Thyestes - Kein Drama nach Seneca - Anno Stock - E-Book

Thyestes - Kein Drama nach Seneca E-Book

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Beschreibung

Im Schatten der Götter spielt sich die schrecklichste Familientragödie der Antike ab. Mykene, in der Blütezeit des bronzezeitlichen Griechenlands: Die Brüder Atreus und Thyestes sind durch Blut verbunden, doch ein verhängnisvoller Verrat zerreißt ihre Beziehung für immer. Als Atreus entdeckt, dass Thyestes mit seiner Frau Aerope eine Affäre hatte, kennt sein Rachedurst keine Grenzen. Was folgt, ist eine Tat so monströs, dass sie durch die Jahrhunderte hallen wird – das berüchtigte Mahl des Thyestes. Doch der Fluch endet nicht mit dieser einen schrecklichen Nacht. Generation für Generation zahlen die Nachkommen den Preis für die Sünden ihrer Väter. Von Tantalos' gotteslästerlichem Hochmut bis zu Aegisthus' verzweifelter Suche nach Rache – jeder versucht, sich vom Schicksal zu befreien, doch jeder verfängt sich tiefer im Netz aus Schuld und Vergeltung. Bis ein Mann namens Elektron den Mut findet zu tun, was niemand vor ihm wagte: zu vergeben. "Das Mahl der Rache" ist eine packende Neuerzählung des dunkelsten Kapitels der griechischen Mythologie – eine Geschichte über die zerstörerische Kraft von Hass, aber auch über die erlösende Macht der Vergebung. Ein zeitloses Drama über Familie, Trauma und die Frage: Können wir jemals frei sein von den Sünden unserer Vorfahren?

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Seitenzahl: 282

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Thyestes - Kein Drama nach Seneca

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

THYESTES - Kein Drama nach Seneca

PROLOG: Der Fluch beginnt

KAPITEL 1: Der Brunnen

KAPITEL 3: Die Bestätigung

KAPITEL 4: Wie es begann

KAPITEL 5: Das Leben danach

KAPITEL 6: Die Vorbereitung

KAPITEL 7: Die Reise nach Hause

KAPITEL 8: Das Fest der Täuschung

KAPITEL 9: Die Asche der Seelen

KAPITEL 10: Im Schatten der Götter

KAPITEL 11: Der Preis des Sieges

KAPITEL 12: Das Wachsen der Schatten

KAPITEL 13: Die Messerklinge im Schatten

KAPITEL 14: Die Asche und das Feuer

KAPITEL 15: Die Rückkehr des Schattens

KAPITEL 16: Das Sterben des Königs

KAPITEL 17: Die verlorene Generation

KAPITEL 18: Die Söhne des Schattens

KAPITEL 19: Das Erbe der Lügen

KAPITEL 20: Der Preis des Friedens

KAPITEL 21: Die Wiederkehr der Schatten

KAPITEL 22: Die Flucht ins Nichts

KAPITEL 23: Das Erwachen

KAPITEL 24: Die Ruhe nach dem Sturm

KAPITEL 25: Der Chronist

KAPITEL 26: Die Besucherin

KAPITEL 27: Der Lehrer

KAPITEL 28: Das Kind des Erbes

KAPITEL 29: Der ewige Kreis – gebrochen

NACHWORT

TEIL I: DIE SAAT DES HASSES

TEIL II: DIE GEBURT DER RACHE

TEIL III: DAS MAHL UND DIE VERDAMMNIS

EPILOG: DER NEUE ANFANG

Impressum neobooks

THYESTES - Kein Drama nach Seneca

Eine Tragödie aus Mykene

PROLOG: Der Fluch beginnt

Es gibt Geschichten, die man nicht erzählen sollte.

Geschichten so dunkel, so verstörend, dass selbst die Götter sich abwenden, wenn sie ausgesprochen werden. Geschichten, die wie Gift sind – einmal gehört, vergiften sie den Geist, sickern in die Seele, hinterlassen Narben, die nie heilen.

Die Geschichte des Hauses Tantaliden ist eine solche Geschichte.

Sie beginnt nicht mit Atreus und Thyestes, obwohl ihr Name damit verbunden ist. Sie beginnt Generationen früher, mit einem Mann namens Tantalos, der dachte, er könne die Götter täuschen.

Tantalos war König, reich und mächtig, Freund der Olympier. Er saß an ihrem Tisch, trank ihren Nektar, teilte ihre Geheimnisse. Aber Stolz, dieser älteste aller Sünden, wurde sein Verderben.

Die Geschichten variieren, wie es bei alten Mythen so ist. Manche sagen, er stahl göttliche Speisen. Andere sagen, er verriet Geheimnisse. Aber die dunkelste Version – die Version, die durch die Jahrhunderte überlebt hat – sagt dies:

Tantalos wollte die Götter prüfen. Wollte sehen, ob sie wirklich allwissend waren, wie sie behaupteten. Also lud er sie zu einem Fest ein und servierte ihnen das Fleisch seines eigenen Sohnes Pelops.

Die Götter erkannten den Frevel sofort – alle außer Demeter, in ihrer Trauer um ihre verlorene Tochter unaufmerksam, die von Pelops' Schulter aß. Die anderen waren entsetzt, angeekelt, wütend.

Die Strafe war beispiellos.

Tantalos wurde in den Tartaros geworfen, verdammt zu ewigem Hunger und Durst, stehend in einem See unter fruchtbaren Zweigen, doch wenn er nach Wasser griff, wich es zurück, wenn er nach Früchten langte, zogen sie sich fort.

Pelops wurde wiedererweckt, mit einer Schulter aus Elfenbein, wo Demeter die echte verzehrt hatte. Aber der Fluch – der Fluch blieb.

