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Die Familie Willhorst hat sich gerade erst zu einem Familientreffen versammelt, das eigentlich erstaunlich harmonisch abläuft. Kurz darauf aber wird in einer Baugrube am sanierungsbedürftigen Busbahnhof eine Leiche gefunden: "Frisch ist der nicht", sagt die Gerichtsmedizinerin, und tatsächlich ist der Mann schon fast ein Vierteljahrhundert tot. Ein Kripoteam durchforstet alle entsprechenden Vermisstenmeldungen (und ärgert sich über deren schlampige Dokumentation) und finden am Ende heraus, dass es sich tatsächlich um einen verstorbenen Willhorst handelt. Theo Willhorst muss also vor vierundzwanzig Jahren ermordet worden sein, nicht etwa nur verschwunden. Die Familie ist mäßig betroffen, denn Theo war nun nicht gerade der Stolz der Familie und persönlich nicht wirklich sympathisch gewesen, soweit sich die Familienmitglieder noch an ihn erinnern können (und wollen). Die Kriminalbeamten befragen mehrfach alle drei Generationen der Willhorsts, die Trinkkumpane des Toten (erst sind es drei, dann sogar vier) und sogar noch die Umgebung dieser etwas dubiosen Freunde, bis sich schließlich ein Verdächtiger herausschält...
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Seitenzahl: 325
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Imprint
Der Mann im Beton. Kriminalroman
„Nee, heute Abend kann ich nicht“, sagte Pia, während sie mit der freien Hand versuchte, die Unterlagen auf ihrem Schreibtisch zu sortieren. „Mama, du weißt doch, dass ich drei Jobs habe, da kann ich so kurzfristig nicht umdisponieren!“
„Warum hast du auch drei Jobs? Du könntest dich doch langsam mal auf einen konzentrieren, vielleicht den im Sozialkaufhaus oder im Sozialzentrum?“
„Du kannst dich ja auch nicht entscheiden, was du mir empfehlen willst“, neckte Pia ihre Mutter, „wie soll ich mich denn da festlegen? Solange ich noch nicht weiß, was mir das Wichtigste ist, bleibt es so. Und ich kann heute Abend nicht deshalb nicht, weil ich da arbeiten müsste, sondern weil ich total müde bin. Drei Jobs zehren eben doch etwas, nicht wahr?“
„Es zwingt dich doch keiner“, antwortete ihre Mutter – wie immer eigentlich.
„Bitte jetzt keine Vergleiche mit der fokussierten Marlene“, seufzte Pia. „Wir sind eben nicht gleich. Wann ist gleich wieder dieses Familientreffen – und wo genau?“
„Nächsten Sonntag, Das ist der elfte Juli.“
„Weiß ich. Da kann ich auch. Und wo?“
„Deine Oma organisiert das Ganze, im Moment hat sie die Post in Niederthann im Auge, weißt du, wo das ist?“
„Ja. Am Arsch der Welt.“ Pia gluckste.
„Was soll man machen? Dort kann man viel leichter einen so großen Tisch bestellen – und etwas billiger kann es doch auch sein?“
„Wir müssen es doch eh selber zahlen? Na gut, also am Sonntag, den 11. Juli kann ich. Mach ich vorher noch die Steuererklärung, dann fühle ich mich gut.“
„Meinst du, das ich das Richtige für einen Sonntag?“
Pia kicherte: „Meinst du, so heilige ich ihn nicht genügend?“
„Wer weiß das schon… kleine Geschenke für die Oma brauchen wir auch noch, immerhin macht sie sich ja die ganze Arbeit, nicht wahr?“
„Hast du da eine Idee? Ich weiß bei der Oma nie, was sie mögen könnte…“
„Marlene weiß da auch nie was, aber ich hab eine Idee – für uns alle drei! Sind dir fünfzehn Euro zu teuer?“
„Ach wo, kein Problem! Was schwebt dir denn so vor?“
„Ich dachte an einen schönen Wellnessgutschein, das Roderich-Bad hat doch jetzt auch einen Spa-Bereich, mit Massagen und Duftölen und all sowas? Die Oma ist doch immer noch sehr auf ihr Aussehen und ihre Gesundheit bedacht, mit ihren bald neunzig Jahren?“
„Ja, warum aber auch nicht? Ich finde es nett, dass sie so eitel ist!“
Ihre Mutter schwieg kurz und Pias beschloss, schnell das Thema zu wechseln: „Wer wird denn alles kommen?“
„Ich denke, die Üblichen – wir vier, die Großeltern, Annette mit Saskia, Marlene bringt ihren neuen Freund mit…“
„Boah, bestimmt wieder so ein Porschefahrer!“
„Nun lass doch, Pia!“
„Ja, im Prinzip kann er ja so doof sein, wie er will – aber wenn der wieder so ein Ökoschwein ist, tragen wir ja schließlich alle die Folgen! Da beißt es mit der Toleranz bei mir schon recht schnell aus.“
„Vielleicht hat Marlenes Neuer ja ein veganes Startup oder er vertreibt Lastenräder?“
Pia prustete. „Mama, ich dachte, du kennst Marlene? Sogar länger als mich? Und dann rechnest du mit so einer Mesalliance? Und was ist denn mit Omas Schwester, der Tante Ute? Samt ihrem schrecklichen Nachwuchs?“
„Ach, das weißt du ja noch gar nicht!“
Effektvolle Pause.
„Mama, mach´ s doch nicht so spannend!“
„Also, Ute kommt nicht, der geht´ s nicht so gut. Ich glaube, da steht doch bald sowas wie Pflege an.“
„Ach herrje! Na, beim letzten Mal hat sie schon leicht verwirrt gewirkt, findest du nicht?“
„Naja, ein bisschen, aber das kommt halt mit dem Alter. Ich gehe ja auch manchmal in ein Zimmer, um was zu holen oder zu tun -“
„- und dann fragst du dich Was wollte ich hier eigentlich? Kenne ich auch schon!“
„Na bitte! Dann nehmen wir dich in ein paar Jahren auch nicht mehr auf Familientreffen mit.“
„Och, warum eigentlich nicht? Dann merke ich doch auch nicht mehr, wenn Papa mir eine Predigt hält oder Marlene wieder einen angeberischen Macker hat, der mich peinlich findet.“
Ihre Mutter kicherte. „Du meinst, wenn man vertrottelt – beachte die präzise medizinische Bezeichnung! – hat es man es eigentlich ganz gemütlich?“
„Richtig. Also, nächsten Sonntag in Niederthann? Wieviel Uhr?“
„Hat sie noch nicht gesagt, vielleicht vergessen – hihi!“
„Dann ruf sie halt noch einmal an! Wenn ich sie anrufe, glaubt sie, ich will sie anbetteln, weil ich doch keinen Job habe… und bis ihr das klargemacht habe, das dauert…!“
„Dabei hast du doch drei Jobs?“
„Eben, und alle drei haben ihre Reize! Aber Leute wie Papa oder Marlene verstehen das eben nicht.“
Nach dem Gespräch lehnte Pia sich zufrieden zurück: Ja, alle Jobs machten ihr Freude – und eigentlich hingen sie ja auch alle zusammen und passten zu dem, was sie studiert hatte – Soziale Arbeit und etwas BWL.
