Dr. Stefan Frank 2628 - Stefan Frank - E-Book

Dr. Stefan Frank 2628 E-Book

Stefan Frank

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Beschreibung

Tilda, die gelernte Köchin ist, möchte mit ihrer Freundin Manuela ein Restaurant mit einigen Fremdenzimmern anbieten. Die alte, leer stehende "Villa Waldesruh" am Rand von Grünwald haben sie gepachtet und umgebaut. Noch sind einige Renovierungsarbeiten zu erledigen, aber in vier Wochen soll eine Art Voreröffnung für interessierte Grünwalder sein, ehe dann einige Wochen später der richtige Betrieb losgeht.
Bei Aufräumarbeiten im Keller ratscht sich Tilda an einer alten Heugabel die Wade auf. Die Wunde ist nicht sehr tief und hört schnell auf zu bluten, so ignoriert Tilda die Forderung ihrer Freundin, zum Arzt zu gehen. Ein schwerer Fehler, wie sich bald darauf herausstellen soll ...

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Seitenzahl: 130

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

Cover

Nur ein kleiner Kratzer?

Vorschau

Impressum

Nur ein kleiner Kratzer?

Tildas harmlose Verletzung wird zum Überlebenskampf

Tilda, die gelernte Köchin ist, möchte mit ihrer Freundin Manuela ein Restaurant mit einigen Fremdenzimmern anbieten. Die alte, leer stehende »Villa Waldesruh« am Rand von Grünwald haben sie gepachtet und umgebaut. Noch sind einige Renovierungsarbeiten zu erledigen, aber in vier Wochen soll eine Art Voreröffnung für interessierte Grünwalder sein, ehe dann einige Wochen später der richtige Betrieb losgeht.

Bei Aufräumarbeiten im Keller ratscht sich Tilda an einer alten Heugabel die Wade auf. Die Wunde ist nicht sehr tief und hört schnell auf zu bluten, so ignoriert Tilda die Forderung ihrer Freundin, zum Arzt zu gehen. Ein schwerer Fehler, wie sich bald darauf herausstellen soll ...

»Herr Brinkmann, Sie können jetzt gerne zum Doktor mitkommen«, rief Martha Giesecke in ihrer forschen Art von der Tür aus ins gut besetzte Wartezimmer der Praxis.

Da niemand reagierte, sahen sich die Patienten irritiert um.

»Haben Sie mich gerufen?«, fragte der alte Herr Kempermann, der etwas schwerhörig war. Er legte seine Zeitung beiseite und wollte schon aufstehen.

»Ganz so schnell sind wir nicht dran. Bleiben Sie mal noch sitzen«, sagte Martha laut und legte Herr Kempermann die Hand auf die Schulter. »Sie sind der übernächste.«

Die altgediente Sprechstundenhilfe von Dr. Stefan Frank trat jetzt ins Wartezimmer und ging auf einen jungen Mann zu, der in eine Zeitschrift vertieft war. Sie rüttelte ihn sanft an der Schulter.

Marko Brinkmann sah auf und lächelte.

»Kann ich schon zu Doktor Frank?«, fragte er in leicht schleppendem Tonfall.

»Ja, Sie können mit mir kommen. Doktor Frank ist gleich für Sie da«, sagte Martha Giesecke betont langsam und sah Marko dabei aufmerksam ins Gesicht. Auch gab sie sich Mühe, den Berliner Zungenschlag, den sie trotz vieler Jahre in Bayern immer noch nicht abgelegt hatte, zu vermeiden. Sie hatte doch tatsächlich beim Aufrufen vergessen, dass der Patient gehörlos war und von den Lippen ablesen musste.

Marko stand auf und folgte Martha ins Sprechzimmer seines Arztes. Kurz darauf betrat Dr. Stefan Frank den Raum und begrüßte den Patienten freundlich.

»Schwester Martha sagte mir, Sie brauchen einen Rat?«, fragte er und achtete genau wie seine Angestellte darauf, dass er Marko beim Sprechen ansah und gut artikulierte.

Im Teenageralter war Marko nach einer Infektion, die beide Ohren betroffen hatte, komplett ertaubt. In gewisser Weise hatte er noch Glück im Unglück gehabt, denn da sein Sprachvermögen voll ausgebildet war, ehe er ertaubte, konnte er gut sprechen. Zwar war durch die fehlende Kontrolle der eigenen Stimme der Tonfall oft ein wenig unnatürlich und leiernd, aber das fiel nicht besonders auf.

