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Die neunzehnjährigen Freundinnen Greta und Jaya genießen den Sommer nach dem Abi in vollen Zügen. Fast jeden Tag verbringen sie im Freibad, am Weiher oder auf langen Radtouren durch die Natur.
Eines Tages tritt die leicht beschwipste Greta barfuß in Glasscherben und zieht sich eine schwere Schnittwunde am Fuß zu. Doch sie ist hart im Nehmen - und auch ziemlich sorglos. Sie kümmert sich nicht richtig um die Wunde, die sich schließlich infiziert. Die Appelle ihrer Freundin Jaya, sich doch endlich ärztlich Hilfe zu suchen, ignoriert sie.
Nach wenigen Tagen ist die Region um die Wunde geschwollen und heiß, und ein roter Streifen beginnt, sich an Gretas Bein hochzuziehen - doch Greta denkt noch immer, dass es schon von allein besser werden wird. Aber die Schwellung am Fuß wird immer schlimmer, und sie bekommt Fieber und fühlt sich zwischendurch merkwürdig verwirrt. Als Greta vollkommen geschwächt mit dem Rad wieder zum Weiher fährt, wird ihr aufgrund eines rasanten Blutdruckabfalls plötzlich schummrig. Sie fährt mit dem Rad einen unkontrollierten Schlenker - und verursacht einen schweren Verkehrsunfall ...
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Seitenzahl: 128
Veröffentlichungsjahr: 2022
Cover
Leichter Sommer – schwere Schuld
Vorschau
Impressum
Leichter Sommer– schwere Schuld
Gretas unverantwortliches Handeln wird ihr zum Verhängnis
Die neunzehnjährigen Freundinnen Greta und Jaya genießen den Sommer nach dem Abi in vollen Zügen. Fast jeden Tag verbringen sie im Freibad, am Weiher oder auf langen Radtouren durch die Natur.
Eines Tages tritt die leicht beschwipste Greta barfuß in Glasscherben und zieht sich eine schwere Schnittwunde am Fuß zu. Doch sie ist hart im Nehmen – und auch ziemlich sorglos. Sie kümmert sich nicht richtig um die Wunde, die sich schließlich infiziert. Die Appelle ihrer Freundin Jaya, sich doch endlich ärztlich Hilfe zu suchen, ignoriert sie.
Nach wenigen Tagen ist die Region um die Wunde geschwollen und heiß, und ein roter Streifen beginnt, sich an Gretas Bein hochzuziehen – doch Greta denkt noch immer, dass es schon von allein besser werden wird. Aber die Schwellung am Fuß wird immer schlimmer, und sie bekommt Fieber und fühlt sich zwischendurch merkwürdig verwirrt. Als Greta vollkommen geschwächt mit dem Rad wieder zum Weiher fährt, wird ihr aufgrund eines rasanten Blutdruckabfalls plötzlich schummrig. Sie fährt mit dem Rad einen unkontrollierten Schlenker – und verursacht einen schweren Verkehrsunfall ...
Der Weg, den Greta und Jaya gewählt hatten, hatte es in sich. Es war nicht mehr als ein schmaler Trampelpfad, der links und rechts von hohem Gras, Sträuchern und manchmal auch Brennnesseln gesäumt war. Um sie herum wechselten sich Auwälder und feuchte Wiesen ab, und immer mal wieder hörte man durch die Bäume den Fluss rauschen. Stellenweise war der Boden extrem uneben und steinig, und oft war er aufgeweicht und matschig. Die Hinterreifen ihrer Mountainbikes schleuderten den Schlamm nur so durch die Gegend, und Greta sah, dass die langen, braunen Beine der vor ihr fahrenden Jaya gesprenkelt waren mit hellen Lehmflecken. Greta nahm an, dass ihre eigenen Beine von hinten genauso aussahen. Ihr war unglaublich heiß, und ihre Haut hatte schon so manche Brennnessel zu spüren bekommen – aber sie war so glücklich wie schon lange nicht mehr.