Das neue Sozialzentrum in Birkenried war voller Klienten – äh, Klient*innen natürlich – vielleicht hatten sich nicht gar so wenige mit dem Wohnungskauf etwas übernommen; auch die Mieten waren zwar korrekt, aber nicht gerade niedrig. Pia hatte selbst schon überlegt, warum Leute, die wenig verdienten, unbedingt eine Vierzimmerwohnung brauchten, obwohl sie keine Kinder und keine raumverbrauchenden Hobbys hatten.
Generell jammerten die meisten über Stress und hektische Zeiten, danach folgten das teure Leben und psychische Probleme. Gegen das Letzte konnte Pia nicht viel tun, aber Morten hatte sich mittlerweile auf psychische Probleme spezialisiert und Nele, seine Freundin, war super auf dem Gebiet des teuren Lebens… alleine schon die vielen Spielsüchtigen – oder Spielsuchtgefährdeten! Gut, dass die beiden nach Birkenried gewechselt waren, als das neue Sozialzentrum dort eröffnet wurde!
Pia hatte sich den Stress als Spezialgebiet auserkoren, verstand vom Rest aber auch genug, um multiproblematische Klienten betreuen zu können. Und jetzt sollte sie sich noch ein paar Beispiele für selbstgemachten Stress ausdenken und ein Merkblatt dafür basteln, morgen war sie ja wieder im Sozialzentrum! Immer Donnerstag, Freitag, Montag, Dienstag… Montagabend allgemeine Erklärungen zu Vermögensaufbau und Umgang mit Geld. Ja, und Samstagvormittags ein bisschen im Sozialkaufhaus aushelfen… so taugte es ihr, warum wäre denn fünfmal die Woche von acht bis sechs in irgendeinem Büro zu sitzen besser? Und dann den halben Abend von irgendeinem Chef angerufen zu werden, damit man bis zum nächsten Morgen noch etwas erledigte, was er selber verbockt hatte? Das konnte ja Marlene machen, wenn es ihr so wichtig war, dass man den Job nicht erklären musste, wenn jemand danach fragte! Und die meisten, die nach so etwas fragten, ging das eigentlich überhaupt nichts an!
Mal sehen, was Marlene, die Zimtzicke, am Sonntag zu bieten hatte. Herumstänkern würde sie auf jeden Fall, aber das war schließlich nichts Neues… Vielleicht hatte sie sich eine neue Wohnung zugelegt, großzügig und eindrucksvoll, wie es ihr zukam…
Pia sah sich in ihren eigenen vier Wänden um: Gut, sie konnte von ihrem Schreibtisch aus wirklich alle vier Wände sehen – wenn man vom Badezimmer absah. Aber was schadete das?
Sie hatte vor einigen Jahren eine der Wohnungen in den Durchhäusern ergattert, im Stil der späten Siebziger, klein und nicht ganz auf der Höhe der Zeit, aber die Wohnung war nett, zentral, alle Läden waren in der Nähe (wenn auch einige wirklich völlig überflüssige), in den anderen Wohnungen wohnten auch ganz nette Leute und zum Fuggerplatz waren es vielleicht fünf Minuten; dort gab es Busse in praktisch alle Richtungen, auch nach Birkenried und zum Dortmunder Weg. Die Volkshochschule war praktisch am Fuggerplatz selbst, vielleicht eine Ecke weiter, also konnte sie alles zu Fuß erledigen. Ihr Auto konnte sie dann eigentlich abschaffen, überlegte sie deshalb auch immer wieder; zu den Eltern fuhr auch ein Bus, zu Marlene nicht, aber die wollte sie ja auch nicht besuchen, die spielte sich dann bloß wieder als Karrierevorbild auf. Und wenn sie unbedingt vornehm wohnen musste, war sie ja wohl selbst schuld!
Nein, der Polo konnte jetzt weg – wenn sie wirklich mal einen Wagen brauchte, würde sie sich bei LeisenbergCars anmelden! Das würde sie noch im Juli in die Tat umsetzen, nahm sie sich fest vor. Gleich aufschreiben!
Wenn sich Marlene einen fetten Schlitten kaufte, um zu zeigen, wie weit sie es gebracht hatte, dann versaute sie das Klima ja wohl für sie alle beide! Da konnten sich die blödesten Klimaleugner nicht beklagen…
Immerhin, für die Wohnung brauchte sie keine guten Vorsätze mehr, hier war alles ordentlich, gepflegt und ohne unnützen Kram oder gar unnütze Möbel.
So sahen die zweiunddreißig Quadratmeter richtig großzügig aus, wer brauchte also mehr Platz, wenn er keine Familie hatte? Und hätte Marlene Mann oder gar Kinder, wüsste Pia das schließlich. Außerdem hätte Marlene in einem solchen Fall unbedingt auf einem ganzen Haus in irgendeiner Angebergegend bestanden. Wer sollte das denn eigentlich finanzieren? So wohlhabend waren die Eltern doch auch nicht, außerdem hatten die es doch verdient, endlich einmal das Leben zu genießen, nachdem die Töchter auf eigenen Füßen standen.
Ach, weiter über ihre Angeberschwester nachzudenken, lohnte sich doch wirklich nicht! Wer kam am Sonntag wohl noch zum Familientreffen? Bestimmt niemand Interessantes, wie immer eben!
