Dr. Stefan Frank 2669 - Stefan Frank - E-Book

Dr. Stefan Frank 2669 E-Book

Stefan Frank

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Beschreibung

Lorena Makris leidet seit ihrem dritten Lebensjahr an der im Volksmund "Mondscheinkrankheit" genannten Erbkrankheit. Sobald ihre Haut mit Sonnenlicht in Kontakt kommt, verbrennt sie und es bilden sich Geschwüre, aus denen sich Hautkrebs entwickeln kann. Lorena hat Glück im Unglück und leidet unter einer milden Form. Die Krankheit kann jedoch nicht geheilt und die Symptome nur gelindert werden. Durch akribische Planung und den Einsatz von Sonnenschutzfolien, spezieller Sonnenschutzcreme und Schutzanzügen kann Lorena ein halbwegs normales Leben führen, das zumeist nur nachts stattfindet. Trotz ihres schweren Schicksals ist Lorena ein lebenslustiger, humorvoller Mensch.
Während eines Konzertbesuchs lernt sie Daniel kennen. Zwischen den beiden sprühen die Funken. Die beiden treffen sich häufig, natürlich nur in den Abend- und Nachtstunden, und Daniel scheint es zunächst nicht zu hinterfragen. Lorena weiß, dass sie ihm von ihrer Krankheit erzählen muss, doch immer, wenn sie kurz davor ist, verlässt sie der Mut - bis es schließlich zu einem gefährlichen Zwischenfall kommt ...


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Seitenzahl: 123

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Cover

Rendezvous im Mondschein

Vorschau

Impressum

Rendezvous im Mondschein

Warum sich Lorena mit ihrem neuen Schwarm Daniel nur im Dunkeln trifft

Lorena Makris leidet seit ihrem dritten Lebensjahr an der im Volksmund bekannten »Mondscheinkrankheit«. Sobald ihre Haut mit Sonnenlicht in Kontakt kommt, verbrennt sie und es bilden sich Geschwüre, aus denen sich Hautkrebs entwickeln kann. Lorena hat Glück im Unglück und leidet unter einer milden Form. Die Krankheit kann jedoch nicht geheilt und die Symptome nur gelindert werden. Durch akribische Planung und den Einsatz von Sonnenschutzfolien, spezieller Sonnenschutzcreme und Schutzanzügen kann Lorena ein halbwegs normales Leben führen, das zumeist nur nachts stattfindet. Trotz ihres schweren Schicksals ist sie ein lebenslustiger, humorvoller Mensch.

Während eines Konzertbesuchs lernt sie Daniel kennen. Zwischen den beiden sprühen die Funken. Die beiden treffen sich häufig, natürlich nur in den Abend- und Nachtstunden, und Daniel scheint es zunächst nicht zu hinterfragen. Lorena weiß, dass sie ihm von ihrer Krankheit erzählen muss, doch immer, wenn sie kurz davor ist, verlässt sie der Mut – bis es schließlich zu einem gefährlichen Zwischenfall kommt ...

Wenn Martha Giesecke die Praxis Dr. Frank morgens gegen halb acht Uhr betrat, folgte sie einem strengen Ritual. Zuerst setzte sie die Kaffeemaschine in Gang, ehe sie sich mit der gefüllten Gießkanne auf den Rundweg durch die Praxisräume machte. Begleitet vom Kaffeeduft goss sie die Blumen, kippte die Fenster und füllte die Karaffe im Wartezimmer mit frischem Wasser. Nachdem sie die Patientenkarten des Vormittags herausgesucht hatte, machte sie es sich mit einer Tasse Kaffee und einer Klatschzeitschrift am Schreibtisch bequem, bis ihre Kollegen eintrudelten.

Schwester Martha liebte die Ruhe dieser frühen Stunde und hätte niemals freiwillig auf ihr Ritual verzichtet. Doch besondere Umstände erforderten besondere Maßnahmen.