Die Wildnis um sie herum war märchenhaft, und Greta genoss es über alle Maßen, dass sie auf diesem schwierigen Weg ihre ganz Kraft und Geschicklichkeit einsetzen musste. Sie spürte ihre starken Muskeln, sie spürte das wilde Leben in ihr, sie fühlte sich so verbunden mit ihrer Umgebung! Wie hatte sie die letzten Monate nur ausgehalten? Sie hätte laut jubeln können bei dem Gedanken, dass das alles endlich vorbei war!
»Jaya!«, rief sie. »Weißt du eigentlich, dass wir endlich frei sind? Nie wieder Schule, nie wieder lernen, nie wieder diese öde Langeweile!«
Jaya schnaubte. »Ich weiß nur, dass mir schrecklich heiß ist. Und dass ich mich in die nächste Schlammpfütze lege, wenn wir nicht bald an eine Badestelle kommen!«
»Musst du nicht! Hier sind überall Badestellen.«
Jaya hielt abrupt an, und Greta wäre fast in sie hineingefahren.
»Ist das dein Ernst? Warum sagst du mir das jetzt erst?« Jaya schaute sich skeptisch um. »Und wo bitte sollen die ganzen Badestellen sein? Wir haben die Isar bestimmt seit einer halben Stunde nicht mehr gesehen.«
»Ich dachte, du wärst schon mal hier gewesen!« Greta nahm ihr Wasserflasche aus ihrer Halterung und trank gierig.
»Ja, bin ich auch. Vor ungefähr hundert Jahren.«
Greta lachte. »Ach so, na dann ... Hier gehen halt immer wieder kleine Wege ab, die zum Isarufer führen. Wir können einfach den nächsten ausprobieren. Wenn wir Glück haben ... Warte mal.« Sie nahm ihr Handy und rief ihren Standort über ihre Navigations-App auf. »Ja, sieht gut aus! Wir müssten jetzt an einer Stelle sein, wo der Fluss ein paar Seitenarme hat.«
»Egal«, stöhnte Jaya, »Hauptsache, ich kann ins Wasser!«
***
Wenige Minuten später standen sie mit ihren Rädern am Ufer. Vor ihnen zeigte sich die Isar von ihrer schönsten Seite. Der ruhige, breite Fluss glitzerte in der Sonne, und die Wasseroberfläche war überall von hellen, teils mit jungen Weiden bewachsenen Kiesbänken unterbrochen. Direkt vor den jungen Frauen mündete ein schmaler Seitenarm in den Fluss, und irgendwie hatte die Strömung hier mithilfe einiger großer Felsbrocken ein paar Untiefen in dem sonst selten mehr als einen Meter tiefen Wasser geschaffen.
»Yeah!«, rief Greta triumphierend. »Das ist die perfekte Badestelle! Nicht so flach, dass man beim Schwimmen die ganze Zeit halb über die Steine schrappt. Hier haben wir einen richtigen kleinen Pool – ganz allein für uns. Und bei der Strömung kannst du sogar auf der Stelle schwimmen, wenn du willst!«
Jaya war längst dabei, sich auszuziehen, und auch Greta beschloss, keine Zeit zu verlieren. Kurz darauf plantschten die beiden kreischend und lachend in dem eiskalten Flusswasser herum. Wenn sie nicht zu viel Kraft aufwandten, konnten sie tatsächlich auf der Stelle schwimmen. Die Strömung war zwar unruhig und stellenweise etwas unberechenbar, aber sie waren beide gute Schwimmerinnen. Im letzten Jahr hatten sie es sich zur Gewohnheit gemacht, drei Mal die Woche direkt nach der Schule im Schwimmbad ihre Bahnen zu ziehen.
Irgendwann wurde es ihnen doch zu kalt. Noch im Bikini nahmen sie ihre Rücksäcke und suchten sich vorsichtig einen Weg zu einer einige Meter vom Ufer entfernten Kiesbank. Dabei mussten sie teilweise durch hüfttiefes Wasser waten. Doch es lohnte sich! Auf ihrer kleinen Insel waren sie völlig ungestört, und es fühlte sich an, als wären sie komplett vom Rest der Welt abgeschirmt.
Sie rollten ihre Isomatten aus und ließen sich erschöpft und zufrieden darauf sinken. Lange lagen die beiden still da und genossen den Frieden. Greta seufzte leise. Die warme Sonne trocknete ihre Haut, und das Rauschen des Flusses machte sie angenehm schläfrig. In diesem Moment hätte sie mit keinem Menschen der Welt tauschen wollen. Vor ihr lag ein endloser, wunderbarer Sommer voller Sonne, Freiheit – und Abenteuer.
