Erstürmung des Verteidigungswalls zu formen. Die buchstäbliche Kaltblütigkeit dieser Kreaturen spiegelte sich in ihrem Handeln durchaus wieder, fand Merinci.

Endlich erschien die versprochene Verstärkung. Die Alligator-Helikopter hatten auf dem nahen Fliegerhorst aufgetankt und waren aufmunitioniert worden. Außerdem konnte man am Südende der Kraftwerksinsel drei Zodiak-Boote erkennen, auf die man eilig Maschinenkanonen montiert hatte. Zwar handelte es sich nicht um das von Merinci gewünschte Kaliber, aber auch die Zwanzig-Millimeter-Geschosse konnten bösen Schaden anrichten. Die Piloten der Kampfhubschrauber eröffneten sofort das Feuer auf die Sturmspitze der Zeds, kurz darauf folgten die Garben der Boote. Die Front der Zeds wurde nun aus drei Richtungen massiv unter Feuer genommen und quasi eingedampft. Sie rannte gegen eine Wand aus Blei, während von den Seiten großkalibrige Geschosshagel wie eine Schrottpresse wirkten und die Spitze des Angriffs in rotbraunen Brei verwandelten.

Der Leutnant ließ einen Helikopter und eines der Boote abkommandieren, um die Zed-Ketten zu zerlegen, die es den Untoten ermöglichten, das Loch in der Brücke zu überwinden. Die Richtschützen hielten auf das Knäuel aus ineinander verhakten und verbissenen Leibern und spickten diese mit Projektilen. Doch jedes Mal, wenn ein Glied dieser bizarren Kette ausfiel, wurde es sofort von einem Hunter aus der die Brücke überquerenden Horde ersetzt. Noch immer befand sich ein großer Teil der gesamten Horde am Ostufer, obschon in jeder Sekunde Hunderte von ihnen über die Brücke kamen und auf die Verteidigungsanlagen einstürmten, nur um dort vernichtet zu werden. Immer höher und massiver wurde der Kadaverberg, der sich vor dem Wall auftürmte.

»Artilleriebatterie wieder einsatzbereit«, meldete der Funker. Merinci überlegte. Ihm kam eine verwegene Idee, von der er nur hoffen konnte, dass sie funktionieren würde.

»Geben Sie dem Batteriechef die exakten GPS-Koordinaten von dem Bereich etwa zehn Meter vor dem Wall, dort, wo der Haufen liegt. Kein Batteriefeuer, nur Einzelschüsse. Und er soll um Gottes willen gut zielen.«

»Herr Leutnant?«

»Tun Sie, was ich Ihnen gesagt habe, verdammt!«, wetterte der Kommandant den Funker unwirsch an. Jetzt ging es um absolute Maßarbeit. Um in so kurzer Distanz exakt einzuschlagen, quasi auf den Zentimeter genau, mussten die Granaten eine extrem steile Parabelflugbahn haben. Da durfte beim Richten der Geschütze nichts schiefgehen. Der Funker gab den Befehl des Leutnants weiter und nach einer weiteren Bestätigung feuerte eines der Geschütze von der Insel eine Granate auf die Zielkoordinaten ab. Der Schuss ging zu weit; die Granate ging nördlich des Ziels ins Wasser der Wolga, wobei sie einem der Helikopter bedrohlich nahekam. Das sahen die Piloten offensichtlich als wenig vertrauensbildende Maßnahme, und der Einsatzgruppenkommandant gab den Befehl zum Rückzug, zumal auch die Munitionsreserven zur Neige gingen.

Die Richtschützen der Batterie auf der Insel justierten neu und feuerten. Diesmal traf der Schuss die Brücke, allerdings wurde lediglich die am nördlichen Rand gelegene Leitungsführung zerstört.

»Sind die blind da?«, brüllte Merinci. Das war sein letztes Lebenszeichen.

Die dritte Granate traf den Befehlsstand und zerstörte diesen völlig. Leider wurden damit auch die Steuerungselektronik für die Verteidigungsanlagen und die Torverriegelung außer Betrieb gesetzt. Die Sicherungsbolzen des schweren Stahltores fuhren aus den Verankerungen, und es gab dem starken Druck der von außen dagegen lehnenden Leichen nach. Langsam, im Zeitlupentempo, öffneten sich die Torflügel nach innen und ein stinkender Schwall zerfetzter Körper glitt durch den immer größer werdenden Spalt.

»Haltet das Tor! Haltet das Tor!«, riefen die Soldaten auf dem Wall denen auf der Fahrbahn zu, doch dafür war es bereits zu spät. Die Struggler hatten den Schwachpunkt bereits ausgemacht und trieben die Horde auf das Tor zu. Der Stromausfall am Verteidigungswall betraf die Mikrowellenkanone ebenso, was ursächlich dafür verantwortlich war, dass ein gewaltiger Strom aggressiver, um sich beißender Zeds in das Innere der Anlage gelangte.

