Dr. Stefan Frank Großband 24 - Stefan Frank - E-Book

Dr. Stefan Frank Großband 24 E-Book

Stefan Frank

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Beschreibung

10 spannende Arztromane lesen, nur 7 bezahlen!

Dr. Stefan Frank - dieser Name bürgt für Arztromane der Sonderklasse: authentischer Praxis-Alltag, dramatische Operationen, Menschenschicksale um Liebe, Leid und Hoffnung. Dabei ist Dr. Stefan Frank nicht nur praktizierender Arzt und Geburtshelfer, sondern vor allem ein sozial engagierter Mensch. Mit großem Einfühlungsvermögen stellt er die Interessen und Bedürfnisse seiner Patienten stets höher als seine eigenen Wünsche - und das schon seit Jahrzehnten!

Eine eigene TV-Serie, über 2000 veröffentlichte Romane und Taschenbücher in über 11 Sprachen und eine Gesamtauflage von weit über 85 Millionen verkauften Exemplaren sprechen für sich:
Dr. Stefan Frank - Hier sind Sie in guten Händen!

Dieser Sammelband enthält die Folgen 2430 bis 2439 und umfasst ca. 640 Seiten.

Zehn Geschichten, zehn Schicksale, zehn Happy Ends - und pure Lesefreude!

Jetzt herunterladen und sofort eintauchen in die Welt des Dr. Stefan Frank.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 1213

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Stefan Frank
Dr. Stefan Frank Großband 24

BASTEI LÜBBE AG

Vollständige eBook-Ausgaben der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgaben

Für die Originalausgaben:

Copyright © 2018 by

Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln

Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten.

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Für diese Ausgabe:

Copyright © 2023 by

Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln

Covermotiv: © shutterstock / Kinga

ISBN: 978-3-7517-4672-4

https://www.bastei.de

https://www.sinclair.de

https://www.luebbe.de

https://www.lesejury.de

Dr. Stefan Frank Großband 24

Cover

Titel

Impressum

Inhalt

Dr. Stefan Frank 2430

Und wenn er doch der Falsche ist?

Dr. Stefan Frank 2431

Vorfreude auf ein ersehntes Baby

Dr. Stefan Frank 2432

Vertrau mir, Marie!

Dr. Stefan Frank 2433

Johannas Traum vom Fliegen

Dr. Stefan Frank 2434

Ich habe solche Angst, Dr. Frank!

Dr. Stefan Frank 2435

Was ich dir noch sagen will

Dr. Stefan Frank 2436

Keine Zeit für deine Tränen

Dr. Stefan Frank 2437

Gefangen in der eigenen Haut

Dr. Stefan Frank 2438

Herzklopfen im Büro

Dr. Stefan Frank 2439

Nur einmal noch die Blumen sehen

Guide

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Contents

Und wenn er doch der Falsche ist?

Kurz vor der Hochzeit kommen Anna große Zweifel

A nna und Karsten sind ein Traumpaar – so sehen es zumindest alle Verwandten und Freunde des jungen Paares. Die beiden sind schon seit ihrer Kindergartenzeit eng befreundet und zudem seit einigen Jahren ein Paar. Dass nun die Hochzeit vor der Tür steht, ist also nur eine logische Konsequenz.

Doch wenn Anna in letzter Zeit an die Hochzeit denkt, beschleicht sie ein mulmiges Gefühl. Sicher, sie liebt Karsten – aber ist dies wirklich eine Liebe in der Art, wie sie für eine Eheschließung Voraussetzung sein sollte? Wo sind bei ihr die berühmten „Schmetterlinge im Bauch“? Und warum klopft ihr Herz nicht schneller, wenn sie an ihren Bräutigam denkt?

Anna weiß nur eines: Auf Karsten kann sie sich in jeder Hinsicht verlassen, er würde sie nie im Stich lassen oder enttäuschen. Und sie kennt ihn, bei ihm wird sie niemals eine böse Überraschung erleben. Aber reicht all das aus, um eine glückliche Ehe zu führen?

„Kommen Sie bitte mit, Frau Stein“, forderte Martha Giesecke, die langgediente Sprechstundenhilfe von Dr. Stefan Frank, die Patientin auf.

„Wie? Ich bin schon dran? Das ging aber schnell“, wunderte sich die elegant gekleidete ältere Dame, die gerade erst prustend im Wartezimmer Platz genommen hatte.

„Sie haben Glück.“ Martha Giesecke lächelte freundlich und nickte der Patientin auffordernd zu. Sie wollte Frau Stein nicht sagen, dass sie sie vorgezogen hatte, weil sie sich ernsthaft Sorgen machte. Schon seit längerer Zeit litt Frau Stein an erhöhtem Blutdruck, aber heute schien es ärger als sonst zu sein. Sie war sehr kurzatmig und hatte einen puterroten Kopf.

Dr. Stefan Frank war von seiner Sprechstundenhilfe bereits informiert worden. Er erwartete die Patientin im Behandlungsraum und hielt das Blutdruckmessgerät griffbereit.

„Grüß Gott, Frau Stein“, sagte der Arzt und reichte ihr die Hand.

„Grüß Gott, Dr. Frank. Ach, ich bin ja so aufgeregt. Ich habe gute Neuigkeiten“, stieß Frau Stein atemlos hervor und strahlte über das ganze Gesicht.

„Es ist schön, dass Sie wegen guter Nachrichten zu mir kommen“, sagte der Grünwalder Arzt lächelnd. „Aber Ihrem Blutdruck tut auch positive Aufregung offensichtlich nicht gut. Nehmen Sie bitte Platz, und machen Sie einen Arm frei, damit ich messen kann.“

„Das kann warten“, erwiderte Frau Stein mit einer wegwischenden Handbewegung. „Zuerst will ich Sie einladen, Dr. Frank. Sie und Ihre Alexandra. Es ist nämlich endlich so weit: Unsere Anna wird ihren Karsten heiraten! Ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben, aber in Zusammenarbeit mit Karstens Eltern ist es uns gelungen, die Kinder zu überzeugen.“

„Wie schön für Sie, dann werden Sie vielleicht auch bald Großmutter. Die jungen Leute sind ja schon lange ein Paar, nicht wahr?“, fragte Stefan Frank.

„Seit dem Kindergarten sind sie unzertrennlich. Unsere Anna war damals zwei und Karsten fünf, als sie sich zum ersten Mal begegnet sind. Wenn sie also gleich geheiratet hätten, dann hätten wir vor zwei Jahren Silberhochzeit gefeiert“, erklärte Frau Stein lachend.

„Siebenundzwanzig Jahre verlobt.“ Auch Dr. Frank musste lachen. „Dann weiß man aber auch ganz genau, was man bekommt.“

„Ja, da haben Sie recht. Es gab allerdings mal einige Jahre, wo Anna und Karsten sich mit anderen Partnern ausprobiert haben, aber letztendlich sind sie doch wieder zusammengekommen. Und nun wird geheiratet! Am zweiten Samstag im April haben wir das Fest geplant. Bitte halten Sie sich den Tag unbedingt frei.“

„Ich werde sehen, was sich machen lässt“, versprach der Arzt.

Er konnte nicht alle Einladungen von Patienten annehmen, denn sonst wäre er wohl fast jedes Wochenende auf einem Geburtstag, einem Jubiläum, einer Taufe, einer Verlobung oder einer Hochzeit gewesen.

Aber bei Frau Stein und ihrer Familie war es etwas anderes. Herr und Frau Stein waren seine übernächsten Nachbarn, und sie teilten mit dem Arzt die Leidenschaft für Rosen. Gegenseitig besorgten sie sich seltene Rosenstöcke und gaben einander Tipps zur Pflege und Ungezieferbekämpfung. Über das gemeinsame Hobby war eine Art lockere Freundschaft entstanden.

Außerdem war Anna Stein – die in einer Einliegerwohnung in ihrem Elternhaus lebte – einige Zeit die Schwangerschaftsvertretung für eine Arzthelferin in der Augenarztpraxis von Dr. Franks Lebensgefährtin Alexandra Schubert gewesen. Darüber hatten sich Alexandra und Anna angefreundet, und seitdem unternahmen sie hin und wieder etwas zusammen.

„Jetzt möchte ich aber Ihren Blutdruck messen. Ich fürchte, er ist viel zu hoch.“

Gehorsam krempelte Frau Stein den Ärmel ihrer Bluse hoch und reichte dem Arzt ihren Arm.

Zweimal musste Dr. Frank nachpumpen, ehe er den Wert ablesen konnte.

„Wie ich schon dachte. Viel zu hoch: zweihundert zu hundertzehn. Nehmen Sie Ihre Medikamente regelmäßig?“

„Aber ja doch, da bin ich sehr gewissenhaft. Aber sobald ich mich aufrege oder ärgere, steigt mein Blutdruck. Das habe ich von meiner Mutter geerbt. Bei der war das genauso.“

„Das macht es nicht besser. Ich kann ja verstehen, dass die bevorstehende Hochzeit sie nervös macht. Aber bedenken Sie, es sind noch Monate bis dahin. Wie soll denn das werden, wenn das Fest unmittelbar vor der Tür steht?“

„Es ist nicht nur die Hochzeit“, sagte Frau Stein etwas verhalten. „Ich habe mich heute Morgen mit Anna gestritten.“

„Gestritten? Ich denke, Sie freuen sich, dass sie heiratet.“

„Das tue ich ja auch. Ich bin wirklich froh, dass unsere Anna endlich bereit ist. Aber ich wollte für das Brautpaar ein riesiges Fest organisieren. Alle Verwandten, Freunde und Bekannten wollte ich einladen. Aber meine Anna hat ihren eigenen Kopf. Sie will mit höchstens dreißig Leuten feiern. Das ist doch keine richtige Hochzeit, oder?“

„Die Entscheidung darüber müssen Sie schon Ihrer Tochter und dem Bräutigam überlassen. Schließlich ist es in erster Linie ihr Fest.“

„Aber wir als Brauteltern bezahlen das Ganze. Da muss ich doch ein Mitspracherecht haben!“, empörte sich Frau Stein, und eine tiefe Röte stiegt ihr in die Wangen.

