Das Leben ist schön - Carolin Grahl - E-Book

Das Leben ist schön E-Book

Carolin Grahl

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Beschreibung

Er kommt aus Gran Canaria und ist der Sohn von Dr. Daniel Nordens Cousin Michael und dessen spanischer Frau Sofia. Alexander kennt nur ein Ziel: Er will Arzt werden und in die riesigen Fußstapfen seines berühmten Onkels, des Chefarztes Dr. Daniel Norden, treten. Er will beweisen, welche Talente in ihm schlummern. Dr. Norden ist gern bereit, Alexanders Mentor zu sein, ihm zu helfen, ihn zu fördern. Alexander Norden ist ein charismatischer, unglaublich attraktiver junger Mann. Die Frauenherzen erobert er, manchmal auch unfreiwillig, im Sturm. Seine spannende Studentenzeit wird jede Leserin, jeden Leser begeistern! »Hi, Alex! Weißt du es schon?« Petra Werner setzte sich in ihrem Krankenbett auf und schaute Alex mit leuchtenden Augen an. Alex, der, bis unters Kinn beladen mit frischen Handtüchern, Waschlappen und Toilettenrollen auf die Dusche von Petras Krankenzimmer zusteuerte, schüttelte den Kopf, was zur Folge hatte, dass zwei der Toilettenrollen zu Boden fielen und durchs Zimmer kullerten. Er seufzte. »Nein. Was soll ich denn wissen? Was für berauschende Neuigkeiten gibt es denn?« »Morgen ist mein großer Tag«, verkündete Petra und klatschte begeistert in die Hände. »Geburtstag?«, erkundigte sich Alex. »Wie alt wirst du denn? Achtzehn?« »Kein Geburtstag«, lachte Petra und zeigte dabei zwei Reihen schön gewachsener, blitzend weißer Zähne. »Geburtstag habe ich erst in fünf Wochen. Und ich werde auch noch nicht achtzehn, sondern leider erst siebzehn.« Mit einer anmutigen Handbewegung strich sie ihre langen, blonden Locken zurück. »Obwohl – zumindest so eine Art Geburtstag habe ich morgen dann doch.

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Seitenzahl: 130

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Der junge Norden – 17 –Das Leben ist schön

Petra trotzt ihrer bedrohlichen Erbkrankheit

Carolin Grahl

»Hi, Alex! Weißt du es schon?« Petra Werner setzte sich in ihrem Krankenbett auf und schaute Alex mit leuchtenden Augen an.

Alex, der, bis unters Kinn beladen mit frischen Handtüchern, Waschlappen und Toilettenrollen auf die Dusche von Petras Krankenzimmer zusteuerte, schüttelte den Kopf, was zur Folge hatte, dass zwei der Toilettenrollen zu Boden fielen und durchs Zimmer kullerten. Er seufzte. »Nein. Was soll ich denn wissen? Was für berauschende Neuigkeiten gibt es denn?«

»Morgen ist mein großer Tag«, verkündete Petra und klatschte begeistert in die Hände.

»Geburtstag?«, erkundigte sich Alex. »Wie alt wirst du denn? Achtzehn?«

»Kein Geburtstag«, lachte Petra und zeigte dabei zwei Reihen schön gewachsener, blitzend weißer Zähne. »Geburtstag habe ich erst in fünf Wochen. Und ich werde auch noch nicht achtzehn, sondern leider erst siebzehn.« Mit einer anmutigen Handbewegung strich sie ihre langen, blonden Locken zurück. »Obwohl – zumindest so eine Art Geburtstag habe ich morgen dann doch. Stell dir vor, Alex, meine Spenderlunge ist endlich da! Morgen werde ich operiert!«

Alex schluckte.

Unwillkürlich fragte er sich, ob Petra überhaupt begriff, was für ein schwerer Eingriff da vor ihr lag.

»Du wunderst dich anscheinend, dass ich keine Angst habe?«, fragte sie, als hätte sie Alex‘ Gedanken erraten.

Alex zuckte die Schultern. »Offen gestanden, ein bisschen wundere ich mich schon«, räumte er ein. »Wenn ich mir vorstelle, dass ich an deiner Stelle wäre…«

Petra legte sich mit hinter dem Kopf verschränkten Armen auf ihr Kissen zurück.

