Dr. Stefan Frank 2656 - Stefan Frank - E-Book

Dr. Stefan Frank 2656 E-Book

Stefan Frank

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Beschreibung

Die Seniorin Irmi Stöckl teilt sich in der Waldner-Klinik ein Zimmer mit der Krebskranken und Drogenabhängigen Marie Unger. Am Abend nach ihrer Hüftoperation lässt der Vollmond, der direkt auf ihr Bett scheint, sie nicht schlafen. Sie nimmt Maries Angebot, die Betten zu tauschen, gern an.
Wenige Meter weiter im Ärztezimmer sitzt derweil die junge Assistenzärztin Lisa. Der Nachtdienst zehrt an ihr. Sie lernt in jeder freien Minute für ihren Facharzt.
Da ruft Irmi sie wegen starker Schmerzen an ihr Bett. Nach Rücksprache mit dem behandelnden Chirurgen, Dr. Graupner, injiziert Lisa ihr ein Schmerzmittel.
Wenig später erleidet ihre Patientin eine Herzattacke. Ihr Atem setzt aus. Allen Bemühungen zum Trotz, fällt sie ins Koma. Es steht nicht gut um sie.
Wie sich später herausstellt, hat Irmi das falsche Medikament erhalten: kein Schmerzmittel, sondern Methadon, das eigentlich für ihre Bettnachbarin gedacht war.
Lisa versteht die Welt nicht mehr. Sie ist sich sicher, das richtige Mittel gegeben zu haben, aber alles deutet darauf hin, dass sie sich getäuscht hat. Wie konnte ihr nur so ein schwerer Fehler unterlaufen?


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Seitenzahl: 128

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Cover

Verhängnisvolle Nachtschicht

Vorschau

Impressum

Verhängnisvolle Nachtschicht

Was geschah nachts um halb drei in der Waldner-Klinik?

Die Seniorin Irmi Stöckl teilt sich in der Waldner-Klinik ein Zimmer mit der Krebskranken und Drogenabhängigen Marie Unger. Am Abend nach ihrer Hüftoperation lässt der Vollmond, der direkt auf ihr Bett scheint, sie nicht schlafen. Sie nimmt Maries Angebot, die Betten zu tauschen, gern an.

Wenige Meter weiter im Ärztezimmer sitzt derweil die junge Assistenzärztin Lisa. Der Nachtdienst zehrt an ihr. Sie lernt in jeder freien Minute für ihren Facharzt.

Da ruft Irmi sie wegen starker Schmerzen an ihr Bett. Nach Rücksprache mit dem behandelnden Chirurgen, Dr. Graupner, injiziert Lisa ihr ein Schmerzmittel.

Wenig später erleidet ihre Patientin eine Herzattacke. Ihr Atem setzt aus. Allen Bemühungen zum Trotz, fällt sie ins Koma. Es steht nicht gut um sie.

Wie sich herausstellt, hat Irmi das falsche Medikament erhalten: kein Schmerzmittel, sondern Methadon, das eigentlich für ihre Bettnachbarin gedacht war.

Lisa versteht die Welt nicht mehr. Sie ist sich sicher, das richtige Mittel gegeben zu haben, aber alles deutet darauf hin, dass sie sich getäuscht hat. Wie konnte ihr nur so ein schwerer Fehler unterlaufen?

»Hallo? Bitte, ich brauche Hilfe! Bitte!«

Völlig aufgelöst taumelte eine Frau in die Notaufnahme. Ihre blonden Haare klebten feucht an ihrem Kopf, und ihre Augen waren weit aufgerissen. Sie konnte nicht älter als Mitte dreißig sein und keuchte, als wäre sie einen Zweihundert-Meter-Lauf gerannt.

Lisa kam gerade mit einem Klemmbrett auf dem Labor. Auf dem obersten Blatt hatte sie Details zur Blutbildauswertung bei Mukoviszidose-Patienten notiert. Sie war noch in ihrer Facharztausbildung und stolz, zum Team um Dr. Waldner zu gehören. Die Klinik am Englischen Garten genoss einen ausgezeichneten Ruf. Hier konnte sie eine Menge lernen – und das musste sie auch, um mitzuhalten.

»Was ist denn passiert?« Alarmiert trat sie vor die Patientin hin.

Diese bedachte sie mit einem nervösen Blick. »Sind Sie Ärztin?«

»Das bin ich. Mein Name ist Lisa Wechselberger.«

»Lydia ... Lydia Eckstein. Ich war gerade unter der Dusche, als ich bemerkte ...« Sie stockte und blickte sich unsicher um. Im Warteraum saßen ein Dutzend weiterer Patienten. Niemand schaute zu ihnen herüber, trotzdem senkte sie die Stimme. »Ich blute!« Sie blickte an sich hinunter. Auf ihren Busen.

