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Christian Bär ist zweifach geschieden, Professor der Psychologie an der LMU und bei allen sehr beliebt. Der lustige und lebensfrohe Mann hat immer ein offenes Ohr für seine Studenten und erzählt viele Anekdoten aus seinem Privatleben. Bei seinem Studentenstammtisch spricht er offen über die einzige Frau, die er jemals richtig geliebt hat. Clara ist vor fünfundzwanzig Jahren als junge Studentin ins Ausland gezogen, er jedoch ist damals in München geblieben.
Während seine Studenten heimlich beginnen, die ehemalige Liebe ihres Professors über das Internet aufzustöbern, merkt Christian bei seinen Läufen am Isarufer entlang, dass er nicht richtig fit ist. Ihm fehlt oft die Luft, und auch die Kraft in den Beinen lässt nach.
Seine Beschwerden treten vorerst in den Hintergrund, als seine Studenten ihn mit einem Videogespräch überraschen: Als er Clara auf dem Bildschirm sieht, fällt Christian aus allen Wolken. Zwischen den beiden entwickelt sich wieder eine zarte Verbindung. Stundenlang sprechen sie über die vergangenen fünfundzwanzig Jahre. Wenige Wochen später steht Clara völlig überraschend vor Christians Haustür. Die beiden erleben eine leidenschaftliche Liebesnacht. Doch Christian kann die Zeit nicht hundertprozentig genießen. Er fühlt sich erneut krank und schwach ...
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Seitenzahl: 146
Veröffentlichungsjahr: 2022
Cover
So weit mich meine Beine tragen
Vorschau
Impressum
So weit mich meine Beine tragen
Christian erkrankt am Churg-Strauss-Syndrom
Christian Bär ist zweifach geschieden, Professor der Psychologie an der LMU und bei allen sehr beliebt. Der lustige und lebensfrohe Mann hat immer ein offenes Ohr für seine Studenten und erzählt viele Anekdoten aus seinem Privatleben. Bei seinem Studentenstammtisch spricht er offen über die einzige Frau, die er jemals richtig geliebt hat. Clara ist vor fünfundzwanzig Jahren als junge Studentin ins Ausland gezogen, er jedoch ist damals in München geblieben.
Während seine Studenten heimlich beginnen, die ehemalige Liebe ihres Professors über das Internet aufzustöbern, merkt Christian bei seinen Läufen am Isarufer entlang, dass er nicht richtig fit ist. Ihm fehlt oft die Luft, und auch die Kraft in den Beinen lässt nach.
Seine Beschwerden treten vorerst in den Hintergrund, als seine Studenten ihn mit einem Videogespräch überraschen: Als er Clara auf dem Bildschirm sieht, fällt Christian aus allen Wolken. Zwischen den beiden entwickelt sich wieder eine zarte Verbindung. Stundenlang sprechen sie über die vergangenen fünfundzwanzig Jahre. Wenige Wochen später steht Clara völlig überraschend vor Christians Haustür. Die beiden erleben eine leidenschaftliche Liebesnacht. Doch Christian kann die Zeit nicht hundertprozentig genießen. Er fühlt sich erneut krank und schwach ...
»Was wird denn da getuschelt?«, wollte Christian Bär von seinen Studentinnen wissen, als er mit hochgezogenen Augenbrauen auf die erste Reihe in seinem Hörsaal zuging.
»Nichts, nichts«, wehrte Marie ab und ließ ihr Handy mit einer schnellen Bewegung zurück in der Tasche verschwinden.
Der Einundfünfzigjährige lächelte.
»Glauben Sie ja nicht, ich wüsste nicht, was Sie da mit ihrer Kommilitonin aushecken«, mit einer gespielten Drohgebärde hob er den Finger, »und sagen Sie mir nicht, dass es um ihre Partnerschaft geht!«
Der Saal lachte. Die Beziehungsprobleme der sonst sehr aufmerksamen Marie waren in den Psychologievorlesungen von Prof. Dr. Christian Bär mehr als einmal Gegenstand seiner Fallbeispiele gewesen.
»Woher wissen Sie das immer?« Marie senkte verlegen den Kopf.
