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Stefan Frank

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Beschreibung

In allen Geschichten geht es um Oliver. Er ist einer von uns. Er ist, je nachdem wie er sich im Augenblick fühlt, zwischen fünfunddreißig und sechzig Jahre alt, arbeitet und wohnt in einer Kleinstadt irgendwo in Deutschland. Er ist ein Einzelgänger, er lebt also allein und ist zufrieden damit. Meistens. Er sieht Probleme, wo keine sind, und fühlt sich gut, wenn er die Probleme nicht wahrnimmt. Er ist entrüstet, wenn er glaubt, dass man von ihm verlangt, anders zu sein, als er ist. Er liest viel und macht sich schlau über Sachen, über die er täglich stolpert. Er denkt ständig nach. Da gibt es Dinge, die ihn bewegen, oder die ihn bewegen könnten und Dinge, die er nicht wissen will. Eine seiner Angewohnheiten ist es, in die Ferne zu sehen. Dabei kann er am besten entspannen, sich beruhigen, nachdenken, grübeln oder sich aufregen. Je nach Bedarf. Oliver philosophiert über das tägliche Leben. Ihm fallen Sätze ein, die mancher Gelehrte in der Zukunft benutzen wird. Er tappt in alle menschlichen und unmenschlichen Fallen. Er erfüllt alle Klischees, die für ihn erfunden wurden. Er möchte aus dem täglichen Laufrad seines Lebens ausbrechen und findet sich am Ende des Tages als denjenigen wieder, der das Laufrad antreibt. Er spielt nicht mit dem Leben. Das Leben spielt mit ihm. Er ist ein Eigenbrötler, ein Nerd, ein Klugscheißer. Dennoch hat er meistens recht. Auf irgendeine Art ist er wie jeder von uns. Er ist einzigartig.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Impressum

Oliver

Nachdenken für Erwachsene

Kurzgeschichten

Copyright 2021

by Stefan U. Frank

Für Birgit

VORWORT

In allen Geschichten geht es um Oliver. Er ist einer von uns.

Er ist, je nachdem wie er sich im Augenblick fühlt, zwischen fünfunddreißig und sechzig Jahre alt, arbeitet und wohnt in einer Kleinstadt irgendwo in Deutschland.

Er ist ein Einzelgänger, er lebt also allein und ist zufrieden damit. Meistens.

Er sieht Probleme, wo keine sind, und fühlt sich gut, wenn er die Probleme nicht wahrnimmt.

Er ist entrüstet, wenn er glaubt, dass man von ihm verlangt, anders zu sein, als er ist.

Er liest viel und macht sich schlau über Sachen, über die er täglich stolpert.

Er denkt ständig nach. Da gibt es Dinge, die ihn bewegen, oder die ihn bewegen könnten und Dinge, die er nicht wissen will.

Eine seiner Angewohnheiten ist es, in die Ferne zu sehen. Dabei kann er am besten entspannen, sich beruhigen, nachdenken, grübeln oder sich aufregen. Je nach Bedarf.

Oliver philosophiert über das tägliche Leben. Ihm fallen Sätze ein, die mancher Gelehrte in der Zukunft benutzen wird.

Er tappt in alle menschlichen und unmenschlichen Fallen.

Er erfüllt alle Klischees, die für ihn erfunden wurden.

Er möchte aus dem täglichen Laufrad seines Lebens ausbrechen und findet sich am Ende des Tages als denjenigen wieder, der das Laufrad antreibt.

Er spielt nicht mit dem Leben. Das Leben spielt mit ihm.

Er ist ein Eigenbrötler, ein Nerd, ein Klugscheißer.

Dennoch hat er meistens recht.

Auf irgendeine Art ist er wie jeder von uns.

Er ist einzigartig.

Kleckern

Da ist sie wieder, die Psychologie für den ›kleinen Mann‹. Sie kommt einfach angeflogen, ohne Rücksicht auf die Tageszeit oder gar auf das Umfeld sowie die derzeitige Gefühlswelt von der Zielperson. Das macht sich heute Abend wie folgt bemerkbar:

Einer von den drei Kellnern von diesem feinen Restaurant nahm ihm den leeren Teller von der linken Seite weg. Eingesetzt hat er die Speise von rechts. War das richtig? Oliver überlegt, aber es bleibt dabei: Er hat keine Ahnung. Es wird natürlich richtig sein. Ansonsten würde der Mann hier keinesfalls arbeiten dürfen.

Er fühlt sich beobachtet. Er glaubt, dass alle anwesenden Gäste hier am Tisch ihn ansehen. Sie hatten ihre Augen auf ihn gerichtet. Ungeachtet der Tatsache, dass er sich um keinen Preis erinnern kann, ob er irgendeinen Hinweis gegeben hatte, dass er nun eine Rede halten wollte.

Er weiß genau, dass er in keiner Weise mit einem Löffel oder anderem Besteck, auf ein Glas geklopft hat. Sahen sie in wirklich an? Vielleicht spielt sein Ego ihm wieder etwas vor.

Diese Verhaltensweise, die ihn derzeit beschäftigt, erinnert ihn an die, dass nur er selbst weiß, dass er gerade eben seine Krawatte mit einer wohlschmeckenden roter Soße bekleckert hat.

Ob die Soße wirklich wohlschmeckend ist, weiß er noch nicht. Denn diese kam bislang nie ans Ziel. Aber dessen ungeachtet ist er gleichzeitig der Auffassung, dass alle Menschen, die bei dieser Feier am Tisch sitzen, dieses Malheur beobachtet haben.

Gleich werden sie die Köpfe zusammenstecken und über ihn tuscheln. So wie Früher. Wie immer. Also: Normal.

Er hatte mal gelesen, dass dieses Verhalten von Menschen, meistens deswegen auftritt, weil in Kinder- und Jugendjahren, ständig das Umfeld versucht hat, diese Person zu beeinflussen.

Oliver denkt zurück, soweit er halt zurückdenken kann, und erinnert sich, dass ebenso bei ihm immer beim Essen an ihm rumgemeckert wurde. »Zappel nicht so mit den Füssen« und »Mein Gott, geht das hier auch mal ohne kleckern?« Oder ebenfalls immer wieder gerne angebracht: »Geh‹ jetzt Spielen, aber mach dich nicht schmutzig!«

Das ist genauso behämmert wie: »Ich wünsche dir einen schönen Abend, aber sei bitte in einer Stunde wieder hier!«

Beim Spielen ist er schon mal ganz gerne hingefallen. Er konnte so schnell laufen damals. Statt Trost über den erlittenen Schmerz nach so einem Sturz, erntete er meistens den Satz: »Kannst du denn nicht aufpassen? – Ständig diese Raserei. Nun sind auch noch deine Knie aufgeschürft!«

Später, in der Schule, war da so ein Klassenlehrer, der wohl seine Ausbildung beim Militär gemacht haben muss. »Du redest erst, wenn du gefragt wirst! Verstanden?« Ich habe gefragt, ob du mich verstanden hast? Wegtreten!«

Ja, lauthals lachen, das war gleichermaßen verboten. In der Schule, aber auch zu Hause. Weil dann Opa immer meinte, dass sein Hörgerät kaputt ist. Laute Kinderstimmen und Lachen, brachten das Ding zum Pfeifen.