Er durchdrang das Blut der Familie, floss durch die Generationen wie eine dunkle Ader. Jedes Kind von Tantalos' Linie trug es in sich: die Fähigkeit zu unsäglichen Gräueln, die Unfähigkeit zu vergeben, den zwanghaften Drang nach Rache.

Pelops wuchs auf, heiratete, hatte Söhne: Atreus und Thyestes.

Und mit ihnen erreichte der Fluch seinen schrecklichen Höhepunkt.

Dies ist ihre Geschichte.

Keine Glorifizierung. Keine Entschuldigung. Nur die Wahrheit, so dunkel sie auch sein mag.

Eine Warnung darüber, wohin Hass führt.

Eine Lektion über die Kosten der Rache.

Und vielleicht – nur vielleicht – eine Hoffnung, dass selbst die dunkelsten Flüche gebrochen werden können.

Wenn man nur den Mut hat zu vergeben.

Es war einmal, in der bronzezeitlichen Stadt Mykene, zwei Brüder, die einander liebten wie Brüder es tun sollten.

Bis sie es nicht mehr taten.

Und was folgte, war eine Tragödie, die die Welt nie vergessen würde.

Hören Sie jetzt ihre Geschichte.

Aber seien Sie gewarnt: Manche Wahrheiten können nicht ungehört gemacht werden.

Manche Bilder können nicht ungesehen gemacht werden.

Und manche Geschichten – manche Geschichten ändern Sie für immer.

KAPITEL 1: Der Brunnen

Mykene, 1280 v. Chr.

Die Sonne stand hoch über Mykene, als die beiden Jungen zum Brunnen rannten.

Atreus war zehn Jahre alt, Thyestes acht. Sie waren Prinzen, Söhne des Königs Pelops und der Königin Hippodameia, aber in diesem Moment waren sie nur Jungen – schmutzig von einem Morgen voller Spiele, durstig und lachend.

„Ich war schneller!", rief Thyestes und erreichte den Brunnen zuerst.

„Nur weil ich dich habe gewinnen lassen", konterte Atreus, aber er lächelte dabei. Er lächelte immer, wenn er mit seinem kleinen Bruder zusammen war.

Der Brunnen stand im Innenhof des Palastes, ein alter Steinbrunnen, der schon da gewesen war, bevor ihr Vater König wurde. Das Wasser war klar und kalt, gespeist von einer unterirdischen Quelle tief im Berg.

Atreus zog einen Eimer hoch, und beide Jungen tranken gierig, das Wasser lief über ihre Kinne.

„Wann glaubst du, werden wir Könige sein?", fragte Thyestes, als sie sich auf den Brunnenrand setzten.

„Ich werde König sein", korrigierte Atreus. „Ich bin der Älteste. Du wirst mein Berater sein. Oder mein General."

„Warum kann ich nicht auch König sein?"

„Weil es so funktioniert. Der Erstgeborene erbt." Atreus legte einen Arm um die Schultern seines Bruders. „Aber das ist gut. Wir werden zusammen regieren. Wie Vater und Onkel Thyestes."

„Vater hat keinen Bruder namens Thyestes."

„Nein, aber du bist nach jemandem benannt. Einem großen Mann, hat Mutter gesagt."

Thyestes dachte darüber nach. „Werden wir immer Freunde sein? Immer zusammen?"

„Immer", versprach Atreus ohne zu zögern. „Brüder sind immer gut zueinander. Das ist das Gesetz."

Es war ein Versprechen, das ein Zehnjähriger machte, in der Unschuld der Kindheit, ohne zu wissen, wie leicht solche Versprechen brechen.

Ohne zu wissen, welches Schicksal bereits auf sie wartete.

Der Palast von Mykene war eine Festung und ein Zuhause zugleich.

Massive zyklopische Mauern umgaben ihn, so genannt, weil die Steine so groß waren, dass nur Riesen sie hätten bewegen können. Das berühmte Löwentor bewachte den Eingang, zwei steinerne Löwen über dem Durchgang, die jeden Besucher mit blinden Augen musterten.

Im Inneren war der Palast ein Labyrinth aus Korridoren und Räumen. Die Wände waren bemalt mit Fresken – Jagdszenen, Schlachten, Prozessionen. Die großen Säle hatten Decken so hoch, dass die Stimmen hallten. Die privaten Gemächer waren kleiner, intimer, mit Fenstern, die auf die umliegenden Berge blickten.

Hier wuchsen Atreus und Thyestes auf, in Luxus und Sicherheit, umgeben von Dienern und Lehrern, trainiert in Kriegskunst und Staatsführung.

Aber der Palast hatte auch seine Schatten.

In den Ecken flüsterten Diener Geschichten – über Pelops' Vater Tantalos, über den Fluch, über dunkle Dinge, die besser nicht ausgesprochen wurden. Die Kinder hörten manchmal Fetzen dieser Gespräche, verstanden nicht alles, aber spürten: Es gab etwas, eine Last, die ihre Familie trug.

Ihre Mutter Hippodameia versuchte sie davon fernzuhalten.

„Ihr seid Kinder", sagte sie oft. „Ihr müsst euch nicht mit den Sünden der Vergangenheit belasten. Lebt. Spielt. Seid glücklich."

Und das waren sie. Meist.

An jenem Abend, nach dem Rennen zum Brunnen, aßen sie als Familie im kleinen Speisesaal.

Pelops saß am Kopf des Tisches, seine Elfenbeinschulder – das einzige sichtbare Zeichen seiner eigenen traumatischen Vergangenheit – leuchtete im Kerzenlicht. Er war ein guter König, gerecht und weise, aber auch ein Mann, der Geheimnisse trug.

„Wie war euer Tag, meine Söhne?", fragte er.

„Wir haben trainiert mit den Waffen!", berichtete Atreus aufgeregt. „Ich habe drei von fünf Zielen getroffen."

