Ein Wunderkind in Gefahr - Carolin Grahl - E-Book

Ein Wunderkind in Gefahr E-Book

Carolin Grahl

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Beschreibung

Jenny Behnisch, die Leiterin der gleichnamigen Klinik, kann einfach nicht mehr. Sie weiß, dass nur einer berufen ist, die Klinik in Zukunft mit seinem umfassenden, exzellenten Wissen zu lenken: Dr. Daniel Norden! So kommt eine neue große Herausforderung auf den sympathischen, begnadeten Mediziner zu. Das Gute an dieser neuen Entwicklung: Dr. Nordens eigene, bestens etablierte Praxis kann ab sofort Sohn Dr. Danny Norden in Eigenregie weiterführen. Die Familie Norden startet in eine neue Epoche! »Das Konzert war großartig, Daniel, findest du nicht auch? Eine so klangschöne und gefühlvolle Interpretation von Schumanns Klavierkonzert habe ich lange nicht mehr gehört. Wäre es nicht jammerschade gewesen, wenn wir unser Abo wieder einmal wegen unserer Arbeit in der Behnisch-Klinik hätten verfallen lassen? Wir hätten uns um ein wundervolles Musikerlebnis gebracht. Hin und wieder muss man sich auch eine kleine Abwechslung gönnen, damit man wieder neue Kraft tanken kann.« »Wie recht du hast, meine liebe Fee«, antwortete Dr. Norden. »Wie immer bin ich froh, dass ich auf dich gehört habe, obwohl ich eigentlich …« Daniel unterbrach sich und wandte sich seinem Neffen Alex und dessen Freundin Sina zu, die sich durch all die festlich gekleideten Menschen im Foyer des Herkulessaals ihren Weg zur Garderobe bahnten. »Schön, dass ihr beide euch habt überreden lassen und heute Abend mit uns ins Konzert gekommen seid«, sagte er. »Hat es euch gefallen? Oder habt ihr euch gelangweilt und festgestellt, dass klassische Musik nur etwas für ältere Semester wie mich und Fee ist?« »Ich bin absolut begeistert von dem Konzert«, erklärte Alex. »Fee hat wirklich nicht zu viel versprochen. Und was die älteren Semester betrifft – dazu zählt ihr beiden noch lange nicht.« »Ihr bereut es also nicht, dass ihr das Lernen für eure Klausuren heute Abend habt ausfallen lassen?«, fragte Fee.

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Seitenzahl: 129

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Chefarzt Dr. Norden – 1272 –Ein Wunderkind in Gefahr

Unveröffentlichter Roman

Carolin Grahl

»Das Konzert war großartig, Daniel, findest du nicht auch? Eine so klangschöne und gefühlvolle Interpretation von Schumanns Klavierkonzert habe ich lange nicht mehr gehört. Wäre es nicht jammerschade gewesen, wenn wir unser Abo wieder einmal wegen unserer Arbeit in der Behnisch-Klinik hätten verfallen lassen? Wir hätten uns um ein wundervolles Musikerlebnis gebracht. Hin und wieder muss man sich auch eine kleine Abwechslung gönnen, damit man wieder neue Kraft tanken kann.«

»Wie recht du hast, meine liebe Fee«, antwortete Dr. Norden. »Wie immer bin ich froh, dass ich auf dich gehört habe, obwohl ich eigentlich …«

Daniel unterbrach sich und wandte sich seinem Neffen Alex und dessen Freundin Sina zu, die sich durch all die festlich gekleideten Menschen im Foyer des Herkulessaals ihren Weg zur Garderobe bahnten. »Schön, dass ihr beide euch habt überreden lassen und heute Abend mit uns ins Konzert gekommen seid«, sagte er. »Hat es euch gefallen? Oder habt ihr euch gelangweilt und festgestellt, dass klassische Musik nur etwas für ältere Semester wie mich und Fee ist?«

»Ich bin absolut begeistert von dem Konzert«, erklärte Alex. »Fee hat wirklich nicht zu viel versprochen. Und was die älteren Semester betrifft – dazu zählt ihr beiden noch lange nicht.«

»Ihr bereut es also nicht, dass ihr das Lernen für eure Klausuren heute Abend habt ausfallen lassen?«, fragte Fee.