»Von der Operation werde ich nichts spüren. Und die Zeit danach, bis ich wieder einigermaßen fit bin, geht auch vorbei. Auf alle Fälle ist sie kürzer, als die vielen schlimmen Monate, die ich schon durchgestanden habe.« Sie lächelte und richtete ihren Blick träumerisch in die Ferne, als könnte sie durch die Wände des Krankenzimmers hindurch in ihre rosige Zukunft sehen. »Ich kann es noch kaum fassen«, redete sie weiter. »Wenn ich aus der Behnisch-Klinik entlassen werde, dann… dann bin ich ein ganz normaler Teenager. Ich kann in die Schule gehen und Abitur machen, später vielleicht sogar studieren. Ich kann Fahrstunden nehmen und den Führerschein machen. Ich kann tanzen und Partys feiern und einfach unbeschwert und glücklich sein– zusammen mit Hauke.«

»Hauke?«, erkundigte sich Alex. »Ist das der blonde junge Mann mit dem Bürstenschnitt, den ich schon ein paar Mal hier bei dir gesehen habe?«

»Genau. Das ist Hauke«, gab Petra zurück. »Ich mag ihn sehr, und es tut mir unendlich leid, dass er dauernd Rücksicht auf meine Gesundheit nehmen muss. Das ist nicht fair, weißt du. Ich habe Hauke freigegeben, aber davon will er nichts hören. Worüber ich natürlich sehr glücklich bin. Trotzdem habe ich manchmal ein ziemlich schlechtes Gewissen. Ich bin wirklich sehr froh, dass bald alles anders wird. Hauke macht so gerne Fahrradtouren. Ich bin als Kind auch gerne Fahrrad gefahren. Vielleicht schaffe ich es ja schon bald, Hauke auf seinen Ausflügen zu begleiten. Zumindest auf den Kleineren. Wir müssen ja nicht gleich rund um die Welt touren.«

Alex lud Handtücher und Waschlappen auf dem Besuchertischchen ab, bückte sich, um die Toilettenrollen wieder einzusammeln, und setzte sich dann zu Petra aufs Bett.

»Schickst du mir später über die sozialen Medien hin und wieder ein paar Videos von deinem neuen Leben?«, grinste er.

»Aber klar.« Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. »Von unseren Fahrradtouren, von den Schulfesten, später von der Abiturfeier … Ich habe ohnehin vor, nach meiner Genesung auf den sozialen Medien einen Blog anzufangen, um von meinem neuen Leben zu berichten. Damit ich anderen Menschen, die ebenfalls an Mukoviszidose leiden, Mut machen kann.«

»Super Idee, echt klasse. Ich werde dein erster Follower sein«, versprach Alex.

»So gehört sich das auch«, gab Petra mit einem Augenzwinkern zurück, wurde dann aber von einer Sekunde auf die andere ernst. »Weißt du, Alex, ich bin nicht nur für Hauke, sondern auch für meine Eltern sehr froh, wenn endlich alles vorüber ist und ich wieder gesund bin«, sagte sie. »Für Mama und Papa war die Zeit meiner Krankheit ebenfalls sehr schwer. Papa hat fast nur noch gearbeitet. Er ist mit den Haushaltsgeräten, die er verkauft, von Kunde zu Kunde und von Messe zu Messe gefahren. Immer war er unterwegs. Dabei bin ich mir sicher, dass es ihm gar nicht so sehr ums Geldverdienen ging. Er wollte einfach nicht zu Hause sein, um nicht mit ansehen zu müssen, wie ich ständig husten musste und kaum Luft bekam. Dabei waren wir vor meiner Krankheit eine so glückliche Familie. Wir haben von einem Geschwisterchen für mich geträumt. Ich hätte mich so sehr über einen kleinen Bruder oder eine kleine Schwester gefreut.«

»Was nicht ist, kann ja noch werden«, meinte Alex. »Wenn du erst wieder gesund bist, klappt es bei deinen Eltern vielleicht auch mit dem Bruder oder mit der Schwester.«

»Das wäre schön. Hauke hat zwei Schwestern. Er sagt, dass die beiden manchmal echt ätzend, im Großen und Ganzen aber in Ordnung sind. Ich für meinen Teil finde sie richtig nett. Eine große Familie ist etwas Wunderschönes. Mit ein bisschen Glück kann ich später vielleicht sogar selbst Kinder haben. Wer weiß?«

Alex rückte das Namensschild an seinem Pflegerkittel gerade und wischte mit dem Finger ein paar Mal darüber, als müsste er es von Staub befreien.

