Du musst leben! - Carolin Grahl - E-Book

Du musst leben! E-Book

Carolin Grahl

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Beschreibung

Er kommt aus Gran Canaria und ist der Sohn von Dr. Daniel Nordens Cousin Michael und dessen spanischer Frau Sofia. Alexander kennt nur ein Ziel: Er will Arzt werden und in die riesigen Fußstapfen seines berühmten Onkels, des Chefarztes Dr. Daniel Norden, treten. Er will beweisen, welche Talente in ihm schlummern. Dr. Norden ist gern bereit, Alexanders Mentor zu sein, ihm zu helfen, ihn zu fördern. Alexander Norden ist ein charismatischer, unglaublich attraktiver junger Mann. Die Frauenherzen erobert er, manchmal auch unfreiwillig, im Sturm. Seine spannende Studentenzeit wird jede Leserin, jeden Leser begeistern! Alex' Blick wanderte von der Anzeigentafel mit den An- und Abfahrtszeiten der Züge zur Bahnhofsuhr und wieder zurück: Bis zur Ankunft des Euromed aus Madrid, mit dem Julias Mutter ankommen sollte, blieben noch gut zwanzig Minuten. Zeit genug für einen Becher Kaffee, entschied Alex, und machte sich auf den Weg zum Kiosk. Menschen mit Reisetaschen und Koffern hasteten an ihm vorbei, die Luft schwirrte von den Geräuschen der ein- und ausfahrenden Züge, von durcheinanderredenden Stimmen und von den alles übertönenden Lautsprechern des Bahnhofspersonals. »Achtung, Achtung, eine Durchsage!«, vernahm Alex, während er seinen Kaffee bezahlte und das Wechselgeld in Empfang nahm. »Der Euromed aus Madrid, planmäßige Ankunft 13 Uhr 30, hat leider circa 15 Minuten Verspätung! Achtung, Achtung! Der Euromed aus Madrid, planmäßige Ankunft 13 Uhr 30 …« Während Alex den ersten Schluck aus seinem Kaffeebecher nahm und sich durch das Gewühle seinen Weg zurück zu Gleis 21 bahnte, wo der verspätete Zug mit Julias Mutter einfahren würde, kam ihm plötzlich Julias Ankunft in den Sinn. Vor noch nicht einmal einem Jahr hatte er hier an dieser Stelle Julia abgeholt. Und er hatte aus tiefstem Herzen gehofft, Julias Zug möge Verspätung haben, war er doch auf dem Weg zum Bahnhof in einen Unfall verwickelt worden – den Unfall, bei dem er Sina kennengelernt hatte. Unwillkürlich schüttelte Alex den Kopf. Er konnte es kaum fassen, wie viel in den wenigen Monaten, die seither verstrichen waren, geschehen war. Aus ihm und Sina war ein Paar geworden, er hatte das erste Semester seines Medizinstudiums erfolgreich hinter sich gebracht und nebenbei eine Ausbildung zum Rettungssanitäter absolviert, er hatte sein Praktikum an der Behnisch-Klinik begonnen und er war aus seinem Zimmer im Haus der Nordens ausgezogen, um nun in einer studentischen Wohngemeinschaft zu leben. Und Julia – seine »kleine« Cousine Julia - hatte geheiratet. Keinen Geringeren als Tonio Manolo, Sinas Bruder, den sie bei einer Party in der Villa von Sinas Eltern kennengelernt hatte. Die beiden hatten als Krönung ihrer jungen Liebe ein feudales Apartment in München bezogen und dann, nach ihrer Hochzeit, einen romantischen Honeymoon in Venedig verbracht. Das mit Abstand Schönste jedoch war, dass Julia inzwischen ein Baby erwartete. Der neue kleine Erdenbürger, der in Julia heranwuchs, war denn auch der Grund, warum Julias Mutter aus Spanien anreiste.

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Seitenzahl: 133

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Der junge Norden – 13 –Du musst leben!

Nur wenn er helfen kann, ist Alexander wirklich glücklich

Carolin Grahl

Alex’ Blick wanderte von der Anzeigentafel mit den An- und Abfahrtszeiten der Züge zur Bahnhofsuhr und wieder zurück: Bis zur Ankunft des Euromed aus Madrid, mit dem Julias Mutter ankommen sollte, blieben noch gut zwanzig Minuten.

