Dr. Holl 1912 - Arztroman - Katrin Kastell - E-Book

Dr. Holl 1912 - Arztroman E-Book

Katrin Kastell

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Beschreibung

Unkontrolliert schlingert ein Auto durch Münchens Straßen. Regen peitscht auf die Windschutzscheibe. Ein Blitz durchzuckt die Nacht, als der Fahrer plötzlich Gas gibt. In teuflischer Geschwindigkeit rauscht der Wagen an einer Polizeikontrolle vorbei, Sirenen ertönen. In der Einfahrt einer Villa kommt er endlich zum Stehen. Der Fahrer torkelt aus dem Wagen und blinzelt in die grimmigen Gesichter zweier schwer atmender Polizeibeamter. "Guten Abend, Herr ...?" - "Weinberg, Christoph", lallt der Mann. - "Wir müssen Sie zu einem Alkoholtest verpflichten." Der Betrunkene pustet in das Röhrchen: 2,0 Promille. "Das kann nicht sein, ich habe heute Abend keinen Alkohol getrunken!", protestiert der Fahrer. Doch der Bluttest in der Berling-Klinik bestätigt das Ergebnis. Dr. Holl und sein Ärzte-Team schütteln bekümmert die Köpfe über den betrunkenen Patienten, bis dem Chefarzt ein unglaublicher Verdacht kommt ...

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Inhalt

Cover

Das große Tabu

Vorschau

Impressum

Das große Tabu

Ein spannender Arztroman über das Eigenbrauer-Syndrom

Von Katrin Kastell

Unkontrolliert schlingert ein Auto durch Münchens Straßen. Regen peitscht auf die Windschutzscheibe. Ein Blitz durchzuckt die Nacht, als der Fahrer plötzlich Gas gibt. In teuflischer Geschwindigkeit rauscht der Wagen an einer Polizeikontrolle vorbei, Sirenen ertönen. In der Einfahrt einer Villa kommt er endlich zum Stehen. Der Fahrer torkelt aus dem Wagen und blinzelt in die grimmigen Gesichter zweier schwer atmender Polizeibeamter. »Guten Abend, Herr ...?« – »Weinberg, Christoph«, lallt der Mann. – »Wir müssen Sie zu einem Alkoholtest verpflichten.« Der Betrunkene pustet in das Röhrchen: 2,0 Promille. »Das kann nicht sein, ich habe heute Abend keinen Alkohol getrunken!«, protestiert der Fahrer. Doch der Bluttest in der Berling-Klinik bestätigt das Ergebnis. Dr. Holl und sein Ärzte-Team schütteln bekümmert die Köpfe über den betrunkenen Patienten, bis dem Chefarzt ein unglaublicher Verdacht kommt ...

»Fahr nicht so schnell, mir ist übel«, jammerte Britta Winkler zum wiederholten Mal.

»Soll ich anhalten?«

Christoph Weinberg warf einen Seitenblick auf seine Beifahrerin. Nur schemenhaft sah er im schwachen Schein der Leuchtanzeigen ihr Profil.

»Nein, fahr schneller! Ich will ins Bett«, bestimmte sie nun mit lallender Stimme, Schmollmund und halb geschlossenen Augen.

Auf Brittas widersprüchliche Ansagen zu reagieren, machte keinen Sinn. Sie war sturzbetrunken. Schneller, weniger schnell; anhalten, nicht anhalten – gleich würde sie noch verlangen, Christoph solle das Auto auf direktem Weg nach Hause fliegen!

Der junge Mann am Steuer hatte große Mühe, konzentriert zu bleiben. Es regnete in Strömen. Die herunterprasselnden Wassermassen übertönten das Fahrgeräusch. Die Wischerblätter flogen hin und her und schafften doch keine klare Sicht. Der nasse Asphalt reflektierte die Lichter der Straßenlaternen und der entgegenkommenden Fahrzeuge. Die Blendung war unangenehm. Er kniff die Augen zusammen. Es half nichts.

Britta jammerte laut.

Christoph drückte das Gaspedal ein wenig mehr durch. Auch er wollte bald zu Hause sein, Klamotten abwerfen, ins Bett fallen und dann nur noch schlafen. Aber zuerst musste er Britta in Bogenhausen abladen, wo sie mit ihrem Vater eine Jugendstilvilla bewohnte.

Seit einer Weile war Christoph mit Britta verlobt. Von ihm wurde in Anbetracht dessen erwartet, dass er in die Winkler-Villa einzog. Aber noch war er nicht bereit dazu. Noch wollte er sich eine gewisse Eigenständigkeit erhalten, bevor er von den Winklers vollkommen vereinnahmt wurde.