Annette war eigentlich ganz nett, musste sie allerdings zugeben. Warum die damals diesen grässlichen Theo geheiratet hatte, verstand wohl auch keiner. Na, er war dann ja verschwunden – abgehauen, auf Weltreise, bei der Fremdenlegion, als Dealer in Mittelamerika, längst tot und begraben – oder, noch besser, irgendwo im Sand einer Sierra verwesend. Wann hatte er sich vom Acker gemacht, um die Jahrtausendwende herum? Als man den Busbahnhof gebaut hatte, genau!
Lieber sollte sie ihre Unterlagen fertigmachen, anstatt über die bucklige Verwandtschaft nachzudenken. Ach, so arg waren die ja auch nicht, die Eltern und Großeltern waren doch ganz okay? Und Annette auch. Das war ja wohl die Mehrheit!
Auf das Treffen übermorgen war sie ja mal gespannt, sinnierte Pia in einer Pause zwischen zwei Beratungen. Sie schaute ein bisschen aus dem Fenster, Blick auf die Sophie-von-Laroche-Straße und das Erich-Kästner-Zentrum, naja, ging so. Mal schauen, wer am meisten nervte – Oma? Die hatte manchmal so Anwandlungen und erzählte, was in ihrer Jugend „normal“ und „anständig“ gewesen war – angeblich. Gut, die krassen fünfziger Jahre…
Opa eher nicht, solange es genug zu futtern gab.
Marlene: Bestimmt, aber das war ja nun wirklich nichts Neues, und es ging auch immer um das Gleiche – Marlene hatte es ja so viel weiter gebracht als die Versagerin Pia. Das ging ihr selbst doch voll am Arsch vorbei…
Annette: nein, sie war nett – und das Verschwinden von Theo hatte sie mit Haltung getragen. Theo war, soweit sich Pia noch an ihn erinnern konnte, ein grässlicher Kerl gewesen – und sein Verschwinden hatte eigentlich alle erleichtert. Wohin er sich verzogen hatte, wäre allerdings schon interessant gewesen. Wie sagte man so schön? Nur interessehalber…
Und wer sonst noch kam? Ute ja wohl nicht, aber vielleicht ihr Nachwuchs. Das konnte sie sich kaum vorstellen – hätte sie selbst denn Lust, einen Familientag ihrer kaum bekannten Großtante zu besuchen und sich mehr oder weniger unbekannte Verwandte ans Bein zu binden? Da müsste sie sich dann fix einen geschäftlichen Termin ausdenken – am Sonntag?
Nein, warum sollte sie über einen dermaßen hypothetischen Fall nachdenken? Das war doch Zeitverschwendung!
Aber wenn die Oma das Ganze organisiert hatte, sollte sie vielleicht noch eine Kleinigkeit besorgen; nur etwas zu diesem Wellness-Tag beigesteuert zu haben, war doch etwas dürftig. Vielleicht eine Topfpflanze? Vom Blumenland, die hatten ganz schöne Sachen? Am besten eine Topfrose, die konnte sie sich ins Wohnzimmer stellen oder sie auf dem Balkon einpflanzen. Am besten in Gelb oder Orange, die Farben mochte sie besonders. Weiß konnte sie nicht leiden, den Kommentar hörte sie direkt schon: Ich bin zwar schon praktisch neunzig, aber Friedhofsblumen mag ich immer noch nicht. Könnt ihr später mal besorgen!
Bestimmt wurde sie hundert! Und dann würde sie wirklich weiße Rosen bekommen! Nur so als Gag, natürlich. Oma war schon okay – und noch verblüffend agil. Das verdiente wirklich Respekt.
Opa war vergleichsweise viel älter, auch wenn nur zweieinhalb Jahre zwischen ihnen lagen, aber er war so passiv, schlurfte zu Hause langsam zwischen Stuhl und Sessel hin und her, hörte nie richtig zu und vergaß manchmal die Namen seiner Verwandten, Hoffentlich stand ihr nicht diese Entwicklung bevor; Oma war das schon wirklich das bessere Vorbild.
Papa kam eher nach Opa, fand sie. Vielleicht war das müde Herumschlurfen ja an das Y-Chromosom gebunden? Welche Erleichterung!
Andererseits hörte man ja von immer mehr Fällen von Alzheimer und/oder Senilität – vielleicht lag das auch daran, dass die Leute immer älter wurden und dabei natürlich auch zunehmend geistig nachließen? Opa war schon etwas über neunzig, das hatte es wohl vor dreißig Jahren noch gar nicht so oft gegeben.
Bei ihren Freundinnen wusste sie gar nicht so genau, wie alt da die Großeltern waren oder geworden waren; sie wusste nur, dass die Mutter von Franzi gerade mal vierzig geworden war, aber das war wohl ein spät erkannter Krebs gewesen. In diesen jungen Jahren vermutlich eher selten…
Eigentlich wusste sie recht wenig über all diese Fragen; besser dachte sie über etwas anderes nach! Genau: Was würde sie nächste Woche in der VHS machen? Und vielleicht konnte sie im Sozialkaufhaus auch einmal ein bisschen aufräumen?
In Birkenried musste sie natürlich abwarten, mit welchen Sorgen die Klienten zu ihr kamen. Zumeist hatten sie Schulden, ein Kamikaze-Einkaufsverhalten und daraus resultierend auch eine überquellende und deprimierende Wohnung. Vermutlich war es dann zu einer echten Depression nicht mehr gar so arg weit… Aber sie hatte sich darüber auch schon öfter mit Nele unterhalten, die einen ähnlichen Schwerpunkt und sehr viel Erfahrung hatte – da gab es gelegentlich sehr gute Tipps und Materialien!
Sie sortierte alles, was sie für die VHS brauchte, wo sie im Endeffekt die gleichen Themen behandelte – nicht ohne auf Einzelcoaching im SZ-Birkenried hinzuweisen, falls es jemandem nicht genügte, sich den Vortrag zu Herzen zu nehmen.
Manchmal tauchte tatsächlich jemand, der den Kurs besucht hatte, dort bei ihr auf und murmelte so etwas wie Ich glaube, Sie müssen mich wirklich an der Hand nehmen. Oder es war einfach zu peinlich, vor Publikum von den eigenen Kaufrauschanfällen zu erzählen – nachher kamen aus einer anderen Ecke noch höhnische Geräusche?