»Das glaubst du nicht?«, meinte Petra.

Alex wurde noch verlegener.

»Dr. Norden glaubt es auch nicht«, sagte Petra, ohne auf Alex‘ Antwort zu warten. »Aber es könnte trotzdem passieren. Weil alles möglich ist, wenn man nur fest genug davon überzeugt ist, dass es wahr werden kann. In der Schule haben wir in Deutsch einmal ein Gedicht durchgenommen, in dem es heißt: Die Wunder knien vor dir und flehen, sie sind ja nur, weil du sie glaubst. Das ist doch schön, oder?«

Alex erhob sich und griff nach den Handtüchern, Waschlappen und Toilettenpapierrollen. »Ja, das ist schön. Aber ich muss jetzt leider wieder malochen. Sonst bekomme ich am Ende noch Ärger mit der gestrengen Oberschwester.«

»Sie ist ein richtiger Drachen, stimmt’s?«

»Na, ja. Drachen gibt es längst nicht mehr. Sie sind ausgestorben. Es ist also vielleicht nicht ganz das passende Wort«, beschwichtigte Alex. »Sie nimmt es mit ihren Pflichten halt sehr genau und sieht zu, dass hier auf ihrer Abteilung alles läuft wie am Schnürchen. Das ist ja im Grunde durchaus löblich und im Sinne der Patienten.«

Petra lachte. »Kannst du eigentlich auch einmal über jemanden etwas Schlechtes sagen? Etwas, das so richtig böse ist?«, scherzte sie.

»Warum nicht? Wenn ich an einer bestimmten Person absolut nichts Gutes finde, bleibt mir wohl keine andere Wahl.«

Petra musste von Neuem lachen. »Nur frage ich mich, ob es diese bestimmte Person überhaupt gibt. Oder jemals geben wird«, hielt sie dagegen.

Sie wollte noch etwas hinzusetzen, musste aber plötzlich so heftig husten, dass sie kein weiteres Wort mehr hervorbrachte.

Alex reichte ihr sofort ihr Spray. »Hast du deine Tabletten heute schon genommen?«, fragte er.

Petra keuchte und würgte, dann schüttelte sie den Kopf. »Die habe ich, glaube ich, ganz vergessen. Vor lauter Vorfreude, dass ich sie ab morgen nicht mehr brauche.«

Alex schaute in die Pillenbox auf Petras Beistelltischchen, gab ihr das entsprechende Medikament und wartete, bis sie es geschluckt hatte. »Erst ab morgen brauchst du das Zeug nicht mehr«, sagte er und nickte Petra dabei aufmunternd zu. »Heute musst du es noch zweimal nehmen. Nachmittags und abends. Wirst du daran denken? Oder muss ich dich erinnern?«

Petra schwieg eine Weile, bis sie vollends wieder Atem geschöpft hatte.

»Ich finde, du solltest mich erinnern«, antwortete sie. »Ich mag es nämlich, wenn du zu mir ins Zimmer kommst. Du bist ein echt guter Typ. Wenn ich nicht schon Hauke hätte …«

»Dann?«, hakte Alex grinsend nach.

Sie lachten beide.

»Kommst du mich besuchen, wenn ich die Operation hinter mir habe?«, fragte Petra. »Meine Mama hat mir versprochen, so bald wie möglich da zu sein. Noch bevor ich aufwache. Hauke wird auch bei mir sein. Vielleicht kommt ja sogar Papa.«

»Was mich betrifft, auf mich kannst du zählen«, versicherte Alex. »Hundert Prozent.«

Er betrat die Dusche, wechselte Handtücher und Waschlappen aus und sorgte für Nachschub an Seife und Duschgel, Toilettenpapier und Feuchttüchern.

»Das wars«, meinte er, als er wieder ins Krankenzimmer zurückkehrte. »Bis später. Falls du, was die Erinnerung an deine Tabletten betrifft, mit Chris vorliebnehmen musst, komme ich auf jeden Fall gegen Abend, nach Ende meiner Schicht, noch einmal vorbei und wünsche dir alles Gute für morgen.«

»Das ist lieb von dir, Alex. Danke«, antwortete Petra und winkte Alex nach.

Als er die Tür hinter sich zugezogen hatte, hielt Alex einen Moment inne.

Woher nahm Petra, all ihrer Zartheit und Zerbrechlichkeit zum Trotz, so viel Mut und so viel unerschütterliche Hoffnung?

Zumal Dr. Norden sie, wenn auch mit der gebührenden Vorsicht, darauf hingewiesen hatte, dass selbst die Lungentransplantation ihr keine Heilung ihrer Krankheit, sondern nur einen Aufschub verschaffen würde.

Wenn alles gut lief, würden Petra noch maximal zwanzig Jahre bleiben.

Das war für einen jungen Menschen zwar eine lange Zeit, aber über ihre Lebensmitte würde Petra nicht hinauskommen.

Und doch wirkte sie so glücklich und zufrieden wie nur wenige Menschen, die er kannte…

»He, Alex! Träumst du mit offenen Augen?«, wurde Alex in diesem Moment von der Stimme des jungen Krankenpflegers Chris aus seiner Versunkenheit gerissen.

»Ich? Ja. Nein, natürlich nicht. Ich habe mir nur gerade überlegt, welche Arbeit als nächstes ansteht und deshalb…«

»Welche Arbeit als nächstes ansteht, kann ich dir sagen«, unterbrach ihn Chris. »Der Gang nach Canossa, sprich zur Oberschwester. Sie hat mich gerade gefragt, wo du eigentlich so lange bleibst.«

»Und was hast du gesagt?«

»Dass ich es nicht weiß, du Scherzkeks«, gab Chris zurück. »Aber jetzt dalli, dalli, ehe die liebe Oberschwester noch vollends ausrastet.« Mit einer wedelnden Handbewegung scheuchte Chris Alex weiter. »Am Ende lässt sie dich noch nachsitzen.«

Alex verdrehte die Augen und eilte in Richtung Dienstzimmer.

»Und Drachen sind doch nicht ausgestorben. Es gibt sie immer noch«, murmelte er vor sich hin.

*

Schwungvoll bog Alex auf seinem frisch reparierten Motorrad in die Glockenbachstraße ein.

Seit Bernds Freund die Maschine sozusagen generalüberholt hatte, lief sie im wahrsten Sinne des Wortes wie geschmiert. Die Reparatur war zwar nicht ganz billig gewesen, aber rückblickend fand Alex, dass sich jeder Euro gelohnt hatte.

Manchmal fragte Alex sich sogar, ob Bernds Freund das Motorrad möglicherweise ein bisschen getunt hatte. Zumindest konnte Alex sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Maschine, seit er sie nach schier endlos langen Wochen aus der Werkstatt zurückbekommen hatte, viel geschmeidiger lief und auch rascher beschleunigte.

Ob er die Maschine noch einmal kurz testen sollte?

Nur um herauszufinden, ob er sich nicht doch getäuscht hatte?

Alex ließ kurz seine Blicke schweifen und stellte fest, dass die Glockenbachstraße zu dieser vorgerückten Stunde so gut wie menschenleer war. Zumindest die Fahrbahn. Nur auf dem Gehsteig liefen ein paar Menschen, die nach Hause oder in die nächste Kneipe strebten.

Er würde also niemanden gefährden, wenn er bis zu dem Mietshaus, in dem er wohnte, noch einmal richtig Gas gab.

Gedacht, getan.

Alex beschleunigte und stellte begeistert fest, wie schnell das Motorrad auch diesmal wieder auf Touren kam.

Gerade als ein breites, zufriedenes Grinsen auf seine Lippen trat und er am liebsten triumphierend die Faust in die Höhe geworfen hätte, schreckte ihn ein grelles Blitzlicht auf und setzte seinem Hochgefühl ein jähes Ende.

Verdammt!

Noch nie war in der Glockenbachstraße eine Geschwindigkeitskontrolle durchgeführt worden!

Und schon gar nicht um diese Zeit!

Alex bremste ab, auch wenn es nun ohnehin schon zu spät war.

In ein paar Tagen würde er unweigerlich einen Strafzettel im Briefkasten finden. Und dabei konnte er noch froh sein, wenn es nur um Geld ging und er nicht auch noch zusätzlich einen Eintrag ins Flensburger Register kassierte.

Alex‘ Stimmung bekam einen jähen Dämpfer und sank wie ein leckes Boot von Minute zu Minute.

Als er zu Hause ankam, hatte sie einen absoluten Tiefpunkt erreicht.

Er stellte sein Motorrad in den alten, leer geräumten Holzschuppen, den ihm der Vermieter für teures Geld als Unterstand angeboten hatte, und trottete auf die Haustür zu.

