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Das finstere Mittelalter und seine Geheimnisse. Versuchen wir die Zeit etwas nachzugestalten. Im ersten Teil beschäftigen wir uns mit der Folter. Ein Mann steht unter Verdacht: Jetzt kommt nach mittelalterlichem Recht die Folter zur Anwendung – im Historischen Kriminalmuseum Rothenburg o.d. Tauber warten bereits Brandeisen, Streckbank und Trockener Zug auf den vermeintlichen Dieb. Wird er das Verbrechen gestehen – obwohl er seine Unschuld beteuert? Der zweite Teil gilt dem Aberglauben. Wie weit war dieser verbreitet? Für unsere Vorfahren war die Angst vor Untoten ganz real. Das zeigt ein Blick unter die Erde: Mit Steinen beschwert, festgeschnürt, mit Glöckchen im Grab oder enthauptet – die Indizien sind vielfältig. Archäologen sind auf der Jagd nach den "lebenden Toten". Dort lassen archäologische Funde ahnen, welche Angst unsere Vorfahren vor Untoten hatten - und welche Maßnahmen sie ergriffen, um sie im Grab zu halten. Aufhocker, Nachzehrer, Wiedergänger - im Aberglauben unserer Vorfahren konnten die "lebenden Leichen" unterschiedliche Gestalten annehmen, um den Lebenden den Schlaf zu rauben. Noch heute halten sich solche Vorstellungen zum Teil hartnäckig, auch in Teilen Europas. In manchen Gegenden Rumäniens sind alte Rituale zur Abwehr von Untoten bis heute lebendig. Doch auch in Großbritannien sind solche Fantasien präsent. Laut Umfragen glauben dort mehr Menschen an Gespenster als an Gott. Im dritten Teil wollen wir sehen, wie reich das Mittelalter an Verbrechen war. Besonders prominente Morde sollen hier näher beleuchtet werden. Die meisten historischen Mordfälle wurden kurz nach der Tat aufgeklärt. Doch manchmal benötigt es Mittel der modernen Wissenschaft und Historiker, um herauszufinden, wie und warum jemand ermordet wurde. Wir untersuchen einige der größten ungeklärten unnatürlichen Todesfälle der Geschichte.
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Seitenzahl: 170
Veröffentlichungsjahr: 2025
Walter Brendel
Das Mittelalter
Folter, Aberglauben und Morde
Texte: © Copyright by Walter Brendel
Verlag:
Das historische Buch, Dresden
2025c
Gunter Pirntke
Mühlsdorfer Weg 25
01257 Dresden
Inhalt
Einführung
Erster Teil: Die Folter im Mittelalter
Zweiter Teil: Der Aberglauben
Dritter Teil: Die Morde im Mittelalter
Intrige um Englands Thron
Tod von König Edward II.
Der Sohn des Borgia-Papstes
Kindermord im Tower
Tod eines Medici
Wie starb Amy Robsard?
Mord an einen Dichter - Christoph Marlow
Der Tod des Arthur von Bretagne
Quellen
Das finstere Mittelalter und seine Geheimnisse. Versuchen wir die Zeit etwas nachzugestalten. Im ersten Teil beschäftigen wir uns mit der Folter. Ein Mann steht unter Verdacht: Eine Augenzeugin will gesehen haben, wie er dem Gildemeister die ganzen Tageseinnahmen gestohlen hat. Jetzt kommt nach mittelalterlichem Recht die Folter zur Anwendung – im Historischen Kriminalmuseum Rothenburg o.d. Tauber warten bereits Brandeisen, Streckbank und Trockener Zug auf den vermeintlichen Dieb. Wird er das Verbrechen gestehen – obwohl er seine Unschuld beteuert?
