Die lustigen Weiber von Windsor - Kein Drama nach William Shakespeare - Anno Stock - E-Book

Die lustigen Weiber von Windsor - Kein Drama nach William Shakespeare E-Book

Anno Stock

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Beschreibung

Windsor, 1597: Sir John Falstaff ist ein Ritter ohne Geld, aber voller Selbstüberschätzung. Als er glaubt, zwei wohlhabende verheiratete Frauen – Mistress Page und Mistress Ford – mit identischen Liebesbriefen verführen zu können, ahnt er nicht, welches Spiel er begonnen hat.Die beiden Freundinnen durchschauen seine Absichten sofort. Statt sich beleidigt zurückzuziehen, beschließen sie, dem arroganten Ritter eine Lektion zu erteilen, die er nie vergessen wird. Dreimal locken sie ihn in raffinierte Fallen – von einem Wäschekorb in der Themse über eine Verkleidung als alte Frau bis zum spektakulären Finale im Windsor Forest, wo Falstaff mit Hirschgeweih als legendärer Geist erscheinen muss.Doch nicht nur Falstaff lernt in diesem turbulenten Winter: Frank Ford muss seine krankhafte Eifersucht überwinden und seiner Frau endlich vertrauen. Und die junge Anne Page kämpft um ihr Recht, den Mann ihrer Wahl zu heiraten – gegen den Willen ihrer Eltern und gleich drei hartnäckige Verehrer.Nach William Shakespeares zeitloser Komödie erzählt dieser Roman eine Geschichte über Intelligenz, die Arroganz besiegt, über Zusammenhalt unter Frauen und über die Kraft der Liebe. Mit Witz, Spannung und einem Blick ins elisabethanische England lädt diese Adaption dazu ein, die listigen Weiber von Windsor kennenzulernen – und zu verstehen, warum ihre Geschichte auch nach über vierhundert Jahren nichts von ihrer Aktualität verloren hat.

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Seitenzahl: 231

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Die lustigen Weiber von Windsor - Kein Drama nach William Shakespeare

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Table of Contents

Die lustigen Weiber von Windsor

Kapitel 1: Ein Ritter in Nöten

Kapitel 2: Ein gefährlicher Plan

Kapitel 3: Die Empfängerinnen

Kapitel 4: Entlarvte Absichten

Kapitel 6: Die erste Einladung

Kapitel 7: Der Wäschekorb

Kapitel 8: In der Themse

Kapitel 9: Triumph und neue Pläne

Kapitel 10: Die zweite Falle

Kapitel 11: Die alte Frau aus Brentford

Kapitel 12: Elterliche Pläne

Kapitel 13: Heimliche Treffen

Kapitel 14: Gerüchte und Vorbereitungen

Kapitel 15: Die Eiche von Herne

Kapitel 16: Väterliche Einsicht

Kapitel 17: Vergebung und Versöhnung

Kapitel 18: Hochzeit und Heimkehr

Epilog: Zwei Jahre später

Nachwort

Impressum neobooks

Table of Contents

Die lustigen Weiber von Windsor

Ein Roman nach William Shakespeare

Anno Stock

Prolog: Windsor im Herbst

Der Herbst hatte sich über Windsor gelegt wie ein goldener Schleier. Die alte Stadt am Ufer der Themse, keine zehn Meilen westlich von London gelegen, zeigte sich in jenen Oktobertagen des Jahres 1597 von ihrer schönsten Seite. Die Blätter der Ulmen und Eichen, die entlang der Straßen wuchsen, leuchteten in allen Schattierungen zwischen Gelb und Rostrot, und wenn der Wind durch die Kronen fuhr, regnete es golden auf die Kopfsteinpflaster der engen Gassen.

Hoch über der Stadt thronte Windsor Castle, jene gewaltige Festung, die seit Jahrhunderten als königliche Residenz diente. Ihre grauen Mauern und Türme ragten mächtig in den Himmel und erinnerten jeden Bürger und Besucher daran, dass hier königliches Territorium begann. Die Flagge wehte vom höchsten Turm, doch Ihre Majestät Königin Elisabeth weilte in diesen Tagen in London. Das Schloss stand unter der Obhut seiner Wächter und Verwalter, während das Leben in der Stadt darunter seinen gewohnten Gang ging.

Windsor war keine große Stadt, doch sie war wohlhabend. Der Hof brachte Geschäft, und die Lage an der Themse machte sie zu einem wichtigen Handelspunkt. Kaufleute und Handwerker hatten hier ihr Auskommen gefunden, und viele von ihnen hatten es zu bescheidenem Wohlstand gebracht. Die Fachwerkhäuser säumten die Straßen, ihre oberen Stockwerke ragten über die unteren hinaus, sodass sich die Dächer der gegenüberliegenden Gebäude mancherorts fast berührten.