Im Allgemeinen war Oliver als Kind sehr zurückhaltend. Das lag daran, weil er nicht das Geringste durfte. Ein Duckmäuser. Ein Feigling.

Die Nachbarn oder Fremde sagten immer zu seinen Eltern: »Oh‹ was ist der Kleine aber brav. So still und so aufmerksam und höflich.« Wenn die wüssten. ›Das hole ich alles nach, wenn ich groß bin‹, dachte er damals.

Das ist lange her. Nachgeholt wurde kein Stück, denn es kam ja schlimmer.

Das Wort »Träumer« hat er ganz oft in seiner Kindheit gehört.

Und das ist er ja bewiesenermaßen sodann geworden.

Bei der Berufswahl gab es so gewisse Vorstellungen. ›Beamter‹, das hatte etwas. Ebenfalls Arzt hätte er werden wollen. Die erste Reaktion von seinen Eltern: »Du doch nicht!« Und »Das kannst Du doch sowieso nicht!«

Was sollte er zu dem damaligen Zeitpunkt tun? Lokomotivführer, Polizist und Astronaut wollten schon seine Mitschüler werden. Somit waren diese Stellen besetzt. Die Auswahl wurde kleiner. Es war fast nix mehr frei! Kasper und Krokodil ginge noch. Cowboy und Indianer geht nur in Amerika. Doch das ist er aber ganz woanders und vermutlich auch ganz weit weg.

Es war bekannt im ganzen Land: Einen sicheren Job gibt’s nur beim Amt. Oder bei der Post. Das wäre sogar was für ihn. Aber, da gibt es noch diesen anderen Spruch: »Schuster, bleib bei deinem Leisten. Und da die Tante und der Onkel und der Schwager und wer auch immer, »Gärtner« waren, musste auch Oliver diesen Beruf erlernen.

Ob er wollte oder nicht. Oliver weiß: Er wollte nicht. Deshalb wurde er in diesem Beruf auch nichts, und machte nach der Lehre ständig etwas anderes.

Er wollte außerdem um keinen Preis in dieser Kleinstadt bleiben, geschweige denn hier seine Freizeit verbringen müssen. Er wollte nie und nimmer in die Freiwillige Feuerwehr, keinesfalls in den Turnverein und auch nicht in den Schützenverein.

›Wenn Du kein Selbstbewusstsein hast, dann nimmt Dich keiner für voll‹, dachte er im Augenblick vor sich hin.

Oliver lächelt nun in die Gesichter der vermeintlichen ›Gaffer‹. Keiner von denen erwidert diese Geste entsprechend. Es schaut ihn also doch niemand an.

Keiner sieht ihn an. Kein Mensch. Noch nicht mal soeben, wo er sich vollgesabbert hat. Er wird womöglich in keiner Weise wahrgenommen. Er ist Luft. Er ist nicht existent. Er ist der Sack Reis in China.

›Brauch ich eine Brille? Oder bin ich mal wieder Mitten in einem meiner Träume?‹, denkt er, und reibt sich verstohlen die Augen. Er stellt keinen Unterschied fest, zwischen vorhin und gerade eben.

›Jetzt tun die auch noch so, als ob sie es nicht bemerkt hätten.‹

Die junge Frau von höchstens 55 Jahren, rechts neben ihm, stupste ihn an. Der Ellbogen war sehr spitz. Oliver zuckte leicht zusammen, und konnte gerade noch, den Happen auf seiner Vorspeisen-Gabel vor dem Sturz auf das weiße Tischtuch retten. Die leckere ›Sauce Choron‹ aber nicht. Die Schwerkraft hatte den flüssigeren Teil des Happens zu fassen bekommen, und zog diese Moleküle ein weiteres Mal in Richtung Krawatte.

Treffer. Zehn Punkte. Die Zufallstheorie von Charles Darwin ist hiermit bestätigt. Oder ist das die Chaostheorie? Er wird es prüfen müssen. Morgen.

Bewegungslos, ohne Reaktion sitzt er eine Weile da. Nur die Augen checken ganz kurz die nähere Umgebung, ohne dabei den Kopf zu bewegen.

»Warum essen Sie nicht weiter? Schmeckt es Ihnen wenigstens?«, kam die leicht erotische, lispelnde Stimme von rechts.

»Danke, es ist alles in Ordnung. Es schmeckt prima. Ein wenig dünn, die Tunke. Das kann dann leicht kleckern.«

»Ja. Ich muss ebenfalls sehr aufpassen. Ich habe heute ein so helles Kleid an. Da gehen Flecken nie und nimmer wieder raus.«

(‹Ach, sie hat also ein helles Kleid an. Mein Gott, ich sitze genau neben ihr, ich sehe, was sie trägt‹),

»Ein sehr schönes Kleid. Wunderschön. Es steht Ihnen sehr gut. Da sollten Sie achtgeben«, flunkerte er ihr zu. »Sehr, sehr hübsch – Haben Sie ein Ersatzkleid dabei, wenn dies hier vollgekleckert, also versaut ist, dabei?«

Wie von der Tarantel gestochen, sprang die noch nicht vollgekleckerte Dame rechts neben ihm auf, riss dabei ihre Arme wie beim Zumba-Leistungskurs in die Höhe und rief: »Ein Fleck? Wo denn?« Hilfe! Mein Designer-Kleid von Schanell!«

Spitze Schreie im sehr hohen Frequenzbereich erfüllten den Raum. Die Fliegen und Mücken verlassen vorsichtshalber fluchtartig das Lokal.

Hm. Eine schöne Figur hat die Mittfünfzigerin noch obendrein. Der schmächtige, hagere Mann, der zu ihrer Rechten saß, machte dagegen im Moment eine etwas schlechtere Figur.

Denn der, wurde von dem rechten Arm der hochspringenden Dame an seiner linken Schulter getroffen, und torkelte ziemlich stark, weil er gerade im Begriff war, aufzustehen. Er fand sich eine Sekunde später, quer auf der Tafel, zwischen und inmitten der Dips für den nächsten Gang wieder.

Das sah ebenfalls lecker aus. Was gibt es wohl zu den Dips zu essen? Oliver ist in freudiger Erwartung auf die nächsten Köstlichkeiten.

Wenn man das, mit dem Kopfstand auf einem gedeckten Tisch, absichtlich machen wollte, dachte Oliver, funktioniert so was nicht.

Die Aufmerksamkeit der Menge lag nun bei einer anderen Person. Bei dem Herrn, der sich über den Tisch drapiert hat.

Bunt durcheinander schwirrende Wortfetzen, wie:

»Wie der jetzt aussieht«, »wie kann man sich so daneben benehmen«, »was hat er denn?« Und auch »wer hat den denn eingeladen?«, kamen an Olivers Ohren vorbei.

»Wer ist das überhaupt?« Fragte eine Dame auf der anderen Seite dieses Tisches, mit insgesamt 24 Personen, ihren Sitznachbarn.

