Dr. Stefan Frank 2611 - Stefan Frank - E-Book

Dr. Stefan Frank 2611 E-Book

Stefan Frank

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Beschreibung

Juliane, Mia, Blerina und Nelli können ihr Glück kaum fassen: Die jungen Frauen haben die heißbegehrten Stellen als Assistenzärztinnen an der Münchner Waldner-Klinik ergattert. Im Studium haben alle davon geträumt, an dieser renommierten Klinik arbeiten zu dürfen, und ausgerechnet sie bekommen tatsächlich die Chance, sich hier zu beweisen. Dass sich die vier Frauen auf Anhieb blendend verstehen, vergrößert ihre Vorfreude nur noch. Doch schon an ihrem ersten Tag kommt alles ganz anders als gedacht: Während einer OP unterläuft Blerina ein unerklärlicher Fehler, der das Leben der Patientin in größte Gefahr bringt. Nelli verstrickt sich in private Querelen mit einem Patienten. Juliane soll eine Entbindung leiten, und Mias erster Patient erleidet einen Herzstillstand. Die Assistenzärztinnen wissen kaum noch, wo ihnen der Kopf steht. Und nicht nur Blerina fragt sich im Stillen, ob sie wirklich die Richtige für diesen Job ist ...

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Seitenzahl: 122

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Inhalt

Cover

Unser erster Tag

Vorschau

Impressum

Unser erster Tag

Dr. Frank und vier junge Assistenzärztinnen

Juliane, Mia, Blerina und Nelli können ihr Glück kaum fassen: Die jungen Frauen haben die heißbegehrten Stellen als Assistenzärztinnen an der Münchner Waldner-Klinik ergattert. Im Studium haben alle davon geträumt, an dieser renommierten Klinik arbeiten zu dürfen, und ausgerechnet sie bekommen tatsächlich die Chance, sich hier zu beweisen.

Dass sich die vier Frauen auf Anhieb blendend verstehen, vergrößert ihre Vorfreude nur noch. Doch schon an ihrem ersten Tag kommt alles ganz anders als gedacht: Während einer OP unterläuft Blerina ein unerklärlicher Fehler, der das Leben der Patientin in größte Gefahr bringt. Nelli verstrickt sich in private Querelen mit einem Patienten. Juliane soll eine Entbindung leiten, und Mias erster Patient erleidet einen Herzstillstand. Die Assistenzärztinnen wissen kaum noch, wo ihnen der Kopf steht. Und nicht nur Blerina fragt sich im Stillen, ob sie wirklich die Richtige für diesen Job ist ...

»Manchmal kann ich meine eigene Schrift nicht lesen.« Mit einer Patientenkarte in der Hand machte Dr. Stefan Frank auf halbem Weg Halt und kehrte an den Tresen zurück. »Können Sie mir vielleicht verraten, was hier steht?«

Schwester Martha nahm ihm die Karte aus der Hand und warf einen Blick darauf.

»Nach krankem Hund fragen«, las sie laut vor.

Dr. Frank verzog das Gesicht.

»Manchmal verstehe ich mich selbst nicht. Solche Bemerkungen haben doch nichts in einer Patientenkarte verloren.« Er konnte nur den Kopf über sich selbst schütteln. »Sagen Sie das Ihrem Chef bei Gelegenheit.« Er zwinkerte Martha Giesecke zu und ging höchstpersönlich zum Wartezimmer. »Frau Stadlober, bitte!«

Geduldig wartete er, bis die ältere Dame ihre Siebensachen zusammengesucht hatte.

»Wie geht es denn Ihrem kranken Hund?«, erkundigte er sich, als sie endlich bei ihm war.

Ein Lächeln kräuselte die feine Haut um ihre hellblauen Augen.

»Das ist aber nett, dass Sie sich daran erinnern. Und das, obwohl Sie so viele Patienten haben«, lobte sie ihren Hausarzt auf dem Weg ins Sprechzimmer. »Mein Wasti springt schon wieder munter über die Wiesen.«

»Das freut mich zu hören. Nun müssen wir nur noch seinen Dosenöffner heilen«, scherzte Stefan Frank und hielt seiner Patientin die Tür auf.

Rosa Stadlober blieb stehen und sah ihn fragend an.

»Wie meinen Sie das?«

»Na, Sie öffnen doch die Futterdosen für Ihren Wasti, nicht wahr?« Schon tat es Dr. Frank leid, diesen alten Witz gemacht zu haben.

»Ach, jetzt verstehe ich! Ich bin der Dosenöffner«, erwiderte Rosa Stadlober kichernd. »So ein guter Witz! Den muss ich mir merken.« Ihre Stimme wehte über den Flur.

Schwester Martha und ihre Kollegin Marie-Luise Flanitzer lächelten sich an.

»Det hat der Chef davon, det er sich um alles kümmert«, berlinerte Schwester Martha. Obwohl sie schon seit Jahren in München lebte, war ihr ihre Herkunft noch immer anzuhören.

In ihre Worte hinein klingelte das Telefon. Martha nahm den Hörer ab. Das Gespräch dauerte nicht lange.

»Was ist passiert?«, erkundigte sich Marie-Luise bei ihrer älteren Kollegin.

»Det war det Labor der Waldner-Klinik«, erwiderte Martha so leise, dass nur ihre junge Kollegin sie hören konnte. »Sie haben die Ergebnisse von Frau Gashi vorsichtshalber noch mal überprüft. Leider hat die Kontrolle den Verdacht bekräftigt.«

Marie-Luise warf einen Blick in den Terminkalender. Blerina Gashi hatte den ersten Termin der heutigen Nachmittagssprechstunde.

»Das arme Mädel. Sie ist doch erst siebenundzwanzig Jahre alt. Und hat obendrein gerade erst ihr Medizin-Studium beendet«, berichtete sie das, was Blerina ihr neulich bei der Anmeldung mit sichtlichem Stolz anvertraut hatte. »Eigentlich hat sie einen anderen Hausarzt. Sie ist nur zu uns gekommen, weil Dr. Kayser ihre Grippe einfach nicht in den Griff bekommen hat. Dabei muss sie doch fit sein, wenn sie ihre erste Assistenzarztstelle antritt.«

»Und dann so ein Verdacht! Ick möchte nicht in der Haut vom Chef stecken«, seufzte Martha. »Er hat nur Glück, det die Überbringer schlechter Botschaften heute nicht mehr geköpft werden.«

Trotz ihres Mitgefühls musste Marie-Luise lachen.

»Dann wäre er schon längst mausetot.«

Auch Schwester Martha konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

»Det wäre wirklich schade. So einen guten Chef findet man nicht alle Tage.«

»Und so einen engagierten Arzt erst recht nicht.« Marie-Luise Flanitzer erhob sich vom Stuhl. »Wollen Sie auch einen Kaffee?«

»Da sage ick nicht nein. In der Papiertüte sind übrigens Kirschtaschen aus dem Eck-Café. Du kannst dir eine nehmen und mir auch gleich eine mitbringen.«

Das ließ sich Marie-Luise nicht zweimal sagen. Ein langer Arbeitstag lag vor den beiden Arzthelferinnen. Da konnte eine süße Stärkung nicht schaden.

»Vielen Dank, dass Sie immer an mich denken.« Sie freute sich aufrichtig über die willkommene Abwechslung.

»Dafür darfst du heute die Befunde tippen«, scherzte Schwester Martha, als das Telefon erneut klingelte.

Die wunderbare Ruhe hatte ein Ende. Diesmal nahm Marie-Luise das Gespräch an. Es war Dr. Franks Freundin Alexandra, und die Arzthelferin versprach, dass Stefan Frank so bald wie möglich zurückrufen würde.

***

Der blaue Himmel mit den weißen Wattewölkchen versprach einen perfekten Sommertag. Schon am Morgen herrschten zweistellige Temperaturen und lockten die Menschen, die nicht arbeiten mussten, aus ihren Wohnungen und Häusern.

Zu den Glücklichen, die sich an einem Wochentag einen Ausflug in den Englischen Garten gönnen konnten, gehörten Juliane und Mia. Nach einer Joggingrunde trafen sich die beiden angehenden Assistenzärztinnen mit ihren neuen Kolleginnen Nelli und Blerina.