»Weil ich Sie kenne«, schmunzelte der Professor und ging zurück zur Tafel, auf der er ein Quadrat anzeichnete.
»Das hier«, er klopfte mit der Kreide nacheinander die vier Ecken an, »sind die vier Ebenen der Kommunikation. Sie, Marie«, er malte ein kleines Strichmännchen mit zwei langen Zöpfen in die Mitte des Quadrats, »sind die Empfängerin der Nachricht. Sagen wir, es geht um ihren Partner, und er fragt Sie, ob Sie eingekauft haben. Die sendende Person übermittelt die Nachricht, indem sie sie in Sprache, Schrift oder Körpersprache übersetzt und nach außen, also zu Ihnen, trägt. Sie müssen die erhaltende Nachricht nun dekodieren – und verstehen dabei nicht immer das, was die sendende Person zum Ausdruck bringen wollte ...«
Der Saal kicherte, und auch Marie musste grinsen.
»Laut diesem Kommunikationsmodell gibt es vier Ebenen. Die Sachebene, die Selbstoffenbarung, die Beziehung und den Appel. Wie würden Sie, Marie, die Frage nach dem Einkauf einordnen?«
Marie dachte einen Moment nach.
»Na ja, im falschen Moment würde es mich vielleicht nerven. Ich würde denken, er macht mir vielleicht indirekt einen Vorwurf, dass ich noch nicht eingekauft habe. Oder ich würde mich auch aufregen und denken: Warum geht er denn nicht mal selbst einkaufen? Kommt natürlich drauf an, wie die Stimmung zwischen uns ist.«
»Wie die Stimmung gerade zwischen Ihnen ist«, wiederholte Christian Bär und schmunzelte. »Ich könnte wetten, egal, wie die Stimmung zwischen Ihnen ist, es ist durchaus möglich, dass Ihr Partner sich einfach nur erkundigen wollte, ob der Kühlschrank voll ist oder nicht. Es gibt Menschen, die kommunizieren am liebsten auf der Sachebene«, Christian Bär tippte auf die rechte obere Ecke, »und dann wieder andere«, er schaute Marie an, »die bevorzugen die Ecke darunter.«
Marie und ihre Freunde mussten lachen.
»Ja, ich verstehe schon«, wehrte sie ab. »Ich hab zwei Beziehungsohren, das ist leider wahr.«
»Auf der einen Seite erlaubt Ihnen das, Probleme auszumachen, bevor sie dem Sender vielleicht bewusst sind.
Das ist etwas Gutes. Der Reflex, erst mal alles mit dem Beziehungsohr zu hören, macht Dinge aber auch manchmal kompliziert.«
Fast alle im Saal mussten grinsen.
»Ich glaube, das kennen wir alle«, sagte Marie und lächelte gequält.
»Ich will auch gar nicht auf Ihnen herumreiten, aber vielleicht kann das Schaubild ja beim nächsten Missverständnis helfen«. Der Professor zwinkerte Marie zu und fuhr mit seinem Unterricht fort.
***
»Aber ein bisschen wahnsinnig ist es schon«, stellte Markus fest, als er nach der Vorlesung zusammen mit seiner Lerngruppe, zu der auch Marie gehörte, in der Kantine der Uni saß. »Irgendwie weiß der Bär ja fast alles.«
»Ja«, stimmte Marie zu, »es ist, als könnte er in unsere Köpfe schauen.«
»Andererseits hat der ja auch nix anderes zu tun, als sich den ganzen Tag mit irgendwelchen Psychologiethemen zu beschäftigen« war sich Maries Freundin Anne sicher, »ich glaube, der macht nichts, außer Lesen und auf irgendwelche Tagungen zu fahren. Habt ihr gesehen? Der hat schon wieder drei Vorträge diesen Monat.«
»Ja, unser Prof ist ziemlich beschäftigt«, stimmte Markus zu, der Christian Bär sehr bewunderte, »aber dass er nichts tut, außer Lesen, kann ich nicht bestätigen. Ich kann euch eins sagen, der Bär ...«, wissend lehnte er sich über den Tisch und baute Spannung bei seinen Mitstudenten auf, »der ist eine richtige Sportskanone. Läuft jeden Morgen eine Stunde an der Isar entlang. Ich habe ihn dort letztens zufällig getroffen. Er meint, er trainiert für den Halbmarathon.«
»Ach, was« entfuhr es Marie beeindruckt. »Dass der noch so fit ist, hätte ich nicht gedacht.«
»Warum?«, wunderte sich Markus.
