Zwischen den Linien - Bruno Schelig - E-Book

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Bruno Schelig

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Beschreibung

"Zwischen den Linien" ist ein psychologischer Roman, der die Geschichte von Mia erzählt, einer 27-jährigen Künstlerin, die nach einer Schizophrenie-Diagnose ihr Kunststudium abbrechen musste und sich in ein isoliertes Leben zurückgezogen hat. Die Handlung setzt ein, als Mia bei einem ihrer seltenen Ausflüge in einen Park auf David trifft, einen Architekturstudenten mit einem ausgeprägten Sinn für Schönheit und Tiefe. Trotz ihrer anfänglichen Zurückhaltung entwickelt sich zwischen den beiden eine besondere Verbindung. David, dessen eigener Bruder mit Depressionen kämpft, begegnet Mias Krankheit mit Verständnis und Akzeptanz. Diese Begegnung wird zum Katalysator für Mias Rückkehr zur Kunst und ins Leben. Der Roman folgt Mia auf ihrem Weg, während sie sich verschiedenen Herausforderungen stellt: dem Wiedereinstieg in kreative Kurse, dem Aufbau einer Beziehung zu David, der Integration ihrer Halluzinationen und Stimmen in ihre künstlerische Ausdrucksweise und schließlich dem Schritt in die Öffentlichkeit mit einer eigenen Ausstellung. Parallel dazu erleben wir Davids eigene Kämpfe, als sein Bruder einen Suizidversuch unternimmt und er zwischen seiner Familie und Mia hin- und hergerissen wird. Diese Krise vertieft jedoch letztendlich ihre Verbindung und führt zu der Entscheidung, zusammenzuziehen. Das Werk thematisiert den komplexen Umgang mit psychischer Erkrankung, ohne in Klischees oder Vereinfachungen zu verfallen. Es zeigt, wie Mia lernt, ihre Schizophrenie nicht nur als Hindernis, sondern auch als Teil ihrer einzigartigen Perspektive zu sehen – als eine "andere Art des Sehens", die ihre Kunst bereichert. Die Geschichte endet nicht mit einer unrealistischen "Heilung", sondern mit einem neuen Gleichgewicht: Mia akzeptiert, dass ihre Krankheit Teil ihres Lebens bleibt, findet aber gleichzeitig Wege, ein erfülltes Leben zu führen – als Künstlerin, als Partnerin und schließlich sogar als potenzielle Mentorin für andere, die ähnliche Herausforderungen erleben. "Zwischen den Linien" ist ein einfühlsames Portrait einer Frau, die ihren eigenen Weg findet zwischen Krankheit und Gesundheit, Isolation und Verbindung, Angst und Mut – und dabei entdeckt, dass wahre Kunst und wahres Leben oft in diesen Zwischenräumen entstehen.

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Seitenzahl: 210

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Zwischen den Linien

by

Bruno Schelig

About

"Zwischen den Linien" ist ein psychologischer Roman, der die Geschichte von Mia erzählt, einer 27-jährigen Künstlerin, die nach einer Schizophrenie-Diagnose ihr Kunststudium abbrechen musste und sich in ein isoliertes Leben zurückgezogen hat. Die Handlung setzt ein, als Mia bei einem ihrer seltenen Ausflüge in einen Park auf David trifft, einen Architekturstudenten mit einem ausgeprägten Sinn für Schönheit und Tiefe.

Trotz ihrer anfänglichen Zurückhaltung entwickelt sich zwischen den beiden eine besondere Verbindung. David, dessen eigener Bruder mit Depressionen kämpft, begegnet Mias Krankheit mit Verständnis und Akzeptanz. Diese Begegnung wird zum Katalysator für Mias Rückkehr zur Kunst und ins Leben.

Der Roman folgt Mia auf ihrem Weg, während sie sich verschiedenen Herausforderungen stellt: dem Wiedereinstieg in kreative Kurse, dem Aufbau einer Beziehung zu David, der Integration ihrer Halluzinationen und Stimmen in ihre künstlerische Ausdrucksweise und schließlich dem Schritt in die Öffentlichkeit mit einer eigenen Ausstellung.

Parallel dazu erleben wir Davids eigene Kämpfe, als sein Bruder einen Suizidversuch unternimmt und er zwischen seiner Familie und Mia hin- und hergerissen wird. Diese Krise vertieft jedoch letztendlich ihre Verbindung und führt zu der Entscheidung, zusammenzuziehen.