»Ich empfinde keinen Funken Reue«, erwiderte Sina sofort. »Dieser Konzertabend war ein absolutes Highlight. Ich liebe klassische Musik – allerdings nur als Zuhörerin. Die Klavierstunden meiner Kinderzeit und das tägliche Üben fand ich, ehrlich gesagt, ziemlich mühsam. Es hat zehnmal mehr genervt als Freude gemacht.«

Fee lachte. »Das kann ich gut nachvollziehen. Mir ist es mit meinem Klavierunterricht ähnlich ergangen, Sina. Ganz im Gegensatz zu Daniel, der, wenn es seine Zeit erlaubt, sogar heute noch gerne in die Tasten greift.«

»Mit viel Freude, aber leider nur mit bescheidenem Erfolg«, wiegelte Dr. Norden ab.

»Für einen Arzt und Klinikchef spielst du ausgezeichnet«, widersprach Fee. »Aber etwas anderes … wollen wir alle vier zusammen noch einen Happen essen gehen? Und ein Glas Wein trinken? In einem netten Lokal hier irgendwo in der Nähe? Ich denke da zum Beispiel an die Weinstube des ›Da Manolo‹ am Odeonsplatz? Hättet ihr Lust?«

Sina schaute Alex fragend an, doch der schüttelte bedauernd den Kopf. »Lust hätte ich natürlich schon, aber … das hat leider nicht viel zu sagen. Morgen früh um sechs Uhr beginnt meine Sanitätsschicht. Da brauche ich einen klaren Kopf. Und es wäre mit Sicherheit auch nicht gerade lustig, würde ich am Steuer des Rettungswagens einschlafen.«

»Das könnte in der Tat übel enden«, lachte Daniel. »Also vertagen wir das Ganze wohl lieber auf ein anderes Mal. Aufgeschoben ist ja bekanntlich nicht aufgehoben.«

»Ja, das stimmt«, seufzte Sina. Dabei musste sie sich allerdings redlich Mühe geben, keinen Schmollmund zu ziehen. Insgeheim hegte sie nämlich den Verdacht, dass Alex in Wirklichkeit gar nicht schlafen, sondern stattdessen doch noch eine Runde lernen wollte.

»Dann wünschen wir euch beiden also eine erholsame Nachtruhe«, sagte indessen Daniel und schüttelte Alex und Sina zum Abschied die Hand.

Fee tat es ihm nach.

Als Alex und Sina verschwunden waren, wandten Daniel und Fee sich der Garderobe zu, doch schon nach ein paar Schritten hielt Fee erneut inne.

Urplötzlich hatte sie unter den vielen Menschen ein bekanntes Gesicht entdeckt. »Sofia! Hallo, Sofia!«, rief sie, stellte sich auf die Zehenspitzen und winkte.

Die Angesprochene, eine schlanke junge Frau mit langen dunkelbraunen Locken, sah sich überrascht um.

Als sie Fee entdeckte, trat von einer Sekunde auf die andere ein strahlendes Lächeln auf ihr Gesicht. »Fee, bist du es wirklich? Was für ein großartiger Zufall, dich heute hier zu treffen. Ich freue mich riesig.«

»Ich freue mich auch«, lachte Fee, und im nächsten Moment lagen sich die beiden Frauen in den Armen.

Als sie sich wieder voneinander lösten, schaute Fee verblüfft auf einen blonden Jungen von vielleicht acht Jahren, der neben Sofia stand.

Er trug eine schwarze Jeans und ein weißes T-Shirt, auf dessen Vorderseite ein schwarzer Konzertflügel und wild um das Instrument herum wirbelnde Noten gedruckt waren.

»Da ist wohl jemand sehr musikbegeistert?«, erkundigte sich Fee und blinzelte dem Jungen zu.

Der Junge nickte. »Ich will später einmal ein berühmter Pianist werden und überall auf der Welt Konzerte geben«, antwortete er im Brustton der Überzeugung.

»Ein löblicher Vorsatz«, lachte Fee. »Um so weit zu kommen, wirst du allerdings viele Stunden üben müssen.«

Wieder nickte der Junge. »Ja, das weiß ich. Aber es ist voll okay. Klavierüben macht mir nämlich echt Spaß. Ich übe jeden Tag zwei volle Stunden, manchmal sogar länger.«

Der Junge sagte das so ernsthaft, dass Fee Sofia unwillkürlich einen erstaunten Blick zuwarf.

Sofia lächelte und legte ihren Arm um die schmalen Schultern ihres Sohnes. »Manuel hat nicht nur das Aussehen, sondern auch das musikalische Talent und die Musikbegeisterung seines Vaters geerbt«, sagte sie.

Der Stolz auf ihren Sohn war dabei unschwer aus jedem ihrer Worte herauszuhören. Trotzdem legte sich, als sie Manuels Vater erwähnte, mit einem Mal ein so dunkler Schatten über ihre Züge, dass es aussah, als wäre sie binnen Sekunden um Jahre gealtert.