»Ich verstehe. Geben Sie Schwester Irena bitte Ihre Versicherungskarte und folgen Sie mir.« Sie blickte sich nach der Schwester an der Aufnahme um. »Irena, welches Untersuchungszimmer ist gerade frei?«

»Die drei.«

»Dann gehen wir dorthin.« Lisa führte ihre Patientin sie in den Raum und schloss die Tür hinter ihnen. Als sie sich umwandte, blickte sie in Augen voller Furcht.

»Ich habe solche Angst. Meine Oma ist vor acht Jahren an Brustkrebs gestorben. Bei ihr hat es auch mit Blutungen begonnen. Sie hat jahrelang gelitten. Ich musste zusehen, wie sie immer weniger wurde. Wenn mir das nun auch bevorsteht ... Ich weiß nicht, ob ich so stark bin und das aushalte.«

»Eine Blutung ist immer beunruhigend, aber es muss kein Krebs sein. Ich verspreche Ihnen, wir werden ergründen, was Ihnen fehlt und wie wir Ihnen am besten helfen können.« Lisa zog sich einen Hocker heran. »Haben Sie Schmerzen?«

»Nein, eigentlich nicht.«

»Wann ist Ihnen die Blutung zum ersten Mal aufgefallen?«

»Das ist noch keine halbe Stunde her. Ich wohne gleich um die Ecke. Eigentlich wollte ich zu einem Treffen mit Freundinnen gehen, aber dann habe ich das Blut entdeckt. Der Schreck ist mir in alle Glieder gefahren.«

»Ist so eine Blutung schon einmal vorgekommen?«

»Nein, noch nie. Ich gehe auch regelmäßig zur Vorsorge und taste mich selbst ab. Ich weiß ja, dass mein Risiko, auch zu erkranken, besonders hoch ist.«

»Nehmen Sie regelmäßig Medikamente ein?«

»Nein, nicht mal Schmerztabletten. Ich versuche, so gesund wie möglich zu leben.«

Lisa trug das in ihr Blatt ein. Sie fragte noch einige grundlegende Informationen ab, ehe sie ihre Patientin bat, sich freizumachen, und mit der Untersuchung begann.

Frau Eckstein hatte aus der rechten Mamille geblutet. Ihr BH wies rötliche Flecken auf. Blutdruck und Körpertemperatur waren unauffällig, ihr Puls jedoch deutlich erhöht. Die Blutung konnte auf ein Mammakarzinom hindeuten, allerdings fehlte das, was Lisa die ›roten Flaggen‹ nannte: Brust-Asymmetrie, Hauteinstülpungen, Schwellungen – nichts davon war bei ihrer Patientin zu entdecken, aber beim vorsichtigen Abtasten traten bei der rechten Brust blutige Tropfen aus. Außerdem fühlte Lisa einen Knoten von etwa einem Zentimeter Durchmesser. Axilläre Lymphknoten waren keine zu ertasten.

Lisa bat ihre Patientin, sich wieder anzuziehen.

»Ich werde Sie zu einer Mammographie und zu einer radiologischen Darstellung des Milchgangs schicken. Ich habe einen Knoten gespürt. Er ist gut verschiebbar. Es könnte ein Milchgangspapillom sein. Das wissen wir aber erst, wenn wir Gewebeproben entnommen und untersucht haben.«

»Ein Milchgangspapillom?«

»Das ist eine Wucherung der Innenhaut der Milchgänge. So etwas kann zu zystenartigen Schwellungen führen. Sie sind gutartig, sollten ab einer bestimmten Größe jedoch chirurgisch entfernt werden.«

»Gutartig?« Ein leises Aufatmen war zu hören. »Wann werden wir es genau wissen?«

»Wir werden einen baldigen Termin für eine Entnahme der Probe vereinbaren. Spätestens zum Ende der Woche sollten Sie Gewissheit haben.«

»Das wird eine lange Woche.«

»Es tut mir leid, dass es nicht schneller geht.« Lisa begleitete ihre Patientin zur Aufnahme und bat Irena, Frau Eckstein einen Termin zu geben. Dann verabschiedete sie sich, wandte sich um und prallte beinahe gegen Herrn Bräuer.