Das Werk thematisiert den komplexen Umgang mit psychischer Erkrankung, ohne in Klischees oder Vereinfachungen zu verfallen. Es zeigt, wie Mia lernt, ihre Schizophrenie nicht nur als Hindernis, sondern auch als Teil ihrer einzigartigen Perspektive zu sehen – als eine "andere Art des Sehens", die ihre Kunst bereichert.

Die Geschichte endet nicht mit einer unrealistischen "Heilung", sondern mit einem neuen Gleichgewicht: Mia akzeptiert, dass ihre Krankheit Teil ihres Lebens bleibt, findet aber gleichzeitig Wege, ein erfülltes Leben zu führen – als Künstlerin, als Partnerin und schließlich sogar als potenzielle Mentorin für andere, die ähnliche Herausforderungen erleben.

"Zwischen den Linien" ist ein einfühlsames Portrait einer Frau, die ihren eigenen Weg findet zwischen Krankheit und Gesundheit, Isolation und Verbindung, Angst und Mut – und dabei entdeckt, dass wahre Kunst und wahres Leben oft in diesen Zwischenräumen entstehen.

Kapitel 1: Schattentänzer

Mia öffnete ihre Augen und starrte an die vertraute Rissformation an ihrer Zimmerdecke. Die feine Linie, die sich wie ein Fluss durch den weißen Putz schlängelte, hatte sie schon als Kind fasziniert. Damals hatte sie darin Gestalten und Geschichten gesehen – ein unschuldiges Spiel der Fantasie. Heute war sie sich nicht mehr sicher, ob die Gesichter, die manchmal aus den Rissen hervortraten, wirklich nur ihrer Vorstellungskraft entsprangen.

"Steh auf, du verschwendest den Tag," flüsterte eine Stimme von irgendwo hinter ihrem linken Ohr.

Mia ignorierte sie. Dr. Berger hatte ihr beigebracht, dass es besser war, nicht darauf zu reagieren. Die Stimmen würden intensiver, wenn man mit ihnen interagierte. Sie schaute auf ihren Wecker – 7:23 Uhr. Ihr Medikamentenalarm würde in sieben Minuten klingeln.

Die Morgensonne fiel durch die halbgeschlossenen Jalousien und warf gestreifte Schatten auf den Boden ihres kleinen Apartments. Mia lebte seit drei Jahren allein, nachdem sie aus der betreuten Wohngruppe ausgezogen war. Ein Erfolg, auf den sie stolz sein sollte, wie ihre Therapeutin immer wieder betonte. Manchmal fühlte es sich eher wie eine Strafe an – allein mit den Stimmen und den Schatten, die sich bewegten, wenn niemand hinsah.

"Die beobachten dich durchs Fenster, weißt du das nicht?" Die zweite Stimme, tiefer und rauer als die erste, kam von der Ecke ihres Zimmers.

Mia drehte reflexartig den Kopf, obwohl sie wusste, dass dort niemand stehen würde. Natürlich war die Ecke leer, nur ihr alter Schreibtisch und der Stapel ungelesener Bücher darauf.

Der Wecker piepste, und Mia griff automatisch nach der orangefarbenen Pillendose auf ihrem Nachttisch. Sie hatte ein System entwickelt – die Morgendosis neben das Bett stellen, damit sie keine Ausrede hatte, sie zu vergessen. Die kleinen weißen und gelben Tabletten lagen in der Handfläche ihrer Hand wie seltsame Murmeln. Risperidon, Escitalopram und ein Benzodiazepin für besonders schwere Tage.

"Nimm sie nicht. Sie vergiften dich damit. Sie wollen, dass du stumpf und kontrollierbar bist," zischte die tiefe Stimme.

Mia schluckte die Pillen mit einem Schluck Wasser aus der Flasche neben ihrem Bett. Die Stimme hatte unrecht. Die Medikamente waren wie Schwimmwesten in einem stürmischen Meer. Ohne sie würde sie ertrinken. Sie richtete sich auf und schwang die Beine über die Bettkante.

Der Boden war kalt unter ihren nackten Füßen, eine angenehme Erinnerung an die Solidität der physischen Welt. Mia hatte gelernt, sich an solchen kleinen Empfindungen festzuhalten. Die Kälte des Bodens, die Rauheit der Holzmaserung unter ihren Fingern, der bittere Geschmack des Kaffees – das waren Anker in der Realität.

