Der letzte Verrat der Boleyns - Philippa Gregory - E-Book

Der letzte Verrat der Boleyns E-Book

Gregory Philippa

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Beschreibung

Eine rasante Geschichte über den hohen Preis von Loyalität, Liebe und Verrat am Hof von Heinrich VIII.

Jane Parker, Schwägerin von Anne Boleyn und Cousine von Katherine Howard, steht im Zentrum der Machtspiele am englischen Hof. Durch ihre Aussagen schickt sie zwei Königinnen auf das Schafott – doch ihr eigenes Schicksal wird ebenfalls von Verrat und Intrigen bestimmt. Als Vertraute von Königinnen und politische Spielerin gerät Jane in einen Strudel aus Eifersucht, Machtkämpfen und gefährlichen Affären. Wird sie die Intrigen überleben oder selbst zum Opfer der gnadenlosen Machtspiele werden?

Ein packender Roman über das Leben einer Frau, die das Schicksal Englands mitgestaltete – und dafür einen hohen Preis zahlte.

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Seitenzahl: 867

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Zum Buch

Jane Parker, Schwägerin von Anne Boleyn und Cousine von Katherine Howard, steht im Zentrum der Machtspiele am englischen Hof. Durch ihre Aussagen schickt sie zwei Königinnen auf das Schafott – doch ihr eigenes Schicksal wird ebenfalls von Verrat und Intrigen bestimmt. Als Vertraute von Königinnen und politische Spielerin gerät Jane in einen Strudel aus Eifersucht, Machtkämpfen und gefährlichen Affären. Wird sie die Intrigen überleben oder selbst zum Opfer der gnadenlosen Machtspiele werden?

Ein packender Roman über das Leben einer Frau, die das Schicksal Englands mitgestaltete – und dafür einen hohen Preis zahlte.

Zur Autorin

Dr. Philippa Gregory ist eine international bekannte Historikerin und Romanautorin. Sie promovierte an der Universität Edinburgh über die Literatur des 18. Jahrhunderts, ist Fellow der Royal Historical Society und der Universitäten Sussex und Cardiff, Ehrenforschungsstipendiatin der Birkbeck University of London und wurde im Rahmen der Queen's Birthday Honours für ihre Verdienste um die Literatur und die Wohltätigkeit mit dem CBE ausgezeichnet. Ihre Romane wurden für die Bühne und die Leinwand verfilmt.

Philippa Gregory

DERLETZTEVERRATDERBOLEYNS

Aus dem Englischen von Edith Beleites und Ursula Wulfekamp

HarperCollins

Die Originalausgabe erschien 2025 unter dem Titel Boleyn Traitorbei William Morrow, New York.

© Philippa Gregory

Deutsche Erstausgabe

© 2026 für die deutschsprachige Ausgabe

HarperCollins in der

Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH

Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg

[email protected]

Covergestaltung von bürosüd, München, nach dem Design von Claire Ward

Coverabbildungen von Steve Stone / Artist Partners nach einem Artwork von Robin Isely; Yuliya Maya, Magdalena Wasiczek / Trevillion images und unter Verwendung von Motiven von Shutterstock

E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN9783749909100

www.harpercollins.de

Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte der Urheberin und des Verlags bleiben davon unberührt.

Greenwich Palace, Sommer 1534

Im gehämmerten Silber des Spiegels sehen wir zwei wie kopflose Gespenster aus; unsere schwarzen Kapuzen verdecken unsere Gesichter. Ich werfe den dichten Schleier ab und enthülle die Maske eines goldenen Falken. Der spitze Schnabel besteht aus emailliertem Gold, die forschen Augenbrauen sind aus Messing und die gefleckten Federn an Kopf und Hals aus goldenem Tuch; sie bewegen sich wie echtes Gefieder – als sei ein höchst lebendiger Vogel durch einen Fluch von König Midas zu Gold geworden.

Ich ziehe meine Maske über die hellbraunen Haare, um meine seidige Haut und mein geheimnisvolles Lächeln zu zeigen.

»Du brauchst gar nicht so zu gucken«, sagt Anne, schiebt ihre Kapuze zurück und reckt mir ihren Kopf entgegen, damit ich ihr den Schleier abnehme und sie von ihrer Maske befreie.

»Wie gucke ich denn?«

»Verschlagen, zweideutig. Was denkst du wirklich?«

Bei Hofe kann man nie sicher sein, was der andere denkt. »Ich dachte: Es wird nicht einfach sein, in dieser Kostümierung zu tanzen. Wir sehen ja kaum etwas.«

»Wir sind hier, um gesehen zu werden, nicht, um zu sehen.«

Sie steht auf und breitet die Arme aus, damit ich ihr das Mieder, die Ärmel und den Rock aufschnüre. Sie kratzt sich den gerundeten Bauch unter dem feinen Leinenunterkleid. Im fünften Monat ihrer zweiten Schwangerschaft ist sie erschöpfter als bei der ersten. Sie sagt, es sei ein Zeichen dafür, dass es ein Sohn ist. Als sie mit ihrer Tochter, Prinzessin Elizabeth, schwanger war, ging es ihr besser. Jeden Nachmittag legt sie sich vor dem Dinner hin, während der König ein Bad nimmt und sich nach dem nachmittäglichen Sport umzieht.

»Was ist das Motto der Maskerade?«, fragt sie, als sie in ihr großes goldenes Bett klettert.

»Die Falkner. Wir tanzen wie Vögel und …«

»Lass mich raten«, unterbricht sie mich. »Der König und seine Freunde sind als Falkner verkleidet, fangen uns ein und tanzen dann mit uns? Dann nehmen wir alle unsere Masken ab, und ich stelle fest, dass ich mit dem König getanzt habe! Ich falle aus allen Wolken! Ich hatte ja keine Ahnung! Ich dachte, er sei ein gut aussehender Fremder.«

Ich lache und merke, dass es gekünstelt klingt. »Du bist so witzig!«

Ich ziehe ihr die bestickten Schuhe aus und rolle ihr die seidenen Strümpfe herunter. Das gehört zu den ehrenvollen Aufgaben einer Hofdame der Königin und ist die Pflicht einer Schwägerin. Es macht mich stolz, beides zu sein.

Sie schließt die Augen. »Nicht einmal er kann doch glauben, ich würde meinen eigenen Gemahl nicht kennen.«

Natürlich glaubt der König nicht, wir hielten es für möglich, eine Gruppe fremder Savoyen-Prinzen oder unbekannter russischer Lords in dicken Pelzen sei in die Gemächer der Königin eingedrungen. Es ist ein Spiel, an dem alle bei Hofe beteiligt sind, und sein Sinn besteht darin, den König glänzen zu lassen. Dahinter steckt die schlichte Wahrheit, dass der zweite Sohn, der Zweitbeste, die zweite Wahl, in Gold verwandelt wurde; er ist zum Erben des alten Königs geworden. Wieder und wieder haben wir dieses Wunder nachgespielt, als sei es ein großes Glück, dass Arthur, der Erstgeborene, gestorben ist und Henry erst Kronprinz und dann König werden konnte. Vor zwanzig Jahren hat ihn jemand als »den bestaussehenden Prinzen der Christenheit« bezeichnet, und seitdem ist es unsere Aufgabe, ihm das zu bestätigen.

Als ich als Edelfräulein an den Hof kam, war ich elf Jahre alt, ein einsames Mädchen, das Bücher liebte, und er der sechsundzwanzigjährige, überaus charmante Gemahl der wunderschönen Königin Katharina von Aragon, genannt Katherine. Ich habe mich sofort in ihn verliebt, genau wie in sie und den Glanz und die Schönheit des jungen königlichen Paares. Dann verliebte ich mich in die ganze Familie Boleyn: Anne, ihren ehrgeizigen Bruder George, ihre süße kleine Schwester Mary, ihre Eltern und das noble Haus Howard – allesamt professionelle Höflinge, so wie ich einer werden wollte, im Dienste des prachtvollsten und mächtigsten Hofs der Welt.

Jetzt bin ich selbst eine Boleyn, seit fast der Hälfte meines Lebens mit George vermählt, wodurch ich zur Lady Rochford avancierte, und jetzt bin ich dreißig. Die geliebte Königin, der ich zuerst diente, sitzt nicht mehr auf dem Thron, und der gut aussehende König ist in seinen besten Jahren. Ich habe miterlebt, wie sein Bedürfnis nach Anerkennung als junger Mann zu immer größerer Eitelkeit führte, und genau wie alle anderen habe ich gelernt, seiner Selbstsucht mit immer übertriebeneren Komplimenten zu begegnen.

»Maskieren und Demaskieren ist ein Spiel für ihn«, sage ich beruhigend. »Er will der Welt einfach nur zeigen, dass du ihn allen anderen vorziehst, auch wenn er verkleidet ist. Dass du dich immer wieder neu in ihn verliebst.«

»Das tu ich ja auch«, sagt sie und lächelt jetzt selbst falsch. »Schließlich bin ich Anne, ›die Glücklichste von allen‹.«

Ich lege die Decke aus Lammwolle eng um sie. Dank Anne bin ich die Erste Hofdame, und ich werde die Tante ihres Kindes sein, des nächsten Königs von England. Deswegen werde ich auch die Prozession anführen, die ihn zur Taufe geleitet. Es wird ein Siegeszug für uns schöne, kluge Frauen – wir werden den alten Adel besiegt und den König auf unsere Seite gezogen haben.

