12,99 €
10 spannende Arztromane lesen, nur 7 bezahlen!
Dr. Stefan Frank - dieser Name bürgt für Arztromane der Sonderklasse: authentischer Praxis-Alltag, dramatische Operationen, Menschenschicksale um Liebe, Leid und Hoffnung. Dabei ist Dr. Stefan Frank nicht nur praktizierender Arzt und Geburtshelfer, sondern vor allem ein sozial engagierter Mensch. Mit großem Einfühlungsvermögen stellt er die Interessen und Bedürfnisse seiner Patienten stets höher als seine eigenen Wünsche - und das schon seit Jahrzehnten!
Eine eigene TV-Serie, über 2000 veröffentlichte Romane und Taschenbücher in über 11 Sprachen und eine Gesamtauflage von weit über 85 Millionen verkauften Exemplaren sprechen für sich:
Dr. Stefan Frank - Hier sind Sie in guten Händen!
Dieser Sammelband enthält die Folgen 2290 bis 2299 und umfasst ca. 640 Seiten.
Zehn Geschichten, zehn Schicksale, zehn Happy Ends - und pure Lesefreude!
Jetzt herunterladen und sofort eintauchen in die Welt des Dr. Stefan Frank.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 1225
Veröffentlichungsjahr: 2021
Stefan Frank
Dr. Stefan Frank Großband 10
Cover
Impressum
Emil wird großer Bruder
Vorschau
Emil wird großer Bruder
Dramatischer Roman um einen außergewöhnlichen Jungen
Der siebenjährige Emil hat einen riesengroßen Wunsch: Er möchte großer Bruder werden! Doch leider wird das wohl nie passieren, denn Emil ist ein Waisenkind. Seine Eltern starben vor zwei Jahren bei einem grausamen Verkehrsunfall – und mit ihnen starb das Geschwisterchen, das damals im Bauch von Emils Mama heranwuchs …
Claudia Trautmann, Emils Klassenlehrerin, ist zutiefst bewegt vom Schicksal des kleinen Jungen. Dabei wäre gerade Emil so ein toller großer Bruder, mitfühlend und sozial, wie der Junge ist. Aber das Leben ist nun mal nicht gerecht, das weiß niemand besser als sie. Immerhin hat auch sie schon mal einen Menschen verloren, den sie über alles geliebt hat: ihr eigenes Kind! Deshalb kümmert sie sich jetzt besonders intensiv um ihren Schützling, ohne zu ahnen, dass das Schicksal ganz eigene Pläne mit Emil und ihr hat …
„So, ihr wilden Halunken – und jetzt raus mit euch! Daheim in eurer Räuberhöhle wartet bestimmt schon der Wildschweinbraten zum Abendessen.“
Lachend klappte Dr. Stefan Frank die „Wunderkiste“ zu, in der Schwester Martha, seine patente Sprechstundenhilfe, Spielfiguren und allerlei kunterbunten Krimskrams für kleine Patienten sammelte. Die zwölf Jungen und Mädchen aus dem Kinderheim „Sonnenwinkel“, die mit ihrer Betreuerin zur Auffrischungsimpfung in seiner Praxis erschienen waren, hatten sich gerade nach Herzenslust daraus bedient. Jetzt stürmten sie tatsächlich wie eine Horde wilder Räuber johlend aus dem Behandlungszimmer.
Einzig der siebenjährige Emil blieb ein wenig schüchtern an der Tür stehen. An der Hand hielt er ein gleichaltriges Mädchen, das sich duckte, als hätte es große Angst.
Emil war ein bemerkenswerter Junge, fand Dr. Frank. Vor der Spritze, mit der die Kombinationsimpfung verabreicht wurde, fürchteten sich die meisten Kinder ein bisschen. Jungen versuchten meist, diese Furcht durch überlautes Lärmen zu verbergen, während Mädchen sich in Gruppen zusammendrängten und nervös kicherten. Das kleine Mädchen, das Emil an der Hand hielt, hatte jedoch allein gestanden und vor Angst am ganzen Körper gezittert.
Statt mit seinen Kameraden zu lärmen und durch die Praxis zu toben, war Emil die ganze Zeit über bei seiner kleinen Freundin geblieben, hatte sie im Arm gehalten und beruhigend auf sie eingesprochen. Jetzt hielt er ihre Hand ganz fest in der seinen, während er Stefan Frank mit seinen großen, hellen Augen bittend ansah.
„Na, Emil“, wandte sich Stefan Frank mit einem Lächeln an ihn. „Du machst sein Gesicht, als hättest du noch etwas ganz Dringendes auf dem Herzen.“
Emil nickte heftig.
„Dann mal raus mit der Sprache.“
„Es ist wegen Rosi“, antwortete der Junge hastig und wies mit einer Kopfbewegung auf seine kleine Freundin. „Sie hätte aus Ihrer Wunderkiste so gern einen Anspitzer gehabt wie Jonas und Nadine, aber die anderen haben sie beiseite geschubst. Und jetzt ist sie ganz traurig. Sie malt nämlich ganz tolle Bilder, aber sie kann ihre Stifte nicht mehr spitzen, weil sie keinen Anspitzer hat.“
„Ich verstehe“, erwiderte Stefan Frank. „Du bist ja ein richtiger Ritter, Emil, so wie du dich für deine Freundin Rosi einsetzt.“
Auf Emils rundes Jungengesicht trat ein Strahlen.
„Ich wäre ganz doll gerne ein Ritter!“, rief er. „Ich lese nämlich Geschichten von den Rittern so gerne. Die anderen finden das altmodisch, die mögen lieber Computerspiele, aber ich leihe mir jede Woche aus der Schulbibliothek ein neues Ritterbuch.“
„Du kannst schon alleine ganze Bücher lesen, Emil?“, staunte Dr. Frank. „Hast du nicht im letzten Sommer erst mit der Schule angefangen? Du warst doch damals hier bei mir zur Einschulungsuntersuchung.“
Stolz und ein wenig verlegen nickte Emil. „Meine Lehrerin, Frau Trautmann, sagt auch, ich habe es schnell gelernt. Aber das ist nur, weil Frau Trautmann die tollste Lehrerin auf der Welt ist.“
„Das nenne ich mal ein Kompliment!“ Dr. Frank lachte.
„Emil kann wirklich toll lesen“, ließ sich die kleine Rosi mit winziger Stimme vernehmen. „Er liest mir immer die schönen Geschichten von den Rittern und ihren Pferden vor. Am liebsten mag ich die von den Prinzessinnen, die von den Rittern gerettet werden und mit ihnen auf den Pferden reiten dürfen.“
„Und Rosi malt mir dafür Bilder“, ergänzte Emil. „Zuletzt hat sie mir eins von einer richtigen großen Ritterburg gemalt. Für die Wand über meinem Bett – mit Fahnen und Türmen und allem drum und dran. Deshalb sind jetzt auch all ihre Buntstifte abgenutzt, und sie kann nicht mehr weitermalen.“
„Na, dann wollen wir mal sehen, was wir für die junge Künstlerin tun können.“ Mit einem Schmunzeln zwinkerte Stefan Frank seiner Sprechstundenhilfe Martha Giesecke zu, die am Beistelltisch stand und die Impfpässe der Kinder ausfüllte.
Die gewitzte Berlinerin, die seit Jahr und Tag als guter Geist in seiner Praxis tätig war, verstand sofort. Rasch öffnete sie eine geheime Schublade und förderte unter allerlei Gegenständen einen leuchtend pinken Anspitzer zutage.
„Wie wär’s denn mit dem?“, fragte sie. „Ließe sich damit die Zeichenausrüstung wieder auf Vordermann bringen?“
Das glückselige Lachen der kleinen Rosi war Gold wert. Sie traute sich kaum, das kostbare Geschenk entgegenzunehmen.
