Dr. Stefan Frank 2639 - Stefan Frank - E-Book

Dr. Stefan Frank 2639 E-Book

Stefan Frank

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Beschreibung

Eine Anhäufung von Verletzungen bei Jugendlichen sorgt für Misstrauen bei den Ärzten in der Waldner-Klinik. Auch Dr. Stefan Frank vermutet Methode dahinter, da alle Jungen geschlossen behaupten, sich die Wunden während ihres Vereinstrainings zugezogen zu haben. Zufälligerweise sind sie auch noch allesamt Mitglied im Grünwalder SV.
Als die Blessuren schlimmer und die Abstände zwischen ihnen kürzer werden, schleust Stefan Frank seinen Patienten Joshua ein, um Näheres zu erfahren. Der fußballbegeisterte Junge wird jedoch wenig später in einen gefährlichen Internettrend hineingezogen, dem er mindestens so schnell verfällt wie seine Vereinskollegen. Denn für jede bezwungene Mutprobe winkt bares Geld, das er gerade mehr als nur gebrauchen kann. Dann kommt es zum Unglück, das alles verändert - sowohl für Joshua als auch für Stefan ...


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Seitenzahl: 128

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Cover

Von Mitläufern und Mutproben

Vorschau

Impressum

Von Mitläufern und Mutproben

Dr. Franks Patient Joshua ist mittendrin

Eine Anhäufung von Verletzungen bei Jugendlichen sorgt für Misstrauen bei den Ärzten in der Waldner-Klinik. Auch Dr. Stefan Frank vermutet Methode dahinter, da alle Jungen geschlossen behaupten, sich die Wunden während ihres Vereinstrainings zugezogen zu haben. Zufälligerweise sind sie auch noch allesamt Mitglied im Grünwalder SV.

Als die Blessuren schlimmer und die Abstände zwischen ihnen kürzer werden, schleust Stefan Frank seinen Patienten Joshua ein, um Näheres zu erfahren. Der fußballbegeisterte Junge wird jedoch wenig später in einen gefährlichen Internettrend hineingezogen, dem er mindestens so schnell verfällt wie seine Vereinskollegen. Denn für jede bezwungene Mutprobe winkt bares Geld, das er gerade mehr als nur gebrauchen kann. Dann kommt es zum Unglück, das alles verändert – sowohl für Joshua als auch für Stefan ...

»Das war es schon?«, fragte Heide Lehmann überrascht und betrachtete ihren Hausarzt Dr. Stefan Frank mit großen Augen.

Der Allgemeinmediziner entsorgte die leere Spritze ordnungsgemäß und wandte sich wieder seiner Patientin zu. In seinem freundlichen Gesicht entstand ein warmes Lächeln.

»Ich sagte ja: Ein kurzer Piks, und Sie haben es geschafft.«

»Das ja, aber es ging alles so ... so schnell. Ich habe sonst immer mehr gespürt.«

»Jeder Kollege arbeitet anders. Ich versuche, meinen Mitmenschen Spritzen so schmackhaft wie möglich zu machen, indem man sie nicht einmal bemerkt. Impfungen, Hypersensibilisierungen oder ein anderes Mittel zur Erhaltung der Gesundheit braucht schließlich jeder mal.«

Stefan lächelte weiterhin besonnen. Er kannte diese und ähnliche Reaktionen auf seine Behandlungen zu Genüge. Sie waren eine Bestätigung seiner Fähigkeiten, die er sich über viele Jahre angeeignet hatte.

»Na, hätte ich das gewusst, wäre ich längst zu Ihnen in die Praxis gekommen!«, rief die rüstige alte Dame aus und drückte sich den Alkoholtupfer auf die Einstichstelle am Oberarm. »Dass Doktor Holsten so plötzlich in den Ruhestand gegangen ist, ist zwar schade, aber dadurch konnte ich Sie kennenlernen. Jetzt würde ich auch nicht mehr zurückgehen, selbst wenn er sich umentscheidet.«

»Vielen Dank, Frau Lehmann. Das hört man gerne. Bitte warten Sie noch einen Moment im Wartezimmer, dann wird sich Schwester Martha um Ihren Impfausweis kümmern und mit Ihnen zusammen die Vollständigkeit der Einträge überprüfen. Frau Flanitzer gibt Ihnen bei Bedarf dann noch einen neuen Termin. Für heute ruhen Sie sich bitte aus und arbeiten erst morgen wieder im Garten.«

»Erst ab morgen zurück zu meinen geliebten Blumen?«, rief sie empört aus und brachte Dr. Frank damit zum Schmunzeln.

»Ich rate Ihnen bloß von körperlich harter Arbeit ab. Kein Krauchen auf dem Boden und kein Wühlen in der Erde.«

»Woher ...« Heide Lehmann verengte ihre Augen misstrauisch.

»Doktor Holsten war so freundlich und hat mir Ihre Patientenakte übermittelt. Das ist wichtig für einen reibungslosen Übergang in die neue Praxis. So kann ich Sie am besten behandeln. Darin steht als kleiner Vermerk, dass sie körperlich sehr fit sind und gerne der Gartenarbeit nachgehen. Gesünder geht es kaum. Nach einer Impfung sollte man sich allerdings erst einmal zurücklehnen. Es ist bloß ein Tipp, kein Zwang für Sie. Als guter Arzt muss ich Ihnen von großer Anstrengung abraten. Fitness hin oder her.«

Frau Lehmanns Miene entspannte sich. Sie nickte ernst.

»Dann werde ich davon wohl meine Finger lassen. Hätte ich das gewusst, hätte ich die Impfung auf einen Regentag gelegt. Aber Sie haben sicher recht. Ich spüre schon, wie sich mein Oberarm verhärtet.«

»Das ist eine normale Reaktion. Da Sie sich sowieso noch etwas in der Praxis aufhalten, können wir den weiteren Verlauf beobachten, falls Sie das beruhigt.«

Wieder ein verständnisvolles Nicken.

»Mein Enkel wird mir mit dem Garten heute helfen. Der Junge hat ja sonst keine Möglichkeit, seine pubertäre Kraft zu verteilen. Schulsport reicht dafür heutzutage nicht mehr aus.«

Stefan Frank lächelte milde. »Wohl wahr. Ist er in einem Verein?«

»Nein, leider nicht. Dafür reichen die Ersparnisse von seiner Mutter und mir nicht aus. Die beiden kommen so schon nur knapp über die Runden, seit mein Sohn Lutz von uns gegangen ist. Gott habe ihn selig.«

»Das tut mir sehr leid«, antwortete Dr. Frank mitfühlend, doch die alte Dame lächelte sanft.

»Man gewöhnt sich nie daran, ein Kind verloren zu haben. Der Schmerz bleibt für immer, aber das Ganze ist immerhin bereits zehn Jahre her. Darmkrebs. Ich versuche jetzt, für meinen Enkel da zu sein.«

»Die Arbeit im Garten an der frischen Luft wird auch ihm guttun und Sie entlasten. Nicht jeder hat so hilfsbereite Verwandte.«

»Das stimmt wohl. Ich kann mich glücklich schätzen. Joshua ist ein lieber Junge, der nicht ein einziges Mal murrt, wenn man ihn um etwas bittet. Mal sehen, ob sich das mit der ersten Freundin ändert.«

»Wie alt ist er denn?«, erkundigte sich Stefan Frank interessiert.

»Vierzehn, aber schüchtern wie eh und je. Ich vermute, er rennt mehr vor den Frauen davon, statt sie anzusprechen.«

»Das kommt alles früher oder später. Bei mir war das zunächst auch ein wenig holprig. Jungs brauchen ja meistens etwas länger«, machte ihr Stefan Mut.

Frau Lehmann bedankte sich herzlich, und der Arzt begleitete die alte Frau zur Tür des Behandlungszimmers. Ein wenig Smalltalk gehörte zum Praxisalltag dazu. Erst recht bei neuen Patienten wollte Dr. Frank ein offenes Ohr haben, um sie besser kennenzulernen und einschätzen zu können. Zudem sollte sie schnell Vertrauen in ihn und seine Behandlungsmethoden fassen.

Kurz darauf brachte ihm Martha Giesecke, seine Arzthelferin, die nächsten beiden Patientenakten.

»Sind das die letzten für heute? Ich wollte später noch mit Alexandra essen gehen.«

»Ui, wie schick wird et denn?«, wollte Schwester Martha neugierig wissen.

Die korpulente Frau stützte sich mit einer Hand auf dem Schreibtisch ab und beugte sich leicht vor, um auch ja kein Wort ihres Chefs zu verpassen.

»So schick, dass meine Freundin zwar zutiefst beeindruckt ist, sich aber nicht direkt gekauft fühlt. Sie verstehen schon.«

»Wenn Se mich fragen, würde ick in diesen neuen Nobelschuppen in Neuried gehen. Der macht was her, behaupten die Leute.«

»In Neuried, sagen Sie?« Stefan überlegte krampfhaft, doch diese Neuigkeit schien wieder einmal an ihm vorbeigegangen zu sein. »Wissen Sie zufällig auch den Namen des Restaurants?«

»Kann ick gleich rausfinden, Chef. Aber zuerst sollten Se sich um die beiden jungen Männer hier kümmern. Mir scheint, die zwei haben sich geprügelt oder so.«

Die mittlerweile ergraute Dame verwies auf die Akten vor Stefans Nase. Er nahm sie zur Hand und nickte.

»Beide im Vorzimmer?«

»Einer. Der andere kommt gegen drei zusammen mit seiner Mutter. Herr Steinfeldt sitzt seit eben im Wartezimmer.«

»Danke, Martha. Auch für den Tipp mit dem Nobelschuppen.«

»Nicht dafür, Chef.«

Seine Arzthelferin verschwand durch die Tür, und Dr. Frank konzentrierte sich wieder ganz auf seine Arbeit. Während er sich die Beschwerden der beiden Jugendlichen durchlas, runzelte sich seine Stirn immer stärker.

Es handelte sich um zwei Fünfzehnjährige des örtlichen Fußballvereins Grünwalder SV, deren Verletzungen sich bis ins Detail ähnelten. Sie klagten beide über Kopfschmerzen und Übelkeit sowie leichten Prellungen nach einem Trainingsspiel. Eventuell ein Fall für das Krankenhaus statt für Stefans kleine Erdgeschosspraxis in der Gartenstraße. Erst recht, wenn sich seine Vermutung der Gehirnerschütterung bestätigte.

Ein seltsamer Zufall, dachte der Arzt und ließ seine Augen weiter über die wenigen Zeilen fliegen.

***

Dr. Eva Körner wusch sich ihre Hände mehr als gründlich. Bei der Einlieferung eines Verletzten in die Waldner-Klinik war dieses Mal bereits vor der lebensrettenden Operation viel Blut geflossen. Der Radfahrer war mit einem abbiegenden Lastkraftwagen kollidiert und hatte das Unglück nur knapp überlebt. Alltag in der Klinik und dennoch etwas, an das sich Eva niemals gewöhnen würde – oder wollte. Noch immer spukten die Gedanken der erfahrenen Chirurgin um die vielen offenen Brüche des Patienten herum.

Sie atmete auf. Nach etlichen Stunden im OP hatten sie endlich grünes Licht für seine Familie geben können. Das erleichterte Gesicht seiner Ehefrau, deren zwei Kinder sich verängstigt an sie gekrallt hatten, war all die Mühe wert gewesen. Inzwischen waren die drei bei ihm im Aufwachraum. Nach seiner Narkose würde der Mann noch ein paar Stunden dort verweilen müssen. Chefanästhesist Dr. Thomas Rüsch würde sich weiter um den Patienten kümmern und seine Werte im Auge behalten, somit war Dr. Körners Arbeit zunächst erledigt.

»Hallo, Eva«, fing Veronika Gessner sie auf dem Gang ab. Die OP-Schwester der Unfallstation sah mindestens so erschöpft aus wie ihre Chefin. »Harter Tag, was?«

»Das kannst du laut sagen! Erst stirbt uns ein Zwanzigjähriger unter den Händen weg, weil er sich im Drogenrausch von einem Haus stürzen musste, jetzt noch die Operation, die beinahe schiefging.«

»Wir haben den Mann gerettet. Nur das zählt am Schluss. Wir können nicht alle retten.«

»Ich weiß, Veronika, ich weiß«, erwiderte Dr. Körner müde und legte ihrer OP-Schwester die Hand auf die Schulter. »Ich wünschte nur, wir könnten es. Dafür bin ich Ärztin geworden.«

Ihr Gegenüber nickte verständnisvoll und senkte den Blick.

»Wie wäre es später mit einem Kaffee im Schwesternzimmer?«, schlug Evas Spitzenkraft vor und lächelte aufmunternd.

»Aber bitte den ganz starken, in dem der Löffel so schön stecken bleibt.«

»Ich frage Onkel Tom, ob er ihn für uns brüht. Dann bekommst du sicher deinen Teerkaffee.«

»Trinkt Thomas überhaupt welchen?«

»Ich glaube nicht. Deshalb vermasselt er ihn ja auch regelmäßig.«

Veronika zwinkerte, und beide Frauen verfielen in ein leises Lachen, das Evas Inneres etwas lockerte. Sie dankte der Schwester mit einem stummen Lächeln.

Dann erblickte sie gleich darauf das blinkende Licht am anderen Ende des Flures. Sie wurden gebraucht. Evas Pager meldete sich zeitgleich. Der Stress wollte heute einfach kein Ende finden, weswegen man die kurzen Verschnaufpausen für ein Späßchen nutzen musste. Sie waren schließlich auch nur Menschen.

»Mein Name ist Doktor Eva Körner«, stellte sie sich bei dem verunfallten Jugendlichen auf der Trage vor. »Ich leite die Notaufnahme. Wie heißt du?«

»Matthias Prank.«

»Was genau ist passiert?«

Sofort war Eva ganz in ihrem Element und half dabei, den Jungen auf ihre Station zu bringen.

»War wohl zu hart, das Training«, gestand er zerknirscht und biss die Zähne fest aufeinander, als ihn der Schmerz erneut heimsuchte. »Habe nicht aufgepasst und mein Mitspieler ist reingegrätscht. Passiert schon mal.«

»Ihr spielt Fußball? Im Verein?«

»Ja, im Grünwalder SV.«

»Den kenne ich«, führte Dr. Körner die Plauderei locker fort, während sie sich auf die Befunde der Notärzte in ihren Händen konzentrierte. »Ein entfernter Cousin hat dort früher mal gekickt. Ich wusste nicht, dass es den Verein immer noch gibt.«

Es war laut erster Vermutung kein vollständiger Bruch, aber das Schienbein schien angebrochen zu sein. Damit war nicht zu spaßen.

»Meine Eltern wissen Bescheid und kommen bald her.«

»Das ist gut. Was sagt dein Trainer zu der Sache? Hat er sie verständigt?«

»Nein, mein Lehrer. Coach Hentz ärgert sich natürlich.«

Dr. Körner stutzte. Soweit sie wusste, war der Trainingsplatz des Grünwalder SV nicht in der Nähe einer Lehranstalt. Zumindest damals.

»Hier steht, sie haben dich nicht am Spielfeldrand, sondern vor deiner Schule abgeholt?«, hakte Eva nach.

»Ja, der Unfall war schon gestern, aber erst heute früh hat's so richtig wehgetan. Ich konnte plötzlich nicht mehr laufen.«

»Ich verstehe. Das kann durchaus so sein, Matthias. Dein Schienbeinknochen hat durch die ständige Belastung beim Gehen wohl letztendlich nachgegeben. Hattest du gestern noch keine Schmerzen?«

»Ein bisschen, aber ich dachte, das wären nur die blauen Flecken. Normal nach einem harten Trainingstag.«

Eva desinfizierte ihre Hände, zog Handschuhe über und legte sein verletztes Bein vorsichtig frei. Veronika war bei ihr, hielt sich jedoch zurück bis auf Helfertätigkeiten. Die Chirurgin tastete Matthias Pranks Bein ab und ließ ihre Schwester alles Nötige notieren. Sein Schienbein war tatsächlich angebrochen und musste operiert und geschient werden. Er würde eine Zeit lang nicht mehr mitspielen können und seinem Verein wohl oder übel fernbleiben.

Da Matthias für seine Operation narkotisiert werden musste, wies Eva ihren Assistenten Dr. Jürgen Blatt an, den Jungen umgehend in die Anästhesie zu bringen. Vor einem Eingriff mussten sie allerdings auf das Eintreffen und die Zustimmung der Eltern warten. Zusätzlich sollte sich ihr guter Kollege, der Orthopäde Dr. Carlos Morena, dem Jungen annehmen. Der Spanier würde wissen, wie er Matthias am besten helfen konnte, damit sein Bewegungsapparat wieder vollständig funktionierte. Doch solange sie sich noch besprachen und das verletzte Bein des Fußballers erst einmal geröntgt wurde, müsste das leichte Schmerzmittel ausreichen, das sie dem Jugendlichen verabreicht hatten.

Als Dr. Blatt zurückkehrte, nahm er Eva einen Moment lang zur Seite.

»Ich hatte vor ein paar Tagen einen ganz ähnlichen Fall«, begann er vorsichtig zu berichten. »Auch ein junger Fußballer mit Schienbeinverstauchung. Um den Bruch kam dieser zum Glück herum. Vielleicht sollte man den Trainer der Jungs sensibilisieren, ihnen beizubringen, nicht so hart reinzugehen.«

»Zumal sie sich dadurch nicht nur Verletzungen, sondern auch rote Karten einfangen können. Du sprichst von nur einem Trainer?«

»Sie sind beide beim Grünwalder SV, müssten sich also persönlich kennen.«

»Interessant. Wir werden das am besten weiter beobachten«, meinte Eva nachdenklich und bat Jürgen um die Akte des anderen Jungen. »Ich werde Ute helfen, ähnliche Fälle aus dem Archiv herauszusuchen. Vielleicht ist so etwas schon häufiger vorgekommen. Womöglich muss man mal ein ernstes Wort mit diesem Trainer wechseln.«

»Gerne. Falls du mich brauchst, findest du mich die nächste Stunde bei Carlos. Ich bin gespannt, was die Eltern des Jungen zu sagen haben.«

Dr. Körner hörte ihm kaum mehr zu, da sie bereits entsetzt auf die Fotografien der dunklen Blessuren hinabsah, die den anderen, ihr fremden Jungen in die Waldner-Klinik gebracht hatten. Die Farbpalette reichte von Grün bis Schwarz, so als sei er schwer gestürzt. Seine Verletzungen waren allerdings weit entfernt von einem harten Foul auf dem Bolzplatz. Doch auch Tommi Rapps behauptete – so las Eva gerade –, er sei während des Trainings niedergestreckt und dadurch verwundet worden.

Diese Verletzungen können gar nicht von einem einzelnen Tritt stammen, dachte sie mit felsenfester Überzeugung einer erfahrenen Ärztin.

Doch was wurde hier gespielt? Jedenfalls kein Fußball, so viel war sicher.

***

Joshua Lehmann schloss die Tür zu der kleinen Münchner Randbezirkswohnung auf, die seine Mutter Paula und er seit dem Tod seines Vaters bewohnten. Er konnte sich nicht an das Dasein und die Bleibe davor erinnert, da er gerade mal vier Jahre alt gewesen war, als Lutz Lehmann durch einen Arbeitsunfall auf der Baustelle völlig unerwartet aus dem Leben geschieden war. Obwohl er kaum Erinnerungen an seinen Vater hatte, vermisste Joshua ihn schmerzlich. Er fühlte, dass ein Teil von ihm fehlte. Eine Leere, die ihn seit Beginn der Pubertät immer häufiger heimsuchte. Mit seiner Mutter sprach er kaum über Vergangenes, weil es sie traurig stimmte. Also behielt er seine Gefühle lieber für sich und verschloss sich den Menschen gegenüber immer mehr.

»Joshua, bist du da?«, erklang die krächzende Stimme seiner kranken Mutter.

Er legte seinen Rucksack beiseite und ging zu ihr ins Schlafzimmer.

»Ja, Mama. Soll ich dir Tee kochen?«

»Nicht nötig, mein Schatz«, erwiderte die Kranke.

Ein Hustenanfall erschütterte ihren dünnen Körper.

»In ein paar Stunden wird es mir sicher wieder besser gehen. Dann kann ich dir auch deine Schulbrote für morgen machen. Heute war ich wirklich eine schlechte Mutter.«

»Blödsinn!«, schritt Joshua schnell ein und setzte sich zu ihr auf die Bettkante. Er nahm ihre Hand in seine und drückte sie leicht. »Ich bin kein kleines Kind mehr. Das schaffe ich alles selbst. Das einzig Wichtige ist, dass du diese depperte Krankheit endlich loswirst.«