»Der mit dem Kopf in der Soße?«

Ja, den meine ich.«

»Keine Ahnung.«

»Und, was ist mit dem Anderen, den auf der rechten Seite von Frau von Fleckenschild?«

»Ich kann es nicht sagen«, flüsterte der Mann zurück, »Der ist schon die ganze Zeit so still und schweigt vor sich hin.«

»Ja, er macht den Eindruck, als ob er gar abwesend wäre, meinen Sie das auch?«

»Irgendwie macht der mir den Eindruck, dass er gar nicht hier her gehört.«

»Na ja, andererseits kann man so einen ja einfach ignorieren, oder?«

Das war ein Satz zu viel. Oliver erhob sich nun ganz langsam, baute sich zu seiner vollen Körpergröße auf, holte tief Luft. Er nahm einen Löffel und klopfte damit auf ein Glas, was vor ihm stand. Jetzt steht es nicht mehr. Ein Scherben-Puzzle.

»Ihr seid doch so bescheuert. Genau wie Früher. Während der ganzen Schulzeit habt ihr mich geärgert und mich wie Luft behandelt. Keiner von Euch hat mich je eingeladen oder hat sich nach der Schule mit mir getroffen. Und heute, da habt ihr euch was ganz Besonderes ausgedacht. Da habt ihr die Soße extra dünn kochen lassen, damit ich mich mal wieder bekleckere. Danke. Aber seht euch mal selbst an. Ihr seid ein einziger großer Kleckerhaufen.

Ich haue jetzt hier ab!«

Er schmiss seine Serviette mitten auf die Tafel. Diese riss noch ein paar Rotweingläser um. Das hatte zur Folge, dass noch zusätzlich einige Damen mehr sich bei dem Zumba-Leistungskurs einklinkten. Sie sprangen hoch und fuchtelten mit Allem, was man bewegen kann in der Gegend herum, damit die herumfliegenden Flecken ja nicht auf ihrer Kleidung landeten.

Wutschnaubend stürmte Oliver auf den Ausgang des Lokals zu. Auf dem Bürgersteig angekommen, blieb er stehen, holte ein paar Mal tief Luft …

»Hallo Oliver!«, rief eine Stimme von der anderen Straßenseite, »was machst Du da drüben?, kennst du dich nicht mehr aus hier?«

Oliver stierte zu dem Mann auf der gegenüberliegenden Seite.

»Nun komm schon. Wir warten auf Dich. Alle anderen sind schon da. Dann kann es endlich losgehen, mit unserem ersten Klassentreffen nach über dreißig Jahren.«

Im Park

Es kann manchmal so wundervoll sein. Oliver erwacht aus einem tiefen, ruhigen und ereignisarmen Schlaf. Er fühlt seinen klaren Kopf; Er liegt nicht neben seinem Bett. Er weiß, welcher Wochentag und welche Uhrzeit es ist, und er hat nicht verschlafen.

Der Wettermann im Radio, vorhin, hat ihm versichert: »Es wird heute ein schöner sonniger Samstag.« Der kurze Blick durch die Fensterscheibe sagt ihm, dass es wohl noch nicht ›Heute‹ sein kann. Andererseits: Er hat ja Geduld. Eventuell ist es ja nach seinem Frühstück ›Heute‹. Also: ›Heute schönes Wetter!‹

Er hat sich für diesen Tag nichts Besonderes vorgenommen. Es ist auch besser so. Denn für gewöhnlich, angesichts der Tatsache, dass er sich etwas Schönes vorgenommen hatte, ging es meistens anders aus. Überwiegend mit negativen Aspekten.

Seine Samstage liefen in der Regel immer gleich ab. Seine ›Wochenend-To-do-Liste‹ war mittlerweile in seinem Unterbewusstsein abgespeichert: Leere Konservengläser und Flaschen wegbringen, Papiermüll sortieren und die wichtigsten Einkäufe, die seinen Kühlschrank betreffen, würden ihn die kommenden zwei Stunden in Anspruch nehmen. Doch zunächst wird erst mal in Ruhe gefrühstückt.

Als er vor ein paar Jahren für seine Firma zu irgendeinem Kunden musste, und dort am Ort in einem kleinen, aber eleganten Hotel übernachtete, verspürte er zum ersten Mal in seinem Leben einen Hauch von Luxus. Und das nur, weil der Frühstückstisch für ihn allein, komplett mit allem, was man sich vorstellen kann, gedeckt war. Also kein Buffet, sondern alles, was auf so einem First-Class-Buffet normalerweise steht, war dort für eine Person auf einem Tisch übersichtlich drapiert worden. Bombastisch. Seitdem sah sein Küchentisch an jedem Samstag genauso aus. Auch, wenn er nur Hunger auf einen Toast mit Marmelade und ein Ei hatte. Diese Zeremonie gönnte er sich. Irgendeinen Tick hat doch Jeder, oder?

Cirka eine Stunde später dreht er mit seinem Auto die sechste Runde um den Block, mit dem Platz, auf dem die Container für den Glasabfall stehen. Kein freier Parkplatz. Jeden Samstag das Gleiche. Zum Kotzen. ›Können die nicht mal zu Fuß ihren Müll wegbringen?‹, denkt er, und setzt zu einer weiteren Ehrenrunde an. In Wirklichkeit ist hier keine Fläche zum Parken für die Dauer der Glascontainer-Befüllung vorgesehen. Dieses hier ist ein reines Wohngebiet mit verkehrsberuhigter Zone mit Parkflächen für die Anwohner. Olivers Zuhause war ungefähr dreihundert Meter von hier entfernt.

Er spielt mit dem Gedanken, seine Ketchup- und Weinflaschen wieder mit nach Hause zu nehmen und das ganze Spiel am nächsten Wochenende erneut zu starten. Jedoch plötzlich sieht er links, auf der anderen Straßenseite, einen Blinker und Fahrlicht angehen. Abrupt tritt er die Bremse, um dort einlenken zu können. Doch ›abrupt‹ ist immer der erste Teil, von dem physikalisches Phänomen bei Dingen, die in Bewegung sind, und deren Geschwindigkeit sich unvermutet ändern. Da kann schon mal die sogenannte ›Fliehkraft‹ auftauchen. Sein, aus Omas Nachlass, handgeflochtener Weidenkorb, mit Flascheninhalt, schnellt mit der Rasanz von 15 km/h vom Rücksitz über die, vom Vortag zurückgeklappte, Sitzlehne, an die rechte Seite von dem Handschuhfach. Das Geräusch beim Aufprall lässt sich mehr schlecht als recht formulieren. Nur eins: Es ist bedeutend leiser als der Ausruf der unflätigen Schimpfwörter aus Olivers Kehle.

Nach einer weiteren Stunde, ist er wieder zu Hause, und fühlt sich nun völlig easy und ausgeglichen. Sein Wagen ist wieder scherbenfrei, auch die Wohnung ist mittlerweile wieder für Fremde begehbar geworden. Sie ist gelüftet, gereinigt, aufgeräumt und staubfrei. Na, ja. Seine Nachbarin, die mit den hundert verschiedenfarbigen Küchenkitteln und dem an der Hand angewachsenen Staubtuch, würde hier doch noch einiges finden, was gereinigt werden müsste. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Seine gesamte Aufmerksamkeit ist nun bei seinen Gedanken, was er denn jetzt ursprünglich schönes, sinnvolles, ihm Freude bereitendes, spektakuläres Unterfangen, heute, bei diesem tollen Wetter, durchführen soll. Der Volksmund sagt auch: ›Was nun?‹

Er nimmt sich das Wochenblatt, das hier am Ort immer am Mittwoch erscheint, zur Hand, und beginnt zu stöbern.

