Buch Gabelbart - Patrick Huber - E-Book

Buch Gabelbart E-Book

Patrick Huber

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Beschreibung

Die Zwerge verfügen über eine neue, unglaubliche, technische Errungenschaft, die ihnen einen unvergleichlichen, strategischen Vorteil verschaffen wird: Das erste Luftschiff der Welt! Es gibt nur ein Problem: Keiner der Zwergenkrieger traut sich an Bord dieses technischen Wunderwerks. In Ermangelung Freiwilliger zwingt das Militär verurteilte Straftäter, an Bord des Schiffes zu dienen. Einar Gabelbart ist einer von ihnen und er verspürt keineswegs das Verlangen, für seinen König in den Krieg zu ziehen. Kann das gut ausgehen? Dies ist Teil siebzehn einer Reihe von Kurzgeschichten rund um die Runenkrieger, die Elitekämpfer der Zwerge. Sie sind Krieger, Gelehrte und Magier in einem. Jeden Monat erscheint eine weitere Kurzgeschichte über die Meister der Runen.

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Inhaltsverzeichnis

Danksagung

Impressum

Patrick Huber

Meister der Runen

Buch Gabelbart

Cover: Ireth Ancalimë

Am siebenunddreißigsten Tag seiner Gefangenschaft wurde Einar Gabelbart genauso brutal geweckt, wie an jedem, der sechsunddreißig vorangegangenen Tage. Der Wärter schlenderte lässig an der Zelle vorbei und lies den Kopf seiner Streitaxt gegen jede einzelne der dicken Eisenstäbe krachen, die Einar vom echten Leben trennten.

Stöhnend erwachte der Zwerg auf seiner harten Pritsche und öffnete die blutunterlaufenen Augen.

Der Wächter schob eine Schüssel mit Haferbrei durch eine Luke in der Gittertür und ging lärmend weiter.

Gabelbart hatte es nicht eilig mit dem Frühstück. Er setzte sich auf und beobachtete den Zwerg auf der anderen Seite der Gitterstäbe mit unverhohlenem Abscheu.

“Hey, Leif! Hast du letzte Nacht wieder Hundewelpen ertränkt, weil dein Weib dich nicht ranlässt? Keine Sorge, wenn sie einmal alt und grau ist, gehört sie ganz dir!”

Der Zwerg, der alle Insassen auf diesem Gang versorgt hatte, hielt erneut vor Einars Zelle an und musterte ihn kühl.

“Und du, Gabelbart? Hast du wieder Zwerge mit einem Schnitzmesser ausgeweidet?”

Er zog geräuschvoll hoch und spuckte durch die Stäbe hindurch in die Zelle.

“Achja, das ging ja nicht. Du steckst hier in diesem Rattenloch fest.”

Gabelbarts Hände begannen zu zittern und schnell verschränkte er die Finger ineinander.

“Ich bin nicht der Sadist von uns beiden, Leif”, knurrte er. “Kerle wie dich wird der göttliche Schmied in seiner Esse verfeuern!”

“Wird er das?”

Leif hob eine Augenbraue an. Eine Geste von solchem Hochmut, dass sie auch einem Elfen gut zu Gesicht gestanden hätte.

“Ich bin gespannt zu sehen, was er mit Mördern macht. Du wirst dich schon sehr bald vor ihm verantworten müssen. Ich habe gehört, dass heute dein großer Tag ist.”

Gabelbart wurde leichenblass unter seinem zottigen, gespaltenen Bart, dem er seinen Namen verdankte.

“Was denn? Keine frechen Erwiderungen mehr? Tja, wenn man dich in eine Rüstung steckt und dir einen Speer in die Hand drückt, damit du gegen ebenbürtige Gegner antreten kannst, bist du nicht mehr so mutig, wie?”

“Ich bin ein Schreiner und kein Krieger!”, schimpfte Gabelbart und vor Zorn flog sein Speichel bis zum Gitter.

“Du warst ein Schreiner. Jetzt bist du nur noch ein Mörder. Sei froh, dass du die Chance bekommst, der Gemeinschaft noch einen Dienst zu erweisen!”

Der Wärter deutete auf die Schüssel mit Gabelbarts Frühstück. “Du solltest aufessen. Du wirst deine Kraft brauchen.”

Leise lachend verließ Leif den kahlen, steinernen Gang und schlug krachend die schwere Tür hinter sich zu. Laut klickte das Schloss.

Gabelbart sprang von der Pritsche auf und brüllte ihm hinterher:

“Ich verfluche dich, Leif Falkenblick! Möge der Blitz dich beim Scheißen treffen!”

Ein paar seiner Leidensgenossen in den benachbarten Zellen johlten, erheitert von dem derben Spruch.

“Ich glaube, den hast du schon einmal benutzt, Gabelbart!”, rief Thorgrid, dessen Kerker sich schräg gegenüber befand. “Dir gehen allmählich die Ideen aus.”

