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Dr. Ulrich Waldner ist begeistert, als er auf seine Stellenausschreibung die Zusage von dem erfolgreichen Ärztepaar Dr. Tanja Claussner und Dr. Mark Claussner erhält. Mit diesen beiden Koryphäen auf dem Gebiet der Neurochirurgie werden in der Münchner Waldner-Klinik ganz neue Therapieformen möglich sein.
Auch sein guter Freund Stefan Frank ist sehr angetan von den Claussners, die sich mit ihren spektakulären Operationen weltweit einen Namen gemacht haben. Vielleicht können sie sogar Dr. Franks jungem Parkinson-Patienten helfen, wieder ein lebenswerteres Leben zu führen?
Doch hinter der perfekten Fassade des angesehenen Ärztepaares bröckelt es, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis ihre privaten Probleme auch erste Schatten auf ihre berufliche Zusammenarbeit werfen ...
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Seitenzahl: 127
Veröffentlichungsjahr: 2022
Cover
Willkommen in München!
Vorschau
Impressum
Willkommen in München!
Wird das neue Ärztepaar an der Waldner-Klinik den hohen Erwartungen gerecht?
Dr. Ulrich Waldner ist begeistert, als er auf seine Stellenausschreibung die Zusage von dem erfolgreichen Ärztepaar Dr. Tanja Claussner und Dr. Mark Claussner erhält. Mit diesen beiden Koryphäen auf dem Gebiet der Neurochirurgie werden in der Münchner Waldner-Klinik ganz neue Therapieformen möglich sein.
Auch sein guter Freund Stefan Frank ist sehr angetan von den Claussners, die sich mit ihren spektakulären Operationen weltweit einen Namen gemacht haben. Vielleicht können sie sogar Dr. Franks jungem Parkinson-Patienten helfen, wieder ein lebenswerteres Leben zu führen?
Doch hinter der perfekten Fassade des angesehenen Ärztepaares bröckelt es, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis ihre privaten Probleme auch erste Schatten auf ihre berufliche Zusammenarbeit werfen ...
»Stehst du wirklich zu deiner Entscheidung, mit Mark in München ein neues Leben zu beginnen?«, fragte sich Dr. Tanja Claussner laut und betrachtete ihr Ebenbild im Badezimmerspiegel.
Er hatte es damals einen »Fehler« genannt, als er ihr an einem Sommerabend gestanden hatte, bei einer anderen Frau gewesen zu sein. Tanja konnte noch immer die Kälte spüren, mit der sich ihr Herz damals zusammengezogen hatte.
Es sei eine kurze Affäre gewesen, hatte er erklärt. Völlig unbedeutend. Doch Tanja hatte das Gefühl gehabt, in einen dunklen Abgrund zu schauen.
Und jetzt also München, dachte sie. Aber war es wirklich so einfach, in einer anderen Stadt einen Neuanfang zu wagen? Mark hatte es ihr selbst vorgeschlagen, nachdem er einen Anruf von Dr. Ulrich Waldner erhalten hatte. Der Klinikleiter war auf sie beide durch verschiedene Fachartikel aufmerksam geworden.
Tanja war verunsichert. Konnten sie die Vergangenheit wirklich hinter sich lassen?
Von Marks Affäre mit einer jungen Krankenschwester hatte sie bis zuletzt nichts geahnt. Erst sein Geständnis hatte alles ans Licht gebracht. Doch es gab etwas, was Tanja seitdem nicht mehr zur Ruhe kommen ließ: War dies die einzige Affäre ihres Mannes gewesen? Sie hatte sich nach seinem Geständnis urplötzlich wieder an Gerüchte und Andeutungen ihrer Kollegen in den Jahren zuvor erinnert.
War es möglich, dass Mark sie von Anfang an betrogen hatte?
Schon allein, um ihr Gesicht zu wahren, hatte sie dem Umzug nach München zugestimmt. Ihre beste Freundin hatte ihr dazu geraten, sich von Mark zu trennen, doch so einfach war das nicht. Wider alle Vernunft liebte Tanja ihren Mann.
Das Ehepaar hatte sich gemeinsam eine sehr erfolgreiche Karriere aufgebaut und war kinderlos geblieben. Die Ärztin konnte dies alles nicht aufgeben. Sie und Mark waren ein eingespieltes Team im Bereich der Neurochirurgie und arbeiteten fast täglich zusammen im OP. Und so sollte es auch in München weitergehen.
