Dr. Stefan Frank 2643 - Stefan Frank - E-Book

Dr. Stefan Frank 2643 E-Book

Stefan Frank

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Beschreibung

Anna startet in ihrem Job als Managerin eines der angesagtesten Restaurants in Schwabing jetzt so richtig durch. Die inspirierende und lebendige Atmosphäre entschädigt sie für den Stress und so manche überlange Schicht. Doch sie wird immer öfter von merkwürdigen Aussetzern geplagt. Das Schlimmste sind die Erschöpfungsattacken. Diese kann Anna noch auf die große Arbeitsbelastung schieben; aber dann erlebt sie immer wieder Momente, in denen ihr Körper sich komplett fremd anfühlt - sie hat Empfindungsstörungen in den Armen und manchmal sogar kurze Sehstörungen, die ihr für Minuten das Arbeiten unmöglich machen.
Eines Tages klappen ihr hinter der Theke die Beine weg. Sie stürzt und schlägt sich den Kopf an. In der Waldner-Klinik werden verschiedene Untersuchungen durchgeführt. Der Verdacht Multiple Sklerose kommt auf. Anna ist völlig überfordert. Sie hat Angst. Noch am Abend verlässt die völlig verstörte junge Frau heimlich die Klinik, verkriecht sich in ihrer Wohnung und bricht den Kontakt zur Außenwelt komplett ab ...


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Seitenzahl: 131

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Cover

Keine Kraft für die Hoffnung

Vorschau

Impressum

Keine Kraft für die Hoffnung

Droht Anna an ihrer MS-Diagnose zu zerbrechen?

Anna startet in ihrem Job als Managerin eines der angesagtesten Restaurants in Schwabing jetzt so richtig durch. Die inspirierende und lebendige Atmosphäre entschädigt sie für den Stress und so manche überlange Schicht. Doch sie wird immer öfter von merkwürdigen Aussetzern geplagt. Das Schlimmste sind die Erschöpfungsattacken. Diese kann Anna noch auf die große Arbeitsbelastung schieben; aber dann erlebt sie immer wieder Momente, in denen ihr Körper sich komplett fremd anfühlt – sie hat Empfindungsstörungen in den Armen und manchmal sogar kurze Sehstörungen, die ihr für Minuten das Arbeiten unmöglich machen.

Eines Tages klappen ihr hinter der Theke die Beine weg. Sie stürzt und schlägt sich den Kopf an. In der Waldner-Klinik werden verschiedene Untersuchungen durchgeführt. Der Verdacht Multiple Sklerose kommt auf. Anna ist völlig überfordert. Sie hat Angst. Noch am Abend verlässt die völlig verstörte junge Frau heimlich die Klinik, verkriecht sich in ihrer Wohnung und bricht den Kontakt zur Außenwelt komplett ab ...

Anna Jasinski merkte, dass sie mit deutlich mehr als der erlaubten Geschwindigkeit fuhr, und sie verlangsamte das Tempo ihres weißen Ford Mondeo.

Sie war gestresst. Es war nicht die Tatsache, dass sie spät dran war. Sie hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, immer fünfzehn Minuten vor Arbeitsbeginn im Silver Linings anzukommen. Und sie würde auch heute mehr als pünktlich an ihrem Arbeitsplatz ankommen – trotz des verspäteten Aufbruchs aus ihrer kleinen Wohnung in Haidhausen.

Was sie stresste oder vielmehr ärgerte, war, dass sie immer, wenn sie spät dran war, die schnellste Strecke nach Schwabing wählte. Das bedeutete, sie nahm statt ihrer gewohnten Route den Weg über den Isarring – und dieser kreuzte leider die Pienzenauerstraße. Anna hasste es, an dieser Straße vorbeifahren zu müssen!

Jetzt gab sie doch noch mal richtig Gas. Es war ihr egal, ob sie ein Ticket für zu schnelles Fahren kassieren würde! Hauptsache, sie kam hier so schnell wie möglich weg.

Sechs Monate lang war die Pienzenauerstraße ihr Zuhause gewesen. Sechs Monate hatte sie mit Malte in dem modernen Haus mit der vollverglasten Front gelebt. Frisch verheiratet, blauäugig, voller Hoffnung auf eine glückliche Zukunft.

Anna schüttelte sich.

Ich hätte es damals schon wissen müssen, dachte sie – wohl zum tausendsten Mal. An der nächsten roten Ampel verband sie ihr Handy mit der Soundanlage.