Und im Sozialkaufhaus sollte sie mal die Regale besser beschriften. Und das Bücherregal aufräumen, da steckten die Leute ihre Spenden einfach irgendwohin – aber zwischen der Studienliteratur fand man irgendwelche Liebesschmöker doch nie, dann blieben sie liegen, bis man ihnen keine Chance mehr gab und sie schließlich in den Papiercontainer warf.
Eine Besucherin, die etliche Bücher gespendet hatte, obwohl sie selbst leicht verlegen zugab, dass sie selbst Buchhändlerin war und ihre Spenden wirklich gut zu lesen waren, hatte ihr geraten, die absoluten Ladenhüter in eine Kiste zu schichten (Rücken nach oben!) und sie für fünfzig Cent anzubieten, und sie hatte ihr erzählt, bei Gothing hätten sie für so etwas Remittendentische. Aber sie gab zu, dass sie mittlerweile E-Books bevorzugte.
Das sollte sie mit der Chefin, Suse Laubner, einmal besprechen! Es ging ja gar nicht darum, besonders viel Profit zu machen, eher darum, Zeug nicht einfach wegzuwerfen, wenn andere Leute es noch brauchen konnten, und natürlich auch darum, Leuten mit wenig Geld auch die Teilhabe (blödes Wort, fand sie) am Konsum zu ermöglichen.
Heute hatte sie doch immerhin einigen KlientInnen weitergeholfen, erinnerte sie sich recht zufrieden – diese Alisa Heckner zum Beispiel? Nahezu reisesüchtig, das wurde auch bei Frühbucherrabatten mit der Zeit recht teuer – und Frau Heckner konnte sich zum Einen die Reisen kaum leisten und zum Anderen hatte sie immer die Idee, dass man für eine neue Reise auch neue Klamotten und vielleicht einen neuen Koffer brauchte.
„Und jetzt quillt Ihr Schrank über und im Keller stapeln sich die Koffer?“, hatte Pia sich verständnisvoll gezeigt.
„Ja, das ist es ja! Und als Drittes schaue ich mir meinen Kontoauszug an und falle fast um. Ich möchte aus dieser Falle jetzt einfach raus, aber ich weiß nicht, wie!“
„Mit vereinten Kräften finden wir bestimmt raus, was man da machen kann.“
Frau Heckner seufzte. „Meinen Sie? Wäre ja schön – aber alle anderen machen doch auch so oft Urlaub, da denke ich, ich bin irgendwie komisch, wenn ich das nicht mache…“
„Der Fluch der Werbung – und wer macht die Werbung?“
„Irgendwelche Werbefuzzis, die glauben, sie wissen, was die Leute brauchen?“
„Deshalb gibt es auch so viel Werbung für Brot und Wasser oder für Spaziergänge in der Natur?“
„Äh – nein?“
„Die Leute, die solche Werbung in Auftrag geben, möchten ihren Umsatz steigern. Ob das, was sie anzubieten haben, wirklich nötig ist, spielt dabei ganz bestimmt keine Rolle – ein guter Spot könnte das Bedürfnis ja überhaupt erst wecken, nicht wahr?“
Frau Heckel hatte brav genickt, aber Pia hatte das Gefühl gehabt, dass sie nicht wirklich verstanden hatte, also hatte sie es noch einmal von vorne versucht, erinnerte sie sich zufrieden.
Und das hatte eigentlich auch geklappt, Frau Heckel war auf die Diskussion über blöde Werbung, die nur zum Kaufen verlocken sollte, begeistert eingestiegen. Als Hausaufgabe sollte sie sich zwei Nachrichten-Feeds ansehen und notieren, wofür da geworben wurde – und was davon sie ehrlich brauchen konnte. Wahrscheinlich nicht viel, hoffte Pia beim Erinnern. Mit einer kritischeren Sicht auf Konsumentenwerbung verlor sie vielleicht die Lust an albernen Modetrends?
Das Ehepaar Schmieder war immerhin schon langfristig orientiert – mit Anfang vierzig machten sie sich schon Sorgen um ihre Renten. „Das Sparbuch ist doch wohl auch nicht das Richtige, gell? Aber mit Aktien kennen wir uns nicht so arg aus – alles so schwierig!“, hatte Frau Schmieder geseufzt und ihr Mann hatte heftig dazu genickt.
Nun, da hatte Pia natürlich Rat gewusst; ein kleines Depot mit zwei, drei soliden ETFs, langfristig möglicherweise eine Immobilie, eine Wohnung vielleicht – und einen kritischen Blick auf die Konsumgewohnheiten. „Gut, dass Sie mit der Planung so früh begonnen haben, da können Sie das Thema doch recht entspannt angehen!“, hatte sie die beiden gelobt und ein dankbares Lächeln geerntet. „Haben Sie denn Kinder?“
„Eine Tochter, die Lorena, die ist jetzt zehn“, hatte die Mutter stolz geantwortet.
„Ah, dann geht es jetzt aufs Gymnasium?“
„Ja, dann hat sie es später bestimmt etwas leichter, gell? Da gibt es dann auch bessere Jobs!“
„Wenn sie das alles auch packt!“, murmelte ihr Mann.
„Die meisten packen es nach einigen Auf und Abs ganz ordentlich, da muss man ein bisschen entspannt sein!“, hatte Pia getröstet. „Außerdem können Sie auch bei solchen Problemen gerne zu uns kommen.“
Damit waren die Eltern vorläufig zufrieden; Pia vereinbarte einen neuen Termin – für die Auswertung der Marketing-Beobachtungen und für den ersten Schritt zur vernünftigen Vermögensbildung.
Zunächst kam nun niemand mehr, also konnte sie in aller Ruhe Akten ablegen und sogar zwei Ordner über mittlerweile erledigte Fälle fertigstellen, die sie dann mit Genuss ins Regal rammte.
Nele Garbrecht schaute einmal herein: „Alles gut?“
„Na klar!“ Sie erzählte von dem Werbungs-Beobachtungs-Auftrag und Nele lachte schallend. „Darf ich das auch mal verwenden?“
„Klar. Ob es wirklich funktioniert, muss ich allerdings beim nächsten Termin erst überprüfen…“
„Halte mich auf den Laufenden, ja?“
Die Tür schloss sich wieder.
Dass sie hier ein Einzelbüro hatte, war schon toll. Nele hatte ihr ja einmal erzählt, dass das Bürgerzentrum in Selling so beengt gewesen war, dass sich mehrere Leute einen Raum teilen mussten – immerhin gab es ein, zwei Ausweichräume für Notfälle. Gut, in Birkenried hatte man das Zentrum gleich hinreichend groß geplant, hier war ja auch noch genügend Platz.