Zeit genug für einen Becher Kaffee, entschied Alex, und machte sich auf den Weg zum Kiosk.

Menschen mit Reisetaschen und Koffern hasteten an ihm vorbei, die Luft schwirrte von den Geräuschen der ein- und ausfahrenden Züge, von durcheinanderredenden Stimmen und von den alles übertönenden Lautsprechern des Bahnhofspersonals.

»Achtung, Achtung, eine Durchsage!«, vernahm Alex, während er seinen Kaffee bezahlte und das Wechselgeld in Empfang nahm. »Der Euromed aus Madrid, planmäßige Ankunft 13 Uhr 30, hat leider circa 15 Minuten Verspätung! Achtung, Achtung! Der Euromed aus Madrid, planmäßige Ankunft 13 Uhr 30 …«

Während Alex den ersten Schluck aus seinem Kaffeebecher nahm und sich durch das Gewühle seinen Weg zurück zu Gleis 21 bahnte, wo der verspätete Zug mit Julias Mutter einfahren würde, kam ihm plötzlich Julias Ankunft in den Sinn.

Vor noch nicht einmal einem Jahr hatte er hier an dieser Stelle Julia abgeholt.

Und er hatte aus tiefstem Herzen gehofft, Julias Zug möge Verspätung haben, war er doch auf dem Weg zum Bahnhof in einen Unfall verwickelt worden – den Unfall, bei dem er Sina kennengelernt hatte.

Unwillkürlich schüttelte Alex den Kopf.

Er konnte es kaum fassen, wie viel in den wenigen Monaten, die seither verstrichen waren, geschehen war.

Aus ihm und Sina war ein Paar geworden, er hatte das erste Semester seines Medizinstudiums erfolgreich hinter sich gebracht und nebenbei eine Ausbildung zum Rettungssanitäter absolviert, er hatte sein Praktikum an der Behnisch-Klinik begonnen und er war aus seinem Zimmer im Haus der Nordens ausgezogen, um nun in einer studentischen Wohngemeinschaft zu leben.

Und Julia – seine »kleine« Cousine Julia - hatte geheiratet.

Keinen Geringeren als Tonio Manolo, Sinas Bruder, den sie bei einer Party in der Villa von Sinas Eltern kennengelernt hatte.

Die beiden hatten als Krönung ihrer jungen Liebe ein feudales Apartment in München bezogen und dann, nach ihrer Hochzeit, einen romantischen Honeymoon in Venedig verbracht.

Das mit Abstand Schönste jedoch war, dass Julia inzwischen ein Baby erwartete.

Der neue kleine Erdenbürger, der in Julia heranwuchs, war denn auch der Grund, warum Julias Mutter aus Spanien anreiste. Sie wollte Julia während der Schwangerschaft nach Kräften zur Seite stehen und sich vergewissern, dass ihre Tochter wohlauf und gut versorgt war.

Julia hatte sich natürlich von Anfang an sehr auf das Kommen ihrer Mutter gefreut und sich vorgenommen, jede Stunde und jede Minute der gemeinsamen Zeit zu genießen.

Liebend gern hätte sie ihre Mutter persönlich vom Bahnhof abgeholt, hatte dann aber Tonio notgedrungen zu einem für ihn sehr wichtigen Geschäftsessen begleiten müssen.

Sie hatte deshalb Alex gebeten, an ihrer Stelle pünktlich zur Ankunftszeit des Euromed aus Madrid am Bahnsteig zu stehen, ihre Mutter willkommen zu heißen und sie in ihr und Tonios Apartment zu bringen, wo ein wunderschön eingerichtetes und aufs Beste für ihren Aufenthalt vorbereitetes Gästezimmer auf sie wartete.

Alex konnte sich gut vorstellen, mit welcher Freude und welchem Stolz Julias Mutter den Luxus sehen würde, in dem ihre Tochter hier in München wohnte. Immerhin war Julias Mutter eine einfache Frau und würde deshalb den Wohlstand, mit dem Julia zusätzlich zu ihrem Liebesglück gesegnet war, ganz besonders zu würdigen wissen.