.. Er stöbert … Und stöbert … Und stöbert. Nach zwei weiteren Stunden hat er das Kompendium komplett durchgelesen. Nachdem er die offensichtliche Reklame und auch die versteckten, unterschwelligen Werbungstexte herausgefiltert hat, weiß er nun alles, was für ihn bedeutungsvoll sein soll. Also, das was die Anderen glauben, dass dies für ihn relevant ist. Ihn selbst interessiert nicht so sehr, ob ein Verein für Rentner, einen Ausflug zum Sozialamt gemacht hat. Oder ein Mitglied eines hier ansässigen Turnvereins, schon 45 Jahre, trotz Gliederreißen, aktiv ist.

Das ein Bürger dieser Stadt längst mehrmals den zunehmenden Verkehr in seiner Straße angeprangert hat, und dadurch der Straßenlärm seine Volksmusik stört, ist auch nicht sein persönliches Nachrichten-Highlight. Überwiegend, muss er feststellen, sind hier Berichte darüber, welche bereits Vergangenheit sind. Oliver möchte aber gerne wissen, was heute so los ist. Wo was wann angeboten wird. Bis auf die zwölf Flohmärkte, den ›Vogelkundler-Früh-Suchtrupp‹ (von vier bis sieben Uhr in den Morgenstunden) sowie die diversen Aktionstage bei den einheimischen Autohändlern, ist hier in diesem Blatt nichts zu finden. Schade.

›Das habe ich jetzt davon‹, denkt er, ›Als Eigenbrötler, Besserwisser, Sonderling, Neunmalschlauer und Zugezogener hat man eben nicht so viele Bekannte, mit denen man etwas unternehmen kann!‹ Für einen kurzen Moment will er sich für sein Selbstmitleid entscheiden. Doch davon bekam er meistens Kopfweh, und das will er heute überhaupt nicht. »Wohl an«, spricht er. Das hatte er in irgend einem Buch gelesen, dessen Story im achtzehnten Jahrhundert spielt. »Wohl an, zu neuen Ufern!« Er grinst, als er sich diese Worte rufen hört.

Oliver tut jetzt so, als ob er etwas vor hat, und macht sich ›stadtfein‹: Die neue helle Stoffhose, ein frisches Polo-Shirt und eine leichte Strickjacke über die Schultern gelegt. Noch einmal die Frisur und seinen Gesichtsausdruck im Spiegel korrigiert, und los geht’s.

Die Wohnung verlassend, den Kopf und die Schultern nach oben gerichtet, seine Wirbelsäule gespannt, den Hintern zusammengekniffen, den Blick geradeaus, so tritt Oliver an diesen sonnigen Nachmittag ins Freie.

Nur, welche Richtung soll er einschlagen? Bis soeben hat er nicht mit einem solchen plötzlichen Entscheidungszwang gerechnet. Oliver ist normalerweise so ein Mensch, der klare Verhältnisse liebt. Einer der immer weiß, wo der Hase läuft. Er hasst die Menschen, die sich nicht entscheiden können. Wie geht das grundlegend, wenn man sich jetzt selbst hassen muss? Darf man sich dann nicht mehr ansehen? Oder sind keine Selbstgespräche mehr erlaubt? Er weiß es nicht. Jetzt sind es schon zwei Probleme. Welchen Weg er nehmen muss und wie man sich selbst hasst. ›Scheiß Wochenende‹.

Ein Passant auf der anderen Straßenseite sieht ihm etwas verwundert nach, als Oliver im Zickzack-Kurs erst links und dann rechts rum, seinen optimalen Startpunkt zum Spaziergang suchte. Oliver versuchte nun, sich abzulenken, damit er nicht so viel dummes Zeug dachte. Erst zählt er von 50 rückwärts bis Null. Wobei er bemerkte, dass er zwischendurch einige Zahlen überschlug, dann plötzlich wieder vorwärts zählte, und die Zahl 34, glaubt er, mindestens viermal leise gedacht zu haben. Doch weiter kam er nicht. Irgend ein Mensch geht an ihm vorbei und grüßt ihn. Jetzt ist er völlig aus dem Konzept. Wer ist das überhaupt? Der muss mich verwechselt haben. Er ist jetzt völlig raus aus seiner Konzentration. Soll er unter Umständen den unbekannten Menschengrüßer fragen, ob es eine solche, von ihm vermutete Verwechslung gibt?

Nein! Er blickt hinüber zu seinem Parkplatz und beschließt ohne Fahrzeug in die Fußgängerzone zu kommen. Andererseits – Samstags in der Fußgängerzone sind Alle im Stress. Also lieber in den Park. Dort haben die Menschen normalerweise immer bessere Laune.

Gedacht, getan. Nach ungefähr 25 Minuten kommt er an. Im Park. Es liegt ein ungewöhnlicher Geruch in der Luft. Er erinnert sich: ›Dies ist natürliche, gesunde frische Luft‹. Ungewohnt – aber angenehm. Oliver zieht seine Schuhe aus und geht mitten auf die satt strahlende grüne Wiese und legt sich auf den Rücken.

Wunderbar.

Er schließt seine Augen und döst so ein wenig vor sich hin. Er öffnet sie wieder und sieht die kleinen Schäfchen-Wolken vorüberziehen und fantasiert sich aus den verschiedenen Wolkenformen immer neue Gesichter, Tiere, Figuren und Sonstiges. Er denkt über das Wort ›sonstiges‹ nach. Dieses Wort erinnert ihn an die jährliche Steuer-Erklärung. Alles was man nicht versteuern braucht, muss man unter ›Sonstiges‹ angeben, damit es versteuert werden kann. Genial.

Er sollte ein Geschäft aufmachen, mit dem Namen ›Sonstiges‹. Doch jetzt ist Wochenende. Nicht an Arbeit denken. Wolken gucken! Oliver ist wieder im Alpha-Zustand.

Die eine Wolke sieht aus, wie ein kleines Schaf. Die Nächste wie ein Kalb, wenn es frisst. Dort kommt ein ganzer Schwarm Hühner, oder wie das heißt, wenn mehr als zehn Hühner angeflogen kommen. Können Hühner fliegen? Da! Das Zwitschern von einer Meise oder Amsel oder so etwas.

Paradiesisch.

Er vernimmt das Summen von Bienen. Honig.

Nun das Summen von Mücken. Blut. Au!

Er schlägt sich mit seiner flachen rechten Hand auf seine Wade und springt auf.

Keiner da! Er sieht auf seine Armbanduhr – schon nach vier Uhr. Er hat also tief geschlafen. Er hat gepennt. Er war nicht ganz da.

Ein Blick in die Runde sagt ihm, dass im Umkreis von 800 Metern kein Mensch zu sehen ist. Kein Fremder. Kein Bekannter. Niemand.

Kein Mensch, der ihn ärgert, kein Mensch, der ihn erfreut. Kein böser Mensch, aber auch kein netter Mensch.