Manuel bemerkte die Traurigkeit nicht, die seine Mutter so unvermittelt befiel.

»In vier Wochen gebe ich mein erstes Konzert«, sagte er stattdessen mit hoch erhobenem Kopf. »Am Anfang spiele ich Schumanns ›Kinderszenen‹, dann ein paar Walzer von Chopin und zum Schluss die 11. Rhapsodie von Liszt. Die ist richtig schwer. Vor allem die schnellen Läufe im 3. Satz und der Csárdás am Schluss.«

»Oha, was für ein tolles Programm«, entfuhr es Daniel. »Wenn du in deinem Alter schon so anspruchsvolle Stücke draufhast, bist du ja ein richtiger kleiner Künstler.«

Manuel grinste. »Wollen Sie zu meinem Konzert kommen?«, fragte er. »Es findet in der Musikschule in Grafrath statt. Meine Lehrerin, Frau Kessler, hat es für mich organisiert. Sie hat sogar gesagt, wenn ich nicht zu großes Lampenfieber habe und nicht allzu viele falsche Noten spiele, darf ich schon bald ein zweites Konzert geben. In der Aula der Fürstenfeldbrucker Sparkasse. Auch dazu sind Sie natürlich herzlich eingeladen.«

»Vielen Dank für die Einladung«, erwiderte Dr. Norden. »Ich habe zwar leider nur sehr wenig Zeit, aber wenn ich es irgendwie einrichten kann, werde ich zu beiden Konzerten kommen, Manuel.«

»Das wäre schön«, freute sich der Junge. »Sie können mich übrigens bald auch in den sozialen Netzwerken hören. Frau Kessler will nämlich ein Video mit mir aufnehmen und es auf einem Klassik-Kanal einstellen. Hoffentlich bekommt es viele Klicks, damit Frau Kessler für mich bald einen eigenen Kanal eröffnen kann.«

»Das wünsche ich dir von Herzen. Mein Abo ist dir jedenfalls jetzt schon sicher«, lächelte Dr. Norden.

»Ich schließe mich Daniel an«, sagte Fee. »Ich bin schon richtig gespannt, dich einmal spielen zu hören, Manuel.«

Sie nickte dem Jungen zu und wandte sich dann wieder an Sofia. »Und wie geht es dir?«, fragte sie voller Mitgefühl. »Ich meine, abgesehen davon, dass du einen wunderbaren Sohn hast.«

Sofia zuckte die Schultern. »Das Leben geht weiter«, sagte sie, »weil es immer irgendwie weitergehen muss. Egal, was passiert ist. Die ersten Wochen nach Elmars Tod waren allerdings schrecklich. Ich war überzeugt, ein Leben ohne Elmar nicht ertragen zu können, und habe mir des Öfteren sogar den Tod gewünscht, um wieder mit Elmar vereint zu sein. Mit der Zeit wurde es besser, aber manchmal vermisse ich Elmar immer noch so sehr, dass ich mir einbilde, er müsste plötzlich wieder vor mir stehen und mich in seine Arme nehmen. Ich kann …« Sofia winkte ab. »Lassen wir das. Die Vergangenheit kehrt nicht wieder, und wenn wir uns manchmal noch so sehr nach ihr zurücksehnen. Dass ich nach Elmars Tod zumindest äußerlich einen harten Cut gewagt habe, war auf alle Fälle die richtige Entscheidung. Ich bereue es nicht, mit Manuel zurück nach Bayern gezogen zu sein. Und ich bereue es auch nicht, mich beruflich selbstständig gemacht zu haben.«

»Du hast jetzt eine eigene Apotheke?«, erkundigte sich Fee.

»Ja«, erwiderte Sofia. »Ich konnte die Löwen-Apotheke in Grafrath übernehmen, was ein absoluter Glücksfall war. Die vorigen Betreiber der Apotheke, ein Ehepaar Ende sechzig, wollten sich zur Ruhe setzen und haben einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin gesucht. Ich konnte es kaum fassen, dass ihre Wahl ausgerechnet auf mich gefallen ist. Und als ich dann auch noch ihr Haus mieten konnte, weil sie sich plötzlich entschlossen, zu ihrer Tochter in die Bretagne überzusiedeln …«

»Gratulation«, freute sich Fee. »Ein paar glückliche Fügungen war dir das Schicksal nach Elmars tragischem Unfalltod aber auch wirklich schuldig, Sofia.«