Je länger Alex über alles nachdachte, was sich, seit er und Julia nach München gekommen waren, in seinem und in Julias Leben ereignet hatte, desto glücklicher und dankbarer wurde er angesichts so vieler positiver Entwicklungen.

Konnte man vom Leben noch reicher beschenkt werden?

Einziger Wermutstropfen war Tonios Multiple-Sklerose-Erkrankung.

Zum Glück sprachen jedoch die Medikamente, die Dr. Norden Tonio verordnet hatte, so gut an, dass Tonio, seit er sie einnahm, ein völlig normales, beschwerdefreies Leben führen konnte.

Sowohl bei den Manolos als auch bei Julia machte sich aus diesem Grund mehr und mehr die Hoffnung, ja sogar die Überzeugung breit, die Medikamente hätten eine vollkommene Heilung bewirkt.

Zumindest was Sina betraf, hatte Alex stets sanft, aber bestimmt durchblicken lassen, dass eine völlige Heilung bei Tonios Krankheit fast ausgeschlossen war, doch Sina hatte sich von Alex’ Worten von Mal zu Mal weniger beeindrucken lassen.

Sie hatte ihm schließlich mit nachsichtigem Lächeln erklärt, dass seit jeher bei jeder Krankheit immer wieder Spontanheilungen geschehen wären, die an ein Wunder grenzten, und dass mit Sicherheit auch Tonio eine solche Heilung erfahren habe.

Natürlich war Alex keine andere Wahl geblieben, als Sina die Antwort schuldig zu bleiben und …

»Hilfe! Helfen Sie! Ist hier jemand Arzt oder Sanitäter?«

Erschrocken fuhr Alex herum und schaute suchend in die Richtung, aus der die schrille Frauenstimme kam, die seine Gedanken so jäh durchbrochen hatte.

Er sah eine elegant gekleidete ältere Dame mit silbergrauen Löckchen, die verzweifelt ihre Hände nach den achtlos vorüberhastenden Menschen ausstreckte, als wollte sie sie festhalten.

»Hallo, so bleiben Sie doch stehen! Ist denn hier niemand, der ein Handy hat und den Notruf …«

Panik stand der älteren Dame ins Gesicht geschrieben.

Neben ihr auf dem Boden lag eine scheinbar bewusstlose Frau, halb verdeckt von einem umgestürzten Trolley und einer übergroßen Reisetasche. Die Frau mochte etwa Anfang dreißig sein und war offenbar soeben aus einem Intercity gestiegen.

Alex dachte spontan an einen Sturz vom Trittbrett, stellte dann jedoch fest, dass die Frau so weit von der Waggontür entfernt lag, dass ein Unfall beim Verlassen des Zuges eher unwahrscheinlich erschien.

Mit Riesenschritten eilte er auf die beiden Frauen zu. »Ich bin Sanitäter. Ich kann Erste Hilfe leisten«, sagte er.

»Gott sei Dank. Alle rennen vorbei, und niemand kümmert sich«, erwiderte die ältere Dame und fügte, während Alex sich über die Bewusstlose beugte, hinzu: »Ich weiß nicht, wer sie ist. Sie ist zufällig neben mir auf dem Bahnsteig gelaufen. Plötzlich hat sie geschwankt, als ob ihr schwindlig wäre. Und dann ist sie auf einmal zusammengebrochen. Einfach so, ohne jede Vorwarnung.«

Alex fühlte den Puls der Bewusstlosen.

Da er sehr schwach und unregelmäßig und am Handgelenk kaum mehr spürbar war, tastete Alex nach der Halsschlagader und merkte zu seinem Entsetzen, dass der Puls auch dort fast nicht zu fühlen war. Zudem ging der Atem der Frau schwerer und schwerer. Sie rang regelrecht nach Luft, und ihre Lippen und ihre Augenlider waren aufgrund des Sauerstoffmangels bereits bläulich verfärbt.

