Chefarzt Dr. Holl 1924 - Katrin Kastell - E-Book

Chefarzt Dr. Holl 1924 E-Book

Katrin Kastell

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Beschreibung

"Ein schwerer Unfall mit mehreren Verletzten!", ertönt in den frühen Abendstunden eine vertraute Stimme am Telefon und reißt Dr. Holl unsanft aus der gemütlichen Zweisamkeit mit seiner Frau Julia heraus. Im strömenden Regen eilt der Chefarzt in die Berling-Klinik. Eine undurchdringliche Wand finsterer Gewitterwolken verdunkelt den Himmel. Blitze zucken, ein Donnerschlag folgt dem nächsten. Kein Wunder, dass dieses Jahrhundertunwetter seine Opfer fordert, denkt Dr. Holl. Der durchnässte Klinikchef stößt die Tür zur Notaufnahme auf und sieht vor sich zwei Schwerverletzte auf Tragen liegen: Annalena Tetzlaff und Nicolai Berghoff. Ihre Blicke sind tief ineinander verwoben. Ein zartes Lächeln ziert Annalenas tränenüberströmtes Gesicht. Die Luft wirkt wie elektrisiert. Dr. Holl wischt sich eine Träne der Rührung aus dem Augenwinkel. Doch dann verliert Nicolai das Bewusstsein, der Chefarzt und sein Team müssen sofort operieren. Und während das Leben dieses Patienten am seidenen Faden hängt, beten alle für ein Wunder ...

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Inhalt

Cover

Blitzliebe in der Notaufnahme

Vorschau

Impressum

Blitzliebe in der Notaufnahme

Dr. Holl, zwei Schwerverletzteund ein Wunder

Von Katrin Kastell

»Ein schwerer Unfall mit mehreren Verletzten!«, ertönt in den frühen Abendstunden eine vertraute Stimme am Telefon und reißt Dr. Holl unsanft aus der gemütlichen Zweisamkeit mit seiner Frau Julia heraus. Im strömenden Regen eilt der Chefarzt in die Berling-Klinik. Eine undurchdringliche Wand finsterer Gewitterwolken verdunkelt den Himmel. Blitze zucken, ein Donnerschlag folgt dem nächsten.

Kein Wunder, dass dieses Jahrhundertunwetter seine Opfer fordert, denkt Dr. Holl. Der durchnässte Klinikchef stößt die Tür zur Notaufnahme auf und sieht vor sich zwei Schwerverletzte auf Tragen liegen: Annalena Tetzlaff und Nicolai Berghoff. Ihre Blicke sind tief ineinander verwoben. Ein zartes Lächeln ziert Annalenas tränenüberströmtes Gesicht. Die Luft wirkt wie elektrisiert. Doch dann verliert Nicolai das Bewusstsein, Dr. Holl und sein Team müssen sofort operieren. Und während das Leben dieses Patienten am seidenen Faden hängt, beten alle für ein Wunder ...

Mit der Note »Eins« bestanden! Und noch dazu mit Auszeichnung!

Immer wieder musste Annalena Tetzlaff das Zeugnis ansehen, das der Dekan der Fakultät ihr heute Vormittag mit den herzlichsten Glückwünschen überreicht hatte. Sie glitt mit den Fingerspitzen über das dicke Papier und bewunderte die filigranen, mit Tinte gezogenen Unterschriften der Professoren und des Dekans. Der runde Stempel ihrer Universität prangte darüber.

Sie konnte es einfach nicht glauben. Aber dort stand es – schwarz auf weiß. Annalena besaß einen Master of Engineering im Fach Architektur. Diesen Studienabschluss hatte wirklich sie erzielt – sie allein! Und das obendrein mit Bestnote.

Jahrelang hatte sie kaum etwas anderes gekannt als sparen und lernen, lernen und sparen. Mit all den Mühen und Einschränkungen wollte sie sich ihren Traum von einer Laufbahn als Architektin erfüllen. Von Kindesbeinen an hatte es für Annalena keinen anderen Berufswunsch gegeben.