„Ich sehe das anders, Frau Stein. Sie können doch das Brautpaar nicht zwingen, groß zu feiern. Es soll einer der schönsten Tage im Leben Ihrer Tochter werden. Und deshalb sollte alles nach ihren Vorstellungen ablaufen.“

„Aber Anna ist doch unser einziges Kind. Da will man doch das schönste …“, murmelte Frau Stein schon nicht mehr ganz so überzeugt.

„Manchmal gibt es unterschiedliche Meinungen darüber, was das Schönste ist. Freunden Sie sich damit an, dass Anna und ihr Bräutigam ein kleineres Fest möchten. Das ist für Ihre Gesundheit förderlicher.“

„Das sagt mein Mann auch. Aber ich hatte mir das eben anders vorgestellt“, beharrte Frau Stein. Sie fasste sich schwer atmend an die Brust.

„Haben Sie ein Stechen oder Engegefühl im Brustbereich?“, fragte Dr. Frank besorgt.

„Es drückt ein bisschen“, wiegelte die Patientin ab.

„Wir müssen dringend sehen, dass wir Ihren Blutdruck in den Griff bekommen. Aber als Erstes machen wir ein EKG. Legen Sie sich bitte dort drüben auf die Liege, und ziehen Sie Ihre Bluse aus.“

Dr. Stefan Frank setzte Frau Stein die Elektroden auf den Oberkörper und stellte das Gerät an. Aufmerksam beobachtete er den Papierstreifen, der ausgeworfen wurde.

„Ihr Herz schlägt kräftig und regelmäßig. Vielleicht ein wenig zu schnell, aber ich sehe auf den ersten Blick nichts Besorgniserregendes. Dann versuchen wir jetzt, Ihren Blutdruck zu senken. Ziehen Sie sich bitte wieder an. Ich gebe Ihnen eine Tablette.“

Dr. Frank legte Frau Stein ein schnell wirkendes blutdrucksenkendes Medikament unter die Zunge.

„Wir legen Sie für eine halbe Stunde in unser Labor. Dann sehen wir weiter.“

„Was passiert denn, wenn mein Blutdruck nicht sinkt?“

„Dann ist es angeraten, in einer Klinik abklären zu lassen, was die Ursache dafür ist.“

„Krankenhaus? Das passt jetzt gar nicht.“

„Frau Stein! Sie wissen doch selbst, wie gefährlich dauerhaft erhöhter Blutdruck ist. Wollen Sie einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall riskieren?“

„Natürlich nicht“, erwiderte Frau Stein kleinlaut.

„Dann folgen Sie mir, bitte, und versuchen Sie, sich ein bisschen zu entspannen.“

Eine halbe Stunde später betrat Dr. Frank das Labor, um nach seiner Patientin zu sehen. Frau Stein lag auf der Liege und war eingeschlafen. Sie atmete ruhig und gleichmäßig, die Röte aus ihrem Gesicht war verschwunden. Auf dem Fußboden lagen ein Zettel und ein Stift, die ihr aus der Hand gefallen sein mussten, als sie eingenickt war.

Dr. Frank hob den Zettel auf und warf einen Blick darauf. Frau Stein hatte angefangen, die Einladungsliste zu schreiben. Als Überschrift hatte sie die Namen der Brautleute notiert und in ein Herzchen eingerahmt. Dann folgten die Zahlen eins bis dreißig.

Die ersten Stellen waren bereits mit Namen gefüllt: die Brauteltern, die Eltern des Bräutigams, die Trauzeugen. Dann folgte schon sein Name und der Alexandras.

Dr. Frank lächelte. Wie es schien, hatte sich seine Patientin damit abgefunden, dass es nur ein kleineres Fest geben würde.

Er fasste Frau Stein vorsichtig an die Schulter. Sie schlug die Augen auf und sah den Arzt einige Sekunden irritiert an, bis ihr bewusst wurde, wo sie sich befand.

„Hallo, Frau Nachbarin. Da sind Sie ja wieder. Wie fühlen Sie sich?“

„Erfrischt.“

Dr. Frank legte ihr die Blutdruckmanschette an, um erneut zu messen.

„Hundertvierzig zu neunzig“, sagte er und nickte zufrieden. „Zwar noch leicht erhöht, aber schon viel, viel besser.“

„Also muss ich nicht ins Krankenhaus?“

„Nein, aber ich würde gern eine Vierundzwanzig-Stunden-Messung durchführen. Es kann sein, dass wir Sie neu einstellen müssen.“

„Machen Sie alles, was Sie wollen. Hauptsache, ich muss nicht in die Klinik“, seufzte Frau Stein erleichtert.

***

„Hallo, Anna.“

Mit einem flüchtigen Wangenkuss begrüßte Karsten Zumberg seine zukünftige Ehefrau und setzte sich wieder an den Tisch, um weiter an seinem Laptop zu arbeiten.

„Störe ich?“, fragte Anna.

„Nein, natürlich nicht. Ich bin nur gerade auf einem Wohnungsportal. Ich schaue nach einer neuen Bleibe für uns.“

„Willst du es dir nicht doch noch mal überlegen, zu mir in meine Wohnung bei den Eltern zu ziehen? Zumindest erst einmal.“

„Die ist zu klein für uns beide. Ich brauche ein großes Arbeitszimmer. Du weißt doch, dass ich viel von zu Hause aus arbeite.“

„Ja, das ist mir klar. Aber … Mama und Papa haben doch gesagt, dass du das große Gästezimmer in ihrer Wohnung nutzen kannst.“

„Müssen wir schon wieder darüber diskutieren? Ich verstehe gar nicht, warum du dich so dagegen wehrst, mit mir eine neue Wohnung zu suchen. Wenn wir schon heiraten, dann müssen wir doch auch sehen, dass wir unser eigenes gemeinsames Leben auf die Beine stellen.“

„Nun ja, es ist halt nur so, dass ich gern in Grünwald wohne“, sagte Anna und fuhr sich mit den Fingern nervös durch ihr langes, dunkles Haar. „Und bei meinen Eltern haben wir einen großen Garten, den wir nutzen können. Und zahlen keine Miete.“

„Schatz! Erstens suche ich in Grünwald nach einer Wohnung, und zweitens werde ich schon dafür sorgen, dass wir die Miete bezahlen können. Manchmal könnte man den Eindruck haben, du willst gar nicht mit mir zusammenwohnen.“

Obwohl Karsten den letzten Satz mit einem scherzhaften Unterton gesagt hatte, blickte er Anna sehr ernst an.

„Ach, Quatsch, natürlich will ich das. Ich bin im Augenblick nur etwas überfordert. Meine Mama nervt mich die ganze Zeit mit den Vorbereitungen zur Hochzeitsfeier, Gerti will unbedingt einen Termin für den Junggesellinnenabschied mit mir absprechen, ich muss mir ein Hochzeitskleid kaufen, und du willst jetzt auch noch, dass ich umziehe“, stöhnte Anna.

„Wir können ja auch noch einige Zeit unsere getrennten Wohnungen behalten“, schlug Karsten vor.

Irgendwie war ihm der Gedanke, sein eigenes Reich aufzugeben, nicht sympathisch. Manchmal überkamen Karsten leise Zweifel, ob es richtig gewesen war, dem Druck der Eltern nachzugeben. Sicher, Anna war seine allerbeste Freundin und seit langen Jahren eine innige Vertraute. Aber war das Liebe? War das genug für eine glückliche Ehe?

„Wir müssen ja nichts überstürzen. Mein Vorschlag wäre, dass wir … Ich denke, wir sollten … wir könnten ja …“

Die Türklingel erlöste Anna davon, den Satz zu beenden. Sie wusste wirklich nicht, was sie wollte.

„Das wird Gerti sein. Ich mache auf“, sagte sie und ging mit schnellen Schritten zur Tür.

Seit Anna vor zwei Jahren auf einer Fortbildung Gerti Landauer – die ebenfalls als Arzthelferin arbeitete – kennengelernt hatte, waren sie gute Freundinnen geworden. Anna hatte Gerti gebeten, sie bei Karsten abzuholen, denn die beiden Frauen wollten ins Kino.

Strahlend betrat Gerti Karstens Wohnzimmer. Sie zog eine bunte Wollmütze vom Kopf, und ihr kurz geschnittenes blondes Haar stand wild in alle Richtungen vom Kopf ab, was zu ihrem hübschen, spitzbübischen Gesicht äußerst attraktiv aussah.

„Hallo, Gerti“, begrüßte Karsten sie. Er nahm sie herzlich in den Arm und drückte ihr einen dicken Kuss auf die Wange. „Kalt draußen?“, fragte er und strich ihr mit dem Handrücken fast zärtlich über die vom scharfen Winterwind geröteten Wangen.

Gerti lächelte verlegen und trat schnell einen Schritt zurück. Karsten war ein toller Mann, und sie fühlte sich auf eine Weise zu ihm hingezogen, die sie nicht dulden konnte, denn schließlich war er der Verlobte ihrer besten Freundin.

„Und, Gerti, hast du einen Film herausgesucht?“, erkundigte sich Anna.

„Ich dachte, wir gehen ins Monopol. Da läuft heute Abend Casablanca , und den kann ich immer wieder sehen. Einverstanden?“

„Ach, schon wieder so eine alte Liebesschnulze. Gibt es denn nichts Aktuelles?“, fragte Anna.

„Nichts, was mich wirklich interessiert. Aber du kannst ja selbst noch mal ins Programm schauen. Ich bin da ganz offen.“

„Mensch, Anna, Casablanca ist doch ein wunderbarer Film. Nicht nur über eine tragische Liebe, sondern auch ein politisches Zeitzeugnis. Wenn Anna nicht will, dann gehe ich mit dir“, scherzte Karsten und zwinkerte Gerti verschwörerisch zu.