Der Mittfünfziger wurde wegen einer hartnäckigen entzündlichen Darmerkrankung behandelt und spazierte gern in der Klinik umher, gekleidet in nicht viel mehr als einen engen grauen Morgenmantel und Pantoffeln.

»Sie da ...«, wandte er sich im Befehlston an Lisa. »Ich will einen Kaffee und ein Stück Kuchen. Mein Bettnachbar hat beides bekommen, ich aber nicht.«

»Weil Sie noch Diät halten müssen, Herr Bräuer.«

»Diät? Ich bekomme nichts als fade Suppen von früh bis spät. Ich will endlich etwas Handfestes.«

»Ihr Darm braucht Schonung, deshalb bekommen Sie lediglich eine Diätkost.«

»Kost ist ein großes Wort für diese dürftige Verpflegung.«

»In drei Tagen können wir mit dem Kostaufbau beginnen, aber bis dahin ...«

»Noch drei Tage? Bis dahin bin ich verhungert! Ach, was rede ich überhaupt mit einer Karbolmaus. Ich werde mir einen Arzt suchen. Der hat hoffentlich mehr Verstand und wird dafür sorgen, dass ich etwas zwischen die Zähne bekomme.«

Karbolmaus? Lisa war viel zu verblüfft für eine Erwiderung. Meinte er etwa ...

»Gibt es hier ein Problem?« Dr. Graupner trat neben sie und stemmte eine Hand in die Kitteltasche. Da er ungewöhnlich groß war, wirkte sein finsterer Blick für gewöhnlich durchaus einschüchternd. Herr Bräuer war jedoch immun gegen derlei.

»Ah, endlich ein richtiger Arzt.« Er deutete anklagend auf Lisa. »Ich habe hier schon zwei Pfund abgenommen, weil man mir nichts zu essen gibt. Diese Schwestern sind furchtbar ignorant. Bitte, sprechen Sie ein Machtwort, Herr Doktor.«

»Ich fürchte, das kann ich nicht. Frau Doktor Wechselberger ist keine Pflegerin, sondern eine unserer fähigsten Assistenzärztinnen. Außerdem bekommen Sie Diätkost, weil ich das so angeordnet habe.«

»Sie waren das?!«

»Und mit gutem Grund. Würden Sie sich weiter von Schweinshaxen und Butterkuchen ernähren, hätten Sie nämlich bald einen kleinen Zettel am großen Zeh. Ihre Darmwand ist porös wie Papier. Wenn Sie also noch eine Weile am Leben bleiben wollen, halten Sie sich an die Diät. Dann können Sie die Klinik bald wieder verlassen. Wie klingt das?«

Herrn Bräuer klappte der Mund auf.

»Also, ich muss schon sagen ...« Was das war, blieb unausgesprochen, weil er ohne ein weiteres Wort davonschlurfte.

Lisa blickte den Chirurgen an.

»Ich wollte ihm gerade erklären, warum eine Diät in seinem Zustand wichtig ist.«

»Solche Patienten begegnen einem im Beruf leider immer wieder. Was glauben Sie, warum ich Chirurg geworden bin? Für gewöhnlich schlafen meine Patienten tief und fest, wenn ich mich an die Arbeit mache. Das hat durchaus seine Vorteile.« Ein Lächeln huschte über sein Gesicht und verriet, dass er seine Worte nicht ganz ernst meinte. Als er kurz darauf mit wehendem Kittel davonstrebte, konnte Lisa nicht anders, als ihm nachzusehen.

»... Erde an Lisa. Erde an Lisa ...«

»W-was?« Sie blickte sich um und schaute geradewegs in das breite Lächeln von Schwester Irena. »Hast du etwas gesagt?«

»Habe ich, aber anscheinend ist kein Wort bei dir angekommen.«

»Entschuldige bitte. Ich war abgelenkt.«

»Und ich weiß auch, von wem.« Irena blickte vielsagend in die Richtung, in die Dr. Graupner verschwunden war. »Du schwärmst für unseren neuen Chirurgen.«

»Das mache ich bestimmt nicht.«

»Und warum sabberst du dann?«

»Ich sabbere nicht ...« Lisa fasste sich an den Mund und hörte Irena leise lachen.

»Also gut, du hast mich erwischt. Ich finde ihn wirklich attraktiv. Welche Frau würde das nicht? Ich meine, wie groß ist er? Eins neunzig?«

»Eins dreiundneunzig, würde ich sagen.«

»Dazu von der Sonne gebleichte Haare, breite Schultern und dieses verwegene Lächeln, das zu sagen scheint: Riskier's doch ... Wäre er kein Chirurg, könnte er für teure Herrenparfüms modeln.« Ein leiser Seufzer entschlüpfte ihr.