Der zweite Teil gilt dem Aberglauben. Wie weit war dieser verbreitet? Für unsere Vorfahren war die Angst vor Untoten ganz real. Das zeigt ein Blick unter die Erde: Mit Steinen beschwert, festgeschnürt, mit Glöckchen im Grab oder enthauptet – die Indizien sind vielfältig. Archäologen sind auf der Jagd nach den "lebenden Toten". Wie rund um die St. Marien- und Bartholomäi-Kirche im niedersächsischen Harsefeld im Landkreis Stade. Dort lassen archäologische Funde ahnen, welche Angst unsere Vorfahren vor Untoten hatten - und welche Maßnahmen sie ergriffen, um sie im Grab zu halten. Aufhocker, Nachzehrer, Wiedergänger - im Aberglauben unserer Vorfahren konnten die "lebenden Leichen" unterschiedliche Gestalten annehmen, um den Lebenden den Schlaf zu rauben. Noch heute halten sich solche Vorstellungen zum Teil hartnäckig, auch in Teilen Europas. In manchen Gegenden Rumäniens sind alte Rituale zur Abwehr von Untoten bis heute lebendig. Doch auch in Großbritannien sind solche Fantasien präsent. Laut Umfragen glauben dort mehr Menschen an Gespenster als an Gott. Gehen wir auf die Jagd nach Geistern, Hexen und Teufeln.
Im dritten Teil wollen wir sehen, wie reich das Mittelalter an Verbrechen war. Besonders prominente Morde sollen hier näher beleuchtet werden. Die meisten historischen Mordfälle wurden kurz nach der Tat aufgeklärt. Doch manchmal benötigt es Mittel der modernen Wissenschaft und Historiker, um herauszufinden, wie und warum jemand ermordet wurde. Wir untersuchen einige der größten ungeklärten unnatürlichen Todesfälle der Geschichte.
Los geht es in Rothenburg ob der Tauber im Freistaat Bayern. Das Mittelalterliche Kriminalmuseum Rothenburg ob der Tauber ist ein deutsches Rechtskundemuseum und gibt einen Einblick in das Rechtsgeschehen der letzten 1000 Jahre. Es zeigt über 2000 Exponate aus über 1000 Jahren europäischer Justizgeschichte mit dem Schwerpunkt Mittelalter.
Die Eiserne Jungfrau
Folterkammern waren ursprünglich Orte, die kaum jemand freiwillig betrat. Heute aber sind sie echte Publikumsmagneten.
Kehren wir 600 Jahre lang zurück. Ein Mann steht unter Verdacht, ein Verbrecher zu sein. Eine Augenzeugin will gesehen haben, wie er dem Gildemeister die ganzen Tageseinnahmen gestohlen hat. Darauf steht die Todesstrafe. Aber, um jemand zum Tode zu verurteilen, braucht man zwei glaubwürdige Augenzeugen oder ein Geständnis. Das war das wichtigste. Es gibt nur eine Augenzeugin und kein Geständnis. Und jetzt kommt die Folter zur Anwendung, um ein Geständnis zu bekommen.
Das fand in verschiedenen Stufen statt. In der ersten Stufe wurden die Folterinstrumente gezeigt. Heute kommt uns das fremd vor, aber die Menschen damals waren überzeugt, wer unschuldig ist, würde die Qualen mit Gottes Hilfe überstehen, ohne ein Geständnis abzulegen. Und es gab Regeln. Im Schwabenspiegel, einen Rechtsbuch aus dem 13. Jahrhundert, war festgehalten, gefoltert werden durfte nur, wenn ein glaubwürdiger Zeuge da war. Dabei nahm das Gericht auch die Zeugen unter die Lupe. Falsche Anschuldigungen konnten auch die Todesstrafe nach sich ziehen. Erst wenn der Tatverdacht hinreichend erschien, begann die Folter.
Dann die Stufe 2: Erklären und Anlegen der Folterinstrumente. Ketzergabel, Brandeisen in die Stirn und andere. Aber einen schwachen Trost gibt es. Nicht jedes Folterinstrument wurde eingesetzt, die Eiserne Jungfrau ist so ein Fall. Ein eiserner Sarkophag mit 114 Stacheln im Inneren, die das Opfer langsam und qualvoll durchbohren. In Wahrheit ist es aber eine Erfindung aus dem 19. Jahrhundert als eine Gruselaktion und nicht auf dem Mittelalter.
Nun folgt die Stufe 3: Das Anziehen der Daumenschrauben. Hier werden langsam Daumen und Finger durch Zudrücken zerquetscht. Und dabei waren die Daumenschrauben noch die mildeste Form der Folter.
Im Gesetz war genau festgelegt, wie weit man die Daumenschrauben drehen darf. Es konnte bis zur Verletzung des Nagelbetts gehen, was schon unglaubliche Schmerzen verursacht. Etwa 50 Prozent haben diese Folterart überstanden, ohne ein Geständnis abzulegen und davon waren 75 Prozent Frauen.
Folter auf der Streckbank
Als vierte Stufe kann man dann die Streckbank ansehen. Die war besonders schmerzintensiv, nicht nur für die Opfer, die darauf angeschnallt waren, auch für die Henkergehilfen, die die Streckbank ziehen mussten.
Aber damit nicht genug, denn nach der vierten Stufe gab es noch eine fünfte. Den sogenannten Trockener. Es war die schwerste Form der Folter, der sogenannte trockene Zug. Den Opfer wurden die Hände auf den Rücken gebunden und nach oben gezogen, was immer zum Auskugeln der Gelenke reichte und zum Reißen der Muskeln und Sehnen. Wochenlang konnten danach die Hände und Arme nicht mehr bewegt werden.
Diese Stufe 5 wurde bei Hochverrat und Brandstiftung zur Anwendung gebracht. Auch wenn man unschuldig war und nur unter den Schmerzen der Folter gestanden hat, rollte hinterher der Kopf von den Schultern. Die Richtschwerter unterscheiden sich von der Ritterschwertern des Mittelalters. Dem spezifischen Zweck wurde unter anderem bei der Formgebung der Klinge Rechnung getragen; ein typisches Merkmal von Richtschwertern waren nämlich die meist sehr breiten, flachen und klobigen Klingen mit abgerundeter Spitze.
Die Hinrichtung mit dem Richtschwert galt im Gegensatz zum Erhängen als ehrenwert und schadete insofern auch der Familie des Delinquenten nicht. Zur Hinrichtung kniete der Todeskandidat entweder oder saß aufrecht auf einem speziellen Richtstuhl mit Armlehnen, niedriger Rückenlehne und oft angebrachten Gurten zur Fixierung. Der Scharfrichter trennte ihm dann mit einem waagerechten Schwerthieb von hinten den Kopf vom Rumpf, wobei es als Beweis seines Könnens galt, wenn er dies „glatt“ mit einem einzigen Streich schaffte.
Enthauptung von Karl Ludwig Sand auf dem Richtstuhl durch den Mannheimer Scharfrichter Frank-Wilhelm Widtmann am 20. Mai 1820
Richtschwert
Der Scharfrichter muss bei der Hinrichtung zwischen den dritten und vierten Halswirbel mit einem Schlag schlagen, um den Kopf vom Rumpf zu trennen. Die letzte Enthauptung in Deutschland als Bestrafung fand 1967 in Leipzig statt, mit der sogenannten Fallschwertmaschine.
Schandkorb
Halsgeige
Ein Archäologe Jagd Untote. Er ist sich sicher Hinweise gefunden zu haben, doch aber nicht in Draculas Heimat, sondern in Deutschland, in der Ruine eines Klosters aus dem Mittelalter.
Das ehemalige Benediktiner-Kloster im niedersächsischen Harsefeld . Von 1104 bis 1648 bestand hier das Kloster Harsefeld, eine bedeutende Benediktinerabtei. Ausgerechnet hier, in geweihter Erde, beginnt die Jagd nach den Untoten.
Immer und überall haben die Menschen an Untote geglaubt, besonders im Mittelalter und der frühen Neuzeit war der Glaube an Untote sehr präsent. Es gibt viele archäologischen Befunde und auch Schriftquellen, das besonders in Zeiten von Seuchen und Kriegen die Leute daran geglaubt haben und dieser Aberglaube bis zur Hysterie ausbreiten konnte.
Im westlichen Kreuzgang wurden bei den archäologischen Ausgrabungen in den 1980er Jahren mehrere Gräber entdeckt, die auf Bannmaßnahmen gegen vermeintliche Untote hindeuten.
Einen ersten Hinweis findet man, als man alte Grabungsfotos archiviert. Sie zeigen Skelette aus dem Mittelalter, gefunden in den 80iger Jahren hier in Harsefeld. Auf einen Foto entdeckt man etwas Ungewöhnliches. Bei dem Kopf eines Toten lag einen großer Findling, der vermutlich auf den Kopf des Toten gelegt wurde. Mit dieser Versteinung sollte der (Un)Tote offenbar im Grab festgehalten werden. Der Boden dort war im Übrigen steinfrei und an Hand einer Verfärbung fand man heraus, dass der Stein nachträglich ins Grab gelegt wurde.
Die Untersuchung des Skeletts zeigt, dass ist sich bei den Toden um einen etwas 20Jahre alten Mann handelt du der mir, 1,70 Meter für die damalige Zeit ungewöhnlich groß war. Der Tote war sehr gut ernährt gewesen und war sicherlich von adliger Abstammung. Man konnte sich ja zur damaligen Zeit in Klöster einkaufen, dort Begräbnisstätten erwerben. Nun scheint es hier allerdings Dinge gegeben haben, die den Verwandten oder Nachfahren sowie Mönchen suspekt vorkamen, so suspekt, dass sie den Toten mit einen schweren Stein im Grab halten wollten.
Der Archäologe Daniel Nösler glaubt, die Menschen hielten ihm damals für einen sogenannten Wiedergänger.
Ein Leichnam der sein Grab verlässt und zu den Lebenden zurückkehrt.
Er sollte nicht wieder auferstehen
Der Archäologe recherchiert und entdeckt weitere Fälle von Toten, die scheinbar mit Steinen beschwert worden sind. An einer Richtstätte im schweizerischen Bern sollten so vermutlich zahlreiche Hinrichtungsopfer im Grab gehalten werden.
Hinrichtungsstätte bei Bern
Und es gibt einen Toten mit einem Stein im Mund. Was hat es damit auf sich?
Toter mit Stein im Mund
Ist es ein Nachzehrer? Die Überlieferungen beschreiben den Nachzehrer wie folgt: Im Gegensatz zum Vampir, der sein Grab verlassen müsse, liege oder sitze der Nachzehrer unter der Erde und sauge den Lebenden – meistens seinen Hinterbliebenen oder den Bewohnern seines Dorfes – die Lebenskraft ab. Der Nachzehrer vollbringe sein unheilvolles Werk, indem er durch den offenen Mund sein Opfer „ruft“ oder durch das offene „böse“ Auge eine telepathische Verbindung mit ihm aufnehme. Häufig kaue er an seinem Leichentuch oder seinen Armen herum, bis alles weggenagt sei.
Um einen potentiellen Nachzehrer wirkungsvoll zu bannen, mussten vor der Beisetzung entsprechende Maßnahmen ergriffen werden. Keinesfalls durften Augen oder Mund offen bleiben, weswegen man dem Toten die Augen schließen musste, ohne dabei in diese zu schauen, weil dann schon der telepathische Kontakt zwischen dem Nachzehrer und einem künftigen Opfer hergestellt worden wäre. Keinesfalls durfte der Mund des Toten mit dem Leichentuch oder einem anderen Stück Stoff in Berührung kommen. Oft wurden die Leichen gefesselt, teilweise auch nur symbolisch, etwa mit einem Rosenkranz um die Handgelenke. Oft wurden bannende Metallgegenstände (Scheren, Nägel, Messer) auf die Brust des Toten gelegt. Häufig schütteten die Hinterbliebenen auch getrocknete Hülsenfrüchte oder Kieselsteine in den Sarg. Der Untote musste, so lautete der Volksglaube, diese erst zählen, bevor er mit seinem unheilvollen Treiben beginnen konnte. Da er aber vom Teufel beseelt war, konnte er nie über zwei Erbsen oder Steine hinaus kommen, weil er die geheiligte Zahl „drei“ (Symbol der Dreifaltigkeit) nicht aussprechen durfte.
Ein Opfer des Nachzehrer ist unterwegs
Auch andere Maßnahmen deuten auf den Glauben auf Untote hin. So werden im 18. Jahrhundert Mitglieder der Adelsfamilie von Stockhausen im nordhessischen Trendelburg im Sarg verschnürt. Der Tote wurde geflockt, mit eisernen Nägel und großen Holzpflöcken, man schlug Köpfe und Beine ab, die Leichen wurden auf den Bauch gelegt, damit sich der Schadenzauber Richtung Erdinnern bewegt. Doch was hat der Tode getan, um noch im Grab gefangen gehalten zu werden?
Unverkennbar sind auch Parallelen zu den Toden von Harsefeld erkennbar. Eine weitere Bestattung zeigte gleich mehrere apotropäische Handlungen: Dem Leichnam hatte man wohl bereits vor der Beerdigung die Füße gefesselt und den Unterkiefer fixiert. Nach einigen Jahren wurde das Grab wieder geöffnet und der Sarg einmal gedreht, sodass der Tote auf den Bauch zu liegen kam. Danach wurde das Grab durch eine Lage Backsteine oberhalb des Sarges versiegelt.
Gefesselte Leiche der von Stockhausen
Auch ein jüngerer Fund gibt Rätsel auf: Bei einer aktuelleren Ausgrabung im Landkreis Stade hatte Nösler gemeinsam mit seinen Kollegen ein Skelett gefunden, auf dem ein fremder Oberarmknochen quer über dem Hals lag. Allen drei Toten, konnte sich Nösler nun endlich sicher sein, war eine Sache gemeinsam: Sie waren nach ihrem Tod dem einst weit verbreiteten Aberglauben an „Untote" zum Opfer gefallen.
Die Wissenschaft ist inzwischen der Überzeugung, dass der Glaube an Untote im Mittelalter weit verbreitet war. Demzufolge hatten einige Menschen Angst, dass bereits begrabene Vorfahren auch in der Nachwelt noch Unheil anrichten konnten. Nösler gibt ein Beispiel: Starb jemand an einer Seuche, kamen oft auch noch weitere Familienmitglieder an der Seuche um. Abergläubische Nachkommen begründeten sich das Unglück damit, dass der erste Tote die anderen in den Tod nachzog. Gerade im 14. Jahrhundert, als die Pest in ganz Europa wütete, ist zu vermuten, dass der Tode von Harsefeld an der Pest starb. Denn die Pest ist hochansteckend, erliegt ihr jemand, sterben kurz darauf weitere Menschen. Familienmitglieder, Freunde, Bekannte.
Auch Schrift- und Bildquellen aus dem Mittelalter verweisen auf den Glauben an Untote und auch Schutzmaßnahmen, die aber archäologisch heute nicht mehr nachzuweisen sind, wie Weihwasser, Gebete und Zaubersprüche. Der Glaube an Untote war als flächendeckend präsent, wie viele Quellen zeigen, nicht nur in Deutschland sondern auch in vielen Regionen der Welt.
Je nach Regionen sind die Vorstellungen von den Untoten ganz unterschiedlich. Der kopflose Reiter ist ein Wiedergänger, der in vielen Regionen Europas auftaucht, auch in Deutschland. Dort vor allem im Westen. Man glaubte damals, dass Verbrecher, die enthauptet wurden, zu kopflosen Reitern werden. Der berittene Untote erscheint der Sage nach, zumeist nachts. Manchmal erschreckt er seine Opfer nur, im schlimmsten Fall raubt er ihnen aber die Lebenskraft.
Kopfloser Reiter, Gemälde von John Quidor, 1858
Der Aufhocker ist eine weitere Spukgestalt. Der Aufhocker ist in der Mythologie ein koboldartiger Druckgeist, der Wanderern, die nachts noch unterwegs sind, auf die Schultern oder den Rücken springt und mit jedem Schritt schwerer wird.
Huckup-Denkmal in Hildesheim
Der Wanderer ist wie gelähmt, leidet unter Beklemmung und ist unfähig sich umzuwenden. Der Aufhocker bleibt auf dem Wanderer sitzen, bis dieser durch das heraufbrechende Licht, ein Gebet oder Glockenläuten von ihm erlöst wird. Oft spielt sich das albtraumhafte Erlebnis des Aufhockens in drei Phasen ab. Der Wanderer wird zunächst von einem unheimlichen Wesen angesprochen oder begleitet, dann wächst der dämonische Begleiter zu übernatürlicher Größe an und schließlich springt er seinem Opfer auf den Rücken.
Typische Spukorte wie Bäche, Brücken, Seen, Wälder, Gräben, Wegkreuzungen, Hohlwege, Kirchhöfe und Mord- oder Richtstätten sind die übliche Stelle für eine Begegnung mit dem Aufhocker, die für den Wanderer körperliche und seelische Krankheiten und manchmal sogar den Tod zur Folge haben kann.
Seine Ursprünge hat der Glaube an den Aufhocker jedoch in der Furcht vor dem Wiedergänger, dem Untoten. Die ältesten Berichte über Aufhocker sprechen eindeutig von „aufhuckenden Leichen“ und nicht von Kobolden oder Gespenstern. Im Westen Deutschlands verschmilzt der Aufhocker mit dem Werwolf zum Stüpp, einem gefährlichen Unhold, der den Menschen anspringt und sich so lange herumtragen lässt, bis das Opfer an Entkräftung stirbt.
Doch wer wurde überhaupt zum Untoten? Das waren der Legende nach Mörder, Meineidige, Selbstmörder. Auch sie wurden bestattet. Jemand der fern der Heimat starb, kam auch in geweihte Erde. Es gab also eine Vielzahl von Möglichkeiten, auch für den Bestattungsritus. Wurde dieser nicht genau eingehalten, so konnte der Leichnam zum Untoten werden.
Auch auf Selbstmördern, Mördern oder anderen verstorbenen Verbrechern lastete demnach ein Fluch. Die Nachkommen hatten die Vorstellung, die Vorfahren würden als Wiedergänger (ähnlich Gespenstern) in ihr Leben treten und sie erschrecken. Die Leichname lebten nach dieser Annahme also noch monate- bis jahrelang weiter. Deshalb wollten die Nachfahren sie sicher im Grab Wissen und ihre Wiederkehr verhindern.
Kehren wir zu einer weiteren ungewöhnlichen Bestattung ins Kloster Harsefeld zurück. Der Leichnam lag auf den Bauch mit dem Gesicht nach unten und die Unterschenkel lagen beisammen, sodass man davon ausgehen konnte, dass er gefesselt war und so bestattet wurden. Alle „normalen“ Leichen sind ja dem christlichen Ritus entsprechend auf den Rücken liegend bestattet.
Auch ein weiterer Grabfund ist sonderbar, der Brustkorb war ein zwei Teile getrennt, die Unterschenkel lagen für sich. Hier ist sehr stark anzunehmen, dass der tote Mann erst nach seinem Tod zerstückelt wurde, denn dafür gibt es Indizien. Die Unterschenkel wurden oben am Kopf deponiert du auch der Schädel ist zerstört. Also man wollte das Wesen zerstören und der Tode sollte nicht mehr laufen können. Zerstörungen am Brustkorb lassen vermuten, dass man das Herz entnehmen wollte, um auch noch die Lebenskraft zu zerstören.
Haben die Mönche tatsächlich heidnische Bestattungsrituale in ihren heiligen Hallen zugelassen? Daniel Nösler ist überzeugt davon und geht noch weiter. Selbst am Altar, den heiligsten Ort der ehemaligen Klosterkirche hat ei ein Indiz für die Angst vor Untoten gefunden. Hier ist in den 60iger Jahren bei Baumaßnahmen gegraben wurden und es kam Skelette zutage, und zwar von den Mönchen, die im Mittelalter hier bestattet wurden. Das Spannendste daran war, ein Abt war an seinen unteren Extremitäten gefesselt und mit einem großen eisernen Vorhängeschloss gesichert. Wollte man den Abt so im Grab bannen? Das Schloss ist noch vorhanden, ebenso ein eisernes Glöckchen.
Das Schloss am Abt
Ein eisernes Glöckchen
Das Glöckchen hat man in der Hand eines weiteren Toten entdeckt, der am Kreuzgang gefunden wurde und das lässt den Archäologen vermuten, dass man damit ein Signal aussenden wollte, dass sich jemand im Grab bewegt.
Die Toten im Kloster Harsefeld sind wichtige Zeugen ihrer Zeit. Welche Schlüsse lassen sich aus dem seltsamen Bestattungsritualen für den Archäologen ziehen?
Das Kloster war eines der wichtigsten hier im Norden überhaupt und unterstand direkt dem Papst in Rom. Wenn man dort solche Handlungen voller Aberglauben durchgeführt hat, muss es mit Billigung der Mönche geschehen sein, auch mit Billigung der Äbte. D.h., der christliche Glaube war im Ernstfall nicht so stark und man hat lieber auf heidnische Riten zurückgegriffen.
Ortswechsel und auch ein anderes Land. Kommen wir nach Rumänien. Spurensuche in der Walachei. Der Historiker Dr. Peter Marion Kreuter geht den südöstlichen Volksglauben an Dämonen nach. Der wohl berühmteste aller Toten soll hier angeblich sein Unwesen treiben. Der Vampir. Er ist im Volksglauben und in der Mythologie eine blutsaugende Nachtgestalt. Dabei handelt es sich meist um einen wiederbelebten menschlichen Leichnam, der sich von menschlichem oder tierischem Blut ernährt und – je nach Kultur und Mythos – mit verschiedenen übernatürlichen Kräften ausgestattet ist.
Philip Burne-Jones: Der Vampir, 1897
Der Vampir ist eine schädigende, totbringende Gestalt, an dem es nichts Positives gibt.
Deswegen muss er auch bekämpft werden. Der Vampir, a la Dracula wie wir ihn heute aus Literatur und Film kennen, ist eine überzeichnete Figur im Volksglauben, denn der hat gar keine spitzen Zähne zum Blutsaugen. Den Opfern soll die Lebensenergie mit magischen Kräften entziehen. Ein Toter, der zu den Überlebenden zurückkehrt. Das ist kein Unbekannter, sondern jemand aus der Familie oder aus dem Dorf und der zweite Punkt der wichtig ist, er ist schädigend, allein schon dadurch, dass er existiert und nicht auf dieser Welt ist, versucht man ihn zu bekämpfen. Das auch noch im 21. Jahrhundert.
Der letzte, international Aufsehen erregende Fall von Vampirglauben in Europa datiert aus dem Jahr 2005: In dem rumänischen Dorf Marotinu de Sus im Kreis Dolj wurde der Körper eines verstorbenen Dorfbewohners ausgegraben. Dieser wurde verdächtigt, als Vampir sein Unwesen zu treiben. Familienangehörige schnitten dem Leichnam das Herz heraus, verbrannten es, lösten die Asche in Wasser auf und tranken die Lösung. Diejenigen, die an der Ausgrabung der Leiche beteiligt waren, wurden dann auch bestraft, wegen Störung der Totenruhe.
Glauben auch heute noch Menschen in der Walachei an Vampire? Dr. Peter Marion Kreuter fragt im Dorf Moldovin nach. Die 80igjährige Leichenwäscherin Stela Barbu zeigt zusammen mit ihrer Schwiegertochter, wie sie die Toten für den Sarg vorbereiten. In der Vorstellung ist der Tote zwar tot, aber noch nicht raus aus der Gemeinschaft. Deshalb bereitet man mit dem Begräbnis-Ritual den Übergang in eine andere Welt vor. Wenn dieser Übergang schief geht, dann kommen andere vorbeugende Maßnahmen zur Anwendung, die gegen den Vampir. Das können sein, Stiche in den Bauchnabel. Der Glauben an Vampire ist bis heute nicht totzukriegen.
Glaubt die Leichenwäscherin in Moldovin an Vampire?
Auch wenn der ganze Vampirglaube als das Produkt aber gläubigen Bauern abgetan wurde, so richtig bekämpft wurde der Vampirglaube nicht, denn er war ja nicht nur eine Erscheinung in den Ländern, wo die Aufklärung herrschte, sondern überhaupt in Europa. Dr. Peter Marion Kreuter fragt im Dorf Moldovin die Leichenwäscherin Stela Barbu, ob sie selbst an Vampire glaubt. Sie glaubt nicht, dass es Vampire gibt, aber ganz frei von Zweifeln ist ihre Antwort davon nicht, als sie weiter erzählt. „Es gab da mal den Vater eines Mädchens von 20 Jahren. Das Mädchen wurde plötzlich krank, als er tot aufgebahrt war. Das Mädchen erholte sich nicht, bis sie jemanden holten, der den toten Vater etwas in den Bauchnabel stach. So war das eben. Ich weiß es nicht, ob es Vampire gibt, möge uns Gott davor bewahren.“