»Er sieht doch gut aus. Also für sein Alter. Im Vergleich zu meinem Vater ...«
»Ja« stimmte Marie zu, »mein Vater sieht gegen den Bär auch blass aus.«
»Stellt euch mal vor, ihr hättet so einen wie den Bär als Vater« dachte Anne laut nach, »man könnte immer mit allen Liebesproblemen zu ihm gehen und er würde einem immer helfen.«
»Ich wünschte, ich könnte mit meinem Vater überhaupt mal ein Gespräch über Gefühle führen« gestand Markus resigniert, »umso glücklicher haben wir es getroffen, dass wir die Vorlesung bei Professor Bär besuchen können und vor allem« Markus Gesicht erhellte sich augenblicklich,
»haben wir ja mit unserer kleinen Lerngruppe einen Vorteil.«
Christian Bär hatte für die fleißige Lerngruppe einen Stammtisch einberufen, an dem er im Zweiwochentakt selbst teilnahm und für allerlei Fragen zur Verfügung stand.
»Das stimmt«, Marie packte ihre Sachen zusammen, »und damit das so bleibt, muss ich langsam heim, sonst schaffe ich meine Hausaufgabe nicht.« Christian Bär gab jedem Teilnehmer eine kleine Hausaufgabe, die meistens etwas damit zu tun hatte, die eige-
nen Muster zu durchbrechen.
»Was musst du diesmal machen?«, hakte Markus nach.
»Ein Kleidungsstück zurückgeben«, grummelte Marie wenig begeistert.
Die Gruppe schaute sie fragend an.
»Na, weil mir doch alles immer so peinlich ist. Doktor Bär meinte, ich solle im Kleinen üben, wie das geht.
Also Nein sagen oder eben auch mal etwas zu beanstanden« Marie seufzte,
»deswegen habe ich mir gestern eine Hose gekauft, in die ich definitiv nicht reinpasse.«
Ihre Freunde lachten.
»Du schaffst das schon« ermutigte Markus sie. »Soll ich dich begleiten?«
»Nein«, antwortete Marie entschlossen, »das muss ich alleine machen. Sonst hat die Übung ja keinen Sinn. Aber ich erzähl euch morgen beim Stammtisch davon.«
»Mach das« Markus umarmte seine Freundin zum Abschied, »und viel Erfolg!«
»Ohne den Bär würde ich das nie machen« war Marie sich sicher.
»Wer hätte gedacht, dass ein normales Unistudium so herausfordernd ist.«
***
Mit einem letzten Blick in den Spiegel überprüfte Christian Bär sein Outfit. Das schnittige, schwarze Hemd stand ihm gut und betonte, dass er, im Gegensatz zu seinen gleichaltrigen Kollegen an der Uni, durchaus noch ein enges Hemd tragen konnte.
Als er seine kleine Stadtvilla im Münchener Stadtteil Grünwald verließ, entschied er sich gegen den Fußweg und suchte stattdessen nach seinem Fahrradschlüssel. Während viele Professoren mit schicken Autos durch München fuhren, hatte Christian Bär seit seiner Studentenzeit an seinem Lieblingstransportmittel, dem Fahrrad, festgehalten.
»Das gibt's doch nicht« lachte Bärbel, seine Ex-Frau, als sie ihn wenige Minuten später auf seinem Fahrrad angefahren kommen sah. »Wann schmeißt du das alte Ding endlich mal weg?«
Entrüstet schüttelte Christian Bär den Kopf.
»Niemals. So gut solltest du mich doch nach all den Jahren kennen.«
Die beiden Ex-Ehepartner lachten und umarmten sich herzlich.