In diesem Moment öffnete sich im Dachgeschoss ein Fenster, aus dem unverkennbar Partylärm drang.

Alex runzelte die Stirn.

In seiner, Sinas und Alissas Wohnung war offenbar eine Fete im Gange, bei der es hoch herging.

Und ihm hatte wieder einmal niemand ein Wort davon gesagt!

Sollte er jetzt etwa auch noch seinen Strafzettel feiern?

Mit finsterer Miene sperrte Alex die Haustür auf.

Auch im Treppenhaus schlug ihm der Partylärm aus dem Dachgeschoss entgegen.

Je weiter Alex die Stufen empor stapfte, desto lauter wurde es.

Oben angekommen, stellte Alex ärgerlich fest, dass die Wohnungstür sperrangelweit offenstand. Vielleicht kam zu dem Strafzettel ja schon bald eine Anzeige wegen Ruhestörung hinzu!

Dieser pingelige Herr Marquardt, der erst vor wenigen Wochen in die Wohnung genau unter seiner eingezogen war …

Erst der Pizzageruch glättete die Zornesfalten auf Alex‘ Stirn wieder ein wenig und machte ihm bewusst, dass er hungrig war.

Schnuppernd näherte er sich und wurde im nächsten Augenblick von Sina in eine liebevolle Umarmung gezogen.

Der Rest seines Ärgers verrauchte unter Sinas Küssen.

»Schatz, was … was ist denn hier los?«, stammelte er, als Sina sich endlich von ihm löste. »Was in aller Welt feiert ihr denn? »

»Komm erst einmal herein«, sagte Sina und zog ihn in den Flur.

Dort wurde Alex von Alissa, Mona und Bernd begrüßt.

Und danach von einer attraktiven jungen Frau in die Arme geschlossen, die ihm bekannt vorkam, die er aber nicht zuordnen konnte.

»Ich bin Sonia. Sonia Franconi«, sagte sie und drückte Alex ein weiteres Mal an sich. »Und du musst Alex sein. Ich freue mich, dich endlich kennenzulernen.«

»Ja, ich bin Alex«, sagte Alex, um seine Verlegenheit zu überspielen.

Woher in aller Welt kannte er diese Sonia … Sonia Franconi? Wo hatte er sie schon einmal gesehen?

Er musterte sein Gegenüber so unauffällig wie möglich.

Das fast bis zur Taille reichende, dunkellockige Haar, die ein wenig zu üppig aufgetragene Schminke …

Mit einem Mal fiel es Alex wie Schuppen von den Augen: Sonia Franconi war die junge Frau, die er zusammen mit Alberto Manolo vor dieser Kaffeebar in der Lenbachstraße beobachtet und für Albertos Geliebte gehalten hatte!

»Ich bin Sinas und Tonios Halbschwester«, drang in diesem Moment Sonias Stimme in seine Gedanken. »Ich bin hierhergekommen, um Sina und dich kennenzulernen.«

»Freut mich, endlich deine Bekanntschaft zu machen, Sonia«, antwortete Alex und erntete für diese Worte einen vielsagenden Blick aus Sinas mandelförmigen Augen. »Und danke für das wunderschöne Kleid, das du Sina geschenkt hast. Als ich Sina das erste Mal darin gesehen habe, hätte ich sie beinahe nicht erkannt. Ich war total hin und weg. Sie hat ausgesehen wie ein Fotomodell oder eine Diva.«

Sonia schaute Sina prüfend an, dann lachte sie. »Ich glaube, um wie ein Star zu wirken, braucht sie kein Kleid aus meiner Boutique. Sina sieht immer wunderschön aus. Auch in dem einfachen Jeanskleid, das sie heute trägt.«

Alex ließ seine Blicke ebenfalls betont prüfend über Sina gleiten und nickte dann. »Eigentlich hast du recht, Sonia«, grinste er. »Ich frage mich wirklich, warum mir das noch gar nie aufgefallen ist.«

Sina machte ein gespielt entrüstetes Gesicht.

Sie wollte etwas sagen, kam aber nicht dazu, weil in diesem Moment Tonio und Julia dazu traten.

Auch sie begrüßten Alex aufs Herzlichste.

»Jetzt weiß ich allerdings noch immer nicht, warum ihr alle euch heute Abend hier versammelt habt«, meinte Alex schließlich.