Als sie noch klein gewesen war, hatte sie an Häusern hinaufgesehen, in denen sie gern hätte wohnen wollen und sich geschworen: »Die will ich eines Tages bauen!«

Viele ihrer Bekannten, darunter ihr geliebter Freund Bjarne und ihre allerliebste Busenfreundin Clara, hatten nicht begreifen können, wie sie all die Strapazen über all die Zeit hatte ertragen können.

Und allzu oft hatte Annalena es selbst nicht begriffen. Es war unendlich hart gewesen, ohne jede Unterstützung, allein mit ihrem mickrigen Studienkredit und Gelegenheitsjobs, ein Studium zu absolvieren, und es hatte Tage gegeben, an denen sie nahe dran gewesen war, aufzugeben.

Aber sie hatte durchgehalten, sie hatte die Zähne zusammengebissen und sich durchgekämpft. Und nun hielt sie den Lohn für all die Mühen in ihren Händen.

Mit dem so heiß ersehnten Studienabschluss war sie natürlich noch lange keine zugelassene Architektin, die nach eigenem Gutdünken in dem wunderbaren Beruf arbeiten durfte. Diese Bezeichnung würde sie erst führen dürfen, wenn sie sich eine Anzahl von Jahren in einer Stellung bewährt hatte und in die Architektenkammer aufgenommen worden war.

Das Problem für die meisten Studienabgänger war, dass solche Stellen rar gesät waren. Wie überall wurde auch in der Architekturbranche gespart, und viele Firmen stellten derzeit niemanden ein.

Doch in dieser Hinsicht hatte Annalena unfassbares Glück gehabt.

Das Geld für ihr Studium hatte sie sich größtenteils selbst verdienen müssen und hatte dazu jeden erdenklichen Job übernommen. Sie hatte im Supermarkt Regale gefüllt, hatte im Bistro gekellnert, Zeitungen ausgetragen und Hunde ausgeführt.

Nach ihrem zweiten Semester war ihr jedoch die Annonce des Architektenbüros Herbert & Lichtensteiner in die Hände gefallen, in der eine Hilfskraft gesucht worden war. Annalena hatte nicht gezögert und sich sofort auf die Stelle beworben.

Die beiden Architekten – Friedrich Herbert und Peter Lichtensteiner – hätten dem Alter nach ihre Väter sein können, und ein wenig väterlich verhielten sie sich ihr gegenüber auch. Annalena mochte die beiden auf Anhieb, und die Sympathie beruhte sichtlich auf Gegenseitigkeit: Sie stellten die Studienabsolventin ohne viel Federlesens ein.

Anfangs hatte sie dort im Wesentlichen alle möglichen Hilfsdienste verrichtet – vom Beantworten telefonischer Anfragen über die Bedienung des Druckers bis hin zum Kaffeekochen. Nach und nach hatten ihre beiden Chefs ihr jedoch immer verantwortungsvollere Aufgaben übertragen, und schließlich hatte sie sich als Praktikantin immer öfter in ihrem Wunschberuf erproben dürfen.

Als die Vorbereitungen für ihre Masterarbeit begonnen hatten, hatte sie schweren Herzens bei Herbert & Lichtensteiner kündigen müssen, um alle Zeit dem Lernen widmen zu können.

»Eine Abschiedsfeier geben wir für Sie nicht«, hatte Peter Lichtensteiner entschieden verkündet. »Höchstens ein kleines Glas Champagner auf Ihren Erfolg können wir trinken, denn wenn Ihr Abschluss nur halb so gut ausfällt, wie Ihre Arbeit hier für uns gewesen ist, dann lassen wir Sie uns nicht entgehen. Stimmt's, Friedrich?«

»Auf keinen Fall!«, hatte sein Freund und Kompagnon ihm lachend zugestimmt. »Sofort, wenn Sie den Abschluss in der Tasche haben, fangen Sie hier bei uns in Vollzeit an. In zwei Jahren haben Sie dann Ihre Zulassung als Architektin in der Tasche, und wer weiß – vielleicht nehmen wir Sie dann als Partnerin auf.«

Annalena hatte ihr Glück kaum fassen können. Herbert & Lichtensteiner war genau die Firma, die ihren Träumen entsprach. Die beiden Architekten entwarfen Wohnsiedlungen für Familien, in denen Generationen glücklich und geborgen miteinander leben konnten.

