Dr. Stefan Frank Großband 8 - Stefan Frank - E-Book

Dr. Stefan Frank Großband 8 E-Book

Stefan Frank

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Beschreibung

10 spannende Arztromane lesen, nur 7 bezahlen! Dr. Stefan Frank - dieser Name bürgt für Arztromane der Sonderklasse: authentischer Praxis-Alltag, dramatische Operationen, Menschenschicksale um Liebe, Leid und Hoffnung. Dabei ist Dr. Stefan Frank nicht nur praktizierender Arzt und Geburtshelfer, sondern vor allem ein sozial engagierter Mensch. Mit großem Einfühlungsvermögen stellt er die Interessen und Bedürfnisse seiner Patienten stets höher als seine eigenen Wünsche - und das schon seit Jahrzehnten! Eine eigene TV-Serie, über 2000 veröffentlichte Romane und Taschenbücher in über 11 Sprachen und eine Gesamtauflage von weit über 85 Millionen verkauften Exemplaren sprechen für sich: Dr. Stefan Frank - Hier sind Sie in guten Händen! Dieser Sammelband enthält die Folgen 2270 bis 2279 und umfasst ca. 640 Seiten. Zehn Geschichten, zehn Schicksale, zehn Happy Ends - und pure Lesefreude! Jetzt herunterladen und sofort eintauchen in die Welt des Dr. Stefan Frank.

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Seitenzahl: 1249

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Impressum

BASTEI LÜBBE AG Vollständige eBook-Ausgaben der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgaben Für die Originalausgaben: Copyright © 2014/2015 by Bastei Lübbe AG, Köln Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller Verantwortlich für den Inhalt Für diese Ausgabe: Copyright © 2021 by Bastei Lübbe AG, Köln Covermotiv von © shutterstock/StockLite ISBN 978-3-7517-1782-3 www.bastei.de www.luebbe.de www.lesejury.de

Stefan Frank

Dr. Stefan Frank Großband 8

Inhalt

Stefan FrankDr. Stefan Frank - Folge 2270Dr. Ferdinand Lutz ist ein bekannter Sportarzt - und ein echter Workaholic: Er arbeitet unermüdlich und gönnt sich nie Ruhe ... bis er eines Tages einen Herzinfarkt erleidet. Dr. Frank und seine Kollegen in der Waldner-Klinik raten ihm dringend, nun endlich kürzerzutreten, und auch seine Tochter Nina macht sich große Sorgen. Nina ist ebenfalls Ärztin und weiß, welcher Gefahr sich ihr Vater aussetzt. Trotzdem kann Ferdinand sich nicht entschließen, seine geliebte Praxis abzugeben. In seinen Augen fehlt ihm ein Erbe: Sein Lebenswerk soll im Familienbesitz bleiben - und er hat keinen Sohn! Zwar liebt er seine Tochter über alles, aber eine Frau als Sportmedizinerin? Nein danke. Nina trifft das hart: Sie hat ihr Medizinstudium erfolgreich absolviert und wünscht sich nichts sehnlicher als die Anerkennung ihres Vaters. Dass er ihr die verweigert, führt zum Bruch in der Familie. Doch dann kommt Hilfe von ganz unerwarteter Seite ...Jetzt lesen
Dr. Stefan Frank - Folge 2271In der Notaufnahme der Waldner-Klinik ist die Hölle los, denn durch ein Unwetter hat es viele Unfälle gegeben. Unter den Patienten ist auch Katharina Becker. Die junge Mutter wurde von einem umstürzenden Baum getroffen, als sie gerade mit ihrer kleinen Tochter Lili vom Einkaufen kam. Erst im Krankenhaus kommt Katharina wieder zu sich. Verzweifelt fragt sie nach ihrer Tochter, doch niemand weiß, wo das Kind geblieben ist ... Lili ist zum Glück unverletzt geblieben. Der charmante Tischler Oliver Behnke hat das verstörte Mädchen gefunden, kann es aber wegen des Sturmes nicht zur Polizei bringen. Da auch die Telefonverbindungen gestört sind, kann er niemandem Bescheid geben, und so nimmt er Lili mit zu sich nach Hause. Von der ersten Minute an sind die beiden ein Herz und eine Seele. Aber was wird Lilis Mama dazu sagen?Jetzt lesen
Dr. Stefan Frank - Folge 2272Seit einigen Monaten unterstützt Dr. Vincent Bruckmann die Ärzte in der Notaufnahme der Waldner-Klinik. Die Kollegen sind sich einig: Vincent ist eine große Bereicherung für das Team. Er ist ein hervorragender Mediziner und versteht sich wie kaum ein zweiter darauf, das Vertrauen der Patienten zu gewinnen. Offenbar hat sich das in München herumgesprochen, denn eines Tages steht ein Pappkarton vor der Ambulanz, und daran klebt ein Zettel: Dies ist Sofie. Sie ist drei Monate alt und braucht liebevolle Betreuung. Ihre Eltern haben sie sehr lieb, können sich aber nicht um sie kümmern. Das soll Herr Dr. Bruckmann machen. In dem Karton liegt ein etwa drei Monate altes Baby ...Jetzt lesen
Dr. Stefan Frank - Folge 2273Veronika ist verliebt, zum ersten Mal in ihrem Leben. Seit sie dem smarten Personal Trainer Julius begegnet ist, kann sie an nichts anderes mehr denken. Und auch er scheint echtes Interesse an ihr zu haben, obwohl Veronika das kaum glauben kann. Was will denn ein so attraktiver Sportler wie er mit einer einfachen Hauswirtschafterin wie ihr? Die Wochen vergehen, und Veronika und Julius treffen sich immer öfter. Schnell wird aus der anfänglichen Verliebtheit eine tiefe, aufrichtige Liebe. Doch immer noch ist Veronika davon überzeugt, dass sie nicht gut genug für Julius ist. Immerhin ist er tagein, tagaus von hübschen, sportlichen Frauen umgeben. Als er dann eine seiner Kundinnen nach Indien begleitet, scheint ihr schlimmster Albtraum wahr zu werden. Veronika ist überzeugt: Jetzt hat Julius sie verlassen ...Jetzt lesen
Dr. Stefan Frank - Folge 2274Ella Hansen ist das Ein und Alles ihres Papas Daniel. Kein Wunder: Mit ihren blonden Haaren und den riesengroßen blauen Augen sieht das kleine Mädchen förmlich aus wie ein Engel. Doch fragt man Ellas Kindermädchen, so ist die Fünfjährige eher ein kleiner Satansbraten. Und so hat das Mädchen auch schon etliche Erzieherinnen in die Flucht geschlagen. Als es wieder einmal so weit ist, droht Daniel Hansen zu verzweifeln. Wo, um Himmels willen, soll er denn schon wieder ein neues Kindermädchen auftreiben? Das Problem löst sich glücklicherweise fast wie von selbst, als er nur wenige Tage später die junge - und sehr hübsche - Kinderpsychologin Anna Winkler kennenlernt. Zugegeben, Anna verhält sich ähnlich divenhaft wie Ella, aber was hat Daniel schon für eine Wahl? Kurzentschlossen engagiert er Anna. Noch ahnt er nicht, dass diese Entscheidung sein und Ellas Leben für immer verändern wird ...Jetzt lesen
Dr. Stefan Frank - Folge 2275Es liegt Stefan Frank fern zu lauschen. Dennoch bleibt er wie gebannt stehen, als er Antonia Behrendorf am Bett ihres bewusstlosen Freundes Leo Strecker sitzen und ihn mit einer Wolke aus weißem Stoff streicheln sieht, während sie ihm eine Geschichte erzählt. Der Grünwalder Arzt versteht nicht alles, aber doch genug: Aus diesem Stoff ist das Kleid gemacht, das sie bei ihrer Hochzeit tragen will, und sie erzählt Leo, wie sie das Kleid gefunden hat. Erst als Antonia verstummt, klopft Dr. Frank leise an die offene Tür. "Keine Veränderung?", erkundigt er sich, während er nähertritt. "Äußerlich nicht, aber er hört mich, das spüre ich." Antonia zeigt auf den weißen Stoff und erklärt: "Von meinem Brautkleid, ich habe es heute gefunden. Leo hat mir nämlich einen Heiratsantrag gemacht, bevor er den Unfall hatte. Und er wird heute noch aus dem Koma erwachen, das spüre ich." Stefan Frank bezweifelt, dass dieser Patient jemals wieder die Augen öffnen wird. Doch er weiß auch, dass immer mal wieder ein Wunder geschieht. Warum nicht heute?Jetzt lesen
Dr. Stefan Frank - Folge 2276Uff, ganz schön anstrengend, dieser Yoga-Kurs. Erschöpft lehnt sich die hübsche Anwaltsgehilfin Wanda Obermayer gegen die Wand. Kleine Sternchen tanzen vor ihren Augen, und ihr Herz flattert unruhig in ihrer Brust. Was ist nur mit ihr los? Normalerweise ist sie doch recht sportlich, keinesfalls bringen sie ein paar einfache Übungen an ihre Grenzen. Ob es daran liegt, dass sie privat so viel Stress hat? Immerhin vermutet sie schon seit Wochen, dass ihr Verlobter Benedikt sie betrügt ... Nach ein paar Minuten ist der Schwächeanfall wieder vorbei, und Wanda kann nach Hause gehen. Doch die Herzrhythmusstörungen treten immer häufiger auf und werden jedes Mal heftiger. Zum Glück hat Wanda einen guten Hausarzt: Dr. Stefan Frank. Und der rät ihr, unbedingt auf ihr Herz zu hören - in jeder Hinsicht ...Jetzt lesen
Dr. Stefan Frank - Folge 2277"Ich muss zu meiner Mama!", ruft die siebenjährige Sophie aus Leibeskräften und versucht sich an Notarzt Tim Heyers vorbeizuschieben. "Bitte, ich muss zu meiner Mami - ich habe doch solche Angst, dass sie stirbt!" Statt sie zurückzuschieben, schließt Dr. Heyers die kleine Sophie in die Arme. Im ersten Moment sieht es aus, als würde sie sich aus seiner Umarmung befreien wollen, dann aber lässt sie sich geradezu erleichtert gegen seine Brust fallen. "Deine Mami stirbt nicht", flüstert der junge Arzt und streicht ihr über das Haar. "Wir werden deine Mami retten, Sophie. Das verspreche ich dir ..." Dr. Stefan Frank, der die Szene beobachtet hat, schluckt schwer. Sicher, der Kollege muss dem kleinen Mädchen Mut machen. Aber er persönlich glaubt nicht, dass diese Geschichte gut ausgehen wird, weder für Marie Krafft noch für ihre Tochter Sophie - und wahrscheinlich auch nicht für Dr. Heyers, der sich unsterblich in die schwer kranke Marie verliebt hat ...Jetzt lesen
Dr. Stefan Frank - Folge 2278Eins weiß Eva Mertens ganz sicher: Sie wird sich niemals wieder verlieben! Schließlich hat sie schon einmal erfahren, wie es ist, verraten und verlassen zu werden. Dummerweise geraten ihre Vorsätze ins Wanken, als sie den charmanten Journalisten Mark Ruska kennenlernt. Ein Blick aus seinen wunderschönen Augen genügt, und ihr Herz schmilzt wie Schnee in der Sonne. Und so wagt sie es doch noch einmal, das Abenteuer Liebe ... Dass Eva ihre Ängste von einem Tag auf den anderen Tag ablegen kann, hat Mark natürlich nicht erwartet. Aber dass sie ihm immer wieder Untreue vorwirft, obwohl er sie aufrichtig liebt, das schmerzt ihn doch sehr. Immerhin hat er sie doch geheiratet und wünscht sich nichts sehnlicher, als mit Eva eine kleine Familie zu gründen! Als dann noch seine Exfreundin mit einem Baby, das angeblich seins ist, vor der Tür steht, gerät Marks und Evas Liebe vollends in Gefahr. Dabei hatte ihre Hochzeit doch erst der Anfang sein sollen!Jetzt lesen
Dr. Stefan Frank - Folge 2279Als die schwangere Patientin Ella Rosner bewusstlos in die Waldner-Klinik eingeliefert wird, sind Ärzte und Pfleger gleichermaßen entsetzt. Offenbar ist eine Arterie in Ellas Gehirn geplatzt und hat so irreparable Schäden verursacht! Schon nach wenigen Stunden steht die furchtbare Diagnose: Ella Rosner wird für hirntot erklärt. Das Leben der jungen Patientin ist nicht mehr zu retten, doch das Baby in ihrem Bauch scheint noch munter zu sein. Was nun? Natürlich will niemand, dass auch noch das Kind stirbt. Sollen die Ärzte also Ellas Körperfunktionen aufrechterhalten, damit ihr kleiner Sohn eine Chance bekommt? Andererseits: Ist es moralisch zu vertreten, den Körper der leblosen Patientin als Brutkasten für ihr Baby zu verwenden? Sie wenden sich an den Vater des Kindes, doch der scheint über Ellas furchtbaren Zustand gar nicht so unglücklich zu sein ...Jetzt lesen