An einem solchen Herbstmorgen erwachte die Stadt zum Leben. Aus den Schornsteinen stieg Rauch auf, der sich mit dem Nebel mischte, welcher von der Themse heraufzog. Die ersten Händler öffneten ihre Läden, Hausfrauen eilten mit Körben zum Marktplatz, und Dienstmägde trugen Wasserkrüge vom Brunnen. Das Läuten der Kirchenglocken rief die Frommen zum Morgengebet, während andere sich ihren weltlicheren Pflichten widmeten.

Das Gasthaus zum Hosenbandorden war eines der angesehensten Etablissements der Stadt. Es lag günstig in der Nähe des Schlosses und beherbergte oft Reisende von Stand, die geschäftlich oder zu ihrem Vergnügen nach Windsor kamen. Der Wirt, ein rundlicher Mann namens Host, führte sein Haus mit lauter Stimme und noch lauterem Lachen. Er kannte jeden in Windsor, und jeder kannte ihn. In den niedrigen Räumen des Gasthauses mit ihren dunklen Holzbalken und dem ewigen Geruch nach Bier und Bratenfett wurden die Neuigkeiten der Stadt ausgetauscht, Geschäfte besprochen und Streitigkeiten ausgetragen.

Nicht weit vom Gasthaus entfernt, in einer der besseren Straßen Windsors, stand das Haus der Familie Page. Es war ein stattliches Gebäude aus hellem Stein und dunklem Holz, mit bleigeverglasten Fenstern, die den Wohlstand seiner Bewohner zur Schau stellten. George Page war ein angesehener Bürger, ein Kaufmann, der sein Vermögen mit Bedacht vermehrt hatte. Seine Frau Margaret, die von allen nur Meg genannt wurde, führte den Haushalt mit fester Hand und hatte den Ruf, eine kluge und witzige Frau zu sein. Ihre Tochter Anne, gerade siebzehn Jahre alt, galt als eine der schönsten jungen Damen Windsors – eine Tatsache, die mehrere Verehrer auf den Plan gerufen hatte.

Nur wenige Häuser weiter wohnte die Familie Ford. Frank Ford hatte es ebenfalls zu einigem Wohlstand gebracht, und sein Haus stand dem der Pages kaum nach. Er war ein Mann in den besten Jahren, gutaussehend und erfolgreich, doch leider mit einem Charakterzug behaftet, der ihm und anderen das Leben schwer machte: Er war krankhaft eifersüchtig. Seine Frau Alice, eine Frau von großer Schönheit und noch größerem Verstand, ertrug diese Eifersucht mit bewundernswerter Geduld, obwohl sie ihr zuweilen schwer zu schaffen machte.

Die beiden Frauen, Mistress Page und Mistress Ford, waren seit ihrer Jugend befreundet. Man sah sie oft zusammen, wenn sie zum Markt gingen oder sich gegenseitig besuchten. Sie teilten nicht nur die Freuden und Sorgen des Alltags, sondern auch einen scharfen Verstand und einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Wer diese beiden Frauen unterschätzte, tat dies auf eigene Gefahr.

Am Rande der Stadt, in einer weniger vornehmen Gegend, befand sich das Haus von Doktor Caius, einem französischen Arzt, der sich in Windsor niedergelassen hatte. Sein Englisch war bestenfalls holprig, sein Temperament jedoch eindeutig hitzig. Er lebte dort mit seiner Haushälterin Mistress Quickly, einer geschwätzigen Frau mittleren Alters, die sich in die Angelegenheiten anderer Leute einzumischen pflegte – meist mit den besten Absichten, aber selten mit den besten Ergebnissen.

Der Windsor Forest begann dort, wo die Stadt endete. Es war ein alter Wald, voller hoher Eichen und dichtem Unterholz, durchzogen von schmalen Pfaden und kleinen Lichtungen. Bei Tag war er ein beliebtes Jagdrevier des Adels, doch bei Nacht mied man ihn. Zu viele Legenden rankten sich um diese alten Bäume. Besonders die Geschichte von Herne dem Jäger wurde in Windsor noch immer erzählt – die Sage von einem Königsjäger, der sich an einer uralten Eiche erhängt hatte und seither als Geist mit Hirschgeweih auf dem Kopf durch den Wald streifte, besonders in den Winternächten.

An diesem besonderen Herbstmorgen ahnte noch niemand in Windsor, welche Ereignisse die kommenden Wochen bringen würden. Die Stadt lag friedlich da, ihre Bewohner gingen ihren gewohnten Beschäftigungen nach. Doch bereits war eine Figur unterwegs, die Unruhe in diese Ordnung bringen sollte.