»Wann willst du bekannt geben, dass du schwanger bist? Elizabeth hast du viel eher angekündigt.«

Sie zuckt mit den Schultern. »Wenn es mir gefällt.«

Nur ihre Günstlinge wissen, dass sie im Herbst ein Kind erwartet. Es ist gut, dass sie den Startschuss für das Wettrennen eifriger junger Frauen zum Bett des Königs hinauszögert. Jedes liederliche Frauenzimmer bei Hofe wird sich um die Aufmerksamkeit des Königs bemühen, sobald bekannt wird, dass Anne schwanger ist.

»Du musst etwas für mich tun, Jane«, sagt sie, als ich Lavendel und Wacholderbeeren in meinen Handflächen erwärme, bevor ich ihre geschwollenen Fußgelenke und Füße massiere. »Sprich mit dieser Agnes. Sie ist respektlos.«

Agnes ist eine junge Hofdame, blond und freundlich. Die dunkelhaarige Anne hasst blonde, freundliche Frauen, aber in Scharen drängen sie in ihren besten Roben an den Hof.

»Was hat sie denn getan?«

»Sie knickst nicht tief genug vor mir; sie wackelt nur ein wenig auf und ab, als sei ich bloß eine Viscountess.«

Viscountess ist mein Titel. Geboren wurde ich als Jane Parker, zur Boleyn wurde ich durch meine Ehe, und jetzt bin ich Lady Rochford. Lächelnd knete ich ihre Zehen. »Viscountess ist doch ein schöner Titel.«

»Für den Moment«, gibt sie zu. »Aber wenn ich einen Prinzen gebäre, werde ich George zum Herzog ernennen.«

Das ist typisch für den schwindelerregenden Ehrgeiz der Boleyns. Mein Vater wollte, dass ich eine Hofdame mittleren Rangs werde. Er kennt sich in diesem neuen Gewerbe für gebildete Männer und Frauen bestens aus und hat mich erst an den Hof geschickt, als ich geschliffen Französisch und Englisch sprechen und Latein lesen konnte. Er hat mir geraten, auch Deutsch zu lernen, weil die deutschen Reformatoren ihre Werke auf Deutsch veröffentlichen; dass ich Spanisch kann, soll ich verheimlichen.

Aber Anne hatte nie Interesse an diskreter Höflingsarbeit oder am Fädenspinnen im Hintergrund; sie hat die Quelle der Macht direkt ins Visier genommen, den König verführt und sich mit ihm vermählt. Sie verfügt über den Mut ihrer mütterlichen Familie, der großen Howards, und den Ehrgeiz der aus dem Nichts aufgestiegenen Boleyns. Wenn sie George ein Herzogtum verschaffen will, bekommt sie eins, und ich werde dann Herzogin. Anne und wir alle, Boleyns und Howards, sind Aufsteigerinnen – eine wie die kleine Agnes kümmert uns nicht und kann uns schon gar nicht aufhalten.

»Ihr Hofknicks vor der alten Königin war korrekt. Sie ist so tief in die Knie gegangen, als sei Katherine die Jungfrau Maria«, beklagt Anne sich.

Das haben wir alle getan. Doch das war vor drei Jahren, und das Erinnerungsvermögen von Höflingen ist so langlebig wie Eintagsfliegen.

»Fürstenwitwe – nicht alte Königin«, erinnere ich sie.

»Außerdem hat sie mit dem spanischen Gesandten gesprochen«, sagt Anne gereizt. »Was kann eine Närrin wie sie mit einem Narren wie ihm zu besprechen haben?«

Ich nehme mir vor, meinem Gönner zu erzählen, dass Agnes ins Agentennetz des spanischen Gesandten hineingezogen worden ist. »Ach, der spricht doch mit jedem«, versuche ich sie zu beruhigen. »Was soll er auch sonst tun?«

»Zum Beispiel nach Spanien zurückkehren. Oder sich in Schloss Kimbolton mit der Königin verkriechen.«

»Fürstenwitwe«, korrigiere ich sie noch einmal.

»Und mit wem spricht sie so?«, fragt sie. »Den papistischen Lords? Den Courtenays? Den Freunden der alten Königin und der Prinzessin?«

»Lady Mary«, korrigiere ich.

Königin Katherine soll jetzt als Fürstenwitwe bezeichnet werden und ihre Tochter neuerdings als Lady Mary, aber alle, die den beiden gedient und sie geliebt haben, weigern sich, sie falsch zu betiteln, wir anderen müssen umlernen.

»Diese Menschen brauchen dich nicht zu kümmern«, fahre ich fort. »Du hast gewonnen. Die anderen – das sind alte Leute, Kindheitsfreunde des Königs. Tattergreise und Papisten, die sich die alten Zeiten zurückwünschen. Wir aber sind der neue Hof, die neue Religion, die neue Welt. Die Zeit ist auf unserer Seite. Die anderen sterben aus oder geben auf. Wenn dein Kind ein Junge ist, beweist es, dass eure Ehe Gottes Wille ist, und die alte Königin, ihre Tochter, der spanische Gesandte und all die Altgläubigen werden immer unwichtiger und bald gar keine Rolle mehr spielen.«

»Wo bleibt George?«, fragt sie fordernd. »Er sollte längst hier sein.«

Ich beklage mich nie, wenn George sich verspätet, aber ich bin seit zehn Jahren bloß seine Gemahlin, und sie ist die Königin.

»Geh und hole ihn, Jane.«

Ich brauche also nicht als verschmähte Gemahlin an die Tür zu klopfen, die das Schlafgemach der Königin mit dem Korridor zu den Privatgemächern des Königs verbindet. George kommt herein; in seinen neuen Beinkleidern und dem tiefbraunen Wams aus Samt sieht er atemberaubend aus. Er hält eine Maske und einen Hut mit einer langen, geschwungenen Reiherfeder in der Hand. Wie seine Schwester hat er dunkle Augen und Haare, als seien sie Zwillinge, die aus weichem, poliertem Holz geschnitzt wurden, mit den gleichen scharfen, aber intelligenten Gesichtszügen und einem Blick, der viel verspricht.

»Seht her! Ein Falkner vom Lande«, ruft er aus, geht ans Bett und nimmt Annes Hand, um sie zu küssen. Er schaut sie aufmerksam an. »Du bist blass.« Dann dreht er sich zu mir um. »Du hast sie doch wohl nicht etwa ermüdet?«

»Sie hat nur ihr Kostüm anprobiert und den Tanz geübt, seitdem ruht sie.«

Ich gehe auf ihn zu und erwarte einen Kuss oder wenigstens irgendeine Begrüßung, aber er dreht sich wieder um, setzt sich aufs Bett und löst ihre Haarnadeln. Ich reiche ihm ihre silberne Haarbürste, er kämmt ihr die langen Haare zurück und flicht sie zu einem Zopf.

»Ich mache mir Sorgen«, klagt Anne.

»Unsinn«, sagt er. »Denke nur an die Bibel, an Erfreuliches, das dem Kind dient. Du bist Anne, ›die Glücklichste von allen‹.«

»Agnes Trent«, erkläre ich ihm, und er nickt dankbar.

»Sie muss mir Respekt erweisen«, sagt Anne.

George steckt ihren Zopf mit zwei Nadeln aus Elfenbein in ihrem Nacken fest, und zwar so lose, dass der König ihre parfümierten Haare mühelos lösen und sein Gesicht darin vergraben kann, wenn sie allein sind.

Anne gibt mir zu verstehen, dass ich ihr frische Strümpfe anziehen soll, und zuckt zusammen, weil ihre roten Seidenschuhe so eng sind. »Ich habe Jane angewiesen, sie zur Rechenschaft zu ziehen.«

»Sie steht in der Gunst des Königs«, warnt George mich. »Sei taktvoll!«

»Aber George!«, protestiert Anne. »Ich verlange unbedingte Loyalität. Ich habe die Königin doch nicht …«

»Die Fürstenwitwe«, sagen George und ich gleichzeitig.

»Ich habe die Fürstenwitwe doch nicht nach Kimbolton verbannt, Kardinal Wolsey zur Hölle geschickt und Bischof Fisher und Thomas More in den Tower, um immer noch Feinde unter meinem eigenen Dach zu haben! Die alten Lords sprechen im Kronrat gegen mich, ihre alten Weiber tratschen hinter meinem Rücken. Die Alten wollen alles wieder so haben, wie es war. Sie wollen ihre alte Königin.«

»Du kannst sie wohl kaum alle in den Tower stecken«, scherze ich, aber keiner lacht. Sofort werde ich wieder ernst. »Natürlich spreche ich mit Agnes.«

Anne steht in ihren engen Schuhen auf. »Hol sie her. Sie soll mich ankleiden.«

George küsst sie auf die Schulter, grüßt in meine Richtung, und als er so weit hinter der Tür verschwunden ist, dass Anne ihn nicht mehr sehen kann, formt er mit den Lippen ein stummes »Danke«.