„Danke“, wisperte sie leise. „Ich weiß gar nicht, warum Sie so nett zu mir sind.“
„Warum soll man zu netten Kindern denn nicht nett sein?“, fragte Schwester Martha. „So, jetzt aber ab durch die Mitte mit euch, sonst wird der Herr Doktor hier heute gar nicht mehr fertig. Der muss nämlich noch rasch mit eurer Tante Wittkowski besprechen, wer von euch einen neuen Termin braucht.“
Eigentlich war die Anrede „Tante“ in Kinderheimen schon seit Langem überholt. Gerda Wittkowski, die Erzieherin vom „Haus Sonnenwinkel“, kümmerte sich jedoch seit bald vierzig Jahren mit so viel aufopfernder Hingabe um ihre Schützlinge, dass das liebevolle Wort einfach passte. Sie war für die Kinder, die sie betreute, immer „Tante Wittkowski“ gewesen und würde es bis zum Rentenalter bleiben, ganz egal, was für neue Vorschriften ständig von den Behörden ausgegeben wurden.
Emil und Rosi verabschiedeten sich und schlüpften Hand in Hand aus dem Zimmer. Fast unmerklich zog Emil dabei das linke Bein nach.
Stefan Frank, der den Jungen behandelte, seit er im Kinderheim „Sonnenwinkel“ lebte, kannte den Grund: Bei dem furchtbaren Verkehrsunfall, bei dem Emil vor zwei Jahren seine Eltern verloren hatte, war sein Bein in dem zerschmetterten Wagen eingequetscht worden. Ärztliche Kunst hatte ihm in mehreren komplizierten Operationen das Gehvermögen zurückgegeben, doch wenn er sich überanstrengte, begann er zu hinken. Ein Fußballstar oder Olympiasieger würde wohl nie aus ihm werden.
Aber ein Ritter, dachte Stefan Frank. Dazu waren nämlich Mut und Herz wichtiger als zwei gesunde Beine.
„Zwei besonders reizende Kinder“, sagte er zu Gerda Wittkowski, nachdem diese mit Schwester Martha die benötigten Termine vereinbart hatte. „Rosi ist neu bei Ihnen, nicht wahr? Schön, dass Emil in ihr eine Freundin gefunden hat, er kam mir doch immer etwas einsam vor.“
„Ja, Emil ist einfach anders als die anderen Jungen“, stimmte die Lieblingserzieherin der Kinder ihm zu. „Er ist weicher, empfindsamer, und er denkt mehr nach. Da hat er unter unseren Raufbolden natürlich keinen leichten Stand. Er und Rosi haben sich dagegen gesucht und gefunden. Die beiden sind fast gleichalt, Rosi ist nur wenige Tage jünger. Ein besonders trauriger Fall, und leider werden sie und Emil Ende des Monats schon wieder voneinander getrennt.“
„Warum denn das?“, fragte Dr. Frank.
„Wir haben sie nur als Notfall aufgenommen“, antwortete Gerda Wittkowski. „Bei ihren sogenannten Eltern musste sie so schnell wie möglich weg. Dort ist sie nicht nur völlig vernachlässigt worden, sondern auch beschimpft und niedergemacht, sodass ihre Kinderseele tiefe Narben davongetragen hat. Sogar Schläge hat dieser kleine Mensch erdulden müssen.“
„Nicht zu fassen“, empörte sich Schwester Martha. „Manchen Leuten sollte man wirklich verbieten, Kinder zu bekommen.“
„Da kann ich Ihnen nur recht geben“, sagte Gerda Wittkowski. „Und dabei ist Rosi ein adoptiertes Kind, um das die Familie sich damals händeringend bemüht hat. Einer dieser typischen Fälle, bei denen das angenommene Kind auf einen Schlag nichts mehr zählt, sobald sich ein leibliches anmeldet. Von einem Tag auf den andern wurde die kleine Rosi von der Tochter des Hauses zum unerwünschten Eindringling degradiert. Kein Wunder, dass sie sich wertlos und abgeschoben fühlt. Wir können von Glück sagen, dass sie zu Emil Vertrauen gefasst hat, aber …“
„… aber Sie haben keinen freien Platz für die Kleine“, beendete Stefan Frank an ihrer Stelle den Satz. Dass das Heim seit Jahren mit Überbelegung zu kämpfen hatte und ihm an allen Ecken und Enden Mittel fehlten, war ihm leider nur allzu gut bekannt.
„Sie sagen es, Herr Doktor.“ Gerda Wittkowski seufzte. „Wir haben sowieso schon viel zu viele Kinder aufgenommen und können für jedes einzelne nicht die Zeit aufbringen, die ein kleiner Mensch doch dringend benötigt. Ein Kind, das durch schlimme Erlebnisse so tief verunsichert ist wie Rosi, geht bei uns einfach unter. Deshalb wechselt sie Ende des Monats in eine Einrichtung am Ammersee. Das Heim hat einen guten Ruf, sie ist dort sicher besser aufgehoben, aber für Emil wird es hart werden.“
„Ja, das denke ich auch“, erwiderte Stefan Frank besorgt. „Es tut mir in der Seele weh, dass der Junge nun schon wieder einen Menschen, dem er sein Herz geschenkt hat, verlieren muss. Schließlich hat er wahrlich genug durchgemacht, als seine Eltern damals bei dem Unfall umgekommen sind.“
„Und sein kleines Geschwisterchen“, ergänzte Schwester Martha. „Seine Mutter war doch schwanger, als der Unfall passiert ist, richtig? Emil hat mir erzählt, wie sehr er sich darauf gefreut hat, endlich ein großer Bruder zu werden.“
Gerda Wittkowski lachte, aber es klang nicht froh.
„Ja, das ist für unseren Emil wirklich der größte Traum“, bestätigte sie. „Und er wäre bestimmt der beste große Bruder geworden, den man sich wünschen kann! Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr ich mir für ihn wünsche, dass er eine neue Familie findet, in der es vielleicht auch ein Geschwisterchen für ihn geben kann.“
„Ich habe mich auch schon gefragt, warum Emil eigentlich noch keine Adoptiveltern gefunden hat“, sagte Stefan Frank. „Das Jugendamt schickt Paare, die sich ein Kind wünschen, doch zu Ihnen, damit sie die Kinder kennenlernen können, oder nicht? Man sollte meinen, einem so liebenswerten, aufgeweckten Jungen wie Emil würden die Herzen nur so zufliegen.“
„In der Tat, das sollte man meinen“, stimmte Gerda Wittkowski zu. „Emil ist überall beliebt. Seine junge Lehrerin hat regelrecht einen Narren an ihm gefressen, und auch wir Betreuerinnen lieben ihn sehr, obwohl wir ja kein Kind bevorzugen dürfen. Leider finden sich Adoptiveltern aber meist nur für kleine, süße Babys. Wenn es darum geht, ein älteres Kind aufzunehmen, noch dazu eines, das nicht ganz perfekt ist, schrecken die meisten potenziellen Eltern zurück.“
„Aber Emil ist doch perfekt!“, fuhr Schwester Martha entrüstet auf.
„Das finde ich auch“, entgegnete Gerda Wittkowski traurig. „Leider sehen gerade potenzielle Väter das aber oft anders. Die wollen einen Sohn, mit dem sie auf den Fußballplatz gehen und herumtoben können.“
„Armer Emil“, sagte Stefan Frank. „Das ist wirklich bitter. Er muss sich regelrecht ungewollt vorkommen – ein Wunder, dass er sich trotzdem ein so heiteres, freundliches Wesen bewahrt hat.“
„Das können Sie laut sagen“, erwiderte Gerda Wittkowski. „Und ich gebe die Hoffnung noch nicht auf, dass auch für Emil die Sonne wieder scheinen wird. Unseren Bewerbern zeige ich seine Akte jedenfalls immer zuerst. Irgendwann muss doch einfach ein aufgeschlossenes Paar sich entscheiden, dem Jungen eine Chance zu geben. Und dann bete ich insgeheim noch darum, dass es Leute sind, die reiten. Das wünscht er sich doch so sehr, wie ein richtiger Ritter im Sattel eines Pferdes zu sitzen. Die anderen Jungen verspotten ihn deswegen schon. Sie meinen, mit seinem Bein kommt er im Leben auf kein Pferd.“
„Unsinn“, entgegnete Stefan Frank und nahm sich vor, selbst die Augen und Ohren für Emil offenzuhalten. Anton Sellin fiel ihm ein, der Reittherapeut, der am Rand von Grünwald seinen Reiterhof betrieb. Stefan hatte schon des Öfteren Patienten zu ihm überwiesen, die seelisch und körperlich von dem Umgang mit Anton Sellins sanften Pferden profitierten.