Inhalt

Cover

Impressum

Ich bin eine gute Ärztin!

Vorschau

Ich bin eine gute Ärztin!

Warum Ferdinand seiner Tochter nicht vertraute

Dr. Ferdinand Lutz ist ein bekannter Sportarzt – und ein echter Workaholic: Er arbeitet unermüdlich und gönnt sich nie Ruhe … bis er eines Tages einen Herzinfarkt erleidet. Dr. Frank und seine Kollegen in der Waldner-Klinik raten ihm dringend, nun endlich kürzerzutreten, und auch seine Tochter Nina macht sich große Sorgen. Nina ist ebenfalls Ärztin und weiß, welcher Gefahr sich ihr Vater aussetzt. Trotzdem kann Ferdinand sich nicht entschließen, seine geliebte Praxis abzugeben. In seinen Augen fehlt ihm ein Erbe: Sein Lebenswerk soll im Familienbesitz bleiben – und er hat keinen Sohn! Zwar liebt er seine Tochter über alles, aber eine Frau als Sportmedizinerin? Nein danke. Nina trifft das hart: Sie hat ihr Medizinstudium erfolgreich absolviert und wünscht sich nichts sehnlicher als die Anerkennung ihres Vaters. Dass er ihr die verweigert, führt zum Bruch in der Familie. Doch dann kommt Hilfe von ganz unerwarteter Seite …

„Und jetzt bitte den Mund noch einmal weit auf, Frau Stahnke – das berühmte A-Sagen! Ja, so ist es absolut vorbildlich.“

Behutsam strich Nina Lutz mit dem Wattetupfer über die weiß befleckten Mandeln der Patientin.

„Wir machen sicherheitshalber einen Rachenabstrich, aber ich denke, es besteht kein Zweifel: Sie haben eine eitrige Mandelentzündung. Um ein Antibiotikum werden Sie leider nicht herumkommen.“

„Ach, das macht gar nichts, liebes Fräulein Doktor!“ Die siebzigjährige Patientin, die sich eben noch mühsam den Schmerz verbissen hatte, strahlte. „Das habe ich ja bei Ihrem Herrn Papa auch immer ganz wunderbar vertragen.“

Nina Lutz unterdrückte ein Seufzen. Dass der Begriff „Fräulein“ seit Langem abgeschafft war, ließ sich den Stammpatienten dieser Praxis ebenso wenig beibringen wie die Tatsache, dass sie nicht die Tochter, sondern nur die Praxisvertretung von Dr. Paulsen, einem beliebten praktischen Arzt, war.

Im Grunde machte es ihr nichts aus. Nina liebte ihren Beruf, sonst hätte sie das lange Studium nicht auf sich genommen. Und wenn die Patienten zufrieden waren, war sie es auch.

Die ständige Erwähnung des „Herrn Papa“ rührte jedoch an einer offenen Wunde: Nina hatte nämlich durchaus einen „Herrn Papa“, der als Arzt tätig war. Und es war auch durchaus nicht so, dass sie nicht gern in seiner Praxis mitgearbeitet hätte. Ganz im Gegenteil!

Ninas Vater, der stadtbekannte Sportarzt Dr. Ferdinand Lutz, war genau auf dem Gebiet tätig, auf dem auch Nina sich mit viel Einsatz und Leidenschaft spezialisiert hatte. Leider vertrat er aber die Ansicht, Frauen gehörten überall eher hin als in eine Arztpraxis! Und von dieser völlig veralteten Weltsicht nahm er nicht einmal seine eigenen Töchter aus.

Ninas zwei ältere Schwestern hatten ihm diesbezüglich auch keine Probleme bereitet: Lena hatte Pädagogik studiert und als Grundschullehrerin einen Beruf ergriffen, den ihr Vater für eine Frau als ideal empfand. Und seit Lena mit ihrem Kollegen Thorsten verheiratet und Mutter der zuckersüßen Mareike war, hatte sie ohnehin erst einmal ein Jahr Familienpause eingelegt.

Miriam, die Zweitgeborene, hatte Konditorin gelernt – in den Augen ihres Vaters ebenfalls ein typischer Frauenberuf. Dass weit häufiger Männer in der Backstube Erfolge erzielten, ignorierte Dr. Ferdinand Lutz geflissentlich – genau wie alles andere, was nicht perfekt in sein Weltbild passte.

Nina unterdrückte einen weiteren Seufzer, während sie das Rezept für Frau Stahnkes Antibiotikum ausstellte. Sie liebte und verehrte ihren Vater wirklich über alles – aber seine Ansichten waren einfach von vorgestern!

Dabei hätte er in seiner großen, völlig überlaufenen Praxis dringend Hilfe gebrauchen können. Im Grunde war es albern, dass sie, Nina, sich ihre Sporen als Ärztin mit Praxisvertretungen verdiente, während ihr Vater händeringend nach Hilfe suchte.

Vor allem hätte er sich liebend gern einen Nachfolger herangezogen, um die Praxis eines Tages in guten Händen zu wissen. Da ihm das Schicksal aber nun einmal drei Kinder weiblichen Geschlechts beschert hatte und in seiner verdrehten Welt ausschließlich Männer Ärzte wurden, war guter Rat teuer!

Statt umzudenken, hatte Ferdinand Lutz sämtliche Hoffnungen auf einen Schwiegersohn verlegt, doch auch dabei standen seine Karten schlecht: Thorsten war Lehrer, und Miriams Langzeit-Verlobter Jonas verdiente sich seine Brötchen als Hotelkaufmann.

Nina hingegen, die Jüngste, hatte mit Verlobung oder gar Heirat nichts im Sinn. Wozu auch ihrem Vater einen Mediziner als Schwiegersohn präsentieren? Schließlich war sie selbst frisch gebackene Sportärztin!

Sie hätte viel darum gegeben, ihrem Vater beweisen zu dürfen, was in ihr steckte …

„Alles Gute für Sie, Frau Stahnke“, sagte Nina und drückte der Patientin die Hand. „Wegen des Abstrichs erhalten Sie von uns Bescheid, und in drei Tagen sollten Sie sich schon viel besser fühlen. Wenn nicht, rufen Sie bitte sofort an und vereinbaren einen neuen Termin.“

„Das mache ich gern, Fräulein Doktor.“ Frau Stahnkes Lächeln wurde noch breiter. „Wenn man so nett und gründlich untersucht wird, fühlt man sich ja sowieso gleich besser.“

Nina spürte, wie eine Spur von Röte in ihre Wangen schoss. Es gab keine schönere Anerkennung als dieses völlige Vertrauen der Patienten. Ihr Vater hatte ihr von diesem Gefühl erzählt, als sie ein kleines Mädchen gewesen war, und sie empfand dasselbe wie er. Dafür lohnte sich alles – Überstunden, Nachtarbeit, Stress und Sorge. Ein anderer Mensch begab sich vertrauensvoll in ihre Hände – und sie hatte die Möglichkeit, ihm zu helfen!

Warum begriff ihr Vater nur nicht, dass er ihr die Liebe zur Medizin förmlich eingeimpft hatte? Seine Berichte von Sportlern, die überglücklich waren, wenn sie nach Verletzungen wieder laufen, springen oder Gewichte stemmen konnten, hatten in ihr den Wunsch geweckt, diesen Beruf ebenfalls zu erlernen.

Und wenn Nina Lutz sich erst einmal etwas wünschte, brachte sie nichts auf der Welt davon ab. Auch darin war sie ganz und gar die Tochter ihres Vaters …

„Frau Dr. Lutz?“

Nina schrak zusammen. Sie war so tief in ihre Gedanken versunken gewesen, dass sie Schwester Rena, Dr. Paulsens Sprechstundenhilfe, gar nicht bemerkt hatte.

Die Schwester steckte ihren Kopf in den Türspalt. Sicher kam sie, um Nina die Krankenblätter für den nächsten Patienten zu bringen.

„Schicken Sie Herrn Seipold ruhig schon herein, Schwester. Ich bin hier so weit.“

Schwester Rena schüttelte den Kopf, und erst jetzt fiel Nina auf, dass sie bedrückt wirkte.

„Ich müsste ein privates Gespräch durchstellen, Frau Doktor. Ihre Schwester. Sie sagt, es ist dringend.“

„Ja, warum denn so umständlich?“, fragte Nina. „Stellen Sie es einfach durch.“

„Natürlich, Frau Doktor“, murmelte Rena und verschwand.

Gleich darauf klingelte der Apparat auf dem Schreibtisch.

„Lena?“, fragte Nina. Sie war sicher, dass ihre älteste Schwester die Anruferin sein musste, denn Miriam arbeitete um diese Zeit in der Konditorei. „Was gibt es denn?“

„Ich bin es“, vernahm sie Miriams Stimme und erschrak. Dem Tonfall der Schwester war mehr als deutlich anzumerken, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. „Ich versuche seit einer halben Stunde, dich zu erreichen, aber du gehst nicht an dein Handy.“

„Ich lasse es während der Praxiszeiten ausgeschaltet“, erwiderte Nina. „Aber jetzt sag mir doch endlich, was eigentlich los ist!“

„Es geht um Papa“, sagte Miriam gepresst. „Er hatte einen Herzanfall.“

„Um Gottes willen“, entfuhr es Nina. „Einen Infarkt?“

Insgeheim war das seit Jahren ihre schlimmste Befürchtung. Ihr Vater ging in seiner Arbeit auf, „Schonung“ war ein Fremdwort für ihn, und auf seine Gesundheit nahm er dabei keine Rücksicht.

„Es sieht so aus“, murmelte Miriam. „Genaues weiß man noch nicht, die Untersuchungen laufen ja erst an. Stefan Frank sagt aber, er hat Glück im Unglück gehabt.“

„Stefan Frank?“ Nina spürte, wie die schreckliche Anspannung sich ein wenig löste.

Dr. Stefan Frank war ein einstiger Student ihres Vaters und ein überragender Allgemeinmediziner, auf dessen Fähigkeiten er große Stücke hielt. Dr. Frank gehörte zu den wenigen Menschen, von denen sogar Ferdinand Lutz sich zumindest von Zeit zu Zeit etwas sagen ließ.

„Ja, stell dir vor, die beiden haben gerade telefoniert, als es passierte. Sie sprachen über einen Fall, den Papa ihm überwiesen hat – und ganz plötzlich blieb ihm die Luft weg. Dr. Frank hat blitzschnell geschaltet und den Notarzt alarmiert.“

„Dem Himmel sei Dank.“ Nina atmete auf. „Wo ist Papa denn jetzt?“

„In der Waldner-Klinik“, sagte Miriam. „Wir sind alle hier.“

„Ich gebe der Sprechstundenhilfe Bescheid und bin gleich bei euch“, erwiderte Nina und sprang schon auf.

***

„Ich weiß, Sie hören das nicht gern.“ Dr. Stefan Frank wählte seine Worte mit Bedacht und fasste seinen Kollegen dabei fest ins Auge. „Aber Sie werden Ihr Leben von Grund auf ändern müssen, wenn Sie verhindern wollen, dass sich ein solcher Vorfall wiederholt.“

„Und was soll das heißen?“ Mit blitzenden Augen blickte Dr. Ferdinand Lutz ihm entgegen.

Oberflächlich betrachtet sah man dem korpulenten, weißhaarigen Herrn, der aufrecht in seinem Klinikbett saß, nicht mehr an, dass er erst vor wenigen Tagen einen lebensbedrohlichen Infarkt gehabt und eine Öffnung des Herzkranzgefäßes überstanden hatte. Doch Stefan Frank kannte seinen Patienten seit Jahrzehnten und wusste, dass dieses fahle Grau nicht seiner natürlichen Gesichtsfarbe entsprach.

Der Grünwalder Arzt räusperte sich. Ferdinand Lutz war ein begnadeter Mediziner und als Sportarzt stadtbekannt. Er war sein Dozent gewesen, den er immer aufrichtig bewundert hatte. Was jedoch seine eigene Gesundheit betraf, bewies der gefeierte Kollege nicht mehr Vernunft als ein kleines Kind.

„Sie werden kürzertreten müssen“, wagte Dr. Frank sich vor. „Ich habe mit Dr. Schlüter, der Sie operiert hat, gesprochen, und wir sind beide der Meinung, dass Ihnen eine Kur sehr guttäte. Wie Sie selbst wissen, gibt es gerade für Menschen mit Herzkrankheiten hervorragende Rehabilitationszentren …“

„Hören Sie mir bloß damit auf!“, fiel ihm Ferdinand Lutz ins Wort. „Ja, ich weiß, diese Rehabilitationszentren sind ein Segen, ich habe schließlich selbst genug Patienten einen Aufenthalt dort verordnet. Aber die Zentren sind für Kranke! Was, um alles in der Welt, habe ich da zu suchen?“

„Es tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen, Herr Kollege“, erwiderte Dr. Frank, „aber Sie sind krank.“

„Das sollte Ihnen allerdings leidtun!“, polterte Ferdinand Lutz los.

Dann erschrak er, weil er allzu schnell außer Atem geriet. Er tastete nach seinem Hals und wischte sich Schweiß von der Stirn, ehe er wesentlich gedämpfter weitersprach.

„Gehören Sie jetzt also auch schon zu den Leuten, die mich zum alten Eisen abschieben wollen? Sie, mein eigener Student, glauben ebenfalls, als Arzt überschreite man ein Haltbarkeitsdatum wie ein Becher Sahnejoghurt, und hinterher ist man reif fürs Abstellgleis?“

„Nein, natürlich glaube ich solchen Unsinn nicht“, erwiderte Dr. Frank.

Mitgefühl mit dem Kollegen, der wie ein altgedienter Kapitän sein Schiff nicht verlassen wollte, überwältigte ihn. Aber damit war weder Ferdinand Lutz noch den Menschen, die ihn liebten, geholfen.

„Von Ihrer Erfahrung könnte ein junger Kollege unendlich viel profitieren“, fuhr er fort. „Aber dazu müssten Sie ihm erst einmal gestatten, an Ihrer Seite zu arbeiten.“

„Sie wollen sagen, ich soll einen Partner aufnehmen?“, fragte Ferdinand Lutz. „In meine Praxis?“

Stefan Frank nickte.

„Und dieser Partner soll dann eines Tages mein Nachfolger werden, richtig?“

„Ist das kein angenehmer Gedanke?“, fragte Stefan Frank zurück. „Schließlich hätte der Nachfolger dann alles von der Pike auf bei Ihnen gelernt.“

„Da haben Sie ja nicht unrecht“, gab der Kollege zu. „Und ich kann Ihnen versichern, dass ich selbst schon des Öfteren darüber nachgedacht habe. Aber wissen Sie, was das Problem ist? Ich kann mich einfach nicht mit der Vorstellung anfreunden, diese Praxis, die ich mit meiner Hände Arbeit aufgebaut habe, einem Fremden anzuvertrauen. Ich habe mir immer vorgestellt, dass mein Lebenswerk eines Tages in der Familie bleibt.“

„Das geht wohl den meisten Menschen so“, erwiderte Stefan Frank.

Auch er selbst musste sich eingestehen, dass der Gedanke durchaus seinen Reiz hatte. Aber das Leben ging nun einmal seine eigenen Wege. Ihm hatte es keine Kinder geschenkt, und wenn er welche gehabt hätte – wer weiß, ob sie nicht lieber Flugbegleiter, Hundezüchter, Kunstmaler oder Quantenphysiker geworden wären als Ärzte?

Kinder taten heutzutage nun einmal nicht mehr, was ihre Eltern sich für sie erträumten. Vielleicht hatten sie das nie getan.

„Ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr ich mir einen Sohn gewünscht habe, der in meine Fußstapfen tritt“, sprach Ferdinand Lutz, in Gedanken versunken, weiter. „Aber die Erfüllung dieses Wunsches war meiner Rosi und mir nicht vergönnt.“

„Sie haben drei wundervolle Töchter“, erinnerte ihn Stefan Frank, der mit der Familie seines einstigen Dozenten seit Jahren auch privat verkehrte und sowohl Rosemarie Lutz als auch Lena, Miriam und Nina gut kannte.

„In der Tat, die habe ich“, rief der Kollege eilig. „Verstehen Sie mich nicht falsch: Mein Dreiergespann ist mein ganzer Stolz, und ich würde keines von meinen hübschen Mädchen eintauschen – nicht einmal gegen den begabtesten Jungen der Welt! Aber eine Frau gehört nun einmal nicht als Arzt in eine Praxis, daran führt kein Weg vorbei …“

„Warum denn nicht?“, fragte Dr. Frank. „Ich für mein Teil kenne zahllose Kolleginnen, die uns Männern nicht nur das Wasser reichen können, sondern uns locker überflügeln. Wie Sie wissen, ist eine davon meine Lebensgefährtin, Frau Dr. Schubert.“

Der Gedanke an seine geliebte Alexandra trieb ihm ein Lächeln auf die Lippen. Als Augenärzten gehörte sie zur Spitze ihres Fachs, und ihre Patienten wussten, dass sie bei ihr in den besten Händen waren. Dieser berufliche Erfolg nahm Alexandra nichts von ihrer Weiblichkeit, und Vorurteile, wie Ferdinand Lutz sie hegte, gehörten grauen Vorzeiten an.

Leider waren sie aber genauso wenig auszurotten wie ein hartnäckiger Grippevirus!

„Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten, Herr Kollege“, sagte Ferdinand Lutz jetzt. „Aber ich habe nun einmal meine Ansichten, und ich finde, in meinem Alter habe ich ein Recht darauf. Meine Tochter liegt mir ja auch schon seit Ewigkeiten in den Ohren.“

„Können Sie das nicht verstehen?“, fragte Stefan Frank. „Soweit ich weiß, ist Ihre Tochter Nina eine unserer vielversprechendsten jungen Kolleginnen. Sie hat ihr Studium mit Bestnoten abgeschlossen, und Dr. Paulsen – den sie in seiner Praxis vertritt – ist voll des Lobes, wenn er über sie spricht. Nur der eigene Vater weigert sich, ihre Leistungen anzuerkennen. Würde Sie das an ihrer Stelle nicht wurmen? Warum geben Sie Nina eigentlich keine Chance?“

„Das habe ich Ihnen doch lang und breit erklärt“, wehrte Ferdinand Lutz unwirsch ab. „Für mich ist der Arztberuf nun einmal etwas für Männer, und damit basta. Da Nina sich dieses Studium partout nicht ausreden ließ, hatte ich darauf gehofft, dass sie dabei wenigstens einen passenden jungen Mediziner kennenlernen würde, aber damit war es leider auch Essig. Nina denkt gar nicht daran, mir einen Schwiegersohn ins Haus zu bringen, der als mein Nachfolger geeignet wäre.“

„Nun, dann werden Sie sich wohl anderweitig umsehen müssen“, erwiderte Stefan Frank. „Auf jeden Fall müssen Sie wesentlich ruhiger leben als bisher. Ich sage Ihnen das in aller Deutlichkeit, denn ich finde, als Kollege bin ich es Ihnen schuldig: Wenn Sie nicht anfangen, sich zu schonen, ist der nächste Herzinfarkt bereits vorprogrammiert.“

„Jetzt malen Sie doch nicht den Teufel an die Wand, Stefan.“ Ferdinand Lutz schlug einen väterlichen Ton an. „So schlimm wird es um mich doch wohl nicht stehen.“

„Es steht sogar noch schlimmer“, erwiderte Dr. Frank gnadenlos. „Sie wissen selbst, dass sich eine solche Durchblutungsstörung, die zum Absterben von Teilen des Herzmuskels führt, nicht verharmlosen lässt.“

„Gott im Himmel, Sie haben das doch nicht in diesem Ton zu meiner Rosi gesagt?“ Die Stimme des Kollegen klang auf einmal ängstlich. „Bitte tun Sie das nicht – Rosi macht sich doch sowieso schon ständig Sorgen und würde mich am liebsten in Watte packen.“

„Ihre Rosi ist eine sehr kluge Frau“, erwiderte Stefan Frank. „Außerdem ist sie seit dreißig Jahren mit einem Arzt verheiratet und Mutter einer Ärztin. Es war überhaupt nicht nötig, ihr etwas zu sagen.“

„Das heißt – Rosi weiß es?“

„Dass sie Sie dazu bringen muss, beruflich kürzerzutreten, weiß sie“, bestätigte Dr. Frank und gönnte sich ein tiefes Seufzen. „Wie Sie allerdings dazu zu bewegen sind, das weiß sie genauso wenig wie ich.“

***

„Und nun trinken wir erst einmal einen schönen Kaffee.“

Die Familie saß um den großen Tisch im Wintergarten versammelt. Wie eh und je ging Ninas Mutter mit der Kaffeekanne von Sitzplatz zu Sitzplatz und schenkte all ihren Lieben duftenden Kaffee ein.

In der Mitte des Tisches stand ihre berühmte Apfel-Zimt-Torte und verströmte ein verlockendes Aroma. Rosemarie Lutz backte für ihr Leben gern und hatte diese Liebe an ihre Tochter Miriam vererbt.

So, wie Papa mir seine Liebe zur Medizin vererbt hat, dachte Nina, und Unmut regte sich in ihr. Sie wollte keinen Streit anfangen. Sie wusste, wie glücklich ihre Mutter war, endlich einmal wieder die ganze Familie beisammen zu haben, um bei Kaffee und Kuchen die Heimkehr des Vaters zu feiern, und das wollte sie ihr nicht verderben.

Aber warum machte ihr Vater ihnen allen eigentlich das Leben so schwer? Er brauchte Hilfe in der Praxis, er wünschte sich einen Nachfolger aus der Familie – und seine eigene Tochter brauchte einen Arbeitsplatz!

Vor einigen Tagen hatte Dr. Ulrich Waldner, der Leiter der Waldner-Klinik, Nina eine Stellung als Assistenzärztin angeboten. Sie wusste das zu schätzen: Die Waldner-Klinik gehörte zu den angesehensten Krankenhäusern Münchens, und die meisten jungen Ärzte hätten sich um eine solche Position gerissen.

Auch Nina hatte mit dem Gedanken gespielt, aber sie wusste, der hektische Krankenhausbetrieb war nicht das Richtige für sie. Sie wollte sich Zeit für ihre Patienten nehmen können und sie als ganze Menschen kennenlernen. Außerdem war sie mit Leib und Seele Sportmedizinerin.

Und ihr Vater musste doch wirklich dringend einen Gang herunterschalten! Zwar saß er jetzt wieder an seinem angestammten Platz am Kopf der Tafel und ließ sich wie eh und je die Torte schmecken, aber wer ihn kannte, dem entging nicht, wie angeschlagen er wirkte. Nina machte sich Sorgen um ihn – und dem Rest der Familie erging es nicht anders.

„Wolltest du Papa nicht unseren Vorschlag unterbreiten?“, fragte ihre Schwester Lena, wie auf ein Zeichen hin, ihre Mutter. Ihre kleine Tochter Mareike war in ihren Armen eingeschlafen, deshalb sprach sie leise, doch ihr Ton war äußerst eindringlich.

„Ach ja, Ferdi!“ Rosemarie fuhr zu ihrem Mann herum und tat so, als hätte sie nur nicht an die Sache gedacht. In Wirklichkeit zitterte sie vor seiner Reaktion.

„Was gibt es denn?“ Ferdinand Lutz furchte die buschigen Brauen.

„Stell dir vor, die Kinder hatten da eine ganz wunderbare Idee“, flötete seine Frau. „Da du ja nicht in ein Reha-Zentrum fahren willst, dachten sie, uns beiden könnte stattdessen ein ausgiebiger Urlaub guttun. Du weißt ja, wie lange ich mir schon wünsche, mal wieder mit dir zu verreisen. Endlich wieder einmal so richtig in die Sonne – erst recht jetzt, wo die endlose graue Jahreszeit vor der Tür steht …“

„Ja, das weiß ich alles“, brummte Ninas Vater. „Und du weißt, dass ich dir diesen Wunsch gern viel öfter erfüllt hätte.“

„Deshalb wollen die Kinder ihn uns erfüllen!“, rief Rosemarie hastig. „Sie haben alle zusammen beschlossen, uns zum dreißigsten Hochzeitstag eine Reise zu schenken. Nach Marokko! Mein Traum seit dreißig Jahren.“

„Marokko?“ Ninas Vater brummte immer noch. „Da waren wir doch damals schon auf der Hochzeitsreise.“

„Ja, und es war der wundervollste Urlaub meines ganzen Lebens“, schwärmte Ninas Mutter. „Weißt du noch, wie glücklich wir waren – du und ich in diesem wundervollen Licht, in diesem Paradies aus Farben und Düften? Damals haben wir uns geschworen, dorthin zurückzukehren, ins Paradies unserer Liebe, wie du gesagt hast.“

Nina horchte auf. So romantisch kannte sie ihren Vater ja gar nicht! Vermutlich gingen solche Gefühle in seinem hektischen Alltag, in dem kaum je Zeit zum Durchatmen war, irgendwann einfach unter.

„Du weißt selbst, dass so etwas leichter gesagt als getan ist“, murmelte ihr Vater hörbar verlegen. „Danach habe ich angefangen, die Praxis aufzubauen. Die ersten Jahre waren unglaublich hart, ich musste wie ein Ochse darum ackern, mir unter den anerkannten Ärzten Münchens einen Namen zu machen. Und dann kamen ja auch gleich die Kinder …“

„Ich weiß, Ferdi.“ Liebevoll deckte Ninas Mutter ihre Hand über die ihres Mannes. „Du hast immer bestens für uns gesorgt und dich für deine Familie und deine Patienten aufgeopfert. Das Letzte, was ich will, ist, dir einen Vorwurf zu machen. Die Kinder und ich waren glücklich, auch wenn du dir keinen Urlaub nehmen konntest und wir unsere Ferien im heimischen Garten verbracht haben. Aber jetzt sagen doch auch deine Ärzte, dass du dringend eine Pause bräuchtest – wäre das nicht der ideale Zeitpunkt für unsere Rückkehr ins Paradies?“

Eine Bewegung glitt über das Gesicht ihres Vaters, und Nina sah deutlich, wie er mit sich kämpfte. Ihre Eltern verband auch nach dreißig Jahren noch eine tiefe Liebe, und sie hassten es, einander zu enttäuschen. Nur in diesem einen Punkt war ihr Vater bisher stur wie ein Maulesel geblieben – war dies der Moment, in dem er seine Haltung ändern würde?

„Röschen, ich verstehe ja, dass du dir eine Reise wünschst“, druckste er und tätschelte seiner Frau die Hand. „Aber auf das alberne Gerede von meinen Ärzten gebe ich keinen Pfifferling. Wichtigtuer sind das, alle miteinander!“

„Was, etwa auch dein vielgepriesener Dr. Frank?“, rief Nina dazwischen.

„Nun, eigentlich neigt der ja nicht zu solchem hysterischen Gerede“, gestand ihr Vater widerstrebend ein. „Aber wenn er behauptet, ich müsste unbedingt in den Urlaub fahren, dann ist er genauso ein Wichtigtuer wie die anderen. Ich hatte ein kleines Problem, so etwas kommt bei den gesündesten Menschen vor! Aber jetzt fühle ich mich wieder wie ein Fisch im Wasser.“

„Herrgott, Papa! Das, was du ein ‚kleines Problem‘ nennst, war ein ausgewachsener Herzinfarkt!“, brauste Nina auf. „Wenn einer deiner Patienten damit so spaßen würde, dann würdest du ihm was husten.“

„Ich bin aber nicht einer meiner Patienten“, erwiderte ihr Vater scharf. „Ich bin Arzt, und als solcher kann ich meinen Gesundheitszustand ja wohl selbst am besten beurteilen. Meine Tochter brauche ich jedenfalls nicht nach ihrer Beurteilung zu befragen.“

„Deine Tochter ist aber zufällig ebenfalls Ärztin“, versetzte Nina.

Sie wollte nicht patzig werden, doch wie so oft konnte sie sich bei dem Thema nicht beherrschen. Sie hatte nicht nur die Liebe zur Medizin und den sturen Schädel, sondern auch das aufbrausende Temperament von ihrem Vater geerbt.

„Ich habe deine EKG-Protokolle und deine Ultraschall-Aufnahmen gründlich studiert“, fuhr sie fort. „Und wenn es dir selbst nicht klar ist, dann muss eben ich es dir sagen: Dein Infarkt war ein Warnschuss – und zwar einer, den du ernst nehmen solltest.“

„Ich kann mich nicht erinnern, dich um deine Meinung gebeten zu haben“, kam es in schroffem Ton von ihrem Vater zurück.

„Du höchstpersönlich hast uns beigebracht, unsere Meinung zu sagen, auch wenn wir nicht darum gebeten werden“, konterte sie. „Nur wenn es um das Thema ‚Medizinstudium‘ ging, galt das auf einmal nicht mehr. Aber das ist mir egal, Papa. Dass ich recht habe und dass dein Herz dringend Erholung braucht, weißt du schließlich genauso gut wie ich.“

Ihr Vater schluckte. Ganz offensichtlich hatte sie mit ihren Worten einen wunden Punkt getroffen.

„Wie auch immer“, murmelte er. „Ich kann es mir jetzt jedenfalls nicht erlauben, einfach irgendwohin zu fahren, um mich zu erholen. So nett das mit dieser Marokko-Reise auch gemeint sein mag …“

„Aber Ferdi“, begann ihre Mutter, doch ihr Vater schnitt ihr das Wort ab: „Jetzt sei endlich wieder vernünftig, Rosi, und verdirb uns nicht den Tag. Du weißt, es geht nicht – wem soll ich denn die Praxis solange überlassen?“

„Mir“, trumpfte Nina auf und schob ihm einen schmalen Stoß Papiere über den Tisch. „Hier hast du die Referenzen deiner Kollegen, für die ich gearbeitet habe, seit ich meine Zulassung bekommen habe. Vielleicht kann dich ihre Meinung ja überzeugen.“

„Das interessiert mich nicht.“ Ohne einen Blick darauf zu werfen, wischte ihr Vater die Arbeitszeugnisse, die Ninas Qualitäten als Ärztin in den höchsten Tönen lobten, beiseite. „Meine Ansicht dazu ist dir hinlänglich bekannt, also brauchen wir das Thema nicht immer wieder aufzuwärmen.“

Einen Augenblick lang war Nina zu verletzt, um Worte zu finden.

„Du willst mir nicht einmal eine Chance geben?“, stammelte sie dann.

„Ich habe dir alle erdenklichen Chancen gegeben“, erwiderte ihr Vater. „Und ich werde das auch weiterhin tun. Ich liebe dich und deine Schwestern über alles, und ich bin, weiß Gott, stolz auf euch drei. Aber dieses Medizinstudium von dir ist und bleibt für mich die pure Zeitverschwendung. Ich weiß, du willst mir helfen, Nina, doch mit solchem Gerede erreichst du das Gegenteil. Eine Freude könntest du mir bereiten, indem du endlich mal einen netten jungen Mann nach Hause bringst.“

„Das kann doch wohl nicht dein Ernst sein!“ Nina sprang so heftig auf, dass die Kaffeetassen in ihren Untertassen hüpften und klirrten. „Mein erfolgreiches Studium interessiert dich nicht, sondern nur meine Verbindung mit irgendeinem Mann? Und das ist dein letztes Wort?“

„Zu dem Thema? Ja“, antwortete ihr Vater.

„Dann gehe ich jetzt“, presste Nina heraus und kämpfte verzweifelt gegen die Tränen, die ihr aus den Augen quollen. „Ich glaube, in dem Fall haben wir uns nichts mehr zu sagen.“

„Aber, Ninchen, Papa hat es doch nicht so gemeint“, versuchte ihre Mutter, sie aufzuhalten, und auch ihre Schwestern und Schwager warfen Sätze zur Beschwichtigung ein.

Nina aber hörte kaum noch, was irgendwer zu sagen versuchte. Viel zu laut hallten die Worte ihres Vaters ihr in den Ohren.

***

„Wow“, entfuhr es Robert Kehlmann, sobald er das weite, lichtdurchflutete Zimmer betrat und die hohen, weiß getünchten Wände erblickte.

Das hier war ja geradezu ein Paradies für jeden Maler! Sobald er diese riesigen Flächen nur ansah, begannen die Ideen in seinem Kopf zu sprudeln.

„Wie ich sehe, stößt unser Wartezimmer bei Ihnen auf Gefallen“, ließ sich eine Stimme vernehmen. „Das freut mich.“

Robert fuhr herum und sah in das lächelnde Gesicht des Arztes. Der Mann war aus einer der Türen, die vermutlich in Behandlungsräume führten, getreten und streckte ihm die Hand entgegen.

„Gehe ich recht in der Annahme, dass ich Herrn Robert Kehlmann vor mir habe?“

„Und Sie müssen Dr. Frank sein!“ Robert beeilte sich, die dargebotene Hand zu ergreifen. „Ich hoffe, ich komme nicht zu früh? Ansonsten kann ich gern warten, bis Sie mit Ihrer Arbeit fertig sind.“

„Nein, keine Sorge, die letzte Patientin ist gerade gegangen“, erwiderte der Arzt, der Robert auf Anhieb sympathisch war. „Sie kommen genau im richtigen Augenblick. Und? Meinen Sie, der Auftrag wäre etwas für Sie?“

„Und ob“, entfuhr es Robert, der seine Begeisterung kaum zügeln konnte.

Er hatte sich auf eine Zeitungsanzeige des Grünwalder Arztes gemeldet. Darin wurde ein Maler gesucht, der ein Wandgemälde in einem Wartezimmer anfertigen konnte. Die Darstellung sollte eine beruhigende Wirkung auf die Patienten haben, die hier auf ihren Termin warten mussten und sich womöglich Sorgen um ihre Gesundheit machten.

Ein Auftrag wie für mich geschaffen, hatte Robert gedacht.

Robert war Kunstmaler. Sich in diesem Beruf durchzusetzen war kein leichtes Unterfangen, aber er hatte von klein auf nichts anderes gewollt. Glücklicherweise hatten seine Professoren auf der Akademie ihm Talent bescheinigt und ihn in seinem Werdegang unterstützt. In diesem Sommer hatte er seine erste eigene Ausstellung eröffnen können und einen erfreulichen Erfolg erzielt.

Dass er damit natürlich noch nicht zu den bekannten Namen gehörte, war ihm klar. Umso mehr hatte es ihn gefreut, als er unter der Nummer in der Zeitungsanzeige angerufen hatte und die Dame am anderen Ende der Leitung sofort gewusst hatte, wer er war.

„Robert Kehlmann? Sind Sie nicht der Maler mit diesen herrlichen Griechenland-Bildern, in denen so viel Sonne steckt?“, hatte sie ausgerufen. „Hören Sie, ich glaube, dann sind Sie genau der Mann, den mein Lebensgefährte sucht. Warum kommen Sie nicht morgen nach Praxisschluss vorbei?“

Und hier stand er nun und wünschte sich den Auftrag mehr denn je. Das Geld, das er gut brauchen konnte, spielte dabei natürlich eine Rolle. Noch wichtiger aber war der Gedanke, eines seiner Lieblingsmotive auf riesigem Format zu malen, um kranken Menschen ein wenig Sonne zu geben.

„Ich habe ein paar Entwürfe mitgebracht“, sagte er zu dem Arzt und machte sich daran, seine Mappe zu öffnen. „Wenn Sie sich die einmal ansehen möchten?“

„Das tue ich gern“, erwiderte Dr. Frank mit einem warmen Lachen. „Aber um ehrlich zu sein: Wenn Sie den Auftrag haben möchten … die Entscheidung ist bereits gefallen. Meine Lebensgefährtin, mit der Sie ja telefoniert haben, ist ganz begeistert von Ihrer Arbeit und hat mir auch Bilder von Ihnen im Internet gezeigt. Wenn es um Kunst geht, verlasse ich mich ganz auf das Urteil von Frau Dr. Schubert – sie ist darin eindeutig die Kompetentere von uns beiden.“

„Aber Ihnen muss das Gemälde ja auch gefallen“, sagte Robert. „Schließlich sind Sie derjenige, der es jeden Tag an seinem Arbeitsplatz ertragen muss.“

„Oh, keine Sorge“, erwiderte Dr. Frank. „Ihre Bilder gefallen mir ausgezeichnet, sie wecken regelrecht Fernweh in mir! Umso froher bin ich, dass Frau Dr. Schubert und ich nächste Woche zu einer kurzen Städtereise nach Athen aufbrechen. Wie kommt es eigentlich, dass Sie die Stimmungen Griechenlands so perfekt einfangen?“

„Meine Mutter ist Griechin“, antwortete Robert. „Ich bin teilweise auf der Insel Santorini aufgewachsen – der schönste Fleck Erde, den ich kenne.“

„Ich verstehe“, erwiderte Dr. Frank. „Die Liebe zu diesem Land merkt man Ihren Bildern an. Wäre es Ihnen übrigens recht, nächste Woche, während unseres Kurzurlaubs, mit dem Gemälde anzufangen? Ich habe eine Vertretung bestellt, werde während dieser Zeit den Praxisbetrieb aber auf dringende Fälle beschränken.“

„Heißt das, Sie engagieren mich?“, platzte Robert heraus.

Dr. Frank lachte. „Da die Frau, die ich liebe, sich bereits für Sie entschieden hat, dachte ich, das verstünde sich von selbst.“

Robert lachte mit.

Die Frau, die ich liebe. Der Arzt sprach die Worte mit einer derart selbstverständlichen Überzeugung aus, dass in Robert Sehnsucht erwachte.

Bisher war in seinem Leben für die Liebe kein Platz gewesen. Natürlich war er hin und wieder mit Mädchen ausgegangen, hatte mit ihnen geflirtet und war sogar einige kurzlebige Beziehungen eingegangen, doch vor allem hatte er sich auf seine berufliche Laufbahn konzentriert.

Seine Mutter hatte hart gearbeitet, um Robert und seiner Schwester die lange Schulausbildung zu ermöglichen. Sein Studium an der Akademie hatte er sich selbst verdienen müssen, und umso entschlossener war er gewesen, aus seinem Talent etwas zu machen. Wenn er an die letzten Jahre zurückdachte, hatte er praktisch Tag und Nacht gemalt.

Jetzt aber schien ihm das, was Dr. Frank vorhatte, auf einmal unendlich verlockend: mit einem geliebten Menschen an einen geliebten Ort zu reisen und den Zauber mit ihm zu teilen.

Aber auf Knopfdruck verliebte man sich nun einmal nicht. Und die Frau zu finden, die einen solchen Sturm von Gefühlen auslöste, war alles andere als einfach.

„Gib es doch zu, Robert, am liebsten würdest du dir die passende Frau selbst malen“, pflegte Susanna, seine ältere Schwester, ihn liebevoll zu verspotten.

Ganz unrecht hatte sie damit nicht, musste Robert zugeben. Vielleicht waren seine Ansprüche einfach zu hoch, zu abgehoben, zu verrückt: Er wünschte sich die Frau, die in seine sonnendurchfluteten Griechenland-Bilder passte! Wenn er seine Werke betrachtete, kam es ihm immer vor, als ob etwas darauf fehlte, genau wie in seinem Alltag etwas fehlte … Die Frau, die alledem Leben verlieh!

Darüber, ob diese Frau groß oder klein, blond oder dunkelhaarig sein sollte, hatte er nie nachgedacht. Wichtig war ihm, dass sie sich nicht gängeln ließ, sondern ihren eigenen Kopf hatte und ihre Entscheidungen selbst traf – so wie offenbar die Lebensgefährtin von Dr. Frank.

„Ich wette, die ganze Idee mit dem Wandgemälde stammt von Frau Dr. Schubert“, rutschte es ihm heraus, ehe er erschrocken innehalten konnte. „Bitte entschuldigen Sie. Das geht mich natürlich nichts an.“

„Keine Ursache.“ Wieder lachte der Arzt auf seine warme, gewinnende Weise. „Sie haben nämlich ins Schwarze getroffen. Alexandra war der Ansicht, diese Praxis habe unbedingt ein bisschen Farbe nötig. Und damit Sie sich schon einmal darauf einrichten können: Im Moment bearbeitet Sie gerade meinen Freund und Kollegen Dr. Waldner, den Leiter der Waldner-Klinik, mit denselben Argumenten. Im Erfolgsfall dürften also eine ganze Menge Aufträge auf Sie warten.“

„Umso besser“, rief Robert. „Ich habe nämlich ganz und gar nichts dagegen, als der Ärzte-Maler von Grünwald in die Kunstgeschichte einzugehen.“

***

Das Wetter war furchtbar. Seit Tagen bekam man nichts als Schneeregen und einen grauen Himmel zu sehen, und genauso düster war Ninas Stimmung. Sie wollte es sich nicht eingestehen, aber der Bruch mit ihrem Vater schmerzte sie tief.

Auch wenn er natürlich all seine Kinder gleich liebte, hatte ihr Vater zu ihr als seiner Jüngsten stets eine besondere Verbindung gehabt. Das lag auch an ihren gemeinsamen Interessen: Wenn ihre Mutter mit Lena und Miriam zu einem Einkaufsbummel aufgebrochen, ins Musical oder in eine Ballettaufführung gegangen war, hatten Nina und ihr Vater stundenlang über ihrem Chemie-Baukasten gehockt oder das Naturkunde-Museum besucht. Statt Märchen hatte sie sich von ihm die Biographien berühmter Ärzte vorlesen lassen, und wenn sie ihren Puppen die Mandeln oder den Blinddarm entfernt hatte, war ihr Vater als Assistent zur Stelle gewesen.

Wie konnte das alles denn jetzt auf einen Schlag vorbei sein? Wieso erwies sich ihr Vater bei all seiner Intelligenz und Weltoffenheit in diesem einen Punkt nur als derart vernagelt?

„Der Arztberuf ist nun einmal nichts für kleine Mädchen!“, hatte er ihr an den Kopf geworfen.

Ihr Vater hatte keines seiner Kinder je geschlagen, aber dieser Satz hatte Nina härter getroffen als ein Schlag ins Gesicht.

Ihre Mutter und ihre Schwestern hatten zahlreiche Vermittlungsversuche unternommen, aber es hatte ja keinen Sinn: Ihr Vater würde seine Meinung nicht ändern, also würden sie an diesem Punkt immer wieder in Streit geraten.

Ihr Beruf und ihre Zukunftsplanung waren schließlich keine kleine Nebensache, über die man mit einem Lachen hinweggehen konnte. Und dass ihr Vater ihr trotz aller Liebe nicht einmal eine Chance gab, nur weil sie kein „Nick“, sondern eine „Nina“ geworden war, tat einfach fürchterlich weh. Sie konnte sich nicht helfen: Auch wenn die Ärzte der gesamten Stadt sie lobten, würde sie sich immer nach der Anerkennung ihres Vaters sehnen.

Wenigstens hatte sie in dieser Woche wieder einen tollen Job, versuchte sie, sich zu trösten. Praxisvertretung bei Dr. Frank, dem angesehensten Allgemeinmediziner von Grünwald – das war wirklich ein Erfolg, auf den sie stolz sein durfte.

„Ich vertraue Ihnen, Nina“, hatte Dr. Frank vor seiner Abreise gesagt, und Alexandra Schubert, seine Partnerin, hatte mit einem Lächeln hinzugefügt: „Endlich habe ich meinen Stefan einmal wirklich für mich – weil er die Praxis bei Ihnen in guten Händen weiß.“

Verdammt, wenn so hervorragende Fachleute wie Stefan Frank und Alexandra Schubert zu schätzen wussten, was sie wert war – weshalb war es für ihren eigenen Vater dann ein solches Ding der Unmöglichkeit?

Wie sie es drehte und wendete, sie landete immer wieder bei ihm – dem „Herrn Papa“, Dr. Ferdinand Lutz.

Und das Allerschlimmste war noch nicht einmal, dass er sie mit seiner Zurückweisung verletzte. Das Schlimmste war, dass sie sich bei Tag und Nacht Sorgen um ihn machte, sodass sie sich weder auf ihr Leben konzentrieren noch vernünftig schlafen konnte.

Und wenn er sie tausendmal wie ein dummes kleines Mädchen behandelte – sie war Ärztin! Sie wusste, wie es um sein krankes Herz stand, das er hemmungslos weiter überforderte!

Dein Herz wird noch gebraucht, du dummer Sturkopf, dachte sie. Mama, Lena, Miri und ich brauchen es. Und dazu kommen deine Schwiegersöhne und deine kleine Enkeltochter, die von so einem tollen Opa schließlich etwas haben soll!

Vor lauter Wut auf ihren Vater bekam Nina den Schlüssel nicht richtig ins Schloss geschoben. Als sie es zum dritten Mal versuchte, wurde die Tür von innen aufgezogen, und die rundliche Schwester Martha stand vor ihr.

„Aber, aber, Frau Doktor! Wer wird denn gleich die Tür demolieren, nur weil Montagmorgen und sieben Tage Regenwetter ist?“

Trotz ihrer Misere musste Nina lachen. Die in Ehren ergraute Berlinerin war eine Seele von Mensch und an Tagen wie heute ihr Gewicht in Gold wert.

„Was halten Sie davon, wenn ick uns erst mal einen schönen, starken Kaffee braue?“, schlug sie vor. „Bis die ersten Patienten kommen, ist ja noch ein bisschen Zeit.“

„Sie sind ein Engel, Schwester Martha!“

Die Pflegerin blickte zweifelnd an sich hinunter.

„Engel im Großformat, würde ick sagen.“

Sie lachten beide.

Obwohl Schwester Marthas Kaffee eine Wohltat war und Ninas Lebensgeistern weckte, wurde der Tag ihr zur Qual. Sie war machtlos dagegen: Jeder der Patienten, die sie behandelte, rief Grübeleien über ihren Vater wach, der sich um seine Gesundheit einfach nicht scherte. Die Gedanken in ihrem Kopf gingen ihre eigenen Wege und ließen sich trotz aller Mühen nicht in vernünftige Bahnen zwängen.

Umso tiefer atmete Nina auf, als der letzte Patient mit seinem Rezept zufrieden die Praxis verlassen hatte.

Wenigstens hatte sie das Vertrauen von Dr. Frank und Frau Dr. Schubert nicht enttäuscht. Die beiden sollten ihren Aufenthalt in Athen ohne Sorgen genießen, sie hatten es schließlich verdient.

So, wie meine Mutter einen Urlaub mit ihrem geliebten Mann verdient hätte, schoss es Nina durch den Kopf. Ich an ihrer Stelle würde ihn stehenlassen und allein nach Marokko fahren.

Warum machten sich kluge, patente Frauen wie ihre Mutter nur so vollkommen abhängig von einem Mann? Sie selbst würde das niemals tun, das schwor sie sich. Früher oder später ließen Männer doch alle den Macho heraushängen – selbst so nette Kerle wie ihre Schwager Thorsten und Jonas würden das irgendwann tun. Irgendwann würden auch sie ihre Frauen um die Traumreise bringen oder ihren Töchtern den Traumberuf nicht zutrauen.

Nina stöhnte auf. Sie war also wieder einmal bei ihrem Vater gelandet! Was immer sie versuchte, ihre Gedanken hörten nicht auf, wie Bienen um den Honig um ihn zu kreisen: Dass er ihr ihren Beruf miesmachen wollte, war schlimm genug – aber konnte er nicht wenigstens seiner Frau den ersehnten Urlaub in der Sonne gönnen?

Ehe es zu spät war!

Wie ein greller, scharfer Blitz schnitt dieser Gedanke durch ihr Hirn.

Nina schüttelte ihn ab, stopfte ihre Habseligkeiten in ihre Handtasche und sprang auf, um sich auf den Heimweg zu machen. Im Grunde hatte sie es nicht eilig. In ihrem kleinen Ein-Zimmer-Apartment erwartete sie kein Mensch, noch nicht mal ein Meerschweinchen oder ein Kaktus, aber sie wollte ihren düsteren Gedanken entfliehen.

Ohne richtig hinzusehen, stieß sie eine Tür auf und stürmte durch einen großen, leeren Raum. Als ihr klar wurde, dass sie den falschen Ausgang erwischt hatte, war es schon zu spät.

Dr. Stefan Frank hatte ihr extra erklärt, dass das normale Wartezimmer während ihrer Vertretungswoche nicht benutzt werden würde, weil irgendein Künstler es mit einem Wandgemälde verschönern sollte. Doch in dem Chaos ihrer Gedanken hatte Nina nicht mehr daran gedacht.

Das weitläufige Wartezimmer war fast vollkommen leer. Nur eine Leiter stand mitten im Raum – und ausgerechnet gegen die rannte Nina!

Der Aufprall tat nicht sonderlich weh, dazu war das hölzerne Gestänge zu dünn. Die morsche Leiter allerdings kam nicht so glimpflich davon, sondern krachte mit markerschütterndem Getöse in sich zusammen.

Schlimmer noch war, dass auf der obersten Sprosse ein Mann gestanden und einen Pinsel geschwungen hatte. Mit einem dumpfen Knall plumpste er Nina geradewegs vor die Füße.

Ein Laut des Schreckens entfuhr ihr, dann räusperte sie sich. Im nächsten Augenblick sprang ein Hebel um, und statt dem Tollpatsch Nina trat die Ärztin Frau Dr. Lutz in Aktion.

Sie kniete neben dem Gestürzten nieder.

„Haben Sie sich verletzt?“, erkundigte sie sich. „Können Sie mich hören?“

Routiniert tasteten ihre Finger sämtliche wichtigen Knochen – Schädel, Schultern, Schlüsselbeine, Wirbelsäule und Hüften ab. Der Mann unter ihren Händen machte einen kräftigen Eindruck und schien keine äußerlich fühlbaren Verletzungen davongetragen zu haben.

Flüchtig gönnte sie sich ein Aufatmen, ehe sie sich in Erinnerung rief, dass das nichts heißen musste. Er konnte eine Gehirnerschütterung erlitten haben! Seine Lider hingen halb geschlossen über den Augen – wie es aussah, war er ohne Bewusstsein.

Was für lange, dunkle Wimpern er hatte! Auch das lockige Haar, das ihm über die Stirn fiel, war dunkel, beinahe schwarz.

Unwirsch rief sie sich zur Ordnung. Was für eine Rolle spielte das jetzt?

„He, können Sie mich hören?“

Der Mann antwortete nicht.

Nina, die wusste, was sie als Ärztin zu tun hatte, klatschte ihm kurz entschlossen links und rechts auf die Wangen, um ihn zu sich zu bringen. Dabei achtete sie jedoch darauf, seinen Kopf nicht zu bewegen.

„Antworten Sie! Können Sie mich hören?“

Die Lider mit den langen Wimpern begannen zu blinzeln, dann schlug der Mann zwei mandelförmig geschnittene, schokoladenbraune Augen auf.

„Bitte nicht so rabiat“, sagte er und verzog den Mund zu einem Lächeln.

Nina setzte an, um loszuschimpfen, dann aber fiel ihr ein, dass dieser dunkelgelockte Mensch mit dem verboten hübschen Lächeln überhaupt nichts für ihrer beider Lage konnte. Sie musste lachen. Und er lachte mit.

Gott sei Dank – er sah nicht aus, als hätte er sich bei dem Sturz eine schwere Verletzung zugezogen.

„Sind Sie in Ordnung?“, fragte Nina. „Können Sie sich erinnern, was Ihnen gerade passiert ist?“

„Aber natürlich“, erwiderte er mit einer tiefen, leicht rauen Stimme, die einen Schauder über Ninas Rücken jagte. „Ich lag einer wunderschönen Frau zu Füßen und stellte mir vor, wie sie mich gleich küssen würde. Aber stattdessen bekam ich leider nur zwei höchst ernüchternde Ohrfeigen.“

Sie können gleich noch eine dritte bekommen, wollte Nina wütend erwidern, doch dann sah sie sein Schmunzeln, und ihre Wut zerschmolz.

„Es tut mir leid“, bekannte sie. „Ich hatte einen langen Tag, und ich war so in Gedanken, dass ich Ihre Leiter überhaupt nicht gesehen habe.“

„Ich bin derjenige, dem es leidtun muss“, erwiderte er. „Meine Schwester hat mir schon seit Langem dringend angeraten, meine Leiter dem Heimatmuseum zu übereignen und mich zu einer Neuanschaffung durchzuringen. Ich hoffe, Sie haben sich nicht wehgetan?“

„Nein. Sie?“

Ehe er den Kopf schütteln konnte, packte sie ihn bei den Wangen und hielt ihn fest.

„Nicht! Wir sollten Sie zur Untersuchung ins Krankenhaus schaffen, ehe Sie Ihren Kopf bewegen. Mit einer Gehirnerschütterung ist nicht zu spaßen.“

„Es ist äußerst angenehm, wenn Sie sich so um mich bemühen“, sagte er noch immer mit dem unwiderstehlichen Schmunzeln auf den Lippen. „Und es bringt mich heftig in Versuchung, hier ächzend den schwerverletzten Helden zu mimen. Aber um ehrlich zu sein, bin ich gar nicht auf den Kopf gefallen. Mir tut der Schädel nicht weh, und ich kann mich an den Vorfall in allen Einzelheiten erinnern. Also fürchte ich, Ihre wundervolle Fürsorge ist an mich verschwendet.“

Ihre Blicke trafen sich.

In seine Augen zu sehen, weckte eine merkwürdig kribbelnde Art von Hunger in Ninas Magen – wohl weil sie diese intensive Farbe von Schokolade hatten. Zartbitter. Ihre Lieblingssorte.

Sie zwang sich, den Blick abzuwenden. Stattdessen ließ sie ihn die Wand hochwandern und spürte, wie ihr der Atem stockte. Es war, als schlüge ihr mitten an einem düsteren Herbstabend eine Woge von Sonne entgegen.

Das begonnene Bild zeigte die marmorweiße Ruine eines Tempels, umgeben von hohen Zypressen. All das erschien in einem Licht, das die Farben leuchten ließ und den Betrachter einfing.

Auf einmal hatte Nina das Gefühl, einen wärmenden Sonnenstrahl zu fühlen, der die Haut auf ihrer Wange kitzelte. Sie glaubte, Grillen zirpen zu hören und das betörende Duftgemisch des südlichen Sommers aufzunehmen.

„Gefällt es Ihnen?“

Seine Stimme ließ sie zusammenzucken. Ohne dass sie es bemerkt hatte, hatte er sich aufgesetzt und lächelte sie an.

Er passt zu dem Bild, dachte sie.

Hätte er nicht Jeans und ein modernes Hemd getragen, hätte er der Held einer griechischen Sage sein können, der auf dem Hügel über dem Tempel stand und über sein Tal blickte.

Sag mal, spinnst du jetzt total, Nina Lutz?, rief sie sich zur Ordnung.

Sie war Ärztin. Naturwissenschaftlerin. Irgendwelche Fantasien über Wandgemälde und dunkellockige junge Männer überließ sie besser ihren zwei kreativeren Schwestern.

„Es ist hübsch“, rang sie sich ab.

„Schade“, sagte er.

„Wie bitte?“

„Schade, dass Sie es hübsch finden“, erwiderte er. „‚Hübsch‘ sagt man zu Dingen, die einen kaltlassen, oder? Hätten Sie es scheußlich oder herrlich gefunden, hätte ich mir einbilden können, es hätte Sie berührt.“

„Aber es berührt mich doch!“, entfuhr es Nina, ehe sie sich eines Besseren besinnen konnte. „Ich verstehe überhaupt nichts von Kunst, aber dieses Bild hier möchte ich immerzu anschauen.“

„Wirklich? Möchten Sie noch eines sehen?“, fragte er voller Erwartung.

Nina riss sich zusammen. Hatte sie nicht gerade beschlossen, dass ihr die gesamte Männerwelt mitsamt ihrer Macho-Allüren gestohlen bleiben konnte?

„Falls das eine Einladung in Ihre Wohnung sein soll – nein danke“, blaffte sie.

„Dass ich fürchterlich unbeholfen auf Sie wirke, nachdem ich Ihnen so ungraziös vor die Füße geknallt bin, kann ich mir vorstellen“, erwiderte der Mann unbeschwert und strich sich das dunkle Lockengewirr aus dem Gesicht. „Aber so plump bin nicht einmal ich. Stattdessen hätte ich Sie gern auf ein Glas griechischen Wein ins Café Olymp eingeladen, wo ich mich ebenfalls an den Wänden verewigen durfte.“

Griechischer Wein – das klang nach Sonne und Wärme. Nach einer Pause von ihrem Alltag, in dem allzu viele Gedanken um einen immer gleichen Punkt kreisten. Dieser Mann, den sie buchstäblich von den Füßen gerissen hatte, sah nicht nur verboten gut aus, sondern hatte unleugbar Charme. Aber eben das ließ sie zögern. Sie konnte in ihrem Leben wahrlich keine weitere Komplikation gebrauchen!

„Sind Sie sicher, dass Sie überhaupt gehen können?“, fragte sie. „Vielleicht sollten Sie doch lieber in ein Krankenhaus fahren und eine Aufnahme machen lassen. Wenn Sie ungünstig auf den Rücken gefallen sind, könnte das böse Folgen haben.“

„Ich glaube, ich hatte Glück.“ Geschmeidig erhob er sich, straffte sich zu seiner vollen Größe und sah über die breite Schulter hinweg an seinem Rücken hinunter. „Ich bin auf dem Teil gelandet, der für solche Fälle am besten gepolstert ist.“

Unwillkürlich wanderte Ninas Blick über seinen Körper. Perfekt gebaut, stellte sie fest – halb als Ärztin, halb als Frau. Muskulös und schlank, einschließlich der Kehrseite, auf die er offenbar unsanft geprallt war. Von gepolstert konnte da keine Rede sein, eher von sehnig und muskulös. Jäh ertappte sie sich bei einem Blick, der verharrte, wo er überhaupt nicht hingehörte, und erschrocken zuckte sie zusammen.

Er streckte ihr die Hände entgegen und zog sie zu sich hoch. Eine Sekunde lang waren sie sich so nah, dass sie seinen Atem auf ihrem Gesicht spürte. Es war ein schönes Gefühl. Ein bisschen wie griechische Sonne, die ihren Körper prickeln ließ.

„Und? Kommen Sie?“ In seiner sinnlichen Stimme schwang ein Echo ihrer eigenen Sehnsucht.

Was war schon einzuwenden gegen eine Stunde im Café? Nur weil sie ein Glas Wein mit ihm teilte, würde sie ihm nicht gleich wie ein hilfloses Weibchen verfallen.

„Ich heiße übrigens Robert“, sagte er. „Robert Kehlmann. Von Beruf Pinselaffe, wie sich unschwer erkennen lässt.“

Sie musste lachen. „Nina Lutz. Also schön, ein Glas Wein können wir zusammen trinken gehen.“

„Haben Sie schon einmal den glücklichsten Mann von München gesehen? Wenn nicht, schauen Sie gut hin.“

Der glücklichste Mann von München hatte Schokoladenaugen, die Sonne in einen Wintertag zauberten. Was sollte schon passieren? Auf jeden Fall machte es Spaß, mit ihm zusammen zu sein, und Spaß hatte sie bereits viel zu lange nicht mehr gehabt.

Galant reichte er ihr den Arm, und nach kurzem Zögern hakte sie sich ein.

Sie gingen zu Fuß zu dem Café, das in einer verborgenen Seitenstraße lag. Die gesamte Front nahmen hohe Fenster ein, gegen die kurz nach ihrem Eintritt der Schneeregen zu prasseln begann. Die Seitenwände waren jedoch in denselben lichtdurchfluteten Gold- und Grüntönen bemalt wie Dr. Franks Wartezimmer. Ein kleines Stück Griechenland inmitten eines winterlichen Münchens.

Robert Kehlmann entpuppte sich als echter Weinkenner. Dennoch bestellte er nicht einfach, wie Nina es von ihrem Vater gewohnt war, sondern erkundigte sich eingehend nach ihren Wünschen und Vorlieben, ehe er ihr einen blumigen Rotwein von der Insel Rhodos empfahl.

„Die Sonneninsel“, erklärte er ihr. „Zeus, der oberste Gott der Griechen, schenkte jedem der anderen Götter ein Stück von der Welt. Helios, der Gott der Sonne, durfte wählen und entschied sich für Rhodos, weil er sich in die schöne Nymphe, die dort lebte, unsterblich verliebt hatte. Seither gibt es auf Rhodos keinen Tag ohne Sonne – weil der Sonnengott den Boden, auf dem seine Liebste entlanggeht, mit seinen Strahlen küsst.“

Nina lachte auf, aber nicht weil sie etwas komisch fand, sondern weil seine Worte sie berührten. Seine Geschichten glichen seinen Bildern, seinem Blick und seinen Gesten: Sie waren durchdrungen von Wärme und unkomplizierter Lebensfreude.

„Wie kommt es, dass man sich ständig fühlt, als wäre man in Griechenland, wenn man mit Ihnen zusammen ist?“, fragte Nina.

Er lachte sein kehliges Lachen, das einen an Grillenzirpen und Zypressenrauschen denken ließ.

„Vielleicht liegt es daran, dass ein Stück Griechenland vor Ihnen sitzt?“ Mit einem Finger zog er eine Linie von seinem Haaransatz längs durch sein Gesicht, seinen Hals und seine Brust hinunter. „Eine Hälfte ist griechisch – meine Mutter stammt von der Insel Santorini, und meine Schwester Susanna und ich sind dort aufgewachsen.“

„Susanna und Robert“, murmelte sie. „Sehr griechisch klingt das nicht.“

„Meine Mutter hatte sich eben in einen Deutschen verliebt“, erklärte er. „Sie wollte ihren Kindern unbedingt deutsche Namen geben. Für meinen Vater war es umgekehrt – wäre es nach ihm gegangen, wären aus uns eine Erifili und ein Costas geworden. So aber waren wir auf Santorini wenigstens einmalig.“

Die Kindheit zwischen Meer und Sonne merkt man dir an, dachte Nina.

Sie konnte es nicht leugnen: Das Zusammensein mit diesem Mann tat ihr gut. Der Wein schmeckte ebenso köstlich wie die Mischung aus gefüllten Oliven und Schafskäse-Würfeln, die er dazu bestellt hatte, und sie hatte sich seit Wochen nicht mehr so entspannt gefühlt.

„Und jetzt will ich etwas über Nina Lutz erfahren“, verkündete er mit funkelnden Augen.

„Und was?“

„Alles!“ Beschwörend hob er die schwarzen Brauen. „Erzählen Sie mir, was Ihnen als Erstes in den Sinn kommt. Solange es Sie betrifft, interessiert es mich.“

Aus Gründen, die sie selbst nicht ganz durchschaute, begann Nina, eine Geschichte von ihrer Einschulung zu erzählen …

Sämtliche Abc-Schützen hatten mit ihren Schultüten für den Fotografen posiert, als ein Postbote auf seinem Fahrrad in den Schulhof eingebogen und auf dem Kiesweg gestürzt war. Bis heute sah sie in lebhaften Farben vor sich, wie seine Hose am Knie zerrissen und Blut aus der Wunde geströmt war.

Die anderen Kinder hatten weiter in die Kamera gelächelt. Nina dagegen hatte die gefüllte Zuckertüte zu Boden geworfen und war zu dem verletzten Mann gerannt. Unterwegs hatte sie sich die seidene Schleife aus dem Kragen ihres Festkleids gezerrt, um seine Wunde zu verbinden.

Verlegen verstummte sie. Weshalb hatte sie ihm eine derart alberne Geschichte aus ihrer Kindheit erzählt, statt die üblichen Dinge – Familie, Beruf, Wohnort – zu benennen?

„Ist das nicht wundervoll?“, fragte Robert Kehlmann. „Sie haben den verletzten Mann verarztet, und ich hätte ihm mit Sicherheit ein Bild gemalt, um ihn zu trösten. Wir sind zwei Glückspilze, oder? Ich finde, es ist ein großes Glück, wenn man von klein auf weiß, für welchen Beruf man bestimmt ist, und diesen Beruf auch ergreifen kann.“

„Da haben Sie recht“, erwiderte Nina erstaunt. „Ich wünschte nur, mein Vater würde es genauso sehen.“

So war sie also wiederum bei ihrem Vater gelandet, und ehe sie sich versah, hatte sie Robert Kehlmann die ganze Geschichte erzählt. Nie zuvor hatte sie einem Menschen anvertraut, wie verletzt und traurig die Haltung ihres Vaters sie machte und wie sehr sie sich danach sehnte, ihn vom Gegenteil zu überzeugen: Davon, dass sie als Ärztin mindestens genauso viel taugte, wie ein „Nick“ getaugt hätte.

Als sie endlich schwieg, weil ihr die Worte ausgingen, erfasste sie Angst. Sie hatte einem völlig Fremden praktisch ihr ganzes Leben erzählt! Würde er ihren sentimentalen Wunsch nach Anerkennung nicht lächerlich finden? Würde er am Ende sogar die Haltung ihres Vaters teilen?

„Wie schade“, sagte er und senkte den Kopf, sodass das dunkle Lockengewirr einen Schatten über sein harmonisch geschnittenes Gesicht warf. „Ihr Vater hat eine so wundervolle, begabte Tochter – und er nimmt sie sich selbst weg. Sie müssen uns Männer für ziemlich dumm halten, Nina.“