Ich warte, bis er die Tür geschlossen hat, bevor ich zu der Tür auf der anderen Seite des Gemachs gehe, die zur Privatkammer der Königin führt. »Ihre Gnaden sind bereit zum Ankleiden«, sage ich, und drei Hofdamen erheben sich beflissen. Agnes rauscht unbekümmert an mir vorbei.

Ich berühre sie am Arm. »Gibt es einen Grund dafür, dass Euer Hofknicks vor der Königin zu wünschen übrig lässt?«, frage ich freundlich. »Es muss ein Versehen gewesen sein.«

»Ja, und zwar ein Versehen ihrerseits«, sagt sie barsch. »Mein Hofknicks ist tief genug für sie.«

»Euer Knicks muss so tief sein, wie es einer gekrönten Königin gebührt. Damit sei diese Sache beendet.«

»Beendet wird alles, wie es begonnen hat: mit ihr.«

Ich verstärke meinen Griff an ihrem Arm. »Mistress Agnes, als ich an den Hof kam, habe ich auf mein Benehmen geachtet. So bin ich zur Ersten Hofdame aufgestiegen.«

»Ich achte sehr wohl auf mein Benehmen. Ihr habt keinen Anlass, mich zu kneifen, Lady Rochford. Eure Schwägerin hat einen ganzen Tower voller Folterknechte, die das besorgen können.«

»Ich habe Euch nicht gekniffen«, lüge ich.

»Und mein Hofknicks ist, wie er sein soll«, lügt sie zurück und geht ins Schlafgemach der Königin.

Ich schaue ihr nach, aber sie beachtet mich nicht weiter.

Am nächsten Tag bleibt der König nach der Gebetsstunde in der königlichen Kapelle auf dem großen bestickten Kissen seines Gebetspults knien, die Hände erhoben, die Augen geschlossen, ins direkte Gespräch mit Gott versunken. Keiner darf sich rühren, bis er wieder zu sich gekommen ist. Er bedeutet Anne, sie solle auf seine Seite der Kapelle kommen. Ich folge ihr, unsere Gebetsbücher und ihren Rosenkranz aus Perlen und Korallen in den Händen. Der Königliche Sekretär, Thomas Cromwell, steht schweigend hinter ihm, der junge Francis Weston und mein Gemahl George hinter Cromwell. George zwinkert mir zu, als wir uns zu ihnen gesellen, Francis verbeugt sich leicht.

»Mein Lord und Gemahl.« Anne knickst vor dem König, lächelt den Höflingen zu und nickt Thomas Cromwell so knapp zu, als sei er ein Handelsreisender, der dem König Kammgarnstoffe verkaufen will.

»Cromwell hat eine Frage bezüglich unserer Reise nach Frankreich«, sagt der König, immer noch kniend, die Hände gefaltet. Offenbar nimmt Gott an dieser Unterredung teil.

»Ich wusste nicht, dass Euer Gnaden diesen Sommer nach Frankreich reisen wollen.« Cromwell sieht Anne vielsagend an, die unausgesprochene, aber allgegenwärtige Frage im Sinn: Seid Ihr schwanger? »Soll sich Seine Majestät allein dorthin begeben?«

Wir müssen den König von Frankreich dazu bringen, eine antipapistische Allianz zu schmieden und sich mit uns gegen den Papst und Katherines Neffen zu stellen, den spanischen Kaiser. Doch Anne kann in ihrem Zustand nicht reisen, will den König aber nicht aus den Augen lassen.

»Oh, ich brauche Euch an meiner Seite!«, sagt Anne flehentlich zum König. Sie umklammert seine Hände wie zum Treueschwur. Der König kniet immer noch, wie ein fahrender Ritter vor seiner Angebeteten. »Ihr könnt nicht fort sein, wenn meine Zeit kommt.«

Die Geburt wird erst im Herbst sein, und Anne kann sehr wohl noch reisen, aber lieber würde sie sterben, als am eleganten französischen Hof mit dickem Bauch zu tanzen, und niemals würde sie den König mit den schönen Frauen dort allein lassen. In diesem Sommer bleiben wir zu Hause, genau wie der König – nur dass er es noch nicht weiß, in Kürze aber beschließen wird.

»Was meint Ihr, Sire?«, sagt George zum König und tut höflicherweise so, als sei es eine offene Frage.

»Ich sollte dort sein.« Der König fühlt sich so geschmeichelt, von einer Frau so sehr gebraucht zu werden, dass er Gott vergisst und aufsteht. »Lady Rochford, glaubt Ihr, Eure Herrin ist einer Trennung von mir gewachsen? Einer kurzen?«

Der warnende Blick, den Anne mir zuwirft, ist nicht nötig. Ich kenne den Text dieses Dramas vor- und rückwärts. Es ist keine gewöhnliche Liebesgeschichte, es ist Tristan und Isolde – eine große Romanze, denn die beiden können ohne einander nicht sein. »Ich würde davon abraten«, sage ich sanft. »Sie würde sich nach Euch verzehren, Sire. Könnte Euer Treffen mit dem französischen König auf einen Zeitpunkt nach der Geburt verschoben werden? Dann könnte dieses Treffen ein wahres Fest sein, als Teil der Feierlichkeiten, mit denen das Kind willkommen geheißen wird.«

Der König strahlt bei der Vorstellung, wie seine Frankreichreise zum Triumphzug wird, seine junge Frau an der Seite, die ihm gerade einen Sohn geschenkt hat – im Gegensatz zu seiner früheren, die das nicht konnte.

Cromwell greift meinen Hinweis auf und bläst ins selbe Horn. »Wir könnten einen Boten schicken und eine Verschiebung vorschlagen. Einen Mann von Gewicht, damit die Franzosen keinen Mangel an Respekt zu fürchten brauchen.«

Der Herzog von Norfolk, Georges Onkel und Oberhaupt des Hauses Howard, ist der Geeignetste, aber Anne und er sprechen kaum noch miteinander, seit er seine Tochter mit einem königlichen Bastard vermählt hat: dem unehelichen Sohn des Königs. Und fast alle anderen Adligen stehen heimlich auf der Seite der ehemaligen Königin.

»Oh nein, keinen der alten Lords!«, ruft Anne aus. »Keiner aus der alten Garde!«

Der König tätschelt ihr die Wange. »Es sind alte Freunde«, sagt er. »Treue Freunde.«

»Genau! Alte Freunde, alte Männer.« Anne lächelt ihn an. »Den alten Werten verpflichtet – ganz anders als Ihr.«

»Viscount Rochford?«, ruft Cromwell plötzlich, als stehe mein Gemahl nicht genau vor ihm.

Der König lacht. »Perfekt! Aber könnt Ihr ihn entbehren, Lady Rochford? Oder seid auch Ihr guter Hoffnung und wollt ihn nicht ziehen lassen?«

Es ist mein heimlicher Kummer, dass wir seit zehn Jahren vermählt sind, ohne je ein Kind bekommen zu haben. Aber ich lache so fröhlich, als hätte ich in Georges Armen niemals geweint. »Ach, Sire, wir können doch nicht alle gleich im ersten Ehejahr unser erstes Kind bekommen und ein zweites im zweiten. Nicht alle sind so glücklich wie Ihr und die Königin.«

»Die Glücklichste von allen«, setzt George nach. Keiner von uns würde sich je erlauben, Annes Motto zu vergessen.

Der König nimmt Annes Hand und küsst sie wieder. »Sie hat alles getan, was sie mir versprochen hat«, sagt er voller Bewunderung. »Und ich habe mehr getan, als irgendjemand für möglich gehalten hätte. Ich baue ein neues England für eine neue königliche Familie. Und mein Sohn wird beweisen, dass Gottes Segen auf mir und meiner Braut liegt.«

Anne strahlt ihn an und streckt die Finger so weit aus wie möglich, bevor sie die Hand auf ihren Bauch legt, damit seine Wölbung größer aussieht, als sie ist.

»George fährt nach Frankreich und sagt, das Treffen muss bis nach der Geburt meines Sohnes verschoben werden«, verkündet der König. »Unser Besuch findet im Herbst statt.«

»Euer Vertrauen ehrt mich«, sagt George, als solle er ausziehen, um Drachen zu töten. »Ich werde Euch nicht enttäuschen.«

Der heroische Ton hat Wirkung. Der König ergreift Georges Unterarm. »Das weiß ich, George. Ihr seid mein Bruder.«

»Keinem anderen trauen wir so sehr.« Anne lächelt, legt dem König eine Hand auf den Arm und schlägt einen Spaziergang in der Kühle des Gartens vor, bevor wir alle zum Frühstück gehen, einen Spaziergang zu zweit. Ich weiß, dass sie ihre Hofdamen loswerden will, weil sie seine Aufmerksamkeit auf sich ziehen könnten. Er dagegen hat einen gut aussehenden jungen König vor Augen, dessen wunderschöne Königin sich auf seinen Arm stützt, während sie über Gras und Blumen schreiten – bunt wie ein neuer Wandteppich.

Master Cromwell verbeugt sich und geht. George und ich bleiben mit Francis Weston zurück.

»Was für ein Aufstieg«, sagt George. »Danke, meine Liebe. Du hast die richtige Richtung vorgegeben, wie immer. Und jetzt darf ich dem König von Frankreich verkünden, dass ich einen königlichen Neffen haben werde.«

»Ich habe nur meine Pflicht getan«, sage ich bescheiden.