Sir John Falstaff war in der vergangenen Nacht im Gasthaus zum Hosenbandorden angekommen. Er war ein Ritter – wenn auch einer, dessen beste Tage wohl hinter ihm lagen. Seine imposante Gestalt war nicht mehr die eines Kriegers, sondern die eines Mannes, der dem guten Essen und noch besseren Trinken allzu sehr zugesprochen hatte. Sein Bauch wölbte sich unter dem fadenscheinigen Wams, sein Gesicht war gerötet, teils von der Witterung, teils vom Wein. Doch in seinen Augen blitzte noch immer jene Schlauheit, die ihn einst zu einem geschätzten – oder gefürchteten – Gefährten gemacht hatte.

Falstaff war nicht allein gekommen. Ihn begleiteten zwei Diener, Bardolph und Pistol, sowie ein Page, ein schmächtiger Junge, den man ihm aufgedrängt hatte. Bardolph erkannte man an seiner roten Nase, die vom übermäßigen Alkoholkonsum die Farbe einer Tomate angenommen hatte. Pistol war ein großspuriger Kerl, der gern in theatralischen Phrasen sprach und sich für bedeutender hielt, als er war.

Die kleine Gruppe hatte sich in Windsor eingemietet, weil Falstaff – wie so oft in seinem Leben – vor Schulden floh und neue Einnahmequellen brauchte. London war ihm zu heiß geworden, und er hoffte, in der kleineren Stadt am königlichen Schloss vielleicht Gelegenheiten zu finden, sein Vermögen aufzubessern. Welcher Art diese Gelegenheiten sein sollten, darüber hatte er noch keine klaren Vorstellungen. Aber Sir John Falstaff war ein Mann der Gelegenheiten, und er vertraute darauf, dass sich etwas ergeben würde.

Was er nicht wusste: Windsor war nicht London. In der großen Stadt konnte man untertauchen, unbemerkt bleiben, sein Spiel treiben. In Windsor aber kannte jeder jeden, und Fremde fielen auf. Besonders solche wie Falstaff, die laut waren, viel tranken und wenig zahlten.

Die Sonne stand mittlerweile höher am Himmel, und der Nebel begann sich zu lichten. Auf dem Marktplatz herrschte reges Treiben. Bauern aus der Umgebung boten ihre Waren feil: Äpfel und Birnen, die letzten Kohlköpfe des Jahres, frisch geschlachtetes Geflügel. Die Hausfrauen feilschten mit den Händlern, prüften die Qualität der Ware mit kritischem Blick.

Mistress Page bewegte sich durch die Menge, eine Magd im Schlepptau, die ihren Korb trug. Sie trug ein Kleid aus dunkelblauem Stoff, schlicht aber von guter Qualität, und eine weiße Haube bedeckte ihr Haar. Ihr Gesicht zeigte die Spuren eines Lebens, das nicht immer leicht gewesen war, aber ihre Augen blitzten intelligent, und um ihren Mund spielte oft ein leichtes Lächeln.

"Guten Morgen, Mistress Page!" rief eine Stimme, und Margaret drehte sich um. Es war Mistress Quickly, die Haushälterin von Doktor Caius, mit einem Korb voller Kräuter.

"Guten Morgen, Mistress Quickly. Wie geht es dem guten Doktor?"

"Oh, in bester Verfassung, gnädige Frau, in bester Verfassung! Obwohl er sich gestern fürchterlich über seine französischen Kräuter aufgeregt hat. Sie wachsen hier einfach nicht wie in Frankreich, wissen Sie. Das Wetter, sagt er, das englische Wetter..."

Mistress Page lächelte. Sie kannte Mistress Quicklys Neigung zu ausführlichen Berichten. "Sagen Sie ihm, er möge bei mir vorbeischauen, wenn er Zeit hat. Mein Ehemann hatte neulich ein Stechen im Rücken."

"Oh, gewiss, gewiss! Der gute Doktor wird hocherfreut sein. Er schätzt Ihre Familie sehr, sehr hoch, Mistress Page. Und Ihre liebe Tochter Anne, wie geht es dem Engelchen?"

"Anne geht es gut, ich danke Ihnen."

"So eine hübsche junge Dame! Bestimmt klopfen die Verehrer an Ihre Tür, wie?"

Margaret Page lächelte nur und verabschiedete sich höflich. Sie wusste genau, dass alles, was sie Mistress Quickly erzählte, binnen Stunden durch ganz Windsor getragen würde. Die gute Frau konnte zwar nichts für sich behalten, aber sie meinte es nie böse.