Ein Satz aus einem, vor kurzem gelesenen Gedicht fällt ihm ein:

»Willst Du nette Menschen sehen, darfst Du nicht im Park rumstehen.«

Redebedarf

Wann hat es angefangen? Seit wann wissen es die Anderen? Oder – haben sie es überhaupt schon gemerkt? Ist das alles relevant für seine Zukunft?

Ist er noch gar nicht so alt, wie er sich jetzt fühlt?

Aber, was schleudert ihm sein Doppelgänger mit vehementer Wahrheit mitten in seine ansteigende Niedergeschlagenheit? Warum sagt ihm sein Gegenüber ohne Rücksichtnahme auf seine Gefühle, das seine Augenfalten nicht mehr sexy, sondern eher abstoßend wirken? Auch seine Lachfalten, die früher immer so gezielt bei der Damenwelt ankamen, hatten plötzlich die Anziehungskraft der Erde entdeckt.

Oliver erkennt für einen Moment im Spiegelbild: Ebenezer Scrooge.

Er zuckt zusammen. Seine blasse Gesichtsfarbe hebt sich kaum von der weißen Badezimmerwand hinter ihm ab. Der Spiegel zeigt ihm deutlich, auch ohne Brille, dass sein Zenit lange überschritten ist. Er will etwas zu sich selbst in sein Antlitz sagen, doch seine belegte Stimme läßt nur ein leises Krächzen zu. ›Das ist normal‹ denkt er bei sich, ›wenn man niemanden zum Reden hat, dann braucht man seine Stimme höchstens noch beim Einkaufen.‹

Allerdings hat er beim Betreten des hiesigen Einkaufszentrums noch nie das Gefühl gehabt, dass er zum Sprechen genötigt wird.

Er wird nicht begrüßt, wenn er den Laden betritt, an der Kasse wird nur stur und emotionslos der erforderliche Betrag genannt, und ein Gruß zum Abschied, stand wohl nicht im Arbeitsvertrag.

Aber es gibt ja noch das Internet. Da erhält man meistens noch ein höfliches Dankschreiben für die getätigte Bestellung. Außerdem man braucht keine Kassiererin höflich anzulächeln, um dann trotzdem einen arroganten Blick dafür zu bekommen.

Er geht zurück ins Schlafzimmer, und setzt sich auf den Stuhl neben dem Fenster. Seine Finger unternehmen schon automatisch die kleinen Bewegungen, um die Gardinen einen kleinen Spalt zu öffnen, und mit dem Blumentopf, in dem nichts ›Lebendes‹ mehr war, zu fixieren. Er späht die Straße herunter, soweit er konnte. Sein Blickwinkel läßt allerdings nur ein paar Meter zu, ansonsten würde er von den vielen Passanten entdeckt werden. Obwohl – Keiner von den vorbeiziehenden Menschen hatte in den letzten zwei, drei Jahren, hier zu seinem nicht wirklich einladenden dunklen Fenster im Parterre gesehen.

Er selbst dagegen kennt sie alle. Jede Gestalt, die hier vorbei geht. Nein, nicht die Namen, aber wo wer wann hingeht, wo die Geschöpfe wohnen und was sie an Bekleidung anhaben.

Ja, er kann sofort sehen, ob neue Schuhe, Mützen, Schals oder Jacken im Umlauf sind. Die Art, wie die Menschen gehen, wie sie sich bewegen, ob aufrecht oder gebückt, ob behäbig schlurfend oder gehetzt, kann er mittlerweile einordnen. Dank seines Fernstudiums ›Psychologie für Anfänger – die Körperhaltung Teil 1‹.

Er weiß nicht, wie lange er seine Augen in Richtung Straße fixiert hat, als ein leichtes Rumoren in der Magengegend, ihm sagt, dass es Zeit zum Frühstücken ist. Ein leichter Anflug von Zufriedenheit huscht über sein Gesicht, als er merkt, dass die Tageszeitung, wie gewohnt, in seinem Briefkasten steckt.

Er holt alle Utensilien, die er zur morgendlichen Mahlzeit braucht aus dem Kühlschrank, den Kaffee dazu, die Zeitung. Fertig.

Nein, erst noch das Tuch von dem Papageienkäfig herunternehmen. ›Paul‹ sitzt noch auf der Stange. Alle Federn stecken noch in den richtigen Stellen, das Körnerfutter war fast aufgebraucht, das Wasser für den stillschweigenden Schwätzer ist sauber und klar und auch noch genug. Es scheint, alles ist in Ordnung.

Vermutlich gibt es nicht viel Neues im ›Städtchen‹. Der Lokalteil im Nachrichten-Blatt hat nur achtzehn statt, wie sonst, zwanzig Blätter. Der Reklame- und Inseraten-Teil macht auch wie gewohnt, den Großteil des Papierberges aus. Früher war seine Lese-Reihenfolge immer: Sport – Politik international – national – Sonderangebote – Todesanzeigen – lokales Blabla. Heute ist es genau umgekehrt. Also zuerst Blabla, dann den Rest. Die Sterbeanzeigen lässt er schon seit einer Weile weg. Warum soll er sich merken, wer nicht mehr mit ihm sprechen kann? Physisch.

Er beginnt, wie immer, jedes Wort zu lesen. Jedes. Im Flüsterton liest er sich die gesamte Ausgabe vor. Sein Papagei hört ihm aufmerksam zu.

›Mein Gott‹, dachte Oliver, ›wo soll das hinführen? – Die Schreibfehler nehmen stetig Überhand! Schon zwei Fehler auf der ersten Seite, und sogar vier auf der nächsten. Anscheinend darf heutzutage jeder jeden Beruf ausüben, ob man ihn kann oder nicht. Was soll’s, das wird ja so von der Regierung vorgemacht. Da braucht man sich nur die Politikseiten durchlesen‹.

Ihm sträuben sich die Haare und er schaut wiederum auf das Gedruckte, jedoch seine Gedanken schweifen ab. Er liest zwar die Buchstaben, allerdings halten seine Erinnerungen an die Zeiten, als er noch einen Freundes- und Bekanntenkreis hatte, nun seine Gedanken fest im Griff. Zweimal in der Woche hatte er sogenannte Diskussions-Runden mit mehreren Bekannten reihum zu Hause. Es ging immer um und über alles, worüber man diskutieren konnte. Demzufolge jeder Quatsch, der einem so einfiel. Irgendwie hatte sich das Ganze mit der Zeit zerschlagen. Erst wurde es unmerklich weniger, dann hatten immer mehr Dialogpartner keine bis gar keine Zeit mehr.

Auf die eine oder andere Weise hat er es schon kommen sehen, denn alle seine Freunde und Bekannten konnten und wollten es nicht zugeben, dass er meistens recht hatte. Immer. Er weiß eben alles, weil er so viel liest – und so!

In seinem Unterbewusstsein machen sich ein paar kleine, fiese Worte jetzt so richtig gewichtig: ›Neunmalschlauer und Klugscheißer!‹ Und sogar: ›Oberlehrer!‹

›Die können mich mal …‹

Sein Blick irrt ziellos im Zimmer herum und blieb auf seinem Telefon hängen. Nicht eines von den neuen, modernen, mit Tasten und so. Seins hat noch eine Wählscheibe und war in einem dezenten Schwarz gehalten.