Die jungen Frauen hatten sich erstmals bei einem Empfang ihres neuen Chefs Dr. Ulrich Waldner getroffen und wollten sich vor Arbeitsantritt ein wenig besser kennenlernen.

»Das ist ja schön hier.« Bewundernd sah sich die Neumünchnerin Juliane im kleinen Gastgarten um.

Das Milchhäusl trug seinen Namen, seit das Gebäude nach dem Zweiten Weltkrieg zur Ausgabestelle für Milch, Brot und andere Grundnahrungsmittel umgebaut worden war. Nach der Sanierung Anfang der Zweitausenderjahre war der beliebte Klassiker zum Kiosk und Café mit kleinem Biergarten geworden.

»Nicht wahr!«, bestätigte Juliane mit leuchtenden Augen und nippte an ihrer Rhabarberschorle, ein Muss an diesem warmen Tag. »Sogar im Winter ist es schön hier. Da stehen statt der Biertische echte Gondeln der Garmischer Zugspitzbahn hier im Garten.«

»Gegen eine Hängematte hätte ich auch nichts einzuwenden.« Julianes Blick wanderte hinüber zu den Schaukelsesseln zwischen mächtigen Baumstämmen, die sich großer Beliebtheit erfreuten.

»Ein Glück, dass uns Dr. Waldner einander vorgestellt hat. Alleine würden wir Jahre brauchen, um all die schönen Dinge in München zu finden«, erklärte Mia, sichtlich zufrieden mit ihrem Los. »Wirklich nett von dir, dass du uns solche Locations zeigst.«

»Ach was, das ist doch selbstverständlich«, winkte Nelli ab. »Umgekehrt würde ich mich auch freuen, wenn ich in eure Stadt käme. Woher kommt ihr noch mal?«

»Mia stammt aus Zirndorf bei Nürnberg und ich aus Oberasbach. Wir haben uns beim Medizinstudium auf der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg kennengelernt«, erzählte Juliane, während sie ihr Gesicht in die warme Sommersonne hielt, die durch das lichte Blätterdach blitzte.

»Ich finde es super von Dr. Waldner, dass er uns beide eingestellt hat«, fuhr Mia anstelle ihrer Freundin fort. »Zu zweit ist es leichter, in München eine Wohnung zu finden. Auf dem Wohnungsmarkt werden kaum kleine Apartments angeboten.«

Juliane wandte den Kopf und blinzelte ihre Freundin an.

»Ach, jetzt weiß ich, warum du dich so gefreut hast, dass ich dich begleite.«

»Klar!«, erwiderte Mia lachend. »Aber das ist noch längst nicht der einzige Grund. Du bist doch meine Allerbeste!« Sie legte den Arm um Julianes Schultern und drückte sie an sich, bis ihr Blick auf Nelli fiel. »Wo steckt eigentlich deine Freundin? Wie heißt sie doch gleich?«

»Blerina.«

»Stimmt. Blerina. Sie wollte doch auch kommen.«

»Keine Ahnung.« Nelli wunderte sich selbst darüber. Normalerweise war ihre Freundin pünktlich wie die Maurer. »Vielleicht hat sie noch mal ausgeschlafen, bevor uns der Klinikalltag gefangen nimmt.«

»Eine weise Entscheidung. Beim Gedanken an mein Praktikum in der Notaufnahme bekomme ich heute noch Schnappatmung. Wenn es dumm gelaufen ist, hatten wir achtundvierzig Stunden Bereitschaft am Stück.«

»Deshalb bin ich so froh, die Stelle in der Waldner-Klinik ergattert zu haben.« Nelli zwirbelte eine blonde Strähne zwischen den Fingern. »Für Dr. Waldner ist das Personal laut eigener Aussage sein höchstes Gut.«

»Hoffentlich waren das nicht nur schöne Worte.« Juliane schnitt eine Grimasse.

»Ganz sicher nicht.« Nellis Widerspruch kam wie aus der Pistole geschossen. »In Fachkreisen ist die Waldner-Klinik bekannt für ihre herausragenden Arbeitsbedingungen. Zufriedene Mitarbeiter können sich besser um die Versorgung der Patienten kümmern als chronisch überlastetes Personal. Das spiegelt sich auch in den Patientenumfragen wider. Darin schneiden Dr. Waldner und sein Team regelmäßig mit Bestnoten ab.«

Juliane reckte den Daumen der rechten Hand hoch.