»Vielleicht«, meinte Sofia. »Obwohl ich, ehrlich gesagt, nicht überzeugt bin, dass das Schicksal sich unseren Wünschen und Vorstellungen allzu sehr verpflichtet fühlt.« Sie strich sich eine vorwitzige Locke aus der Stirn. »Für eine Witwe mit Kind wäre eine Wohnung von überschaubarer Größe mit einem hübschen Balkon wahrscheinlich eine bessere Unterkunft als ein Haus mit einem pflegeintensiven Garten, aber in einer Wohnung würde Manuel garantiert Probleme mit dem Klavierüben bekommen. Von daher ist das Haus wirklich die perfekte Lösung.« Sofia machte eine kleine Pause. »Wenn du Lust und Zeit hast, kannst du mich gerne einmal besuchen, Fee. Sowohl in meiner Apotheke als auch in meinem Zuhause.«

»Danke. Ich weiß deine Einladung zu schätzen«, antwortete Fee, »aber leider ergeht es mir im Grunde nicht besser als Daniel. Genau wie er habe ich einfach viel zu wenig Zeit.«

»Die Praxis?«, erkundigte sich Sofia.

Fee schüttelte den Kopf. »Nein, mittlerweile ist es meine Arbeit in der Behnisch-Klinik, die mich auf Trab hält«, gab sie zurück. »Ich habe dort nämlich vor einigen Jahren die Leitung der Pädiatrie übernommen. Es handelt sich um eine schöne und erfüllende Aufgabe, die jedoch auch sehr viel Arbeit und Verantwortung mit sich bringt.«

»Das kann ich mir vorstellen«, stimmte Sofia zu. »Auch ich muss mich mit meiner Apotheke ziemlich ins Zeug legen. Aber was solls. Wenn ich mich auf die Arbeit konzentriere, können meine Gedanken wenigstens nicht zu Elmar und seinem so gänzlich unerwarteten Ende abschweifen.« Sofia tupfte sich mit dem Taschentuch ein paar Tränen aus dem Augenwinkel. Als ihr Blick dann zufällig in Richtung Garderobe wanderte, fügte sie, abrupt das Thema wechselnd, hinzu: »Ich fürchte, wir müssen uns sputen und endlich unsere Mäntel und Jacken abholen, sonst denken die Garderobefrauen am Ende noch, die Sachen wären vergessen worden.«

Daniel und Fee stimmten angesichts des rasch sich leerenden Foyers sofort zu.

Wenig später traten sie zu viert ins Freie, wo Sofia und Manuel sich von Daniel und Fee verabschiedeten, um sich auf die Heimfahrt nach Grafrath zu machen.

»Was meinst du, meine Fee, wollen wenigstens wir beide den Abend noch bei einem Glas Wein und einer kleinen Mahlzeit ausklingen lassen?«, fragte Daniel, als Sofia mit Manuel in Richtung Parkhaus verschwunden war.

»Ja, sehr gerne«, pflichtete Fee ihm sofort bei und hakte sich bei ihm unter, als sie sich auf den Weg zum Odeonsplatz machten.

»Woher kennst du diese Sofia eigentlich?«, fragte Daniel, als sie eine Weile gegangen waren.

»Ich habe sie über ihre ältere Cousine Anja kennengelernt, die mit mir zusammen im Tennisclub war. Anja hatte damals mit dem Medizinstudium angefangen, hat es dann aber abgebrochen und sich der Zahnheilkunde zugewandt.«

»Mit einer Praxis hier in München?«, hakte Daniel nach.

»So war es wohl ursprünglich geplant«, antwortete Fee. »Aber auch daraus ist nichts geworden. Anja hat schließlich nach einigem Hin und Her eine Stelle in einer Gemeinschaftspraxis in Bad Wörishofen gefunden und zu guter Letzt einen ihrer Kollegen geheiratet. Die beiden sind, soweit ich weiß, ein sehr glückliches Paar.«

»Und Sofias verstorbener Mann?«, wollte Daniel wissen. »War er auch Mediziner oder Pharmazeut?«

»Nein«, antwortete Fee. »Er war Musiker. Hauptberuflich. Deshalb hat Sofia davon gesprochen, dass Manuel Elmars Talent geerbt hat. Elmar war Pianist, ist aber nicht solo aufgetreten, sondern hat als Korrepetitor an der Stuttgarter Oper gearbeitet.«

»Eine interessante Familie«, bemerkte Daniel.

»Ja, durchaus«, bestätigte Fee. »Was allerdings diesen Manuel betrifft … Ich frage mich, ob es denn wirklich möglich ist, dass ein Kind von sieben oder acht Jahren sich auf einen doch eher ungewöhnlichen Beruf festlegt und sich dann beharrlich und ausdauernd mit stundenlangem täglichem Üben darauf vorbereitet. Ich kann mir, offen gestanden, nur sehr schwer vorstellen, dass so etwas ohne Druck vonseiten der Eltern möglich ist.«

»Warum sollte es nicht möglich sein? Es hat im Laufe der Geschichte immer wieder Wunderkinder gegeben«, gab Daniel zu bedenken. »Mozart, der junge Liszt, Paganini …«

»Ja, sie alle waren Wunderkinder. Insoweit stimme ich dir zu, Daniel«, sagte Fee. »Aber auch sie wurden in ihrer Kindheit von ihren Vätern und Müttern unnachgiebig und unbarmherzig zum Üben gezwungen. So etwas wie eine normale Kindheit kannten sie nicht. Und ich finde, es … es kann doch nicht richtig sein, einem Kind so viel vom … Leben vorzuenthalten.«

»Eigentlich nicht«, meinte Daniel. »Andererseits haben derart hochbegabte Kinder vielleicht von sich aus ganz andere Wünsche.«

Fee zuckte die Schultern. »Ich habe mich über dieses Thema zufällig erst vor Kurzem mit Heike Kreisler, also mit unserer Kinderpsychologin an der Behnisch-Klinik, unterhalten. Du weißt ja, dass sie mit vielen Geschwistern aufgewachsen ist. Sie ist der Ansicht, dass es nicht gut für die Psyche eines Kindes ist, wenn es Stunden über Stunden sozusagen in ›Einzelhaft‹ verbringt, also mit nur sehr eingeschränktem Kontakt zu Gleichaltrigen. Sie hält diese Art des Aufwachsens für ausgesprochen bedenklich.«

»Frau Dr. Kreisler ist eine sehr kompetente Psychologin, deren Meinung ernst zu nehmen ist«, nickte Daniel, während er Fee sanft in Richtung Zebrastreifen schob, um die Straße zu überqueren. »Du denkst also, dass Sofia Manuel zum Üben zwingt, weil sie ihren verunfallten Mann Elmar vor Augen hat? Weil sie zumindest einen, wahrscheinlich sogar den wichtigsten Aspekt von Elmars Persönlichkeit nicht loszulassen braucht, wenn Manuel genau diesen Aspekt repräsentiert?«

»Es muss natürlich nicht so sein, aber möglich wäre es doch immerhin«, gab Fee zu bedenken.

»Ja, möglich wäre es«, meinte Daniel. »Trotzdem halte ich es für besser, wenn wir die ganze Angelegenheit fürs Erste ad acta legen. Selbst wenn Sofia Druck auf Manuel ausübt, vermittelt mir der Kleine nicht das Gefühl, als würde er darunter leiden. Und darauf kommt es letztendlich an.«

»Wahrscheinlich hast du Recht«, stimmte Fee zu. Sie rieb ihren Kopf an Daniels Schulter. »Trotzdem bin ich froh, dass wir keine so extrem hochbegabten Kinder hervorgebracht haben. Unsere Sprösslinge sind samt und sonders intelligent und motiviert, aber auch erfrischend normal.«

»Genau wie wir beide«, lachte Daniel und betrat entschlossen die Weinstube des »Da Manolo«.

*

»Mist. Jetzt habe ich doch tatsächlich bei diesem chromatischen Lauf gepatzt und ›c‹ gespielt anstelle von ›cis‹. Das ist mir wirklich noch nie passiert. Wenn meine Finger auch beim Konzert an dieser Stelle übereinander stolpern, kann ich den Auftritt in der Aula der Fürstenfeldbrucker Sparkasse vergessen. Dann stimmt Frau Kessler nie und nimmer einem zweiten Konzert zu«, ärgerte sich Manuel.

Er ballte seine Hände zu Fäusten und reckte und streckte danach seine Finger.

Mit einem leisen Seufzer versuchte er den Lauf ein weiteres Mal und dann noch einmal und noch einmal. »Die Töne müssen aufeinanderfolgen wie eine Perlenschnur, hat Frau Kessler gesagt«, murmelte Manuel vor sich hin und machte einen vierten Versuch.

Endlich war er zufrieden.

»Und jetzt ein letztes Mal, damit der Lauf auch wirklich sitzt.« Manuel begann von Neuem, schaffte aber nicht einmal einen ganzen Takt, weil draußen ein lautes, schrilles Hundebellen zu vernehmen war, das ihn völlig aus dem Konzept brachte.

»Dämlicher Hund«, murrte Manuel und begann den Lauf noch einmal von vorne. Einverstanden mit seiner Leistung spielte er weiter – und wurde schon wieder von dem schrillen Hundegebell gestört.