»Womit kann ich Ihnen helfen?«, fuhr Dr. Frank fort und nickte seinem Patienten auffordernd zu.

»Sie haben mich vor zwei Jahren in die Hals-Nasen-Ohren-Abteilung der Waldner-Klinik überwiesen wegen eines Cochlea-Implantats ...«, begann Marko.

»Ich erinnere mich«, sagte Dr. Frank. »Aber Sie haben sich damals gegen ein Implantat entschieden, nicht wahr?«

»Das ist richtig. Ich habe mit anderen Gehörlosen gesprochen. Viele sind grundsätzlich gegen ein Implantat, weil sie Taubheit nicht als Einschränkung oder gar Behinderung sehen; einige andere, die sich zu dem Eingriff durchgerungen haben, sind nicht zurecht gekommen. Das hat mich abgeschreckt. Immerhin ist das ja ein operativer Eingriff, und niemand kann mir garantieren, dass ich mit dem Implantat umgehen lerne.«

»Ich verstehe. Aber jetzt sind Sie wieder ins Schwanken gekommen?«, fragte Dr. Stefan Frank.

»Vor zwei Wochen bin ich nur ganz knapp dem Tod entgangen, weil ich die Sirenen eines Feuerwehrwagens nicht gehört habe. Wenn ein Mann mich nicht beherzt von der Straße gerissen hätte, dann würde ich heute vermutlich nicht vor Ihnen sitzen.«

»Oh. Was für ein Glück, dass Ihr Schutzengel in der Nähe war.«

»Das kann man wohl sagen. Auf jeden Fall hat mich der Schock ins Nachdenken gebracht. Ich würde doch gern noch einmal einen Versuch unternehmen. Ich meine ... ich habe damals ... ich bin nach dem Vorgespräch nie wieder in der Waldner-Klinik aufgetaucht und habe mich nicht mehr gemeldet. Ich ... ich weiß nicht, ob man mir das nicht übel genommen hat ... Also, ich wollte fragen, ob Sie vielleicht ... Sie kennen doch Doktor Waldner sehr gut. Würden Sie noch einmal ein gutes Wort für mich einlegen?«

Marko knetete nervös seine Hände und sah Dr. Frank mit einem Dackelblick an. Der Mediziner lächelte.

»Natürlich werde ich ein gutes Wort für Sie einlegen. Aber ich bin sicher, dass Ihnen niemand in der Klinik übel nimmt, dass Sie sich damals gegen eine OP entschieden haben. Und glauben Sie mir, Sie sind nicht der erste Patient, der mehrere Anläufe braucht, ehe er sich zu einer Therapie oder einer Operation durchringen kann.«

»Ich bin mir offen gestanden auch jetzt noch nicht sicher, ob ich den Schritt gehen soll. Mal ganz abgesehen davon, dass ich gar nicht weiß, ob bei mir der Einsatz eines Cochlea-Implantats überhaupt infrage kommt.«

»Das wird sich recht schnell feststellen lassen. Aber auch wenn Sie geeignet sind, dann ist es immer noch Ihre Entscheidung, ob Sie die Operation machen lassen.«

»Ich weiß. Ich habe damals so viele unterschiedliche Meinungen und Erfahrungsberichte gehört, dass die Entscheidung bestimmt nicht leicht wird. Haben Sie Patienten, die ein Cochlea-Implantat tragen?«

»Nein. Ich habe zwar einige ältere schwerhörige Patienten und einige, die grundsätzlich dann nichts hören, wenn ich ihnen sage, sie sollen mit dem Rauchen, dem Trinken und dem ungesunden Essen aufhören, aber Sie sind mein einziger gehörloser Patient.«

»Die Leute, die manches nicht hören wollen, die kenne ich auch. Zu Beginn meiner Gehörlosigkeit habe ich noch gedacht, sie hätten mich nicht verstanden, aber inzwischen merke ich ganz genau, wenn jemand absichtlich weghört«, grinste Marko. »Aber, auch wenn Sie keinen Patienten mit einem Implantat haben«, kam er auf sein Thema zurück, »haben Sie doch bestimmt eine Meinung dazu. Würden Sie an meiner Stelle den Eingriff machen lassen?«

»Tja, diese Frage kann ich Ihnen nicht wirklich beantworten. Aus rein medizinischer Sicht ist der Eingriff nicht mit besonderen Risiken behaftet. Aber wie Sie mit einem Implantat zurechtkommen und ob Ihre Erwartungen daran erfüllt werden, kann Ihnen keiner im Vorwege sagen.«

»Das ist mir schon klar. Trotzdem ist es hilfreich, mit anderen darüber zu reden«, sagte Marko.

»Wie groß ist denn Ihr Leidensdruck? Sie haben von dem Beinahe-Unfall erzählt. Aber was gibt es denn sonst für Situationen, wo Sie Ihr Hörvermögen schmerzlich vermissen?«, fragte Dr. Frank.

»Im Alltag haben ich eigentlich kaum Probleme. Manchmal ärgert es mich ein bisschen, dass ich in größerer Runde einem angeregten Gespräch schlecht folgen kann. Wenn jemand eine Bemerkung nur mal eben einwirft und ich ihn in dem Moment nicht ansehe, bin ich außen vor. Und Musik hören würde ich auch gerne mal wieder.«

»Das sind doch schon mal zwei Gründe, die dafür sprechen, einen Versuch zu wagen. Aber lassen Sie uns abwarten, ob die Voruntersuchungen Ihre Ohren für geeignet halten. Wenn Sie mögen, können wir danach gern noch einmal in aller Ruhe sprechen«, schlug Dr. Frank seinem Patienten vor.

»Das würden Sie machen?«, fragte Marko dankbar.

»Aber sicher doch. Jetzt melde ich Sie erst einmal in der Klinik an, dann sehen wir weiter. An welchem Wochentag passt es Ihnen denn am besten?«

»Das ist eigentlich egal. Ich arbeite als Fotograf und Webdesigner meist zu Hause an meinem Schreibtisch. Termine habe ich natürlich auch, aber die kann ich in der Regel verschieben.«

»Okay, sobald ich einen Termin habe, rufe ich ..., na ja, ich schreibe Ihnen wohl besser eine Mail«, lächelte Dr. Frank.

»Telefonieren ist in der Tat etwas schwierig«, lachte Marko.

»Ach übrigens, ich habe mir die Website Ihrer Praxis angesehen. Finden Sie nicht, dass sie etwas ... nun ja, wie soll ich es sagen ... etwas unmodern ist?«

»Ach je, darum habe ich mich schon lange nicht mehr gekümmert. Das ist eine selbstgestrickte Seite, in die wir damals nicht viel Arbeit gesteckt haben. Was gefällt Ihnen denn daran nicht?«

»Es fängt schon mit den Fotos an. Die sind unscharf und man kann kaum etwas darauf erkennen. Sie haben eine so freundliche Praxis. Das sollte man zeigen. Außerdem haben Sie kein Online-Buchungssystem. Auch das ist nicht mehr zeitgemäß.«

»Mit den Fotos haben sie recht«, sagte Dr. Frank, der im Computer seine Webseite aufgerufen hatte und sie kritisch betrachtete. »Aber Online-Terminbuchungen möchte ich ganz bewusst nicht. Ich habe sehr viele ältere Patienten, die nicht mit einem Computer umgehen können. Die telefonische Anmeldung möchte ich gern beibehalten. Und Notfälle kommen sowieso direkt zu mir, ohne zuvor im Internet nach einem freien Termin zu schauen.«

»Verstehe«, nickte Marko. »Was halten Sie davon, wenn ich Ihre Seite ein wenig modernisiere? Für Sie würde ich das auch umsonst machen.«

»Das ist ein sehr nettes Angebot«, lachte Dr. Stefan Frank. »Ich nehme es gern an, allerdings bestehe ich darauf, dass ich dafür zahle.«

»Wenn Sie wollen, ist das auch okay«, sagte Marko. »Ich schicke Ihnen in den nächsten Tagen ein wohlwollendes Angebot. Wenn Sie damit einverstanden sind, sprechen wir einen Termin für Fotos ab. Fotos von Ihrer Praxis, von Ihnen und Ihren Mitarbeiterinnen.«

»Ich werde mit meinen beiden Damen sprechen, aber ich denke, sie haben nichts dagegen, fotografiert zu werden.«

»Sehr gut. Ich höre von Ihnen wegen des Termins in der Waldner-Klinik und Sie hören von mir wegen der Website.« Marko lächelte verabschiedete sich.

Dr. Stefan Frank sah seinem Patienten nach. Er dachte daran, wie sehr doch Hör- und Sehvermögen im Sprachgebrauch verankert waren. Sogar der gehörlose Marko sagte: »Ich höre von Ihnen«, und Blinde hatte Dr. Frank schon sagten hören: »Schauen wir mal.«

***

Als Marko auf die Straße trat, stellte er fest, dass das Wetter wider Erwarten gut war. Der Wetterbericht hatte für heute schwere Gewitter vorhergesagt, aber davon war nichts zu sehen. Nur einige weiße Wolken zogen über den ansonsten strahlend blauen Herbsthimmel.

Der junge Mann beschloss, noch einen Spaziergang zu machen. Langsam schlenderte er durch die Straßen Grünwalds auf die Isarwiesen zu.

Eine Schar Spatzen, die unter einem Baum saß, fühlte sich offensichtlich durch ihn gestört und flatterte wild schimpfend auf. Marko sah ihnen lächelnd nach. Es wäre schon schön, wenn ich wieder einmal Vogelgezwitscher hören konnte, dachte er. Ob das Cochlea-Implantat ihm dazu verhelfen konnte?

In Gedanken wanderte er ein Stück an der Isar entlang. Plötzlich merkte er, dass sein Magen knurrte. Hier ganz in der Nähe musste doch das Café sein, das ihm ein Freund empfohlen hatte, weil es dort angeblich die besten süßen und herzhaften Pfannkuchen der Welt gab. Aufmerksam um sich schauend ging Marko weiter, und tatsächlich entdeckte er an der nächsten Ecke ein Hinweisschild, das ihm den Weg zum Café wies.

Marko fand einen freien Tisch und setzte sich. Er erbat sich von seinen Nachbarn die Karte. Ein Einlegeblatt informierte ihn, dass es heute ausnahmsweise nur Pfannkuchen gäbe, aber da er sowieso nichts anders wollte, störte ihn das nicht. Er studierte die große Auswahl. Schon beim Lesen lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Es gab einige Klassiker, aber auch ungewöhnliche Zusammenstellungen wie zum Beispiel Pfannkuchen mit Avocadomus, Ziegenkäse und Walnüssen oder mit knusprig gebratenen Hähnchenstreifen, Bambussprossen, Zuckerschoten und frischem Thai-Basilikum.

Aus dem Augenwinkel nahm er wahr, dass an seinen Nachbartischen Unruhe aufkam. Marko konnte nicht verstehen, was die anderen Gäste sagten, aber er folgte den besorgten Blicken gen Himmel. Wie aus dem Nichts war hinter seinem Rücken eine fast schwarze Wolkenfront aufgezogen und näherte sich bedrohlich.

Als die junge Kellnerin erschien, wurde von vielen Tischen gewinkt. Die meisten Gäste wollten bezahlen, um sich noch vor dem Gewitter auf den Heimweg begeben. Marko überlegte kurz, ob er auch gehen sollte, aber das Angebot an Pfannkuchen hatte ihm einen solchen Appetit gemacht, dass er nicht ohne zu probieren nach Hause wollte. Wenn es anfing zu regnen, konnte er sich ja ins Café setzen. Aber wer weiß, vielleicht zog das Gewitter auch vorbei.

Tilda Schwinge, die Kellnerin, kassierte im Rekordtempo alle Tische ab. Viele Gäste rundeten großzügig auf, weil sie nicht auf das Wechselgeld warten wollten. Tilda war zufrieden. So ein plötzlich aufziehendes Gewitter hatte auch etwas Gutes.

Sie sah sich auf der Terrasse um, nur ein Tisch war jetzt noch besetzt von einem Mann, der erst vor Kurzem gekommen war. Er las seelenruhig und völlig unbeeindruckt vom Gewittergrollen die Karte. Tilda räumte die Gläser vom Tisch hinter ihm ab.

»Darf es schon etwas zu trinken sein?«, fragte sie in seinen Rücken.

Der Mann rührte sich nicht, tat so, als ob er nichts gehört hätte. Tilda richtete sich auf. Sie wiederholte ihre Frage noch einmal lauter, aber auch dieses Mal kam keine Reaktion.

Sie zuckte mit den Schultern. Dann eben nicht, dachte sie bei sich und eilte mit den abgeräumten Gläsern ins Café. Sie hatte die Tür noch nicht ganz erreicht, da hörte sie eine Stimme hinter sich rufen.

»Entschuldigung. Kann ich bitte etwas bestellen?«

Was war das denn für ein Typ? Erst reagierte er überhaupt nicht auf ihre Frage nach seinen Wünschen und nur ein paar Sekunden später wollte er dann ganz plötzlich doch bestellen. Tilda drehte sich um und wollte ihren letzten Gast wütend anfunkeln, um gleich deutlich zu machen, dass man so nicht mit ihr umspringen konnte. Aber als sie in sein offenes Gesicht sah, aus dem sie strahlende Augen freundlich anblickten, verflog ihr Ärger. Vielleicht war der Mann so in Gedanken gewesen, dass er sie tatsächlich nicht gehört hatte.

»Ich bin gleich bei Ihnen«, versicherte sie lächelnd und deutete auf das volle Tablett, das sie zuerst im Café abstellen wollte.

»Lassen Sie sich nur Zeit. Ich bin nicht auf der Flucht«, erwiderte Marko lachend.

Tilda kam der Mann bekannt vor. Irgendwo hatte sie ihn schon einmal gesehen. Er sprach ein bisschen eigenartig. Ob Deutsch nicht seine Muttersprache war? Auf jeden Fall war er ein ausgesprochen attraktiver Mann.

Auch Markos Gedanken waren bei Tilda. Der blonden Frau, die ihr Haar immer zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte, war er schon ein paar Mal in seiner Straße über den Weg gelaufen. Ihr hübsches Gesicht, ihre sportliche Figur und ihr federnder Gang, bei dem der Pferdeschwanz lustig über den Rücken wippte, hatten sich in seinem Gedächtnis eingegraben.

Er hatte sogar überlegt, ob er sie nicht bei dem nächsten zufälligen Treffen ansprechen sollte.

Tilda trat jetzt wieder an seinen Tisch.

»Was darf es denn sein?«, fragte sie.

»Ich nehme den Pfannkuchen mit Avokado und Ziegenkäse, dazu hätte ich gern ein Radler.«

»Wollen Sie sich nicht lieber nach drinnen setzen? Es sieht so aus, als würde gleich das Unwetter losgehen«, schlug Tilda vor.

Da sie beim Sprechen in den Himmel geschaut hatte, hatte Marko ihre Frage nicht von den Lippen lesen können. Nur an ihrem auffordernden Blick merkte er, dass sie auf eine Antwort wartete.

»Bitte sehen Sie mich an, wenn Sie mit mir sprechen. Ich bin gehörlos.«

Tilda zuckte zusammen. Das Geständnis erschreckte sie. Was wurde nun von ihr erwartet? Sollte sie den Mann bedauern? Sollte sie so tun, als sei nichts?

»Ich ... ich ... ich weiß nicht, es tut ...«, stammelte sie verlegen.

»Schon gut«, lachte Marko. »Für mich ist das ganz normal. Sie müssen mich weder bedauern noch in Watte packen. Nur Ansehen beim Sprechen sollten Sie mich.«

»Na klar, das mache ich«, sagte Tilda erleichtert darüber, dass Marko so unverkrampft mit seiner Einschränkung umging.

In dem Moment fielen vereinzelte dicken Tropfen aus der schwarzen Wolke. Ein dunkles Donnergrollen deutete an, dass der Himmel bald seine Schleusen öffnen würde.

»Kommen Sie lieber ins Café«, sagte Tilda sehr langsam und bewegte ihren Mund überdeutlich.

»Eine gute Idee«, entschied Marko.

Er stand auf und folgte der Kellnerin in den Innenraum, in dem kein anderer Gast mehr saß.

»Bleibt es bei der Bestellung? Pfannkuchen und Radler?«, fragte Tilda, als Marko sich gesetzt hatte.

»Ja. Oder schmecken Pfannkuchen nur draußen?«, scherzte Marko.