Er überlegt, wann er wohl das letzte Mal das Ding benutzt hatte. Früher hatte er sehr viel Telefonate geführt. Auch nachdem die Diskussionsabende aufgehört hatten und er zum unbeobachteten Eigenbrötler wurde. Zu der Zeit hatte er noch den ganzen Tag das Radio laufen. Das Lokalradio. Der Sender war beliebt. Die Musik war flexibel, also für Jeden irgendetwas. Und die Beiträge aus und um sein Nest herum waren abwechslungsreich und bedeutsam. Irgendwann konnte man direkt ins Studio anrufen, quasi mitten in die Sendung. Dann wurde der Hörer live ins Studio geschaltet. Das war wirklich aufregend. Anfänglich. Er hatte das Gefühl, ein gern gehörter Meinungsmensch zu sein. So einen, den man alles fragen kann und der auf alles eine Antwort hat. Die Leute vom Radio kündigten ihn immer an: »Hier ist wieder Oliver K. aus W., heute zu dem Thema: Was schützt überhaupt nicht vor Erkältung?«

Ach – es gab so viele Themen, zu denen er etwas konstruktives beitragen konnte. Da war zum Beispiel die Umfrage, welches war Ihr teuerstes Schmuckstück, was Sie je sich erlauben konnten? Oder: Was ist der Renner in diesem Sommer in der Eisdiele? Finden Sie das Wetter auch zu windig? Und haben Sie nicht auch das Gefühl, dass es nachts nicht so dunkel ist, wie früher? Haben Sie persönlich genug Zeit, wenn genug Zeit für die Allgemeinheit verfügbar ist? Was ist der Unterschied zwischen ›gut‹ und ›teuer’? Dürfen Sonntagsfahrer auch montags fahren? Ist man dümmer als der Durchschnitt, nur weil der Durchschnitt von Professoren festgelegt wurde? Welche von den vier Schienen im Backofen ist die ›mittlere’? Er wusste auf alles eine Antwort. Alles. Da war sie wieder, die kaum vernehmliche Stimme in ihm: ›Klugschwätzer!‹ Irgendwann, als dieses moderne ISDN herauskam, wurde er plötzlich nicht mehr durchgestellt. Man konnte jetzt sehen, wer da anruft. »Da ist er wieder, der E. K. aus W.!« ›Weggedrückt!‹

›Ihr könnt mich doch alle mal … Ihr habt doch sowieso keine Ahnung!‹ Seine Mundwinkel hingen jetzt noch tiefer herunter. ›Ebenezer Scrooge‹.

Er konzentrierte sich jetzt wieder darauf, wann wohl sein letztes Telefongespräch stattgefunden hat. Das muss wohl so vor zwei Jahren gewesen sein. Als er zwischen diesem Herzrasen und dem starken Klopfen im Kopf, plötzlich auf dem Fußboden aufwachte, weil ›Paul‹, der Papagei so einen Lärm gemacht hatte. Damals hatte er dann die Feuerwehr angerufen, weil er keine Rufnummer von irgendeinem Arzt hatte. Die bösen Menschen im Fernsehen telefonieren immer mit ›ihrem‹ Anwalt oder ›ihrem‹ Steuerberater. Er selbst hatte noch nicht einmal einen Arzt.

Hatte er jemals irgendetwas Eigenes?

Plötzlich hatte er Szenen aus seiner Kindheit vor Augen. Er saß im Sandkasten. Mama holte ihn vom Spielen ab, und sie gingen mit Papa spazieren. Ein kleiner Welpe pisste in den Sand. Er hörte die Stimmen von seinen Eltern. Auch die Stimmen von seinen Spielplatz-Gefährten: Kurt und Helene. Helle Kinderstimmen. Onkel Karl und Tante Martha mit deren kleinen Fratz kamen leicht verschwommen ins Bild. Er sieht Felder, Wälder und grüne Wiesen. Er hört in der Ferne ein intensives Vogelgezwitscher. In seiner Nähe summen Bienen, während sie im Blütenstaub von Sonnenblumen duschen. Der Bach plätschert sanft über die schneeweißen Kiesel. Die grün-blau schillernden Libellen vollführen waghalsige Loopings und andere Kunststücke über den Köpfen der staunenden Frösche, die noch die schönste Zeit des Jahres vor sich haben: den Aufbruch der Zugvögel, also auch die Störche.

Oliver blickte zum Himmel. Nichts. Keine Wolke. Absolut nichts – Ruhe.

Plumps! – und: Platsch!

Paul ist von der Stange gefallen. In Olivers, mittlerweile kalten Kaffee.

›Er ist vermutlich auch eingeschlafen‹, denkt er. ›Gute Nacht, Paul!‹

›Wieso eigentlich: AUCH eingeschlafen?‹

Wer schläft denn noch? Ist der Mensch in der Lage, während des Traumes festzustellen, dass er schläft? Ja! Er kann!

Oliver reißt es – und, er sitzt jetzt senkrecht im Bett.

Mein Gott, welch ein Albtraum. Das Herz schlägt geringfügig schneller als normal. Schweiß auf der Stirn. Die rechte Hand kribbelt. Das tut sie immer, wenn er diese unter seinem Kissen eingeklemmt hat, bevor er munter wird. Er merkt, dass auch sein linkes Bein etwas verdreht ist. Es ist etwas Schummeriges in seinem Hirn. Es heißt: Wenn du zu schlecht geträumt hast, dann hast du vorher zu gut gelebt (Quelle: unbekannt). Der Mund ist staubtrocken. Vielleicht sollte er sich doch angewöhnen, mit geschlossenem Mund zu schlafen. Heute ist Dienstag. Nein Mittwoch.

Es ist doch einerlei. Ein Blick zu Uhr: Es ist noch Zeit, der Weckalarm geht erst in zehn Minuten los. ›Was habe ich nur wieder Fürchterliches geträumt?‹ Er erinnert sich nur dürftig. Ihm kommt noch ein bescheidenes Bild von einem Kanarienvogel oder Kakadu in den Kopf, und, dass er mit irgendjemanden reden wollte – oder musste. Aber mit wem und was?

Egal – jetzt hochkommen und ab zur Arbeit. Er geht gerne dorthin, arbeiten: Dort kann er auch heute wieder seine exzellente Rhetorik anbringen.

Im Callcenter.

Allwissend

Psychologie scheint ja ein riesiges Wissensgebiet zu sein. Allein, wenn man bedenkt, wie viele Bücher es in diesem Land zu kaufen gibt. Oliver staunt über die Zahl, die in einem großen Online-Portal unter dem Begriff »Fachbücher für Psychologie« angezeigt wird: 68.256 Bücher. Wie lange würde es wohl dauern, bis er diese Dinger alle gelesen hat? Wie viel Stunden hat es wohl gedauert, bis diese Werke alle verfasst wurden? Will er das wirklich wissen? Nein! Obwohl …?

Er wollte doch nur mal sehen, was es so an Ratgebern gibt, die ihm bei seinem Problem mit der Vergesslichkeit, angeboten werden. Aber das hier? Nein, das ist ihm zu umfangreich. ›Das kannst du vergessen‹ sagte er sich.