Er strahlt. »Und ich dachte, ich stecke hier bis in alle Ewigkeit fest und bringe Anne die Liebesbriefe des Königs und umgekehrt, ein Diplomat in Gemächern der Ladys, ein Botschafter der Nähzimmer, weit entfernt von der Quelle der Macht, aber immer eine Schmeichelei auf den Lippen.«

»Ich wünschte, ich könnte mitkommen«, sagt Francis, der noch jahrelang Schmeicheleien auf den Lippen haben muss. »Aber ich werde Eure Gemahlin beschützen, wenn Ihr fort seid, vorausgesetzt, sie akzeptiert meine Dienste.« Er legt die Hand aufs Herz und verneigt sich tief vor mir.

»Ja, ja.« Mit einer wegwerfenden Geste kommentiert er diese Zurschaustellung höfischer Liebe, die ohne Zuschauer wahrlich zwecklos ist. »Jane, lass die Stallungen wissen, dass mein Pferd beschlagen werden muss, bevor ich abreise. Außerdem brauche ich zwei Ersatzpferde. Ich bin bekannt für meine Reisegeschwindigkeit.« Er küsst meine ausgestreckten Hände. »Ich kehre schnell zu dir zurück.«

Die Gemächer der Königin sind öde ohne George, der stets ein Motto für die nächste Maskerade vorschlägt, uns zeigt, wie die neuen französischen Hüte getragen werden, oder mit uns Karten spielt. Stattdessen bekommen wir Besuch von einer alten Dame aus der früheren königlichen Familie Plantagenet, einer angeheirateten Verwandten des Königs: Margaret Pole. Vor Jahren kam sie gern ins königliche Schulzimmer, um unseren Lektionen zuzuschauen, und sie lobte mich als die Klügste der Edelfräulein der alten Königin. Nie hat sie sich gegen die tragische Scheidung ausgesprochen, auch nicht gegen die Demütigungen, mit denen Anne die alte Königin und deren Tochter überhäufte. Mehrfach hat sie darum gebeten, Lady Mary oder Königin Katherine dienen zu dürfen, sogar ohne Bezahlung, aber Anne besteht darauf, dass ihre Gesuche abgelehnt werden.

Lady Margaret Pole verbirgt ihren Kummer unter einer Maske heiterer Gelassenheit. Heute erscheint sie in Begleitung einer weiteren königlichen Verwandten, Gertrude Courtenay. Sie knicksen sehr korrekt vor Anne, aber es sieht aus, als wollten sie ihr damit lediglich einen Gefallen tun. Wir spüren ihr unausgesprochenes Missfallen an unserem Lärm, unserer Verspieltheit, unserer Jugend. Gertrude hat ihren Verhaltenskodex von einer streng erzogenen spanischen Königin übernommen, wir unseren von den modischen Franzosen. Die Alten missbilligen unsere Flirts und unseren Witz. Für ihren Geschmack befassen wir uns zu sehr mit Theologie und üben zu viel Kritik an den unerschütterlichen Papisten. Lady Margaret Poles Lieblingssohn ist ein Schriftgelehrter in Rom und schreibt an einem Buch über die Irrtümer der Reformer. Das mag gut und schön sein – mein Vater, ebenfalls ein Gelehrter, sagt, es wird ein brillantes Buch –, aber ich glaube, Reginald Pole täte sich und seiner alten Mutter einen größeren Gefallen, könnte er akzeptieren, dass Anne den König vom Protestantismus überzeugt hat und ganz England protestantisch werden muss.

Lady Margaret Pole und ihre ganze Familie stehen auf der Seite von Lady Mary, der Tochter der alten Königin, und keiner weiß, wie weit sie zu gehen bereit sind, um für ihre Rückkehr an den Hof und die Anerkennung als Prinzessin und Thronfolgerin mit all ihren früheren Ländereien und Titeln zu kämpfen. Sie hassen unsere Prinzessin Elizabeth, von der Mary verdrängt wurde, und unsere Königin, von der die alte Königin verdrängt wurde. All das kann man ihnen aber kaum anmerken, denn ihr Benehmen bei Hofe ist tadellos. Von ihren altmodischen, spitzen Hauben bis zu ihren eleganten, aber schlichten Lederschuhen sind sie adlige Damen, die auf niedriger Gestellte hinabschauen. Im Gegenzug tun wir, was wir können, um sie spüren zu lassen, wie rückständig und fehl am Platze sie an unserem modernen Hof sind.

Lady Margaret Pole begrüßt Margaret Douglas, die Nichte des Königs, sehr liebenswürdig und erkundigt sich nach ihrer Mutter, der ehemaligen Regentin von Schottland, die immer noch als Ratgeberin ihres Sohns, König James von Schottland, fungiert. Wie nebenbei macht die alte Lady eine Bemerkung über Margarets französische Haube und den nicht allzu langen Rock ihres Gewands, der an den Fußgelenken einen Blick auf ihre bestickten Seidenstrümpfe erlaubt. Margaret errötet über diesen leichten Tadel ihrer früheren Gouvernante, und Anne lacht laut auf und sagt, das trage man heute in Paris – und selbst die Herzogin muss doch wohl eine Erinnerung daran haben, wie es ist, ein hübsches junges Mädchen zu sein, oder?

In ihrem Machtstreben nimmt Anne auf nichts und niemanden Rücksicht. Sie will nicht, dass Lady Margaret in ihre Gemächer eindringt und sie wie eine ungehobelte Aufsteigerin behandelt, aber Lady Margaret lässt sich in ihrer stillen Würde nicht erschüttern. Nur George könnte Anne beschwichtigen. Er ist so belesen, dass er argumentieren kann wie Martin Luther selbst, und seine zärtliche, wahre Liebe zu Anne lässt das Gehabe der höfischen Liebe hohl erscheinen.

In seiner Abwesenheit klingt das Gerede von Liebe gekünstelt, wie auswendig gelernt, und manch junger Edelmann stammelt nur noch vor sich hin, wenn er in seinem neuen Seidenumhang die Gemächer der Königin betritt, einen Strauß Rosen in der Hand, der wahre Liebe symbolisieren soll, aber ohne ein geistreiches Wort auf den Lippen. Der Lautenist Mark unterbricht sein Spiel und macht mit einigen unschönen Tönen auf den peinlichen jungen Herrn aufmerksam. Herzlos lachen wir über den schüchternen Galan.

Anne braucht mich und George, denn sie hat keine eigenen Freunde. Da sie sich quasi selbst zur Königin gemacht hat, ist sie auf Höflinge angewiesen, die ebenfalls aus dem Nichts kommen, und viele sind darauf bedacht, sich an ihre Rockschöße zu heften. Annes Schwester, Mary, ist nicht besonders hilfreich, denn sie ist Anne eher eine Konkurrentin, als dass sie sie unterstützen könnte, nachdem sie einst selbst die Geliebte des Königs war. Diesen Sommer verbringt sie auf dem Familiensitz der Boleyns, Hever Castle, und Anne hat es nicht eilig, sie an den Hof zurückzuholen. Unser Hof ist also einer von Neulingen, aufgestiegen aus wenig traditionsreichen Familien. Deswegen sind alle froh, als George eher als erwartet zurückkehrt. Er hat die Reise zur Königin von Navarra und ihrem Bruder, dem König von Frankreich, in nur drei Wochen absolviert, und bringt Geschenke und Bekundungen des guten Willens mit.

Er hat auch einen neuartigen Tennisschläger aus Paris dabei und schwört, dass er damit jeden schlagen kann, der sich einem Match mit ihm stellt. Anne verspricht dem Sieger einen Preis, und der Master der Festivitäten entwirft einen Turnierplan, der alle Edelleute des Hofstaats einbezieht. Es beginnt früh am Morgen, und wir Ladys müssen den ganzen Tag in der Hitze auf dem Balkon der Königin sitzen, direkt unter dem Holzdach, das sich mehr und mehr erhitzt. Wir sehen die Spieler schwitzen und bei schwierigen Schlägen in die Luft springen und hören, wie ein verfehlter Ball am Ende des Spielfelds immer wieder dumpf an die Mauer prallt. Wir hören auch, dass es am Himmel zu grummeln beginnt.

»Soll ich dir einen Kräutertee bringen lassen?«, flüstere ich Anne zu.

»Sag deinem Gemahl lieber, dass er das Spiel schnell zu Ende bringen soll«, erwidert sie gereizt.

Er bestreitet gerade das letzte Spiel gegen den König, der ebenso erhitzt wie stark und in weißes Leinen gekleidet ist. Davor hatte der König schon zwei andere Spiele, und seine rotgoldenen Haare sind vor Schweiß ganz dunkel geworden, sein feuchtes Hemd klebt an seiner muskulösen Brust. Wenn er sich nach einem hohen Ball streckt oder aufs Netz zurennt, tut er es mit der Anmut eines Tänzers.

George verliert das Match knapp, weil ihm sein letzter Schlag missglückt, obwohl er ihm entgegengehechtet ist. Lachend geht er vom Platz auf Francis Weston zu, der ihm ein Tuch zum Abtrocknen umlegt. Der König strahlt triumphierend und stellt sich vor den Balkon der Königin, stolz auf seinen Sieg und voller Hohn über Georges Pariser Schläger. Dennoch verlangt er ihn als Siegertrophäe, zusätzlich zu dem Preis, den die Königin ausgelobt hat.