Eine Reittherapie für Emil würde die Krankenkasse mit Sicherheit nicht bewilligen. Stefan Frank war jedoch überzeugt, dass Anton Sellin den Jungen einmal umsonst reiten lassen würde. Wenn Stefan je einen Mann mit einem großen Herzen gesehen hatte, dann war es der Reittherapeut. Der junge Mann liebte Kinder über alles – vermutlich, weil er selbst im Herzen ein wenig Kind geblieben war.
***
Die Schulglocke klingelte.
„So, Schluss für heute!“, verkündete Claudia Trautmann lächelnd. „Hausaufgaben gibt es ausnahmsweise keine – das schöne Wetter muss man schließlich zum Spielen ausnutzen!“
Kaum hatte sie zu Ende gesprochen, brachen fünfundzwanzig Erstklässler in ohrenbetäubenden Jubel aus.
Claudia Trautmann musste lachen. Wer nie als Lehrerin in einer Grundschule gearbeitet hatte, konnte sich unmöglich vorstellen, zu was für Lärm eine Horde so kleiner Menschen in der Lage war.
Hastig stopften die Jungen und Mädchen ihre Schulbücher in die Ranzen und stürmten fröhlich hinaus auf den Hof, wo ihre Mütter oder Väter schon darauf warteten, sie in die Arme zu schließen. Nur ein einzelner Junge hatte keine Eile: Emil Bechtler.
Langsam und sorgfältig packte er Hefte und Federmäppchen ein. Auf ihn wartete weder eine Mama noch ein Papa mit ausgebreiteten Armen. Emil war ein Heimkind und musste auf dem Schulhof warten, bis auch das letzte Kind aus dem „Sonnenwinkel“ Schluss hatte und die rührige Gerda Wittkowski alle zusammen abholte.
Außerdem wusste Emil, dass er mit seinen Sachen sorgfältig umgehen musste. Das Heim konnte nicht ständig Neues anschaffen, wie es viele Eltern taten.
Dem Siebenjährigen schien das jedoch nichts auszumachen. Er gehörte nicht zu den Kindern, die Dinge achtlos behandelten, und über sein schweres Schicksal beklagte er sich so gut wie nie.
Lediglich als seine kleine Freundin vor ein paar Wochen das Heim verlassen musste, hatte er den Kampf gegen die Tränen, die für ein Kind doch so normal waren, verloren.
„Wie schade, dass Sie Rosi nicht kennenlernen konnten, Frau Trautmann“, hatte er zu Claudia gesagt. „Sie wäre bestimmt in unsere Klasse gekommen, wenn sie länger bei uns geblieben wäre. Aber im ‚Sonnenwinkel‘ war ja kein Platz mehr für sie …“
An dieser Stelle hatte dem tapferen Jungen die Stimme versagt.
Als Lehrerin musste Claudia darauf achten, kein Kind bevorzugt, sondern alle gleich zu behandeln. Doch an jenem Tag hatte sie sich nicht länger beherrschen können: Sie hatte den kleinen Emil in die Arme gezogen. Endlich war der Damm gebrochen, und der Junge hatte sich einmal gründlich ausgeweint.
Claudia hatte selbst schlucken müssen, und sie musste es noch immer, wenn sie an den Tag zurückdachte. Sie war mit Leib und Seele Grundschullehrerin und liebte jeden ihrer kleinen Schüler, aber Emil hatte sie mehr als alle anderen ins Herz geschlossen. Das hatte natürlich damit zu tun, dass Emil, der kleine Ritter, ein ungewöhnlich liebenswerter Junge war und dass er als elternloses Kind ihre Zuwendung besonders brauchte.
Darüber hinaus gab es jedoch noch einen anderen Grund, über den Claudia mit keinem Menschen auf der Welt hätte sprechen können: Der kleine Emil rief in ihr Erinnerungen an das traurigste Geheimnis ihres Lebens wach. Wenn sie mit dem Jungen zusammen war, hatte sie das Gefühl, einen winzigen Teil einer Schuld abzutragen, die sie bis an ihr Lebensende verfolgen würde.
„Na, Emil? Willst du bei dem schönen Wetter gar nicht nach draußen?“, sprach sie den Jungen jetzt an. „Du könntest doch noch ein bisschen in der Sandgrube spielen, bis eure Tante Wittkowski euch abholen kommt.“
Emil hatte seine Tasche längst fertig gepackt. Erwartungsvoll blickte er zu ihr auf.
„Ich habe noch gewartet, weil ich Ihnen etwas erzählen wollte, Frau Trautmann“, sagte er. Über seine Wangen breitete sich sein unverkennbares Strahlen, das Claudias Herz zum Schmelzen brachte.
Also war das, was er ihr erzählen wollte, etwas Schönes!
„Na dann mal los, ehe ich vor Neugier platze“, forderte sie ihn auf.
Der Blick der hellen Kinderaugen traf den ihren, und das Glück, das daraus leuchtete, überwältigte sie. Gab es etwas Schöneres als leuchtende Kinderaugen? Wie hatte sie nur sich selbst um dieses Geschenk bringen können, das durch nichts auf der Welt aufzuwiegen war?
Voller Vertrauen blickte Emil ihr entgegen. Er konnte schließlich nicht wissen, dass sie das Vertrauen eines Kindes nicht verdiente.
„Ich bekomme jetzt doch noch neue Eltern“, sagte er.
Mit diesen wenigen Worten riss er Claudia aus ihren schwermütigen Gedanken.
„Emil!“, rief sie begeistert. „Das ist ja wundervoll!“
Niemand wusste besser als sie, wie sehr der Junge sich nach einer neuen Familie sehnte.
„Du musst mir alles ganz genau erzählen“, bat sie ihn. „Hast du sie schon kennengelernt? Sind sie so super-mega-nett, dass ein so super-mega-netter Junge wie du zu ihnen passt?“
Emils Strahlen wurde noch breiter.
„Sie haben mich im Heim besucht“, sagte er. „Und ich glaube, sie sind wirklich super-mega-nett, sonst würden sie ja nicht ausgerechnet mich nehmen, sondern einen Jungen, der richtig laufen und springen und Tore schießen kann. Sie sind fast so super-mega-nett wie Sie, Frau Trautmann.“
„Unsinn“, wehrte Claudia schnell ab. „Ich wette, sie sind viel super-mega-netter als ich. Und das müssen sie auch sein, sonst dürften sie dich nämlich gar nicht bekommen. Ob du springen und Tore schießen kannst, ist doch ganz egal bei einem Ritter, der Bücher vorlesen, sich tolle Geschichten ausdenken und Schwächere beschützen kann.“
Emil schoss die Röte ins Gesicht. „Ganz so gut vorlesen kann ich ja noch nicht“, murmelte er. „Manchmal lasse ich ein schwieriges Wort einfach weg und denke mir ein anderes aus. Ist das schlimm?“
„Ach was“, antwortete Claudia. „Wichtig ist, dass deine Zuhörer Spaß haben. Jetzt erzähl mir von deinen neuen Eltern. Wirst du sie bald wiedersehen?“
„Am nächsten Sonntag“, erwiderte Emil stolz. „Sie wollen mich nämlich abholen und mit mir zum Autorennen gehen.“
„Aber du magst doch gar keine Autos“, wunderte sich Claudia. Seit dem Unfall seiner Eltern hatte Emil schon vor dem Geräusch eines Automotors Angst, auch wenn er sich alle Mühe gab, es nicht zu zeigen. „Würdest du nicht lieber eine Ritterburg besichtigen oder in den Tierpark gehen?“
„Na ja, eigentlich schon“, gab Emil zu. „Aber ich finde es so nett von meinen neuen Eltern, dass sie mir eine Freude machen wollen. Also wollte ich nicht sagen, dass ich Autos nicht so gerne mag. Da wären sie doch enttäuscht gewesen, glaubst du nicht auch?“
„Ich glaube, als deine neuen Eltern würden sie gern wissen, was dir Spaß macht“, antwortete Claudia. „Trotzdem war das sehr nett und rücksichtsvoll von dir, und vielleicht hast du ja recht: Hauptsache, ihr verbringt einen schönen Tag zusammen und könnt euch kennenlernen. Und wenn ihr euch dann besser kennt, werdet ihr lauter Dinge entdecken, die ihr alle drei gern zusammen macht.“
„Mami, Papa und ich mochten alle drei gern Tiere“, erinnerte sich Emil.
Augenblicklich wich das strahlende Lächeln auf seinem Gesicht einer tiefen Traurigkeit, als er fortfuhr:
„Pferde mochten wir besonders. Die haben so weiche Schnauzen. Im Urlaub habe ich ein Pferd gefüttert, das hat die Karotte ganz vorsichtig mit den Lippen genommen, damit es mir nicht in die Hand beißt. Mami hat immer gesagt, wenn ich ein bisschen größer bin, darf ich reiten lernen wie ein richtiger Ritter.“
Er machte eine Pause und schluckte.
„Frau Trautmann?“, fragte er dann zögernd.
„Ja?“, fragte Claudia zurück und gab ihm mit einem beruhigenden Blick zu verstehen, dass er das, was ihn quälte, ruhig aussprechen konnte.
„Glauben Sie, Mami und Papa sind traurig, wenn ich die neuen Eltern auch lieb habe?“, fragte er. „Werden sie dann denken, ich hätte sie nicht mehr lieb?“
„Aber, Emil!“, rief Claudia bestürzt und zog den Jungen an sich. „Deine Mami und dein Papi wissen doch, dass du sie immer lieb haben wirst. So, wie sie dich immer lieb haben werden, auch wenn sie nicht mehr bei dir sein können. Weißt du, was ich glaube? Deine Mami und dein Papi wären sehr froh, wenn du die neuen Eltern auch liebgewinnen könntest. Dann wüssten sie nämlich, dass jemand für ihren lieben Jungen da ist, jetzt, wo sie es nicht mehr können.“
„Meinen Sie wirklich?“ Emils Miene hellte sich auf. „Wissen Sie, die neuen Eltern wollen gern, dass ich auch Mami und Papa zu ihnen sage, und da habe ich mir gedacht … vielleicht sind Mami und Papa dann traurig so wie Rosi.“
„Wie Rosi?“, hakte Claudia nach.
Emil nickte eifrig. „Rosis Eltern haben sie immer ihr Mäuschen genannt. Aber als dann Rosis kleine Schwester zur Welt kam, war die das Mäuschen, und Rosi war gar nichts mehr. Dabei hat Rosi sich so gefreut, eine große Schwester zu sein! Und dann sagen ihre Eltern einfach zu ihr, sie ist gar nicht die Schwester von ihrem Mäuschen, nur weil sie Rosi nicht selbst bekommen, sondern adoptiert haben …“
„Das ist ja wohl unmöglich“, platzte Claudia heraus. Emils kleine Freundin, die sie nie kennengelernt hatte, tat ihr nun noch viel mehr leid. Solche Leute hatten wirklich keine Kinder verdient!
Claudia erschrak vor ihrem eigenen Gedanken.
Dasselbe hatte sie einmal, vor mehr als sieben Jahren, von ihren Eltern gedacht: Hatten derart strenge, hartherzige Menschen, die ihrer Tochter in der Not die Tür wiesen, überhaupt Kinder verdient?
Aber was war denn mit ihr selbst? War sie etwa besser als diese Adoptiveltern, die die kleine Rosi abgeschoben hatten? War sie besser als ihre Eltern, die ihrem Kind den Schutz des Elternhauses verweigert hatten?
Hatte sie nicht selbst ein kleines Mädchen abgeschoben wie einen Gegenstand, den man nicht gebrauchen konnte? Hatte nicht sie ihrem Kind den Schutz eines Elternhauses verweigert, noch ehe es ihn überhaupt kennengelernt hatte?
Sie war kein bisschen besser als diese Menschen. Auch sie hatte keine Kinder verdient, und genau deshalb würde sie auch nie welche haben. Liebe und Familienglück würde es für sie nicht geben, das hatte Claudia sich geschworen. Die Chance darauf hatte sie ein für alle Mal verspielt. Stattdessen wollte sie froh sein, dass sie wenigstens einen Bruchteil ihrer Schuld wiedergutmachen und sich um andere Kinder kümmern durfte.
Um Kinder wie Emil zum Beispiel!
Liebevoll strich sie dem Jungen über die verstrubbelten Haare.
„Darum brauchst du dir gar keine Sorgen zu machen, Emil“, sagte sie. „Leute wie die, bei denen Rosi gewohnt hat, sind zum Glück selten. Die meisten Leute, die Kinder adoptieren wollen, sind riesig nett – ganz bestimmt auch deine neuen Eltern! Du darfst sie lieb haben. Und deine Mami und dein Papa werden wissen, dass du sie trotzdem weiter lieb hast. So ein Menschenherz hat doch genug Platz dafür.“
Mit großen Augen hörte Emil ihr zu und betastete mit der flachen Hand die Stelle, an der unter seinem T-Shirt sein Herz schlug.
„Deine Eltern hätten dich schließlich auch weiter lieb gehabt, wenn deine kleine Schwester oder dein kleiner Bruder geboren worden wäre“, sagte Claudia.
„Stimmt!“, rief Emil endlich überzeugt. „Und wenn ich noch fünf kleine Schwestern und Brüder bekommen hätte, hätte ich sie auch alle immer weiter lieb gehabt. Ich wäre doch so gerne ein großer Bruder geworden, Frau Trautmann.“
„Das weiß ich, Emil“, sagte Claudia. „Und deine kleinen Geschwister wären bestimmt furchtbar stolz gewesen, einen richtigen Ritter zum Bruder zu haben.“
„Na ja …“ Von Neuem wurde Emil ein bisschen rot. „So ein richtiger Ritter bin ich ja nicht, weil ich nicht reiten kann, aber …“
„Ach was, das lernst du schon noch irgendwann“, sagte Claudia lachend.
„Glauben Sie wirklich?“, fragte Emil. „Vielleicht … vielleicht könnte ich ja dann auch irgendwann doch noch ein großer Bruder werden, wenn ich doch wieder Eltern bekomme.“
„Wer weiß“, sagte Claudia, die keine allzu großen Hoffnungen in ihm wecken wollte. Der kleine Junge war in seinem Leben wahrlich schon oft genug enttäuscht worden. „Am besten ihr lernt euch erst einmal richtig gut kennen und macht es euch schön miteinander, du und deine neuen Eltern. Alles andere wird sich dann schon finden. Wie heißen sie eigentlich?“
„Wolfgang und Gisela Martin“, antwortete Emil. „Schöne Namen, stimmt’s?“
„Allerdings.“ Claudia musste lachen. So war Emil eben – er mochte ein kleiner, erst siebenjähriger Steppke sein, aber er hatte ein Herz so groß wie die mächtigste Ritterburg. Die neuen Eltern hätten auch Graf und Gräfin Dracula heißen können, er hätte ihre Namen wunderschön gefunden, weil er die Menschen, die sie trugen, mochte.
„Was hältst du davon, wenn du deinen neuen Eltern vorschlägst, sie erst einmal Papa Wolfgang und Mami Gisela zu nennen?“, sagte Claudia. „Bestimmt verstehen sie, dass du sie gern ein bisschen anders nennen möchtest als deine erste Mami und deinen ersten Papa, um die beiden in Ehren zu halten.“
„Das ist eine tolle Idee!“, rief Emil begeistert und warf ihr die dünnen Ärmchen um den Leib. „Frau Trautmann, du bist die Beste!“ Sofort hielt er inne und verbesserte sich: „Ich meine natürlich, Sie sind die Beste. Bitte entschuldigen Sie.“
„Keine Ursache, Emil“, sagte Claudia lachend.