Vor zwei Tagen war die Neurochirurgin mit ihrem Mann Dr. Mark Claussner in die vornehme Villa in Münchens Stadtteil Bogenhausen gezogen. Das Paar hatte die freigewordene Stelle in der Waldner-Klinik angenommen. Dort würden Mark und Tanja Claussner in der renovierten und erweiterten neurochirurgischen Abteilung arbeiten.
Was die Anstellung besonders reizvoll machte, war die Tatsache, dass der Klinikleiter Dr. Ulrich Waldner einen neuen Chefarzt berufen wollte. Besonders Mark machte sich große Hoffnungen auf diese Position.
»Mit wem sprichst du?«, fragte eine männliche Stimme, und Tanja Claussner drehte sich ertappt um.
»Mit niemandem«, antwortete die Ärztin, als sie ihren Mann erkannte. »Ich habe nichts gesagt.«
»Kannst du mir bei der Krawatte helfen?«, bat Mark und hielt seiner Frau eine weinrote Seidenkrawatte hin.
Tanja lächelte. »Kannst du das etwa immer noch nicht?«
»Nein, aber dafür habe ich ja auch dich«, erwiderte ihr Mann und küsste Tanja. Er sah umwerfend aus, und das wusste er.
Mit wenigen Handgriffen band Tanja ihrem Mann die Krawatte. Besorgt sah sie anschließend auf die Uhr.
»Wir werden uns verspäten, Mark«, ermahnte sie ihn. »Und ich weiß nicht, in welchem Karton meine passenden Schuhe liegen.«
»Ich fürchte, der richtige Karton steht im Wohnzimmer.« Er hob entschuldigend die Hände. »Sobald wir den Empfang hinter uns haben, kümmere ich mich um unsere Umzugskisten«, versprach er.
Tanja stieg hastig die Treppe zum großzügig geschnittenen Wohnzimmer mit offener Küche hinunter. Nach wenigen Minuten entdeckte sie den großen Karton mit ihren teuren Schuhen und öffnete ihn. Alle Schuhe lagen wild durcheinander.
Das nächste Mal packe ich lieber selbst, dachte sie und zog ein Paar Stiefeletten hervor. Sie passten hervorragend zu ihrem dunkelblauen Hosenanzug, den sie sich extra für den Empfang in der Waldner-Klinik gekauft hatte.
»Hast du sie gefunden?«, fragte Mark, als er das Wohnzimmer betrat. »Ich bin nämlich bereit. Wir können sofort aufbrechen.« Er ging in den Küchenbereich und trank seine Tasse Kaffee leer. Dabei kehrte er seiner Frau den Rücken zu.
Tanja zog sich ihre Stiefeletten über und betrachtete ihren Ehemann. Wie schaffte er es nur, immer so schnell fertig zu sein?
Er sah noch immer sehr attraktiv aus. Trotz seines Alters von fünfzig Jahren hatte er einen durchtrainierten Körper behalten. Marks graue Schläfen verliehen ihm eine gewisse Reife. Dies machte ihn unwiderstehlich für Frauen, da war sich Tanja sicher. Doch sein jungenhaftes Lächeln war unverändert geblieben.
Mit diesem Lächeln hatte Mark vor langer Zeit ihr Herz im Sturm erobert. Und noch immer hatte es eine Wirkung auf sie.
Das Paar kannte sich schon seit mehr als zwanzig Jahren. Sie war damals noch eine junge Medizinstudentin gewesen und Mark Claussner bereits Assistentsarzt. Es war für beide Liebe auf den ersten Blick gewesen.
Mark und Tanja hatten ihr gemeinsames Interesse an der Chirurgie und Neurologie entdeckt. Als sie nach fünf Jahren geheiratet hatten, waren sie am gleichen Krankenhaus geblieben und hatten gemeinsam operiert. Im Laufe der Zeit hatten sie neue Verfahren in der Neurochirurgie entwickelt. Die erfolgreiche Behandlung von Parkinson-Patienten mit Hilfe der Hirnstimulation hatte dem Ärztepaar schließlich den Durchbruch gebracht.
Sie hatten von da an gemeinsam zahlreiche Studien durchgeführt und Artikel für medizinische Fachzeitschriften geschrieben. Mit den Jahren war so auch ihre Bekanntheit gewachsen.