„Willst du mit uns kommen? Ich dachte, du müsstest einen Entwurf fertig machen“, wunderte sich Anna.

„Muss ich leider auch. Der Bauherr war nicht einverstanden mit dem Plan für das ausgebaute Dachgeschoss.“

„Ihr Architekten habt es nicht leicht“, neckte ihn Anna und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Also gut, wenn mein Verlobter den Film so lobt, dann gehen wir in Casablanca . Ich will nur noch schnell ins Bad, dann können wir los.“

Als Anna die Wohnzimmertür hinter sich geschlossen hatte, trat Gerti auf Karsten zu. Sie drehte sich noch einmal zur Tür und vergewisserte sich, dass diese geschlossen war.

„Ich wollte dich noch etwas fragen“, begann sie flüsternd. „Ich organisiere doch den Junggesellinnenabschied für Anna. Das meiste steht schon, aber wir Freundinnen möchten mit Anna noch etwas ganz Besonderes machen. Etwas, was sie sich schon immer gewünscht hat. Hast du eine Idee?“

„An was denkst du denn, zum Beispiel?“, fragte Karsten nach.

„Ach, vielleicht möchte sie gern mal hinter die Kulissen eines Theaters, vielleicht einmal auf einem Elefanten reiten oder Bungeejumping versuchen. So was eben.“

„Hmm“, überlegte Karsten und rieb sich mit Daumen und Zeigefinger das Kinn. „Sie hat schon mal darüber gesprochen, dass sie gern einen Fallschirmtandemsprung machen möchte. Aber ob das im Winter geht?“

„Warum nicht? Wenn man sich warm anzieht … Weißt du denn, wo man das in Grünwald oder München machen kann?“

„Ich habe einen sehr netten Kollegen – Leopold Reich. Der ist passionierter Fallschirmspringer. Soweit ich weiß, gibt es etwas außerhalb von Grünwald einen kleinen Flughafen, von dem aus die Flugzeuge starten. Ich kann ihn ja mal fragen.“

„Oh ja! Oder noch besser, du gibst mir seine Handynummer, dann setze ich mich direkt mit ihm in Verbindung, wenn das okay ist.“

„Kein Problem. Die Kollegenliste müsste hier irgendwo unter den Papieren sein. Moment, gleich habe ich sie.“

Karsten durchsuchte einen großen Stapel und zog triumphierend ein Blatt hervor.

„Hier! In einem geordneten Haushalt geht doch nichts verloren.“

Gerti speicherte Leopolds Nummer in ihr Handy. Kurz darauf kam Anna, bereits im Mantel, ins Zimmer.

„Ich bin so weit. Wir können“, erklärte sie.

„Servus, ihr beiden und viel Spaß“, verabschiedete Karsten die Frauen. „Kommst du heute Abend noch zu mir?“

„Ich glaube eher nicht. Nach dem Kino gehen wir bestimmt noch einen Wein trinken. Vielleicht wird es später. Ich will dich nicht stören.“

„Okay. Dann telefonieren wir morgen.“

***

„ Casablanca ist wirklich ein wunderbarer Film“, gab Anna zu, als sie mit ihrer Freundin aus dem Kino kam. „Gut, dass ich mich habe überzeugen lassen, mit dir da reinzugehen.“

„Humphrey Bogart würde ich jedenfalls nicht von der Bettkante schubsen“, sagte Gerti lachend. „Toller Typ.“

„Der ist aber leider schon über fünfzig Jahre tot. Du solltest doch lieber nach einem anderen Kerl Ausschau halten.“

„Ach, Männer!“ Gerti seufzte. „Die netten sind entweder schwul oder in festen Händen.“

„Keine Sorge. Ich bin sicher, der Mann deines Lebens wartet schon ganz in deiner Nähe.“

„Ich weiß nicht … Du hast ja gut reden, du hast Karsten …“

Bei dem Gedanken an Karsten wurde Gerti ganz warm ums Herz. Ja, so einer wie Karsten, das wäre ein Mann nach ihrem Geschmack.

Hör auf damit , ermahnte sie sich selbst. Karsten ist für dich tabu!

„Gehen wir noch etwas trinken?“, fragte Anna und hakte ihre Freundin unter.

„Ja, gerne. Wir müssen sowieso noch den endgültigen Termin für den Junggesellinnenabschied abstimmen. Von den anderen Mädels habe ich bereits die möglichen Daten abgefragt. Jetzt hängt alles an dir.“

Die beiden fanden in der Nähe eine kleine Bar. Sie bestellten sich zwei Cocktails und legten den Termin fest. Am Samstag in vier Wochen sollte Anna mit ihren Freundinnen feiern, dass sie bald eine Ehefrau sein würde.

„Um eines möchte ich dich bitten, Gerti“, sagte Anna und sah die Freundin fast flehend an. „Ich finde es schön, dass ihr für mich einen Junggesellinnenabschied organisiert, aber ich möchte nicht so peinliche Sachen machen. Also keine fremden Männer knutschen, keine Reden halten oder Lieder schmettern, nicht Hunderte von Schnäpsen trinken oder in einer albernen Verkleidung durch die Straßen ziehen.“

„Mal sehen, was wir mit dir machen. Du musst dich schon überraschen lassen. Ich werde aber mein Bestes geben, damit es nicht peinlich wird“, versprach Gerti lachend und klopfte ihrer Freundin beruhigend auf den Arm.

„Na, hoffentlich“, murmelte Anna seufzend. „Ich verlasse mich auf dich.“

„Was ist denn jetzt eigentlich mit der Hochzeitsfeier? Hast du dich mit deiner Mutter wegen der Gästezahl einigen können?“, fragte Gerti.

„Auf dreißig Personen habe ich sie drücken können. Ich habe einfach keine Lust auf ein riesiges Fest. Am liebsten würde ich gar nicht feiern.“

Gerti sah ihre Freundin fragend an.

„Gar nicht? Wieso das denn?“

„Ach, wir haben der Eheschließung nur zugestimmt, weil unsere Eltern das unbedingt wollten. Sie haben uns keine Ruhe mehr gelassen. Ich möchte das nicht auch noch an die große Glocke hängen.“

„Das verstehe ich nicht. Wenn du nicht heiraten willst, warum tust du es dann?“

Anna zuckte mit den Schultern.

„Auch wegen der Eltern. Sie verstehen nicht, dass wir auch ohne Trauschein zufrieden sind.“

„Bist du nur zufrieden mit Karsten? Nicht glücklich? Liebst du ihn denn nicht?“

„Doch, schon. Aber … aber manchmal denke ich, dass ich ihn so liebe wie einen guten Freund, einen Bruder. Wenn ich meine romantischen fünf Minuten habe, dann denke ich, dass sich richtiges Verliebtsein anders anfühlen muss. So mit Kribbeln im Bauch und Sehnsucht, wenn man sich mal ein paar Minuten nicht sieht. Mit Karsten ist es schön, aber alles ist so abgeklärt. Verstehst du, was ich meine?“

„Ja, ich verstehe. Aber du bist einfach eine unverbesserliche Romantikerin. In jeder langen Beziehung hört das erste kribbelnde Verliebtsein irgendwann auf. Das ist ganz normal. Ich glaube, du hast einfach nur ein bisschen Panik, dich offiziell festzulegen. Auch das ist ganz normal. Viele Bräute kriegen kurz vor der Hochzeit das große Zweifeln. Du bist da keine Ausnahme“, erklärte Gerti lachend.

„Meine Oma hat immer gesagt: Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich nicht noch was Besseres findet. Vielleicht sollte ich mich doch noch mal umsehen, was es sonst noch so gibt …“

„Jetzt spinn nicht rum! Du redest wirklich Blödsinn. Karsten ist ein toller Mann, klug und charmant, witzig und liebevoll. Du findest keinen Besseren!“

„Ich weiß ja, dass er ein Supertyp ist“, gab Anna zu. „Aber … Ich erzähle dir jetzt etwas ganz im Vertrauen. Du musst mir bei allem, was dir heilig ist, schwören, dass du zu niemandem auch nur ein Wort sagst.“

Erstaunt, aber auch neugierig sah Gerti ihre Freundin an. Was für ein Geheimnis wollte sie ihr anvertrauen? Hatte sie einen heimlichen Geliebten? War das der Grund, warum sie so unsicher war?

„Ich werde schweigen wie ein Grab.“

Anna räusperte sich mehrmals, ehe sie mit belegter Stimme zu sprechen begann.

„Also, Karsten und ich, na ja, wir wohnen ja nicht zusammen. Und wir verbringen auch nicht jede Nacht miteinander …“

Anna sprach nicht weiter, sondern blickte stumm vor sich hin, als wäre mit diesen bekannten Fakten bereits alles gesagt.

„Das weiß ich. Und weiter?“, drängelte Gerti.

„Wir … wir haben … also schon länger nicht mehr … Ich weiß gar nicht genau, wie lange … Also, wir haben … Wir haben seit Monaten keinen Sex mehr!“

Nur ganz kurz blickte Anna Gerti in die Augen, dann senkte sie verlegen ihren Blick. Es war ihr ganz augenscheinlich unangenehm, über das Thema zu sprechen.

„Wer von euch beiden hat denn die Lust verloren?“, fragte Gerti.

„Wir beide. Wenn wir zusammen im Bett liegen, dann kuscheln wir uns aneinander, liegen Arm in Arm und reden, lachen und scherzen miteinander. Irgendwann sagen wir uns lieb gute Nacht mit einem unschuldigen Küsschen auf den geschlossenen Mund. Das war’s.“

„Habt ihr mal darüber gesprochen?“

„Nein, das geht irgendwie nicht. Ich will daran auch gar nichts ändern. Ich liebe diese Vertrautheit mit Karsten, aber ich begehre ihn nicht mehr. Und ihm geht es genauso. Jedenfalls macht er keine Anstalten, mich zu verführen. Wir sind wie Bruder und Schwester.“

„Hmm. Das kommt sicher in jeder Beziehung mal vor, dass man solche Phasen hat. Ich würde mir an deiner Stelle nicht allzu große Sorgen machen. Ihr solltet aber wenigstens mal darüber reden“, meinte Gerti. „Sonst wird es schwierig mit Kindern“, fügte sie kichern hinzu.

***

„Jochen, kannst du bitte den Strom kurz abstellen?“

Leopold Reich stand im Vereinshaus der Fallschirmspringer auf der Leiter und wollte eine Deckenlampe wiederanbringen, die er abgenommen hatte, um die Decke zu streichen.

„Wird gemacht“, rief Jochen zurück. „Strom ist aus!“

Leo brachte die Lampe an und stieg von der Leiter.

„So, dieser Raum ist fertig. Jetzt muss nur noch die Küche gestrichen werden, und dann ist alles wieder richtig schick!“

„Mach mal Pause. Ich bestelle uns eine Pizza, und dann geht’s weiter“, schlug Jochen vor. „In einer Stunde kommen Gerd, Jannis und Volker, die können auch was tun. Schließlich haben wir alle zusammen beschlossen, dass wir unser Vereinshaus in Eigenleistung renovieren. Was für eine Pizza soll ich für dich bestellen?“

„Eine schlichte Margarita, mittlere Größe. Aber bis der Lieferdienst kommt, können wir ja schon mal anfangen, die Küche auszuräumen.“

„Meinetwegen. Aber eigentlich finde ich, dass wir genug getan haben. Wir sollten den Kollegen nicht die Arbeit wegnehmen. Das wäre nicht fein“, sagte Jochen grinsend.

„Ach, komm schon. Wenn wir das jetzt machen, dann sind wir eher fertig.“

„Fertig wozu? Willst du etwa behaupten, dass du heute Abend noch etwas vorhast?“

„Wer weiß? Vielleicht habe ich ein Date?“, erwiderte Leopold vielsagend.

„Was? Erzähle! Wie heißt sie? Woher kennst du sie? Wie sieht sie aus? Ist es euer erstes Date?“, bombardierte Jochen seinen Freund mit Fragen.

Leopold lachte.

„Komm mal wieder auf den Teppich! Ich habe kein Date. Ich bin bei meiner Schwester zum Essen eingeladen.“

„Ach, wie schade. Ich würde mich wirklich freuen, wenn du endlich mal wieder ein richtiges Date hättest. Seit sich Rita von dir getrennt hat, verbringst du jede freie Minute hier im Springerheim. Ich finde, du sollest dich langsam mal wieder dem schönen Geschlecht zuwenden.“

„Hör auf, zu nerven. Ich warte eben darauf, dass mir die Richtige über den Weg läuft. Ich bin nicht der Typ, der in Bars geht und Frauen anspricht.“

„Wenn du dich in unserer Männerwelt vergräbst, dann kann dir keine Frau über den Weg laufen. Vielleicht sollten wir mal eine Kampagne starten und gezielt Frauen als Fallschirmspringerinnen werben.“

„Wir haben doch drei Frauen im Verein.“

„Die alle mit Springerkollegen verheiratet sind!“

„Hast du eigentlich kein anders Thema als mein Singledasein? Hast du keine eigenen Probleme?“, fragte Leopold leicht verärgert.

„Schon gut. Ich hör ja schon auf. Kein Grund, sauer zu werden. Ich will doch nur, dass es dir gut geht. Ich mache mir schließlich Sorgen um meinen besten Freund“, verteidigte sich Jochen.

„Lieb von dir. Aber jetzt ruf den Pizzaservice an. Ich fange schon mal in der Küche an.“

Jochen sah seinem Freund mit leichtem Kopfschütteln nach. Er verstand nicht, wieso die Frauen bei Leopold nicht Schlange standen. Er war nicht nur intelligent und witzig, sondern auch ein ausgesprochen attraktiver, sportlicher Mann mit dunklem, vollem Haar und freundlich blitzenden Augen.

„Ich wünsche dir, dass du bald eine nette Frau findest, die dich die unschöne Geschichte mit Rita vergessen lässt“, flüsterte er so leise, dass sein Freund ihn nicht hören konnte, dann bestellte er das Essen beim Pizzaservice.

In der Mini-Küche räumte Leopold derweil die Arbeitsfläche frei und begann die Hängeschränke abzukleben und weitere Vorkehrungen für das Streichen zu treffen.

„Pizza kommt in zwanzig Minuten“, informierte ihn Jochen. „Am besten essen wir im Büro, da riecht es nicht so nach Farbe.“

„Ich klebe noch die Fußleisten ab, dann bin ich so weit“, erwiderte Leo.

„Vor dem Essen wäschst du dir aber bitte die Hände“, sagte Jochen in mahnendem Tonfall und betonte seine Worte mit erhobenem Zeigefinger.

„Ja, Papa“, antwortete Leopold lachend.

Leo kniete noch auf dem Fußboden, als es an der Tür klingelte.

„Ich gehe“, rief Jochen. „Heute ist der Pizzadienst aber besonders schnell.“

Er öffnete die Tür und war erstaunt, dass die junge Frau keinen Pizzakarton in den Händen hielt.

„Ja?“, fragte er irritiert.

„Ich bin Gerti Landauer. Wir haben telefoniert“, erklärte Gerti und lachte Jochen an. „Ich komme wegen des Tandemsprungs.“

„Ich bin Jochen, aber wir haben noch nicht miteinander gesprochen. An eine so sympathische Stimme würde ich mich erinnern“, erwiderte Jochen charmant.

„Oh! Entschuldigung. Ich bin hier mit Leopold Reich verabredet. Ist er da?“

„Komm rein. Ich bringe dich zu ihm. – Leo! Besuch für dich! Eine hübsche junge Dame.“

Als Jochen mit Gerti in die Küche kam, wischte sich Leopold gerade die Hände an seiner Arbeitshose ab. Freundlich blickte er die Besucherin an.

„Du bist bestimmt Gerti, oder? Sorry, ich gebe dir besser nicht die Hand. Bin ein bisschen dreckig. Wir renovieren gerade unser Vereinshaus“, entschuldigte er sich und legte seinen Ellenbogen in Gertis ausgestreckte Hand.

„Alles gut“, erwiderte Gerti. „Tut mir leid, dass ich Sie störe, aber Sie hatten am Telefon gesagt, ich solle im Laufe des Nachmittags vorbeikommen.“

„Bitte kein Sie , Gerti. Wir Springer duzen uns alle. Außerdem störst du nicht. Ich wasche mich nur schnell ein bisschen, dann bin ich für dich da. Jochen, nimmst du unseren Gast schon mal mit ins Büro?“

„Klar doch. Komm mit.“

Jochen warf einen bewundernden Blick auf Gerti. Die könnte doch was für Leo sein, dachte er. Und wenn sie mit ihm einen Tandemsprung machte, dann würden sie sich unweigerlich näherkommen.

Eine Viertelstunde später saßen die drei vor den beiden Pizzen, die Jochen gerecht zwischen allen aufgeteilt hatte. Gerti hatte sich ein bisschen geziert, aber dann schnell zugestimmt, mit den beiden Männern zu essen.

„Also, du hast gesagt, dass du dich für einen Tandemsprung interessierst“, sagte Leopold. „Hast du das schon einmal gemacht?“

„Nein. Aber es ist auch nicht für mich. Meine beste Freundin heiratet, und wir möchten ihr zum Junggesellinnenabschied einen Sprung schenken. Der Termin ist allerdings schon in drei Wochen. Kann man denn überhaupt im Winter springen?“

„Klar, man braucht nur warme Kleidung. Und das Wetter muss natürlich mitspielen. Aber schlechtes Wetter gibt es auch im Sommer. Ich persönlich liebe die Wintersprünge; meist ist die Luft klarer, und man hat einen besseren Ausblick als zu anderen Jahreszeiten“, schwärmte Leopold.

„Wie viel vorher weiß man denn, ob das Wetter einen Sprung zulässt?“, erkundigte sich Gerti.

„Kann man so nicht sagen. Das hängt von der Großwetterlage ab. Wenn die stabil ist, dann kann man ein bis zwei Tage vorher absehen, ob es vermutlich geht. Bei instabilem Wetter kann man die Entscheidung oft erst kurz vor dem geplanten Flug treffen.“

„Für ein Geschenk leider ein bisschen sehr unsicher“, sagte Gerti nachdenklich.

„Wie gesagt, es kann dir auch im Sommer passieren, dass ganz kurzfristig nicht gestartet werden kann. Wenn es an dem Tag des Junggesellinnenabschieds nicht geht, dann könnt ihr deiner Freundin doch einen Gutschein schenken. Wäre das eine Möglichkeit?“

„Eine gute Idee. Schöner wäre es natürlich, wenn der Sprung an dem Tag selbst stattfindet. Vielleicht haben wir ja Glück mit dem Wetter. Kann ich den Tandemsprung jetzt gleich bei euch anmelden?“

„Kannst du. Samstag in drei Wochen hast du gesagt?“

Gerti nickte. „Ich dachte so an fünf Uhr.“

„Im Dunkeln springen wir nicht“, erklärte Leopold lachend. „Der späteste Termin ist um drei, dann müsstet ihr allerdings mit deiner Freundin um halb zwei hier sein. Sie bekommt eine Einweisung und muss sich warm einpacken, das dauert.“

Gerti überlegte. Im Kopf ging sie ihre Agenda für den Junggesellinnenabschied durch. Sie müsste ein bisschen umstellen, aber das wäre kein Problem.

„Okay. Das kriegen wir hin. Kannst du mir schon sagen, wer den Sprung mit ihr macht?“

„An dem Samstag könnte ich das machen.“ Leopold holte den Kalender und trug den Termin ein. „Wie heißt denn die Braut?“

„Anna Stein. Vielleicht kennst du sie sogar. Sie ist die Verlobte von deinem Kollegen Karsten Zumberg. Von ihm habe ich auch deine Telefonnummer bekommen.“

„Anna? Die Freundin von Karsten? Ja, er war zusammen mit einer Frau auf unserer Weihnachtsfeier. Aber ich habe nicht mit ihr gesprochen.“

Vor Leopolds innerem Auge erschien das Bild von Anna. Er erinnerte sich, dass nicht nur er ihr bewundernde Blicke nachgeworfen hatte. Sein Kollege hatte eine wunderschöne Frau: lange dunkle Haare, ein ebenmäßiges Gesicht mit vollen Lippen und lebhaften dunklen Augen und eine Figur, bei der jedes Model vor Neid erbleichen musste.

***

„Hast du den Blumenstrauß besorgt?“, fragte Alexandra Schubert, als sie ihren Lebensgefährten nach Praxisschluss abholte.

„Aber sicher doch, mein Herz. Wie könnte ich es wagen, deine Aufträge nicht auszuführen?“

„Gut so! Braver Mann! Obwohl ich fast sicher bin, dass du eine deiner Sprechstundenhilfen zum Blumenladen geschickt hast.“

„Vor dir kann ich auch gar nichts geheim halten! Aber die gute Martha hat sich nicht bremsen lassen. Um sie nicht zu verletzen, musste ich zulassen, dass sie den Strauß besorgt“, scherzte Dr. Frank.

„Sage ich ja, du bist ein herzensguter Mann“, sagte Alexandra lachend, nahm ihn in den Arm und gab ihm einen leidenschaftlichen Kuss. „Wollen wir mit dem Auto oder der Bahn zu Ruth und Ulrich fahren?“

„Bei dem Sauwetter wäre ich fürs Auto. Ich würde meiner Herzensdame auch anbieten, nichts zu trinken, damit ich uns sicher nach Grünwald zurückchauffieren kann.“

„Angenommen“, erwiderte Alexandra erfreut.

Kurz darauf saßen die beiden im Wagen und fuhren in Richtung Englischer Garten. Sie waren mit ihren guten Freunden, dem Ehepaar Waldner, verabredet.

Ulrich Waldner und Stefan Frank kannten sich schon seit der Studienzeit. Einige Jahre hatten sich ihre Wege getrennt, aber dann hatte Ulrich die Waldner-Klinik in Schwabing gegründet. Er und seine Ehefrau wohnten über der Klinik in einem Penthouse, von dem aus man einen atemberaubenden Blick über den Englischen Garten hatte. Ruth Waldner arbeitete als Anästhesistin ebenfalls in der Klinik.

Die beiden Männer sahen sich in der Regel mehrmals die Woche, denn Stefan Frank hatte Belegbetten in der Klinik. Nach Praxisschluss besuchte er meist noch einen seiner Patienten und nutzte dann die Gelegenheit, um mit Ulrich zusammenzutreffen.

Oft erörterten sie medizinische Fachfragen, denn sie schätzten die kompetenten Urteile des jeweils anderen. Manchmal tranken sie nur einen schnellen Kaffee zusammen, und manchmal war einer von beiden so im Stress, dass sie sich gar nicht sahen.

Viel seltener waren allerdings die Treffen zu viert, denn bei vielbeschäftigten Ärzten einen Termin zu finden, an dem nicht irgendjemand Dienst oder Bereitschaft hatte, war nicht leicht.

„Wie lange ist es eigentlich her, dass wir das letzte Mal bei den Waldners waren?“, fragte Alexandra, als sie im Fahrstuhl zum Penthouse hinauffuhren. „Drei oder sogar vier Wochen?“

„Vor zwei Wochen waren sie bei uns. Und wir waren vor … ja, ich glaube, das ist schon fünf Wochen her, dass wir zum letzten Mal bei ihnen waren.“

„Wie die Zeit vergeht.“ Alexandra seufzte.

„Nur an dir geht sie spurlos vorbei. Ich habe den Eindruck, du wirst nicht älter, sondern immer schöner.“

„Du alter Charmeur.“ Alexandra lächelte geschmeichelt und knuffte ihn in die Seite.

Als Ruth die Tür öffnete, schlug den beiden ein würziger Duft entgegen.

„Lass mich raten“, sagte Alexandra, nachdem sie Ruth den Strauß übergeben hatte. „Knoblauch, Rosmarin, Thymian und irgendetwas Zitroniges.“

„Du hast eine feine Nase. Wenn du keine Lust mehr auf Augenärztin hast, dann solltest du als Spürhund bei der Polizei anheuern“, schlug Ruth Waldner lachend vor.

„Für mich riecht das zwar superlecker, aber einzelne Zutaten kann ich nicht herausriechen“, gab Stefan Frank zu. „Was hast du denn Feines gekocht?“

„Es gibt eine Paella. Ich habe mir extra einen ganz speziellen Paella-Reis aus Spanien schicken lassen“, erklärte Ruth stolz.

„Du lässt dir Reis aus Spanien schicken?“, wunderte sich Dr. Frank. „Schmeckt der denn anders als Reis, den man hier kaufen kann?“

„Ich finde schon. Ihr könnt das gleich selbst probieren.“

„Wo bleibt ihr denn?“, rief Ulrich Waldner aus dem Wohnzimmer. „Machen wir heute eine Flurparty?“

„Geht ihr doch schon mal zu meinem ungeduldigen Göttergatten; ich muss noch die letzten Handgriffe in der Küche machen“, forderte Ruth Waldner ihre Gäste auf.

Eine halbe Stunde später saßen alle vor ihren dampfenden Tellern.

„Wirklich köstlich, deine Paella“, lobte Stefan Frank. „Aber am allerbesten sind die Riesengarnelen. Darf ich noch eine haben? Wenn ich richtig gezählt habe, waren es für jeden drei, und ich hatte schon drei.“

„Nimm ruhig“, sagte Ruth lächelnd und legte ihm eine Garnele auf den Teller. „Ich bin gar nicht so scharf darauf. Meine dritte ist für dich.“

Mit schnellen und geschickten Handgriffen befreite der Arzt die Garnele von ihrem Panzer und betrachtete sein Werk.

„Ich hätte doch Chirurg werden sollen“, sagte er zufrieden.

„… in einer Tierklinik“, ergänzte Alexandra lachend.

„Was gibt’s denn Neues in Grünwald?“, fragte Ulrich Waldner. „Worüber tratscht euer Dorf?“

Obwohl nur etwa elf Kilometer Luftlinie zwischen München und Grünwald lagen, wunderte sich Ulrich immer, wie dörflich und familiär es in der Praxis seines Freundes zuging. Dr. Frank erfuhr als Allgemeinmediziner viel mehr über das Privatleben seiner Patienten als Ulrich Waldner, der Chef einer großen Klinik war.

Stefan kannte fast jeden in Grünwald, und fast jeder kannte ihn. Wenn man mit Stefan durch die Straßen ging, konnte man meinen, man sei mit einem prominenten Gesicht aus dem Fernsehen unterwegs. In München war das Leben viel anonymer.

„Im Moment ist es relativ ruhig in Grünwald“, antwortete Dr. Frank. „Den Einbrecher, der uns zwei Wochen in Atem gehalten hat, hat die Polizei gefasst. Frau Gamsstadel, die von einigen als ‚gut informiert‘, von anderen als ‚größte Klatschtante‘ bezeichnet wird, habe ich für drei Wochen zur Kur geschickt. Unsere Volksbank hat eine Bürgerentscheidung darüber angeregt, ob sie dem Grünwalder Park im Frühjahr eine Schaukel oder eine Rutsche spendieren soll. Es geht also alles seinen Gang.“

„Eines hast du noch vergessen, Stefan: Es wird bald eine Hochzeit geben, die zwei alteingesessene Grünwalder Familien verbindet“, ergänzte Alexandra. „Erinnert ihr euch noch an Anna Stein, die zur Schwangerschaftsvertretung in meiner Praxis war? Sie heiratet Karsten Zumberg, den Sohn des Tiefbauunternehmers Zumberg.“

„Dann seid ihr bestimmt eingeladen, oder?“, fragte Ruth.

„Nicht nur zur Hochzeit. Ich muss sogar an dem ersten Junggesellinnenabschied meines Lebens teilnehmen“, erklärte Alexandra stöhnend.

Ruth zog die Augenbrauen nach oben.

„Man trifft in der Stadt jetzt ständig auf Bräute, die johlend und trinkend mit ihren Freundinnen durch die Straßen ziehen. Woher kommt diese neue Sitte eigentlich? Als Ulrich und ich geheiratet haben, da gab es nur den soliden Polterabend.“

„Ich glaube, das ist aus Amerika zu uns herübergeschwappt. Genau wie Halloween. So etwas kenne ich aus meiner Jugend auch nicht“, antwortete Alexandra.

„Weißt du denn schon, was ihr auf dem Junggesellinnenabschied macht? Musst du in einem Bunny-Kostüm mit Hasenohren und Puschelschwanz durch die Stadt laufen?“, witzelte Ulrich.

„Gott bewahre! Wenn so etwas vorgesehen ist, dann bin ich sofort weg!“, rief Alexandra aus und hob abwehrend die Hände.

„Neulich wurde ich von einer wilden Horde Bunnys vor dem Supermarkt angehalten. Zuerst erklärte mir eine junge Frau – unter dem Grölen ihrer Freundinnen –, was sie an ihrem zukünftigen Ehemann gar nicht mag“, begann Ulrich lachend zu erzählen. „Und dann, das werdet ihr kaum glauben, dann hat sie mich gefragt, ob sie das Etikett aus meiner Unterhose schneiden darf, denn sie müsse unbedingt zehn Etiketten zusammenbekommen.“

„Und? Hast du zugestimmt?“, fragte Stefan Frank lachend.

„Wo denkst du hin? Natürlich nicht! Meinst du, ich lasse mir auf offener Straße etwas aus meiner Unterhose schneiden?“, empörte sich Ulrich.

„Ich kann auch noch ein peinliches Spielchen beisteuern“, sagte Ruth. „Als Schwester Gabriella geheiratet hat, hatten sich ihre Freundinnen ausgedacht, dass sie eine Viertelstunde an einem Straßenschild an einer vielbefahrenen Kreuzung einen Go-Go-Tanz aufführen musste. Als sie mir davon erzählt hat, habe ich drei Kreuze geschlagen, dass ich schon verheiratet bin.“

„Oje, meint ihr, dass es immer so furchtbare Spielchen gibt?“, fragte Alexandra. „Vielleicht sollte ich mich lieber krankmelden.“

„Für die Braut ist das bestimmt am schlimmsten. Kannst du dich nicht in die Organisation der Party einschalten? Dann weißt du, was dich erwartet.“

„Das ist vielleicht gar keine so dumme Idee. Annas beste Freundin Gerti hat die Oberherrschaft bei der Vorbereitung. Ich werde sie anrufen.“

„Auf jeden Fall wird dich viel Alkohol erwarten, mein Herz“, sagte Stefan Frank. „Was ich so mitbekomme, gilt ein Junggesellenabschied nur dann als Erfolg, wenn alle so betrunken sind, dass sie sich am nächsten Tag nicht mehr daran erinnern können, wo sie den letzten Schnaps getrunken haben.“

„Bei Junggesellen mag Komasaufen ja vorkommen, aber wir sind doch nur Frauen“, entgegnete Alexandra.

„Ja und?“, fragte Ruth Waldner. „Willst du etwa behaupten, dass Frauen nicht trinken?“

„Jedenfalls nicht so viel wie Männer.“

„Schön wär’s! Wir hatten im letzten Monat mehr junge Frauen mit einer Alkoholvergiftung in der Notaufnahme als junge Männer. Freu dich also nicht zu früh.“

***

„Los, schnell eure T-Shirts überziehen! Anna kommt in zehn Minuten“, befahl Gerti den sechs Frauen, die in dem Frühstückslokal an der Isar bereits am Tisch saßen.

Gehorsam zog auch Alexandra sich ein pinkfarbenes Shirt mit dem glitzernden Aufdruck „ traut“ über den Kopf, dann schüttelte sie ihre dunkle Lockenmähne wieder in Form.

Das Gespräch mit Gerti hatte sie beruhig. Gerti hatte einiges geplant, aber zum Glück keine wirklich peinlichen Aktionen. Zwar fand Alexandra die grellfarbenen T-Shirts eher albern, aber sie wollte keine Spielverderberin sein.

Für alle Teilnehmerinnen hatte Gerti ein Shirt bedrucken lassen. Auf jedem stand ein Wort, und zusammengenommen ergaben die Worte zwei Sätze: Anna traut sich. Anna liebt Karsten. Auf zwei Hemden, die Gerti und Anna tragen sollten, prangte ein großes goldenes Herz, das von einem Liebespfeil durchschossen wurde.

„Das sieht gut aus. Jetzt stellt euch bitte in der richtigen Reihenfolge vor das Fenster, damit man die Sätze auch lesen kann.“

Gerti war in ihrem Element. Sie zupfte hier noch ein bisschen am Saum und drehte dort noch eine der Frauen ein wenig mehr nach links oder rechts, dann bat sie die Kellnerin, ein Foto zu machen.

„Ihr könnt gleich stehen bleiben“, rief sie, als die ersten wieder zu ihren Plätzen gehen wollten. „Da hinten kommt unsere Braut. Und jetzt machen wir es wie besprochen. Ich gehe vorneweg, dann Karolin, dann Alexa, dann …“

„Gerti! Wir können alle lesen. Du hast uns jetzt schon fünf Mal erklärt, was wir tun sollen. Wir haben es begriffen“, sagte Karolin lachend.

Die Frauen stellten sich hintereinander auf und legten die Hände auf die Schultern der Vorderfrau. Als sich die Polonaise in Gang setzte, begann Gerti den Hochzeitsmarsch zu summen. Die meisten fielen mit „da da dada, da da dada“ ein. Die Reihe marschierte auf die erstaunte Anna zu und stellte sich im Halbkreis um sie auf, sodass sie die Sätze lesen konnte.

„Hier, das ist für dich“, erklärte Gerti und reichte Anna ihr T-Shirt. „Anziehen!“

„Ich darf aber zuerst meinen Wintermantel ausziehen, oder?“, fragte Anna lachend.

„Klar. Ich hole schon mal die nette Kellnerin für ein Gruppenfoto.“

Die Kellnerin, die sichtlich Spaß an der ausgelassenen Frauengruppe hatte, machte viele Fotos und animierte ihre Models zu verschiedenen Posen und Grimassen.

„Die Bilder möchte ich gern haben. Sie sind ganz toll geworden. Schickst du sie mir, Gerti?“, fragte Karolin, nachdem sie sich die Fotos auf dem Display der Digitalkamera angesehen hatte.

„Natürlich. Ihr bekommt alle die Fotos.“

„Ich nehme an, Sie wollen erst anstoßen – oder soll ich gleich mit dem Servieren des Frühstücks beginnen?“, fragte die Kellnerin bei Gerti nach.

„Warten Sie mit dem Frühstück ruhig noch etwas. Mädels! Mädels! Alle mal herhören! Wer von euch möchte nicht mit einem Glas Champagner anstoßen?“, rief Gerti in die fröhlich plaudernde Runde.

„Ich nehme O-Saft“, sagte Friederike und deutete auf ihren Babybauch, den sie stolz vor sich hertrug.

Alle anderen stimmten zu, mit einem Glas Champagner das Frühstück zu beginnen.

Alexandra seufzte still. Dann hatten ihre Freunde neulich doch richtig vermutet: Alkoholische Getränke waren offensichtlich ein unverzichtbarer Bestandteil von Junggesellinnenabschieden. Sie nahm sich vor, dass sie bis heute Abend nicht mehr als das eine Glas zum Anstoßen trinken würde.

Aber auch die anderen waren vernünftig. Als die Kellnerin nachschenken wollte, winkten alle ab.

Die Frauen setzten sich an den Tisch, auf dem bereits ein opulentes Frühstück eingedeckt war.

„Warme Speisen finden Sie auf dem Buffet“, erläuterte die Servicekraft. „Kaffee und Tee bringe ich Ihnen gleich. Noch jemand ein Wasser oder einen Saft?“

Mehr als zwei Stunden saßen Anna und ihre Freundinnen beim Frühstück und hatten viel Spaß. Ab und zu ließ jemand eine Andeutung fallen, dass ihr heute noch eine Riesenüberraschung bevorstehe, aber trotz geschickter Nachfragen gelang es Anna nicht, herauszufinden, was es war.

„Bevor wir zum nächsten Event aufbrechen, haben wir noch ein kleines Geschenk für dich“, sagte Gerti.

Friederike holte einen Korb, den sie neben der Garderobe versteckt hatte.

„So, Anna, wir haben uns gedacht, dass es auch in deiner Ehe immer wieder Abende geben wird, an denen du allein bist, weil dein Mann wegen wichtiger Geschäfte unterwegs ist“, sagte Friederike und reichte Anna den Korb mit schön verpackten Geschenken. „Damit du die Einsamkeit an solchen Abenden nicht ganz so spürst, hat jede von uns ganz speziell für dich ein paar Kleinigkeiten zusammengestellt, die dir über solch schwere Stunden hinweghelfen sollen.“

„Danke.“ Anna blickte gerührt auf die vielen kleinen Päckchen. „Danke, danke. Ich habe einfach tolle Freundinnen.“

„Erst auspacken, dann bedanken“, rief Karolin, die es nicht erwarten konnte zu sehen, was die anderen sich ausgedacht hatten.

Anna griff nach dem ersten Päckchen und löste vorsichtig den Knoten des Geschenkbandes. Dann versuchte sie, die Klebebandstreifen so abzulösen, dass das Papier keinen Schaden nahm.

„Bitte! Anna! Das Einzige, das mich schon immer an dir genervt hat, ist deine Art, Geschenke auszupacken“, rief Karolin lachend. „Wenn du in dem Zeitlupentempo weitermachst, dann sitzen wir in zwei Monaten noch hier. Ich habe extra eine Schere mitgebracht. Bitte, benutze sie!“

„Na gut, weil ihr es seid. Aber lieber packe ich langsam aus. Das erhöht die Vorfreude“, erwiderte Anna lächelnd.

Trotzdem fügte sie sich und öffnete die Päckchen schneller. Und was gab es da alles! Ein Wellness-Set mit Masken fürs Gesicht, Badesalz und Pflegelotion, ein Paar Wollsocken für einsame kalte Wintertage, eine Flasche Eierlikör, einen Kriminalroman, ein Knäuel Wolle mit Stricknadeln, einen Gute-Laune-Tee und eine Yoga-Matte mit Yoga-Lehrbuch für Anfänger.

„Aber jetzt darf ich Danke sagen?“, fragte Anna gerührt. „Ihr habt euch wirklich tolle Sachen überlegt.“

„Das Beste kommt aber noch“, versprach Gerti. Sie hatte gerade vor der Tür des Restaurants mit Leopold telefoniert, um sich über die Wetterbedingungen informieren zu lassen. Er hatte ihr gesagt, sie sollten sich möglichst bald auf den Weg machen, denn noch seien die Bedingungen günstig, aber gegen Nachmittag könne das Wetter durchaus umschlagen.

Mit den anderen Frauen hatte sie – von Anna unbemerkt – abgesprochen, dass sie nach dem Frühstück direkt zum Flugplatz fahren würden.