“Ich habe noch jede Menge Verwünschungen übrig”, murrte Gabelbart. “Aber doppelt verflucht trifft härter.”

Einar schaffte drei Bissen von dem widerlichen Brei herunter zu würgen, bevor er aufgab und die Schüssel von sich schleuderte.

Verurteilte Straftäter wurden im Zwergenreich nicht immer eingekerkert. Die Gemeinschaft hatte durch die Verbrecher einen Schaden erlitten und die Bestrafung sollte nicht darin bestehen, dass die braven Bürger sie auch noch durchfütterten. Wer in der Lage war zu kämpfen, der wurde zum Dienst im großen Zwergenheer gezwungen.

Entweder die Verbrecher starben und die Herrscher hatten eine Sorge weniger, oder sie überlebten und bekamen die Chance, ihren Ruf wiederherzustellen und sogar zu Ruhm zu kommen.

Es gab in den Annalen der Zwerge sogar einen berühmten Kriegshelden, der einst ein verurteilter Verbrecher gewesen war. Er war in den Rängen des Militärs immer weiter aufgestiegen und hatte schließlich als General eine entscheidende und völlig aussichtslose Schlacht gegen die Grünhäute geschlagen. Entgegen aller Erwartungen hatte er die Zwerge zum Sieg geführt und dafür mit seinem Leben bezahlt.

Nachdenklich betrachtete Gabelbart seine Hände, die erneut zitterten. Sie waren einst völlig ruhig gewesen. Er hatte mit diesen Händen hochwertige Möbel und filigrane Kunstwerke aus Holz geformt. Wäre er jetzt noch in der Lage, feine Muster in eine Pfeife zu schnitzen?

Jedenfalls war er kein Krieger. Er gehörte nicht auf die Mauern, die das Reich beschützten.

Seine Mutter hatte ihm Geschichten über die Orks erzählt, wenn er ihr nicht gehorchen wollte. Wenn nicht alle Zwerge brav blieben, dann würden sie eines Tages von den Orks überrannt werden, hatte sie gesagt. Große, grüne Ungeheuer mit langen Stoßzähnen und infernalischem Feuer in den Augen. Sie lebten in windschiefen Zelten in der Wildnis und benahmen sich wie Tiere. Angeblich fraßen sie sogar Zwergenfleisch und konnten einem die Arme ausreißen!

Ihm schauderte bei dem Gedanken.

“Ich will nicht in den Krieg ziehen.”

Das geflüsterte Eingeständnis war an niemand bestimmten gerichtet.

Olaf, in der Zelle direkt neben seiner, antwortete laut und mit ernster Stimme:

“Keiner von uns will das. Außer vielleicht Grom, der Irre.”

Vom fernen Ende des Ganges brüllte Grom mit seiner rauen Stimme:

“Komm her und sag noch einmal, ich wäre Irre!”

Seine Leidensgenossen lachten herzhaft. Dann fuhr Olaf fort:

“Wir können alles schaffen und jeden bezwingen, solange wir zusammen arbeiten. Das waren deine Worte. Wir passen aufeinander auf. Dann werden wir das schon überstehen.”

Zustimmendes Gemurmel aus den anderen Zellen.

“Ja, wir haben immer noch uns.”

Bald darauf kamen die Wachen zurück. Eine Zelle nach der anderen wurde geöffnet und die Insassen mit eisernen Fesseln angekettet. Als alle zehn Häftlinge an der langen Eisenkette hingen, führte Leif sie aus dem Zellentrakt heraus, wie ein Rudel räudiger Köter. Keiner der Gefangenen versuchte zu fliehen. Es war aussichtslos. Sie befanden sich tief unter der Erde, umgeben von wer weiß wie vielen Wachen und müssten mehrere verschlossene Tore überwinden.

“Wo werden wir eingesetzt?”, wollte Olaf wissen.

Leif antwortete:

“Direkt an der Front. Soweit ich weiß braucht man euch für einen Einsatz, der so selbstmörderisch ist, dass sich alle Krieger geweigert haben, mitzumachen. Und die werden dafür bezahlt.”

“Hurensohn”, flüsterte Olaf und handelte sich dafür einen Hieb mit dem Knauf eines Kurzschwertes ein.

Ein Zug Gefangener aus einem anderen Trakt schloss sich ihnen an und die insgesamt zwanzig Häftlinge verließen den Kerker in einer langen Reihe.

“Die verlorenen Zwanzig”, brummte Gabelbart und dachte an all die Schrecken, die ihnen bevorstanden.

Es ging quer durch das unterirdische Königreich, nach Osten und nach oben.