»Hast du Lust auf einen kleinen Persönlichkeitstest?«
Greta schreckte auf. Sie musste für einen Moment eingeschlafen sein. Ein Traumfetzen hing noch in der Luft ... Greta setzte sich benommen auf.
Jaya legte ein langweilig aussehendes Buch zur Seite und schaute sie mit schiefgelegtem Kopf an. »Na?«
Jetzt sah Greta erst, was für ein Buch Jaya dabei hatte.
»Du hast dir den Der Medizinertest mitgenommen? Jaya, das ist nicht dein Ernst, oder?«
»Ich dachte, ich guck mal kurz rein«, verteidigte sich Jaya. »Du weißt doch, dass ich in den nächsten Wochen auch ein bisschen lernen muss. Aber ich glaube, heute werde ich mir tatsächlich mal einen freien Tag gönnen. Mein Kopf funktioniert gerade nicht wirklich für so ernste Sachen. Also, bist du bereit? Ich hab mir was ausgedacht. So einen kleinen Test, wie es den immer in den Frauenzeitschriften gibt. Und am Ende sage ich dir, was für ein Typ du bist.«
»Und worum soll's da gehen?«
Jaya zuckte mit den Schultern. »Weiß nicht, alles Mögliche ... Eher so allgemein. Na, komm schon. Wird lustig!«
»Gut, schieß los. Aber danach bist du dran!«
»Okay. Also, erste Frage: Was wirst du vermissen? Aus der Schule.«
»Nichts!«, antwortete Greta wie aus der Pistole geschossen.
Dann wandte sie ein: »Aber so geht das doch nicht. Diese Tests sind immer zum Ankreuzen. Du musst mir schon ein paar Antworten vorgeben.«
»Stimmt, du hast recht. Okay, also nochmal: Was wirst du vermissen? A: Nichts? B: Das Mittagessen? C: Den Blick auf den Rücken von ... du weißt schon wem. In Biologie?«
Greta stöhnte. »Also B ganz sicher nicht! Aber der Rest ist echt schwer! Also, Biounterricht und hinter Sven sitzen? Allein, wenn ich an diesen Nacken denke ... Und an die muskulösen Oberarme ... Ist dir schon mal aufgefallen, dass manche Menschen von hinten attraktiver sind als von vorn?«
Jaya kicherte. »Klingt nicht gerade schmeichelhaft für den armen Sven. Wobei ich ihn auch von vorne ziemlich attraktiv finde.«
»Oh ja!« Greta verdrehte übertrieben schmachtend die Augen. Doch dann schüttelte sie energisch den Kopf. »Die Antwort ist A! Ich werde nichts vermissen. Der Anblick von Svens sexy Rücken ist mir ehrlich gesagt ziemlich verdorben worden von der Tatsache, dass er jetzt mit dieser öden Streberin Mareike zusammen ist. Spricht einfach nicht für seinen Charakter. Und Schönheit ist nicht alles!«
Jaya schwieg für einen Moment.