»Wie schön, dass es mal wieder klappt« gestand Bärbel lächelnd, die vor Christians italienischen Lieblingsrestaurant auf ihn gewartet hatte. »Wir haben einen ganz süßen Tisch bekommen«, freute sie sich.
Obwohl die beiden sich vor über fünf Jahren dazu entschieden hatten, getrennte Wege zu gehen und sich scheiden zu lassen, waren sie immer noch eng miteinander verbunden.
»Das klingt doch mal klasse« stimmte Christian in die Vorfreude mit ein und schloss sein Fahrrad ab. »Gut schaust du aus!«, machte er seiner Ex-Frau ein ehrlich gemeintes Kompliment. Auch wenn er festgestellt hatte, dass die Ehe mit Bärbel ein Fehler gewesen war, sah er sie trotzdem noch als attraktive, tolle Frau. »Ich bin schon gespannt, was es so zu erzählen gibt. Ich habe gehört, ihr wart zusammen in den Pyrenäen?«
Dass seine Ex-Frau nach ihm schnell wieder geheiratet hatte, störte Christian nicht im Geringsten. Ganz im Gegenteil. Er war froh, dass Bärbel einen guten Ersatz für ihn gefunden hatte, hatte er ihr doch ohnehin nie ganz das geben können, wonach sie sich gesehnt hatte.
»Wie geht es Richard denn?«, wollte Christian wissen. Noch bevor die beiden in tiefe Gespräche verfallen konnten, hob er die Hand. »Einen Moment, ich muss kurz Hallo sagen«, sagte er und ging zielstrebig auf den Nachbartisch zu. »Herr Doktor Frank«. Christian Bär streckte seinem Hausarzt die Hand entgegen.
»Ach, hallo« erwiderte dieser überrascht. Freudig erhob sich der Allgemeinmediziner und schüttelte die Hand seines Patienten. »Wie ich sehe, haben Sie einen guten Geschmack.«
Die beiden Männer lachten.
»Ja, ich liebe das Rossi. Das Essen, die Atmosphäre, der Service«, zählte Christian auf und geriet richtig ins Schwärmen.
»Geht mir ebenso«, nickte Dr.
Frank zustimmend.
»Sind Sie alleine hier? Wollen Sie uns Gesellschaft leisten?«, bot Christian seinem Hausarzt an, zu dem er ein äußerst gutes Verhältnis hatte.
»Nein, nein« wehrte Stefan Frank ab. »Das ist nett, aber ich warte noch auf meine Freundin.«
»Na, dann ist's ja umso schöner«, verabschiedete sich der Professor und ging zu dem Tisch, an dem Bärbel bereits Platz genommen hatte. »Ich wusste gar nicht, dass mein Hausarzt eine Freundin hat«, flüsterte er seiner ExFrau zu.
»Ja, und?«, entfuhr es ihr, und sie verstand nicht ganz, worauf er hinauswollte.
»Irgendwie haben alle Beziehungen, außer ich« teilte Christian seine Gedanken ehrlich mit seiner Verabredung. »Dabei würde man meinen, ich sollte ein Experte auf diesem Gebiet sein.«
Bärbel lächelte. »Nur weil du fachlich viel drauf hast, heißt das nicht, dass du alles für dich anwenden kannst, was du weißt. Ich meine, du hast tolle Ansichten, bist äußerst sensibel, eigentlich ein Traummann. Aber das hilft alles nichts, wenn dein Herz nicht zu einhundert Prozent bei der Sache ist.«
Christian zuckte mit den Schultern.
»Vielleicht hast du recht. Ich meine, du kennst mich sehr gut.«
»Sehr gut«, wiederholte Bärbel schmunzelnd. »Wenn du dir wirklich wieder ein Beziehung wünschst, dann freut mich das. Ehrlich, ich will, dass du glücklich wirst. Hast du denn schon mal daran gedacht, wieder ernsthaft zu daten?«
»Ja, hier und da schon«, gab er zu.