Seit zwei Wochen hatte es nicht mehr geregnet. Die Menschen stöhnten unter der Hitzewelle, die die Stadt heimsuchte. Der Boden in den Gärten und Parks war knochentrocken, der letzte Rest Wasser aus Stefan Franks Regentonne in der Augusthitze verdunstet. Der Wasserschlauch war nicht lang genug, um jede Ecke des Gartens zu erreichen. So kam es, dass Martha Giesecke – statt wie sonst am Schreibtisch ihren Kaffee zu genießen – gemeinsam mit ihrem Chef, seiner Freundin Alexandra und ihrer Kollegin Marie-Luise Franitzer mit Gießkannen durch den Garten marschierte, um den alten Baumbestand, die seltenen Sträucher und Stauden und die malerisch angelegten Rosenbeete vor dem Verdursten zu retten.

Doch endlich schien der Wettergott die Gebete zu erhören.

»Für heute ist Regen angesagt«, verkündete sie, als sie an diesem Morgen an der Praxis ankam.

Stefan Frank richtete sich auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er sah hinauf in den bleigrauen Himmel. Das zwischen ein paar Wolkenbergen hervorbrechende Licht ließ die Farben intensiver und die Konturen schärfer erscheinen. Ein harziger Geruch lag in der Luft.

»Hoffentlich haben die Wetterfrösche diesmal wirklich recht«, stöhnte er und zuckte zusammen, als Alexandra ihn mit einer Handvoll Wasser bespritzte. »Vorsicht!«, warnte er lachend. »Einen alten Mann zu erschrecken – noch dazu bei dieser Schwüle – kann gefährliche Folgen haben.«

»Ich kann es kaum erwarten, meine Reanimations-Fähigkeiten an dir auszuprobieren«, raunte sie ihm ins Ohr und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.

Martha Giesecke und ihre junge Kollegin Marie-Luise tauschten verzückte Blicke – was für eine wunderschöne Liebe – als in der Nähe das erste Donnergrollen zu hören war.

Sofort war das Lachen und Scherzen vergessen.

»Diesmal scheint es wirklich ernst zu werden«, orakelte Marie-Luise und beeilte sich, die Gießkannen im Schuppen zu verstauen.

Ihre Kollegin taten es ihr gleich, während Dr. Frank den Wasserschlauch aufrollte und an seinen angestammten Platz legte. Auf dem Weg zur Villa platschten die ersten dicken Tropfen auf Wiese und Gartenweg.

»Schnell, Alexa, es geht gleich los!« Er hielt seiner Freundin die Tür auf. »Marie-Luise, Schwester Martha!«

Nacheinander huschten die drei Frauen in den sicheren Flur. Von dort konnten sie beobachten, wie ein Blitz über den Himmel zuckte, begleitet von einem weiteren, warnenden Donnergrollen. Ein Windstoß fegte durch die Blätter der Bäume. Im Haus blähten sich die Stores vor den Fenstern. Und dann setzte das Unwetter ein. Wie Hagelkörner prasselte der Regen auf das Dach der altehrwürdigen Villa. Der Wind riss Zweige von den Bäumen, Stauden und Sträucher bogen sich Richtung Erde. Trotzdem ließ Dr. Frank die Türen offen stehen. Zu viert begrüßten sie die heiß ersehnte Abkühlung.

»Ist das nicht herrlich?«, rief er in das Tosen des Gewittersturms.

»Das kommt darauf an, wo man sich gerade befindet«, gab Alexa zu bedenken und flüchtete nach oben in die Privaträume.

Wenn sie rechtzeitig in die Praxis für Augenheilkunde kommen wollte, musste sie sich sputen.

Als hätte der Himmel ihre Worte gehört, ließ der Wind nach, das Donnergrollen entfernte sich. Nun war nur noch das Rauschen des Regens zu hören.

»Gut, dass diese Unwetter in der Regel schnell weiterziehen«, bemerkte Schwester Martha und schenkte Kaffee für ihre Kollegen und sich selbst ein. »Sonst hätten wir heute einen sehr ruhigen Vormittag vor uns.«

»Das glaube ich nicht.« Marie-Luise Flanitzer hatte einen Blick in den Terminkalender geworfen. »Unsere erste Patientin heute ist eine der wenigen, die sich selbst von einem Schneesturm nicht davon abhalten ließe, zu uns zu kommen.«