„Ich habe zwei getroffen", fügte Thyestes hinzu, weniger stolz.

„Das ist gut für euer Alter", lobte Pelops. „Aber erinnert euch: Ein König braucht nicht nur das Schwert. Er braucht auch den Verstand."

„Und das Herz", ergänzte Hippodameia sanft. „Vergiss nie das Herz, mein Gemahl."

Pelops sah seine Frau an, und für einen Moment lag etwas in seinen Augen – eine Traurigkeit, ein Bedauern. „Ja. Das Herz."

Die Jungen verstanden den Austausch nicht, aber sie spürten die Schwere darin.

„Vater", fragte Thyestes, „stimmt es, dass unser Großvater verflucht war?"

Die Stille, die folgte, war eisig.

Hippodameia wurde blass. Pelops' Gesicht versteinerte. Selbst die Diener hielten in ihren Bewegungen inne.

„Wer hat dir das erzählt?", fragte Pelops, seine Stimme gefährlich leise.

„Ich... ich hörte die Köchin darüber sprechen."

„Du solltest nicht solchen Geschwätz zuhören." Pelops' Ton duldete keinen Widerspruch. „Tantalos war ein stolzer Mann, der einen Fehler machte. Aber das ist Vergangenheit. Es betrifft uns nicht mehr."

„Aber—"

„Genug." Pelops stand auf. „Wir sprechen nicht über solche Dinge. Nie. Verstanden?"

Beide Jungen nickten, eingeschüchtert.

Als ihr Vater den Raum verlassen hatte, sagte Hippodameia sanft: „Euer Vater trägt viele Lasten. Manche Dinge sind zu schwer für Kinderohren."

„Was hat Großvater getan?", flüsterte Atreus.

„Etwas Schreckliches. Etwas, das nicht wiederholt werden sollte." Sie küsste beide Jungen auf die Stirn. „Aber ihr seid nicht er. Ihr seid gut. Und ihr werdet gut bleiben."

Es war ein Wunsch, keine Prophezeiung.

Die Götter hörten nicht zu.

In dieser Nacht konnte Thyestes nicht schlafen.

Er lag in seinem Bett, starrte an die dunkle Decke, und dachte über das nach, was nicht gesagt worden war. Über Flüche und Geheimnisse und die Schatten, die über seiner Familie hingen.

Atreus, im Nachbarbett, schien ähnliche Gedanken zu haben.

„Bist du wach?", flüsterte er.

„Ja."

„Denkst du, es gibt wirklich einen Fluch?"

„Ich weiß nicht. Vater sagt nein."

„Aber er sieht traurig aus, wenn er darüber spricht. Als ob... als ob er es nicht glauben will, aber doch glaubt."

Thyestes drehte sich zu seinem Bruder. „Atreus?"

„Ja?"

„Wenn es einen Fluch gibt, können wir ihn dann brechen?"

Lange Stille. Dann sagte Atreus mit der Zuversicht eines Zehnjährigen: „Natürlich. Wir sind Brüder. Zusammen können wir alles."

„Versprichst du das?"

„Ich verspreche es."

Die beiden Jungen schliefen schließlich ein, Hand in Hand über den Raum zwischen ihren Betten gestreckt.

Sie wussten nicht, dass es das letzte Versprechen war, das sie halten würden.

Sie wussten nicht, dass bereits die Saat gelegt war für etwas Dunkles, etwas Unvermeidliches.

Sie wussten nicht, dass der Fluch geduldig war und seine Opfer sorgfältig wählte.

Sie waren nur zwei Jungen, die einander liebten.

Und das war ihre Tragödie.

KAPITEL 2: Die Maske

Atreus wurde zum Meister der Täuschung.

Er hatte in einer einzigen Nacht gelernt, was manche Männer ihr ganzes Leben lang nicht begreifen: dass Macht nicht darin besteht, seine Feinde zu vernichten, sondern darin, sie glauben zu machen, sie seien sicher. Dass Rache ein Gericht ist, das kalt serviert werden muss. Dass Geduld die tödlichste aller Waffen sein kann.

Also lächelte er.

Er lächelte beim Frühstück, wenn Aerope ihm Honig reichte und ihre Finger sich zufällig berührten. Er lächelte bei den Ratsversammlungen, wenn Thyestes neben ihm saß und Vorschläge machte, die Atreus früher stets geschätzt hatte. Er lächelte abends, wenn sie zu dritt Wein tranken und über unbedeutende Dinge sprachen – das Wetter, die Ernte, die Gerüchte aus Troja.

Nur nachts, wenn er allein war oder zu erschöpft, um die Maske zu tragen, erlaubte er sich die Wahrheit zu fühlen.

Die erste Woche war die schwerste. Jedes Mal, wenn Aerope ihn küsste, schmeckte er die Lüge auf ihren Lippen. Jedes Mal, wenn Thyestes seine Schulter berührte, jene brüderliche Geste der Kameradschaft, krampfte sich Atreus' Magen zusammen. Er musste sich zwingen, nicht zurückzuzucken, nicht zu schreien, nicht zuzuschlagen.

Aber er beherrschte sich.

Denn Atreus hatte einen Plan noch nicht, aber er wusste: Der richtige Moment würde kommen. Und wenn er kam, mussten beide – sein Bruder und seine Frau – vollkommen ahnungslos sein.

Die Tage wurden zu Wochen. Atreus beobachtete.

Er beobachtete, wie Aerope manchmal während des Abendessens abwesend wirkte, ihr Blick zu Thyestes glitt und dann schnell wieder weg. Er beobachtete, wie Thyestes Ausreden erfand – er müsse zum Tempel, zu den Ställen, zu den Weinbergen – und jedes Mal verließ Aerope kurz darauf ebenfalls den Palast unter einem Vorwand.