In der Ferne schlug die Kirchenglocke zehn Uhr. Die Stadt war nun vollends erwacht, das Geschäft ging seinen Gang, das Leben pulsierte in den Straßen von Windsor.

Und in einer schäbigen Kammer über dem Gasthaus zum Hosenbandorden erwachte Sir John Falstaff mit dröhnendem Kopfschmerz und dem festen Vorsatz, sein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Er wusste noch nicht wie, aber er würde einen Weg finden. Er war schließlich Sir John Falstaff – Ritter, Charmeur und Überlebenskünstler.

Die Bühne war bereitet. Die Spieler waren versammelt. Und das Schicksal, jener listige Regisseur, wartete nur darauf, den Vorhang zu heben.

Windsor im Herbst 1597 – eine Stadt wie jede andere, könnte man meinen. Doch in den kommenden Wochen sollte sie zum Schauplatz einer Geschichte werden, die man sich noch lange erzählen würde. Eine Geschichte von List und Gegenlist, von Eifersucht und Vertrauen, von Hochmut und Fall. Eine Geschichte, die bewies, dass die klügsten Köpfe nicht immer jene mit dem meisten Bildung waren, und dass Frauen, wenn sie zusammenhielten, eine Kraft darstellten, mit der selbst der geriebenste Schurke rechnen musste.

Die lustigen Weiber von Windsor würden ihr Spiel treiben, und Sir John Falstaff würde die Hauptrolle spielen – allerdings nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte.

Kapitel 1: Ein Ritter in Nöten

Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als Sir John Falstaff endlich die Augen aufschlug. Ein stechender Schmerz durchfuhr seinen Schädel, als hätte jemand einen glühenden Nagel durch seine Schläfen getrieben. Er stöhnte und drehte sich auf die Seite, was das knarrende Bett unter seinem beträchtlichen Gewicht protestieren ließ.

Die Kammer im Gasthaus zum Hosenbandorden war klein und spärlich möbliert. Ein Bett, das für einen Mann von Falstaffs Statur kaum ausreichend war, ein wackliger Tisch mit einem Stuhl, ein Schemel und eine Truhe für seine wenigen Habseligkeiten – mehr bot der Raum nicht. Das einzige Fenster war schmal und ließ kaum Licht herein, doch selbst diese geringe Helligkeit war Falstaff in seinem gegenwärtigen Zustand zu viel.

"Bardolph!" brüllte er mit heiserer Stimme. "Bardolph, du Taugenichts, wo steckst du?"

Schwere Schritte näherten sich auf dem Flur, dann wurde die Tür aufgestoßen. Bardolph erschien in der Öffnung, seine berühmte rote Nase leuchtete selbst in dem dämmrigen Licht wie eine Warnung.

"Hier, Sir John", murmelte er und rieb sich die Augen. Offensichtlich hatte auch er erst kürzlich sein Lager verlassen.

"Wein", befahl Falstaff. "Sofort. Mein Kopf fühlt sich an, als hätte eine ganze Armee darin kampiert."

"Das Wirtshausgeld, Sir..."

"Zum Teufel mit dem Wirtshausgeld! Soll der Host doch warten. Hab ich nicht gestern erst eine Schuld beglichen?"

"Das war vorgestern, Sir John. Und es waren nur zwei Schilling von den zehn, die Ihr schuldet."

Falstaff ließ sich mit einem Seufzer, der das ganze Elend der Welt zu enthalten schien, zurück auf das Bett fallen. Die Decke über ihm war von Alter und Feuchtigkeit fleckig, und er starrte sie an, als könnte er in diesen Flecken die Lösung all seiner Probleme erkennen.

Sir John Falstaff war zweiundsechzig Jahre alt, und das Leben hatte deutliche Spuren an ihm hinterlassen. In jüngeren Jahren war er ein stattlicher Mann gewesen, groß und kräftig gebaut, ein fähiger Soldat und geschickter Schwertkämpfer. Doch die Jahrzehnte des Müßiggangs, des übermäßigen Essens und vor allem des noch übermäßigeren Trinkens hatten aus dem einstigen Krieger einen Mann gemacht, dessen Bauch sein hervorstechendstes Merkmal war.

Sein Gesicht war rund und gerötet, die Wangen hingen schlaff herab, und unter den Augen hatten sich dunkle Ringe gebildet. Das wenige Haar, das ihm noch geblieben war, umrahmte seinen Kopf wie ein grauer Kranz. Sein Bart war ungepflegt, sein Atem – nun, sein Atem war eine Wolke aus sauren Weindünsten und verrottetem Gebiss.