»Ich konnte keinen Sanitäter und keinen Notarzt rufen. Ich habe kein Handy dabei. Ausgerechnet heute habe ich es zuhause vergessen«, redete die ältere Dame indessen weiter. »Wenn Sie nicht gekommen wären …«

»Nehmen Sie mein Handy und rufen Sie den Rettungswagen«, unterbrach Alex. »Ich schätze, die Frau hat einen Herzinfarkt erlitten. Sie muss schnellstens in ein Krankenhaus. Jede Sekunde zählt.«

Alex reichte der älteren Dame sein Smartphone, doch ihre Miene drückte beim Anblick des Geräts so viel Hilflosigkeit aus, dass Alex es nach einem Moment der Überlegung vorzog, selbst die Nummer des Notdiensts zu wählen.

Dann wandte er sich wieder der Bewusstlosen zu und begann unverzüglich mit Herzdruckmassage und Mund- zu Mundbeatmung. Alex war schon völlig erschöpft, als er endlich spürte, wie der Pulsschlag der Frau wieder kräftiger wurde und auch ihr Atem sich normalisierte.

Sie blinzelte und schien aus ihrer Ohnmacht zu erwachen, während endlich das Martinshorn des Rettungswagens zu hören war.

Wenige Minuten später stürmten bereits Notarzt und Sanitäter mit einer Trage in den Bahnhof.

Zu Alex Erleichterung war es Dr. Rudolf, der Dienst hatte.

Alex schilderte ihm kurz, was geschehen war und was er unternommen hatte, um der Frau zu helfen.

»Gut gemacht, Alex«, lobte Dr. Rudolf, während die Sanitäter die Frau auf die Trage hoben und wegtrugen.

Alex richtete sich mit einem tiefen Atemzug auf und stellte stirnrunzelnd fest, dass sich inzwischen eine Menge Schaulustige eingefunden hatten, die die Szene interessiert beobachteten. Einige von ihnen hatten sogar ihre Handys gezückt.

Dr. Rudolf verdrehte beim Anblick der Hobbyfilmer ärgerlich die Augen und konnte sich nicht enthalten, sie mit ein paar harschen Worten zurechtzuweisen, während er bereits den Sanitätern nacheilte.

Alex stand einen Moment lang unschlüssig da, dann folgte er dem Notarzt und rannte ebenfalls dem Rettungsteam hinterher.

»Ich glaube, die Frau hatte einen Herzinfarkt«, sagte er, als er Dr. Rudolf eingeholt hatte.

Dr. Rudolf quittierte Alex’ Vermutung mit einem eher skeptischen Blick.

»Möglich«, erwiderte er. »Auszuschließen ist es natürlich nicht. Aber für sehr wahrscheinlich halte ich es, offen gestanden, auch nicht. Zumindest gibt es durchaus noch andere Optionen.«

Alex’ Wissbegier war sofort geweckt. »Aber es stimmt doch, dass der Sturz durch den Ohnmachtsanfall ausgelöst wurde und nicht umgekehrt?«, hakte er nach.

»Ja. Das zumindest sehe ich genauso«, pflichtete Dr. Rudolf Alex bei. »Ich hoffe, dass die Frau sich durch den Sturz keine inneren Verletzungen zugezogen hat.«

»Das hoffe ich auch«, erwiderte Alex. »Aber … was wären die anderen Optionen als Ursache für den Ohnmachtsanfall? Welche Auslöser kämen infrage?«

Dr. Rudolf zuckte die Schultern. »Möglich wäre zum Beispiel eine Thrombose in einer Lungen- oder Herzvene«, meinte er. »Oder ganz allgemein ein plötzlicher Blutdruckabfall, wodurch auch immer er ausgelöst wurde. Deshalb ist es, wenn die Patientin erst wieder ansprechbar ist, wichtig zu erfahren, ob sie Medikamente einnimmt. Und wenn ja, welche.«

Alex nickte zustimmend.

Wie selbstverständlich verließ er an der Seite von Dr. Rudolf den Bahnhof und ging auf den Sanitätswagen zu, in dem die Patientin lag. Er wollte soeben einsteigen und mit zur Behnisch-Klinik fahren, als Dr. Rudolf ihn kopfschüttelnd davon abhielt.

Verlegen senkte Alex seinen Blick und trat zurück, was Dr. Rudolf ein Schmunzeln entlockte.

»Auch wenn du gerade als Sanitäter im Einsatz warst und gute Arbeit geleistet hast – heute hast du keinen Dienst, Alex«, erklärte er. »Und was dein medizinisches Interesse an dem Fall betrifft, wirst du im Zuge deiner Praktikumsschichten mit Sicherheit bald erfahren, ob deine Diagnose richtig war oder meine. Im Übrigen nehme ich an, dass du nicht zufällig im Bahnhof warst.« Dr. Rudolf blinzelte Alex zu. »Ich schätze, du wolltest jemanden abholen, denn um selbst zu verreisen, würdest du wohl eher dein Motorrad besteigen als einen Zug.«

»Ach du liebe Zeit«, entfuhr es Alex. Er schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. »Ich muss die Mutter meiner Cousine Julia abholen. Ich habe Julia fest versprochen, mich um ihre Mutter zu kümmern. Der Euromed aus Madrid dürfte trotz Verspätung längst angekommen sein. Verdammt, ich …«

Ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren, machte Alex auf dem Absatz kehrt. Drei Stufen auf einmal nehmend, hechtete er die Steintreppe zum Bahnhofseingang hinauf, stieß die Tür auf und spurtete los.

Er achtete nicht auf Zusammenstöße und auch nicht auf Schimpfworte, die ihm nachgerufen wurden, weil er einzig und allein Gleis 21 im Blick hatte und den Euromed aus Madrid, der soeben wieder abfuhr.

Als er endlich keuchend den Bahnsteig erreichte, suchten seine Augen fieberhaft die ganze Umgebung ab, aber er konnte Julias Mutter nirgends entdecken.

Ob sie sich ein Taxi genommen hatte?

Immerhin kannte sie Julias Adresse, und das Taxi würde sie sicher ans Ziel bringen.

Oder versuchte sie womöglich, auf eigene Faust …

Verärgert wandte Alex sich ab, um den Bahnhof zu verlassen, als jemand ihm von hinten auf die Schulter tippte.

»Alex? Da bist du ja! Gott sei Dank! Ich dachte schon, wir hätten uns verpasst!«

Alex fuhr herum und wurde in diesem Moment von Julias Mutter so heftig umarmt, dass ihm schier die Luft wegblieb. Als Ana Sanchez ihn endlich losließ, musste er erst einmal wieder zu Atem kommen, eher er sie begrüßen konnte.

»Wie geht es Julia?«, war Anas erste Frage.

»Es geht ihr ausgezeichnet«, erwiderte Alex. »Sie ist zusammen mit Tonio bei einem seiner Geschäftsessen und hat mich geschickt, um dich abzuholen. Aber da gab es bedauerlicherweise einen Notfall, und ich musste Erste Hilfe leisten. Dabei war ich eigentlich superpünktlich, weil ich dich nicht warten lassen wollte. Es tut mir leid, dass du nun doch …«

»Kein Problem«, wiegelte Ana Sanchez ab. »Du hast völlig richtig gehandelt. Wenn die Pflicht ruft, muss man Folge leisten. Das ist wichtiger als Privates. Zumal ich von Julia zur Genüge weiß, was für ein begeisterter Medizinstudent, Praktikant und Sanitäter du bist. Julia ist richtig stolz, einen so tüchtigen Cousin zu haben.«

Es hätte nicht viel gefehlt, und Alex wäre rot geworden, doch es blieb ihm keine Zeit dazu.

»Und wie geht es Tonio?«, redete Ana Sanchez bereits weiter.

»Ebenfalls bestens«, antwortete Alex wahrheitsgemäß. »Er ist munter wie ein Fisch im Wasser und arbeitet sich mit Feuereifer in das Management der Da Manolo-Restaurantkette ein. Es würde mich nicht wundern, wenn die Restaurantkette unter seiner Führung schon bald beträchtlich expandieren und sich auch im europäischen Ausland etablieren würde.«