Auf dem Weg ins Badezimmer blieb sie kurz stehen und betrachtete die Fotowand in ihrem Flur. Bilder ihrer Familie – Mutter, Vater, ihre jüngere Schwester Lena. Fotos von Freunden aus der Zeit vor ihrer Diagnose, als das Leben noch einfach erschien. Ein paar neuere Bilder mit Sarah und Tobias aus ihrer Selbsthilfegruppe. Manchmal, in ihren dunkelsten Momenten, fragte sie sich, ob diese Menschen überhaupt existierten oder ob sie sie sich ausgedacht hatte.

Im Badezimmer vermied Mia zunächst den Blick in den Spiegel. Die Morgen waren oft am schwierigsten, bevor die Medikamente anfingen zu wirken. Sie putzte sich die Zähne und duschte schnell, ließ das warme Wasser über ihre Haut laufen und konzentrierte sich auf die Empfindung. Als sie schließlich doch in den Spiegel schaute, sah sie nur sich selbst – hellbraune Augen mit dunklen Ringen darunter, schulterlanges, dunkelblondes Haar, das noch nass von der Dusche an ihrem Gesicht klebte. Keine verzerrten Gesichtszüge, keine Schatten, die sich über ihre Haut bewegten. Ein guter Morgen also.

Zurück im Schlafzimmer zog sie sich an: Jeans, ein einfaches T-Shirt, ein Flanellhemd darüber. Komfortabel und unauffällig. Mia hatte früher bunte Kleidung geliebt, hatte mit Farben und Stilen experimentiert. Jetzt bevorzugte sie zurückhaltende Töne. Auffallen bedeutete beobachtet werden, und das Gefühl, beobachtet zu werden, konnte schnell zu einer Spirale werden, die sie in die dunklen Ecken ihres Verstandes führte.

In der kleinen Küche bereitete sie sich Frühstück zu – eine Schüssel Müsli mit Milch. Die Routine half ihr, geerdet zu bleiben. Während sie aß, ging sie im Kopf ihren Tagesplan durch. Vormittags der Termin bei Dr. Berger, ihrer Psychiaterin. Nachmittags ihre Schicht in der Buchhandlung. Mia hatte vor acht Monaten angefangen, dort teilzeit zu arbeiten – ein weiterer Erfolg laut ihrer Therapeutin. Die Arbeit half ihr, Struktur zu bewahren, und die Bücher boten eine willkommene Flucht, wenn die Realität zu überwältigend wurde.

Als sie gerade die Schüssel in die Spüle stellte, klingelte ihr Handy. Lena. Mia zögerte einen Moment, bevor sie den Anruf annahm.

"Hallo?" Ihre Stimme klang rau, unbenutzt.

"Hey Mia, ich bin's. Nur die übliche Morgenkontrolle. Wie geht's dir heute?" Lenas Stimme war warm und voller Leben, wie immer.

Mia lächelte unwillkürlich. Ihre jüngere Schwester hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, jeden Morgen anzurufen, seit Mia allein wohnte. Eine sanfte Art der Kontrolle, die Mia mehr zu schätzen wusste, als sie je zugeben würde.

"Alles okay. Hab meine Medikamente genommen, gefrühstückt, gleich geht's zu Dr. Berger."

"Gut, das klingt nach einem soliden Start. Soll ich dich abholen und hinfahren?"

"Nein, ich nehme den Bus. Das schaffe ich." Mia versuchte, Entschlossenheit in ihre Stimme zu legen. Sie musste lernen, selbstständiger zu werden. Das hatte sie sich vorgenommen.

"Sicher? Es ist wirklich kein Problem für mich."

"Ich bin sicher. Aber danke, Lena."

Nach dem Gespräch legte Mia das Handy auf den Küchentisch und atmete tief durch. Sie liebte ihre Schwester, aber manchmal fühlte sie sich durch die ständige Fürsorge erstickt. Gleichzeitig wusste sie, wie viel Sorge und Angst hinter Lenas täglichen Anrufen steckten. Der Vorfall vor zwei Jahren hatte alle erschreckt, besonders Lena, die sie gefunden hatte.

Mia schüttelte den Kopf, um die Erinnerung zu vertreiben. Stattdessen konzentrierte sie sich darauf, ihre Tasche zu packen – Wasserflasche, Geldbörse, Schlüssel, Notizbuch. Das Notizbuch war Dr. Bergers Idee gewesen. Ein Tagebuch ihrer Symptome, ihrer Gedanken, ihrer Realitätsüberprüfungen. Manchmal half es ihr, manchmal fühlte es sich an, als würde sie ihre eigene Verrücktheit dokumentieren.