Der Beschuss durch die Haubitzen hatte ausgesetzt. Offensichtlich hatte man dort mitbekommen, dass der üblicherweise in Sichtweite gelegene Bunker des Kommandozentrums nicht länger auszumachen war. Jeder Versuch, den Kommandanten der Verteidigungsstellung zu erreichen, schlug fehl. Dafür konnte man sehen, dass die Zeds in das geschützte Areal vordrangen. Der Batteriekommandant übernahm das Kommando und befahl seinen Leuten, die Strecke zwischen Verteidigungswall und Turbinenhaus unter Feuer zu nehmen, und zwar ohne Rücksicht auf Verluste. Das Ergebnis war ein einziges Debakel.

Die Männer auf dem Damm feuerten auf die Zeds, die nun ungehindert über die Brücke nachströmten, die Artillerie feuerte auf die Brücke, um die Zeds am Fortkommen zu hindern, und die Explosionen und Splitter trafen die Soldaten, die das Bauwerk zu verteidigen suchten, von hinten.

Die inzwischen eingetroffene Verstärkung von etwa eintausend Soldaten betrat die Brücke gar nicht erst. Man errichtete am westlichen Ende auf der Kraftwerksinsel eine improvisierte Verteidigungslinie, da nunmehr der Kampf Mann gegen Mann – beziehungsweise: Mann gegen Monster – im Raume stand. Eilig wurden Barrikaden errichtet, MG-Nester gebaut und Granatwerfer aufgestellt. Die Soldaten bezogen ihre Posten in dem Wissen, dass die meisten von ihnen die nächsten Minuten nicht überleben würden. Die Arbeiten an der zweiten Verteidigungslinie waren noch nicht abgeschlossen, da brach das Unglück über die Soldaten herein.

Gierig und aggressiv überrannte eine Welle von Zeds die Verteidigungsstellung, und die von Wind, Wetter, der Zeit und Waffen furchtbar zugerichteten Kreaturen fielen jeden lebenden Menschen an, dessen sie habhaft werden konnten. Die Schreie der Soldaten übertönten alle anderen Geräusche am Ort und vermischten sich mit dem Gebrüll der Hunter-Zeds zu einer Kakofonie, die den kreischenden Bremsen eines Güterzuges bei einer Notbremsung ähnelte.

Ein Gemetzel unglaublichen Ausmaßes begann. Die Hunter bissen völlig wahllos um sich, sie töteten wie Marder im Hühnerstall. Ihnen folgten die Walker, die zwar langsam, dafür jedoch in großer Zahl über Schwerverletzte und Bewegungsunfähige herfielen. Der gesamte Fahrdamm wurde in Blut getaucht und die Exkremente und Körperflüssigkeiten der Opfer verteilten sich auf dem Asphalt, so sie nicht von den Ungeheuern mit verzehrt wurden.

Die Piloten in den Helikoptern, die ihre Magazine bereits in die tobende Menge der Eindringlinge geleert hatten, starrten in fassungslosem Entsetzen gebannt auf das Massaker, das sich da vor ihren Augen abspielte. Mehrere Anfragen nach erneuter Erlaubnis zur Aufmunitionierung blieben unbeantwortet.

Plötzlich erreichte ein Rückruf die Helikoptergruppe, dem die Piloten unverzüglich Folge leisteten. Der Grund dafür offenbarte sich wenige Sekunden später am Himmel; dort tauchte nämlich eine riesige Tupolew 160 auf.

*

»Wie weit sind Sie, Gefreiter?« Der Feldwebel tippte ungeduldig auf die Uhr.

»Tut mir leid, aber die Relais sind verschmort, ich kriege den Saft nicht zugeschaltet. Der Timer ist hin und auch die Elemente der Fernbedienung sind abgeraucht.«

»Also keine Chance, das Gerät per Fernbedienung zu starten?«

»Leider nein.«

Der Feldwebel machte ein zerknirschtes Gesicht. Er hatte mit vier Mann den Befehl erhalten, die Reserveakkus der Mikrowellenkanone einzuschalten und die Fernbedienung zu aktivieren. Das auf der Krone des Verteidigungswalls gelegene Geschütz befand sich zwar außerhalb der Mauer mit Blick- und Wirkungsrichtung zur Brücke, doch es war komplett in eine stabile Plexiglashülle verbaut, so dass die Zeds es nicht zerstören konnten. Danach stand ihnen offenbar auch nicht der Sinn, denn die Bauteile des Gerätes waren schließlich keine Beute. Da das Geschütz seit dem Stromausfall nicht mehr im Einsatz war, hatten die Struggler ihre Gefolgschaft auch nicht auf diese Stellung gehetzt.

Ein Helikopter hatte das kleine Einsatzteam auf der weitgehend unbeachteten Krone des Verteidigungswalls abgesetzt und war kurz darauf wieder verschwunden.

Der Plan sah vor, dass die Männer das Geschütz aktivieren und dann mit kleinen Gleitdrachen von der Wallkrone aus Richtung Ufer durchstarten sollten. Zwei der Soldaten waren bereits damit befasst, die Gleitdrachen zusammenzusetzen.

»Also gut«, erwiderte der Feldwebel. »Gefreiter, Sie und die Männer werden wie geplant mit den Drachen Richtung Ufer schweben. Setzen sie ein Signallicht, wenn Sie das Ufer erreicht haben, damit der Helikopterpilot Sie schnell aufsammeln kann.«

»Aber … Herr Feldwebel, die Maschine …«

»Ich werde das Geschütz manuell bedienen, machen Sie sich darum keine Sorgen. Sehen Sie nur zu, dass Sie und die Männer rechtzeitig aus der Gefahrenzone kommen. Um den Rest kümmere ich mich schon.«

Der Gefreite kniff die Lippen zusammen.

»Sie werden das nicht überleben, Herr Feldwebel.«

»Das ist mir klar. Und nun bewegen Sie sich, Gefreiter. Sie haben Befehle.«

Der Gefreite erhob sich, salutierte zackig und verließ den Raum, der sich unterhalb der Mikrowellenkanone befand. Die Soldaten griffen nach den deltaförmigen Faltgleitern und schwangen sich vom nördlichen Ende der Mauer. Der Nordostwind trieb sie in einer flachen Kurve zum Westufer, wo sie in der Nähe eines Umspannwerkes landeten. Eine knappe Minute später erschien dann der Helikopter, um die Männer aufzunehmen.

Der Feldwebel hatte inzwischen mit dem Standortkommando Funkkontakt aufgenommen und seine Absicht durchgegeben, die Kanone wegen der Fehlfunktion der Fernsteuerung selbst zu bedienen. Die Glückwünsche zu seiner heldenhaften Entscheidung hatte er ungerührt zur Kenntnis genommen und seinen festen Willen bekundet, diesen Invasionspunkt der Zeds zu schließen.

Über eine halbe Million dieser Biester hatten die Brücke inzwischen passiert und strömten ins Hinterland. Das Oberkommando hatte daraufhin einen planmäßigen DOR-Bombenabwurf andernorts gecancelt und die Maschine umgeleitet. Die Tupolew würde in wenigen Augenblicken das Einsatzgebiet erreichen und so machte sich der Feldwebel auf, um nach oben in die Geschützkanzel zu gehen. Er öffnete einen etwa dreißig Zentimeter breiten Spalt in der Kuppel und fuhr den Strahler aus. Inzwischen hatten auch die Struggler bemerkt, dass dort oben auf der Mauer irgendetwas vorging, was sie beunruhigend fanden. Eine Gruppe von etwa einhundert Hunter-Zeds erklomm den Wall und näherte sich bereits dem Geschütz.

»Kommt schon, Jungs«, flüsterte der Feldwebel in seiner Kuppel und aktivierte den Energiezulauf. Die Reserveakkus würden kurze Strahlungssequenzen von wenigen Sekunden erlauben. Die Operatoren im Standortkommando hatten ihm exakte Angaben übermittelt, mit welcher Wattzahl er in welche Richtung wie lange zu feuern hatte, um eine optimale Wirkung zu erzielen. Er wusste nicht genau, was er da gleich tun würde und was das bewirkte. Aber man hatte ihm gesagt, dass es enorm wichtig war, um die restlichen Zeds, die am Ostufer darauf warteten, in die Siedlungsgebiete einzufallen, genau daran zu hindern.

Es hing irgendwie mit der Strahlung der Bombe zusammen, die durch Mikrowellen verstärkt würde oder so. Die genauen Zusammenhänge waren ihm nicht ganz klar, aber das mussten sie auch nicht sein, denn er war Soldat und befolgte seine Befehle. Was allerdings klar war: Er würde in wenigen Minuten tot sein. Gefallen als Held im Kampf gegen die Zed-Invasion. Besser so, als Zombiefutter werden. Der Feldwebel aktivierte den Energiezulauf und das Aggregat begann zu summen.

Die Militärmaschine hatte inzwischen das Zielgebiet erreicht und die Besatzung bekam Order, die Waffe einzusetzen. Der massige Metallkörper wurde ausgeklinkt, drehte sich in der Luft und wurde durch das Leitwerk in die Vertikale gebracht. Dadurch wurde auch der mit einem Höhenmesser verbundene Zündmechanismus aktiviert. Nach kurzer Freifallzeit detonierte der Sprengkörper und setzte die DOR-Reaktion in Gang. Im selben Moment erhielt der Feldwebel auf dem Wall den Befehl, die Abschussintervalle der Mikrowellenkanone zu initiieren.