»Wirklich?«, freute sich Julias Mutter. »Das wäre wunderbar. Ich würde Tonio den Erfolg von Herzen gönnen. Er ist so ein tüchtiger junger Mann. Er hat Geschäftssinn, er ist intelligent und fleißig. Und dabei ist er so sympathisch. Julia hat mit ihm das große Los gezogen.« Ana strahlte Alex an und legte ihre Hand auf seinen Arm. »Diesen Hauptgewinn verdankt sie im Grunde dir. Ohne dich hätte sie Tonio nie und nimmer kennengelernt. Das sagt auch Miguel. Und Linda ist derselben Meinung. Sie würde sich übrigens sehr freuen, ihre Schwester bald einmal wiederzusehen. Vielleicht, wenn das Baby erst da ist, klappt es mit einem längeren Aufenthalt in Girona. Das … das wäre wirklich wunderbar.«

Alex nickte zustimmend, wenn er sich die Erfüllung dieses Herzenswunsches der Familie Sanchez vorerst auch nicht so recht vorstellen konnte.

Zunächst stand auf alle Fälle das Familientreffen der Manolos auf dem toskanischen Weingut von Sinas Onkel an, und wenn in den nächsten Semesterferien Zeit war, wollten Sina und er endlich seine Familie auf Gran Canaria besuchen.

Die Familie Sanchez in Girona würde also wohl noch eine Weile warten müssen, bis sie an der Reihe war …

»Wie geht es eigentlich Miguel, deinem Mann?«, erkundigte sich Alex. »Hat er sich wieder vollkommen erholt?«

»Ja. Es geht ihm wirklich gut. Er hat seine Krankheit komplett überwunden und ist wieder ganz der Alte. Wer hätte das gedacht?«, antwortete Ana. »Auch Linda geht es blendend. Sie ist sehr glücklich mit ihrer Arbeit als Lehrerin. Sie … ich wollte es eigentlich noch nicht verraten, aber … sie wird wohl bald heiraten. Sie hat an der Schule, an der sie unterrichtet, einen sehr netten Kollegen kennengelernt, mit dem sie sich nicht nur beruflich hervorragend versteht. Die beiden … sind, wenn du mich fragst, wie füreinander geschaffen.«

»Das nenne ich großartige Neuigkeiten«, platzte Alex voll ehrlicher Freude heraus. Nach einem Blick auf die Bahnhofsuhr fügte er dann ein wenig zögernd hinzu: »Allerdings sollten wir jetzt allmählich aufbrechen, Ana, und zu Julia und Tonio fahren. Sonst sind die beiden von ihrem Geschäftsessen wieder zu Hause, und wir stehen immer noch hier auf dem Bahnsteig.«

»Du hast Recht. Reden können wir in Julias und Tonios Apartment schließlich auch. Und sogar bequemer«, stimmte Ana Sanchez Alex zu, zögerte dann aber und kaute auf ihrer Unterlippe herum, bis ihre Schneidezähne einen tiefroten Lippenstiftrand bekamen. »Du … du erwartest aber nicht von mir, dass ich auf dem Rücksitz deines Motorrads mitfahre, Alex?«, fragte sie endlich.

Alex musste lachen. »Nein, keine Angst, Ana«, beschwichtigte er. »Julia hat mich diskret darauf hingewiesen, dass du andere Fahrzeugtypen bevorzugst. Ich habe mir aus diesem Grund Sinas Auto ausgeliehen. Und zwar den gelben Sportwagen. Damit ich dich stilvoll an deinen Bestimmungsort chauffieren kann.«

*

»Vielen Dank, Herr Dr. Norden. Ich … ich hoffe, dass Sie mit mir zufrieden sein werden. Und dass Sie es nicht bereuen werden, mich als Praktikantin hier in der Behnisch-Klinik aufzunehmen.« Sina gab Dr. Norden die Hand und schnaufte aufgeregt. »Mit … mit Alex dürfen Sie mich natürlich nicht vergleichen. Ich bin weder in der Theorie noch in der Praxis annähernd so gut wie er, und deshalb …«

Dr. Norden konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. »Bescheidenheit ist eine lobenswerte Charaktereigenschaft«, meinte er. »Aber übertreiben sollte man es damit auch nicht. Ein gesundes Selbstbewusstsein hat jedenfalls noch niemandem geschadet.«

Sina wurde rot, warf Alex einen fragenden Seitenblick zu und schob dann ihre freie Hand hilfesuchend in die seine.