Morgen Vormittag, also Samstag, würde sie im Sozialladen wirklich ein bisschen aufräumen, nach Rücksprache mit der Leiterin. Wenigstens die Bücherregale! Und tanken sollte sie, bis nach Niederthann kam sie sonst am Sonntag nicht. Auf die Familie war sie ja mal gespannt…
Nach Niederthann war es schon ziemlich weit, stellte Pia am Sonntagmorgen fest – aber immerhin waren die Straßen doch einigermaßen frei und man konnte so geruhsam fahren, dass man sich nebenbei noch an den Samstag erinnern konnte.
Immerhin war das Bücherregal im Sozialkaufhaus jetzt vernünftig sortiert und beschriftet, vielleicht hielten sich die Leute, die etwas spenden wollten, auch einmal daran? Und Suse Laubner hatte sich wirklich gefreut und sich herzlich bedankt. Das Zeug für die VHS hatte sie auch schon fertig – für Montagabend war alles bereits eingepackt. Dann konnte sie sich jetzt ja auf ihre Familie konzentrieren! Die Eltern nahmen auch die Großeltern mit, Anette kam mit Saskia – und Marlene natürlich mit ihrem neuesten Schatz, Carsten Irgendwie.
Carsten war ziemlich altmodisch, fand sie. Na, vielleicht kam der Name in der Familie häufiger vor. Hörte sich an wie ein eher konservativer Politiker, einer, der gegen soziale Gerechtigkeit und vor allem gegen Umweltschutz war. Dann passte er ja zu der blöden Marlene!
Nein, das war doch ein Zirkelschluss: Weil er Marlenes Freund war, musste er so denken wie sie – und das konnte man aus seinem Namen folgern? So ein Stuss!
Sie näherte sich auf der leeren Staatstraße Niederthann und stellte fest, das vor Kurzem ein Odelwagen hier entlang gefahren war, man sah die Spuren auf der Straße und roch übrigens auch den Duft. Ärgerlich ließ sie das Fahrerfenster wieder hochfahren.
Immerhin, schon fast elf, dann kam sie wenigstens nicht allzu viel zu früh – was ihr nicht so selten geschah…
Eigentlich komisch, überlegte sie, langsam fahrend und in die Abzweigungen spähend – dieser Alte Wirt musste doch hier irgendwo sein? Solche Gasthöfe waren doch meist in der Ortsmitte? Komisch war, dass sie so eine Pünktlichkeitsfetischistin war und Marlene, die Karrierefrau, gerne etwas zu spät kam?
Oder hatte die toughe Karrierefrau es nicht mehr nötig? Sollten die anderen, die Unwichtigen, doch eher auf sie warten?
Sie musste mit dem Quatsch aufhören, ermahnte sie sich selbst, sonst steigerte sie sich noch in eine ganz absurde Aggressivität hinein. Marlene im Stillen blöd zu finden reichte ja wohl. Und kühle Höflichkeit! Perfekte Haltung!
Immerhin war sie wirklich rechtzeitig eingetroffen, stellte sie fest – auf dem Parkplatz des Gasthofs stand noch gar kein Wagen, wenn man von dem Lieferwagen eines Weinhändlers absah. Sie blieb noch kurz sitzen und überlegte, ob sie sich Marlene gegenüber eine Strategie zurechtlegen sollte oder ob es tatsächlich besser war, alles auf sich zukommen zu lassen. Letzteres, beschloss sie dann. Strategien, die man schon durchgeplant hatte, bewährten sich im Nachhinein meistens ja doch nicht!
Schließlich bog der große BMW der Eltern auf den Parkplatz ein; Pia stieg aus, sammelte Handtasche und den Blumentopf für Oma ein und ging hinüber zu den anderen. Sie umarmte alle vier und überreichte ihrer Großmutter die Topfpflanze, eine gelborange Rose.
„Oh, so schöne Blumen! Nur dafür, dass ich die anderen eingeladen und den Tisch reserviert habe? Sehr edel!“
„Dass du dir die Mühe gemacht hast, war doch auch edel, Oma?“
„In meinem hohen Alter, gell?“
„Das, Oma, hast jetzt du gesagt!“
Ihre Eltern lachten. „Touché!“
Oma grinste fies, das konnte sie wunderbar, musste Pia zugeben. „Du wirst doch bestimmt noch hundertacht, Oma!“
„Lieber Himmel, wie dieser uralte Schauspieler?“ Mama kam gerade nicht auf den Namen, Oma aber schon: „Der Heesters? Und am Ende hat er einen furchtbaren Schmarrn geredet, gell? Dass der Hitler doch recht nett gewesen wär´ und solches Zeug, aber da haben doch alle bloß gedacht Altersschwachsinn, gell?“
„Aber du könntest doch locker hundertacht werden – ohne Alternsschwachsinn, gell, Oma?“
„Ich werd´ mir Mühe geben, Pia!“ Sie betraten den Gasthof, wo ihnen schon ein Kellner entgegenkam: „Familie Willhorst? Ihr Tisch steht schon bereit!“
Der Tisch bot zehn Plätze und Pia zählte im Kopf schnell durch: Sie waren fünf, Marlene und ihr Macker: sieben, Annette und Saskia: neun. „Ich komme auf neun Leute, wer kommt denn noch?“
„Vielleicht wenigstens noch Chantal und Nicolai“, erklärte Oma. „Dann brauchen wir noch einen Stuhl und ein Gedeck. Na, Platz wäre schon noch.“
„Eben! Wenn wir von vorneherein für elf Leute decken lassen und die beiden kommen dann nicht, sieht das doch deprimierend aus. Zehn ist sozusagen der Kompromiss!“, lobte ihre Mutter.
„Sehr klug“, fand Pia, zog das Gummi aus ihrem Pferdeschwanz und brachte es wieder – fester – an.