Dass die kleinen Erstklässler „Du“ und „Sie“ verwechselten, war sie gewohnt, und es störte sie nicht. Im Gegenteil, es berührte sie – zeigte es doch, wie eng sich die Schulanfänger mit ihrer Lehrerin verbunden fühlten. Die „1 a“ an der Sophie-Scholl-Grundschule in Grünwald war die erste Klasse, die Claudia als Klassenlehrerin betreute, und so viel herzliche, offene Zuneigung wie von der Schar der Jungen und Mädchen war ihr nie zuvor entgegengeschlagen.
„Sie sind mir wirklich nicht böse?“, fragte Emil noch immer besorgt.
„Natürlich nicht, du Quatschkopf.“ Ein letztes Mal fuhr sie ihrem heimlichen Lieblingsschüler durchs Haar. „Und jetzt raus mit dir. Ich wette, deine geliebte Tante Wittkowski wartet schon auf dich.“
Sie gab Emil einen liebevollen Schubs, und der Junge lief ein paar Schritte in Richtung Tür. Dann aber drehte er sich noch einmal um, lief zu Claudia zurück und drückte sie mit aller Kraft seines schmächtigen Kinderkörpers an sich.
„Ich hab dich lieb, Frau Trautmann“, murmelte er. „Noch lieber als Tante Wittkowski, Mama Gisela und Papa Wolfgang. So doll wie meine Mami und meinen Papa und meine kleine Schwester, die gar nicht auf die Welt gekommen ist.“
Damit ließ er sie los und rannte aus dem Klassenzimmer.
Claudia saß wie gebannt da und sah ihm nach. Erst als ihr Kollege, der Musiklehrer Lutz Henning, kurz anklopfte und dann den Raum betrat, schreckte sie aus ihren Gedanken.
„Claudi?“, machte Lutz sich leise bemerkbar. „Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken, sondern nur fragen, ob du mit auf eine Pizza kommst. Roberta hat Geburtstag, sie lädt das ganze Kollegium ein.“
Roberta Eberle war die Direktorin der kleinen Schule und wachte geradezu mütterlich über das Team aus jungen Lehrern. Um ein Haar hätte Claudia zugesagt. Warum nicht mit dieser netten Truppe, in der sie sich gut aufgehoben fühlte, eine Pizza essen gehen, statt in ihre leere Ein-Zimmer-Wohnung zurückzukehren, um einsam eine Dosensuppe zu löffeln?
Dann aber bemerkte sie Lutz’ bewundernden Blick und hielt inne.
Sie mochte den Kollegen gern. Seit sie nach den Sommerferien hier ihre erste Stellung angetreten hatte, hatte der lebenslustige Musiklehrer sich darum bemüht, sie in die Aktivitäten des Kollegiums einzubeziehen. Mit seiner unbeschwerten Art war Lutz ein Mann, mit dem sie gern befreundet gewesen wäre. Ein Glas Wein nach einem anstrengenden Arbeitstag, ein Gespräch über ein berufliches Problem, ein Erfolg, der gefeiert werden wollte – das alles mit jemandem zu teilen, war ein verlockender Gedanke für Claudia.
Seit Kurzem war ihr jedoch klar, dass eine solche Freundschaft nicht alles war, was Lutz von ihr wollte. Ein paarmal hatte er sie gefragt, ob sie nicht Lust hätte, mit ihm ins Kino oder tanzen zu gehen.
Jede andere Frau in ihrer Lage hätte vermutlich mit Freuden zugesagt. Sie war ungebunden, und Lutz war ein durch und durch netter Kerl. Sie hatten denselben Beruf, mochten beide gern klassische Musik und humorvolle Filme – was sprach also gegen einen Flirt und das, was sich eventuell daraus ergeben mochte?
Alles spricht dagegen, dachte Claudia niedergeschlagen. Was andere Frauen in ihrer Lage getan hätten, zählte für sie nicht. Für sie kam eine Beziehung zu einem Mann nun einmal nicht infrage. Nie wieder. Zu tief war sie enttäuscht und verletzt worden. Und vor allem: Durch diese Enttäuschung hatte sie eine viel zu große Schuld auf sich geladen.
Flirts, Beziehungen, Zweisamkeit, das alles gehörte der Vergangenheit an. Ihre Welt, das waren ihr Beruf, die Schule, die Kinder.
Es war hart gewesen, sich damals aus ihrer Verzweiflung aufzurappeln und an den Haaren aus dem Sumpf zu ziehen. Um sich ihr Studium zu verdienen, hatte sie nächtelang als Kellnerin gejobbt und von der Hand in den Mund gelebt. Jetzt wollte sie froh sein, dass sie dieses Ziel erreicht hatte. Noch mehr zu verlangen hieße das Schicksal herausfordern, und das hatte ihr schon einmal kein Glück gebracht.
„Vielen Dank, Lutz“, sagte sie. „Das ist wirklich sehr nett von euch, aber leider habe ich heute Abend schon etwas vor.“
„Das ist aber schade.“ Dem Kollegen war seine Enttäuschung anzumerken. „Vielleicht hast du dann ja in der nächsten Woche mal Zeit? Im Gloria läuft doch diese neue britische Komödie, die soll mordsmäßig komisch sein …“
„Bitte, Lutz“, unterbrach ihn Claudia. „Ich weiß, du meinst es gut und willst, dass ich mich hier willkommen fühle. Ich bin dir dafür auch wirklich dankbar, aber ich bin und bleibe nun einmal eine Eigenbrötlerin. Am glücklichsten fühle ich mich, wenn ich mich in meine eigenen vier Wände zurückziehen und auf meine Arbeit vorbereiten kann.“
„Aber das Leben besteht doch nicht nur aus Arbeit“, protestierte er.
„Für mich schon.“ Sie nickte entschlossen, dann schob sie ihre Papiere in ihre Tasche, drängte sich freundlich, aber bestimmt an ihm vorbei und verließ den Raum.
„Trotzdem schönen Abend!“, rief Lutz ihr hinterher. „Weißt du, was ich einfach nicht begreife, Claudia? Warum ein so sympathisches, hübsches Mädchen wie du sich wie eine Auster in seine Schale verkriecht.“
Dass du das nicht begreifst, ist auch besser so, dachte Claudia und ging weiter, als hätte sie nichts gehört.
***
„Emil? Kommst du mal bitte?“, drang die Stimme von Tante Wittkowski aus dem Gang in den Aufenthaltsraum.
Im „Haus Sonnenwinkel“ musste man schreien, wenn man gehört werden wollte, denn es gab immer jemanden, der irgendwo in der Nähe einen Heidenlärm verursachte.
Auch jetzt spielte eine Gruppe Kinder, laut johlend und lachend, Fangen rund um den Tisch herum, an dem Emil versuchte, seinen Brief zu schreiben. Dabei war das mit dem Brief sowieso eine schwierige Angelegenheit, denn Rosi hatte in der Schule viel versäumt und konnte noch nicht so gut lesen.
„Ich male dir Bilder, damit du alles verstehst“, hatte Emil ihr versprochen. Leider aber gehörte das Malen nicht gerade zu seinen Talenten. Er musste sich mächtig konzentrieren, um das Haus von Papa und Mami Martin richtig aufs Papier zu bekommen. Schließlich sollte Rosi sich doch vorstellen können, wie sein neues Zuhause aussah!
Wenn mit den Papieren alles glatt ging, würde er in zwei Wochen zu seinen neuen Eltern umziehen können, hatte Tante Wittkowski gesagt. Rief sie ihn jetzt womöglich schon, um ihn wissen zu lassen, dass die Martins ihn abholen kamen?
Vor Aufregung sprang Emil vom Stuhl auf. Das Brief-Bild für Rosi würde er später weitermalen, bei dem Lärm hier konnte er sich sowieso nicht konzentrieren. Emil wollte den anderen Kindern nicht ihren Spaß verderben, aber allzu oft hätte er sich eine ruhige Ecke ganz für sich allein gewünscht.
Daheim, bei Mami und Papa, hatte er nicht nur eine Ecke, sondern ein ganzes gemütliches Zimmer für sich allein gehabt.
„Emils Höhle“, hatte sein Papa das Zimmer genannt, und Mami hatte aus buntem Holz ein Namensschild angefertigt und es an seine Tür gehängt. Diese Tür hatte Emil immer schließen dürfen, wenn er von niemandem gestört werden, sondern in seiner Welt allein sein wollte.
Emil hatte sie nicht oft geschlossen. Seine Mami und sein Papa hatten ihn nicht gestört, sie waren ihm in seiner Welt willkommen gewesen.
Aus heiterem Himmel fiel die Sehnsucht nach seinen Eltern über ihn her. Immer gelang es ihm nicht, dagegen anzukämpfen, und auch jetzt schossen ihm die Tränen in die Augen.
Emil schüttelte sich ganz fest, um sie zu unterdrücken. Er wollte nicht, dass die anderen Kinder ihn weinen sahen! Sie waren alle viel tapferer als er und hatten ganz recht, wenn sie über ihn lachten.
„Und so eine Heulsuse wie du will ein Ritter werden!“, hatte Timo, der einen Kopf größer war als er, ihn neulich verspottet, als er beim Essen plötzlich an Mamis Kirschkuchen gedacht hatte und ihm die Tränen gekommen waren.
Für seine Schwäche schämte er sich, aber er kam einfach nicht dagegen an! Mami und Papa fehlten ihm so sehr!
„Emil?“
Er spürte die Hand von Tante Wittkowski auf seiner Schulter und erschrak. Unbemerkt war die Erzieherin hinter ihn getreten.
„Es … es tut mir leid, ich wollte gerade kommen“, stammelte Emil und schluckte an den Tränen.
Er musste sich einfach zusammennehmen und nicht mehr an seine Eltern, sondern an Papa Wolfgang und Mami Gisela denken. Die hatten gesagt, er würde bei ihnen auch ein eigenes Zimmer bekommen, mit einem eigenen Fernseher und einem Computer!
Emil sah nicht besonders gern fern und interessierte sich nicht für Computer, aber das sagte er den beiden nicht. Es war doch so nett von ihnen, dass sie sich solche Mühe gaben, es ihm schön zu machen!
„Ist doch schon gut, mein Junge.“ Tante Wittkowskis Stimme klang gepresst und irgendwie traurig. Hatte sie auch gerade an jemanden gedacht, den sie lieb hatte und der nicht mehr bei ihr sein konnte? „Du sollst zu Frau Dietrich kommen. Sie hat dir etwas Wichtiges zu sagen, Emil.“
„Was denn?“, fragte Emil aufgeregt. Frau Dietrich war die Leiterin von „Haus Sonnenwinkel“. Wenn sie ihn extra zu sich bestellte, konnte es eigentlich nur um seinen Umzug zu den Martins gehen!
„Das sagt sie dir am besten selbst“, antwortete Tante Wittkowski, und ihre Stimme klang noch trauriger.
Emils Kehle wurde eng. Mit einem Schlag wurde ihm klar, dass es nichts Schönes sein konnte, was die Leiterin ihm mitzuteilen hatte. So ähnlich hatte Tante Wittkowskis Stimme auch geklungen, als sie ihm gesagt hatte, dass Rosi in ein anderes Heim umziehen musste.
„Es ist doch nichts mit Rosi!“, rief Emil voller Angst.
„Nein“, antwortete Tante Wittkowski, legte den Arm um seine Schultern und führte ihn hinaus auf den Gang. „Ich denke, deiner Rosi geht es gut in ihrem neuen Zuhause. Es ist sogar ein Brief von ihr für dich angekommen – Rosi hat dir ein Bild gemalt.“
„Ein Bild für mich? Wird Frau Dietrich es mir jetzt gleich geben?“ Emil liebte Rosis Bilder. Die leuchtenden, bunten Farben und die vielen fantasievollen Gestalten, mit denen sie sie bevölkerte, konnte er endlos lange betrachten. Wenn Rosi ein Bild malte, war es, als ob man eine spannende Geschichte las.
„Bestimmt, Emil“, versprach ihm Tante Wittkowski.
Die Tür zum Büro der Leiterin war nur angelehnt. Tante Wittkowski zog sie auf und schob Emil mit sachtem Druck hinein.
Frau Dietrich, die mit ihrem straffen Dutt und der großen Brille immer ein wenig streng wirkte, saß hinter ihrem Schreibtisch.
„Ah, Emil“, bemerkte sie. „Komm herein, nimm Platz.“
Sie wies auf einen Stuhl. Für gewöhnlich bot sie Kindern keinen Platz an, da sie ihnen meist nur kurze Mitteilungen zu machen hatte.
Emil spürte, wie ihm die Knie zitterten. Sein linkes Bein schmerzte und juckte wie sooft, wenn er nervös war. Steif setzte er sich vor dem Schreibtisch der Leiterin auf den Stuhl.
„Ich habe dir leider eine bedauerliche Mitteilung zu machen“, sagte Frau Dietrich. „Das Jugendamt hat heute Morgen angerufen. Gisela Martin bekommt ein Baby.“
„Aber das ist doch eine ganz tolle Mitteilung!“, rief Emil begeistert. „Dann werde ich ja ein großer Bruder, wenn ich zu den Martins ziehe. Das habe ich mir doch so sehr gewünscht! Ich muss es gleich Rosi schreiben. Ach nein, ich male besser Mami Gisela mit einem Baby in mein Bild …“
„Rosi schickt dir das hier“, unterbrach ihn Frau Dietrich und schob ihm einen Umschlag über den Tisch.
Der Brief war geöffnet, die Adresse mit einem schwarzen Filzstift unkenntlich gemacht worden. Tante Wittkowski hatte ihm erklärt, dass es nicht erlaubt war, ihm Rosis neue Adresse zu geben. Er durfte ihr schreiben, wann immer er wollte, musste den Brief aber bei Frau Dietrich zum Verschicken abgeben.
Mit fliegenden Fingern zerrte Emil das Bild, das Rosi für ihn gemalt hatte, aus dem Umschlag. Aber was war denn das? Um ein Haar hätte er Rosis Art zu malen nicht wiedererkannt.
Sie hatte ein Haus dargestellt, das an einem großen See lag. Wie immer war es ihr so gut gelungen, dass man jede Einzelheit erkennen konnte.
Ihre geliebten leuchtenden Farben suchte Emil auf diesem Bild jedoch vergeblich. Es war ganz in dunklen Grau- und Brauntönen und sogar in Schwarz gehalten, und es gab auch keine fröhlichen Mensch- und Tiergestalten, die durchs Bild wirbelten.
Es war ein tieftrauriges Bild, und Emil erfasste auf einen Blick, was das bedeutete: Es ging Rosi nicht gut, sie fühlte sich in dem neuen Heim nicht wohl. Mit ihrer Zeichnung wollte sie ihn wissen lassen, dass sie traurig war.
Augenblicklich wurde auch Emil traurig. Er konnte Rosi kein fröhliches Bild von seinem neuen Zuhause bei den Martins schicken und sie dann auch noch wissen lassen, dass er großer Bruder wurde. Bestimmt würde sie denken, dass er sie über all seinem Glück vergessen würde, wenn sie ein solches Bild von ihm bekam.
Ob Papa Wolfgang und Mami Gisela ihm wohl erlauben würden, Rosi zu besuchen? Oder sie zu sich einzuladen? In seinen kühnsten Träumen konnte er seine neuen Eltern sogar dazu überreden, Rosi ebenfalls zu sich zu holen, aber das war natürlich pure Fantasie.