»Also, mir wäre er zu arrogant.«

»Er ist Chirurg. Da gehört eine gewisse Arroganz schon fast zu den Berufsanforderungen.«

»Außerdem hat eine Frau einen so attraktiven Mann nie für sich allein.«

»Meinst du? Ich habe ihn noch nie mit einer Frau gesehen. Nicht privat jedenfalls. Er ist auch nicht gerade bekannt für Frauengeschichten. Ich glaube, er hält sich zurück, weil ihm seine Arbeit über alles geht.«

»Du hast dir anscheinend viele Gedanken über ihn gemacht.«

»Schuldig«, bekannte Lisa. »Ich bewundere ihn wirklich. Er hat schon an etlichen renommierten Kliniken gearbeitet und viele Erfahrungen gesammelt.«

»Er scheint es nirgendwo lange auszuhalten.« Irena hob die Hände. »Schon gut, ich will ihn dir ja gar nicht madig machen. Warum fragst du ihn nicht, ob ihr zusammen zum Ärzteball geht? Vermutlich würde er dir das nicht abschlagen.«

Zum Ärzteball? Mit Christian Graupner tanzen und einen ganzen Abend mit ihm verbringen? Oh! Lisas Herz machte einen unvernünftigen Satz bei dieser Vorstellung. Doch obwohl sie sonst nicht auf den Mund gefallen war, schien es ihr undenkbar zu sein, ihn danach zu fragen.

Da kam er plötzlich wieder auf sie zu. Sein Blick streifte ihren Kittel, dann nickte er, als hätte er gefunden, was er suchte.

»Kommen Sie, ich will Ihnen etwas zeigen«, forderte er sie auf. »Ich habe eine Patientin, die Sie sich ansehen sollten. Dieses Krankheitsbild sieht man nicht häufig. Ich möchte, dass Sie eine Diagnose stellen.«

Lisa nickte Irena zu, ignorierte deren vielsagendes Wimpernklimpern und folgte Dr. Graupner bereitwillig zur Chirurgischen Station.

Im Zimmer 307 war Renate Wegener untergebracht. Die Siebenundfünfzigjährige litt an Rheuma und war am vergangenen Tag an der Hüfte operiert worden. Sie hatte ein künstliches Gelenk erhalten. Der ausführende Chirurg war nicht Dr. Graupner gewesen, sondern ein Kollege, der im ersten Jahr nach seinem Abschluss war. Nach ein paar Stunden im Aufwachraum, lag sie nun wieder in dem normalen Zimmer.

»Seit einer halben Stunde klagt Frau Wegener über Mittelbauchschmerzen und Übelkeit.« Dr. Graupner blieb neben Lisa an dem Krankenbett stehen. »Sie hat Fieber und weiß nicht, wo sie ist und welchen Tag wir haben.«

Lisa blickte in das fiebrig gerötete Gesicht der Kranken. »Wie ist ihr Blutdruck?«

»Neunzig zu fünfzig.«

»Das ist viel zu niedrig. Es könnte eine Transfusionsreaktion auf die Blutkonservengabe sein. Hat sie Fremdblut bekommen?«

»Ja, aber das hat sie vertragen. Das wurde schon getestet.« Er tippte auf seine Armbanduhr und signalisierte ihr, dass die Zeit für ihre Patienten langsam ablief.

Lisa überlegte blitzschnell.

»Die Symptome würden auch zu einem Hitzschlag passen. Allerdings sind unsere Zimmer klimatisiert und sie war seit gestern nicht draußen. Das ist es also auch nicht. Aber Sie sagten, dass sie Rheuma hat. Bekommt sie dagegen Prednisolon?«

»Ja, das trifft zu.«

»Hat sie vor der Operation zusätzliche Steroide bekommen?«

»Nein, das wurde versäumt.«

»Dann hat sie einen akuten adrenalen Schock. Eine so schwere Operation ist purer Stress. Ihr Körper wurde mit Adrenalin überschwemmt. Normalerweise würde er gegensteuern und Kortison ausschütten. Die dauernde Gabe von Prednisolon hat jedoch zu einer Nebenniereninsuffizienz geführt. Dadurch wird nicht mehr genug Kortison ausgeschüttet. Sie ist dem Adrenalin hilflos ausgeliefert.«

»Ausgezeichnet. Welche Behandlung schlagen Sie vor?«

»Die Patientin braucht ein Kortisonderivat. Bis zum Eintritt der Wirkung kann eine Stunde vergehen. So viel Zeit hat sie nicht mehr. Wir sollten zusätzlich Dopamin geben. Außerdem Natriumchlorid und Glukose. Das sollte sie stabilisieren.«

»Gut gemacht.« Dr. Graupner blickte Lisa anerkennend an. Daraufhin klopfte ihr Herz vor Freude so wild, als wollte es ihm entgegenspringen. Auch wenn Irena ihm nicht recht traute, schätzte Lisa ihn als Kollegen und, ja, auch als Mann.