George gibt ihn ihm, ohne zu zögern, obwohl er uns ein kleines Vermögen gekostet hat, und sagt, der König sei zwar der wesentlich bessere Spieler, dennoch wolle er nächste Woche eine Revanche. Die Ladys fallen in die Lobhudelei mit ein, die Stimmen hell wie Glöckchen, und alle sind sich einig, dass der König immer noch so stark und schnell ist wie mit zwanzig.

Alle außer Agnes. Sie hat während des gesamten Turniers ganz hinten in der Loge der Königin gesessen, wo die Luft kühler ist und die Sonne nicht herunterbrennt. Während wir uns über die Brüstung beugen, um dem König zu huldigen und seine Gegenspieler scherzhaft zu verhöhnen, sagt sie nichts, kommt aber langsam nach vorne, bis sie neben mir steht, und als sich der König das verschwitzte Gesicht an seinem Ärmel abwischt, lässt sie ihr Taschentuch fallen. Wie ein Blütenblatt schwebt es zu ihm hinab, und er fängt es auf und bedeckt sein gerötetes Gesicht damit. Dann schaut er zu ihr auf und drückt es an seine Lippen.

Annes Lächeln bleibt die ganze Zeit konstant. Sie reicht den Preis für den Sieger hinunter – eine goldene Hutnadel – und führt dann eine kleine Prozession zu ihrer Seite des Palastes an. Ihren Ladys befiehlt sie, Hemden für die Armen zu nähen – immer sind es Hemden für die Armen, wenn sie wütend ist.

Sie winkt George und mich in ihr Schlafgemach, und ich schließe schnell die Tür, damit niemand anders den Sturm hört, der losbricht, sobald wir unter uns sind.

»Ihr habt es selbst gesehen. Sie beleidigt mich.«

George ist vom Spiel noch ganz erhitzt, trägt ein Handtuch um den Hals, und sein Musselinhemd klebt ihm am Rücken. »Ich muss mich waschen gehen«.

»Nein, bleib! Du hast es gesehen. Sie hat mich beleidigt.«

»Ich stinke wie ein Pferd.«

»Das macht nichts. Sag mir, was ich tun soll. Sie wirft sich ihm an den Hals.«

»Lass mich wenigstens erst zum Waschen gehen.«

Sie entlässt ihn mit einer Handbewegung, und er geht in den großen Stuhlsaal neben ihrem Schlafgemach. Wir hören, wie er Wasser aus den großen Krügen auf seinen Körper spritzt und sich mit ihrer edlen Seife wäscht. Schließlich kommt er heraus, die nassen Haare noch ganz lockig, ein Badelaken mit ihren aufgestickten, überkrönten Initialen um die Hüfte, ein anderes über die Schultern geworfen. Sie beachtet seine Nacktheit nicht.

»Du hast es gesehen. Sie tut alles, außer ihm praktisch vor meinen Augen beizuliegen.«

»Hat das angefangen, als ich in Frankreich war?«

»Ich habe nichts bemerkt«, sage ich.

George reibt sich die Ohren trocken. »Jane entgeht nichts. Wenn sie sagt, sie hat nichts bemerkt, dann hat es erst jetzt angefangen. Es ist also nichts, nur das Spiel der höfischen Liebe. Wir alle spielen es doch, die ganze Zeit. Dagegen ist doch nichts einzuwenden … in deinem Zustand …«

»Mein Zustand sollte meine Rettung sein.«

George schaut mich an und erwartet Unterstützung.

»Dein Zustand ist deine Rettung«, sage ich. »Er bedeutet, dass du über allen anderen stehst. Selbst wenn er mit einer anderen flirten oder sich gar verlieben …«

»Er ist doch schon verliebt!«, kreischt sie. »Er ist mir in ewiger Liebe verbunden, nicht wie ihr in eurer arrangierten Ehe.«

»Alle Ehen werden arrangiert«, sagt George schnell. »Nur dass du deine selbst arrangiert hast. Und alle Ehen sind von Liebe getragen. Ich habe mir Jane nicht ausgesucht, aber ich habe die Tochter von Lord Morley sehr gern zur Frau genommen, und sie ist so treu wie …« Er bricht ab, weil er so schnell keinen Vergleich für Treue findet, nicht an diesem intriganten Hof.

»Wie ein Hund«, blafft sie.

George legt einen Arm um mich. »Jedenfalls liebevoll und treu. Und sie hat recht. Jane hat immer recht. Wie sie sagt, hast du keine Konkurrenz zu fürchten. Aber solange du schwanger bist und er dir nicht beiliegen kann, wendet er sich anderen Frauen zu. Er wird nicht fünf oder sechs Monate lang wie ein Mönch leben, bis euer Sohn geboren ist, du ausgesegnet bist und deinen rechtmäßigen Platz wieder einnehmen kannst. Für diese Zeit braucht er jemanden. Das war immer so.«

»Immer«, wiederholt sie verächtlich. »Natürlich hatte er andere Frauen, als er mit der alten Königin vermählt war und sie ein Kind nach dem anderen verlor. Sie war alt und krank, und ihre Ehe war verflucht. Aber er darf und will keine andere als mich haben. Sechs Jahre lang habe ich ihn hingehalten. Sechs Jahre!«

»Du hast ihn nicht hingehalten«, korrigiert George. »Ihr habt euch geküsst und herumgeturtelt. Verbotene Spielchen und derlei mehr getrieben.«

Ich wusste nichts von diesen frivolen und sündhaften Vorgängen. Ich war überzeugt, dass sie einander lediglich in höfischer Liebe verbunden waren. Ich versuche, mir mein Erschrecken nicht anmerken zu lassen, und Anne ist George für seinen Hinweis alles andere als dankbar.

»Nichts war da! Nichts, was ich nicht auch jetzt tun könnte. Warum sollte ich ihn die kommenden sechs Monate nicht an mich binden können?«

Ihre Ehe dauert noch keine zwei Jahre an, und sie wurde – anders als sonst je – aus Liebe geschlossen. So hat Anne eine neue Rolle als Königin erfunden: die einer geliebten Gemahlin, einer Königin der Liebe. Sie hat Frauen in ein neues Zeitalter versetzt, in dem sie wegen ihrer Schönheit und ihrer Klugheit geschätzt werden. Aber bietet eine Liebesheirat einer Königin die gleiche Sicherheit wie eine Ehe, die kaltherzig, aus Kalkül und zur Festigung internationaler Allianzen arrangiert wird? Oder hält eine auf Liebe gegründete Ehe nur so lange wie die Liebe? Muss eine Frau einen Gemahl, der sich aus Liebe vermählt hat, immer und immer wieder verführen und für sich zu gewinnen versuchen?

Natürlich kennen wir die Antwort bereits! Der König gibt sie uns bei jedem Turnier, das er gewinnt, und bei jeder Maskerade, in der er den Helden gibt. Er muss tagtäglich umworben werden und sich neu verlieben. Jeden Tag aufs Neue, wie zum ersten Mal und voller Leidenschaft. Als Anne frisch vermählt war und der König in sie verliebt, war das gut und schön, und wir – allesamt ambitionierte Höflinge – lieferten die Musik, zu der der König immer wieder in Annes Arme tanzen konnte. Aber wie sollte eine Gemahlin mit ausladendem Bauch so verführerisch tanzen können wie ein junges Mädchen? Was kann sie tun, wenn die Kirche es dem König strikt verbietet, seiner schwangeren Gemahlin beizuliegen?

»Er wird nie aufhören, schönen Frauen den Hof zu machen«, sagt George sanft. »Er muss bewundert werden. Solange du ein Kind trägst, braucht er eine neue Gespielin. Er muss sich als großer Liebhaber präsentieren, als jemand, der begehrter ist als jeder andere. Und das weißt du! Du musst es ignorieren, wohl wissend, dass du deinen Platz wieder einnimmst, sobald euer Sohn geboren ist. Bis dahin nimmst du es hin, als sei alles in bester Ordnung.«

»So wie die alte Königin«, sagt sie verbittert. »Nie hat sie ein Wort gegen mich gesagt, bis es zu spät war. Und was hat es ihr genützt? Fürstenwitwe in Schloss Kimbolton mit nur einem halben Dutzend Bediensteten! Mit einer Tochter, die bloß als ›Lady Mary‹ tituliert werden darf und keinerlei Rechte als Prinzessin mehr besitzt. Hätte die Königin rechtzeitig eingegriffen, wäre ich heute nicht, was ich bin – und sie nicht, was sie ist.«

George lacht – ein meisterlicher Schachzug; nur er kann es wagen zu lachen, wenn sie wütend ist – und nimmt sie in die Arme, immer noch halb nackt. »Niemand würde je ein Wort gegen dich sagen«, versichert er ihr. Er schwenkt sie nach links und rechts, wie beim Tanz, und sie schließt die Augen und legt das vor Wut erhitzte Gesicht an seine kühle Brust. »Anne, Liebes. Wie hat er dich noch mal genannt? Meine Herzensdame!«

Widerwillig kichert sie, als sie an das ungelenke Liebesgedicht des Königs denkt, und zitiert die nächste Zeile: »Dass die Liebe nie erlahme!«

»Eine sturmgepeitschte Maid«, zitiert George weiter, und dieses Mal muss sie laut lachen, während sie sich in seinen Armen zurücklehnt. »Das hat nicht er zu verantworten«, sagt sie. »Es war eine eher schwache Zeile von mir.«

»Ach was! Es war brillant«, schmeichelt George ihr. »Und du wirst immer die Liebe seines Lebens sein. Agnes ist unwichtig. Lass dich nicht dazu herab, über ein Mädchen wie sie zu klagen. Mach den Hofstaat nicht unnötig auf sie aufmerksam, ignoriere sie. Er wird ihr den Hof machen, sie besitzen und ihrer dann überdrüssig. Dann wendet er sich der nächsten Agnes zu. Während deiner Herrschaft wird es Dutzende Agnesse geben, und dich wird es nicht im Geringsten kümmern. Wir haben gewonnen. Du bist die Königin, und sobald du einen Prinz und Erben hast, brauchst du den König nicht mehr in deinem Bett.«

Ich glaube, er hat sie besänftigt, der Sturm ist vorbei.