Sie glaubten, sie seien vorsichtig. Sie waren es nicht.

Oder vielleicht waren sie es, und Atreus sah nur das, was er sehen wollte, getrieben von einer Eifersucht, die ihn von innen auszehrte. Manchmal, in klaren Momenten, fragte er sich, ob er verrückt wurde. Ob der Fluch der Tantaliden nicht in Taten bestand, sondern in einer Wahnsinnigkeit, die die Seele vergiftete und Schatten sehen ließ, wo keine waren.

Aber dann fand er das Armband.

Es war ein simples Ding, Bronze mit eingravierten Delfinen, das er Aerope zur Hochzeit geschenkt hatte. Sie trug es stets, hatte ihm versichert, es sei ihr liebstes Schmuckstück. Doch an jenem Morgen lag es achtlos auf einem Tisch in Thyestes' Gemächern, wo Atreus es entdeckte, als er nach seinem Bruder suchte.

Er stand lange da und starrte auf das Metall, das im Morgenlicht glänzte. Seine Hand zitterte, als er es aufhob. Es fühlte sich schwer an, viel schwerer als Bronze sein sollte, als trüge es das Gewicht eines unwiderlegbaren Beweises.

„Suchst du etwas?"

Atreus fuhr herum. Thyestes stand in der Tür, das Haar noch feucht vom Bad, ein Lächeln auf den Lippen, das erstarb, als er sah, was Atreus in der Hand hielt.

Die Brüder sahen einander an.

Es war einer jener Momente, in denen die Welt innehält, in denen sich Schicksale entscheiden. Atreus hätte fragen können. Hätte Konfrontation suchen können. Hätte die Wahrheit fordern können.

Stattdessen lächelte er.

„Ich suchte dich", sagte er und ließ das Armband beiläufig auf den Tisch zurückfallen, als bedeute es nichts. „Die skythischen Händler sind angekommen. Du wolltest doch bei den Verhandlungen dabei sein."

Thyestes atmete aus, eine kaum wahrnehmbare Bewegung, doch Atreus sah sie. Erleichterung. Schuld. Dankbarkeit, dass die Frage nicht gestellt wurde.

„Natürlich", sagte Thyestes. „Ich komme sofort."

Als sie gemeinsam den Raum verließen, Schulter an Schulter wie so oft, konnte Thyestes nicht sehen, wie Atreus' Hände sich zu Fäusten ballten, die Nägel so tief in die Handflächen pressend, dass sie Halbmonde in die Haut gruben.

Die Beweise stapelten sich. Gestohlene Küsse, die ein Diener gesehen hatte. Flüsternde Treffen im alten Teil des Palastes. Ein Lied, das Thyestes summte und das Aerope später am selben Abend vor sich hin sang.

Und noch etwas anderes, das Atreus erst langsam dämmerte: Aerope war schwanger.

Sie verkündete es an einem strahlenden Frühlingsmorgen, umgeben von Blumen, die die Dienerinnen im Andron verteilt hatten. Ihr Gesicht leuchtete vor Freude – oder war es Angst? Atreus konnte es nicht mehr unterscheiden.

„Ein zweites Kind", sagte sie und nahm seine Hände. „Ist das nicht wunderbar?"

Atreus sah sie an, diese Frau, die er geliebt hatte, die er vielleicht immer noch liebte, trotz allem. Er sah die Hoffnung in ihren Augen, die Bitte um Vergebung, die sie nicht aussprechen konnte.

„Wunderbar", wiederholte er mechanisch.

Und dann, leiser, eine Frage, die ihm wie Gift über die Lippen kam: „Wann?"

„Der Arzt sagt, im späten Sommer." Sie senkte den Blick. „Ich... ich hoffe, es ist ein Mädchen diesmal."

Atreus rechnete nach. Später Sommer bedeutete, sie war im Winter schwanger geworden. Er erinnerte sich an den Winter. Er war in Sparta gewesen, hatte fast einen ganzen Monat dort verbracht, um einen Handelsvertrag auszuhandeln.

Einen ganzen Monat, in dem Aerope und Thyestes allein in Mykene gewesen waren.

„Ein Mädchen wäre schön", hörte er sich sagen, seine Stimme kam von weit her, als gehörte sie jemand anderem.

Aerope umarmte ihn, und er spürte, wie ihr Körper bebte. Weinte sie? Oder war es Erleichterung?

„Ich liebe dich", flüsterte sie gegen seine Schulter.

Atreus streichelte mechanisch ihren Rücken und sagte nichts. Was sollte er auch sagen? Dass er sie liebte? Es wäre die Wahrheit und eine Lüge zugleich. Dass er sie hasste? Auch das wäre wahr und unwahr.

Die Götter, dachte er bitter, müssen sich köstlich amüsieren.

Thyestes erfuhr es am selben Abend.

Atreus beobachtete die Reaktion seines Bruders genau, als Aerope die Neuigkeit verkündete. Ein kurzes Zögern. Ein Blick zwischen ihnen, zu schnell, um für Außenstehende von Bedeutung zu sein, aber für Atreus brannte er sich ins Gedächtnis ein.

„Mein Glückwunsch, Bruder", sagte Thyestes und hob seinen Becher. „Auf das Haus des Atreus. Mögen deine Kinder zahlreich sein und dein Name ewig währen."

Die anderen am Tisch stimmten ein. Die Höflinge tranken. Die Diener servierten mehr Wein. Die Welt drehte sich weiter.

Nur Atreus, der seinen Bruder kannte wie niemand sonst, sah die Verzweiflung hinter dem Lächeln. Die Art, wie Thyestes' Hand zitterte, als er den Becher absetzte. Die Blässe unter seiner sonnengebräunten Haut.

Gut, dachte Atreus. Leide. So wie ich leide.