Tanja hatte die Arbeit an der Seite ihres Mannes immer geliebt. Nun waren sie also in München, und Tanja hoffte, genauso erfolgreich weiterarbeiten zu können wie in ihrer Heimatstadt Berlin.
Sie griff nach ihrer Handtasche und hakte sich bei Mark unter, der im Flur gerade die Haustür öffnete.
»Ich wünsche uns viel Glück«, sagte Mark leise zu ihr und küsste sie sanft.
***
»Wo willst du hin?«, fragte Tim Scholz erstaunt und zog sich den Bademantel enger. »Wollten wir nicht zusammen brunchen gehen? So hatten wir es doch geplant.«
»Das habe ich völlig vergessen«, antwortete Daniela Weber ihrem Freund. Sie war in Eile.
»Wir hatten vor zwei Tagen noch darüber gesprochen«, erinnerte Tim sie.
»Ich muss leider in die Klinik«, erwiderte Daniela und drückte ihren Freund kurz an sich. »Doktor Waldner gibt heute Mittag einen kleinen Empfang im Konferenzraum.«
»Geht es um die beiden Ärzte, die er neu eingestellt hat?«
»Ja, es ist ein Ehepaar aus Berlin. Sie sind Neurochirurgen und sehr erfolgreich in ihrem Beruf. Doktor Waldner will Mark und Tanja Claussner der gesamten Belegschaft der Neurologie vorstellen. Ich denke, es wird nicht lange dauern.«
Tim legte den Kopf schief.
»Davon weiß ich überhaupt nichts. Und ich arbeite schließlich auch auf der Station.«
Daniela Weber war Krankenschwester in der Waldner-Klinik und arbeitete zurzeit auf der neurochirurgischen Station. Sie machte eine Fachausbildung zur OP-Schwester. Ihr Freund Tim Scholz hatte gerade seine Ausbildung als Pflegefachraft beendet und begann jetzt eine Fachausbildung im Bereich der Anästhesie. Er und Daniela waren seit zwei Jahren ein Paar und lebten mittlerweile zusammen.
In letzter Zeit kriselte es jedoch in ihrer Beziehung. Daniela dachte immer häufiger an eine Trennung.
»Vielleicht bleibt uns ja noch etwas von unserem freien Samstag«, bemerkte Tim hoffnungsvoll und griff nach seiner Kleidung. Er konnte die Zeit nutzen und ein wenig lernen.
»Wenn du magst, kannst du mich doch begleiten«, schlug Daniela vor. »Doktor Waldner und seine Frau haben sicher nichts dagegen. Schließlich bist du im OP bald auch Teil des Teams.«
»Dann beeile ich mich wohl besser«, entgegnete ihr Freund und verschwand eilig im Bad. »Ich brauche nur fünf Minuten.«
Kurze Zeit später trafen der Pfleger Tim und seine Freundin Daniela in der Waldner-Klinik ein und begaben sich in das Stockwerk, in dem der Empfang stattfinden sollte. Sie waren ein wenig aufgeregt, denn an einem solch wichtigen Ereignis nahmen sie zum ersten Mal teil.
Die Waldner-Klinik war eine renommierte Privatklinik in München. Sie lag direkt am Englischen Garten. Klinikleiter Dr. Ulrich Waldner und seine Frau Ruth bewohnten den siebten Stock des Krankenhauses. Dort lag ihre Penthouse-Wohnung, die einen weiten Blick über den Park bot.
Als sich Tim und Daniela dem Besprechungsraum näherten, hörten sie schon von Weitem lautes Stimmengewirr. Offensichtlich waren alle anderen Oberärzte, Assistenzärzte und das Pflegepersonal erschienen, um Mark und Tanja Claussner kennenzulernen.
»Daniela! Schön, dass du Tim mitgebracht hast«, grüßte Dr. Ruth Waldner. Sie war nicht nur Ulrich Waldners Ehefrau, sondern auch Anästhesistin in der Klinik. Sie kannte die jungen Kollegen sehr gut und unterstützte ihre Ausbildung.
»Danke, dass wir hier sein dürfen«, erwiderte die junge Krankenschwester und reichte Ruth Waldner die Hand.
Ihr Freund begrüßte seine Chefin ebenfalls herzlich.