»Was hält dich denn auf? Ich denke, du würdest einschlagen bei der Frauenwelt. Du hast Humor, bist liebevoll, hast einen interessanten Job« zählte sie seine Vorzüge auf, »arm bist du auch nicht. Ich meine, was will man mehr als Frau?«
»Ach, ich weiß auch nicht. Vielleicht bald mal. Ich werde es dich jedenfalls wissen lassen« versicherte er ihr, »aber jetzt lass uns erst mal was zu trinken bestellen. Hättest du Lust auf einen Aperitif?«
»Ist das eine ernst gemeinte Frage?«, zog sie ihn auf und lachte.
»Dann würde ich sagen, zwei Aperol Spritz«, entschied Christian und bestellte die beiden Getränke, um mit seiner inzwischen guten Freundin anzustoßen.
***
Als er sich bei Bärbel für den netten Abend bedankt und von ihr verabschiedet hatte, schlenderte Christian, mit seinem Fahrrad in der einen und der kleinen Tartufo-Praline, die man im Rossi immer zum Abschied erhielt, in der anderen Hand, alleine nach Hause.
»Professor Bär«, hörte er plötzlich eine bekannte Stimme hinter sich und drehte sich um.
»Ach, schon wieder«, lachte er und ließ schnell die Praline in seinem Mund verschwinden, damit er der Begleitung von Dr. Frank die Hand reichen konnte. »Entschuldigen Sie bitte, falls noch etwas Kakao auf meinen Händen ist.«
Die Freundin von Dr. Frank lächelte.
»Das kann schon mal passieren, wenn man im Rossi war«, erwiderte sie verständnisvoll.
»Das ist Herr Bär, mein Patient. Er ist Professor der Psychologie und unterrichtet an der LMU« erklärte Dr. Frank seiner Freundin, »und das ist Alexandra Schubert, meine Freundin.«
»Sehr erfreut« versicherte Christian und schüttelte die Hand von Alexandra. »Ich habe sie schon öfter in der Nachbarschaft gesehen, kann das sein?«
»Ja, vielleicht. Ich habe meine Augenheilpraxis gleich um die Ecke«, erklärte sie.
»Ach, was, Sie sind auch Ärztin?«, wollte Christian wissen.
»Ja, eine verdammt gute«, warf Dr.
Frank stolz ein.
»Ach«, winkte Alexandra ab.
»Doch«, beharrte Stefan Frank auf seinem Kompliment, »du hast einen messerscharfen Verstand.«
»Danke«, entgegnete Alexandra und wurde ganz verlegen.
»Das ist kein Grund, sich zu schämen. Es ist wunderbar, wenn man in seiner Partnerschaft für solche Dinge geschätzt wird«, sagte Christian bewundernd.
»Da haben sie natürlich recht« stimmte Alexandra dem Psychologieprofessor zu. »Ich habe sehr viel Glück, einen Mann wie Stefan kennengelernt zu haben.«
»Ich bin sicher, das sieht er ganz genauso.« Christian freute sich, ein Paar zu sehen, dem es miteinander so gut zu gehen schien.
»Ja, ich sehe das genauso. Dass ich noch mal jemanden wie Alexandra kennengelernt habe, das ist ein wahnsinniges Glück.«
»Wenn sich beide bewusst sind, wie wertvoll die Beziehung ist, kann einen eigentlich nichts mehr erschüttern«, sagte Christian Bär überzeugt.
Das Ärztepaar strahlte sich verliebt an, und Christian wollte nicht weiter stören.
»Es war mir eine Freude, Sie kennenzulernen«, verabschiedete er sich.
»Und wir sehen uns ja eh am Freitag, richtig?«, erinnerte Dr. Frank seinen Patienten an dessen Termin bei ihm in der Praxis.
»Ja, genau«. Christian hatte, wie jedes Mal vor einem wichtigen Marathonlauf, einen Kontrolltermin in der Praxis von Dr. Frank ausgemacht. »Bis Freitag. Und einen schönen Abend Ihnen noch!«
Leicht melancholisch schaute er dem schönen Paar hinterher und fragte sich, wann er das letzte Mal so glücklich gewesen war wie die beiden. Es musste lang her gewesen sein. Wenn er ehrlich zu sich war, mehrere Jahrzehnte. Obwohl er in der Zwischenzeit zwei Ehen hinter sich hatte, konnte er zu seinem Bedauern nicht behaupten, jemals über beide Ohren verliebt gewesen zu sein. Nur dieses eine Mal.