Oliver verschränkt seine Hände hinter seinem Kopf, lehnt sich zurück, und sieht aus seinem Fenster in die Ferne. Ins Nichts. Das macht er gerne, weil es so herrlich entspannt. Andererseits kann es passieren, so wie heute, dass seine Gedanken sich um alles drehen, was er sich überhaupt vorstellen kann. Und er kann sich eine ganze Menge vorstellen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass seine Eltern ihm schon in seinen Kindertagen, immer wieder nahe legten, sich etwas vorzustellen.

»Stell Dir mal vor, wie Papa sich freuen würde, wenn Du mal keine schlechte Note aus der Schule mitbringst.« »Stell Dir mal vor, was aus Dir alles werden könnte!« »Stell Dir mal vor, wie schön es wäre, wenn Du Dich nicht immer so dämlich anstellst!«

Ja, er konnte sich schon damals vorstellen, wie es wäre. Hauptsache, es wäre anders. Sonst brauchte man sich ja es nicht vorstellen – es wäre ja dann real.

Mit anderen Worten: ›Realität ist unvorstellbar. Für einen selbst.‹

Diese, seine Aussage, so stellte er sich nun vor, wird in der Zukunft von Gelehrten und Wissenschaftlern, für neue, psychologische und philosophische Vorträge und Bücher, immer wieder gerne zitiert werden.

Ebenfalls ein gern gehörtes Intro war in seiner Kindheit: »Stell Dich nicht so an!« – Seitdem verabscheute Oliver Warteschlangen an Kassen. Egal ob im Supermarkt, Arbeitsamt, Fußballstadion oder am Zoo-Eingang.

Nicht nur Erkenntnisse, was er sich so vorstellen kann, sondern ebenfalls Betrachtungsweisen und Ideen über die gesamte Menschheit und das Universum schwirren Oliver durch den Kopf. Immer dann, wenn er so in die Ferne starrt – quasi ins Nichts. Nun gut, der Urknall ist nicht dabei, allerdings die einzelnen Abschnitte der Evolution seit den Lebzeiten von Großmutter, geben ihm schon eine Menge zu denken.

Ja – Oma – die hatte auf alles eine Antwort. Auch wenn es keine Fragen dazu gab. Diese Fähigkeit hatte sie dann auch seiner Mutter vererbt. Wenn er sich so überlegt, auf was man alles antworten könnte, das ist schon gigantisch. Früher gab es nicht so viele Möglichkeiten. Da gab es eine Frage, und dann konnte man diese beantworten oder eben nicht.

Die Menschen brauchen sich heutzutage also nichts merken, weil man es ja sofort überall nachsehen kann. Sogar auf dem Handy. Und die Menschen schauen ständig nach. Rund um die Uhr kann man die Leute sehen, wie sie auf einen kleinen Bildschirm starren und hektische Fingerbewegungen machen. Der Hals ist bei den meisten Netz-Usern schon um 20 cm nach vorne geknickt. Er ist gespannt, wo hier die Evolution hingeht. Das mit dem ›aufrechten Gang‹ ist schon überholt. Vergangenheit, Geschichte.

Nichtsdestoweniger weiß der Mensch doch an sich so alles, was er zum täglichen Leben braucht. Zum Beispiel, was tut man, wenn man im Stau steht? Da gibt es bestimmt Verhaltensregeln. Was darf man, und was darf man nicht? Das ist unmissverständlich paragrafentechnisch festgelegt. Der Stau ist also gesetzlich geregelt.

Genauso aufschlussreich ist es, dass fast jeder Mensch weiß, wie man sich bei einem Brand verhält. Oliver überlegt kurz, ob er im Ernstfall 110 oder 112 anrufen soll, entscheidet sich dann aber für die Lösung: Laut ›Feuer‹ schreien, dann wird schon jemand die richtige Nummer wählen. Auch hier, stellt er fest, ist alles geregelt. Auch gesetzlich. Das ist wahrscheinlich auch gut so. Oliver würde sich ein anderes Mal mit diesem Thema auseinandersetzen. Da gibt es bestimmt eine ganze Menge Schmöker darüber.

Da gibt es auch noch so Dinge, die nicht gesetzlich sind. Nicht gesetzlich geregelt. Aber! Verhaltensregeln. Wie benimmt man sich zum Beispiel auf einer Feier? Nun ist ja Feier nicht gleich Feier. Selbst bei den privaten Feiern gibt es unendlich viele Variationen, glaubt Oliver. Er denkt an Geburtstage, Prüfungen, Erntefeste, Weinkönigin, Hochzeiten, Scheidungen. Überall wird gefeiert. Aber immer anders. Die Uhrzeit und die Jahreszeit sind auch maßgebend. Im Sommer wird weniger gegessen als im Winter, aber dafür mehr getrunken. Doch im Sommer verträgt man weniger. Bei Oliver ist das so. Doch bei all diesen Möglichkeiten gibt es Gott sei Dank auch Verhaltensregeln. Natürlich auch in schriftlicher Form: ›Der Knigge‹.

Oliver versucht, sich an seine letzte Teilnahme an einer Feier, zu erinnern. Es will ihm nicht einfallen. Muss wohl in irgendeinem Sommer gewesen sein.

Regeln, Regeln, Regeln …

Der Mensch weiß auch, was er tun muss, wenn es zu heiß wird, oder geworden ist: Im Backofen, wenn das Hähnchen noch drin ist.

Die Regel hier lautet: Du solltest jetzt etwas anderes essen! Immer wieder gerne genommen: der Pizzaservice. Oliver glaubt nun, zu wissen, warum ihn alle Mitarbeiter von seinem Lieferservice mit ›Du‹ anreden. Zwanzig Mal ›Hähnchen verkohlt‹, heißt: Zwanzig mal Pizza bestellen. Man kennt sich. Man duzt sich.

Olivers Gedanken fliegen schon wieder in andere Gefilde. Er erinnert sich an das Hochwasser vor elf Jahren, als er noch ein halbes Jahr lang, an einem kleinen Fluß gewohnt hat. Eine preiswerte Wohnung. Lichtdurchflutet, geräumig, warm, fließendes Wasser. Im Keller. Auch hier wusste er sofort, woher auch immer, was bei Hochwasser zu tun ist. Zum Beispiel ein paar ältere Elektrogeräte ins Wasser stellen, fotografieren und die Versicherung anschreiben. O. K., er hätte auch noch einiges in Sicherheit bringen können, das stand zumindest in der Vorschrift(Regel) der Versicherung. In seiner persönlichen Verhaltensregel stand aber etwas anderes. Gibt es denn auch Vorschriften, wenn sich zwei Regeln nicht so gut verstehen? Also beißen? Irgendjemand wird’s schon wissen.

Er wusste auch damals, als der von Oma geerbte Kuchenteller, sich in ein Puzzle verwandelte, zu tun oder zu lassen ist. Ein kleiner Urknall mit zwei Aspekten: Er musste Oma, wenn Sie beim nächsten Besuch von ihr, den Teller vermisste, anlügen (verliehen, oder so) und: Er brauchte beim Staubwischen nicht mehr so vorsichtig sein.

Er kennt auch, wenn der Marder seine Bremse angeknabbert hat, die Regel, was zu tun ist. Nicht fahren. Zu Fuß gehen. Fahrrad fahren. Dem Nachbar sein Auto leihen. Oder so.