Nina Simones kraftvolle Stimme erklang: »Birds flying high. You know how I feel ...«

Anna begann, die Melodie leise mitzusummen und fühlte sich gleich ein bisschen besser. Die Jazz- und Bluessängerin schaffte es fast immer, sie zu trösten oder sie aus dunklen Gedanken zu reißen. Und Anna wollte jetzt einfach nicht an die schlimme Zeit von damals denken. Nicht jetzt, nicht morgen, nicht irgendwann.

Im Grunde ärgerte sie sich wohl am meisten über sich selbst. Über ihre Sentimentalität, wie sie es im Stillen nannte. Ihr Kollege Ruben, der in den letzten Monaten zu ihrem engsten Vertrauten geworden war, nannte es nicht Sentimentalität. Er nannte es ihr blutendes Herz.

Bei dem Gedanken an Ruben und seine manchmal unglaublich blumige Sprache musste Anna unwillkürlich lächeln. Es waren harte Zeiten, die auf dieses halbe Jahr voller trügerischen Eheglücks gefolgt waren. Anna wusste nicht, was sie nach der Trennung von Malte ohne Ruben gemacht hätte.

Endlich hatte sie die Amalienstraße erreicht. Der ihr inzwischen so vertraute Anblick der Restaurants und Cafés und der vielen gut gelaunten Menschen, die sich an diesem lauen Frühlingsnachmittag hier tummelten, ließ ihr Herz wie immer höherschlagen.

Sie liebte Schwabing. Dieser Teil von München hatte einfach ein ganz besonderes Flair! Und sie liebte ihren Job als Managerin eines der angesagtesten Restaurants des Viertels – vielleicht sogar ganz Münchens. Als Anna ihren Wagen in die Tiefgarage steuerte, war sie in Gedanken schon wieder bei ihrem Job – der war einfach die beste Ablenkung, die es für sie gab.

***

»Hi, Anna«, rief eine der Kellnerinnen, die dabei war, den stilvoll gedeckten Tischen den letzten Schliff für das abendliche Diner zu geben.

»Hi, Susi!«, begrüßte Anna sie, »super, dass ihr schon mit der Deko angefangen habt!«

Susi strahlte sie an. »Du hast heute irgendetwas mit deinen Haaren gemacht«, sagte sie. »Sind definitiv anders. Auch wenn ich nicht genau sagen kann, was es ist.« Sie sah Anna bewundernd an. »Sieht jedenfalls toll aus!«

Anna stöhnte gequält. »Na, ich bin froh, dass es wenigstens gut aussieht! Ich wollte mal was anderes probieren. Hat mich leider fast in den Genuss eines Strafzettels wegen zu schnellem Fahren gebracht.«

Anna eilte in ihr Büro und blieb kurz vor dem Spiegel stehen, um ihre blonde Hochsteckfrisur und ihr Make-up zu überprüfen. Sie sah gut aus, fand sie. Ein bisschen müde vielleicht, aber eigentlich war alles perfekt. Und gleichzeitig ...

Der Gedanke an Susis frische und lebendige Ausstrahlung ließ Anna nicht los. Wie die meisten Kellnerinnen und Kellner des Silver Linings war Susan blutjung. Anna schätzte sie auf höchstens zweiundzwanzig. Susis zarte Haut und ihre strahlenden runden Augen wirkten auf Anna manchmal so, als hätte das Mädchen sein ganzes bisheriges Leben in rosa Wolken verbracht.

Anna schalt sich insgeheim für diesen Gedanken, sie war sich sicher, dass auch Susi schon ihren Teil an Liebesschmerz und Kummer erlebt hatte.

Doch heute war einfach einer der Tage, an denen Anna sich neben der jungen Kellnerin wie eine alte Frau vorkam. Wie eine Frau, deren Leben vorbei war. Dabei war sie gerade erst sechsunddreißig geworden. Anna seufzte. Wie so oft schon, nahm sie sich vor, nie mehr an der Pienzenauerstraße vorbeizufahren. Es tat ihr einfach nicht gut.

Sie schnappte sich alles, was sie für die Getränkebestellung brauchte und nahm die Papiere und ihren Laptop mit nach vorn. Gedankenverloren machte sie sich einen Espresso, um sich dann an einen der kleinen Tische in der Nähe der Theke zu setzen. Zu dieser Zeit war der Innenraum des Silver Linings fast leer. Es war die Zeit nach den üblichen Kaffeegästen und vor Beginn des berühmt-berüchtigten Diners.