»Sind die beiden neuen Ärzte schon da?«, fragte Daniela neugierig. »Ich kann es kaum erwarten, dass Paar näher kennenzulernen. Die Claussners sind fast schon berühmt.«
Daniela und Tim betraten den Raum, um auch Ulrich Waldner zu begrüßen. Sie trafen den Klinikleiter am Kopf des langen Konferenztisches an. Er war in ein Gespräch mit seinem Stellvertreter Dr. Hans Joachim Schlüter vertieft.
Unterdessen traten weitere Kollegen von der Neurologie und Chirurgie näher. Alle schienen etwas aufgeregt zu sein. Wie würde das Ärztepaar sich bei seinem Erscheinen wohl geben?
Ruth blickte sich um und sah auf die Uhr.
»Ich denke, Mark und Tanja Claussner verspäten sich etwas. Aber das dürfte kein Problem sein.«
»Zeigen Sie ihnen nach dem Empfang noch die Klinik?«, fragte Tim und nickte Dr. Waldner höflich zu. Er fühlte sich immer etwas beklommen in Gegenwart des Klinikleiters und seiner Frau. Ulrich Waldner strahlte eine große Souveränität aus, die der junge Pfleger bewunderte.
»Ja. Wir wollen den beiden Ärzten natürlich die neue Abteilung zeigen. Ich hoffe, sie gefällt ihnen. Schließlich wird es ein Ort sein, an dem sie den Großteil ihrer Zeit verbringen«, erwiderte Ruth Waldner.
Ulrichs Kollege, Dr. Schlüter, lächelte zuversichtlich.
»Ich bin mir sicher, dass ihr keine Mühen gescheut habt, die alten Räumlichkeiten in eine neue, hochmoderne Neurologie zu verwandeln. Leider hatte ich noch keine Gelegenheit, hinüberzugehen.«
»Ich gebe zu, die Neurologie ist unser ganzer Stolz«, bekannte Ruth und lachte.
Im selben Augenblick öffneten sich die Aufzugtüren gegenüber dem Konferenzraum, und das Ehepaar Claussner stieg aus.
»Entschuldige mich kurz«, sagte Ruth Waldner zu Dr. Schlüter und trat den neuen Ärzten entgegen.
***
»Und nun möchte ich Sie herzlich in unserer Privatklinik begrüßen«, sagte Dr. Ulrich Waldner am Ende seiner kleinen Begrüßungsrede und hob sein Sektglas. »Auf eine gute Zusammenarbeit!«
Alle Anwesenden erhoben ebenfalls ihre Gläser.
»Auf eine gute Zusammenarbeit!«, stimmten sie im Chor mit ein.
Jeder hoffte insgeheim, dass das Ehepaar umgänglich war, denn sie würden eng zusammenarbeiten. Es hatte schon neue Ärzte gegeben, die sich zunächst arrogant verhalten hatten.
Zufrieden blickte Dr. Waldner auf seine Mitarbeiter und Arztkollegen. Er hoffte inständig, dass sich die neuen Chirurgen in seiner Klinik wohlfühlten. Es hing viel davon ab.
Seit Monaten war der Posten eines Chefarztes der Neurologie und Neurochirurgie unbesetzt geblieben. Ulrich Waldner hatte noch keinen Nachfolger gefunden, der die nötigen Qualifikationen mitbrachte. Er hatte schon viel von Dr. Mark Claussner und Dr. Tanja Claussner gehört und bewunderte ihre Erfolge im Bereich der Neurochirurgie.
Zunächst hatte es so ausgesehen, als würde das Ärztepaar sein Angebot, in der Waldner-Klinik zu arbeiten, ablehnen. Doch überraschenderweise hatten sich die beiden Ärzte kurzfristig umentschieden.
Ulrich Waldner wollte in wenigen Monaten die Position des Chefarztes an Dr. Mark Claussner vergeben. Doch dies wusste nur seine Frau Ruth. Der Chirurg war der richtige Kandidat für diese verantwortungsvolle Stelle. Außerdem hoffte Ulrich, das Ehepaar somit langfristig an die Klinik zu binden.
Mit Mark Claussner hatte er im Vorfeld bereits über die mögliche Neubesetzung als Chefarzt der Neurologie gesprochen. Und der Chirurg war nicht abgeneigt, die neue Position anzutreten.
Allerdings hatte Dr. Claussner darauf bestanden, auch als Chefarzt möglichst viele Stunden im OP zu sein. Er wollte weiterhin eng mit seiner Frau Tanja zusammenarbeiten. In seiner Ehefrau sah er die ideale OP-Kollegin.