Christian Bär musste sofort lächeln. Die Studenten hatten es beim letzten Stammtisch aus ihm heraus gekitzelt und seine Erinnerungen wieder lebendig werden lassen. Dabei war es nicht so, als hätte er sie vergessen. Sie, Clara, die junge Biologiestudentin, die er damals in München kennengelernt hatte, als er selbst noch studierte. Groß, schlank und hellblond. Sie hatte kastanienbraune Augen gehabt, aufmerksam und gescheit hatte sie ausgesehen. Ihre lange, schmale Nase war im Sommer übersäht gewesen mit kleinen frechen Sommersprossen – einfach wunderschön.
Nur einen Sommer hatten sie zusammen verlebt. Dann war sie zum Auslandssemester weggegangen, irgendwas Skandinavisches, er konnte sich nicht mehr erinnern. Woran er sich aber erinnern konnte, war die Leere, die er seit ihrem Weggang bis zum heutigen Tag immer mal wieder fühlte.
Natürlich waren die Momente, in denen er an sie dachte, weniger geworden und manchmal sogar jahrelang verschwunden. Doch immer wenn er dachte, sie vollständig vergessen zu haben, schlich sie sich doch wieder in seine Gedanken.
Christian schüttelte den Kopf. Er wusste, dass seine Vorstellung von Clara eben nicht mehr war als das: eine Vorstellung. Die beiden waren zum Zeitpunkt ihrer Romanze sehr jung gewesen, und er versuchte sich einzureden, dass sie wahrscheinlich inzwischen gar nicht mehr zueinander passten. Außerdem war eine Frau wie sie sicher verheiratet.
Er konzentrierte sich lieber auf die Gegenwart. So hatte er immer gelebt: Wenn ihm eine Frau gefiel, war er sich nicht zu schade, sich um diese zu bemühen, meist mit Erfolg. Das Problem war nur, dass ihm schon lange keine Frau mehr so richtig gefallen hatte. Er seufzte. Vielleicht hatte Bärbel recht, er sollte wieder anfangen zu daten. Was habe ich schon zu verlieren, dachte er und beschloss, seine Augen in nächster Zeit besonders offen zu halten nach potenziellen neuen Partnerinnen. Vielleicht hatte er genauso ein Glück wie sein Hausarzt Dr. Frank.
***
Entschlossen ging Dr. Bär auf die Gruppe Studenten zu, die sich vor dem Hörsaal in einem kleinen Grüppchen zusammengefunden hatten.
»Markus, Marie, Anne« grüßte er und nickte den dreien zu. »Es wird Sie sicher freuen zu hören, dass ich einverstanden bin.«
»Womit?«, wollte Marie wissen und schaute ihren Professor fragend an.
»Mit ihrem Plan« Christian Bär senkte seine Stimme, damit vorbeikommende Kollegen das Gespräch nicht mithören konnten, »Sie wissen schon«, flüsterte er.
»Nein«, flüsterte Marie zurück.
»Sie meinen unser Gespräch vor zwei Wochen?«, warf Markus ein.
»Richtig«, nickte Christian Bär und schaute die Gruppe verschwörerisch an. »Wir besprechen dann alles heute Abend, beim Stammtisch. Und Marie, ich hoffe, Sie haben ihre Aufgabe ernst genommen.«
Noch bevor Marie zustimmen konnte, war der Professor im Hörsaal verschwunden, den er für die Studenten erst in ein paar Minuten öffnen würde.
»Was meint er?« Verdutzt schaute Anne ihren Kommilitonen an.
»Wie könnt ihr das nur vergessen haben?« Belustigt blickte Markus seine beiden Freundinnen an. »Gerade ihr!«
»Was soll das denn heißen?« Marie runzelte die Stirn.
»Hallo, Mädels! Aufwachen! Unser Plan. Professor Bär zu verkuppeln. Erinnert ihr euch nicht mehr?«
»Ach so!«, entfuhr es den beiden wie aus einem Mund.