Aber laut sagte er nur: „Danke, Bruder. Deine Worte bedeuten mir viel."

Die Ironie war so dick, dass man sie hätte schneiden können. Doch niemand bemerkte sie.

In dieser Nacht konnte Atreus nicht schlafen. Er lag neben Aerope, die ruhig atmete, eine Hand beschützend auf ihrem noch flachen Bauch, und starrte an die Decke, wo Schatten tanzten, geworfen vom flackernden Licht einer Öllampe.

Ein Gedanke quälte ihn, schlimmer als alle anderen: Was, wenn das Kind tatsächlich von ihm war?

Er hatte mit Aerope geschlafen, sporadisch, pflichtbewusst, in jenen wenigen Nächten, die er nicht von Staatsgeschäften oder Reisen erschöpft gewesen war. Es war möglich. Unwahrscheinlich vielleicht, aber möglich.

Und wenn es sein Kind war und er Rache an Aerope nahm, würde er dann sein eigenes Blut mit bestrafen?

Der Gedanke lähmte ihn. Er war kein Monster. Er wollte keines sein. Der Fluch der Tantaliden – dieser Kreislauf aus Verrat und Vergeltung, aus Kindesopfern und göttlichem Zorn – sollte mit ihm enden, nicht fortgesetzt werden.

Aber wie konnte er diese Demütigung ertragen? Wie konnte ein König, dessen Macht auf Respekt und Furcht basierte, mit einer treulosen Frau und einem verräterischen Bruder leben?

Die ganze Nacht grübelte er. Als die Morgendämmerung kam, rot wie Blut, hatte er seine Entscheidung getroffen.

Er würde warten.

Warten, bis das Kind geboren war. Warten, bis er mit Sicherheit wusste, wer der Vater war. Und dann, nur dann, würde er handeln.

Geduld, erinnerte er sich selbst. Geduld war eine Tugend. Auch wenn sie sich wie Feigheit anfühlte.

Die folgenden Monate waren eine Qual.

Atreus regierte weiterhin, empfing Gesandte, schlichtete Streitigkeiten, führte sein Königreich. Nach außen hin war er der perfekte Herrscher – gerecht, weise, stark. Nach innen fraß ihn die Ungewissheit auf.

Aerope blühte in ihrer Schwangerschaft auf. Sie wurde sanfter, strahlender, als ob die Last ihres Geheimnisses sie paradoxerweise befreite. Sie sang wieder, lachte mit den Dienerinnen, spielte mit dem kleinen Pleisthenes im Garten.

Thyestes hingegen verfiel. Er wurde stiller, zog sich zurück, trank mehr. Atreus beobachtete mit grimmiger Befriedigung, wie Schuldgefühle seinen Bruder auszehrten. Mehrmals schien Thyestes kurz davor zu stehen, zu beichten, öffnete den Mund, rang mit Worten, die nicht kommen wollten.

Aber er schwieg. Und Atreus schwieg auch.

Diese Stille zwischen ihnen war lauter als jeder Schrei.

Es war an einem heißen Julitag, als Elektra, die alte Amme, zu Atreus kam. Sie war gebrechlicher geworden in den letzten Jahren, doch ihr Verstand war scharf wie eh und je.

„Du weißt es", sagte sie ohne Umschweife, als sie allein waren.

Atreus sah sie an. Es hatte keinen Sinn zu leugnen. „Ja."

„Und was wirst du tun?"

„Was sollte ich tun?"

Die alte Frau schüttelte den Kopf. „Ich habe euch aufgezogen, dich und Thyestes. Ihr wart wie meine eigenen Söhne. Und nun... nun sehe ich den Fluch wirken. Wie er euch beide verdirbt."

„Der Fluch?" Atreus lachte bitter. „Elektra, das hier hat nichts mit einem Fluch zu tun. Das ist einfach Verrat. Menschliche Schwäche. Gewöhnliche Sünde."

„Ist es das?" Sie trat näher, ihre alten Augen bohrten sich in seine. „Oder ist es der Fluch, der diese Schwäche weckt? Der die Sünde einflüstert? Tantalos opferte seinen Sohn. Pelops gewann deine Mutter durch Mord. Und nun du und Thyestes..." Sie brach ab.

„Was? Sprich es aus."

„Ihr werdet euch gegenseitig zerstören. Und das Blut wird weiterfließen, Generation um Generation, bis..."

„Bis was?"

„Bis die Götter genug gesehen haben. Oder bis es niemanden mehr gibt, den man zerstören kann."

Atreus wandte sich ab. „Vielleicht verdienen wir es. Vielleicht verdienen wir alle, was kommt."

Elektra seufzte, ein Geräusch so alt wie die Zeit selbst. „Vielleicht, mein Junge. Vielleicht."

Sie ließ ihn allein mit seinen dunklen Gedanken und der brennenden Julisonne, die durch das Fenster fiel und alles in ein hartes, gnadenloses Licht tauchte.

Das Kind kam im August, zwei Wochen früher als erwartet.

Atreus war bei einer Jagd, als die Wehen einsetzten. Er hetzte zurück zum Palast, durch Staub und Hitze, sein Herz hämmerte im Rhythmus der Pferdehufe.

Als er ankam, war es vorbei. Die Hebammen empfingen ihn mit ernsten Gesichtern.

„Ein Junge, mein König", sagte die älteste von ihnen. „Klein, aber gesund."

„Und meine Frau?"

„Schwach, aber sie wird sich erholen."

Atreus nickte und ging in das Geburtszimmer. Aerope lag bleich und erschöpft im Bett, das Kind an ihrer Brust. Als sie ihn sah, begannen Tränen über ihr Gesicht zu laufen.

„Atreus", flüsterte sie. „Es tut mir so leid. Es tut mir so unendlich leid."

Er trat an das Bett und sah auf das winzige Wesen hinab. Das Baby hatte seine Augen geschlossen, die kleinen Fäuste geballt. Es hätte jedes Baby sein können – zu jung, um Ähnlichkeiten zu erkennen.

„Wie willst du ihn nennen?", fragte er mechanisch.

„Ich dachte... Tantalos." Sie sah ihn an, suchend. „Nach deinem Urgroßvater."

Atreus zuckte zusammen, als hätte sie ihn geschlagen. Tantalos. Der Name des Verfluchten. Der Name des Mannes, der alles ins Rollen gebracht hatte.

Ein bitterer Humor ergriff ihn. Wie passend.

„Tantalos", wiederholte er. „Ja. Das ist... passend."

Aerope schloss die Augen, Erleichterung auf ihrem Gesicht. Sie verstand seine wahre Bedeutung nicht. Aber das würde sie noch.

Atreus verließ den Raum und fand Thyestes im Korridor wartend. Sein Bruder sah aus, als hätte er seit Tagen nicht geschlafen.

„Ist sie...?"

„Sie lebt. Es ist ein Junge."

Thyestes atmete tief aus. „Darf ich...?"

„Nein." Das Wort kam scharf, wie ein Peitschenhieb. „Nicht jetzt. Sie braucht Ruhe."

Etwas in Atreus' Ton ließ Thyestes erstarren. Die Brüder standen sich gegenüber im dämmrigen Licht, und zum ersten Mal seit Monaten fiel die Maske.

„Bruder", begann Thyestes, seine Stimme rau, „ich muss mit dir sprechen. Es gibt etwas, das ich—"

„Nein." Atreus' Stimme war Eis. „Was auch immer du sagen willst, ich will es nicht hören. Nicht heute. Nicht jetzt."

„Aber—"

„Geh, Thyestes. Geh, bevor ich etwas tue, das wir beide bereuen."

Thyestes wich zurück, als hätte er eine Schlange gesehen. Dann drehte er sich um und ging, seine Schritte hallten durch den leeren Korridor.

Atreus blieb zurück, allein mit dem Wissen, dass sich alles verändert hatte. Die Zeit des Wartens, des Beobachtens, des Ertragens war vorbei.

Jetzt begann die Zeit der Entscheidungen.

Und die Götter, die alles sahen, lehnten sich zurück und warteten darauf, dass das Drama sich entfaltete, so wie sie es immer getan hatten, seit Tantalos seinen ersten tödlichen Fehler begangen hatte.

Der Fluch lebte.

Und er war hungrig.

KAPITEL 3: Die Bestätigung

Die Monate nach Tantalos' Geburt waren wie das langsame Gefrieren eines Flusses – an der Oberfläche schien alles normal, doch darunter verhärtete sich das Wasser zu tödlichem Eis.

Atreus wartete. Beobachtete. Und mit jedem Tag, an dem das Kind wuchs, suchte er nach Zeichen.

In den ersten Wochen war es unmöglich zu sagen. Neugeborene sahen alle gleich aus – zerknittert, rot, mehr Kreatur als Mensch. Doch dann, als Tantalos seinen ersten Monat erreichte, begannen sich Merkmale herauszubilden.

Die Augen blieben dunkel, nicht wie Atreus' graublaue, sondern ein tiefes Braun. Wie Thyestes' Augen. Das Haar, das spärlich zu sprießen begann, hatte einen goldenen Schimmer. Wie Thyestes' Haar.

Aber vielleicht bildete Atreus sich das nur ein. Vielleicht sah er das, was er zu sehen erwartete. Gene waren launisch – das Kind konnte die Merkmale irgendeines Vorfahren tragen, den niemand mehr kannte.

Also wartete er weiter.

Der Hof begann zu tuscheln.

Es waren kleine Dinge zunächst. Ein Diener, der zu schnell verstummte, wenn Atreus einen Raum betrat. Höflinge, die bedeutsame Blicke tauschten. Die Art, wie Gespräche sich veränderten, wenn der König anwesend war.

Atreus wusste: Wenn er es wusste, wussten es andere auch. Diener sahen alles. Wachen hörten alles. Und in einem Palast waren Geheimnisse wie Wasser – sie fanden immer einen Weg, hindurchzusickern.

Es war Menander, der Hauptmann seiner Leibwache, der schließlich kam.

Sie waren allein in Atreus' privatem Studienzimmer, umgeben von Karten und Schriftrollen. Menander war ein Mann in den Vierzigern, vernarbtes Gesicht, Hände wie Mühlsteine. Er hatte unter Pelops gedient und war Atreus seit dessen Kindheit treu ergeben.

„Mein König", begann er zögernd, „es gibt Gerüchte."

Atreus sah nicht von der Karte auf, die er studierte. „Es gibt immer Gerüchte."

„Diese sind... ernst."

„Erzähl sie mir."

Menander zögerte. Es war eine Sache, Gerüchte zu hören, eine andere, sie dem direkt Betroffenen zu wiederholen. Doch Atreus' Ton ließ keine Wahl.

„Man sagt, die Königin und dein Bruder..." Er brach ab.

„Sag es."

„...dass sie ein Verhältnis haben. Seit mehr als einem Jahr."

Atreus legte endlich die Feder beiseite und sah Menander an. Der alte Krieger wich seinem Blick nicht aus, doch Unbehagen stand in seinen Zügen geschrieben.

„Glaubst du diesen Gerüchten?"

„Ich... ich weiß nicht, was ich glauben soll, mein König. Aber ich habe Dinge gesehen. Sie beide, im alten Flügel. Blicke zwischen ihnen. Die Art, wie er ihren Namen ausspricht, wenn er denkt, niemand hört zu." Menander senkte die Stimme. „Und das Kind..."

„Was ist mit dem Kind?"

„Vergib mir, aber er ähnelt Prinz Thyestes mehr mit jedem Tag."

Stille füllte den Raum, dick und erstickend.

„Hat irgendjemand außerhalb des Palastes von diesen Gerüchten gehört?", fragte Atreus schließlich, seine Stimme ruhig – zu ruhig.

„Noch nicht. Die Diener haben Angst zu sprechen. Aber es ist nur eine Frage der Zeit."

Atreus nickte langsam. „Danke, Menander. Du hast gut daran getan, mir das zu sagen."

„Was wirst du tun?"

Es war eine kühne Frage, doch die beiden Männer kannten einander lange genug, dass sie erlaubt war.

„Was ein König tun muss", antwortete Atreus. „Die Ordnung wahren."

Nachdem Menander gegangen war, saß Atreus lange im Schweigen. Die Ordnung wahren. Welch hohle Worte. Welche Ordnung gab es noch zu wahren, wenn die fundamentalen Säulen – Vertrauen, Loyalität, Familie – bereits zerbrochen waren?

Doch er wusste: Menander hatte recht. Wenn die Gerüchte sich verbreiteten, wenn sie die Grenzen Mykenes überschritten, würde Atreus nicht nur als betrogener Ehemann dastehen, sondern als schwacher König. Und schwache Könige hielten ihre Throne nicht lange.

Die Entscheidung, die er monatelang hinausgezögert hatte, wurde ihm nun abgenommen.

Es war Zeit zu handeln.

Atreus ließ drei Tage verstreichen, bevor er seinen Plan in Gang setzte. Drei Tage, um zu planen, um vorzubereiten, um sicherzustellen, dass jeder Schritt bedacht war.

Am vierten Tag rief er Thyestes zu sich.

Sie trafen sich in der großen Halle, die normalerweise für Ratsversammlungen genutzt wurde. Atreus hatte dafür gesorgt, dass sie allein waren – keine Wachen, keine Diener, keine Zeugen. Nur die steinernen Säulen und die gemalten Fresken, die Szenen aus der Vergangenheit des Hauses zeigten: Pelops' Wagenrennen, Tantalos' Hochmut, die alten Triumphe und Tragödien.

Thyestes kam zögernd, als ahne er, dass etwas nicht stimmte. Er hatte in letzter Zeit an Gewicht verloren, dunkle Ringe umschatteten seine Augen.

„Du wolltest mich sprechen?"

Atreus stand am Fenster und blickte hinaus auf die Ebene, wo Olivenhaine sich im Wind wiegten. Er antwortete nicht sofort, ließ die Stille sich ausbreiten, schwer und bedrohlich.

„Weißt du", sagte er schließlich, ohne sich umzudrehen, „als wir Kinder waren, habe ich dich bewundert."

Thyestes blinzelte, verwirrt von diesem unerwarteten Anfang. „Ich... ich habe dich auch bewundert."

„Nein, das hast du nicht." Jetzt drehte Atreus sich um, und sein Gesicht war eine Maske – ausdruckslos, unleserlich. „Du hast mich bemitleidet. Den ernsten, langweiligen älteren Bruder, der immer Pflichten nachging, während du das Leben genossen hast."

„Das stimmt nicht—"

„Doch, das stimmt." Atreus trat näher. „Und das war in Ordnung. Wir waren unterschiedlich. Aber wir waren Brüder. Das war wichtiger als alles andere. Erinnerst du dich? Du hast es selbst gesagt, als wir Kinder waren: 'Brüder sind immer gut zueinander.'"

Thyestes wich zurück, sein Gesicht blass. „Atreus..."

„Sag es."

„Was?"

„Sag es!" Atreus' Stimme donnerte durch die Halle, und zum ersten Mal seit Monaten ließ er seine Wut frei. „Sag mir, was du getan hast! Gib mir wenigstens die Würde der Wahrheit!"

Thyestes stolperte rückwärts, als hätte ihn jemand geschlagen. Seine Lippen bewegten sich, doch keine Worte kamen heraus. Schuld, nackt und unverblümt, stand in sein Gesicht geschrieben.

„Wie lange?", presste Atreus hervor. „Wie lange hast du mit meiner Frau geschlafen?"

„Ich... wir..." Thyestes rang nach Luft. „Es war nicht... wir wollten nicht..."

„WIE LANGE?"

„Zwei Jahre!" Die Worte brachen aus Thyestes heraus wie Blut aus einer Wunde. „Zwei Jahre, aber Atreus, du musst verstehen, wir haben nicht geplant... es ist einfach passiert... wir haben versucht aufzuhören..."

Atreus lachte, ein Geräusch ohne Humor. „Es ist einfach passiert. Wie der Regen. Wie die Nacht. Einfach eine dieser Dinge, die man nicht kontrollieren kann."

„Ich liebe sie." Thyestes' Stimme brach. „Die Götter vergeben mir, ich liebe sie."

„Und ich?" Atreus' Stimme war jetzt leise, gefährlich. „Was bin ich für dich? Dein Bruder? Dein König? Oder nur ein Hindernis?"

„Du bist mein Bruder! Du wirst immer mein Bruder sein!"

„Brüder verraten einander nicht." Atreus trat so nahe, dass ihre Gesichter nur Handbreit voneinander entfernt waren. „Brüder schlafen nicht mit den Frauen des anderen. Brüder zeugen nicht Bastarde und lassen sie dann als legitime Erben aufwachsen."

Thyestes taumelte. „Das... das weißt du nicht. Tantalos könnte—"

„Sieh ihn dir an! Sieh das Kind an und sag mir, dass es mein Sohn ist!" Atreus' Hände ballten sich zu Fäusten. „Sag es mir ins Gesicht, und vielleicht, vielleicht glaube ich dir."