Selbstverständlich hatte Dr. Ulrich Waldner dieser Bitte zugestimmt. Er war froh, die beiden Ärzte für das Krankenhaus verpflichtet zu haben.
***
Tanja Claussner schüttelte unzählige Hände und war äußerst bemüht, sich die Namen ihrer neuen Kollegen zu merken. Doch es gelang ihr nicht.
Zwei junge Assistenzärztinnen hatten sich zu ihr gesellt und versuchten, ein Gespräch in Gang zu halten.
»Ich habe fast alle Aufsätze von Ihnen gelesen«, schwärmte eine der Ärztinnen mit strahlenden Augen. »Seitdem interessiert mich das Thema ›Hirnstimulation bei Parkinson-Patienten‹ ungemein. Haben Sie die Stimulation auch bei Epilepsie erprobt?«
»Selbstverständlich«, antwortete Tanja und zwang sich zu einem Lächeln. »Ich kann Ihnen in den nächsten Tagen meine Forschungsergebnisse zeigen.«
»Das wäre sehr freundlich von Ihnen, Doktor Claussner«, erwiderte die junge Ärztin und errötete.
Tanja nickte freundlich. Sie fühlte sich erschöpft von den Anstrengungen der letzten Tage, als sie ihren Umzug organisiert hatten. Vieles war unerledigt geblieben, und Tanja hatte außerdem noch keine Zeit gefunden, ihr Arbeitszimmer unter dem Dach des Hauses einzurichten.
Sie dachte an die große Villa und ihre unzähligen Zimmer. Wenn man es darauf anlegte, konnte man dort anderen potenziellen Mitbewohnern stundenlang aus dem Weg gehen. Doch in diesem großen Haus würde sie mit Mark allein leben. Die einzige Abwechslung würde von der neuen Haushälterin kommen.
An diesen Umstand musste sich Tanja erst einmal gewöhnen. Bisher hatte sie sich um den größten Teil des Haushalts allein gekümmert. Doch eine Haushaltshilfe schenkte ihr mehr Freiraum. Und darauf wollte Tanja nicht mehr verzichten.
Während die zweite Assistenzärztin Tanja auf deren Anwesenheit bei zahlreichen Tagungen ansprach, sah die Ärztin zu ihrem Mann hinüber, der gerade mit einer jungen Krankenschwester sprach. Wie immer gab er sich charmant und schenkte der hübschen Blondine seine ganze Aufmerksamkeit. Die junge Frau war offenbar sehr angetan von ihm.
Tanja stutzte. War dies nicht einer der Augenblicke, die sie immer an Marks Treue zweifeln ließen? Hatte dieses Verhalten nicht schon genügend Gerede entfacht, als sie noch gemeinsam in Berlin gearbeitet hatten? Und jetzt stand Mark hier und strich gerade sanft über den Arm einer fremden Pflegekraft!
Hatte er sie in Berlin angelogen? War dies der Beginn einer erneuten Affäre?
In Berlin hatte es ständig ironische Bemerkungen und gesenkte Blicke gegeben, wenn Tanja auf der Station oder im OP anwesend gewesen war. Einmal war eine OP-Schwester in albernes Kichern ausgebrochen, als Tanja den Raum betreten hatte. Doch damals war sie zu stolz gewesen, um sich näher darüber Gedanken zu machen.
Als auch Tanjas engste Kollegin sie auf eine heimliche Affäre von Mark aufmerksam gemacht hatte, hatte die Ärztin nicht länger wegschauen können. Der Schmerz über diese Erkenntnis hatte sie damals wie ein Keulenschlag getroffen.
Doch sie hatte nicht vorgehabt, einfach aufzugeben. Mark Claussner war ihre große Liebe, und sie würde um ihn kämpfen! So hatte sie zumindest in Berlin noch gedacht.
Als sie Mark ein Ultimatum gestellt hatte, hatte er klein beigegeben. Er hatte versprochen, sich zu bessern. Er bereute angeblich sein Fehlverhalten. Und sie hatte Mark geglaubt, denn er schien es ehrlich zu meinen.
Doch als Tanja nun sah, wie er in aller Öffentlichkeit mit einer Krankenschwester flirtete, hatte sie das ohnmächtige Gefühl, dass sich doch nichts änderte.