Und doch – und das war vielleicht das Bemerkenswerteste an diesem Mann – strahlten seine Augen noch immer eine gewisse Lebendigkeit aus. Verschlagenheit blitzte darin auf, und manchmal, wenn er lachte oder einen seiner zahlreichen Scherze machte, konnte man noch einen Hauch jenes charmanten Schurken erkennen, der er einmal gewesen war.

"Wie steht es um unsere Finanzen?" fragte Falstaff nach einer Weile, obwohl er die Antwort bereits kannte.

Bardolph zögerte. "Nicht gut, Sir John. Nicht gut."

"Sei etwas präziser, mein Junge. Nicht gut ist ein dehnbarer Begriff."

"Wir haben noch drei Schillinge und sechs Pence."

"Drei Schillinge!" Falstaff setzte sich abrupt auf, was ihm einen erneuten Stich des Schmerzes durch den Kopf jagte. "Drei Schillinge für vier Männer? Wie lange sollen wir davon leben?"

"Wenn wir sparsam sind..."

"Sparsam! Als ob ich je sparsam gelebt hätte!" Falstaff schwang seine Beine aus dem Bett und versuchte aufzustehen. Es bedurfte zweier Anläufe und Bardolphs helfender Hand, bis er auf den Füßen stand. "Wo ist Pistol?"

"Unten in der Gaststube, Sir. Er versucht, den Host von einem Kredit zu überzeugen."

"Ha! Eher bringt man einen Stein zum Weinen als diesen Geizhals zum Kreditgeben." Falstaff tastete nach seinem Wams, das über dem Stuhl hing. Es war aus Samt gewesen, vor vielen Jahren, doch nun war der Stoff abgewetzt und an mehreren Stellen geflickt. "Und der Page?"

"Robbin ist beim Brunnen, um Wasser zu holen."

Falstaff schnaubte. "Wasser! Als ob ich je Wasser getrunken hätte, außer um meine Hände zu waschen – und selbst das nur selten." Er kämpfte sich in sein Wams und schnallte den Gürtel darum, was angesichts seines Bauchumfangs keine leichte Aufgabe war. "Wie sind wir nur in diese Lage geraten, Bardolph? Einst waren wir Männer von Stand!"

"Einst, Sir John."

"Wage nicht, mich daran zu erinnern!" Doch dann seufzte Falstaff wieder. Es hatte keinen Sinn, die Vergangenheit zu beklagen. Die Gegenwart war problematisch genug.

Die Wahrheit war, dass Sir John Falstaff sein Leben lang über seine Verhältnisse gelebt hatte. Als junger Mann hatte er noch ein bescheidenes Erbe gehabt, doch das war längst verprasst. Danach hatte er von seiner Pension als Ritter gelebt, von gelegentlichen Geschenken wohlhabender Gönner und nicht zuletzt von Schulden, die er nie zurückzuzahlen gedachte.

Jahrelang hatte er in London gelebt, in den Tavernen von Eastcheap, wo er mit seinem Witz und seinen Geschichten die Zeche prellte und sich durchmogelte. Er hatte einen jungen Prinzen gekannt, den späteren König Henry V., und war in dessen wilder Jugend sein Gefährte gewesen. Doch diese Zeiten waren lange vorbei. Der Prinz war König geworden und gestorben, sein Sohn ebenso, und nun regierte Königin Elisabeth. Falstaff war ein Relikt aus einer anderen Zeit.

Die Gläubiger in London waren ihm schließlich zu zahlreich geworden, die Drohungen zu ernst. Also war er nach Windsor geflohen, in der Hoffnung, hier einen Neuanfang zu machen. Doch nach nur zwei Wochen sah es bereits so aus, als würde die Geschichte sich wiederholen.

"Wir müssen etwas unternehmen", sagte Falstaff und strich sich über den Bart. "Etwas Kühnes. Etwas, das uns mit einem Schlag aus dieser Misere befreit."

"Was schwebt Euch vor, Sir John?"

"Wenn ich das wüsste, würden wir nicht in diesem elenden Loch hausen!" Falstaff ging zum Fenster und blickte hinaus auf die Straße. Unten gingen die Bürger von Windsor ihren Geschäften nach, gut gekleidet, gut genährt, offenbar ohne finanzielle Sorgen. "Sieh sie dir an, Bardolph. All diese wohlhabenden Kaufleute und Bürger. Sie schwimmen in Geld, während wir darben."

"Das ist das Los der meisten Ritter heutzutage, Sir. Die Zeiten haben sich geändert."

