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Eigentlich könnte alles wunderbar sein für Elena Berger. Die beiden Kinder sind seit Kurzem aus dem Haus, und die fast Fünfzigjährige genießt ihre plötzliche Freiheit. Die Ehestürme der jungen Jahre sind überstanden, und ihr Mann Karl und sie führen eigentlich eine ganz zufriedene Beziehung. Doch Elena hat seit etwa einem Jahr immer wieder Phasen, in denen sie extrem unter Wechseljahresbeschwerden leidet. Die körperlichen Beschwerden sind das eine, doch wirklich schlimm sind die Auswirkungen auf ihre Psyche. Depression, Wut und Angst haben teilweise eine Wucht, die Elena komplett von den Füßen haut. Das belastet ihre Beziehungen, ihr Arbeitsleben und lässt sie immer wieder ziemlich verzweifeln.
Dr. Franks ernste Ratschläge und Ermahnungen zu ihrem erhöhten Blutdruck schlägt sie in den Wind. Mit dem Rauchen müsste sie eigentlich längst aufhören, auch der Weinkonsum hat längst das gesunde Pensum überschritten. In ihrer Haltlosigkeit lässt sich Elena auf die Annäherungsversuche ihres Kollegen Alexander ein. Die beiden gehen bei einem Edel-Italiener essen. Sie beschließen, die Nacht in einem Hotel zu verbringen. Doch kurz bevor sie gemeinsam aufs Zimmer gehen wollen, hat Elena wie aus heiterem Himmel extreme Sehstörungen. Sie kann sich nicht mehr klar artikulieren, lallt, nuschelt und bricht dann ohnmächtig zusammen ...
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Seitenzahl: 130
Veröffentlichungsjahr: 2022
Cover
Psychische Achterbahnfahrt
Vorschau
Impressum
Psychische Achterbahnfahrt
Elenas Wechseljahresbeschwerden lassen sie ihr Schlaganfall-Risiko ignorieren
Eigentlich könnte alles wunderbar sein für Elena Berger. Die beiden Kinder sind seit Kurzem aus dem Haus, und die fast Fünfzigjährige genießt ihre plötzliche Freiheit. Die Ehestürme der jungen Jahre sind überstanden, und ihr Mann Karl und sie führen eigentlich eine ganz zufriedene Beziehung. Doch Elena hat seit etwa einem Jahr immer wieder Phasen, in denen sie extrem unter Wechseljahresbeschwerden leidet. Die körperlichen Beschwerden sind das eine, doch wirklich schlimm sind die Auswirkungen auf ihre Psyche. Depression, Wut und Angst haben teilweise eine Wucht, die Elena komplett von den Füßen haut. Das belastet ihre Beziehungen, ihr Arbeitsleben und lässt sie immer wieder ziemlich verzweifeln.
Dr. Franks ernste Ratschläge und Ermahnungen zu ihrem erhöhten Blutdruck schlägt sie in den Wind. Mit dem Rauchen müsste sie eigentlich längst aufhören, auch der Weinkonsum hat längst das gesunde Pensum überschritten. In ihrer Haltlosigkeit lässt sich Elena auf die Annäherungsversuche ihres Kollegen Alexander ein. Die beiden gehen bei einem Edel-Italiener essen. Sie beschließen, die Nacht in einem Hotel zu verbringen. Doch kurz bevor sie gemeinsam aufs Zimmer gehen wollen, hat Elena wie aus heiterem Himmel extreme Sehstörungen. Sie kann sich nicht mehr klar artikulieren, lallt, nuschelt und bricht dann ohnmächtig zusammen ...
»Nein, Polly, ich habe jetzt keine Zeit, mal eben deine Hausarbeit Korrektur zu lesen! Wenn das wirklich so schnell ginge, wie du dir das vorstellst, könntest du es auch einfach selbst machen, oder? Da musst du dieses Mal einen deiner Freunde fragen.«
Elena Berger klemmte sich ihr Handy ans Ohr, zog mit der einen Hand die Eingangstür ihres Hauses fest heran und schloss mit der anderen auf. Sie liebte das alte Bauernhaus, das ihr Mann Karl und sie jetzt schon seit über fünfundzwanzig Jahren bewohnten. Aber die störrische, alte Tür ging ihr auf die Nerven. Elena sah schon den Tag vor sich, an dem sie sich gar nicht mehr aufschließen lassen würde! Vielleicht sollten sie einfach mal das Schloss austauschen.
»Aber Mama, ich kann jetzt niemanden mehr fragen! Ich muss die Arbeit morgen früh abgeben, und die anderen sind auch alle im Stress.«
»Dann musst du sie wohl mit ein paar Rechtschreibfehlern abgeben. Das Wichtigste ist doch sicher, dass die Fakten stimmen, oder? Und da kann ich dir auch nicht helfen. Wie du weißt, war ich immer grottenschlecht in Biologie.«
Elena ging, ohne die Schuhe auszuziehen, in die Küche, schaltete ihr Handy auf Lautsprecher und legte es neben die Spüle.
»Mann, Mama, musst du so sein?!« Pollys Stimme klang jetzt nicht mehr leidend, sondern vorwurfsvoll.
»Wie bin ich denn?« Elena schälte sich aus ihrer viel zu warmen Jacke und warf sie auf einen Stuhl. Dann ließ sich ein großes Glas mit kaltem Wasser ein und trank in großen Schlucken. Ihr war schon wieder unerträglich heiß.
»Das weißt du ganz genau!«, motzte Polly. »Du benimmst dich, als wäre es dir schnurzegal, ob ich die Uni schaffe! Laura hat neulich eine halbe Note Abzug bekommen, weil sie so viel Flüchtigkeitsfehler in ihrer Hausarbeit hatte! Und ich ...«
»Polly!«, unterbrach Elena ihre Tochter. »Bitte hör mir jetzt mal zu. Du vermischst hier ein paar Dinge, die absolut nichts miteinander zu tun haben. Erstens: Ich habe heute Abend keine Zeit – wirklich nicht! Zweitens: Du bist ein erwachsener Mensch, und dein Studium ist dein Job. Ich bitte dich ja auch nicht darum, meine Arbeitsmails zu korrigieren, oder? Drittens: Du wirst die Uni sicher schaffen! Mit einer sehr guten Note, daran habe ich keine Zweifel. Du machst das alles super, und ich bin wahnsinnig stolz auf dich! Viertens – und dieser Punkt ist wirklich wichtig: Mach deine schlechte Planung nicht zu meinem Notfall. Kennst du den Spruch?«
»Deine bescheuerten Sprüche kannst du dir sparen! Ich werde dich nie wieder um einen Gefallen bitten!« In Pollys Stimme hielten sich Wut und Weinerlichkeit die Waage.
»Danke, dass du mir den Abend versaust hast!«, schrie sie und legte auf.
Einen Moment lang stand Elena nur da und hielt sich das kalte Glas an die Schläfen. Normalerweise hätte sie ihre Tochter jetzt noch einmal angerufen. Hätte sich entschuldigt, hätte erklärt, beschwichtigt und dafür gesorgt, dass zwischen ihnen wieder Harmonie herrschte. Nicht unwahrscheinlich, dass sie Pollys Hausarbeit am Ende doch noch korrigiert hätte.
Aber sie wollte nicht. Sie hatte gesagt, was sie zu sagen hatte. So freundlich es ging. Und Pollys Wut und Enttäuschung waren deren Sache.
Es war ein neues Gefühl, da endlich loszulassen. Wahrscheinlich hatte sie ihren Kindern in all den Jahren viel zu viel abgenommen. Kein Wunder, dass Polly es nicht gut aufnahm, wenn ihre Mutter jetzt so klare Grenzen setzte. Aber Elena fühlte sich gut – trotz des Konflikts. Sie war komplett im Reinen mit sich.
Sie öffnete die große Terrassentür zum Garten. Die Tage waren endlich wieder länger geworden, und in den Apfelbäumen saß eine Vogelschar, die den milden Frühlingsabend besang. Elena nahm ihr Wasserglas, eine halbvolle Flasche Rotwein und ein Weinglas und stellte alles auf den Gartentisch. Dann setzte sie sich, zog endlich ihre Schuhe aus und legte ihre Füße in den dünnen Strumpfhosen auf einen Stuhl. Wenigstens ein Gutes hatten ihre Hitzewallungen – in Momenten wie diesen brauchte sie keine zwei Decken mehr, um in der frischen Abendluft draußen zu sitzen.
Elena zündete sich eine Zigarette an und inhalierte tief. Dann nahm sie den ersten Schluck Rotwein und schloss die Augen. Ein anstrengender Arbeitstag war vorbei, und in diesem Moment musste sie für nichts und niemanden verfügbar sein. In drei Monaten würde sie fünfzig werden – und sie hatte fest vor, ihre zweite Lebenshälfte mit viel weniger Stress und viel mehr schönen Dingen zu füllen. Sie freute sich auf die Verabredung mit Karl, wie schon seit Langem nicht mehr. Gleichzeitig genoss sie es wahnsinnig, hier noch einen Moment ganz allein sitzen zu können und dem Gesang der Vögel zu lauschen.
***
»Nehmen Sie noch ein paar von diesen langen dazu, die so aussehen wie Schwerter«, bat Karl Berger. »Sind das eigentlich Schwertlilien?«
Die Blumenverkäuferin lachte. »Nein, nein, das sind Gladiolen. Die Schwertlilien sind da drüben. Von den roten? Das wäre, glaube ich, toll zu dem weißen Flieder und den Wildrosen.«
»Ja, da vertraue ich Ihnen. Und ruhig viele! Aber Schwertlilien wären doch auch schön dazu, oder?«
Die Verkäuferin schüttelte energisch den Kopf. »Die sind viel zu kurz.« Sie hielt den Strauß etwas von sich weg und überlegte. »Vielleicht noch ein paar Zweige? Apfel oder Kirsche, ich glaube, das wäre schick.«
»Oder von diesen stacheligen Dingern da?«
»Von den Disteln? Hm, ich weiß nicht ...«
»Die haben doch eine tolle Farbe! Fast schon Silber. Ach, kommen Sie, seien Sie nicht so streng.«
Die Verkäuferin lachte wieder. »Bin ich wirklich so streng?«, fragte sie und zog vorsichtig ein paar der langstieligen Disteln aus dem großen Blumeneimer.
»Na ja ...«
Früher hätte Karl jetzt automatisch begonnen, ein wenig zu flirten. Seine lockere Art mit Frauen hatte Elena schon so manchen Eifersuchtsstich versetzt. Dabei hatte er sich nie etwas dabei gedacht, es war einfach seine Art, mit Leuten in Kontakt zu treten und für gute Stimmung zu sorgen. Vielleicht war das eine Strategie, seine eigentlich sehr introvertierte Art etwas auszugleichen. Wirkliches Interesse hatte er nie an anderen Frauen gehabt, im Grunde war er wohl ein Musterbeispiel für echte Treue. Allerdings musste er zugeben, dass sein Verhalten auf einige Menschen anders wirken mochte. Und er konnte Elena sehr gut verstehen – er selbst war schrecklich eifersüchtig. Es hatte Zeiten gegeben, als er es kaum ausgehalten hatte, wenn seine Frau am Abend mit ihrer Freundinnen-Clique etwas trinken gegangen war. Ach ja, in jungen Jahren hatten sie wirklich eine Menge Ehestürme überstanden ...
Die Verkäuferin hielt ihm den riesigen Blumenstrauß hin und schaute ihn fragend an.
»Entschuldigung, ich war in Gedanken. Was sagten Sie?«
»Ich meinte nur, dass ich den Strauß so perfekt finde. Mehr würde ich nicht nehmen, sonst wird's so überladen.«
Karl nickte. »Ihr Wort ist mein Gebot! Und danke, dass Sie mir die Disteln erlaubt haben. Sie müssen wissen, dass meine Frau schrecklich stachelig sein kann – da musste die kleine Anspielung einfach sein.«
»Hochzeitstag?« Die Verkäuferin begann, den Strauß vorsichtig in Papier einzuschlagen.
»So ungefähr. Statt dem Hochzeitstag feiern wir immer den Tag unseres Kennenlernens. Die Hochzeit war eher so was für die Familie und damit der Papierkram in Ordnung ist.« Er lächelte versonnen. »Und heute Abend um halb elf kennen wir uns genau fünfundzwanzig Jahre ...«
Die Verkäuferin stieß einen anerkennenden Pfiff aus.
»Nicht schlecht! Die meisten Männer, die so große Blumensträuße fürs Jubiläum mit der Liebsten kaufen, kommen einen Tag zu spät, weil sie es mal wieder vergessen haben.«
Karl grinste. »Tja, ich bin Wissenschaftler, und ich habe ein exzellentes Zahlengedächtnis! Und dieser Abend vor fünfundzwanzig Jahren ... das war einfach der Beginn von etwas Unglaublichem. Meine Frau ist das Glück meines Lebens.«
Plötzlich wurde Karl verlegen und verstummte. Doch die Verkäuferin lächelte ihn gerührt an.
»Ach, wie schön! Also, wirklich, das macht doch Hoffnung in die Liebe, wenn jemand das nach fünfundzwanzig Jahren Beziehung noch so von Herzen sagen kann!« Sie reichte ihm den Strauß. »Dann wünsche ich Ihnen und Ihrer Frau einen wunderschönen Abend! Und denken Sie dran, für so manchen Schmetterling ist die stachelige Distel die schönste Blume der Welt.«
Er lachte. »Oh ja! Zu der Sorte Schmetterling gehöre ich mit Sicherheit.«
***
Als Elena am nächsten Morgen vor ihren endlosen Excel-Tabellen saß und versuchte, die Abschlusskalkulation ihres letzten Projekts in den Griff zu bekommen, konnte sie sich nicht konzentrieren. Es war nicht nur die Tatsache, dass sie Excel hasste – auch der gestrige Abend ging ihr permanent im Kopf herum.
Eigentlich war es wunderschön gewesen mit Karl. Er war mit einem Blumenstrauß angekommen, der kaum durch die Tür passte, und dann hatten sie so entspannt wie seit Langem nicht mehr zusammen gekocht. Es hatte Muscheln in Weißweinsauce, Salat mit Austernpilzen und Granatapfelkernen und später ein Platte mit den edelsten Käsesorten gegeben. Sie hatten Champagner getrunken und bis spät in die Nacht über die vergangen fünfundzwanzig Jahre gesprochen. Und jedes Mal, wenn Karl sie geküsst oder berührt hatte, hatte es genauso gekribbelt wie vor fünfundzwanzig Jahren.
Aber irgendeine Laus musste ihr heimlich über die Leber gelaufen sein. Sie war gereizt, und die Erinnerung an gestern war merkwürdig verdorben. Elena seufzte. Vielleicht war es nur wieder diese übliche, wie aus dem Nichts über sie herfallende miese Laune, die sie seit etwa ein paar Monaten immer wieder erlebte. Meine Hormon-Laune nannte Elena diesen Zustand inzwischen.
Wieso warnte einen eigentlich niemand vor den Wechseljahren? Genau, wie einen niemand davor warnte, wie viel es einen kostete, Mutter zu sein. Nicht dass sie je auf Letzteres hätte verzichten wollen – sie liebte ihre beiden Kinder Polly und Marius über alles, und bei der Vorstellung, sie hätte sich für ein Leben ohne Kinder entschieden, überlief es sie eiskalt.
Vielleicht war es ja doch der Konflikt mit Polly, der ihr unbewusst zu schaffen machte. Sie konnte sich schon vorstellen, dass sie gestern Abend ziemlich kalt gewirkt hatte. Dabei fühlte sie sich gar nicht so.
Elena kramte ihr Handy aus der Tasche und schrieb eine Nachricht an Polly: Hallo, mein Schatz! Hoffe, du hast gestern noch eine gute Lösung gefunden! Und sorry, falls ich zu hart rübergekommen bin! Ich liebe dich. Küsse deine Mama.
Sofort vibrierte das Handy mit einer Antwort von Polly. Es war unglaublich, wie schnell ihre Kinder tippen konnten.
Hi Mama! Ich liebe dich auch. Wird schon schiefgehen mit der Hausarbeit ... Nachher telefonieren?
Elena musste unwillkürlich lächeln.
»Oh, da ist aber jemand gut drauf!«, erklang eine unbekannte Stimme. In der Tür stand der neue Kollege. Wie hieß er noch? Axel oder so ... Elena legte ihr Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch und schaute ihn stirnrunzelnd an.
»Oh nein, jetzt habe ich das wunderschöne Lächeln verscheucht!«, rief er bestürzt und setzte sich auf den leeren Bürostuhl ihr gegenüber. »Schön am Chatten gewesen?«
Irgendwie empfand Elena es als übergriffig, dass er sich hier ohne zu fragen auf den freien Stuhl setzte. Und von Anklopfen hatte er wohl auch noch nie etwas gehört.
Er grinste sie an. Elena runzelte die Brauen.
»Hallo, Axel. Kann ich dir irgendwie helfen?«
»Axel!«, rief er gespielt empört. »Bitte tu mir das nicht an! Also wirklich – Axel!«
Sie starrte ihn an und schüttelte verständnislos den Kopf.
»Axel ist ein schrecklicher Name!«, rief er dramatisch. »Aber ich heiße zum Glück Alexander.«
»Oh, okay, tut mir leid. Und was ...«
»Schon okay, schon okay.« Jetzt machte er einen traurigen Hundeblick. »Ich bin es gewohnt, dass schöne Damen meinen Namen vergessen. Nur den Blick meiner Augen hat bisher noch keine vergessen.«
Elena wurde immer genervter. Dachte er, dass er hier im Laientheater gelandet war? Oder war er nur komplett gestört?
»Okay, Alexander, auch wenn du vielleicht denkst, dass ich hier nur am Telefon hänge und chatte und ansonsten alle Zeit der Welt habe ... Leider ist es nicht ganz so. Also verrat mir doch bitte, was ich für dich tun kann.«
»Projektmanagement-Fibel.«
»Projektmanagement-Fibel«, wiederholte Elena, als hätte sie ein kleines Kind vor sich. »Und was weiter?«
»Sollst du mir mal zeigen. Und mir die einzelnen Schritte ein bisschen erklären. Ansage von Madame Vardalos.«
Elena unterdrückte ein Stöhnen. Das hatte ihr gerade noch gefehlt.
»Okay«, antwortete sie widerstrebend, »ich muss mal gucken, wann ich ...«
Es klopfte an der offenen Tür. In der Tür stand die Geschäftsführerin der Stiftung, besagte Frau Vardalos. Sie hatte die Sorte Lächeln aufgesetzt, die sie auch bei Verhandlungen mit mächtigen Koalitionspartnern erfolgreich einsetzte. Und natürlich sah sie aus wie aus dem Ei gepellt – wie immer. Nicht zum ersten Mal fragte sich Elena, wie ihre Chefin es mit Ende fünfzig und drei Kindern hinbekam, so unglaublich schlank zu sein. Entweder war sie einfach der Typ, oder sie aß nichts. Beides kam Elena sehr unwahrscheinlich vor.
»Ach, Herr Knapp«, sprach Frau Vardalos den neuen Kollegen an, »ich sehe, Sie haben Frau Berger schon kontaktiert. Wunderbar! Leider muss das warten. Ich brauche die Kollegin jetzt ganz dringend.«
Alexander Knapp nickte und lächelte die Geschäftsführerin an, machte aber keine Anstalten aufzustehen. Elena freute sich insgeheim. Wenn er dachte, dass er bei Frau Vardalos mit seiner frechen Art durchkam, hatte er sich getäuscht. Und tatsächlich, das Lächeln der Geschäftsführerin wurde sofort abgelöst von ihrem berüchtigten Augenbrauen-Hochziehen. Es war ihre Spezialität, dass sie je nach Anliegen wechseln konnte zwischen professionellem Charme und einer Haltung, die unmissverständlich klarmachte, wer hier der Boss war. War Letztere dran, tat man besser nichts, um ihre Missbilligung auf sich zu ziehen. Früher hatte Elena das gehasst, aber inzwischen war sie schon so viele Jahre in der Stiftung, dass sie einen Weg gefunden hatte, sich von Frau Vardalos nicht mehr einschüchtern – oder um den Finger wickeln – zu lassen.
Es dauerte einen Moment, bis Alexander Knapp kapierte, was von ihm erwartet wurde. Frau Vardalos stand in der Tür und wartete – mit ihren wunderbar kritisch hochgezogenen Augenbrauen. Sie hatte es nicht nötig, noch mehr zu sagen, und tatsächlich rappelte sich der neue Kollege nach einigen Sekunden hastig auf.
»Ja, dann geh ich wohl besser mal ...«, murmelte er.
In der Tür zögerte er kurz.
»Danke, Herr Knapp.« Das eisige Lächeln, das die Geschäftsführerin ihm schenkte, ließ Elena an eine Boa constrictor denken, die kurz davor war, ein Kaninchen zu verspeisen.
Alexander verschwand ohne ein weiteres Wort, und Frau Vardalos wandte sich Elena zu und strahlte sie an.
»Frau Berger, entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie hier so überfalle! Haben Sie einen Moment Zeit?«
Nein, dachte Elena. Aber es war klar, dass die Frage rhetorisch gemeint war. Sie lächelte Frau Vardalos an – auch sie war inzwischen geübt darin, ein professionelles Pokerface aufzusetzen. Wenn sie ehrlich war, hatte sie sich über die Jahre einiges von ihrer Chefin abgeschaut.
»Ja, natürlich!«