***

Mit dieser Annahme hatte Marie-Luise zwar recht. Lorena Makris liebte zumindest tagsüber all jene Wetterlagen, die die meisten ihrer Mitmenschen verabscheuten. Aber selbst wenn ein Gewitterregen niederging oder ein Schneesturm über das Land tobte, bedeutete das nicht, dass sie in Sicherheit war. So cremte Lorena auch an diesem Morgen Gesicht, Hände und Arme mit einer Sonnenschutzcreme mit dem höchsten Lichtschutzfaktor ein, die es auf dem Markt zu kaufen gab. Obwohl es immer noch recht warm war, schlüpfte sie in UV-sichere Kleidung. Ein besonderes, unter der Kleidung verstecktes Kühlsystem, machte ihr Ausflüge im Sommer wenigstens ein bisschen leichter. Ihre Hände schützte Lorena mit speziellen Handschuhen. Zuletzt folgte ein verhasstes, wenn auch überlebensnotwendiges Detail: Ein Helm, welcher Gesicht, Kopf und Nacken schützte. Besonders dieses Kleidungsstück machte ihr das Leben schwer, seit ihre Krankheit im Alter von vier Jahren diagnostiziert worden war. Marsmensch, Ritter Rosts Frau und Feuerwehrfrau waren noch die harmloseren Hänseleien, die sich Lorena von Kindesbeinen an gefallen lassen musste. Auf der anderen Seite hatte sie es diesem Helm und allen anderen Schutzmaßnahmen zu verdanken, dass sie einen normalen Kindergarten und normale Schulen besucht hatte.

Wenn es nach den Ärzten gegangen wäre, hätte Lorenas und das Leben ihrer Familie in der Nacht stattgefunden. Es war nur Pias und Kyrils unermüdlichem Einsatz zu verdanken, dass Lorena nachmittags mit ihren wenigen Freunden gespielt und den Sommerurlaub am Strand verbracht hatte. Nach dem Abitur hatte sie Biochemie studiert und arbeitete nun in einem molekularbiologischen Institut. Inzwischen lebte sie in einer Einliegerwohnung im Haus ihrer Eltern. Das hinderte ihre Mutter nicht daran, an diesem Morgen an ihre Tür zu klopfen.

»Hallo, Lenchen, bist du schon wach?«

Wie eine Muslima schlang Lorena ein Tuch um den Helm und streckte ihrem Spiegelbild die Zunge heraus. Dann machte sie sich auf den Weg zur Tür.

»Lenchen? Wie oft soll ich dir noch sagen, dass ich erwachsen bin.«

»Für mich wirst du einfach immer mein süßes, kleines Lenchen bleiben.« Ungerührt umarmte Pia ihre Tochter. »Lass dich nicht stören. Ich wollte nur sichergehen, dass du den Termin bei Doktor Frank nicht vergisst.«

Lorena rollte mit den Augen.

»Und noch einmal zum Mitschreiben: Ich bekomme mein Leben inzwischen ganz gut selbst auf die Reihe.«

»Den Termin in der Werkstatt neulich hast du auch verschlafen.« Pia schlenderte durch die Wohnung ihrer Tochter, hob hier einen verlorenen Socken vom Boden auf und stellte dort ein Buch zurück ins Regal. »Das kommt davon, dass du ständig nachts arbeitest. Ich verstehe nicht, warum du unbedingt immer die Nachtschicht im Labor übernehmen musst.«

Lorena holte das Buch wieder aus dem Regal und legte es zurück aufs Sofa.

»Hast du noch nie einen Termin verpasst?«

Wie ertappt senkte ihre Mutter die Augen, und Lorena fuhr fort: »Außerdem muss ich nicht nachts arbeiten, sondern ich will das so«, erklärte sie. »Du weißt doch: Vampirmädchen zerfallen im Sonnenlicht zu Staub.«

Pia fuhr herum.

»Das ist nicht witzig«, fauchte sie.

Lorena setzte ein versöhnliches Lächeln auf.

»Kein Grund, sauer zu sein, Mamilein. Niemand weiß das besser als ich.«

Ein stummes Ringen folgte. Schließlich erwiderte Pia das Lächeln ihrer Tochter.

»Tut mir leid, mein Schatz«, seufzte sie. »Ich weiß, dass ich mich benehme wie eine Glucke. Aber glaube mir, nach all den Jahren des Aufpassens und Bewachens ist es nicht leicht, die Verantwortung abzugeben.«

Lorenas Herz wurde schwer. Sie schwankte zwischen Dankbarkeit, Mitgefühl und Ärger.