Aber Thyestes konnte es nicht. Er senkte den Blick, Tränen strömten über sein Gesicht, und sein Schweigen war das lauteste Geständnis.

Atreus wandte sich ab, plötzlich erschöpft. Die Wut verpuffte so schnell, wie sie gekommen war, und zurück blieb nur Leere.

„Du wirst Mykene verlassen", sagte er tonlos. „Bei Sonnenaufgang. Du nimmst, was du tragen kannst, und du gehst. Wenn du jemals zurückkehrst, lasse ich dich töten."

„Atreus, bitte—"

„GEH!" Die Stimme hallte von den Wänden wider, gewaltig und endgültig.

Thyestes stolperte zur Tür, drehte sich noch einmal um. „Was... was ist mit Aerope?"

Atreus antwortete nicht. Er hatte Aerope noch nicht entschieden. Ein Teil von ihm wollte sie ebenfalls verbannen, sie verstoßen, sie leiden lassen, wie er gelitten hatte. Ein anderer Teil – der Teil, der sie immer noch liebte, trotz allem – konnte es nicht.

„Geh einfach", sagte er schließlich. „Bevor ich meine Meinung ändere und dich hier und jetzt töte."

Thyestes ging.

Die Tür schloss sich hinter ihm mit einem Geräusch wie ein Grabstein, der an seinen Platz fällt.

Atreus blieb lange in der leeren Halle stehen. Draußen ging die Sonne unter, tauchte alles in blutrotes Licht.

Er hatte es getan. Die Konfrontation, die er monatelang vermieden hatte, war endlich geschehen. Und es fühlte sich nicht an wie ein Sieg. Es fühlte sich an wie eine Niederlage, ein Verlust so tief und umfassend, dass er kaum atmen konnte.

Schritte näherten sich. Atreus drehte sich um und sah Aerope in der Tür stehen. Sie musste Thyestes getroffen haben – ihre Augen waren rot, ihr Gesicht verweint.

„Du schickst ihn fort", sagte sie, keine Frage, eine Feststellung.

„Ja."

„Und mich?"

Atreus sah sie lange an. Diese Frau, die er geliebt hatte, die er geheiratet hatte, die seine Kinder geboren hatte. Sie wirkte jetzt kleiner, gebrochen, die Schönheit, die ihn einst verzaubert hatte, war überschattet von Schuld und Angst.

„Du bleibst", sagte er. „Für die Kinder. Für Pleisthenes und... für Tantalos."

Er konnte den Namen kaum aussprechen.

„Ich verdiene es nicht—"

„Nein, das tust du nicht." Atreus unterbrach sie. „Aber die Kinder verdienen eine Mutter. Und ich..." Er brach ab. Was wollte er sagen? Dass er sie immer noch liebte? Dass er sie hasste? Beides war wahr.

„Wir werden zusammenleben, als Mann und Frau, nach außen hin", fuhr er fort, jedes Wort sorgfältig gewählt. „Aber das ist alles, was wir sein werden. Eine Fassade. Eine Notwendigkeit. Verstehst du?"

Aerope nickte, Tränen liefen ihr übers Gesicht. „Wirst du... wirst du jemals vergeben können?"

Atreus dachte nach. Vergeben. Was für ein merkwürdiges Konzept. Die Priester predigten Vergebung, die Philosophen priesen sie als höchste Tugend. Doch wie vergab man das Unvergebbare?

„Ich weiß es nicht", antwortete er ehrlich. „Vielleicht. Eines Tages. Aber nicht heute. Und nicht bald."

Sie wollte etwas sagen, doch er hob die Hand.

„Geh jetzt. Bitte."

Aerope ging, und Atreus war wieder allein.

Thyestes verließ Mykene bei Sonnenaufgang, wie befohlen. Atreus beobachtete von der Palastmauer aus, wie sein Bruder durch das Löwentor ritt, ein einzelner Reiter mit einer Packpferd, klein werdend in der Morgendämmerung.

Menander stand neben ihm.

„Ist es das Richtige?", fragte der alte Krieger.

„Gibt es so etwas wie das Richtige in dieser Situation?", entgegnete Atreus.

„Nein, vermutlich nicht."

Sie schwiegen, bis Thyestes nur noch ein Punkt am Horizont war, dann verschwunden.

„Was nun?", fragte Menander.

Atreus wandte sich von der Mauer ab. „Jetzt regieren wir. Jetzt leben wir weiter. Jetzt tun wir, was getan werden muss."

Aber während er durch die Korridore des Palastes ging, wusste er die Wahrheit: Es war nicht vorbei. Nicht wirklich. Der Fluch der Tantaliden war nicht so leicht zu brechen. Er hatte gewütet in Tantalos, in Pelops, in Atreus selbst.

Und nun, in einem kleinen Kind namens Tantalos, der in seiner Wiege lag und nichts von dem Drama wusste, das ihn umgab, lebte der Fluch weiter.

Die Geschichte war nicht zu Ende.

Sie hatte gerade erst begonnen.

In den folgenden Wochen versuchte Atreus, zur Normalität zurückzukehren. Er empfing Gesandte, führte Kriege in kleinem Maßstab gegen räuberische Nachbarn, überwachte die Ernte. Das Leben ging weiter, weil es das immer tat, egal wie sehr man sich wünschte, es würde anhalten.

Doch nachts, wenn der Palast schlief und nur die Wachen ihre einsamen Runden gingen, stand Atreus oft an Fenstern und blickte in die Dunkelheit, in Richtung Süden, wo sein Bruder irgendwo war, verbannt und verflucht.

Und er fragte sich: War es genug? War Verbannung ausreichende Strafe für solchen Verrat?

Die Antwort, die in den dunklen Ecken seines Herzens wuchs, war nein.

Nein, es war nicht genug.

Bei weitem nicht.