Dann fragte sie leise: »Findest du eigentlich, dass ich auch eine Streberin bin?«
Greta starrte sie entgeistert an. »Was? Nein! Wieso fragst du ...? Meinst du, weil du einen glatten Einserdurchschnitt im Abi hast?«
Jaya starrte auf ihre Hände und nickte. »Ja, und ... weil ich so viel lerne.«
»Jaya«, sagte Greta streng, »erstens bist du einfach genial. Du bist mit Abstand der intelligenteste Mensch, den ich kenne! Und zweitens ... Deine ewige Lernerei kann zwar wahnsinnig nerven ... Aber nur, weil ich egoistisch bin. Wenn es nach mir ginge, hättest du einfach immer Zeit, mit mir abzuhängen! Und du würdest auf einer Party auch mal länger als bis ein Uhr bleiben. Aber ich weiß ja, dass du das alles für deinen Traum machst! Und wenn man Ärztin werden will, kommt man um das Lernen wahrscheinlich nicht herum!«
»Ehrlich gesagt, macht mir das Lernen aber auch Spaß!« Jaya klang fast ein bisschen schuldbewusst,
»Ja, ich weiß!« Greta riss in gespieltem Horror die Augen auf. »Und ich muss sagen: Das ist echt ein bisschen gruselig! Manchmal frage ich mich ja, ob du wirklich ein Mensch bist oder eine Künstliche Intelligenz in einem perfekten Menschenkörper!«
Jay lachte und schmiss ihr Handtuch nach Greta. »Find's doch raus!«
»Nee, passt schon. Ich mag dich auch, wenn du ein Cyborg bist! Aber deine als Psychotest getarnte Ausfragerei mache ich nicht mehr mit. Ich muss jetzt dringend noch mal schwimmen. Die Stelle hier ist einfach zu perfekt, um lange faul rumzuliegen!« Sie stand auf und zog ihre Wasserschuhe an. »Kommst du mit? Oder müssen deine Elektroden noch trocknen?«
***
Benedikt Lieschke gab auf. Er würde heute doch nichts Brauchbares mehr zustande bringen. In seinem Kopf war nur dumpfe Leere, und sein restlicher Körper fühlte sich an, als hätte jemand den Stecker gezogen. Er klappte sein Laptop zu und schaltete die beiden großen Bildschirme aus. Vor ihm an der Wand hingen die ersten Entwürfe für das neue Schulgebäude, dass sein kleines Architekturbüro im kommenden Jahr in Wolfratshausen bauen sollte. Für einen Moment lehnte er sich in seinem Schreibtischstuhl zurück und betrachtete die Entwürfe. Sie waren gut – wirklich gut. Das musste er sogar in seinem jetzigen Zustand zugeben.
Er hatte bei der Konzeption ein deutliches Bild davon gehabt, wie diese Schule aussehen sollte. Eher ein kleines Dorf als ein einziges großes Gebäude. Mit Rückzugsorten für ungestörtes Lernen und für praktische Projekte – aber auch für Schüler und Schülerinnen, die am Nachmittag einfach ihr Ding machen wollten. Auch ein Ort der Begegnung sollte es sein. Und vor allem: Ein Ort der Natur. Die Entwürfe waren in enger Zusammenarbeit mit einer jungen Freiraumplanerin entstanden. Es sollte richtige kleine Landschaften zwischen den Gebäuden geben. Eine Streuobstwiese, breite Streifen mit artenreichem Trockenrasen hinter jedem Gebäude, begrünte Dächer ... Als Zufluchtsorte für Tiere waren mehrere Stellen mit dichten Sträuchern und wilden Rankpflanzen geplant. Und dann gab es natürlich die Gemüse- und Experimentiergärten, in denen die Kinder und Jugendlichen sich praktisches Wissen zu Biologie und Ernährungskunde aneignen konnten.
Benedikt seufzte, stand auf und zog sich seine Jacke an. Mit einem letzten Blick auf die Pläne verließ er das Büro und machte sich auf den Weg zum Treppenhaus. Es waren sehr innovative, fast schon gewagte Entwürfe gewesen, die er damals bei der öffentlichen Ausschreibung eingereicht hatte. Als sein kleines Architekturbüro dann den Auftrag bekommen hatte, war er überglücklich und stolz gewesen. Damals ... als Maria noch nicht gegangen war ... War das wirklich erst eineinhalb Jahre her?
Benedikt war vor wenigen Wochen fünfundfünfzig geworden – doch an Tagen wie diesen fühlte er sich wie siebzig. Es war, als würde seit einem Jahr die Lebensenergie aus ihm herausrinnen – langsam, stetig und unaufhaltsam. Er war so müde, so erschöpft. Das Einzige, was ihm manchmal das Gefühl gab, am Leben zu sein, war seine Trauer über die Trennung. Der Schmerz, der einfach nicht weniger wurde ... Die Selbstvorwürfe ... Wie sollte er in diesem Zustand arbeiten können?
Es kam ihm vor, als hätte ein Fremder diese Entwürfe gezeichnet. Und er hatte keine Ahnung, wie er es schaffen sollte, dieses Projekt durchzuziehen. Doch in diesem Moment war er zu erschöpft, um sich auch nur die üblichen Sorgen machen zu können. Er musste jetzt einfach nur nach Hause, musste sich hinlegen, musste irgendwie abschalten und vergessen. Es war, als wäre sein gesamter Körper von einer bodenlosen Sehnsucht nach Schlaf erfasst.