“Das Osttor? Da soll die Front sein?”, fragte Gabelbart ungläubig. Soweit er gehört hatte, war die Ostgrenze des Königreiches bislang von Angriffen verschont geblieben. Allerdings war er auch eine ganze Weile lang eingesperrt gewesen…

Doch tatsächlich, die Wärter führten die heruntergekommene Truppe durch das hohe Tor und in das grelle Tageslicht. Gabelbart blinzelte, versuchte etwas zu erkennen.

Sie befanden sich auf einer steil abfallenden, grünen Wiese. Von diesem Hang aus konnte man auf ein paar niedrigere Gipfel und die weite, beige Fläche der großen Einöde blicken. Es war atemberaubend.

Es dauerte einen Moment, bis die Gefangenen den Anblick verarbeitet hatten. Aus den Augenwinkeln sah Gabelbart, wie Farin, dessen Zelle ihm gegenüber gelegen hatte, ungeniert weinte. Der arme Kerl war seit zwei Jahren eingesperrt und hatte sicherlich nicht damit gerechnet, noch einmal Tageslicht zu sehen.

“Gefangene! Bildet eine Reihe!”

Die tiefe, herrische Stimme lenkte die Aufmerksamkeit auf fünf Zwerge in glänzenden Rüstungen, die in strammer Haltung vor den verlorenen Zwanzig standen. Der lose Haufen abgerissener Gestalten reagierte nur langsam und die Wärter “ermunterten” ihn mit Stößen und Hieben.

Als alle Häftlinge endlich in einer Reihe standen, fuhr der Krieger mit der imposanten Stimme fort:

“Ihr seid verurteilte Verbrecher, die der Gemeinschaft großen Schaden zugefügt haben und eine Belastung darstellen. Viele von euch würden normalerweise vor den Scharfrichter treten. Doch stattdessen bekommt ihr die Chance, der Gesellschaft wieder etwas zurück zu geben. Ab heute seid ihr Teil des Militärs und ich erwarte, dass ihr euch auch so benehmt. Disziplin, Gehorsam, Tatkraft und Mut - entweder das, oder die Zelle unten im Kerker.”

Er machte eine Pause um die Worte sacken zu lassen.

“Mein Name ist Hauptmann Ralwig und ich bin ab heute euer direkter Vorgesetzter. Doch Runenkrieger Kalin Bücherschmied hier hat den Oberbefehl über eure Truppe und diese Mission.

Damit deutete er auf den Jüngling neben sich. Der Kerl hatte noch keinen anständigen Bart und seine roten Locken hingen ihm wirr vor den Augen. Dieser Knirps sollte sie herumkommandieren? Der grau-blaue Wappenrock seiner Zunft war blitzblank und offenkundig neu. Gabelbart hätte zwei Goldstücke darauf verwettet, dass der Bursche gerade erst zum Runenkrieger ernannt worden war. Er trug auch keinen beeindruckenden, magischen Plattenpanzer über seinem Kettenhemd. Dafür trug er jedoch zwei seltsame Schwerter am Gürtel. Links von diesem Kalin stand ein Zwerg, wie der ehemalige Schreiner ihn noch nie gesehen hatte. Sein Haar war pechschwarz und zu einem hohen Knoten gebunden. Sein Gesicht war gebräunt, als würde er den ganzen Tag an der Erdoberfläche verbringen und seine Augen waren sehr schmal. Als wäre diese Erscheinung noch nicht exotisch genug, trug der Kerl ein langes, gewickeltes Kleid und einen Strohhut. Gabelbart fragte sich zunächst, was dieser seltsame Zwerg hier bei den Kriegern wollte, doch dann sah er die Waffen an seiner Seite. Sie ähnelten jenen, die der junge Runenkrieger trug.

“Was läuft hier für eine komische Goblinscheiße?”, flüsterte Olaf, der ebenfalls den auffälligen Zwerg musterte.

“Ruhe!”, donnerte der Zwergenkrieger, der sie alle so herzlich begrüßt hatte und Olaf verstummte.

“Kalin hat ein ganz besonderes Schiff ersonnen und es zusammen mit den Schiffsbauern unserer Vettern, den Zwergen von Sokoku, gebaut. Der Herrscher von Sokoku sendet uns dieses Schiff als ein Zeichen der Freundschaft. Leider hat sich jeder unserer Krieger geweigert, das Schiff zu bemannen. Deshalb werdet ihr die Mannschaft bilden. Ihr seid die ersten Krieger in unserer neuen, königlichen Marine!”

Einen Moment lang herrschte Stille.

Dann brach es aus Gabelbart hervor:

“Na klar, die königliche Marine! Wo ist denn dieses wundersame Schiff und wo der Hafen?”

Spöttisch blickte er sich nach allen Seiten um, als erwarte er hier, mitten auf dem Berghang, weit weg von jedem Gewässer, das besagte Schiff zu sehen.

Kalin trat vor und deutete mit der rechten Hand nach oben auf etwas, dass sich über und hinter den Häftlingen befand.

---ENDE DER LESEPROBE---