»Aber er hat versprochen, mich immer und ewig zu lieben«, sagt sie gereizt.

George zuckt mit den Schultern. »Er hat sich mit dir vermählt. Das ist für immer und ewig.«

Katherine, in ihr kaltes Schloss verbannt, beweist natürlich das Gegenteil.

»Wenn Agnes dich verärgert, muss sie den Hof verlassen«, empfehle ich. »Eure Mutter kann mit ihren Eltern sprechen.«

»Ein sehr guter Vorschlag.« George hilft Anne auf einen Stuhl und nimmt ihr die schwere Kapuze ab. »Ruhe dich aus und lasse dich und das Kind Kraft schöpfen. Dieses Kind wird alles in die richtigen Bahnen lenken.«

»Jane kann Agnes vertreiben.«

»Ich wüsste nicht, wie …«, beginne ich und schaue George Hilfe suchend an.

Beide lachen. »Komm schon, Jane! Du bist doch lange genug bei Hofe!«

»Schütte ihr Tinte aufs Gewand oder Wein auf ihre Laken. Lockere ihren Sattel, damit er rutscht und sie vom Pferd fällt.« Anne lacht immer noch.

»Ich kann doch nicht ihren Sattel lockern!«

»Richtig. Bring sie nicht um«, stimmt George mir zu.

»Lege ein verbotenes Buch in ihre Truhe und melde sie dann«, schlägt Anne vor. »Stecke ihre Schuhe in Hundescheiße. Oder erzähle den anderen Ladys, du könntest sie nicht leiden, dann erledigen sie den Rest für dich.«

»Meine Aufgabe besteht doch darin, unter ihnen für Ordnung zu sorgen, nicht, sie zu schikanieren. Sie würden mich hassen.«

»Es spielt keine Rolle, wer dich hasst, solange wir dich lieben.« Anne weiß, wie ich zu ködern bin. »Und wir lieben dich! George beschützt seine kluge Frau, genau wie der Earl, mein Vater, seine Schwiegertochter und mein Onkel, der Herzog, seine Nichte. Denke immer daran, dass du eine Boleyn bist und zum Hause Howard gehörst. Du gehörst zu uns, und niemand kann dir etwas anhaben.« Sie unterbricht sich und lacht wieder, dieses Mal über mich. »Kleine Jane! Schau nur, wie sie dahinschmilzt, wenn sie hört, dass sie geliebt wird!«

George kommt zu mir und nimmt mein Gesicht in die Hände. »Liebste Jane«, sagt er süßlich. »Kleines Weibchen. Befreie uns von Agnes. Tu es aus Liebe zu uns.«

Am selben Abend lädt der König zum Rundtanz: Edelmänner, die nicht zu unserem inneren Kreis gehören, und Ladys, die uns nahestehen. Er beginnt mit Anne als Tanzpartnerin und tanzt dann der Reihe nach mit allen anderen Ladys, die zum Kreis der Tänzerinnen gehören, bis er wieder bei seiner Gemahlin anlangt. Die Ladys erröten, wenn er ihre Hand nimmt: Die Berührung eines Königs weckt Sehnsüchte. Ich selbst spüre, wie heiß mir wird, als er mir zuflüstert: »Ah, Jane! Schöne Jane! Endlos musste ich im Kreis herumtanzen, bis ich Euch in die Arme nehmen konnte.«

Inzwischen ist er fast dreiundvierzig, aber genau wie alle anderen bei Hofe sehe ich ihm sein Alter nicht an. Immer noch ist er ein schöner Mann. Sein lockiger brauner Bart umspielt seinen sinnlichen Mund, seine dunkelblauen Augen lächeln auf mich herab, seine Hände sind ganz warm. Für mich und alle anderen wird er immer der umwerfend gut aussehende, jungenhafte König sein, der mit siebzehn den Thron bestieg, eine spanische Prinzessin aus Liebe ehelichte und schwor, er würde sein Königreich zum angesehensten von ganz Europa machen. Er tanzt so leichtfüßig wie damals, dreht mich im Tanz und zieht mich an sich. »Ich schwöre, Jane, wärest du nicht meine Schwägerin …«

Ich erröte noch mehr. Der König hat sich bereits Schwestern zur Geliebten genommen, als er Mary Boleyn beilag und sich in Anne verliebte.

»Die Königin würde mich köpfen lassen«, flüstere ich. Er lacht, drückt mir die Hände und wendet sich seiner nächsten Tanzpartnerin zu.

Mark Smeaton, der Lautenist, sollte bei den anderen Musikern stehen, aber er tanzt außen um den Kreis herum und verweilt ein wenig bei Anne, ohne auch nur einen Ton auszulassen.

Agnes ist die nächste Tanzpartnerin des Königs, aber plötzlich stolpert sie über ihren Rocksaum und sinkt in seine Arme. Für eine Hofdame ist das ein schamloses Verhalten, und es zeigt, wie verzweifelt sie seine Aufmerksamkeit zu erringen versucht. Mark verlangsamt sein Spiel für einen Moment, und der König flüstert ihr etwas ins Ohr. Sie errötet wie eine Unschuld vom Lande, richtet sich wieder auf, und Mark spielt schnell weiter, dann ist alles vorbei, als wäre nichts geschehen. Der König nimmt seine nächste Tanzpartnerin bei den Händen, aber ich sehe, dass er sich noch einmal zu Agnes umschaut, während sie den Kopf schüttelt und lautlos mit den Lippen formt: »Ich wage es nicht!« – der genaue Wortlaut für die höfische Liebe, den er einst für Anne erfunden hat.

Deutlicher geht es wohl kaum. Der Tanz endet, alle verbeugen sich und knicksen, und ich eile aus dem Saal, auf die Gemächer der Königin zu. Im Vorbeigehen nehme ich einen Krug warmer Milch von dem Tisch, auf dem Annes Speisen und Getränke stehen. Ich klopfe an die Tür des Schlafgemachs für die Hofdamen, aber keine antwortet. Zehn von ihnen teilen sich fünf komfortable Betten. Agnes schläft in einer Hälfte des Bettes, das der Tür am nächsten steht. Auf einem kleinen Betstuhl daneben liegen ihr Gebetbuch und ihr Rosenkranz. Ihre Kleidung liegt in einer Kiste unter dem Bett. Ich schlage die Laken auf und schütte so viel Milch aufs Bett, dass es die Matratze durchnässt. Auch nach dreimaligem Waschen wird alles noch nach saurer Milch riechen. Ihre Schlafkameradinnen werden sagen, sie habe ins Bett gepisst, und sich weigern, ihr ein anderes anzubieten. Auch die Mägde werden sagen, dass sie stinkt. Und Agnes wird vor Scham vergehen.

Später lege ich mich zu Anne in ihr riesiges, holzgeschnitztes Bett. »Hast du sie gesehen?«, fragt sie. »Wie sie sich an ihn geworfen hat?«

Ich nicke.

»Hast du sie gewarnt?«

»Ich habe Milch in ihr Bett geschüttet.«

Anne lacht wie ein kleines Mädchen. »Du bist die allerbeste Schwester, Jane.«

Ich lache auch. Das macht eine erfolgreiche Hofdame aus: Sie ist sich für dumme kleine Gemeinheiten nicht zu schade, und sie beweist Verhandlungsgeschick in bedeutenden Fragen. Niemand beherrscht die großen und kleinen Dienste für unsere Königin so perfekt wie George und ich.

Anne und ich schlafen aneinandergekuschelt, wie liebende Schwestern. Das ist das Leben, das ich mir gewünscht habe – in Liebe zu dienen und dafür geschätzt zu werden. Es ist auch die Familie, die ich mir gewünscht habe, als ich in meiner Kindheit von zu Hause fortgeschickt wurde. Ich genieße die Liebe, die ich vermisste, als ich zur Hofdame ausgebildet wurde, statt einfach nur eine geliebte Tochter zu sein. Jetzt bin ich die Frau, die ich werden wollte: im Zentrum der Macht, Dienerin der mächtigsten Frau des Landes.

Ich wache davon auf, dass sie mein Handgelenk umklammert, als steckte es in einem Schraubstock. »Was denn?«, frage ich im Halbschlaf.