„Nun spannt mich nicht so auf die Folter. Was habt ihr mit mir vor? Ich habe doch gemerkt, dass ihr dauernd tuschelt“, sagte Anna und blickte erwartungsvoll in die Runde.

„Wir machen einen Ausflug. Mehr verraten wir noch nicht“, sagte Gerti. „In zwanzig Minuten verlassen wir das Lokal. Uhrenvergleich, Mädels!“, fügte sie augenzwinkernd im Kommandoton hinzu.

Mit zwei Autos machte sich die Gruppe auf den Weg zum Flugplatz. Anna saß bei Gerti im Wagen und war auf die Rückbank verbannt worden. Neben ihr saß Alexandra, der die Aufgabe zukam, der zukünftigen Braut einige Kilometer vor dem Flugplatz die Augen zu verbinden, um sie bis zum letzten Moment im Ungewissen darüber zu lassen, wo es hingehen würde.

„So, Anna, jetzt ist es so weit. Schließe deine Augen; ich binde dir ein Tuch um“, sagte Alexandra und zog aus einem Beutel eine Schlafbrille und ein Seidentuch.

„Muss das sein?“, fragte Anna. „Ich kann doch auch einfach die Augen zumachen.“

„Gerti hat bestimmt, dass ich mich nicht erweichen lassen soll“, erklärte Alexandra lachend.

„Also meinetwegen“, gab Anna resigniert nach. „Solange ihr mir nicht auch noch die Hände fesselt …“

Vorsichtig legte Alexandra der Braut die Augenbinde an.

Kaum war Anna der Sehsinn genommen, überkam sie ein mulmiges Gefühl. Das Letzte, was sie gesehen hatte, war, dass der Wagen auf die nördliche Stadtgrenze von Grünwald zufuhr.

Aber jetzt, nur ein paar Minuten später, hatte sie die Orientierung verloren. Sie hatte wohl gemerkt, dass Gerti um einige Kurven gefahren war, aber Anna hätte nicht sagen können, ob sie immer noch in die gleiche Richtung fuhren.

Wohin nur wollten sie mit ihr? Anna fiel ein, dass Gerti sie gebeten hatte, bequeme Kleidung zu tragen und Skiunterwäsche einzupacken. Ob es in die Berge zum Skifahren oder Rodeln ging, oder zum Schlittschuhlaufen? Sollte sie jetzt Stunden mit verbundenen Augen hier sitzen?

„Bald bist du erlöst, Anna. In ein paar Minuten sind wir da, dann darfst du die Binde abnehmen“, versprach Gerti und bremste den Wagen ab. Sie parkte neben dem Auto, mit dem die anderen Freundinnen zum Flugplatz gefahren waren.

„Ein Glück.“ Anna seufzte und begann die Augenbinde zu lockern.

„Moment noch.“

Alexandra zog sanft Annas Hände fort, die sich am Knoten des Schals zu schaffen machten.

„Du musst noch mit verbundenen Augen aussteigen und dich ein paar Schritte von uns führen lassen.“

Anna tastete sich vorsichtig aus dem Wagen. Mit beiden Händen auf das Autodach gestützt, blieb sie stehen. Unter ihren Füßen fühlte sie Beton oder Asphalt.

Sie lauschte auf die Geräusche. Ganz in der Ferne hörte sie das Rauschen von Autos, aber in ihrer Nähe schien kein Verkehr zu herrschen. Sie hatte das Gefühl, auf einer freien Fläche zu stehen. Vielleicht ein Parkplatz?

Der Geruch, den der kühle Winterwind ihr entgegentrug, kam ihr bekannt vor. Benzin? Es roch ähnlich wie an einer Tankstelle. Aber warum sollten ihre Freundinnen sie zu einer Tankstelle bringen? Was sollte sie mit Skiunterwäsche an einer Tankstelle?

„Komm, ich führe dich“, sagte Alexandra und griff nach Annas Arm.

Anna ließ sich nur widerwillig dazu bewegen, ein paar Schritte zu tun. Mit der Augenbinde fühlte sie sich schrecklich hilflos.

„Ihr schubst mich jetzt aber nicht ins Wasser oder macht sonst was Fieses?“, fragte Anna bang.

„Keine Sorge. Du bleibst unversehrt und trocken.“

In dem Moment startete eine Propellermaschine, die schon seit einiger Zeit auf dem Rollfeld gestanden hatte. Anna lauschte.

„Wir sind auf einen Flugplatz!“, rief sie erfreut aus, weil sie identifiziert hatte, wo sie sich befand. „Stimmt doch, oder?“

„Könnte sein“, entgegnete Gerti geheimnisvoll.

Alexandra führte Anna wie besprochen noch ein paar Meter in Richtung einer kleinen Maschine, die am Rande des Rollfeldes stand.

„Jetzt nimm die Augenbinde ab“, befahl Gerti.

Anna öffnete den Knoten des Schals und schob die Schlafbrille hoch. Sie blinzelte mehrmals, ehe sich ihre Augen an die plötzliche Helligkeit gewöhnt hatten.

„Ein Flugzeug?“, fragte Anna ratlos. Dann hellte sich ihr Gesicht auf. „Ein Rundflug! Wir machen einen Rundflug!“

„Noch besser“, sagte Karolin.

Friederike zeigte auf das Vereinshaus, über dem ein Schild angebracht war, das einen Fallschirmspringer zeigte.

„Nein! Das ist nicht wahr, oder? Habt ihr wirklich … soll ich …?“, stammelte Anna, als sich langsam in ihr Bewusstsein schlich, dass sie heute ihren ersten Fallschirmsprung machen sollte.

***

Leopold stand vor dem Vereinshaus und sah der Frauentruppe entgegen, die sich ihm näherte. Seine Augen suchten nach Anna, die er auf der Weihnachtsfeier seiner Firma gesehen hatte. Er erkannte sie sofort. Obwohl er sie als schöne Frau in Erinnerung hatte, musste er nun feststellen, dass sie noch attraktiver war, als er gedacht hatte.

„Herzlich willkommen bei den Skydivern.“

„Hier ist Anna, unsere Braut. Sie wird springen“, erklärte Gerti und schob Anna ein Stück auf Leopold zu.

„Servus, Anna. Ich bin Leopold, oder Leo, dein Tandemmaster. Wie fühlst du dich?“

„Bis vor drei Minuten wusste ich noch gar nicht, was mich erwartet. Ich hatte noch keine Zeit, aufgeregt zu werden“, erwiderte Anna lachend. „Ich bin aber sicher, das kommt noch.“

„Jeder ist vor seinem ersten Sprung aufgeregt. Du befindest dich also in bester Gesellschaft.“

„Wir beide springen zusammen?“, fragte Anna und sah Leo mit ihren braunen Augen erwartungsvoll, aber auch ein bisschen ängstlich an.

„Ja. Du kannst ganz beruhigt sein, ich bin ein erfahrener Tandemmaster. Irgendwann habe ich aufgehört, zu zählen, aber du bist sicher mein achtzigster Tandemsprung. Außerdem bekommst du noch eine ausführliche Einführung, damit du genau weißt, was dich erwartet und wie du dich zu verhalten hast.“

„Was ist eigentlich mit uns? Können wir bei der Einführung dabei sein?“, fragte Friederike.

„Sicher. Zuerst zeige ich ein Video, und dann beantworte ich Fragen. Nur ins Flugzeug könnt ihr nicht mit. Annas Sprung müsst ihr euch von unten ansehen.“

„Springt nur ihr beide, oder sind noch mehr dabei?“, fragte Gerti.

„Keine weiteren Tandemspringer, aber vier Kollegen von mir springen solo. Jetzt kommt mal rein, hier draußen ist es doch ein bisschen zu kalt zum Plaudern.“

Erstaunt sahen die Gäste, dass Leo einen Kaffeetisch gedeckt hatte. Mitten auf dem Tisch stand ein Kuchen, auf dem ein Plastikbrautpaar prangte.

„Kaffee?“, fragte er in die Runde.

Die Frauen nickten und setzten sich.

„Ein Kaffee wäre prima, aber ich kann nicht schon wieder Kuchen essen; wir kommen gerade vom Frühstück“, sagte Karolin, als Leopold fragend das Messer in die Luft hielt, mit dem er den Kuchen anschneiden wollte.

„Ich kann sowieso nichts essen“, gestand Anna. „So langsam werde ich doch nervös.“

„Aber ich nehme ein Stück“, sagte Friederike lachend und strich sich über ihren Bauch. „Ich muss schließlich für zwei essen.“

„Soll ich den Kuchen anschneiden?“, fragte Alexandra, als sie sah, dass Leopold sich ungeübt ans Werk machte.

„Sehr gern. Ich hole den Kaffee.“

Leo ging in die Küche und kam mit zwei Thermoskannen zurück.

„Schenkt euch ein. Ich lege das Video ein. Anna, setz du dich bitte dort drüben hin, wo dein Anmeldeformular liegt. Da hast du auch einen guten Blick auf die Leinwand.“

Kurz darauf sah man Bilder von einem Fallschirmsprung, die mit sphärischer Musik unterlegt waren. Die nächste Sequenz des Einführungsvideos zeigte einen jungen Mann, der sich die Springergurte anlegte. Dann wurde genauestens erklärt, wie der Sprung ablief, wie man in der Luft mit seinem Tandemmaster kommunizierte und was weiterhin zu beachten war, um einen sicheren Sprung zu absolvieren.

Als nach einer halben Stunde der Film zu Ende war, blickten alle auf Anna, die blass geworden war.