Und dann gibt es noch die sensiblen Momente im Leben. Eher am Lebensende. Sensibel kommt nicht von Sense. Auch hier weiß Oliver, was er tun müsste, wenn er etwas damit zu tun hätte. Wenn jemand aus der Familie …, oder ein Freund …, oder womöglich er selbst vom Sensenmann geholt werden soll.

Oliver wird jäh aus seinem ›Fernblick‹ und seinen philosophischen Betrachtungen gerissen. Das Telefon hat kurz, aber laut, ein Signal für eine ankommende Nachricht gegeben. Er reibt sich die Augen und streckte sich, damit er wieder in die Realität zurückkommt. Er schnappt sich sein Handy und zuckt erneut zusammen: ›Sie haben in der Klassenlotterie den Rang zwei erzielt …‹

Oliver wechselt seine Gesichtsfarbe in Sekundenschnelle von weiß auf kreideweiß und rot. Seine Hände starten den Beginn einer Zitterorgie, die er das letzte Mal, vor fünf Jahren, nach zehn Tassen starken Kaffee hatte. Er setzt sich. Nein, er sitzt ja schon. Er steht auf, damit er sich wieder setzen kann. Gewonnen! Und was nun? »Was soll ich jetzt tun?«, fragt er sich schon etwas lauter, indem er vor seinem Spiegel steht, und sich bei seiner Fragestellung selbst beobachtet. »Sag mir jetzt sofort, was jetzt zu tun ist!«, schreit er sich an. Doch sein Hirn bleibt unbelebt.

Oliver merkt, dass es schon düster ist. Er sitzt wieder in dem Sessel, in dem man so wirksam in die Ferne sehen kann. Sein Zittern ist weg, die Nachricht stimmt. Er hat wirklich gewonnen. Er hat noch mit Niemanden darüber gesprochen, nur mit sich selbst. Er hasst seine Kindheit, seine Jugend, sein Umfeld.

Jeder weiß, was zu tun ist, wenn irgendetwas passiert, was man unter der Rubrik ›negativ‹, einordnen kann. Und Niemand, nein überhaupt Keiner!, hat ihm jemals gesagt, was er tun muss, wenn er Glück hat.

Er denkt nach. Er überlegt sogar. Ergebnis: Hier fehlt ein Gesetz!

Sport

Zuerst hatte er sich noch riesig gefreut, als er die Einladung zu der Silberhochzeit von seinem alten Schulfreund Max in den Händen hielt. Das wird bestimmt ein richtig guter Party-Tag. ›Mein Gott, was sind wir doch früher immer um die Häuser gezogen‹. Dann ertappte er sich dabei einen ›femininen‹ Gedanken im Kopf zu haben. Dieser lautete:

›Ich habe nichts anzuziehen!‹

Ja – so eine Einladung zum Geburtstag oder etwas in dieser Richtung, da braucht man ja nicht lange zu überlegen. Jeans, Hemd und Sakko. Das geht immer. Aber ein Event wie Silberhochzeit ist doch eine andere Kategorie. Da spielt die sogenannte ›Kleiderordnung‹ in einer ganz anderen Liga. ›Ich habe doch noch diesen, dunklen, grauen Anzug, den ich vor sechs Jahren bei Günther’s Firmen-Jubiläum anhatte‹, dachte er. ›Oder war der dunkelblau. Vielleicht braun? Egal. Der muss jetzt her.‹

Nachdem Oliver den zweiten Gang in den Keller, das dritte Mal ›Abtauchen‹ in den Kisten unter dem Bett hinter sich hatte, versuchte er es in den alten Koffern. Zuerst die auf dem Kleiderschrank, dann die auf dem Speicher. Hierzu benötigte er eine Leiter. Die ist im Keller. Oder auf dem Dachboden? Vielleicht in der Garage. Er hatte nun schon zwei Stunden ›treppauf‹ und ›treppab‹ hinter sich, und stand nun schwitzend und keuchend oben auf der Leiter vor seinem Kleiderschrank.

Mit dem rechten Fuß stütze er sich an dem Bettpfosten ab, der linke vollführte bizarre ›Luftkreisel‹ ohne einen bestimmten Takt. Der linke Arm stütze den schweren Koffer ab, und die rechte Hand fühlte sensibel in dem geöffneten Reiseutensil nach einem Anzugstoff. »Ha! Da isser!«, jubelte er, und wollte schon mit dem Anzug in der Hand, von der Leiter springen.

Doch sein Verstand signalisierte ihm hier, lieber vorsichtig zu sein. Denn schließlich befand er sich ja hier in schwindelerregender Höhe von achtzig Zentimetern. Das kann gefährlich werden. Wenn er hier stürzt, kann er den Anzug gleich wieder einbunkern. Dann kann er unter Umständen seinen Fuß die nächsten Wochen nicht gebrauchen. Womöglich noch das ganze Bein. Oder der Arm. Oder Beides!

Behutsam klettert er die kompletten drei Stufen von seiner Stubenleiter wieder abwärts. Erst mal verschnaufen. Kleine, aber viele Schweißperlen parken auf seiner Stirn, und auch sein Hemd ist um den Achsel- Bauch- und Rückenbereich etwas dunkler als der Rest. Nass. Seinen Puls schätzte er auf 190 Schläge. Ein leichtes Schwindelgefühl überkam ihn, und er musste sich auf die Bettkante setzen. ›Wie kann man nur so aus der Puste sein?‹, fragte er sich.

Er stellte sich vor, dass er bei diesem bevorstehenden Fest, eventuell mit einer hübschen Frau tanzen wollte. Mit dieser Kondition niemals. Er würde sich ja lächerlich machen. Einen Tanz und dann zwei Stunden Luft schnappen. Nein! ›Ich sage die Einladung einfach ab‹, flüsterte er vor sich hin. Er musste sich jetzt eingestehen, dass seine Sprungkraft, einer Mülltonne gleicht.

Er ärgerte sich nun, dass er damals, vor sechzehn Jahren mit dem Jogging aufgehört hat. Das Lauftempo von seinen ›Lauf-Kumpels‹ war ihm damals zu schnell. Walking gab es zu der Zeit noch nicht. Er setzte sich mal wieder ans Fenster, und schaute in die Ferne. Das hilft beim Denken und Grübeln. Und Ärgern. Es hilft wirklich immer. Außer, wenn man was Dringendes erledigen muss. Das ist jetzt nicht der Fall. Es geht jetzt nur um seine Kondition.

Er sah sich noch einmal die Einladung an. 14. August. Das sind ja noch über sieben Wochen. Ein Stein fällt ihm vom Herzen. ›Sieben Wochen‹, frohlockte er, ›bis dahin habe ich eine Kondition wie – äh – wie ein – ach – fällt mir jetzt nicht ein‹.

Oliver ging ins Bad, duschte sich, legte sich anschließend noch eine halbe Stunde auf die Couch im Wohnzimmer, um ›runter zu kommen‹. Morgen wird er sich erkundigen, was er am besten für seine Kondition tun kann. Jetzt wollte er erst einmal den wiedergefundenen Anzug anprobieren. Da wird er sich bestimmt noch eine neue Krawatte zulegen müssen. Die, mit den Blümchen, die schwarze oder die mit der Diddel-Maus kommen wohl nicht so in Frage.

---ENDE DER LESEPROBE---