»Scheint, als ob wir alles richtig gemacht hätten.«

»Trotzdem bin ich wahnsinnig nervös.« Zum Beweis legte Mia ihre Hände auf den Tisch. Die Fingernägel waren bis zu den Kuppen abgeknabbert.

»Und wenn mein Mialein nervös ist, macht sie richtig dumme Sachen.« Wenn Juliane nur an den vergangenen Morgen dachte, musste sie noch immer lachen. »Stell dir vor: Heute früh hat sie das kochende Wasser nicht in die French Press, sondern in die Dose mit dem Kaffeepulver gekippt. Und gestern beim Zähneputzen hat sie statt zur Zahnpasta zu meiner Fußcreme gegriffen.«

»Das war deine Schuld«, verteidigte sich Mia energisch. »Was hat deine Schrundensalbe auch neben der Zahnpasta verloren?«

Nelli lachte.

»Ein Glück, dass Blerina und ich nicht zusammenwohnen. Sie ist in letzter Zeit so schusselig und lässt so vieles fallen, dass wir uns ständig in den Haaren liegen würden.«

»Soso, dachte ich es mir doch!«

Eine Stimme ließ Nelli herumfahren. Da stand Blerina und lachte ihre Freundin an.

»Du lässt keine Gelegenheit aus, um hinter meinem Rücken über mich zu lästern.« Sie begrüßte ihre zukünftigen Kolleginnen und ließ sich auf den freien Stuhl am Tisch fallen.

»Selbst schuld, wenn du zu spät kommst«, konterte Nelli augenzwinkernd. Erst jetzt bemerkte sie die blutige Schramme an Blerinas Knie. »Was hast du denn angestellt?«

»Ach, das ist nichts.« Blerina winkte ab. »Ich habe eine Bordsteinkante übersehen. Nicht der Rede wert.«

»Das sieht aber gar nicht gut aus.« Nelli griff nach ihrer Handtasche.

»Lass nur! Das ist bloß ein Kratzer!«, lehnte Blerina eine Spur zu heftig ab.

Bevor sich ihre Freundin über den ruppigen Ton beschweren konnte, trat der Kellner zu ihnen.

»Was kann ich dir bringen?«

»Hmmm, ich weiß noch gar nicht.« Blerina musterte die Gläser, die bereits auf dem Tisch standen.

»Was hast du denn angestellt?« Der junge Mann deutete auf die Wunde an ihrem Knie.

»Das sind die Spuren meines albanischen Temperaments«, erwiderte Blerina mit blitzenden Augen.

»Brauchst du ein Pflaster?«

»Lieber einen Arzt«, warf Mia vorlaut ein.

»Lieber eine Rhabarberschorle«, widersprach Blerina und schenkte dem jungen Mann ein strahlendes Lächeln.

Lachend machte er sich auf den Weg, um das Gewünschte zu besorgen. Blerina sah ihm nach und bewunderte seine augenscheinlich durchtrainierte Figur.

»Also, ich finde, deine Freundin benimmt sich eigentlich ganz normal«, stellte Juliane fest.

»Du solltest dich trotzdem mal durchchecken lassen.« Nelli musterte ihre beste Freundin aus schmalen Augen.

»Ja, klar. Röntgen und dann einen dicken Gipsverband. Man weiß ja nicht, ob ich mir bei dem Sturz nicht einen Trümmerbruch zugezogen habe.« Blerina verstand Nelli absichtlich falsch und betupfte die Schramme mit einem Taschentuch.

Juliane und Mia tauschten indes einen stummen Blick. Nelli dagegen rollte mit den Augen.

»Vielleicht hast du ja wirklich immer noch mit den Folgen deiner Grippe zu kämpfen«, stellte sie klar.

»Zu deiner Beruhigung: Ich habe heute Nachmittag einen Termin bei Dr. Frank. Können wir jetzt bitte über was anderes reden?« Schritte knirschten auf dem Kies. Blerina wandte den Kopf und lächelte den Kellner an. »Danke schön.«

Er erwiderte ihr Lächeln und sah ihr eine Spur zu lange in die Augen.

»Gern geschehen.«

***

Blerina wusste genau, dass ihre Freundin Nelli recht hatte.

Vor ein paar Wochen noch war sie ein anderer Mensch gewesen. Nach den harten Jahren des Studiums, nach all den Entbehrungen und des Verzichts lag die Zukunft endlich strahlend vor ihr. Doch mit jedem körperlichen Aussetzer trübte sich die Aussicht, und Dr. Stefan Frank sah nicht danach aus, als ob sich daran in naher Zukunft etwas ändern würde.

»Leider habe ich keine guten Nachrichten für Sie«, erklärte er an diesem Nachmittag mit Blick auf den Computerbildschirm. »Die Labor-Untersuchungen haben ergeben, dass Sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit weder an einer Borreliose noch an einer HIV-Infektion und auch nicht an einer Gefäß- oder Stoffwechselerkrankung leiden.«

»Dann denken Sie also auch, dass ich mit meinem Verdacht auf Multiple Sklerose richtigliege?«

So weit wollte Dr. Frank noch nicht gehen.

»Ihre Symptome geben leider Anlass zu einigen Befürchtungen«, musste er aber einräumen.

»Missempfindungen in den Händen, Schwindel, Sehstörungen«, zählte Blerina auf. »Laut Lehrbuch sind das alles Anzeichen für eine Retrobulbärneuritis, die bekanntlich ein Erstsymptom einer Multiplen Sklerose sein kann.«

»Um die Diagnose endgültig zu bestätigen, sind noch einige weiterführende Untersuchungen nötig«, blieb Dr. Frank bei seiner Einschätzung. Die können allerdings nur in einer Klinik durchgeführt werden.« Er zog die Computertastatur zu sich heran und tippte Blerinas Namen ein. »Sie leben in München?«

»Geboren bin ich in Albanien. Ich war zwei Jahre alt, als meine Eltern nach Deutschland ausgewandert sind. Seitdem leben wir hier.« Tränen glitzerten in ihren Augen.

»Aber, aber! Noch gibt es keinen Grund für Tränen«, versuchte Stefan Frank seine Patientin zu trösten. Er hielt Blerina die Schachtel mit den Papiertüchern hin.

»Danke«, schniefte sie und putzte sich die Nase. »Ich weiß, dass man die Flinte nicht vorschnell ins Korn werfen darf. Aber wenn ich daran denke, dass die ganzen Mühen vielleicht umsonst waren ...«

Wieder kullerten Tränen über ihre Wangen. Es brauchte noch zwei weitere Taschentücher, um die Flut wenigstens halbwegs zu stoppen.

»Meinen Eltern ist es so schwergefallen, in Deutschland Fuß zu fassen«, fuhr sie stockend fort. »In Albanien war meine Mutter Lehrerin, in München hat sie nur eine Stelle als Putzfrau gefunden. Mein Vater musste noch einmal ganz von vorne anfangen. Als erwachsener Mann hat er noch einmal eine Ausbildung zum Mechatroniker gemacht.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Trotz der vielen Arbeit haben meine Eltern nie viel verdient und obendrein auch noch einen Teil des Geldes zu meinen Großeltern nach Albanien geschickt. Deshalb musste ich meine Schulausbildung und das Studium selbst finanzieren. Neben dem Gymnasium nahm ich jeden Job an, den ich fand. Bei Wind und Wetter trug ich Zeitungen aus. Ich stand vor Sonnenaufgang in einer Bäckerei und verkaufte Semmeln. Während des Studiums ging ich nachts putzen. Und das soll jetzt alles umsonst gewesen sein?«

Normalerweise war Blerina alles andere als eine Plaudertasche. In diesem Moment konnte sie sich jedoch nicht zurückhalten. Ihr ganzes Unglück brach in einem Redeschwall aus ihr heraus.

Geduldig hatte Dr. Frank zugehört. Er wusste um die heilende Wirkung von Tränen. Und auch, dass es besser war, sein Herz zu erleichtern, als den Kummer in sich hineinzufressen.