»Irgendwann musst du aber mit dem Loslassen anfangen. Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt.« Ihre Miene wurde weich. »Außerdem hatte ich die besten Lehrer der Welt. Du solltest ein bisschen mehr Vertrauen in deine und Papas Erziehung haben.« Die nahe Kirchturmuhr schlug zur vollen Stunde. »Und jetzt muss ich los, wenn ich nicht zu spät zu meinem Termin kommen will.« Sie wartete, bis Pia ihrer stummen Aufforderung, die Wohnung zu verlassen, folgte.

Vor der Tür umarmten sich die beiden Frauen. Das Gewitter war vorübergezogen. Nur die dunklen Wolken waren geblieben und tränkten die Welt mit ihrer schweren Last. Lorena spannte den Regenschirm auf und marschierte los. Pia blieb unter dem Vordach stehen und sah ihrer einzigen Tochter nach, wie sie in ihren Wagen stieg und davonfuhr. Loszulassen war eine der schwersten Übungen, umso mehr, wenn jeder Fehler tödlich enden konnte.

***

Diese Auseinandersetzungen mit ihren Eltern – vornehmlich mit ihrer Mutter – waren Lorenas Energieräuber. Dabei brauchte sie ihre Kraft doch, um überhaupt mit den Folgen ihrer Krankheit fertigzuwerden.

Obwohl sie damals noch ein kleines Kind gewesen war, erinnerte sie sich gut daran, wie alles angefangen hatte.

»Meine Eltern erzählten mir, dass ich in den ersten Lebensjahren völlig unauffällig auf Sonnenlicht reagierte«, berichtete sie Dr. Frank, in dessen Praxis sie nach vielen Umwegen vor ein paar Monaten gelandet war. Inzwischen hatte es aufgehört zu regnen. Einzelne Tropfen fielen von Blättern und Ästen und tropften hinunter auf die Fensterbretter draußen. Ein beruhigendes Geräusch, das Lorena aber nicht von ihrer Erzählung ablenkte. »Ich hatte ein glückliches, unbeschwertes Leben mit meiner Familie in Deutschland und der in Griechenland. Während eines Sommerurlaubs dort ist es passiert. Da entdeckte mein Vater eines Tages eine kleine Warze auf meinem Nasenrücken.«

»Das ist in der Tat sehr ungewöhnlich, besonders in diesem Alter und an dieser Stelle«, erwiderte Dr. Frank.

Er hörte die Geschichte nicht zum ersten, bestimmt aber auch nicht zum letzten Mal. Langweilig wurde es aber trotzdem nicht. Mit jeder Erzählung kamen ein paar neue Details dazu. Die therapeutische Wirkung dieser Gespräche war ein weiterer Grund, warum er sich für die Termine mit Lorena immer besonders viel Zeit nahm.

»Das dachte mein Vater auch«, fuhr die junge Frau fort. »Also gingen meine Eltern zum Kinderarzt. Der überwies sie zum Hautarzt und machte es sehr dringend. Und dann ging alles ganz schnell«, erzählte Lorena versonnen und schüttelte den Kopf. »Komisch, dass ich mich noch so gut daran erinnern kann. Ich war doch erst knapp vier Jahre alt.«

»Das liegt wahrscheinlich an der Aufregung Ihrer Eltern«, vermutete Stefan Frank. »Kinder reagieren mitunter sehr sensibel auf verschiedene Stimmungen und haben feine Antennen dafür, wenn etwas nicht stimmt.«

»Diese Antennen waren wahrscheinlich gar nicht nötig.« Lorena lächelte schief. »Wenn man den Berichten meines Vaters Glauben schenken darf, war ein aufgescheuchtes Huhn harmlos im Vergleich zu meiner Mutter.«

»Kein Wunder. Wenn ich mich recht erinnere, entpuppte sich die Warze als Basalzellkarzinom.«

Stefan Frank bat seine Patientin, zuerst den Oberkörper freizumachen, damit er die Haut untersuchen konnte. Eine Gefahr bestand für Lorena dabei nicht, denn er hatte vorgesorgt und extra für seine Patientin spezielle Folien an den Fenstern anbringen lassen.