„Kind, willst du nicht doch mal zu einem richtigen Friseur gehen?“
„Das tue ich doch? Zweimal im Jahr lasse ich sechs Zentimeter rundherum abschneiden – so gerade brächte ich das selbst ja nie selber hin. Oder meinst du, kurz schneiden und eine Dauerwelle?“
Sie betrachtete die entsprechende Frisur ihrer Großmutter freundlich. „Dir steht das gut, aber mir bestimmt nicht. Da bin ich auch die falsche Generation, fürchte ich.“
Oma tätschelte ihr die Schulter. „Hast ja recht, mein Kind! Kommt, setzen wir uns schon, das ist doch viel bequemer!“
„Gute Idee, jetzt ist es ja auch fast schon zwölf“, fand Pias Vater, dessen Uhr mal wieder falsch zu gehen schien, es war gerade mal zwanzig vor. Das mit dem Zu-früh-kommen hatte sie eindeutig von ihm geerbt!
In der Tür erschienen Annette und Saskia, letztere etwas lustlos dreinsehend. Kein Wunder, dachte Pia, lauter alte Leute! Sie selbst war ja noch die Jüngste, aber auch immerhin sieben Jahre älter als Saskia, die gerade erst mit dem Studium fertig war und sich garantiert lieber mit Leuten getroffen hätte, die Tipps auf Lager hatten, was gute und schlechte Arbeitgeber betraf. Was hatte Saskia eigentlich studiert? Nachher würde sie sich erkundigen, vielleicht hatte sie ja auch einen Tipp?
Vorläufig begrüßte man sich herzlich; die meisten hatten sich seit mehreren Jahren nicht mehr gesehen und fanden das Treffen doch wohl wenigstens interessant; so erfuhr man doch gleich aus eigener Anschauung, was die anderen so machten!
Immerhin landete Pia zwischen ihrem Vater und Saskia und konnte sich gleich erkundigen, was sie denn nun studiert hatte.
„Biologie“, war die leicht beleidigte Antwort. Aha, das hätte sie wohl schon von selbst wissen sollen? Na, egal.
„Hast du schon eine Stelle gefunden? Biologinnen sind doch gesucht, oder?“
„Ich weiß noch nicht. An der Uni und in einer Schule habe ich jedenfalls nichts gefunden, bis jetzt. Blöd! Ich denke, überall werden Arbeitskräfte gesucht?“
„Ja, aber Behörden sind da vielleicht nicht so ganz auf der Höhe der Zeit, meinst du nicht? Was wäre denn mit Startups im Bereich Umweltschutz oder so?“
„Hast du da Adressen? Das klingt eigentlich ziemlich interessant…“
„Nein, leider nicht – aber das Internet hilft dir bestimmt weiter. Und in der MiniCity gibt es auch einiges, Eco Projects zum Beispiel. Die kenne ich allerdings auch mehr so vom Vorbeilaufen, die sind mehr oder weniger auf halbem Weg zwischen der Altstadt und der besten Sandwichbar. Und der Bus hält auch da in der Nähe, ganz praktisch. Eine Webseite haben die auch.“
„Danke, das hilft mir schon ganz hübsch weiter. Mama macht sich im Moment nur Sorgen, was aus mir werden soll, wenn ich nichts finde, dabei habe ich immer schon nebenbei gejobbt und immerhin so viel verdient, dass ich ein hübsches kleines Polster habe.“ Sie lächelte Pia tapfer an.
„Klingt gut. Dann bist du wohl keine Klientin für mich, das freut mich.“
Saskia machte schmale Augen: „Was soll das denn heißen?“
„Na, ich arbeite doch im Sozialzentrum in Birkenried – Leuten helfen, von ihren Schulden runterzukommen, erklären, wie man einen kleinen Überschuss vernünftig anlegt -“
„Ich schlage ETFs vor“, warf Saskia ein.
Pia feixte. „- sag ich ja! Dann natürlich, wie man vernünftig und etwas minimalistisch lebt, die Werbung durchschaut, sich überlegt, wieviele Quadratmeter man wirklich braucht und was man macht, wenn man seinen Job verloren hat. Möchtest du da meine Klientin sein?“
„Nein, du hast ja recht. Aber das finde ich sehr lobenswert. Zahlen die aber auch einigermaßen?“
„Einigermaßen, das kann man schon sagen. Daneben bin ich auch ein-, zweimal die Woche im Sozialkaufhaus im Dortmunder Weg und mache auch Kurse an der Volkshochschule, Finanzielle Souveränität. Vor allen für Frauen – du glaubst es nicht, was sich da manchmal für Abgründe auftun! Huch, was ist jetzt?“
In der Tür zur Gaststube stand ein Mann, der vor Erfolg geradezu schwitzte, daneben, stolz lächelnd, die dämliche Marlene, entdeckte Pia misslaunig. Schnell wandte sie sich wieder Saskia zu: „Wollen wir uns bei Gelegenheit über Whatsapp austauschen? Vielleicht fällt mir ja eine interessante Firma auf, wenn ich so in der MiniCity herumlaufe, auf der Suche nach dem optimalen Mittagessen?“
„Au ja!“, freute Saskia sich und zog ihr Smartphone hervor. Schnell hatten sie ihre Nummern ausgetauscht und jeweils einmal Hej mit Grinse-Emoji gesendet, um den Kontakt zu prüfen.
Marlene und ihr neuer Macker (war er doch wohl?) setzten sich, glücklicherweise an die Tischseite, die eher weiter von Pia und Saskia entfernt war, da war eben noch mehr Platz – aber nicht mehr lange, denn Chantal und ihr Sohn Finn kamen unmittelbar nach dem vornehmen Paar. Chantal trug normale Jeans, die allerdings sehr knapp saßen, genauso wie das T-Shirt mit der Aufschrift: Montag? Ich brauche sofort Urlaub!! Genau das, worüber ein Arbeitgeber sich freuen musste.
Aber Arbeitgeber waren ja wohl keine da – und Finn wenigstens hatte sich dem Anlass entsprechend in Chinos und ein ordentliches Polohemd (allerdings ohne Nobelstickerei auf der Brust) gekleidet. Der musste doch gerade Abitur gemacht haben?
Chantal hatte sich schon auf den letzten freien Stuhl an der vornehmeren Tischseite gesetzt; Finn verdrehte gut sichtbar die Augen und kam an das Ende, wo Pia und Saskia saßen; Pia fing den Blick des Kellners ein, der sofort noch einen Stuhl brachte. Sie bedankte sich, Finn bedankte sich, Marlenes Freund schüttelte den Kopf.