Als sie ihre Wohnung verließ, schloss sie die Tür zweimal ab und überprüfte den Griff dreimal. Eine weitere Gewohnheit, die ihr Sicherheit gab. Der Flur ihres Wohnhauses war leer, nur das leise Summen der Neonröhre an der Decke durchbrach die Stille. Mia ging zügig zum Aufzug und drückte den Knopf. Sie wohnte im fünften Stock eines älteren Gebäudes am Stadtrand. Es war ruhig hier, was sie schätzte. Weniger Menschen bedeuteten weniger Stimulation, weniger Verwirrung.

"Er wartet unten auf dich. Er will dich mitnehmen," flüsterte die sanftere Stimme.

Mia ignorierte sie und starrte auf die Anzeige über dem Aufzug, die die Stockwerke zählte. 3...2...1...Erdgeschoss. Mit einem Ding öffneten sich die Türen. Der Aufzug war leer. Natürlich war er leer. Sie trat hinein und drückte den Knopf für das Erdgeschoss.

Die Fahrt nach unten dauerte nur Sekunden, aber Mias Herzschlag beschleunigte sich trotzdem. Öffentliche Verkehrsmittel waren eine Herausforderung. So viele Menschen, so viel Lärm, so viele Eindrücke. Aber sie hatte einen System entwickelt – Kopfhörer aufsetzen, Musik hören, den Blick auf ein Buch oder ihr Handy richten, Atmung kontrollieren.

Als der Aufzug im Erdgeschoss ankam, setzte Mia ihre Kopfhörer auf und wählte eine Playlist mit ruhiger Klaviermusik. Sie verließ das Gebäude und ging die Straße entlang zur Bushaltestelle. Der Himmel war bewölkt, aber es regnete nicht. Eine angenehme Brise wehte durch die Bäume am Straßenrand. Mia konzentrierte sich auf diese Details, auf die reale Welt um sie herum.

Der Bus kam pünktlich, und sie stieg ein, zeigte ihre Monatskarte vor und setzte sich auf einen Einzelplatz am Fenster. Die Fahrt zur Praxis von Dr. Berger dauerte etwa zwanzig Minuten. Mia versuchte, sich in ihr Buch zu vertiefen – einen historischen Roman über das alte Rom – aber die Worte wollten heute nicht recht Sinn ergeben. Stattdessen beobachtete sie die Stadt durch das Fenster, die an ihr vorbeizog.

Dr. Bergers Praxis befand sich in einem modernisierten Altbau in der Innenstadt. Mia mochte das Gebäude mit seiner Jugendstilfassade und den hohen Fenstern. Es strahlte eine gewisse Beständigkeit aus, eine Kontinuität, die sie beruhigend fand. Sie betrat die Praxis und meldete sich bei der Rezeptionistin an, einer freundlichen Frau mittleren Alters namens Frau Keller.

"Guten Morgen, Mia. Dr. Berger ist bereit für Sie. Sie können gleich durchgehen."

Mia nickte dankbar und ging den vertrauten Flur entlang zu Dr. Bergers Sprechzimmer. Sie klopfte leise an und öffnete die Tür, als sie ein "Herein" hörte.

Dr. Berger saß wie immer hinter ihrem Schreibtisch, eine schlanke Frau Ende fünfzig mit kurzen, grauen Haaren und einer modernen Brille. Sie lächelte, als Mia eintrat, und deutete auf den bequemen Sessel ihr gegenüber.

"Guten Morgen, Mia. Wie geht es Ihnen heute?"

Mia setzte sich und legte ihr Notizbuch auf den kleinen Tisch zwischen ihnen. "Ganz gut, denke ich. Die Stimmen waren heute Morgen da, aber nicht besonders aufdringlich."

Dr. Berger nickte und machte sich eine Notiz. "Haben Sie Ihre Medikamente regelmäßig genommen?"

"Ja, wie verschrieben."

"Gut. Und wie sieht es mit den visuellen Halluzinationen aus? Hatten Sie in der letzten Woche welche?"

Mia zögerte. Sie hasste es, über die Dinge zu sprechen, die sie sah und von denen sie wusste, dass sie nicht real waren. Es war, als würde sie einen Teil ihrer Privatsphäre preisgeben, einen Teil ihres Verstandes, der nur ihr gehörte. Aber Dr. Berger hatte ihr immer wieder erklärt, wie wichtig Ehrlichkeit für die Behandlung war.