»Wohnen, wo das Glück zu Hause ist«, lautete ihr Motto, und genau das hatte Annalena sich für ihr Berufsleben vorgestellt: Sie wollte Häuser bauen, in denen das Glück daheim war.

Anfangs hatte sie geglaubt, ihre beiden Chefs hätten einfach nett sein und sie mit einer hoffnungsvollen Aussicht in ihre Abschlussvorbereitungen entlassen wollen.

Keine zwei Wochen später hatte sie jedoch bereits den komplett ausgefertigten Arbeitsvertrag in ihrem Briefkasten gefunden.

Auf einen am Vertrag befestigten gelben Klebezettel hatte Peter Lichtensteiner ein Lachgesicht gemalt und darunter gekritzelt: Bitte unterschrieben an uns zurücksenden. Wir sehen uns dann nach Ihrem Examen ab dem ersten August.

Noch einmal blickte Annalena auf die Urkunde nieder, die ihr bei der Feierstunde im großen Saal der Universität überreicht worden war, und schüttelte ungläubig den Kopf.

Ja, sie war zu beneiden. Für den kurzen Anflug von Traurigkeit, der sie erfasst hatte, weil sie unter ihren Kommilitonen die Einzige gewesen war, die niemanden zur Feier mitgebracht hatte, gab es keinen Grund.

Ihre Eltern waren früh gestorben, und die mürrische Tante Elsbeth, die sie wohl oder übel hatte aufziehen müssen, hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass Annalenas Zukunft sie nicht interessierte. Sie war nur froh gewesen, sie endlich los zu sein und nicht länger ernähren zu müssen. Und weitere Verwandte hatte Annalena nicht.

Aber das bedeutete schließlich noch lange nicht, dass sie allein auf der Welt war! Sie hatte einen liebenswerten Freundeskreis, die reizendsten Chefs auf der Welt, und vor allem hatte sie Bjarne und Clara! Beide hatten heute keine Zeit gehabt, um zur Feier kommen, doch das hieß ja nicht, dass sie nicht an sie dachten – im Gegenteil.

Ausgerechnet heute feierte Clara auf dem wunderschönen Anwesen ihrer Familie ein großes Sommerfest, auf das sich alle schon seit Wochen freuten. Annalena war sicher, dass die Freundin bei der Wahl des Datums auch ein wenig an sie gedacht hatte. Bestimmt würde sie die Party heute Abend zum Anlass nehmen, Annalenas Erfolg gleich mitzufeiern.

Dennoch wurde die Sehnsucht, ihre Freude mit einem geliebten Menschen teilen zu können, auf einmal übermächtig.

Spontan griff sie nach ihrem Handy und wählte Bjarnes Nummer ...

***

Annalenas Freund war Tennislehrer, und am heutigen Samstag gab er praktisch den ganzen Tag über Trainerstunden. Für gewöhnlich hätte Annalena ihn dabei nicht gestört, aber heute war ja schließlich kein gewöhnlicher Tag!

Wenn er gerade mit einem seiner Schüler beschäftigt war, würde er nicht ans Telefon gehen, und sie würde ihm einfach eine liebevolle Sprachnachricht schicken, würde ihm sagen, dass nun ihre gemeinsame Zukunft begann und dass sie sich unendlich darauf freute, ihn am Abend zu sehen. Wenn er aber gerade eine kurze Pause machte, würde sie es ihm persönlich sagen können, was einfach tausendmal schöner war.

Annalena war Bjarne begegnet, als sie in der Sportlerkantine des Tennisvereins als Kellnerin ausgeholfen hatte. Sie hatte sich praktisch auf Anhieb in den schlanken, athletischen jungen Mann mit dem vollen blonden Haar und den strahlend blauen Augen verliebt.

Von Anfang an war Annalena bewusst gewesen, wie grundverschieden Bjarne und sie waren. Aber gerade darum ergänzten sie sich so gut und passten hervorragend zueinander, fand sie: Er besaß die Leichtigkeit, die Sorglosigkeit, die ihr fehlten und die dem Leben Zauber verliehen. Sie hingegen war bodenständig, sogar ein wenig übervorsichtig und hatte von klein auf lernen müssen, vernünftig und verantwortungsbewusst zu handeln, was wiederum ihm ein wenig schwerfiel.