"Zeiten!" spie Falstaff aus. "Die Zeiten sind immer dieselben für Männer ohne Geld. Elend, Hunger, Schmach!" Er drehte sich um und funkelte Bardolph an. "Weißt du, was das Schlimmste ist? Nicht der Hunger, nicht die schäbige Kleidung. Das Schlimmste ist der Verlust der Würde. Ein Ritter soll erhobenen Hauptes durchs Leben gehen, soll Respekt gebieten. Aber wie soll ich Respekt gebieten, wenn ich nicht einmal meine Zeche bezahlen kann?"

In diesem Moment polterte jemand die Treppe herauf. Die Tür wurde aufgerissen, und Pistol stürzte herein. Er war ein großer, hagerer Mann mit wildem Blick und noch wilderer Frisur. Seine Kleidung war, wenn möglich, noch schäbiger als die von Falstaff.

"Sir John!" rief er mit dramatischer Geste. "Unheil naht! Der Host verlangt Bezahlung! Er droht, uns auf die Straße zu setzen!"

"Lass ihn drohen", knurrte Falstaff. "Was will er tun? Einen Ritter hinauswerfen? Das würde ihm die Königin selbst nicht verzeihen."

"Die Königin ist in London, Sir", gab Pistol zu bedenken. "Und der Host ist hier. Mit breiten Schultern und einem Knüppel."

Falstaff ließ sich schwer auf den Stuhl fallen, der unter seinem Gewicht ächzte. "Wie viel verlangen sie?"

"Zehn Pfund für Kost und Logis der letzten zwei Wochen", sagte Bardolph düster.

"Zehn Pfund!" Falstaff lachte bitter. "Ich könnte ebenso gut versuchen, den Mond vom Himmel zu kaufen."

Eine Weile schwiegen alle drei. Von unten drang das Gemurmel der Gäste in der Gaststube herauf, das Klirren von Krügen und gelegentliches Gelächter. Hier oben jedoch herrschte düstere Stimmung.

Schließlich räusperte sich Bardolph. "Sir John, darf ich einen Vorschlag machen?"

"Wenn er uns aus dieser Klemme hilft – gerne."

"Nun, Pistol und ich... wir haben darüber nachgedacht. Vielleicht wäre es besser, wenn wir... wenn wir uns trennen würden."

Falstaff starrte ihn an. "Trennen? Du willst mich verlassen?"

"Nicht verlassen, Sir John. Aber... wir sind eine Bürde für Euch. Zwei zusätzliche Mäuler zu stopfen. Wenn wir gehen, könntet Ihr leichter für Euch selbst sorgen."

"Und wohin wollt ihr gehen? Ihr habt genau so wenig Geld wie ich!"

Pistol trat vor. "Wir könnten in die Armee gehen. Es heißt, der Earl of Essex sammelt Truppen für einen Feldzug nach Irland. Sie zahlen Handgeld für Rekruten."

Falstaff schnaubte. "Irland! Dieses verfluchte Land hat schon so manchen guten Mann verschlungen. Nein, meine Freunde, ich rate euch dringend ab."

"Aber Sir John, wir können so nicht weitermachen", sagte Bardolph leise. "Wir haben nichts zu essen, können die Rechnung nicht bezahlen. Wenn wir gehen, ist zumindest das Problem der Kosten etwas kleiner."

Etwas in Bardolphs Worten traf Falstaff ins Mark. Er sah seinen Diener an, diesen treuen, wenn auch nicht besonders hellen Burschen, der ihm seit Jahren folgte. Und er sah die Wahrheit in dessen Augen. Sie waren tatsächlich eine Last für ihn.

"Na gut", sagte er schließlich, und seine Stimme klang ungewöhnlich ernst. "Wenn ihr meint, dass es besser so ist. Ich werde euch nicht aufhalten."

"Ihr seid nicht böse, Sir John?" fragte Bardolph zaghaft.

"Böse?" Falstaff lachte, doch es klang hohl. "Nein, mein Junge, ich bin nicht böse. Enttäuscht vielleicht. Aber nicht böse. Wenn jede Ratte das sinkende Schiff verlässt, kann man es ihr kaum vorwerfen."

"Wir sind keine Ratten, Sir John", sagte Pistol mit verletztem Stolz.

"Nein, natürlich nicht. Verzeiht meinen schlechten Scherz." Falstaff winkte ab. "Wann werdet ihr aufbrechen?"

"Noch heute, wenn Ihr einverstanden seid", sagte Bardolph. "Je eher wir uns in Richtung London aufmachen, desto eher können wir beim Earl vorstellig werden."

"Heute noch." Falstaff nickte langsam. "Nun gut. Dann nehmt, was ihr tragen könnt. Ich habe nichts, was ich euch mitgeben könnte. Außer meinen Segen, was auch immer der wert sein mag."

Die beiden Diener verbeugte sich linkisch und verließen den Raum, um ihre wenigen Habseligkeiten zu packen. Falstaff blieb allein zurück und starrte vor sich hin.