An einem der großen Fenster saß wie fast jeden Tag in den letzten vier Wochen ein etwa vierzigjähriger, dunkelhaariger Mann, der konzentriert an seinem Laptop arbeitete und nur ab und zu den Blick nach draußen schweifen ließ. Anna überlegte kurz, ob sie ihn begrüßen sollte. Sie mochte die kurzen unverbindlichen Gespräche, die sich zwischen ihr und dem neuen Stammgast aus Amerika etabliert hatten. Aber er sah so konzentriert aus ... Außerdem musste sie jetzt dringend diese blöde Getränkebestellung machen. In den letzten Tagen war so viel Personal wegen Krankheit ausgefallen, dass Anna es einfach noch nicht geschafft hatte. Dabei hasste sie es, mit irgendetwas knapp dran zu sein.

Ihr Perfektionismus schlug sogar noch die hohen Ansprüche von Maurice, dem Besitzer des Restaurants. Der wusste genau, dass seine Gäste ihm nicht einfach davonlaufen würden, wenn sie mal nicht den Wein bekamen, den sie wollten. Dafür waren die Reservierungen für das Diner viel zu schwer zu bekommen und Essen, Getränke und Service einfach zu gut. Aber für Anna war die Vorstellung, dass es irgendetwas auf der Karte nicht gab, weil sie es zu spät bestellt hatte, einfach undenkbar!

Kaum hatte sie die Excel-Tabelle mit der Getränkebestellung geöffnet, schallte eine helle Stimme durch das Restaurant: »Anna! Huhuuu!«

Anna hob den Kopf. Es war ihre beste Freundin Dany, die ihr schon von der Eingangstür des Restaurants aufgeregt zuwinkte. Dany sah umwerfend aus, wie immer. Sie trug eins ihrer selbst entworfenen Kleider, eine geschickt drapierte Wickelkonstruktion aus sattgrünem Jersey, die ihre kurvige Figur perfekt zur Geltung brachte. Die paar anwesenden Gäste hatten ihr ausnahmslos die Köpfe zugewandt. An Annas Tisch angekommen, umarmte Dany ihre Freundin stürmisch und ließ sich dann auf den Stuhl gegenüber plumpsen.

»Du bist immer so fleißig!«, sagte sie vorwurfsvoll und zeigte auf Annas Laptop. »Deine Schicht beginnt doch erst in fünf Minuten!«

Anna zuckte die Schultern.

»Okay, okay, ich lass dich schon in Ruhe«, lenkte Dany ein und schaute sich im Raum um.

Gleich darauf flüsterte sie im Verschwörerton: »Ohaaaa! Halli hallooo!«

Mit vielsagendem Blick schaute sie in Richtung des amerikanischen Stammgastes. Der schaute gerade ebenfalls zufällig in die Richtung der beiden Frauen und nickte lächelnd, als er Anna sah.

»Mr. Mystery!«, hauchte Dany in einem dramatischen Theaterflüstern.

»Er heißt David«, erwiderte Anna genervt. »Wie ich dir schon mindestens dreimal gesagt habe.«

»Ich dachte, er ist Amerikaner, wieso spricht man den Namen überhaupt so deutsch aus?«

Anna zuckte mit den Schultern.

»Keine Ahnung ... Ich glaube er hat ungarische Wurzeln oder so. Ach ja, und deutsche – deshalb ist sein Deutsch wohl auch so gut. Aber vielleicht mag er die amerikanische Aussprache auch einfach nicht. Du nennst dich doch auch Dany. Obwohl du Daniela heißt.«

Dany zog eine Grimasse, als hätte sie gerade eine Kröte verschluckt.

»Ergh«, machte sie. »Habe ich dir nicht verboten, diesen Namen jemals in den Mund zu nehmen?!«

»Ich finde, du solltest langsam lernen, zu deinem wahren Namen zu stehen«, begann Anna, ihre Freundin aufzuziehen. »Außerdem gibt es schlimmere Namen.«

Sie macht eine Pause. »Ein oder zwei ...«

Dany boxte sie spielerisch gegen die Schulter. »Du Biest!«

Anna lachte. »Was ist los? Hast du vergessen, deinen Spinat zu essen? Ich spür nichts von deinem berühmten Boxschlag! Außerdem gibt's gar keinen Grund, mich zu boxen, du weißt, dass ich den Namen Daniela wunderschön finde!«

»Ja, ja«, murmelte Dany, »schön für dich. Kannst ja alle deine Kinder so nennen.«

Anna erstarrte. Dany merkte sofort, dass sie etwas Falsches gesagt hatte.

»Ach Mist, sorry! Es tut mir leid!«, rief sie erschrocken. »Jetzt habe ich dich an diesen blöden Arsch erinnert!«

»Schon gut«, sagte Anna leise. »Ist ja auch keine Lösung, dass jetzt kein Mensch mehr von Kindern und Hochzeit reden darf, wenn ich dabei bin. Außerdem ...«, Anna strich gedankenverloren die makellose Tischdecke glatt, »es klingt jetzt vielleicht verrückt, aber ich habe in der letzten Zeit immer wieder das Gefühl, dass diese Trennung mich stärker gemacht hat. Wenn ich heute daran denke, wie sehr ich mich Maltes Vorstellungen von einem guten Leben angepasst habe, krampft sich bei mir alles zusammen. Oder wie sehr ich damit beschäftigt war, mich minderwertig zu fühlen, weil ich mein Studium hingeschmissen habe. Oder weil ich dachte, dass er meine Hüften zu breit findet ...«

Dany unterbrach sie: »Sorry, Anna, aber ich kann das gar nicht mit anhören – der Typ macht mich so wütend! Dass er dich zwei Wochen nach der Hochzeit betrügen musste, ist eigentlich nur die Spitze vom Eisberg seines Riesen-Narzissmus!«

Jetzt wurden Annas Augen doch feucht. Sie holte tief Luft. Auf keinen Fall würde sie jetzt weinen!

»Schwamm drüber!«, sagte Anna. »Lass uns über Erfreuliches reden. Beziehungsweise ... Ich muss dich, glaube ich, auf ein anderes Mal vertrösten.« Sie zeigte auf ihren Laptop. »Ich muss echt dringend diese Bestellung fertigkriegen.«

»Okay«, meinte Dany etwas widerstrebend, »wenn die Pflicht ruft ... Aber eine Sache muss ich noch kurz loswerden: Ich weiß genau, dass da draußen eine Menge schöner Mütter mit schönen Söhnen herumlaufen ... und dass manche dieser schönen Söhne sogar hier drinnen rumsitzen ...« Sie grinste breit und nickte fast unmerklich mit dem Kopf in Richtung Fenster.

Anna machte eine drohende Grimasse und formte unhörbar die Worte: »Hör! Sofort! Auf!«

Dany lachte. »Ja, ja, schon gut, ich hör auf.« Dann sah sie sich suchend um. »Wo ist Ruben?«

»Hat heute frei«, erwiderte Anna, die sich wieder ihrer Getränkebestellung zugewandt hatte. Zerstreut fügte sie hinzu: »Ich glaube, er hatte irgendeine romantische Überraschung für Nils geplant.«

»Und du? Wirst du auch irgendwann mal wieder frei machen? Also, ich meine, noch in diesem Jahr?«

Anna stöhnte und gab es auf, sich auf die Bestellung konzentrieren zu wollen. Normalerweise konnte sie so etwas mühelos nebenbei machen. Anna war eine begnadete Multi-Taskerin. Aber in der letzten Zeit fiel es ihr auch ohne Ablenkung schon schwer genug, sich zu konzentrieren. Sie würde die Bestellung einfach heute Nacht machen, wenn die Gäste gegangen waren und sie wirklich Ruhe hatte. Obwohl das auf jeden Fall die beste Entscheidung war, machte es Anna kribbelig, dass sie heute noch nichts geschafft hatte. Dabei war im Moment wirklich noch kein Stress angesagt – der würde nachher noch früh genug losgehen. Und ihre Millionen Überstunden würde sie wahrscheinlich auch in diesem Leben nicht mehr abgebummelt kriegen. Sie ging zur Kaffeemaschine und begann, sich noch einen Espresso zu machen.

»Willst du auch einen Kaffee?«, fragte sie Dany.

»Ja, gern. Am liebsten einen Verlängerten mit Milch. Aber danach ... steht mir der Sinn nach etwas anderem.« Sie strahlte Anna an. »Etwas mit Blubber ... Aber keine Limo!«

»Cremant?! Um fünf Uhr nachmittags?«

»Anna!«, rief Dany. »Du müsstest dich mal hören! Du klingst wie meine Mutter!«

Anna strich sich über die Stirn. Dany hatte recht. Es kam Anna vor wie eine Ewigkeit, dass sie und Dany lustige Nachmittage mit Sektschorlen im Englischen Garten verbracht hatten. Vielleicht sollte sie es einfach genießen, dass Dany mal wieder Zeit hatte. In den letzten Monaten hatte ihre Freundin bis über beide Ohren in den Abschlussprüfungen für ihr Modedesign-Studium gesteckt.

Anna merkte plötzlich, dass sie die gemeinsamen langen Gespräche ganz schön vermisst hatte. Außerdem war ihr vollkommen klar, dass auch sie selbst dringend mal wieder etwas kürzertreten sollte. Sie arbeitete jetzt seit zehn Tagen ohne einen freien Tag. Kein Wunder, dass sie so unglaublich erschöpft war. Irgendwann würde auch der fünfte Espresso nicht mehr wirklich helfen. Sie nahm eine Tüte Milch aus dem Kühlschrank und versuchte, die Schrift zu entziffern. Sie hielt Dany die Tüte hin. »Ist das die fettarme?«

»Ja, klar. Willst du mich veräppeln? Oder bist du plötzlich weitsichtig geworden?«

Anna beschloss, schnell das Thema zu wechseln. Sie hatte keine Lust, sich jetzt noch eine Standpauke anzuhören, dass sie mal zur Augenärztin gehen sollte. Ein Arztbesuch war wirklich das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte. Dabei fand sie es selbst merkwürdig, wie ihre Augen manchmal einfach für Minuten zu streiken schienen. Merkwürdig und teilweise ziemlich unpraktisch.

»Passt schon«, sagte sie lässig und setzte sich wieder zu Dany. »Aber jetzt erzähl du mal! Man hat es dir ja schon angesehen, als du zur Tür hereingeschneit bist. Irgendetwas ist los. Also, was gibt's zu feiern?«

»Rate mal, wer angerufen hat?«, fragte Dany, um dann direkt mit der Antwort herauszuplatzen. »Diese Rita! Du weißt schon, von der ich dir erzählt hab.«

»Was?!«, rief Anna ungläubig. »Die hat dich angerufen? Und das erzählst du mir jetzt erst?«

Rita Mowinger war die Gründerin eines jungen Hamburger Modelabels, das im letzten Jahr von Presse und Kundschaft gleichermaßen abgefeiert worden war. Anna erinnerte sich noch ganz genau, wie Dany sie übersprudelnd vor Aufregung angerufen hatte und erzählt hatte, dass diese Frau bei den Abschlusspräsentationen von Danys Studiengang vorbeigeschneit war. Und dass Dany sich sogar kurz mit ihr unterhalten hatte. Dany war schon auf diese Tatsache unheimlich stolz gewesen – sie liebte dieses Label über alles, und ihr größter Kummer war, dass deren Kollektion bei der Konfektionsgröße 42 aufhörte.

Danys Gesicht glühte jetzt richtig vor Aufregung.

»Ich wollte mir die Nachricht halt ein bisschen aufsparen, weil ...«

Anna unterbrach sie: »Aber was wollte sie denn? Jetzt erzähl endlich! Das ist ja unerträglich, dass du mich hier so auf die Folter spannst!«

Dany holte tief Luft. »Sie hat mir einen Job angeboten!« Sie hatte jetzt Tränen in den Augen. »Und mehr als das ... Anna, die wollen jetzt Curvy Fashion machen – mit meinen Entwürfen!«

Anna war sprachlos.

»Wow«, sagte sie dann langsam. »Dany, du bist einfach ne Wucht! Gott, ich bin so stolz auf dich!« Sie stand auf und umarmte ihre beste Freundin so fest sie nur konnte. Als die beiden sich wieder voneinander lösten, standen auch Anna Tränen in den Augen. Dann sagte sie entschlossen: »Das mit dem Cremant kannst du übrigens vergessen!« Sie verschwand hinter die Theke, bückte sich und machte sich an einem der Kühlschränke zu schaffen. Dann tauchte sie mit strahlendem Gesicht wieder auf und präsentierte Dany eine bauchige, dunkelgrüne Flasche mit einem dezenten, aber unverkennbaren Label. »Heute gibt es Champagner!«

***