»Ich glaube, ich erinnere mich besonders gut an diese Zeit, weil es noch über drei Monate bis zur endgültigen Diagnose dauerte. Seither bin ich ein Mondscheinkind.«

Stefan Frank wusste, was das bedeutete. Bei dieser seltenen Erbkrankheit fehlte den Betroffenen ein Enzym in den Hautzellen. Bei gesunden Menschen reparierte es die Schäden in den Zellen, die das UV-Licht und dessen Strahlung verursachte. Anders bei den wenigen Menschen, die unter der sogenannten Xeroderma Pigmentosum litten. Ihre Haut reagierte mindestens tausend Mal empfindlicher auf Sonneneinstrahlung als die gesunder Menschen. Schon ein kurzer Aufenthalt im Sonnenlicht rief Entzündungen der Haut hervor. Blasen und Verbrennungen waren die Folge und führten, je nach Häufigkeit dieser Vorfälle, unweigerlich zu Hautkrebs. Wegen mangelnder Möglichkeiten, die Haut vor Verbrennungen zu schützen, erreichten die meisten Patienten früher nur ein Alter um die dreißig Jahre. Dank moderner Sonnenschutz- und anderer Hilfsmittel hatte sich diese Spanne inzwischen deutlich verlängert. Doch die Opfer, die Eltern wie Kinder dafür bringen mussten, waren erheblich.

»Anfangs haben meine Eltern auf die Empfehlungen der Schulmedizin gehört«, erzählte Lorena, während Dr. Frank ihr Blut abnahm. »Zwei lange Jahre kannte ich die Welt dort draußen nur noch ab der Dämmerung. Für mich war es natürlich ein großer Spaß, im Winter im Dunkeln einen Schlittenberg heruntersausen oder bei Taschenlampenlicht einen Schneemann zu bauen. In den Sommern in Griechenland war ich das einzige Kind, das nachts am Lagerfeuer Sandburgen bauen und schwimmen gehen durfte.« Lorena lächelte kurz, ehe sie wieder ernst wurde. »Natürlich hatte ich keine Ahnung, was das für meine Eltern bedeutete. Für sie war es eine unerträgliche Situation. Alles, was für andere Eltern normal war, wurde für sie zu einem Kraftakt. Sogar Einkaufen war eine Herausforderung. Ich durfte Mama ja nicht begleiten, und Papa war auf der Arbeit. Zum Glück hatten wir nette Freunde und Nachbarn, die uns unterstützten. Und wenn mal wirklich niemand Zeit hatte, wickelte Mama mich in ein großes Badehandtuch und fuhr los. Ein Wahnsinn war das ...« Lorena bemerkte Dr. Franks kritischen Blick und verstummte.

Nach der Blutabnahme warf er einen ersten Blick auf die Haut seiner Patientin. Der zweite Teil der engmaschigen Vorsorgeuntersuchung wurde von Dr. Eva Nachbar, Dermatologin an der Waldner-Klinik, durchgeführt.

Seine kritische Miene verunsicherte Lorena.

»Haben Sie etwas Auffälliges gefunden?«, fragte sie.

»Nein, nein, keine Sorge. Alles in bester Ordnung«, versicherte Dr. Frank schnell. »Ich dachte nur gerade an all die Probleme, die Ihre Eltern bewältigen mussten. Ganz zu schweigen von all den Einschränkungen, die Sie selbst in Kauf nehmen mussten und müssen.«

»Ach, seit ich arbeite, komme ich ganz gut klar mit meiner Krankheit«, winkte Lorena ab und zog sich wieder an. »Dadurch, dass ich meistens die Nachtschicht im Labor übernehme, kann ich auf die Schutzkleidung verzichten und sehe aus wie ein ganz normaler Mensch. Die meisten meiner Kollegen wissen gar nicht, dass ich krank bin.«

Das war auch besser so. Nie mehr wieder wollte Lorena die Feuerwehrfrau sein. Und auch nicht Ritter Rosts Frau. Das sagte sie auch Dr. Frank.

»Kinder können grausam sein«, seufzte er auf dem Weg zum Schreibtisch. »Es wäre Aufgabe ihrer Eltern, sie zu Toleranz zu erziehen.«

Endlich fand Lorena ihr Lachen wieder. Jede Untersuchung war aufregend, die Entwarnung ihres Arztes eine Erleichterung.

»Bis die Welt so weit ist, lebe ich lieber nachts!«