Leider gingen seine Geschäfte als Eventmanager zurzeit eher schlecht, während Brittas Vater, der erfolgreiche Bauunternehmer Albin Winkler, sich über volle Auftragsbücher freute.

Heute würde er bei seiner Verlobten nächtigen, beschloss er spontan. Sie befanden sich gerade auf der Rückfahrt von einer Party. Es war Nacht und er hundemüde. So blieb ihm die Weiterfahrt nach Haidhausen zu seiner Wohnung erspart.

»Sind wir bald da?«

Er erriet Brittas Worte mehr, als dass er sie verstand.

Der Regen prasselte jetzt noch stärker auf das Fahrzeugdach. Sekunden später kam der Wagen ein wenig ins Schleudern, doch Christoph brachte ihn wieder unter Kontrolle.

Die Fahrt stresste ihn. Zum Glück war Britta kurz nach ihrer Frage eingedöst und machte ihm keine Vorwürfe mehr. Er hatte Kopfschmerzen. Das Schwindelgefühl nahm zu. Auch eine leichte Übelkeit stellte sich ein.

Da er den ganzen Tag nicht zum Essen gekommen war, hatte er sich am köstlichen Büfett den Bauch wohl zu sehr vollgeschlagen. Das Architekten-Team, das immer wieder mit Brittas Vater zusammenarbeitete, hatte auch Albins Tochter mit Anhang zu ihrer Party geladen. Der Anhang war er, Christoph.

Beim Abbiegen von der Englschalkinger Straße in Richtung Cosimapark rutschte der Wagen wieder weg und schlug irgendwo kurz an – vielleicht ein Verkehrsschild oder ein Laternenpfahl.

Christoph verlangsamte die Fahrt, war sich dann aber sicher, dass nichts passiert war. Bei dieser verschwommenen Regensicht konnte er ohnehin nicht sehen, ob etwas beschädigt worden war.

Es wird schon nichts gewesen sein, sagte er sich und beschleunigte wieder.

Endlich erreichten sie die Winkler-Villa, in der Britta im ersten Stock wohnte. Ihr Vater, seit vier Jahren Witwer, verfügte über das gesamte Parterre. Christoph nahm die Einfahrt auf das Grundstück und hielt vor dem breiten Eingangsportal.

»Wir sind da!«, verkündete er. »Kannst du aussteigen? Warte, ich hole einen Schirm aus dem Haus.«

***

Gleich hinter der Eingangstür stand ein Behälter mit extra großen Regenschirmen. Als Christoph wieder herauskam, erleuchte das Schlaglicht eines Streifenwagens die von den Wassermassen vernebelte Luft in der Einfahrt der Winkler-Villa.

Wie ärgerlich, dachte Christoph, aber etwas Schlimmes konnte es nicht gewesen sein. Nicht sonderlich beunruhigt ging er auf die zwei Polizisten zu, die sich nicht um den Regen scherten.

»Was kann ich für Sie tun?«, rief er.

»Wir wollten eine Fahrzeugkontrolle vornehmen«, erklärte der Ältere. »Leider sind Sie uns davongefahren. Sie haben einen anderen Wagen beschädigt. Haben Sie das nicht bemerkt?«

»Nein, sonst wäre ich natürlich sofort stehen geblieben. Dieser sintflutartige Regen schluckt alle Geräusche. Keine Sorge, selbstverständlich werde ich für alle Schäden aufkommen. Aber bitte, können wir das drinnen erledigen? Gehen Sie schon hinein, ich muss mich noch um meine Verlobte kümmern und ihr aus dem Fahrzeug helfen.«

Es war gar nicht so einfach, Britta ins Haus zu bugsieren, ohne dass sie stürzte. Als sie endlich in der Eingangshalle war, streifte sie die Schuhe von den Füßen und ging gefährlich taumelnd die geschwungene Treppe hinauf.

»Warte, ich helf dir!«, rief Christoph seiner Freundin hinterher.

»Kann ich allein!«, gab sie zurück, verfehlte eine Stufe und schlug mit dem Knie auf.

Christoph sprang ihr bei und geleitete sie bis ins Schlafzimmer. Er wollte ihr auch noch beim Auskleiden helfen, doch sie schlief schon, bevor sie auf die Matratze sank.