Zusammen sind wir perfekt, dachte Annalena, während sie auf das Klingelzeichen wartete.

Sie hatte vor allem im letzten Jahr viel zu wenig Zeit für ihre Liebe gehabt und aufgrund ihrer Examensvorbereitungen auch nicht genug auf Bjarnes Wünsche eingehen können. Das würde jetzt anders werden.

Ja, auch ihr Job bei Herbert & Lichtensteiner würde sie fordern und ihre Zeit in Anspruch nehmen, aber sie würde nicht mehr Abend für Abend über ihren Büchern schwitzen, sondern konnte wieder am Leben teilnehmen und die Zweisamkeit mit ihrem Freund genießen, wie Bjarne es sich schon so lange erhoffte.

Vor allem freute sie sich darauf, dass sie endlich darangehen konnten, ihre gemeinsame Zukunft zu planen. Sie liebten sich. Sie waren bereits zwei Jahre zusammen. Jetzt, wo Annalena über ein festes, planbares Einkommen verfügte, stand dem nächsten Schritt nichts mehr im Weg.

Aus ihrem winzigen Zimmer im Studentenwohnheim musste sie zum ersten September ausziehen, und Bjarne klagte über die Situation in seinem Untermieterzimmer seit Langem: Er wollte sein eigener Herr sein, sein eigenes Reich haben, Besuch einladen, wann er wollte, ohne sich mit seiner miesepetrigen Vermieterin herumärgern zu müssen. Vor allem aber wollte er mit Annalena zusammen sein.

Warum sollten sie sich also nicht gemeinsam eine Wohnung suchen?

Vorgeschlagen hatte Bjarne das bereits vor einiger Zeit, und einen Weg dazu hätte es auch gegeben. Ihre Eltern hatten Annalena nämlich eine kleine Summe hinterlassen, mit der sich die Kaution und die Einrichtung für eine Wohnung durchaus hätte bezahlen lassen. Auch für die ersten Monatsmieten hätte der Betrag sicher ausgereicht.

»Warum machen wir das nicht?«, hatte Bjarne gedrängt. »Ich muss aus diesem Loch bei der Wernecke einfach raus, oder ich werde trübsinnig. Und du hast es in dieser winzigen Koje schließlich auch nicht gerade gemütlich. Das ist doch alles kein Leben!«

Natürlich hatte er recht, und mehrmals war Annalena in Versuchung gewesen, ihm nachzugeben. Die Vorstellung war allzu schön: Mit ihm gemeinsam einschlafen, mit ihm gemeinsam aufwachen, sich gemeinsam ein Nest für ihre Liebe einrichten, etwas aufbauen ...

Aber sie hatte sich nun einmal hoch und heilig geschworen, das bisschen Geld, das ihre Eltern in ihrem viel zu kurzen Leben hatten ansparen können, nicht anzurühren, bis sie mit dem Studium fertig war und eine Stellung hatte. Sie wollte es nicht für Mietzahlungen und Ähnliches verschwenden, sondern damit eine Anzahlung für eine eigene kleine Wohnung leisten.

Jetzt war es so weit: Durch ihre Qualifikation und ihre Stellung würde sie von der Bank sicher den nötigen Kredit bekommen, auch wenn Bjarne als selbständiger Tennislehrer kein regelmäßiges Einkommen nachweisen konnte.

Gemeinsam würden sie den Kredit dann schon abzahlen – endlich konnten sie sich auf die Suche nach ihrem persönlichen kleinen Paradies machen. Und ganz, ganz langsam konnten sie dann auch an die Gründung einer Familie denken.

Aber das hatte noch ein paar Jahre Zeit, sie waren schließlich noch jung, und die Zukunft ihrer Kinder, wenn es dann einmal so weit war, sollte auf sicheren Füßen stehen.

Inzwischen war das Freizeichen bereits achtmal ertönt.

Wie schade, Bjarne war offenbar im Augenblick nicht in der Lage, ihren Anruf entgegenzunehmen. Gleich würde sich die Mailbox einschalten.

Dann aber nach dem zehnten Klingelton meldete er sich doch noch.