"Ein paar Mal. Gestern Abend dachte ich, jemand würde an meinem Fenster stehen und hereinsehen, obwohl ich im fünften Stock wohne. Und vorgestern sah ich Schatten, die sich bewegten, wenn ich nicht direkt hinschaute."

Dr. Berger machte sich weitere Notizen. "Konnten Sie die Techniken anwenden, die wir besprochen haben? Die Realitätsprüfung?"

Mia nickte. "Ja, meistens. Ich habe mir gesagt, dass niemand an meinem Fenster stehen kann, physisch unmöglich. Bei den Schatten war es schwieriger, aber ich habe das Licht angemacht und dann war es besser."

"Das haben Sie gut gemacht, Mia. Diese Strategien brauchen Zeit und Übung, aber Sie machen Fortschritte." Dr. Berger lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. "Wie läuft es in der Buchhandlung?"

Mia entspannte sich etwas. Über die Arbeit zu sprechen war einfacher. "Gut. Ich hatte diese Woche drei Schichten. Herr Weber, der Besitzer, hat mich gelobt, weil ich einem Kunden ein Buch empfohlen habe, das ihm sehr gefallen hat."

"Das ist wunderbar. Soziale Interaktionen und positives Feedback sind sehr wichtig." Dr. Berger lächelte. "Haben Sie in letzter Zeit mit Ihrer Selbsthilfegruppe gesprochen?"

"Wir treffen uns morgen wieder. Sarah hat angerufen und gefragt, ob ich komme."

Die Sitzung ging weiter, Dr. Berger stellte Fragen über Mias Schlafmuster, ihre Ernährung, ihre allgemeine Stimmung. Sie besprachen die Dosierung ihrer Medikamente, die Mia seit zwei Monaten stabil hielt. Nach etwa vierzig Minuten kamen sie zum Ende.

"Ich denke, wir belassen die Medikation so wie sie ist. Sie scheinen einen guten Gleichgewichtszustand erreicht zu haben." Dr. Berger reichte Mia ein neues Rezept. "Wenn sich etwas verändert oder verschlechtert, rufen Sie mich sofort an, ja? Nicht warten bis zum nächsten Termin."

Mia nahm das Rezept und nickte. Sie hatte gelernt, dass es gefährlich sein konnte, Verschlechterungen zu ignorieren. Der Absturz konnte schnell kommen und tief sein.

Als sie die Praxis verließ, fühlte Mia sich leichter. Diese Gespräche mit Dr. Berger waren wie Anker, die sie an die gemeinsam anerkannte Realität banden. Draußen schien nun die Sonne, die Wolken hatten sich verzogen. Sie hatte noch Zeit bis zu ihrer Schicht in der Buchhandlung und beschloss, einen kleinen Umweg durch den Park zu machen.

Der Stadtpark war einer von Mias Lieblingsorten. Die weiten Grünflächen, die alten Bäume, der kleine See in der Mitte – all das hatte etwas Beruhigendes. Sie fand eine leere Bank in der Nähe des Wassers und setzte sich, genoss die Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht. Ein paar Enten schwammen träge über den See, und in der Ferne spielten Kinder auf einem Spielplatz.

"Sie verfolgen dich auch hierher. Siehst du den Mann mit dem blauen Hemd? Er beobachtet dich seit du den Park betreten hast," meldete sich die tiefe Stimme wieder.

Mia schloss kurz die Augen und atmete tief durch. Realitätsprüfung. Sie öffnete die Augen wieder und schaute sich um. Da war tatsächlich ein Mann in einem blauen Hemd, der auf einer Bank etwa fünfzig Meter entfernt saß. Er las Zeitung und schaute nicht einmal in ihre Richtung. Kein Verfolger, nur ein normaler Parkbesucher, der seinen Tag genoss.

"Er tut nur so. Er wartet auf ein Signal," beharrte die Stimme.

Mia holte ihr Notizbuch hervor und schrieb: "Mann im blauen Hemd im Park – Stimme sagt, er verfolgt mich. Realität: Er liest Zeitung, schaut nicht her. Normale Person, die ihren Tag genießt." Das Aufschreiben half ihr, die rationalen Gedanken von den Wahnvorstellungen zu trennen.

Sie blieb noch eine Weile sitzen, genoss die frische Luft und die relative Ruhe in ihrem Kopf. Die Medikamente hatten ihre volle Wirkung entfaltet, und die Stimmen waren jetzt leiser, mehr ein Hintergrundgeräusch als aufdringliche Gesprächspartner. Als es Zeit wurde, zur Buchhandlung zu gehen, packte sie ihr Notizbuch wieder ein und machte sich auf den Weg.