Über den Tisch zu brüllen: „Was soll das Kopfschütteln?“, war ihr auch zu blöd, also zuckte Pia nur die Achseln und erkundigte sich nach Finns Zukunftsplänen, mit gesenkter Stimme, damit nicht blöde Kommentare von Marlene oder diesem Macker kamen.
Finn sprach über Fahrzeugtechnik und die Suche nach alternativen Kraftstoffen, unterbrach sich aber dann und fragte: „Kennt ihr diesen Busbahnhof neben dem Bahnhof?“
„Ja, klar, aber ist der nicht auch schon zwanzig Jahre alt?“, fragte Saskia zurück.
„Noch mehr“, korrigierte Pia, „Ich glaube, den haben sie 2000 eingeweiht. Sozusagen sollte Leisenberg richtig schick ins neue Jahrtausend starten. Mensch, Saskia, da warst du noch ganz klein – und ich war noch in der Grundschule! Warum fragst du, Finn?“
„Ach, bloß so – Mama und ich sind vorhin da vorbeigefahren und da machen sie eine Riesenbaustelle auf – wollen die den Busbahnhof womöglich wieder abreißen? Ich meine abgeranzt genug schaut er dafür ja aus? Oder wisst ihr da etwas Genaueres?“
„Lässt sich ja wohl herauskriegen“, antwortete Pia und zückte ihr Telefon.
„Also wirklich, beim Familientreffen mit dem Handy spielen!“
Wer war das gewesen? Sie sah zur Seite und entdeckte tatsächlich missbilligendes Kopfschütteln. Nun äußerte sie sich doch lauter: „Wir haben gerade über etwas gerätselt und nun schaue ich nach, wie es sich mit den Fakten verhält. Was ist daran so schlimm?“
„Sie haben sich nicht einmal vorgestellt!“
„Hätte nicht Marlene Sie vorstellen sollen? So wie Das ist mein Freund Maximilian – oder wie auch immer? Wir hier kennen uns doch alle schon!“
Marlene murmelte ihrem Macker etwas zu und er winkte ab. Seinen Namen sagte er aber auch nicht. „Hab eh keine Lust, den kennen zu lernen“, murmelte Finn, aber etwas lauter wohl als beabsichtigt. Pia schaute schnell hinüber, ob man da eingeschnappt war. Nein, eisernes Pokerface. Nur Finn zog den Kopf ein bisschen ein und Saskia mahnte wirklich leise: „Das mit dem Flüstern übst du wohl besser nochmal, Finn!“
Der kicherte und hustete dann verlegen. Pia nahm wieder das Handy zur Hand, aber nun kamen die Speisekarten und dazu ein Kellner, der die Getränkewünsche aufnahm. Wie immer breitete sich zuerst Stille aus, bis jeder sich etwas ausgesucht hatte, aber dann wurde es lauter, denn nun musste man seine Entscheidung diskutieren, begründen, wieder verwerfen…
„Oder soll ich doch lieber etwas Veganes essen?“ überlegte Chantal gut hörbar.
„Orr, Mama“, murmelte Finn.
„Finn, bitte, deine Mutter kann doch wohl essen, was sie will?“, mahnte Saskia.
„Klar kann sie. Aber sie möchte eigentlich ein Schnitzel - und dann denkt sie, dass etwas Veganes viel besser ausschaut, aber leider mag sie das gar nicht besonders. Höchstens einen Haufen Pommes, aber dann käme sie sich doch vor wie ein Kind.“
„Salat ist keine Alternative?“, fragte Saskia.
„Den macht sie ja zu Hause schon immer, da kann ich auch wieder verstehen, dass sie das hier nicht auch noch essen will. Essen ist ja furchtbar schwierig, gell?“
Pia lachte auf. „Ökologisch, gesund – schmecken sollte es auch noch? Ich nehme das Schnitzel mit Senf unter der Panade, das schmeckt mir. Pommes dazu.“
Sie klappte ihre Speisekarte zu und griff wieder zum Handy: „Busbahnhof Baustelle?“
Saskia entschied sich für den Salatteller mit Garnelenspieß. „Aber was zu trinken wäre allmählich mal recht.“
Finn nahm ebenfalls das Schnitzel. „Oder ist das sehr scharf, Pia?“,
„Nö. Naja, so mittel, vielleicht. Schaffst du schon. Oder nimm halt das Schnitzel Wiener Art, das ist nicht so gewürzt.“
„Nein, man muss sich auch mal was trauen, oder?“
„Tapferer Bub“, grinste Saskia.
„Der Busbahnhof wird im Lauf des nächsten halben Jahres kräftig erweitert, steht hier“, sagte Pia. „Dazu muss der Teil, der direkt neben der Straße steht, erst einmal weg und der Untergrund wird verbreitert; die Schillerstraße wird nach Osten ein Stück verlängert und nach Süden etwas verbreitert, so dass die Ostseite schmaler werden kann, so dass da zwei weitere Busspuren hinpassen. Und irgendwo soll noch sowas wie ein Kiosk hinkommen, aber das steht hier nicht genauer – nur Tickets, Reiseproviant und ein paar Bänke zum Warten. Fertigstellung Dezember 2024? Na, wer´ s glaubt, gell?“
Zwei Kellner kamen jetzt endlich und brachten die Getränke; Pia nahm gleich einen großen Schluck Wasser und machte Ahh. Marlenes Macker sah von der Speisekarte auf und schüttelte den Kopf.
Blödmann, dachte Pia. Aber er bekam höchstwahrscheinlich erst als letzter sein Essen, weil er immer noch in der Karte las. Oder sie alle bekamen nichts, bis er endlich das Ding zugeklappt hatte? Na, mal sehen… Wo hatte Marlene den Typen wohl aufgegabelt?
Sie tuschelte darüber mit Saskia und Finn und sie schafften es sogar, Wetten abzuschließen; Saskia war dafür, dass er als letzter sein Essen bekäme, Pia prophezeite, dass alle warten mussten, bis er die Speisekarte aus der Hand gelegt hätte – und Finn war der Ansicht, er bekäme bestenfalls sein Getränk, wenn alle anderen schon ihre Teller erhielten. Sie bekräftigten das mit Ghettofäusten, was die Eltern zum Lachen brachte und Marlenes Macker sichtlich verstörte.