»Hole George!«

»Was?«, sage ich dümmlich. »Was?«

»Steh auf! Zünde eine Kerze an und hole George, du dummes Ding!« Anne beißt die Zähne zusammen und unterdrückt ein Stöhnen. Sie hat Schmerzen.

Ich merke, dass die Laken unter mir nass sind, und einen wirren Moment lang denke ich, Agnes hat uns aus Rache Milch ins Bett geschüttet, aber als ich hinfasse, sehe ich, dass meine Finger in der Dunkelheit ganz schwarz aussehen.

Ich entzünde eine Kerze an der Glut im Kamin und schlage die Laken zurück. Anne liegt in einer roten Pfütze.

»Nun hole endlich George!«

Ohne zu widersprechen, werfe ich mir einen Morgenrock über und laufe barfuß durch die Verbindungstür zu den Gemächern des Königs und dann den Gang entlang. Unsere Tür ist nicht verschlossen. Ich durchquere den Gang zu unserem Schlafgemach, gehe hinein und rüttle Georges nackte Schulter.

Er dreht sich sofort um. »Jane? Was gibt es?«

Erschrocken sehe ich, dass meine Hand einen Blutfleck auf unserem Laken hinterlassen hat. George sieht ihn. »Das ist Annes Blut«, sage ich. »Sie verliert das Kind.«

Sofort springt er aus dem Bett, zieht sein Hemd und die Kniehose an. Ich möchte, dass er mich umarmt, aber er schiebt mich fort.

»Hol die Hebamme«, sagt er.

»Ich weiß nicht, wo sie wohnt.«

»Dann wecke meine Mutter auf«, sagt er. »Aber nur sie. Kein Wort zu sonst jemandem!«

»Warte! Du kannst doch nicht allein in Annes Schlafgemach gehen!«

Aber er hat schon eine Kerze angezündet und eilt so schnell aus der Tür, dass die Flamme auf sein schönes Gesicht züngelt, das jetzt voller Sorge ist, wie eine Maske der Furcht.

Die Gemächer der Boleyns befinden sich neben unseren. Ich klopfe an das neue Wappen mit den drei schwarzen Bullen und dem blutroten umgekehrten V und trete ein. Neben dem Gang liegen der Audienz- und der Ratssaal sowie das Schlafgemach der königlichen Eltern. Ich durchquere sie auf Zehenspitzen, und die ausgestreuten Binsen stechen meine Füße. Ich klopfe an die Tür des Schlafgemachs und höre das laute Schnarchen meines Schwiegervaters.

Niemand hört mich. Ich öffne die Tür und blinzle in das Zimmer.

Meine Schwiegermutter, die Gräfin von Wiltshire, liegt auf der Seite, mit dem Gesicht zur Tür, die Augen geschlossen. Neben ihr eine massive Wölbung: mein Schwiegervater unter zahlreichen Fellen.

Vorsichtig berühre ich die Gräfin mit meiner sauberen Hand und verstecke meine blutigen Finger hinter dem Rücken. »Anne«, flüstere ich. »Ihr ist unwohl.«

Sie wacht auf und steigt aus dem Bett, ohne ihren Gemahl zu stören. Ihr Morgenrock liegt am Fußende des Betts, davor stehen ihre türkischen Lederpantoffeln.

»Das Kind?«

»Ich weiß nicht.«

Doch, ich weiß es, aber ich wage nicht, es auszusprechen. »George schickt mich, Euch zu wecken und eine Hebamme zu holen.«

»Meine Kammerfrau weiß, wo sie wohnt«, sagt sie. »Weckt sie auf und sagt ihr, sie soll Emily la Leche aus ihrem Haus in der Duck Lane herbringen. Sagt aber, Ihr seid diejenige, der unwohl ist, und dass ich befohlen habe, sie zu Euch in die Gemächer der Königin zu bringen.«

Ich begreife: Die Boleyns verhelfen mir zu einem toten Kind, bevor ich ein lebendes gebäre. Elizabeth Boleyn wartet nicht ab, ob ich dazu etwas sage, sondern eilt aus dem Zimmer. Mit einer Hand zeigt sie auf die Tür zum Schlafgemach der Kammerfrau, dann verschwindet sie. Sie hat mir meine Kerze nicht abgenommen und geht den Flur ohne jegliches Licht entlang, als könne sie in der Dunkelheit sehen wie eine Katze.

Ich sage der Kammerfrau, was zu tun ist, und gehe dann weiter durch den königlichen Flügel des Palastes; meine Kerze flackert in der warmen Zugluft. Neben den Gemächern der Boleyns liegen die noch größeren des Herzogs von Norfolk, Thomas Howard. Er residiert hier allein, nachdem er sich von seiner Gemahlin entfremdet hat, die treu an Katherines Seite geblieben ist, während der Rest von uns sich von ihr abgewendet hat. Trotz der späten Stunde wird die Tür sofort geöffnet, als ich leise anklopfe.

Ein Diener sieht mich fragend an.

»Sind Seine Gnaden anwesend?«, flüstere ich.

Er verbeugt sich und lässt mich eintreten, dann schließt er die große Tür hinter mir lautlos. Er durchquert einen großen Saal und kratzt am Eichenholz einer Doppeltür. Auch diese wird sofort geöffnet, und ich sehe Thomas Howard, den Herzog von Norfolk, in einem reich bestickten Nachtgewand, hellwach, das längliche Gesicht von tiefen Falten durchzogen. Er scheint nicht im Geringsten überrascht zu sein.

»Ja? Jane?«

Seit ich als kleines Mädchen an den Hof kam, bin ich seine Augen und Ohren. Thomas Howard war der Einzige, der von mir Notiz nahm. Er sagte, ich sei ein cleveres kleines Ding, und schenkte mir bunte Bänder, wenn ich ihm Neuigkeiten brachte. Er lobte meine Bildung und fragte mich, was die Königin auf Spanisch gesagt hatte, als sie mit ihrem Gesandten allein war, und was sie ihrem Beichtvater auf Latein anvertraut hatte. Wer kam und ging durch die Türen ihrer Privatgemächer? Wer war ihr heimlicher Arzt, und warum ließ sie ihn rufen?

Als ich mich mit George vermählte, wurde der Herzog zu meinem Onkel und Familienoberhaupt, aber er sagte, ich solle ihn als meinen Vater betrachten und mit all meinen kleinen Sorgen und Nöten zu ihm kommen, mit all meinen kleinen Geheimnissen. Vor allem aber sollte ich ihm von der Königin berichten, als sich der König von ihr abwandte und in seine Schwägerinnen verliebte: erst Mary, dann Anne.

Ich erzählte ihm, was ich in den Gemächern der Königin sah und hörte, zuerst banales Geschwätz, dann lernte ich den Zahlencode der spanischen Diplomaten für ihre geheimen Briefe – und ich kopierte die Briefe der Königin. Ich warnte ihn, als seine eigene Gemahlin, Elizabeth, die junge Herzogin von Norfolk, eine Botschaft für die Königin in einem Korb Orangen in den Palast schmuggelte. Der Herzog stellte mein Wort über ihres und sperrte sie weit entfernt von zu Hause und ihren Kindern in einem unbedeutenden Landgut ein. Zuerst verstörte es mich zutiefst, dass ein Wort von mir das Leben dieser Frau zerstört hatte, getrennt von ihren Kindern und verbannt in ein neues Heim, das einem Gefängnis glich. Zugleich erfüllte es mich mit Stolz, dass ein so hochstehender Mann wie der Herzog einem Kind wie mir mehr vertraute als ihr. Mein Geflüster war mehr wert als ihr Leugnen. Ich hörte von einem Geheimnis, verriet es meinem Gönner, und er brachte all seine Macht zur Anwendung. Es war, als sei ich die Mächtige, als verliehe mir jedes Geheimnis, das ich ausplauderte, Macht.

Danach vertraute er mir vollkommen. Zusammen überwachten wir das Erstarken der spanisch Gesinnten – eine Gruppe von Verrätern, angeführt aus den innersten Kreisen bei Hofe, mit Anhängern im ganzen Land, finanziert von Spanien und der römisch-katholischen Kirche, mit Verbindungen zum alten Adel und vielen Mitgliedern der königlichen Familie – allesamt darauf eingeschworen, die alte Königin gegen den König zu verteidigen, England den Papisten zurückzugeben, Mary wieder zur Thronerbin zu machen und sowohl Anne als auch alle, die auf ihrer Seite stehen, zu vertreiben oder gar zu töten.

»Was gibt es Neues?«, fragt der Herzog jetzt und weiß, dass es etwas Schreckliches sein muss, wenn ich barfuß und im Nachtkleid zu ihm komme.

»Anne verliert das Kind«, flüstere ich. »Ihre Mutter, Eure Schwester, hat mir aufgetragen, eine Hebamme zu holen.«

»Wollte sie, dass du mich weckst?«

»Nein. Es soll geheim bleiben. Niemand weiß, dass ich hier bin.«

»Gut gemacht. Geh wieder zu Anne. Sag mir Bescheid, wenn es vorbei ist. Egal, wie es ausgeht.«

Es scheint ihn nicht zu bekümmern, obwohl es das Ende eines neuen Familienmitglieds bedeutet, eines königlichen dazu. Aber dieses Kind ist natürlich nicht seine einzige Chance. Seine Tochter ist mit dem unehelichen Sohn des Königs vermählt, und aus dieser Verbindung kann jederzeit ein königlicher Howard-Nachkomme hervorgehen.