So also endete es. Sir John Falstaff, einst ein Mann mit einem Gefolge, einst jemand, der etwas bedeutet hatte, saß nun in einer schäbigen Kammer und musste zusehen, wie selbst seine treuesten Gefährten ihn verließen. Die Demütigung brannte schlimmer als jeder Kopfschmerz.

Ein leises Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken. "Herein", brummte er.

Die Tür öffnete sich, und der Page trat ein. Robin war ein schmächtiger Junge von etwa vierzehn Jahren mit großen, wachen Augen. Man hatte ihn Falstaff als Diener zugeteilt – oder besser gesagt aufgezwungen –, als eine Art Almosen. Der Junge war intelligent, das musste Falstaff zugeben, aber auch eine weitere Last.

"Sir John", sagte Robin leise. "Ich habe Wasser geholt. Wollt Ihr Euch waschen?"

"Wasser", wiederholte Falstaff. "Immer nur Wasser. Als ob Wasser jemals einen Mann besser gemacht hätte." Doch dann seufzte er. "Na gut, stell es hin. Und Robin?"

"Ja, Sir?"

"Bardolph und Pistol werden uns verlassen. Es wird nur noch du und ich sein."

Der Junge nickte ernst. "Ich bleibe bei Euch, Sir John."

"Du hast wohl kaum eine Wahl, mein Junge. Du wurdest mir ja zugeteilt." Falstaff erhob sich mühsam. "Aber ich schätze deine Loyalität trotzdem. Oder deine Resignation. Je nachdem, wie man es sehen will."

Er trat zum Wasserkrug und benetzte sein Gesicht. Das kalte Wasser half ein wenig gegen den Kopfschmerz. Während er sich abtrocknete, begann sein Verstand zu arbeiten. Er musste einen Plan entwickeln. Einen Weg finden, aus dieser Misere herauszukommen.

Windsor war voller wohlhabender Bürger. Das hatte er bereits festgestellt. Kaufleute, die ihr Geld sicher verwahrt hatten. Witwen vielleicht, die nach einem charmanten Gefährten suchten. Oder...

Oder reiche Ehefrauen, die sich nach ein wenig Aufmerksamkeit sehnten.

Der Gedanke kam plötzlich, wie eine Eingebung. Falstaff richtete sich auf und betrachtete sich in dem kleinen, fleckigen Spiegel, der an der Wand hing. Was er sah, war nicht ermutigend – ein alter, dicker Mann mit rotem Gesicht und schütterem Haar. Aber war er nicht immer noch Sir John Falstaff? Hatte er nicht einst die Damen mit seinem Witz und seinem Charme betört?

"Robin", sagte er langsam. "Was weißt du über die wohlhabenden Familien von Windsor?"

Der Page zögerte. "Nun, Sir, da gibt es die Familie Page. Master George Page ist ein reicher Kaufmann. Und dann die Fords – Master Frank Ford hat ein beträchtliches Vermögen, wie man sagt."

"Und ihre Frauen?"

"Mistress Page und Mistress Ford sind beide angesehen in der Stadt. Man sagt, sie seien gute Freundinnen."

"Beschreibe sie mir."

Robin errötete leicht. "Ich... ich weiß nicht recht, Sir. Sie sind beide Damen von Stand. Mistress Page ist klug und gebildet, sagt man. Mistress Ford soll sehr schön sein."

"Schön." Falstaff nickte bedächtig. "Und ihre Ehemänner? Sind sie ihnen treu ergeben?"

"Das kann ich nicht sagen, Sir John. Aber Master Ford ist bekannt für seine Eifersucht."

"Eifersucht!" Falstaff lachte auf. "Das ist oft ein Zeichen dafür, dass ein Mann Grund zur Eifersucht hat – oder dass seine Frau Grund gibt. Interessant, sehr interessant."

Ein Plan begann in seinem Kopf Gestalt anzunehmen. Es war ein verwegener Plan, möglicherweise ein törichter Plan. Aber Sir John Falstaff war ein Mann der verwegenen Pläne. Und im Moment hatte er keine Alternative.

Er würde diese beiden Frauen umwerben, diesen Mistresses Page und Ford. Er würde seinen ganzen Charme aufbieten, seine ganze Schläue. Und wenn er Glück hatte – wenn er nur ein wenig Glück hatte –, würden sie ihm Zugang zu den Kassen ihrer Ehemänner verschaffen.

Es war riskant, gewiss. Aber das Leben selbst war riskant, und Sir John Falstaff hatte noch nie vor einem Risiko zurückgeschreckt.