Während er sie seiner Patientin nun die Infusion legen ließ, wünschte sich Lisa, sie würde den Mut finden und ihn fragen, ob er mit ihr zum Tanzen gehen wollte.

Dabei ahnte sie noch nicht, dass er tatsächlich ein Geheimnis hütete. Ein Geheimnis, das ihre Welt schon bald auf den Kopf stellen sollte ...

***

Feierabend!, dachte Lisa und strebte beschwingt ins Ärztezimmer, öffnete ihren Spind und hing ihren Kittel hinein. Schwester Irena hatte ihr gleich am ersten Tag nahegelegt, Birkenstocks für die Arbeit zu tragen. Ein Rat, der Gold wert war bei den ungezählten Malen, die sie während einer Schicht Flur auf und Flur ab lief. Sie vertauschte die Pantoletten mit weißen Bastsandalen und strich ihr zitronengelbes Sommerkleid glatt. Es reichte ihr bis zu den Knien. Der Rock wehte bei jedem Schritt luftig um sie herum.

Wenig später verließ sie die Klinik, löste das Schloss ihres Fahrrads und trat kräftig in die Pedale. Bis nach Grünwald waren es rund dreizehn Kilometer von der Klinik aus. Bei dem schönen Wetter fuhr sie die Strecke am liebsten mit dem Fahrrad. Die Zeit half ihr, nach einer langen Schicht zur Ruhe zu kommen und alle Eindrücke gedanklich zu verarbeiten. Auch jetzt genoss sie die warmen Sonnenstrahlen und den milden Wind, der ihre Haut zu streicheln schien.

Ihr Ziel war eine hübsche weiße Villa am Rand ihres Heimatortes. Umgeben von einem weitläufigen Garten und ausgestattet mit zahlreichen Türmen und Erkern wirkte sie wie ein Landschloss aus längst vergangenen Tagen.

Haus Waldblick, stand über dem Eingang zu lesen.

Die Villa war zu einer Wohnanlage für Senioren umgebaut worden. Geplant und finanziert von Rudolf Hofer, dem früheren Besitzer der Hofer-Stahlwerke. Zu seinem siebzigsten Geburtstag hatte er seine Firma verkauft und war in den Ruhestand gegangen. Ein Teil des Erlöses floss nun in das Haus Waldblick. Er hatte eine Vision verwirklich und eine Wohnanlage geschaffen, in der sich die Bewohner wie eine Familie fühlten. Sie halfen bei der Bewirtschaftung mit, und für alle, die selbst Hilfe benötigten, wurden ausreichend Pflegekräfte bezahlt. Es war genug Zeit, um auf die Bedürfnisse jedes Bewohners einzugehen.

Unmittelbar an das Grundstück grenzte der Wald. Das muntere Vogelzwitschern riss hier beinahe niemals ab. Häufig kamen Eichhörnchen bis auf die Terrasse, sehr zur Freude der Bewohner, die die possierlichen Tierchen mit Nüssen und anderen Leckerbissen verwöhnten. Auch jetzt saßen einige Frauen beisammen und beobachteten ein rotbraunes Eichhörnchen, während ein weißhaariger Mann ein Knie gesenkt hatte und das Tierchen fotografierte. Neben ihm lag ein brauner Setter und ließ keinen Blick von dem Eichhörnchen. Das war noch eine Besonderheit im Haus Waldblick: Haustiere waren hier nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht.

Lisa lehnte ihr Fahrrad an einen Baum und rief einen Gruß zu den Senioren hinüber. »Was für ein schöner Abend, nicht wahr?«

Lebhaftes Winken antwortete ihr.

Ein wenig abseits saß Frau Draxl auf einer Gartenbank. Sie hielt ihren rotgetigerten Kater auf dem Schoß und blickte ein wenig verloren über die Wiese. Sie lebte seit dem Tod ihres Mannes im Haus Waldblick und sprach nicht viel.

Lisa eilte zu ihr und zog ein Rätselheft aus ihrer Umhängetasche. »Das ist für Sie.«

»Sie haben daran gedacht. Wie lieb von Ihnen.«