Der junge Mann wunderte sich. Noch nie hatte er Britta, die so viel Wert auf gutes Aussehen und tadellose Manieren legte, in einem solchen Zustand erlebt.

Jetzt ließ er sie erst einmal ihren Rausch ausschlafen.

Morgen wird sie sicher einen entsetzlichen Kater haben, dachte er ahnungsvoll und schmunzelte dabei in sich hinein.

Die Polizisten hatten ihre nassen Kappen abgenommen.

»Haben Sie Alkohol getrunken oder Drogen konsumiert?«, fragte der ältere Beamte.

»Nein, ganz sicher nicht.«

»Wir müssen es überprüfen.«

»Ist das wirklich nötig? Ich bin müde und möchte endlich schlafen. Was den Schaden angeht, den werde ich, wie gesagt, begleichen.«

»Wir werden einen Test machen.«

»Nein, das ist doch albern, ich habe nichts getrunken.«

»Wenn Sie den Test ablehnen, müssen wir Sie mitnehmen. Dann wird der Test auf der Dienststelle gemacht.«

»Hören Sie, meine Verlobte hat ein Glas zu viel getrunken – das haben Sie ja selbst gesehen –, aber deswegen müssen Sie mich doch nicht verdächtigen.«

»Sie saßen die ganze Zeit am Steuer?«

»Aber ja, ich fahre fast immer, weil ich nichts trinke. Auch heute habe ich mich den ganzen Abend an Wasser und Cola gehalten. Kein Bier, kein Aperitif, kein Wein. Und Champagner schon gar nicht. Ich bin vollkommen nüchtern. Sie können mir glauben.«

»Mit Glauben haben wir es nicht so. Wenn Sie sich Ihrer Sache so sicher sind, dann kann es Ihnen doch nichts ausmachen, hier in dieses Gerät zu pusten.«

Christoph verzog unwillig das Gesicht, aber er gab nach. Die Polizisten taten ja auch nur ihre Pflicht. Je eher sie gingen, umso schneller konnte er ins Bett.

Sein Kopf dröhnte. Die Gespräche des heutigen Abends, die stressige Fahrt, Brittas Gezeter – er sehnte sich nach einem erholsamen Schlaf, um morgen wieder fit zu sein für die vielfältigen Aufgaben, die auf ihn warteten.

»Also gut, meinetwegen, wenn Sie nichts Besseres zu tun haben ...«

»Sie haben also keinen Alkohol getrunken?«, fragte der Ältere zum wiederholen Mal.

»Nein!« Christoph erhob die Stimme, was seinem Kopf nicht guttat.

Der jüngere Beamte holte ein Gerät in der Größe eines Handys hervor, befestigte ein Plastik-Mundstück daran und hielt es ihm hin.

»Pusten Sie kräftig in das Röhrchen!«, forderte er Christoph auf.

Nach wenigen Sekunden wurde das Ergebnis angezeigt. Der jüngere Polizist betrachtete es eine Weile mit hochgezogenen Brauen, dann schaute er Christoph an.

»Das Gerät zeigt zwei Promille Alkohol an.«

Er hielt ihm das Display hin, damit er sich selbst davon überzeugen konnte.

Christoph lächelte nachsichtig und schüttelte den Kopf.

»Unmöglich. Das kann nicht sein. Ich habe es Ihnen doch schon erklärt. Ich habe nichts getrunken, nicht einen Tropfen, übrigens die ganze Woche nicht. Ich trinke nur sehr selten mal ein Gläschen Wein.«

»Wir wiederholen den Test«, ordnete der Ältere ein wenig gereizt an.

Das Ergebnis blieb gleich.

»Ihr Gerät ist defekt«, beharrte Christoph mit zunehmender Hilflosigkeit, in die sich nun auch Wut mischte.

»Ja, das sagen die meisten«, lautete die spöttische Antwort des jüngeren Polizisten. »Aber das ist nicht der Fall. Wie Sie gesehen haben, zeigt es gleich zwei Mal hintereinander den gleichen Promillegehalt an.«

»Haben Sie Drogen konsumiert?«, fragte der ältere Beamte nun erneut.

»Nein, ich sage es Ihnen doch. Ich nehme keine Drogen.«

»Ich bedauere es sehr, Ihnen das mitteilen zu müssen, aber wir sind verpflichtet, die Korrektheit Ihrer Aussage zu überprüfen. Stimmen Sie einem Schnelltest zu?«

»Nein, das tue ich nicht!«, protestierte Christoph. »Ich werde nicht noch einen Ihrer dubiosen Tests über mich ergehen lassen!«

»Dann werden Sie uns leider zu einem Bluttest mit auf die Wache begleiten müssen. Dabei können wir auch gleich bestimmen, ob sich eventuell Rückstände von Drogen in Ihrem Blut nachweisen lassen«, teilte ihm der Ältere mit.