»Bjarne Feldhahn hier«, murmelte er undeutlich. »Wer ist denn da?«

Offenbar hatte er ihre Nummer auf dem Display nicht gesehen. Annalena hätte beim Klang seiner Stimme schwören können, er käme gerade aus dem Bett. Doch sie wusste ja, dass er in diesen Minuten auf dem Tennisplatz Trainerstunden gab.

»Ich bin's, Liebling!«, rief sie glücklich, weil sie ihn nun doch noch zu sprechen bekam. »Stell dir vor – ich habe mein Studium mit Bestnote abgeschlossen! Der Dekan hat mir persönlich gratuliert. Es war so feierlich, Bjarne – zu schade, dass du nicht dabei sein konntest.«

Kurze Zeit herrschte Stille.

»Das kann ich mir vorstellen«, entgegnete Bjarne dann. »Aber ich lebe nun einmal nicht von Luft und Liebe und bin auch kein reicher Erbe, weshalb ich leider auch am Wochenende meiner Arbeit nachgehen muss.«

»Aber das weiß ich doch, Liebster!«, rief Annalena. »Ich wollte es dir nur erzählen, damit du dich mit mir freuen kannst.«

»Ja, sicher. Ich freu mich«, murmelte Bjarne. »Bei der vielen Lernerei musste ja so was rauskommen. Ich wünsche euch noch eine tolle Feier, aber jetzt muss ich wieder zurück auf den Platz, mein Schüler wartet schon.«

»Natürlich, das verstehe ich doch«, versicherte ihm Annalena hastig. »Wir sehen uns ja dann heute Abend. Holst du mich ab?«

»Ach nein, das wird nicht gehen«, antwortete Bjarne. »Ich weiß nicht genau, wann ich hier wegkomme, und ich will dich nicht warten lassen. Am besten wir gehen jeder allein und sehen uns dann bei Clara.«

»Es macht mir nichts aus, auf dich zu warten ...«, begann Annalena, aber ein Klicklaut in der Leitung verriet ihr, dass Bjarne bereits aufgelegt hatte.

***

Also gut, dann würde Annalena eben allein zu Claras Party gehen und erst dort auf ihren Liebsten treffen. Das Ende der Welt war das ja wohl wirklich nicht.

Warum sie sich trotzdem auf einmal so bedrückt fühlte und ihre Hochstimmung wie eine Seifenblase geplatzt schien, war Annalena nicht richtig klar.

Sie versuchte, die trüben Gedanken abzuschütteln, und ging zu ihrem winzigen Kleiderschrank, um nach einem Outfit zu suchen, das sie heute Abend tragen konnte.

Außer praktischen T-Shirts, alten Jeans und dem dunkelblauen, knielangen Kleid, das sie zu der Feierstunde getragen hatte, besaß sie jedoch wirklich nicht viel – und erst recht nichts, was sich für eine Party bei der stets hocheleganten Clara eignete.

Annalena musste lachen. Dass ausgerechnet sie und Clara sich in der ersten Klasse des Gymnasiums als Freundinnen gefunden hatten, war ein weiterer Beweis für die These: Gegensätze ziehen sich an.

Während Annalena als Waise in kleinen Verhältnissen aufgewachsen war, war Clara in einer Villa groß geworden, als einziges Kind schwerreicher Eltern, die ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen hatten.

Kein Wunder, dass sie es mit dem Studium nicht eilig gehabt hatte, sondern erst einmal durch die Welt gereist war. Das Erbe ihrer Eltern war ihr schließlich sicher.

Jetzt aber, wo sie von ihren Reisen zurück und wieder dauerhaft in München war, würde sie sich sicher auch bald für eine Studienrichtung entscheiden.

Modedesign vielleicht, überlegte Annalena. Es gab wirklich nur wenige Frauen, die sich derartig elegant und geschmackvoll zu kleiden verstanden wie Clara von Rehwald.

Bjarne zog sich auch gern gut an und hatte Freude an Stil und Eleganz, wanderten ihre Gedanken weiter. Er lag Annalena seit Langem in den Ohren, sie solle endlich einmal »shoppen« gehen, wie die meisten Frauen es doch mit der größten Begeisterung taten, und sich neu einkleiden.

»Warum eigentlich nicht?«, fragte sie sich auf einmal abenteuerlustig.