Als er eine halbe Stunde später die große Altbauwohnung in Pullach betrat, war niemand zu Hause. Greta war sicher wieder mit ihren Freunden auf Tour. In der letzten Zeit sahen Vater und Tochter sich immer seltener. Gretas Spuren vom Frühstück waren dagegen in der ganzen Küche sichtbar. Es sah aus, als hätte sie sich Omelett gemacht. Die schmutzige Arbeitsfläche war übersäht mit Eierschalen und Zwiebelresten, und wie so oft hatte Greta nicht daran gedacht, die Milch wieder in den Kühlschrank zu stellen. Benedikt war ihr nicht böse – sie war jung und hatte wahrscheinlich eine Menge Zeug im Kopf. Er entschied sich, trotz seiner Erschöpfung zuerst die Küche aufzuräumen und sich dann – endlich – hinzulegen. Wenn er es jetzt nicht machte, würde es ihn später nur umso mehr anstrengen, dass er es noch vor sich hatte.
Während er langsam den Tisch und die Arbeitsfläche säuberte, wanderten seine Gedanken zu seiner geschiedenen Ehe. Maria hatte so oft geklagt, dass sie das Gefühl hatte, unter der ganzen Verantwortung für die Familie zusammenzubrechen. Dass sie manchmal das Gefühl hatte, nicht mehr atmen zu können, dass sie kaum noch wusste, wer sie war – und dass das auch egal zu sein schien. Was zählte, war, wie gut sie ihre Rolle als Mutter, als Partnerin und im Beruf erfüllte. Nur dass sie auch da nirgends genug war.
Greta war immer ein Kind gewesen, dass viel von seinen Eltern forderte – von Anfang an. Als Baby war sie ein sogenanntes »Schreikind« gewesen, und Benedikt und Maria war erst Jahre später – bei ihrem ersten gescheiterten Versuch mit einer Paartherapie – klar geworden, dass Maria in Gretas erstem Lebensjahr wahrscheinlich durchgehend depressiv gewesen war. Eine Wochenbettdepression, die nahtlos übergegangen war in eine Depression mit ganz konkrete Ursachen – Überforderung, Erschöpfung, Einsamkeit ... Ja, Maria musste unglaublich einsam gewesen sein in dieser Zeit. Den ganzen Tag mehr oder weniger allein mit einem weinenden Baby ... Und er ... Er war damit beschäftigt gewesen, sein Architekturbüro aufzuziehen. Weil er gut für seine Familie hatte sorgen wollte.
Zumindest hatte er das damals gedacht. Jetzt wusste er, dass es ihm auch um ganz andere Dinge gegangen war. Es war um sein Ego gegangen, um seinen Hunger nach Erfolg – und nicht zuletzt um den Wunsch, der deprimierenden Atmosphäre zu Hause zu entfliehen. Marias Leben war zwar langsam besser geworden, je selbstständiger Greta wurde, aber wirklich verstanden hatte Benedikt ihr Dilemma nie. Und statt es zu versuchen, statt sie zu unterstützen und zu entlasten, statt ihr die Wertschätzung zu geben, die sie verdient hatte, hatte er noch mehr Druck gemacht. Hatte er sie wieder und wieder verletzt, indem er sie einfach nicht gesehen hatte.
Plötzlich überkam Benedikt wieder die dunkle Trauer über sein verpfuschtes Leben. Er musste alles stehen und liegen lassen und sich setzen. Er hatte die Liebe seines Lebens verloren. Und der einzige Mensch, der dafür die Verantwortung trug, war er selbst. Er stützte den Kopf in die Hände, doch die erwarteten Tränen kamen nicht. Da war nur noch das Gefühl von Leere und Sinnlosigkeit – und immer dieser unbändige Wunsch zu schlafen. Als er aufstand, fiel sein Blick auf den Stapel mit Zeitungen und ungeöffneten Briefen, der am Rand des Tisches lag und stetig größer wurde.
Ganz oben lag ein Zettel mit Gretas krakeliger Handschrift:
