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Saskia und Lukas Fischer sind beruflich stark eingebunden. Als Krankenschwester und Busfahrer arbeiten sie im Schichtdienst und sehen sich in manchen Wochen kaum noch. Darunter leidet ihr Familienleben. Kleinigkeiten reiben sie auf, und im hektischen Alltag droht ihre Liebe unterzugehen. Ein Familienausflug mit ihrem fünfjährigen Sohn Leo soll sie alle einander wieder näherbringen.
Doch am U-Bahn-Gleis bahnt sich ein dramatischer Unfall an. Der Stress und die Hitze dieses Sommertages bleiben nicht ohne Folgen. Saskia fühlt sich unwohl. Ihr wird es schwarz vor Augen. Während sich Lukas besorgt über sie beugt und ihr etwas Wasser einflößt, ist ihr Sohn für einige Augenblicke unbeobachtet. Leo spielt, stolpert und stürzt auf die Schienen. Er wird von der einfahrenden U-Bahn erfasst und kommt ums Leben.
Seine Eltern drohen an dem Leid zu zerbrechen. Sie können einander kaum in die Augen schauen. Zu ihrer Trauer kommen die Vorwürfe, die sie sich selbst und einander machen. Lukas kapselt sich mehr und mehr ab. Und in so mancher bitterer Stunde weiß Saskia nicht, wie sie noch weitermachen soll ...
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Seitenzahl: 126
Veröffentlichungsjahr: 2022
Cover
Drama auf Gleis 2
Vorschau
Impressum
Drama auf Gleis 2
Einfahrende U-Bahn erfasstden kleinen Leo
Saskia und Lukas Fischer sind beruflich stark eingebunden. Als Krankenschwester und Busfahrer arbeiten sie im Schichtdienst und sehen sich in manchen Wochen kaum noch. Darunter leidet ihr Familienleben. Kleinigkeiten reiben sie auf, und im hektischen Alltag kommt ihre Liebe viel zu kurz. Ein Familienausflug mit ihrem fünfjährigen Sohn Leo soll sie alle einander wieder näherbringen.
Doch am U-Bahn-Gleis bahnt sich ein dramatischer Unfall an. Der Stress und die Hitze dieses Sommertages bleiben nicht ohne Folgen. Saskia fühlt sich unwohl. Ihr wird es schwarz vor Augen. Während sich Lukas besorgt über sie beugt und ihr etwas Wasser einflößt, ist ihr Sohn für einige Augenblicke unbeobachtet. Leo spielt, stolpert und stürzt auf die Schienen. Er wird von der einfahrenden U-Bahn erfasst und kommt ums Leben.
Seine Eltern drohen, an dem Leid zu zerbrechen. Sie können einander kaum noch in die Augen schauen. Zu ihrer Trauer kommen die Vorwürfe, die sie sich selbst und einander machen. Lukas kapselt sich mehr und mehr ab. Und in so mancher bitterer Stunde weiß Saskia einfach nicht mehr, wie sie noch weitermachen soll ...
»Mistwetter, verflixtes.« Johannes Hüttner zog fröstelnd die Schultern hoch. Während der vergangenen Wochen hatten die Menschen in München unter dem anhaltend heißen und trockenen Sommerwetter gestöhnt. Selbst in der Nacht war es nicht sonderlich kühler geworden. Am vergangenen Abend jedoch waren bleigraue Regenwolken aufgezogen – und mit ihnen hatte es einen Temperatursturz gegeben.
Ein bitterkalter Wind fauchte durch die Straßen, und es regnete, als würde jemand das Wasser aus Kübeln über die Stadt ergießen. Nun, Regen und Sturm kannte er aus seiner Heimat im Norden, allerdings hatte er das Wetter hier in Bayern unterschätzt und trug lediglich ein T-Shirt unter der dünnen Regenjacke. Seine Uniform wäre wärmer, aber die hing in seinem Spind auf dem Revier.
Was, verflixt, war mit dem berühmten weiß-blauen Himmel passiert?
Das allgegenwärtige Grau konnte damit wohl kaum gemeint sein. Hadernd und frierend bewegte sich Johannes südwärts durch die Innenstadt. Er war erst vor drei Wochen nach München gezogen, hatte um seine Versetzung gebeten, nachdem seine Hochzeit geplatzt war und er Caroline nicht jeden Tag bei der Arbeit begegnen wollte. So weit weg wie möglich, hatte er von Hamburg fort gewollt. Nun war er hier in München und fing ganz von vorn an. Die Kollegen auf dem Polizeirevier sparten nicht mit Neckereien für ihn, das »Nordlicht«. Nun, das störte ihn nicht, auch weil er höchstens die Hälfte des Dialekts verstand. Daran würde er arbeiten müssen, denn auch so manche Person von Interesse sprach breites Bayerisch und stellte ihn damit vor Herausforderungen.
Einem Verdächtigen waren seine Fragen gestern zu viel geworden. Die Bedeutung seiner Drohung: Du, so a Packerl Watsch is glei aufgemacht, hatte sich Johannes noch zusammengereimt und sein Gegenüber eindringlich vor dem Angriff auf einen Polizeibeamten gewarnt. Aber was, um alles in der Welt, war eine Brunzkachl? Das hatte sich seine Kollegin neulich anhören müssen. Es hatte nicht freundlich geklungen. Er hegt den Verdacht, dass kloana Kniabiesler ebenfalls nicht in die Kategorie Kompliment gehörte.
Seine Kollegen in Hamburg hatten ihm zum Abschied eine Uhr geschenkt, damit er sie nicht vergaß. An ein Wörterbuch Bayerisch-Deutsch hatte niemand gedacht.
Johannes trat in eine Pfütze, spürte, wie ihm Regenwasser in die Schuhe schwappte, und knirschte mit den Zähnen. Die Luft war so kalt und feucht, als würde ihm ein Waschlappen um die Ohren geschlagen.
Vor ihm an der Straßenecke tauchte Joes Coffeeshop auf.
Sogleich hellte sich seine Stimmung auf. Ein heißer starker Kaffee – und vielleicht ein Stück von Joes Karottenkuchen – würde seinen Feierabend um einiges besser machen. Entschlossenen Schrittes strebte er dem Coffeeshop zu. Ein Glöckchen verkündete sein Eintreten.
Als die Tür hinter ihm zufiel und der bitterkalte Wind draußenblieb, atmete Johannes kaum merklich auf.
Einer der runden, blank polierten Bistrotische war noch frei. An dem nahm er Platz und fand sich wenig später dem Inhaber des Lokals gegenüber. Joe war ein untersetzter Mittdreißiger, dessen Haar sich zu Geheimratsecken lichtete und den man nie anders als mit einem freundlichen Lächeln sah.
»Was darf es heute sein, Holmes?«
Johannes verdrehte die Augen. »Den Spitznamen werde ich wohl nicht mehr los, was?«
»Nachdem Sie mir verraten haben, dass der berühmte Ermittler Sie dazu bewogen hat, zur Polizei zu gehen?« Der Wirt schüttelte den Kopf. »Ich fürchte, nicht.«
»Dachte ich es doch. Ich hätte gern einen Kaffee und ein Stück Karottenkuchen, wenn Sie noch welchen haben.«
»Für Sie immer.« Der Wirt wieselte davon und kehrte wenig später mit dem Gewünschten zurück. »Guten Hunger«, wünschte er, während er Teller und Tasse vor Johannes hinstellte.
»Vielen Dank.« Er nahm die Tasse und schnupperte. »Ah, endlich ein Lichtblick.«
»Harten Tag gehabt?« Joe sah ihn wissend an.
»Na ja, für die Kollegen bin ich nicht nur der Neue, sondern auch das Nordlicht, das von nix eine Ahnung hat.«
»Sie werden es ihnen schon beweisen.«
»Hoffentlich.« Johannes legte einen Geldschein auf den Tisch. »Ich zahle wieder einen Extrakaffee mit.«
»Danke Ihnen.« Joe hielt immer Kaffee bereit, auch für Gäste, die nicht bezahlen konnten. Andere bezahlten einen mit, wenn sich die Gelegenheit bot.
Während sich der Wirt dem nächsten Tisch zuwandte, versenkte Johannes seine Gabel in seinem Kuchenstück, probierte und ... Moment mal! Was ging denn da draußen vor sich? Aus dem Tunnel, der zur U-Bahnstation Giselastraße hinunterführte, strömten zahlreiche Menschen.
Offenbar in höchster Aufregung!
Er blickte in aufgewühlte, verzerrte Gesichter, sah rufende, weit aufgerissene Münder und Augen, in denen das blanke Entsetzen stand. Wilde Blicke wurden umhergeworfen, als wären all diese Menschen auf der Suche nach etwas.
Etwas ist dort unten passiert.
Diese Gewissheit packte ihn wie kalte Klauen.
Nun waren in der Ferne auch Sirenen zu hören.
Ob ich helfen kann?Der Gedanke war ihm kaum durch den Kopf gegangen, als er bereits seine Tasse von sich schob, aufsprang und nach draußen eilte. Eine Windböe fauchte ihm entgegen und trieb ihm einen Schwall Regenwasser ins Gesicht. Er achtete nicht darauf, sondern schob sich durch den Strom von Passanten der Treppe entgegen.
Dunkle Stimmen waren zu vernehmen. Jemand rief Anweisungen.
»Riegelt alles ab. Lasst niemanden mehr herunter!«
Johannes sah zwei uniformierte Kollegen vor sich. »Hüttner«, stellte er sich vor. »Ich bin Polizist, was ist passiert?«
Ein hagerer Polizeimeister ruckte den Kopf zu ihm herum. Er war so fahl, dass sein dunkler Bart wie ein Fremdkörper in seinem Gesicht wirkte.
»Es hat ein Unglück gegeben«, gab er mit rauer Stimme zurück. »Am Gleis zwei.«
Dann hatte ihn sein mieses Gefühl also nicht getrogen.
Johannes zerbiss einen Fluch. »Wie kann ich helfen?«
»Helfen Sie uns, die restlichen Fahrgäste von hier wegzuschaffen. Die Kollegen von Rettungsdienst und Feuerwehr brauchen freie Wege.«
»Verstanden.« Johannes nickte und eilte an den beiden Beamten vorbei und die Treppe nach unten. Der typische muffige U-Bahn-Geruch wehte ihm entgegen. Noch immer strömten ihm Fahrgäste entgegen. Etliche riefen aufgeregt durcheinander.
»Das liegt nur an diesen vermaledeiten Handys«, wetterte ein stämmiger Mann mit grauen Haaren. »Sie haben nicht aufgepasst. Das ist es. Die Eltern glotzen nur noch auf ihre Smartphones, und wenn sie hochgucken, wundern sie sich, wie groß ihr Kind schon ist.«Weitere Rufe waren zu vernehmen, gingen jedoch so durcheinander, dass Johannes nur Wortfetzen verstand. Hinter ihm wurden weitere Sirenen laut.
Was, um alles in der Welt, war hier unten nur geschehen?
Johannes eilte weiter, sah die Schienen und das dunkle Gleisbett vor sich. Grün marmorierte Säulen ragten zwischen mehreren Sitzbänken auf. Am Ende von Gleis zwei scharten sich etliche Menschen zusammen und wandten ihm den Rücken zu. Irgendwo ganz in der Nähe schluchzte eine Frau ...
... und mit einem Mal hatte Johannes ein wildes Rauschen in seinem Kopf.
Um ihn herum schien sich plötzlich alles wie in Zeitlupe abzuspielen.
Ein uniformierter Polizist taumelte auf ihn zu. Er trug einen braunen Teddybär im Arm. Vor einer der Bänke blieb er stehen und legte das Spielzeug auf der Sitzfläche ab. So behutsam, als wäre es zerbrechlich. Dann nahm er seine Mütze ab und wischte sich mit der flachen Hand über das Gesicht. Tränen stürzten ihm aus den Augen – und Johannes ahnte plötzlich nichts Gutes ...
***
Eine Woche zuvor
In der Praxis von Dr. Stefan Frank ging es an diesem Sommertag zu wie in einem Bienenstock. Patienten kamen und gingen und immer wieder klingelte das Telefon.
»Was würde ich nur ohne Sie beide anfangen? Sie halten das Durcheinander hier im Zaum.« Stefan Frank blieb im Vorzimmer neben den Schreibtischen seiner beiden Arzthelferinnen stehen. Marie-Luise Flanitzer war gerade am Telefon und suchte offenbar im Kalender für einen Patienten nach einem zeitnahen freien Termin. Schwester Martha blickte von ihrem Computer hoch und fächelte sich mit einer Aktenmappe Luft zu.
»Dafür sind wir da, Chef«, sagte sie mit einem schiefen Lächeln. »Es wäre allerdings hilfreich, wenn es nicht so heiß wäre. Was gäbe ick jetzt für etwas Regen.«
»Berufen Sie es bloß nicht.« Er hob die Hände. »Alexandra und ich wollen am Wochenende zum Segeln an den Chiemsee fahren. Bei Regen würde der Ausflug ins Wasser fallen, und sie freut sich schon so darauf.«
»Freuen Sie sich denn nicht, Chef?«
»Doch, ich freue mich auch. Nur nicht auf den Muskelkater hinterher.«
»Jedes Vergnügen hat seinen Preis.«
»Da sagen Sie etwas, Martha. Da sagen Sie etwas.« Er legte ihr einen Schwung Papiere hin. »Ich habe die Untersuchungsergebnisse von Frau Schwaiger durchgesehen. Fügen Sie sie bitte ihrer Mappe hinzu?«
»Selbstverständlich.« Schwester Martha stemmte sich von ihrem Stuhl hoch, um sich dem Schrank mit den Patientenmappen zuzuwenden. Vieles wurde inzwischen digital abgespeichert, aber so ganz mochte er doch nicht auf das Papier verzichten.
Stefan Frank bat seinen nächsten Patienten herein.
Es war Gunther Riedel, ein hagerer Mann mit wachen grauen Augen, die hinter einer runden Brille funkelten. Das Grau, das sich durch seine dunklen Haare zog, verriet, dass er die Fünfzig bereits hinter sich gelassen hatte. An diesem Tag war sein Schritt unsicher, er lief vornübergebeugt, hielt sich den Bauch und wirkte ausgesprochen fahl.
»Ich grüße Sie, Herr Doktor«, ächzte er.
»Herr Riedel, bitte, nehmen Sie Platz und erzählen Sie mir, was Sie zu mir führt.«
»Ich habe Probleme.« Sein Patient ließ sich auf den Stuhl fallen und stieß den Atem aus. »Ich kann nicht ...« Er stockte und seine Ohrspitzen färbten sich rosig. Er senkte die Stimme. »Ich kann einfach nicht ... Sie wissen schon.«
»Noch nicht so recht. Können Sie es ein bisschen genauer formulieren, damit ich mir ein Bild machen kann?«
»Ich ... nun ... ach, verflixt, ist mir das peinlich. Ich ... ich habe keinen Stuhlgang«, platzte sein Patient heraus.
»Ich verstehe. Wie lange schon nicht mehr?«
»Seit vier Tagen. Es geht aber schon seit Wochen mühsam. Mal klappt es, mal wieder nicht. Es ist nichts, worüber ich gern rede, aber meine Frau meinte, ich soll endlich damit zu Ihnen kommen.«
»Das war auch genau richtig. Haben Sie Schmerzen?«
»Ja, hier ungefähr.« Sein Patient deutete auf die linke Bauchseite.
»Was ist mit Fieber?«
»Kann ich nicht sagen. Das habe ich nicht gemessen.«
Stefan Frank bat seinen Patienten zur Untersuchungsliege. In seinem Hinterkopf läutete eine Alarmglocke. Veränderungen, wie der Mittfünfziger sie beschrieben hatte, konnten durchaus auf eine Tumorerkrankung im Darm hinweisen, deshalb war eine sorgfältige Untersuchung unumgänglich.
Er tastete den Bauch seines Patienten behutsam ab. Er fühlte eine walzenartige Verhärtung unter der Bauchdecke. Er nahm Herrn Riedel Blut ab und bat Schwester Martha, es im Labor untersuchen zu lassen. Eine Messung ergab, dass sein Patient 39,2 Grad Fieber hatte. Ein Verdacht stieg in ihm auf. Der brachte ihn dazu, den Bauch des Kranken mittels Ultraschall zu untersuchen. Wenig später bestätigte sich seine Vermutung ...
»Sie dürfen sich wieder anziehen, Herr Riedel.« Während sich sein Patient aufsetzte und sein Hemd zuknöpfte, nahm er hinter seinem Schreibtisch Platz.
»Wissen Sie schon, was mir fehlt?« Der Buchhändler blickte ihn unsicher durch seine Brille an. Die bange Frage Krebs? stand ihm förmlich auf die Stirn geschrieben.
»Ich brauche noch die Ergebnisse der Bluttests und einige andere Untersuchungen, aber nach allem, was mir vorliegt, haben Sie eine Divertikulitis.«
»Eine ... was?«
»In Ihrem Darm haben sich zahlreiche Ausstülpungen in der Darmwand gebildet. Das sind Divertikel. In denen bleibt gern mal Darminhalt hängen. Entzünden sie sich, spricht man von einer Divertikulitis.«
»Ach, herrje. Ausstülpungen in meinem Darm?« Gunther Riedel rieb sich das Kinn. »Ist das schlimm?«
»Sobald sie sich entzünden, ja. Dann besteht die Gefahr von Komplikationen wie beispielsweise einem Darmdurchbruch, einem Darmverschluss, Abszessen oder Blutungen.«
»Das klingt ziemlich ... unerfreulich.«
»Wir werden alles tun, damit es nicht so weit kommt.«
»Können Sie mir etwas dagegen verschreiben?«
»Nun, ich möchte Sie in die Waldner-Klinik einweisen. Die Entzündung muss mit hoch dosierten Antibiotika bekämpft werden, damit sie sich nicht ausbreitet. Das sollte unter ständiger ärztlicher Aufsicht geschehen.«
»Ins Krankenhaus?« Sein Patient zuckte sichtlich zusammen. »Ist das wirklich nötig?«
»Ist es. Die Kollegen dort werden dann entscheiden, wie stark der betroffene Darmabschnitt befallen ist und ob er eventuell operativ entfernt werden muss.«
»Eine Operation?«
»Die scheint mir angeraten.« Stefan Frank rief sich die Bilder vom Ultraschall in Erinnerung und nickte. »Mit der richtigen Behandlung haben Sie gute Aussichten, wieder ganz gesund zu werden.«
»Nun, wenn es sein muss, muss es wohl sein. Gern lasse ich meine Frau aber nicht alleine. Die Arbeit in unserer Buchhandlung ist schon für zwei kaum zu schaffen, wenn ich nun womöglich für Wochen ausfalle, wird sie es schwer haben.«
»Vielleicht finden Sie eine Vertretung für diese Zeit?«
»So kurzfristig?« Sein Patient wiegte bedächtig den Kopf. »Nun, vielleicht kann einer von den Studenten einspringen, die bei uns in der Weihnachtszeit aushelfen. Aber da sind ja auch noch unsere Hunde, um die sich meine Frau kümmern muss. Und unser Enkel ist häufig bei uns. Der Leo. Er ist so ein lieber Bub. Können Sie sich vorstellen, dass er in diesem Herbst schon in die Schule kommt?«
»Ist er wirklich schon so groß?«
»Kaum zu fassen, oder?« Ein inniges Lächeln wärmte das Gesicht des Buchhändlers. »Der kleine Mann kann es kaum erwarten, endlich ein Schulkind zu sein. Er hat so viele Fragen, will alles wissen über die Welt.« Stolz schwang in der Stimme des Mittfünfzigers mit.
Stefan Frank druckte ihm einen Einweisungsschein für das Krankenhaus aus.
»Wenigstens ist es die Waldner-Klinik«, murmelte sein Patient. »Dort arbeitet meine Tochter. Wenn ich schon aufgeschnitten werde, dann am liebsten dort.«
»Mit etwas Glück, wird ein Schnitt nicht nötig sein. Bei Divertikulitis operiert man häufig mittels Schlüsselloch-OP und verschafft sich Zugang durch drei winzige Schnitte. Das hat den Vorteil, dass die Heilung wesentlich schneller geht.«
»Klingt gut. Ich würde trotzdem lieber nur von draußen durchs Schlüsselloch zugucken, während der Eingriff gemacht wird.« Ein schiefes Lächeln huschte über das Gesicht des Mittfünfzigers. »Vor Narkosen habe ich einen Riesenrespekt.«
»Ich auch, aber ich weiß, dass die heutigen Narkosemittel sehr schonend sind.«
»Wenn Sie das sagen, Herr Doktor.« Gunther Riedel nahm die Einweisung und einen Umschlag mit seinen Befunden entgegen, um beides bei seiner Ankunft in der Klinik abzugeben.
Stefan Frank bat seine Sprechstundenhilfe, seinen Patienten im Krankenhaus anzukündigen, während dieser noch nach Hause fuhr und die nötigsten Sachen für einige Tage Krankenhausaufenthalt zu packen.
Schwester Martha griff sogleich nach dem Telefon.