»Was? Nein, bitte nicht.«

»Es gibt keine andere Möglichkeit.«

Christoph überlegte eine Weile.

»Also gut, aber lassen wir das in der Berling-Klinik machen. Die liegt am Rande des Englischen Gartens nicht weit von hier. Ich bin zwar müde und möchte ins Bett, aber was tut man nicht alles, um seine Unschuld zu beweisen? Gehen Sie zu Ihrem Wagen, ich fahre hinter Ihnen her.«

Die zwei schauten sich an.

»Machen Sie Witze?«, fragte der ältere Polizist streng. »Glauben Sie wirklich, wir würden Sie in diesem Zustand noch ans Steuer lassen? Sie steigen bei uns hinten ein. Aber bitte etwas zügig.«

Offensichtlich hatte der Beamte keine Lust mehr, sich in fruchtlose Dialoge verwickeln zu lassen.

»Ich müsste noch meiner Verlobten Bescheid geben.«

»Schreiben Sie ihr einen Zettel, oder hinterlassen Sie eine Nachricht auf ihrem Handy. Letzteres können Sie während der Fahrt tun. Also, darf ich bitten?«

Als Christoph dann auf der Rückbank des Streifenwagens saß, kam er sich vor wie in einem falschen Film, war sich aber sicher, dass sich bald alles zu seinen Gunsten aufklären würde.

***

Das Ärzteteam um Chefarzt Dr. Holl bestand aus Oberarzt Dr. Jordan und den Assistenzärzten Hansen und Donat. Seit vier Stunden arbeiteten sie hochkonzentriert im Operationssaal. Doch allmählich zeichnete sich das Ende des komplizierten Eingriffs ab.

Dem sechzigjährigen Patienten war der Pankreaskopf, der Zwölffingerdarm sowie Teile der Gallenwege und die gesamte Gallenblase entfernt worden. Nun wurde das Trennstück des Dünndarms direkt mit dem Rest der Bauchspeicheldrüse verbunden.

Dr. Stefan Holl erlaubte sich ein erstes vorsichtiges Aufatmen. Der Chefarzt und seine Kollegen wussten, dass dem Mann durch diesen Eingriff lediglich eine gewisse Lebensverlängerung verschafft werden konnte. Eine Heilung gab es in diesem Fall nicht.

Während die Assistenzärzte mit der Schließung der Bauchdecke begannen, verließen Dr. Holl und Dr. Jordan den OP.

»Jetzt trinke ich noch einen Kaffee, dann geht's ab nach Hause«, verkündete Stefan Holl.

»Ich werde das gleich ebenfalls tun«, stimmte Jan Jordan dem Chefarzt zu.

Doch bevor er das Haus verlassen konnte, wurde er von Pfleger Rolf angepiepst.

»Blutabnahme«, informierte Rolf den Arzt knapp, als der im Nebenraum der Notaufnahme eintraf.

»Also wirklich, ich bin ziemlich fertig. Das können Sie doch machen.«

»Würde ich ja gern«, entgegnete Rolf leise. »Vermutlich haben wir es aber mit Alkohol am Steuer zu tun. In einem solchen Fall muss die Blutabnahme bekanntlich von einem Arzt durchgeführt werden.«

Jan Jordan blies die Luft aus.

»Na gut, bringen wir es hinter uns.«

Der Betroffene saß wie ein Häufchen Elend zwischen zwei Polizisten.

Dr. Jordan stellte ein paar Fragen, dann entnahm er die erforderliche Menge Blut und ließ die Probe gleich ins Labor bringen.

»Da ist heute niemand mehr. Morgen Nachmittag wird das Ergebnis vorliegen.«

»Hören Sie, ich habe wirklich nichts getrunken.«

Wie oft hatte er diesen Satz heute schon gesagt? Inzwischen befand sich Christoph in einem ziemlich verzweifelten Zustand. Niemand glaubte ihm. Sogar die Geräte hatten sich in ihrer Boshaftigkeit gegen ihn verschworen, aber sein sauberes Blut würde endlich die Wahrheit offenbaren.

Dr. Jordan grinste schräg.

»Na, dann haben Sie doch auch nichts zu befürchten«, erwiderte er.

»Sonst noch was?«, fragte einer der begleitenden Polizisten, nachdem er noch ein Papier mit den nötigen Daten unterschrieben hatte.

Die Antwort war ein Kopfschütteln.

»Na dann, gute Nacht allerseits!«, verabschiedete sich der jüngere Polizist.

Der ältere folgte ihm auf dem Weg nach draußen.

»Warten Sie!«, rief ihnen Christoph hinterher. »Und wie komme ich jetzt nach Hause?«

»Per Taxi«, lautete die lakonische Antwort. »Unser Dienst ist hiermit beendet.«

Christoph gab die Nummer der Taxizentrale ein.

»Mindestens zwanzig Minuten Wartezeit«, beschied man ihn.

Er war so müde. Dieser Vorfall und das Misstrauen der Polizisten machten ihn fertig. Warum musste ausgerechnet ihm so etwas passieren? In diesem Augenblick fühlte er sich von einem bösen Schicksal verfolgt.

***

»Sie haben da was verloren«, hörte Christoph eine Frauenstimme hinter sich.

Er wandte sich um. Eine große blonde Frau in Jeans und einer Regenjacke hielt ihm etwas entgegen. Es war eine der Visitenkarten, die man ihm heute Abend bei der Party zugesteckt hatte. Sie musste ihm beim Griff nach dem Handy aus der Jackentasche gerutscht sein.

Unter einer gelben Kapuze schauten ihn zwei stahlblaue Augen an.

»Danke«, murmelte er.

Ihm war nicht bewusst, dass er geradezu verlangend auf ihr Outfit starrte. So was hätte er jetzt auch gern.

»Ist sonst noch was?«, fragte sie halb neugierig, halb spöttisch.

»Entschuldigen Sie, dass ich Sie so anschaue. Ich bewundere nur gerade Ihre Kleidung. Ist die Jacke wasserdicht?«

»Und ob. Mein Friesennerz lässt keine Feuchtigkeit durch. Der hat sich schon oft an der See bewährt.«

»In meiner Garderobe fehlt so eine praktische Funktionsjacke noch, aber nach den Regenfällen von heute sollte ich wohl mal über eine solche Anschaffung nachdenken.«

Sie machten ein paar Schritte in Richtung Ausgang. Das Unwetter hatte sich über ihnen gemütlich eingerichtet. Es sah nicht danach aus, als würde der Regen bald aufhören. Ganz im Gegenteil.

In riesigen Pfützen sammelte sich das Wasser oder floss in Sturzbächen über die Straße. Christoph schlug den Kragen seines Jacketts hoch.

Die Frau spannte jetzt einen Schirm auf.

»Ich bringe Sie zu Ihrem Wagen, wenn Sie möchten.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen, aber ich warte auf ein Taxi. Das wird wohl noch ein Weilchen dauern. Offensichtlich sind alle unterwegs. Kein Wunder bei diesem Wetter.«

»Wo müssen Sie denn hin?«

»Nach Bogenhausen in die Zellerallee.«

»Ich kann Sie gern fahren, dann müssen Sie nicht länger warten. Es wäre nur ein kleiner Umweg für mich.«

»Oh nein, vielen Dank. Das kann ich nicht annehmen.«

»Warum nicht? Haben Sie Angst, dass ich Sie entführe?«

Erstmals an diesem Abend konnte er ein wenig lächeln. Von dieser Frau entführt zu werden, war sicher kein großes Unglück. Er hätte nicht gedacht, dass ein weibliches Wesen in einem Friesennerz so ungeheuer attraktiv aussehen konnte.

Bevor seine Britta, die eine Luxus-Boutique in der Maximilianstraße besaß, so etwas trug, würde sie lieber ihr teuerstes Kostüm ruinieren.

Die Dame in Gelb wurde ungeduldig.

»Was ist nun? Wollen Sie, oder wollen Sie nicht?«

»Ich will«, hörte er sich sagen, noch bevor er darüber nachdenken konnte.

»Dann kommen Sie, verlieren wir keine Zeit mehr. Hängen Sie sich bei mir ein.«

Sie traten hinaus. Unter dem Vordach spannte die junge Frau den Schirm auf, bevor sie sich in die Sintflut begaben, die von oben herabstürzte.

Die fremde Frau gab die Richtung vor. Eng aneinandergedrückt hasteten sie über den Parkplatz, auf dem sich kleine Seen gebildet hatten. Schon bald spürte er das Wasser in seinen teuren Schuhen. Er würde sie wohl wegschmeißen müssen.