"Robin", sagte er mit neuer Energie in der Stimme. "Such mir Feder und Tinte. Ich muss ein paar Briefe schreiben."

"Briefe, Sir? An wen?"

Falstaff lächelte, und zum ersten Mal an diesem Tag erreichte das Lächeln seine Augen. "An zwei Damen, mein Junge. Zwei Damen, die bald die Ehre haben werden, die Bekanntschaft von Sir John Falstaff zu machen."

Während Robin loseilte, um Schreibzeug zu besorgen, stellte sich Falstaff ans Fenster und blickte auf die Stadt hinab. Irgendwo dort unten gingen diese beiden Frauen ihrem Tageswerk nach, ahnungslos, welch galanter Ritter seine Aufmerksamkeit auf sie gerichtet hatte.

"Windsor", murmelte er. "Du wirst noch von mir hören. Oh ja, du wirst noch von mir hören."

Die Sonne stand nun im Zenit, und in der Gaststube unten wurde es lebhafter. Bald würde der Mittagstisch gedeckt werden, und Falstaff spürte bereits den Hunger in seinem Magen. Doch diesmal war es nicht nur der Hunger nach Essen. Es war der Hunger nach einem neuen Abenteuer, nach einer neuen Gelegenheit.

Sir John Falstaff mochte alt sein, mochte dick sein, mochte pleite sein. Aber er war noch nicht tot. Und solange er atmete, würde er kämpfen – auf seine eigene, unkonventionelle Weise.

Die Jagd hatte begonnen.

Kapitel 2: Ein gefährlicher Plan

Robin kehrte nach kurzer Zeit mit einem Bogen Papier, einer Feder und einem kleinen Tintenfass zurück. Es waren keine hochwertigen Schreibutensilien – das Papier war grob und fleckig, die Feder bereits mehrmals angespitzt –, aber für Falstaffs Zwecke würden sie genügen.

"Leg alles auf den Tisch", befahl Falstaff und rieb sich die Hände. "Und dann lass mich allein. Ich brauche Ruhe zum Nachdenken."

Der Page gehorchte und verließ leise die Kammer. Falstaff setzte sich auf den wackeligen Stuhl, der unter seinem Gewicht gefährlich knarrte, und betrachtete das leere Papier vor sich. Ein Liebesbrief. Wie lange war es her, seit er so etwas geschrieben hatte? Jahre, gewiss. Jahrzehnte vielleicht.

Doch ein Mann vergaß nie die Kunst der Verführung, davon war Falstaff überzeugt. Sie war wie das Schwertfechten – einmal gelernt, für immer im Gedächtnis verankert. Man musste nur die richtigen Worte finden, den richtigen Ton treffen. Nicht zu aufdringlich, aber auch nicht zu zurückhaltend. Charmant, aber nicht schmierig. Respektvoll, aber doch mit einem Hauch von Versprechen.

Er tauchte die Feder in die Tinte und begann zu schreiben. Seine Hand zitterte leicht – Folge des gestrigen Weingenusses –, aber die Buchstaben waren lesbar.

"An die Allerliebste," begann er, dann hielt er inne. Zu allgemein. Er musste persönlicher werden. Er strich die Zeile durch und begann von neuem.

"An die Anmutigste aller Damen,"

Besser. Schmeichelhaft, aber nicht übertrieben. Falstaff lehnte sich zurück und überlegte. Was wollten Frauen hören? Was ließ ihre Herzen schneller schlagen? In seiner Jugend hatte er das gewusst, da war er sich sicher. Die Worte waren ihm mühelos über die Lippen gekommen wie Honig. Nun musste er sie mühsam aus seinem weinvernebelte Gehirn hervorholen.

"An die Anmutigste aller Damen,

Erlaube mir, einer bescheidenen Feder, die Gedanken eines Herzens zu Papier zu bringen, das seit dem ersten Augenblick, da mein Auge auf Deine engelgleiche Gestalt fiel, keine Ruhe mehr findet."

Falstaff nickte zufrieden. Gut, sehr gut sogar. Blumig genug, um romantisch zu klingen, aber nicht so übertrieben, dass es lächerlich wirkte. Er fuhr fort:

"Deine Schönheit übertrifft die Sonne an Glanz, Deine Anmut die Lilien des Feldes. Wenn Du durch die Straßen von Windsor schreitest, scheint es mir, als würden die Steine unter Deinen Füßen zu Gold."

Er las die Zeilen noch einmal und runzelte die Stirn. Vielleicht doch ein wenig zu dick aufgetragen? Aber nein, Frauen liebten solche Übertreibungen. Je mehr Honig man ihnen ums Maul schmierte, desto eher würden sie weich werden. Das war seine Erfahrung.