Konnte sich Marlene nicht einmal einen netten Kerl suchen? Sie tuschelte mit Saskia, die zurücktuschelte: „Wie denn, wenn sie selbst so seltsam ist?“
„Stimmt auch wieder“, gab Pia zu, nun in normaler Lautstärke und Finn fragte, was sie im Sommer vorhätten. Pia bekannte, dass sie nicht gerne verreiste und außerdem den Kolleg*innen mit Kindern den Vortritt lassen musste. „Vielleicht Ende September mal nach Wien oder Rom, für drei, vier Tage, mal sehen.“
Saskia wollte mit einigen Freunden zum Zelten an den Bodensee; Finn zog ein Gesicht, sagte aber nichts über Alte-Leute-Ziele oder Langeweile im Urlaub – obwohl es ihm erkennbar auf der Zunge lag!
„Ja, und du? Immerhin sind das wahrscheinlich die längsten Ferien deines Lebens, von Anfang Juli bis Mitte Oktober?“
Er schnitt eine Grimasse. „Mama findet, ich soll mir einen Job suchen und schon mal was verdienen und nicht wie ein Bekloppter durch Europa reisen und Geld ausgeben.“
„Hm. Naja, aber so viel verdient deine Mutter ja auch nicht, da könntest du schon auch ein bisschen was ranschaffen, oder? Willkommen im Erwachsenenleben!“
„Mach es halt halbe-halbe“, schlug Saskia vor. „Das sind doch gute zehn Wochen, oder? Sechs Wochen einen Ferienjob und vier Wochen verreisen, aber nicht gerade in irgendein Luxusresort?“
„Zelten, so wie du?“
„Ja, vielleicht. Ich finde das immer ganz lustig. Hängst aber auch davon ab, ob ich zum ersten September einen Job habe, das ist ja eigentlich wichtiger.“
„Was hast du gemacht?“
„Ich bin Biologin. Gerade mit dem Master fertig. Und Pia wollte sich mal umhören, ob jemand eine Biologin sucht.“
„Klar“, bestätigte Pia. „Mit Sozialer Arbeit lernst du so viele Leute kennen – nicht nur die Hilfsbedürftigen, auch jede Menge Arbeitgeber. Apropos – Papa?“
Ihr Vater, der tiefsinnig in sein Alkoholfreies geblickt hatte, wandte sich ihr zu. „Ja?“
„Weißt du, ob die Lebensmittel- und Hygieneaufsicht oder wie das heißt, Biologen braucht?“
„Das ist das Gesundheitsamt. Ja, durchaus. Biologen, Lebensmitteltechniker, Chemiker… Ich kann ja mal nachfragen.“
„Damit wäre der erste Schritt ja schon getan“, freute sich Pia. „Jetzt brauchen wir bloß noch einen Ferienjob für dich, Finn!“
„Der Typ da drüben neben deiner Schwester sieht ziemlich so aus wie ein Arbeitgeber, findest du nicht?“, schlug Saskia vor. „Den könnten wir doch fragen, oder?“
„Eher ungern“, wehrte Pia ab. „Der hat schon jede unserer Lebensäußerungen mit Kopfschütteln quittiert und sich hier immer umgeschaut, als sei er unter den Pöbel geraten. Ich wundere mich ja bloß, dass er noch nicht mit Marlene zu streiten angefangen hat, was sie nur für unmögliche Leute kennt. Außerdem mag der so ausschauen wie ein Arbeitgeber, aber er könnte auch bloß einer von diesen affigen Jurastudenten sein – du weißt schon, welche ich meine, oder?“
Saskia nickte: „Die schon eine Position bei der Staatsregierung anstreben?“
„Vornehm formuliert – genau die meine ich!“
Finn maulte: „Ihr drückt euch verflixt geheimnisvoll aus!“.
„Das war nicht wichtig, Finn, denk dir nichts.“
„Wer strebt eine Position bei der Staatsregierung an?“, beharrte Finn auf einer Erklärung.
„Spießer und Streber unter den Jurastudenten – äh – Student: innen“, beschied Saskia ihn kurz. „Wie heißt der Typ eigentlich?“, wandte sie sich dann an Pia.
Die zuckte die Achseln. „Vorgestellt hat er sich ja nicht – oder hab ich da was verpasst? Irgendwer hat mal gesagt, Carsten – aber ob das der ist oder der vorige Macker von Marlene?“
„Nein, verpasst hast du heute nichts. Unhöflicher Kerl, er hat nur so hoheitsvoll in die Runde genickt, als wollte er sagen: „Also, ich bin der Ehrengast und ich wäre jetzt dann da.“
„Ein bisschen zu spät obendrein“, merkte Finn kritisch an.
„Wundervolle Einigkeit“, merkte Pia an.
„Aber dass deine Schwester sich so einen Tropf geangelt hat?“ Finn schien es nicht glauben zu können.
„Marlene ist kaum besser, auch so eine Super-Leistungsträgerin. BWL, nicht Jura, allerdings. Nicht, dass sie viel leistet, aber sie redet jedenfalls dauernd davon. Und dass man Leuten, die etwas Pech hatten, dabei hilft, sich wieder zu bekrabbeln, verurteilt sie aufs schärfste. Mit dem Geld könnte man doch die Steuern für richtig lukrative Industrien senken. Hat Marlene echt mal gesagt – unsere Eltern waren kurz davor, sie rauszuschmeißen!“
„Fährt natürlich einen SUV?“, fragte Saskia.
„Aber natürlich. Deutsche Marke, natürlich. Gut, das mach ich auch, aber einen vierzehn Jahre alten kleinen VW. Reicht doch!“
Das Gespräch wurde unterbrochen, weil sich die Kellner um den Tisch versammelten und eher missmutig auf Marlene und vor allem ihren affigen Stenz starrten, die immer noch die Karte lasen.
Schließlich ergriff die Oma die Initiative. „Wir würden jetzt alle gerne bestellen. Marlene, du und dein junger Mann könntet euch jetzt bitte entscheiden und eure Karten zuklappen. Darauf warten die Kellner nämlich!“
Pia konnte ein Prusten nicht ganz unterdrücken, was ihr einen doppelten Giftblick eintrug – so what…
Marlene und ihr Freund tuschelten miteinander, dann nickte er etwas resigniert und sie klappten ihre Karten zu; sofort begannen die Kellner die Bestellungen aufzunehmen – nicht zuerst bei Marlene, die schon wieder mit ihrem Freund flüsterte, sondern zunächst bei den älteren Herrschaften, wie es sich auch gehörte, fand Pia.