»Danke, dass du gekommen bist, Jane. Ich verlasse mich auf dich.«

Ich knickse und drehe mich zur Tür. Der stumme Diener öffnet sie für mich, dann schließt er sie so lautlos wie vorher. Schnell verlasse ich den Königsflügel des Palastes und kehre ins Schlafgemach der Königin zurück.

Der Anblick, der sich mir dort bietet, ist mir vertraut und schrecklich zugleich. Hier bin ich schon einmal dem Tod begegnet, genau in diesen Gemächern, und auch beim ersten Mal herrschte große Verzweiflung. Damals war es Königin Katherine, die rücklings auf dem Bett lag, die Beine auf dicken Kissen in die Luft ragend, weiß wie ihre Laken, stumme Gebete auf den Lippen, den Rosenkranz in den verkrampften Händen, den Blick auf ein Kruzifix gerichtet. Jetzt ist es Anne, eine jüngst ins Englische übersetzte Bibel in der Hand, den Blick auf ihren Bruder gerichtet, und beide sprechen leise den Psalm, mit dem um Mut im Tal des Todes gebeten wird.

Annes Mutter hat ihre Tochter fest mit Decken und Kissen umhüllt, als könne all das Bettzeug zwischen ihren Beinen das Kind in ihren Leib zurückdrängen. Blut rinnt über die weißen Laken, während George auf Englisch murmelt: »Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir. Der HERR ist mein. Mir wird nichts mangeln.«

Lange ist nichts anderes zu hören. Durch die Fugen der Fensterläden beginnt Licht zu sickern, dann höre ich eine Amsel unbekümmert trällern. Bald ist es so hell, dass die Flammen der Kerzen ganz blass wirken, und ich blase sie aus. Der sich immer noch auf den Laken ausbreitende Fleck sieht nicht mehr schwarz aus, sondern rot wie Marmelade. Nicht mehr lange, bis die Dienerschaft ihr Tagwerk beginnt. Dann wird jemand zur Tür hereinkommen und feststellen, dass wir am blutbesudelten Bett der Königin die Nacht mit ihr durchwacht haben.

Anne spricht immer noch kein Wort, und immer noch ist ihr Blick auf den betenden George gerichtet. Ihre Mutter stopft die Decken und Kissen zwischen ihren Beinen noch einmal dichter an ihren Leib.

Am liebsten würde ich die Zeit anhalten, damit dieser grauenvolle Tag gar nicht erst beginnt, aber ich kann nur den Bettpfosten umklammern und am Schluss der Gebete immer wieder »Amen« flüstern.

Leise wie eine Maus kratzt jemand an der Tür. Ein noch nicht formell bekleideter Bediensteter flüstert: »Eine Dienerin der Boleyns sagt, diese Frau wurde zu Lady Rochford …«

»Ja«, sage ich und öffne die Tür einen Spaltbreit. »Kommt herein.« Ich ziehe die Hebamme ins Gemach und schließe die Tür vor der Nase der hastig bekleideten Bediensteten und der Dienerin der Boleyns.

»Das ist Lady Rochford«, sagt Annes Mutter und zeigt auf Anne. »Verliert sie ihr Kind?«

Die Hebamme legt den Schal ab, schlägt das Bett auf und entwirrt die blutigen Laken. Ein unangenehmer Geruch nach Blut und allerlei Körpersäften breitet sich aus.

»Nein«, sagt die Hebamme, und wir alle schauen sie verblüfft an. Dürfen wir auf ein Wunder hoffen? Kann diese Frau uns retten? Kann sie ganz England retten? Sogar Anne hebt den Kopf von Georges Schulter.

»Sie verliert es nicht?«, flüstere ich.

»Sie hat es bereits verloren«, sagt die Frau brutal ehrlich. »Es ist vorbei. Ihr Leib ist ganz leer. Das hier …« Sie entfaltet ein Laken und zeigt uns eine scheußliche Ansammlung blutiger Klumpen. »Das hier war das Kind, kaum zu erkennen. Aber es ist vorbei. Nur ein wenig Blut tröpfelt noch nach. Das sollte dann in zwei Wochen vorbei sein.«

Anne vergräbt das Gesicht in Georges Halsbeuge, und er windet sich so innig um sie herum, dass sie wie eine merkwürdige Kreatur mit zwei Köpfen aussehen – ein Orthus, der mit gespreizten nackten Beinen aus verknitterten, blutigen Laken herausragt.

»Ich bin verflucht«, flüstert Anne. »Die Königin hat mich verflucht.«

»Ist es abgegangen?«, vergewissert sich Elizabeth Boleyn. Nicht zum ersten Mal sitzt sie am Bett einer Königin, die einen toten Prinzen gebärt. Nicht zum ersten Mal rafft sie blutige Laken mit königlichem Monogramm zusammen und wirft sie in die Latrine hinter der Palastmauer.

»Schon lange«, sagt die Hebamme.

»Sie kann aber weiterhin Kinder haben?«

»An ihr soll es nicht scheitern, falls ihr Gemahl das Seine tun kann«, sagt die Frau süffisant.

»Dann bleibt und reinigt sie. Sie muss so bald wie möglich wieder auf den Beinen sein, reiten und tanzen.«

»Was eine Frau so tun muss«, sagt die Hebamme und lächelt grimmig, als sei allgemein bekannt, dass es die Aufgabe von Frauen ist, zu tanzen, zu reiten, Kinder zu empfangen, blutige Laken zu reinigen und gebrochene Herzen zu heilen. Dann bringt sie die blutigen Bettlaken ins Stuhlzimmer.

»Zahlt die Frau aus, wenn sie fertig ist«, weist meine Schwiegermutter mich an. »Und sagt ihr, sie soll den Mund halten.«

Sie wendet sich zum Gehen und sieht, dass sich Anne und George immer noch eng umschlungen halten. »Oh, geht in Euer Gemach, George«, sagt sie verärgert. »Ihr solltet gar nicht hier sein.«

»Aber was sollen wir denn überall erzählen?«, frage ich.

Sie bleibt an der Tür stehen. »Gar nichts. Das Kind ist ja noch nicht offiziell angekündigt worden. Es hat nie eins gegeben, und wir haben dergleichen nie behauptet.«

»Aber sie hat es dem König gesagt«, entgegne ich leise.

»Sie sagt ihm, sie habe sich getäuscht. Ihr Blutfluss habe ein oder zwei Mal ausgesetzt, sodass sie hoffte … Jedenfalls kommt das Wort ›Fehlgeburt‹ nicht über unsere Lippen. Genauso wenig wie ›Totgeburt‹. Niemals benutzen wir die Wörter ›tot‹ oder ›Tod‹.«

»Als ich kürzlich in Frankreich war, Frau Mutter«, beginnt George, »habe ich König François gesagt, dass Anne ein Kind trägt und wir ihn besuchen, sobald es geboren ist.«

»Der König von Frankreich wird sich nicht beklagen. Vielmehr macht unser Kummer ihn froh wie ein Maientag. Und es ist ohnehin belanglos, was er denkt. Wichtig ist nur, was unser König denkt. Und dass er nichts von einer ›Fehlgeburt‹ hört. Oder sein Kind sei ›tot geboren‹ worden. Das hat er zu oft von seiner ersten Gemahlin gehört. Von Anne wird er es niemals hören.«

In den nächsten Tagen erlebe ich mit, wie die Boleyns und die Howards schamlos lügen und sich so verhalten, dass niemand wagt, uns zu widersprechen. Ich bin das Schlüsselelement des Lügengespinstes, und mir werden Fragen zugeflüstert, die man Annes Mutter, Elizabeth Boley, oder ihrem Onkel, Thomas Howard, niemals stellen würde. Wieder und wieder erzähle ich – ganz im Vertrauen natürlich –, Anne habe gedacht, sie sei schwanger, aber ihr Blutfluss habe sich lediglich verspätet, um einen Monat oder so. Ein kleiner Irrtum. Nur zu verständlich bei einer frisch vermählten Frau. Geheimhaltung zu verlangen, ist an diesem Hof die beste Garantie dafür, dass sich eine Neuigkeit schnell verbreitet.

Der Einzige, der ein Recht auf die Wahrheit hat, ist der König, und er stellt keine Fragen. Sein Hof, die Reform seiner Religion, die Revolution im Reich – und in seinem Leben – basieren auf der Überzeugung, dass seine erste Gemahlin ihm keinen Sohn gebären konnte, weil diese Ehe unrechtmäßig und deswegen nicht von Gott gesegnet war. Seine neue Ehe dagegen ist rechtmäßig, ergo ist sie von Gott gesegnet, ergo wird sie einen Sohn hervorbringen. Alles folgt einer Logik, der Logik des Königs, und die kann nicht infrage gestellt werden. Was immer mit Anne geschehen ist (und wir alle beteuern, gar nichts sei geschehen), der Same des Königs kann seine Wirkung nicht verfehlen. Und da der perfekte König eine perfekte Gemahlin hat, wird er mit ihr einen perfekten Sohn zeugen.