"Webers Bücherwelt" war ein kleiner, unabhängiger Laden in einer Seitenstraße der Fußgängerzone. Herr Weber, ein freundlicher Mann in seinen Sechzigern, hatte Mia eine Chance gegeben, als nicht viele Arbeitgeber bereit waren, jemanden mit ihrer Diagnose einzustellen. Sie war ihm dafür unendlich dankbar.

Als sie den Laden betrat, bimmelte die kleine Glocke über der Tür. Der vertraute Geruch von Papier, Leder und Staub umhüllte sie sofort. Mia liebte diesen Geruch; er erinnerte sie an ruhige Nachmittage in der Schulbibliothek, lange bevor die Stimmen und die seltsamen Visionen begannen.

"Ah, Mia! Pünktlich wie immer." Herr Weber kam aus dem hinteren Teil des Ladens, ein Stapel Bücher in den Armen. "Könntest du diese bitte in die Abteilung für historische Romane einsortieren? Es ist eine neue Lieferung gekommen."

Mia nickte und nahm ihm die Bücher ab. Die Arbeit in der Buchhandlung war ideal für sie – strukturiert, aber nicht zu stressig, mit begrenztem Kundenkontakt, aber genug, um ihre sozialen Fähigkeiten zu üben. Sie kannte den Laden mittlerweile gut genug, um sich sicher zwischen den hohen Regalen zu bewegen, wusste genau, wo jedes Genre seinen Platz hatte.

Während sie die Bücher einsortierte, dachte Mia an ihren ersten schweren Schub zurück, der zur Diagnose geführt hatte. Sie war neunzehn gewesen, im zweiten Semester ihres Kunststudiums. Die Stimmen hatten leise begonnen, als Flüstern, das sie für ihre eigenen Gedanken hielt. Dann wurden sie lauter, deutlicher, zu eigen Persönlichkeiten. Die Halluzinationen folgten – Schatten, die sich bewegten, Gesichter, die sich verzerrten, Insekten, die über ihre Haut krochen, obwohl nichts da war.

Sie hatte monatelang versucht, es zu ignorieren, es vor ihren Eltern und Freunden zu verbergen. Bis zu jenem Tag in der Bibliothek, als die Stimmen ihr sagten, dass alle anderen Studenten Teil einer Verschwörung gegen sie seien, dass sie abgehört wurde, dass ihre Gedanken gestohlen würden. Sie hatte einen Zusammenbruch erlitten, mitten zwischen den Bücherregalen. Ein Kommilitone hatte den Notarzt gerufen.

Nach der ersten Hospitalisierung folgte eine lange Zeit der Anpassung – Medikamente, die nicht wirkten oder schreckliche Nebenwirkungen hatten, Therapeuten, die nicht zu ihr passten, der Abbruch des Studiums, der Verlust von Freunden, die mit ihrer veränderten Persönlichkeit nicht umgehen konnten. Aber dann kam Dr. Berger, und mit ihr fand Mia endlich ein Behandlungsschema, das funktionierte, ein Gleichgewicht zwischen Medikation und Therapie.

"Mia? Könntest du an die Kasse kommen? Ich muss kurz zum Postamt," rief Herr Weber, und riss sie aus ihren Gedanken.

"Natürlich, komme sofort," antwortete sie und stellte das letzte Buch ins Regal.

An der Kasse zu arbeiten, war der herausforderndste Teil ihres Jobs. Es bedeutete, mit Kunden zu sprechen, Augenkontakt zu halten, Geld zu zählen, während möglicherweise die Stimmen versuchten, sie abzulenken. Aber heute war ein guter Tag. Nur wenige Kunden kamen herein, und die Interaktionen verliefen reibungslos.

Gegen Ende ihrer Schicht, als sie gerade dabei war, neue Bestellungen in den Computer einzugeben, bimmelte die Türglocke. Mia blickte auf und sah einen jungen Mann hereinkommen, vielleicht in ihrem Alter, mit dunklen Haaren und einer Brille. Er wirkte etwas verloren.

"Kann ich Ihnen helfen?" fragte Mia automatisch.

Der Mann kam zur Kasse. "Ich hoffe es. Ich suche ein Buch für meine Schwester. Sie hat nächste Woche Geburtstag, und sie liest viel, aber ich habe keine Ahnung, was ihr gefallen könnte."

"Was liest sie denn normalerweise?" Mia fühlte sich sicherer, wenn sie über Bücher sprach. Das war ein Thema, bei dem sie sich auskannte.

"Ähm, viel Verschiedenes, glaube ich. Aber in letzter Zeit hat sie von einem Autor geschwärmt... irgendwas mit M... Murakami?"

"Haruki Murakami? Japanischer Autor, sehr surreale, träumerische Geschichten?"

Der junge Mann nickte eifrig. "Ja, genau der! Sie hat 'Kafka am Strand' gelesen und war begeistert."

Mia lächelte. Murakami war auch einer ihrer Lieblingsautoren. Seine Bücher mit ihrer Vermischung von Realität und Fantasie, mit den fließenden Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit, sprachen sie an. Vielleicht weil sie diese Unschärfe der Realität aus erster Hand kannte.

"Wenn sie 'Kafka am Strand' mochte, würde ich 'Die Ermordung des Commendatore' empfehlen. Es ist eines seiner neueren Werke und hat ähnliche Themen, aber eine ganz eigene Geschichte." Sie führte den Kunden zu einem Regal und zog ein dickes Buch heraus. "Es geht um einen Maler, der sich auf einen Berg zurückzieht und dort seltsame Dinge erlebt, die die Grenze zwischen Realität und Imagination verschwimmen lassen."

Der Mann nahm das Buch und blätterte darin. "Das klingt perfekt. Ich nehme es."

Als sie zurück zur Kasse gingen, stellte der junge Mann sich vor: "Ich bin übrigens David."

"Mia," antwortete sie mit einem kurzen Lächeln, während sie das Buch einscannte.

"Du scheinst dich wirklich mit Büchern auszukennen."

"Ich lese viel," sagte Mia schlicht. Sie wollte keine lange Konversation beginnen, trotzdem fühlte sie sich geschmeichelt durch das Kompliment.

"Das wären dann 24,90 Euro."

David bezahlte und nahm die Tüte mit dem Buch entgegen. "Vielen Dank für die Hilfe, Mia. Vielleicht komme ich wieder, wenn ich selbst etwas zum Lesen suche."

"Gerne. Wir haben dienstags bis samstags geöffnet." Sie wusste nicht, warum sie das hinzufügte – es war schließlich auf dem Schild an der Tür zu lesen.

Nachdem David gegangen war, kam Herr Weber zurück. "War alles in Ordnung während ich weg war?"

"Ja, alles gut. Ich habe gerade ein Buch von Murakami verkauft."

Herr Weber lächelte. "Sehr gut. Du kannst jetzt Feierabend machen, wenn du möchtest. Ich schließe heute ab."

Mia nickte dankbar. Es war ein langer Tag gewesen, und sie spürte, wie die Erschöpfung langsam einsetzte. Die Anstrengung, "normal" zu erscheinen, die Konzentration, die es brauchte, um die Stimmen zu ignorieren und in der Realität zu bleiben – all das zehrte an ihren Kräften.

Der Weg nach Hause führte sie wieder durch den Park, der sich am späten Nachmittag geleert hatte. Die Sonne stand tiefer am Himmel, warf lange Schatten über den Rasen. Mia setzte sich wieder auf die Bank am See und holte ihr Notizbuch hervor. Sie schrieb über ihren Tag, über das Gespräch mit Dr. Berger, über die Arbeit in der Buchhandlung, über David und seine Schwester, die Murakami las.

Das Schreiben half ihr, die Erlebnisse zu verankern, sie real zu machen. Manchmal, wenn die Krankheit besonders stark war, verschwamm nicht nur die Grenze zwischen Realität und Halluzination, sondern auch die zwischen Erinnerung und Fantasie. Das Tagebuch diente als externes Gedächtnis, ein Beweis dafür, was wirklich geschehen war.

Als sie fertig war mit dem Eintrag, packte sie das Notizbuch wieder ein und machte sich auf den Heimweg. Sie kaufte unterwegs etwas zu essen – eine vorbereitete Salat-Bowl und ein Brötchen – und nahm dann den Bus zurück zu ihrer Wohnung.

Ihr Apartment empfing sie mit der vertrauten Stille, die sowohl tröstlich als auch beunruhigend sein konnte. Mia zog ihre Schuhe aus, stellte das Essen auf den Küchentisch und ging ins Badezimmer, um sich die Hände zu waschen. Im Spiegel begegnete sie ihrem eigenen Blick, und für einen kurzen Moment glaubte sie, eine Bewegung hinter sich zu sehen, einen Schatten, der nicht ihrem eigenen entsprach.