„Nun zurück zum Ehepaar Martin“, sagte Frau Dietrich. „Wolfgang Martin hat uns über das Jugendamt leider mitteilen lassen, dass die beiden dich nun doch nicht aufnehmen können. Das Zimmer, das für dich gedacht war, brauchen sie jetzt für ihr eigenes Kind.“
„Ich brauche ja gar kein eigenes Zimmer!“, rief Emil. „Hier habe ich doch auch keins. Ich kann mit meiner kleinen Schwester oder meinem Bruder das Zimmer teilen, und wir können im Etagenbett schlafen. Das wird schön – dann ist keiner von uns allein.“
„Du hast mich nicht richtig verstanden, Emil“, sagte Frau Dietrich bestimmt. „Die Martins wollen nicht mehr, dass du zu ihnen kommst. Sie wollten ein Kind adoptieren, weil sie kein eigenes hatten, aber das hat sich inzwischen ja erledigt. Es tut mir leid für dich, aber so etwas passiert nun einmal. Und dir geht es hier bei uns ja nicht schlecht.“
Die Martins wollten nicht, dass er zu ihnen kam? Aber das konnte doch nicht sein! Sie hatten doch zu ihm gesagt, dass sie sich auf ihn freuten, dass er ihr Sohn werden und „Mami“ und „Papa“ zu ihnen sagen sollte!
„Vielleicht hat das Jugendamt Papa Wolfgang falsch verstanden“, fiel ihm ein. „Bestimmt hat er gemeint, ich soll jetzt noch nicht gleich zu ihnen kommen, weil sie erst lauter Sachen für das Baby besorgen müssen. Aber dabei kann ich ihnen doch helfen! Bei Mami und Papa habe ich auch geholfen, deshalb weiß ich auch genau, was ein Baby braucht!“
„Das Jugendamt hat Herrn Martin schon richtig verstanden, das kannst du mir ruhig glauben.“ Frau Dietrichs Stimme klang ungeduldig. „Und jetzt geh wieder spielen, Emil. Ich muss schließlich mit meiner Arbeit weiterkommen und habe nicht den ganzen Tag Zeit für dich.“
Wie betäubt trottete Emil aus dem Zimmer. Dass Tante Wittkowski wieder den Arm um ihn legte, bemerkte er kaum, und auch die Schmerzen in seinem Bein spürte er nicht mehr. Alles, was er wahrnahm, war der brennende Schmerz in seinem Brustkorb.
Die Martins wollten ihn nicht mehr haben. Ein Kind wie ihn, das Angst vor Autos hatte und nicht richtig Fußball spielen konnte, wollte niemand. Er würde keine neuen Eltern bekommen und niemals ein großer Bruder werden.
***
Der Frühlingsabend war warm und hell. Genau richtig, um mit seiner geliebten Alexandra in einer der zahlreichen Münchener Biergärten ein paar romantische Stunden zu genießen, dachte Stefan Frank.
Heute aber würde er dazu keine Zeit finden. Für einen Arzt, dem seine Patienten am Herzen lagen, gab es immer wieder Dinge, die sich nicht aufschieben ließen und es ihm schwermachten, ein normales Privatleben zu führen.
Glücklicherweise hatte Alexandra dafür Verständnis. Schließlich war sie selbst Ärztin und kannte solche Situationen aus der eigenen Praxis.
„Ich denke, ich muss dort gleich heute hinfahren“, hatte Stefan am Telefon zu ihr gesagt. „Natürlich könnte ich bis zum Wochenende warten, aber …“
„Unsinn“, war Alexandra ihm liebevoll ins Wort gefallen. „Je eher der arme kleine Junge wieder etwas hat, das ihm ein bisschen Hoffnung gibt, desto besser. Er muss so furchtbar enttäuscht sein.“
„Ja, er hat sich völlig in sich zurückgezogen“, bestätigte Stefan Frank. „Du bist auch der Meinung, dass Anton Sellin ihm helfen wird, nicht wahr?“
„Darauf kannst du dich verlassen“, erwiderte Alexandra. „Wenn es um ein Kind geht, würde Anton die Welt aus den Angeln heben.“
Stefan Frank hatte den Reittherapeuten durch Alexandra erst kennengelernt. Als Augenärztin hatte sie schon häufiger Patienten zu ihm überwiesen, die durch den Umgang mit den Pferden Sicherheit und Selbstbewusstsein gewonnen hatten. Selbst erblindete Menschen waren in der Lage, das Reiten zu erlernen, wenn jemand wie Anton Sellin, der sich in Menschen und Pferde hineinversetzte, sie unterrichtete.
Zu ihm war Stefan Frank an diesem schönen Frühlingsabend unterwegs. Und er hoffte händeringend, dass Anton Sellin auch dem kleinen Emil helfen konnte.
Gerda Wittkowski hatte ihn angerufen und verzweifelt um seine Hilfe gebeten. Die warmherzige Erzieherin, die ihre Schützlinge wie eigene Kinder liebte, war am Ende mit ihrem Latein.
„Emil spricht so gut wie überhaupt nicht mehr“, hatte sie ihm erzählt. „Er hat sein ganzes Selbstwertgefühl verloren und glaubt, er ist uns allen nur im Weg. Selbst seine geliebte Lehrerin, Frau Trautmann, kommt nicht mehr an ihn heran.“
Stefan Frank konnte den Rückzug des Jungen nur allzu gut verstehen. Nicht verstehen konnte er dagegen das Verhalten des Ehepaars Martin. Man konnte doch ein Kind nicht behandeln wie einen Gegenstand, den man im Katalog bestellt hatte und nun zurückschickte, weil man ein besseres Angebot bekommen hatte!
Emil, der tapfere kleine Ritter, musste nun also das Schicksal seiner Freundin Rosi teilen: Er war eiskalt abgeschoben worden. Und statt dass die beiden Kinder sich gegenseitig trösten konnten, hatte man sie auch noch voneinander getrennt.
In düstere Gedanken versunken parkte Stefan seinen Wagen auf dem kleinen Parkplatz des Reiterhofs. Ein buntes Holzschild schmückte die Toreinfahrt. „Pferdeburg Camelot“ stand darauf, und zwischen die beiden Worte hatte jemand einen lustigen dicken Ritter auf einem noch dickeren Pferd gemalt.
Das würde Emil gefallen,dachte Stefan Frank. Eine Burg für Pferde und Menschen, die dringend Schutz und Geborgenheit brauchten!
Anton Sellin fand er auf dem abgesteckten Viereck für die Reitstunden. Der Therapeut stand in der Mitte des Platzes und ließ einen kräftigen Rappen an der Longe im Kreis um sich traben. Auf dem Rücken des Tieres saß ein lang aufgeschossenes, klapperdürres Mädchen, das sich am Sattelknauf festklammerte.
„Du kannst Artus vertrauen, Marie“, rief Anton Sellin ihr aufmunternd zu. „Er spürt über den Druck deiner Schenkel, was du von ihm willst, und er ist ein freundlicher Geselle, der möchte, dass es dir auf seinem Rücken gut geht. Lass den Sattel ruhig los, vielleicht erst einmal mit einer Hand, wenn du dich dann sicherer fühlst.“
Stefan Frank wollte den Unterricht nicht unterbrechen. Fasziniert blieb er an dem weiß gestrichenen Zaun stehen und beobachtete, welche Wirkung die beruhigenden Worte und die sanfte Gangart des Pferdes auf das verängstigte Mädchen hatten.
Ganz langsam begann Marie, sich zu entspannen. Anton Sellin ließ den Rappen weiter gleichmäßig im Kreis laufen und sprach ermutigend auf Pferd und Reiterin ein.
Zaghaft löste das Mädchen eine Hand vom Sattelknauf. Als ihm klar wurde, dass die verbleibende Hand ihm kaum noch Halt gab, erschrak es und griff schnell wieder zu. Gleich darauf aber versuchte Marie es von Neuem, und diesmal wagte sie es, die Hand vom Sattel wegzuhalten.
„Großartig, Marie!“, lobte Anton Sellin. Er klang wie ein begeisterter Vater, der seiner Tochter das Radfahren beibringt. „Jetzt versuch einmal, den Arm vom Körper wegzustrecken.“
Marie brauchte drei Anläufe, ehe sie es wagte. Dann aber streckte sie den Arm weit von sich weg und ritt auf diese Weise eine weitere Runde. Ihrem Gesicht war anzusehen, dass sie selbst kaum glauben konnte, wie sicher sie im Sattel saß.