„Puh!“, sagte sie. „Ich habe mir zwar schon lange gewünscht, einen Tandemsprung zu machen, aber nun habe ich doch Angst. Was ist, wenn ich einen Fehler mache? Ich habe mir nicht alles merken können, was im Video erklärt wurde.“

„Du musst gar nicht viel machen“, sagte Leopold beruhigend. „Ich helfe dir, die Gurte anzulegen und gebe dir genaue Kommandos, was du zu tun hast. Du musst nur daran denken, bei der Landung deine Beine anzuziehen, denn sonst kann es passieren, dass wir stürzen.“

„Was ist denn, wenn wir schon oben sind und ich doch nicht springen will?“

„Dann musst du nicht. Hier wird niemand gezwungen. Aber dir muss schon klar sein, dass es eine normale Reaktion ist, Angst davor zu haben, sich aus einem Flugzeug zu stürzen. Es wird dich Überwindung kosten, aber du solltest nicht zu schnell aufgeben, denn das würde dich um ein unvergessliches Erlebnis bringen.“

„Und wir erwarten, dass du springst!“, drohte Gerti augenzwinkernd. „Mach jetzt bloß keinen Rückzieher.“

„Ich will ja auch.“

„Was möchtest du noch wissen?“, fragte Leopold.

„Im Video wurde gesagt, dass wir auf viertausend Meter Höhe steigen. Ist es da oben nicht entsetzlich kalt?“

„Als Faustregel kann man sagen, dass es in viertausend Metern Höhe rund vierundzwanzig Grad kälter ist als auf dem Boden. Aber gegen die Kälte schützen der warme Springeroverall, eine Gesichtsmaske und Handschuhe.“

„Ich habe mal gelesen, dass man erst nicht atmen kann, wenn man aus dem Flugzeug springt. Stimmt das?“

„Nein, auch im freien Fall aus dieser Höhe kann man ganz normal atmen. Das Gerücht hören wir immer wieder. Ich glaube, das liegt daran, dass viele Erstspringer vor lauter Aufregung und Anspannung die Luft anhalten und später denken, sie hätten nach dem Absprung nicht atmen können. Weitere Fragen?“

„Im Moment nicht. Ach doch, kann ich den Sprung mit meinem Handy filmen?“

Leopold lachte. „Nein, jedenfalls nicht mit deinem Handy in der Hand, das würdest du garantiert fallen lassen. Außerdem sollst du dich ganz auf den Flug konzentrieren. Wir haben aber eine sogenannte Handy-Cam. Die binde ich mir ans Handgelenk, und dann kann ich dich und den Flug filmen.“

„Super. Ich muss ja wenigstens einen Beweis haben, wenn ich mich schon vom Himmel fallen lasse.“

„Wir starten in einer guten halben Stunde. So langsam sollten wir mal mit dem Ankleiden beginnen. Magst du mir folgen?“, fragte Leopold.

Er führte Anna in die Kleiderkammer.

„Du kommst mir irgendwie bekannt vor“, stellte Anna fest. „Sind wir uns schon mal begegnet?“

„Ich bin ein Kollege von Karsten, deinem zukünftigen Ehemann. Auf der Weihnachtsfeier haben wir uns gesehen“, antwortete Leopold und freute sich, dass Anna sich an ihn erinnerte, obwohl sie nicht miteinander gesprochen hatten. „Wir suchen dir jetzt eine warme Sprungkombi aus. Du bist sehr schlank. Mal sehen, was wir da haben …“

„Gerti hat mir aufgetragen, Skiunterwäsche mitzubringen. Soll ich die unterziehen?“

„Kannst du machen. Aber du solltest dann deine Jeans und den Pullover wieder darüberziehen.“

Anna holte die Unterwäsche aus ihrem kleinen Rucksack und sah sich suchend um. Hier gab es keine Kabine und keinen Vorhang, hinter dem sie sich hätte umziehen können.

Leopold reichte ihr eine Fliegerkombi.

„Die müsste passen. Probier mal.“

„Wo kann ich mich umziehen?“

„Nur hier. Ich kann aber kurz rausgehen, wenn dir das lieber ist.“

„Nein, ist nicht nötig“, erwiderte Anna, die nicht zickig erscheinen wollte.

Sie drehte ihrem Tandemmaster den Rücken zu und schlüpfte aus Jeans und Pulli, um die Skiunterwäsche überzustreifen. Obwohl Leopold es nicht wollte, riskierte er doch einen verstohlenen Blick auf die junge Frau in Unterwäsche. Was er sah, gefiel ihm über alle Maßen. Anna war schlank, aber nicht zu dünn. Ihre Bewegungen waren fließend und so geschmeidig wie bei einer Katze.

„Die Kombi passt“, erklärte Anna und präsentierte sich Leopold mit ausgebreiteten Armen. „Soll ich meine Schuhe anziehen, oder bekomme ich welche von dir?“

Leopold schaute auf Annas Ballerinas.

„Die gehen nicht. Hast du noch andere dabei?“

„Ja, Gerti hat gesagt, ich soll Wanderschuhe mitnehmen.“

„Das hört sich besser an.“

Während Anna ihre Wanderschuhe schnürte, holte Leopold das Tandemgeschirr.

„Das lege ich dir jetzt an und zeige dir schon mal in einer Trockenübung, wie wir beide gleich fliegen. Bereit?“

Anna nickte. Ihr wurde plötzlich wieder bewusst, dass sie gleich aus viertausend Metern Höhe zur Erde fallen würde. Sie schluckte schwer und versuchte, ihre Nervosität vor Leopold zu verbergen.

„Den Fuß hier durch und den anderen da, oder?“, fragte sie.

„Ja. Jetzt zieh den Gurt bitte hier zu. Er sollte eng sitzen, dich aber nicht abschnüren. So, und hier hinten hake ich mich ein, dann hängst du fest mit mir verbunden und mehrfach gesichert vor meinem Bauch.“

Leopold, der auch seine Fliegerkombi übergezogen hatte, stellte sich hinter Anna, legte die Arme um sie und zog sie an sich heran, um zu demonstrieren, wie es gleich sein würde.

„Kurz vor dem Aussteigen greifst du mit deinen Händen an dein Gurtzeug, biegst die Beine nach hinten und überstreckst deinen Kopf. Genau so, wie du es im Video gesehen hast. Klar? Versuch es bitte mal.“

Anna legte ihre Hände an den Gurt vor ihrer Brust und bog den Kopf nach hinten. Leo, der immer noch eng hinter ihr stand, konnte den betörenden Duft ihres Haares riechen und atmete tief ein.

Eigentlich hätte er Anna schon längst loslassen müssen, denn im freien Fall würden sie beide die Arme ausbreiten, aber er wollte den Moment, wo er seine Arme von ihr lösen musste, noch etwas hinauszögern. Was für ein schönes Gefühl, diese attraktive Frau so dicht an seinem Körper zu spüren.

„Gut so?“, fragte Anna angespannt. Sie wunderte sich, dass Leopold nichts sagte.

„Genau so“, antwortete er mit belegter Stimme. „Sobald wir aus dem Flieger raus sind, machst du die Arme auseinander, und dann wirst du das Gefühl haben, zu fliegen.“

„Meinst du, ich kann den Sprung genießen? Ich bin jetzt schrecklich aufgeregt.“

„Bestimmt genießt du den Flug. Die meisten Tandemspringer sind Wiederholungstäter. Fallschirmspringen kann süchtig machen“, prophezeite Leopold ihr lachend.

„Das kann ich mir im Moment nur schwer vorstellen.“

„Nur Mut. Ich bin sicher, dass dir das Springen gefällt. Ich hole dir jetzt noch einen Helm und eine Fliegerbrille. Bei den Temperaturen solltest du außerdem Handschuhe tragen.“

Die Tür wurde geöffnet, und ein Mann trat ein.

„Wie weit seid ihr?“, fragte er.

„In fünf Minuten sind wir bereit – oder, Anna? Das ist übrigens Benno, unser Pilot. Das ist Anna, die heute ihren ersten Tandemsprung macht“, stellte Leopold die beiden einander vor.

„Blue skies and safe landings, wie es bei uns Springern heißt“, sagte Benno und nickte Anna aufmunternd zu. „Ich sage den anderen Bescheid. Wir starten in zehn Minuten.“

Anna nahm Handschuhe, Gesichtsmaske, Helm und Sprungbrille in Empfang, dann gingen sie und Leo wieder zu Annas Freundinnen, die gespannt auf sie warteten.

„Wir starten gleich, aber noch ist Zeit für ein schnelles Foto“, sagte Leopold lächelnd.

***

Anna lachte angestrengt in die Kameras. Ihr schoss durch den Kopf, ob das die letzten Bilder waren, die von ihr existieren würden, wenn sie gleich abstürzte.

Leopold ließ ihr keine Zeit, weiter über mögliche Katastrophen nachzudenken, denn er drängte zum Aufbruch. Mit weichen Knien folgte ihm Anna zum Flugzeug, dessen Motor sich schon warmlief.

„Hals und Beinbruch“, riefen ihr die Freundinnen im Chor nach. „Wir erwarten dich am Landepunkt.“

„Wir Springer wünschen uns Blue skies und safe landings , das habe ich gerade gelernt. Bis gleich, meine Lieben“, rief Anna betont fröhlich, aber mit gepresster Stimme.

Leopold half Anna, ins Flugzeug einzusteigen. Noch einmal drehte sie sich zu ihren Freundinnen um und winkte.

Die vier Solospringer saßen bereits in der Maschine und nickten Anna freundlich zu. Sie rückten beiseite, damit die Tandemspringer in der engen Kabine noch Platz fanden. Anna wunderte sich, dass es für die Springer keine Sitze gab; alle hockten auf dem Boden. Ohne dass sie es merkte, griff sie nach Leopolds Hand. Sie brauchte jetzt einfach jemanden, der sie festhielt und ihr Sicherheit gab.

„Alle gut?“, fragte Leo, gegen den Lärm der dröhnenden Motoren anschreiend. Er drückte ihre schweißnasse Hand und sah sie aufmunternd lächelnd an. „Du schaffst das.“

Der Blick in Leopolds Augen beruhigte Anna. Seine Augen hatten eine tiefblaue Farbe und blickten so zuversichtlich, dass sie tatsächlich einen Teil ihrer Angst verlor.