Kapitel 2: Schattengrenzen

Mia stand unter der Dusche und ließ das heiße Wasser über ihren Körper laufen. Die Tropfen trommelten auf ihre Haut, ein stetiges Geräusch, das die Stimmen übertönte. Es war der Morgen nach ihrer Begegnung mit David in der Buchhandlung, und sie hatte unruhig geschlafen. Ihre Träume waren ein Kaleidoskop aus verschwimmenden Bildern gewesen – der Park, der sich in einen endlosen Wald verwandelte; die Buchhandlung, deren Regale bis zur Decke wuchsen und sie einschlossen; Davids Gesicht, das sich in das ihres Vaters verwandelte und dann in das eines Fremden.

"Er wird wiederkommen, weißt du," flüsterte die sanfte Stimme, die sie manchmal als weiblich wahrnahm. "Er hat es gesagt."

"Halt den Mund," murmelte Mia und drehte das Wasser heißer, bis ihre Haut rot wurde. Der Schmerz der Hitze war real, greifbar, ein Anker. Dr. Berger hätte dieses Verhalten nicht gutgeheißen – es grenzte an Selbstverletzung – aber manchmal brauchte Mia diese physische Empfindung, um die Grenzen ihres Körpers zu spüren, die Trennlinie zwischen sich und der Welt zu bekräftigen.

Sie stellte das Wasser ab und trat aus der Dusche, wickelte sich in ein großes Handtuch und vermied weiterhin den Blick in den Spiegel. Heute war Donnerstag. Donnerstags traf sich ihre Selbsthilfegruppe in den Räumen des Gemeindezentrum St. Markus. Acht Menschen mit verschiedenen psychischen Erkrankungen, die sich gegenseitig zuhörten und unterstützten. Ursprünglich hatte Mia nur widerwillig teilgenommen, auf Drängen von Dr. Berger. Inzwischen waren die wöchentlichen Treffen zu einer Art Ritual geworden, einer Art Familie.

Während sie sich anzog – schwarze Jeans, ein dunkelgrünes T-Shirt und eine graue Strickjacke – summte ihr Handy. Eine Nachricht von Sarah: "Bringst du heute die Kekse mit? Tobias hat Kaffee und Tee übernommen."

Mia lächelte leicht. Die kleinen Verantwortlichkeiten in der Gruppe zu übernehmen, gab ihr das Gefühl, gebraucht zu werden. Sie antwortete: "Ja, kaufe welche auf dem Weg."

Sie nahm ihre Morgenmedikamente mit einem Glas Wasser und machte sich ein einfaches Frühstück – Toast mit Honig und Tee. Während sie aß, blätterte sie in der Zeitung vom Vortag, vermied aber die Nachrichten über Kriminalität und Katastrophen. Solche Artikel konnten ihre paranoideren Gedanken befeuern, ihr einreden, dass die Welt ein durchweg gefährlicher Ort war, dass hinter jeder Ecke eine Bedrohung lauerte.

"Bleib zu Hause," meldete sich die tiefere Stimme, zum ersten Mal an diesem Tag. "Die Gruppe wird heute über dich reden. Sie planen etwas."

Mia schloss die Augen und atmete tief durch. Realitätscheck: Die Gruppe bestand aus Menschen wie sie, die mit ihren eigenen Problemen kämpften. Sie hatten keine geheime Agenda. Sarah war ihre Freundin, Tobias ebenfalls. Sie hatten zusammen Weihnachten gefeiert, als Mia nicht zu ihrer Familie fahren konnte, weil eine schwere Erkältung ihre medikamentöse Balance durcheinandergebracht hatte.

Sie schrieb in ihr Notizbuch: "Stimme sagt, die Gruppe plant etwas gegen mich. Realität: Sie sind meine Freunde und kämpfen mit ähnlichen Problemen wie ich." Das Aufschreiben half, die irrationalen Gedanken zu externalisieren und ihnen ihre Macht zu nehmen.

Nach dem Frühstück zog Mia ihre Jacke an, nahm ihre Tasche und verließ die Wohnung. Das Wetter hatte sich seit dem Vortag geändert – der Himmel war von dunklen Wolken bedeckt, und ein kalter Wind blies durch die Straßen. Der Spätherbst machte sich bemerkbar, bald würde der Winter einziehen. Mia zog den Reißverschluss ihrer Jacke höher und machte sich auf den Weg zur Bushaltestelle.