„Jetzt die andere Hand“, forderte Anton Sellin sie auf. „Du kannst das!“
Für den Bruchteil einer Sekunde ließ Marie den Sattelknauf los, dann entfuhr ihr ein ängstlicher Laut, und sie klammerte sich wieder fest.
„Bravo!“, rief der Reittherapeut. „Hast du es gemerkt? Du brauchst die Hände gar nicht, deine Schenkel sind kräftig genug, um dich festzuhalten.“
„Wirklich?“, rief das Mädchen, während das Pferd weitertrabte.
„Aber klar“, antwortete Anton Sellin. „Du sitzt da, als wärst du schon auf Artus’ Rücken zur Welt gekommen.“
Hell lachte Marie auf. Und dann überwand sie ihre Angst, ließ den Sattelknauf los und streckte den Arm von sich weg.
„Fantastisch“, rief Anton Sellin. „Du siehst aus, als würdest du gleich samt Artus vom Boden abheben und mir davonfliegen.“
Über das Gesicht des Mädchens, das noch eben unter völliger Anspannung gestanden hatte, breitete sich ein gelöstes Lächeln.
Der Mann ist ein Genie!, dachte Stefan Frank. Wenn jemand unserem Ritter Emil helfen kann, dann er.
Warum Alexandra gesagt hatte, Anton Sellin würde für ein Kind die Welt aus den Angeln heben, konnte er verstehen: Der Therapeut wirkte in Reithosen und Holzfällerhemd groß und kräftig genug, um sich die Welt locker auf die breiten Schultern zu laden – oder zumindest all die Sorgen darin, die ein Kinderleben schwermachten.
Dass er zugleich so sanft und einfühlsam agierte, war das Verblüffendste. Von einem solchen Hünen erwarteten die meisten Menschen wohl eher plumpes Gepolter. Der junge Mann vor seinen Augen bewies hingegen Fingerspitzengefühl und eine tiefe innere Ruhe.
Stefan wartete ab, bis Anton Sellin seiner Schülerin aus dem Sattel geholfen hatte. Das Mädchen lief hinüber zu einer Frau, die am Rand auf sie wartete, und der Reittherapeut lockerte den Sattelgurt des Pferdes und führte es aus der Reitbahn.
„Guten Abend“, begrüßte ihn Stefan Frank. „Es tut mir leid, dass ich nicht mehr vorher anrufen konnte, Herr Sellin. Wäre es sehr unverschämt, Sie zu bitten, mir trotzdem ein bisschen Zeit einzuräumen?“
Anton Sellin lachte. „Für solche Unverschämtheiten habe ich eine Schwäche, Herr Doktor. Die ersparen uns nämlich langes Herumgerede. Wenn Sie nichts gegen ein Gespräch im Pferdestall einzuwenden haben, habe ich alle Zeit der Welt.“
Stefan Frank hatte ganz und gar nichts gegen ein Gespräch im Pferdestall einzuwenden. Die Anwesenheit der großen Tiere, die friedfertig in ihren Boxen standen und ihre Abendmahlzeit zwischen den Zähnen zermalmten, übte eine ungemein entspannende Wirkung auf ihn aus.
Anton Sellin nahm dem Rappen Sattel und Zaumzeug ab, rieb ihm mit einem feuchten Schwamm über den verschwitzten Rücken und reinigte ihm die Hufe mit dem Auskratzer. All dies tat er in der Seelenruhe, die Stefan Frank vorhin schon an ihm beobachtet hatte und die dem Pferd sichtlich wohltat.
„Wie machen Sie das eigentlich?“, platzte Stefan heraus.
„Ich bin ein glücklicher Mensch“, erwiderte Anton Sellin schlicht. „Das ist gut für die Nerven.“
„Gibt es überhaupt nichts, was Sie aus der Ruhe bringt?“
„Aber klar gibt es das“, antwortete der Therapeut. „Wenn jemand Kinder oder Tiere schlecht behandelt, werde ich zum Berserker. Marie zum Beispiel, die Sie vorhin auf Artus gesehen haben. Ihre Eltern haben einen solchen Leistungsdruck auf sie ausgeübt, dass sie jeden Glauben an sich verloren hat und in die Magersucht abgerutscht ist. Sie wäre fast verhungert! Bei so etwas hört bei mir jedes Verständnis auf, und ich möchte am liebsten zu Gewalt greifen.“
Stefan Frank nickte. Ihm erging es selbst oft kein bisschen anders.
„Es war deutlich zu sehen, wie Marie von ihrer Therapie profitiert“, sagte er.
„Oh ja, Artus ist perfekt für Kinder wie sie.“ Mit dem Huf des Pferdes auf dem Schenkel blickte Anton Sellin auf. Sein Lächeln kündete von der Liebe und Achtung, die er für das Pferd empfand. „Das Gefühl, auf einem so starken Tier zu sitzen und mit ihm zu verschmelzen, gibt ihnen ihre Sicherheit zurück. Es lässt sie ihre eigenen Kräfte spüren, sodass sie wieder lernen, sich selbst zu vertrauen.“
„Genau darüber wollte ich mit Ihnen sprechen“, sagte Stefan Frank. „Es geht um einen kleinen Jungen, der genau das verdammt gut brauchen könnte.“
„Um einen Patienten von Ihnen?“
Stefan Frank nickte. „Emil Bechtler, sieben Jahre alt. Das Pech, das er bisher im Leben gehabt hat, könnte den stärksten Erwachsenen umwerfen. Dementsprechend liegen sein Selbstbewusstsein und sein Vertrauen in die Menschen am Boden, aber Emil ist kein gewöhnliches Kind. Er verfügt über erstaunliche innere Stärke und Selbstheilungskräfte. Ich bin sicher, er könnte hier wieder lernen, sich zu öffnen und an die Zukunft zu glauben, ganz wie Marie.“
Anton Sellin stellte den Huf des Pferdes ab und klopfte ihm den Hals.
„Warum haben Sie ihn nicht gleich mitgebracht?“, fragte er. „Er hätte zwar heute Abend nicht mehr reiten können, aber schon einmal die Pferde kennenlernen.“
Stefan lachte. „Sie sind wirklich kein Mann, der lange herumredet. Ich hätte Emil liebend gern gleich mitgebracht, zumal es sein größter Traum ist, wie ein Ritter reiten zu lernen. Leider gibt es da aber ein Problem …“
Der Reittherapeut grinste. „Wenn es keines gäbe, hätten wir ja nichts zu tun, oder? Was ist schon ein Problem? Eine Lösung, die nur noch ein bisschen auf sich warten lässt.“
„Ich fürchte, diese Lösung lässt bis in alle Ewigkeiten auf sich warten“, erwiderte Dr. Frank. „Es geht um das Thema, an dem so viele gute Absichten scheitern: um Geld. Emil Bechtler ist ein Heimkind ohne Verwandte, die ihm finanziell unter die Arme greifen könnten. Und die Krankenkasse bewilligt dem Jungen keine Reittherapie.“
Anton Sellin lehnte sein Gesicht an den Hals des Pferdes und fuhr fort, es zu streicheln.
„Geld ist ein Problem, da haben Sie recht“, sagte er. „Aber meine Entscheidungen treffe ich nach Gefühl, die lasse ich mir von Geld nicht vorschreiben. Bringen Sie den Jungen her. Wenn er sich hier wohlfühlt und ich den Eindruck habe, der Umgang mit den Pferden könnte ihm guttun, dann wird er bei mir auch ohne Geld das Reiten lernen.“
„Aber wie bekommen Sie das denn hin?“, fragte Stefan Frank verblüfft. „Es muss doch ein Vermögen kosten, das alles hier zu erhalten.“
Er hatte gehofft, dass Anton Sellin Emil zu einem Ritt einladen würde, aber dass er ihm ohne Bezahlung eine ganze Therapie ermöglichen wollte, übertraf seine kühnsten Erwartungen.
„Sie haben recht, es kostet ein Vermögen“, sagte der Reittherapeut. „Und ich selbst lebe auch nicht nur von Luft und Liebe, sondern habe einen Lebensmittelverbrauch wie ein Scheunendrescher.“
