Eine besondere Braut - Carolin Grahl - E-Book

Eine besondere Braut E-Book

Carolin Grahl

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Beschreibung

Er kommt aus Gran Canaria und ist der Sohn von Dr. Daniel Nordens Cousin Michael und dessen spanischer Frau Sofia. Alexander kennt nur ein Ziel: Er will Arzt werden und in die riesigen Fußstapfen seines berühmten Onkels, des Chefarztes Dr. Daniel Norden, treten. Er will beweisen, welche Talente in ihm schlummern. Dr. Norden ist gern bereit, Alexanders Mentor zu sein, ihm zu helfen, ihn zu fördern. Alexander Norden ist ein charismatischer, unglaublich attraktiver junger Mann. Die Frauenherzen erobert er, manchmal auch unfreiwillig, im Sturm. Seine spannende Studentenzeit wird jede Leserin, jeden Leser begeistern! Sina erwachte von einem gellenden Schrei. Entsetzt riss sie die Augen auf und merkte erst in diesem Moment, dass der Schrei aus ihrer eigenen Kehle gekommen war. Schweißnass und keuchend setzte sie sich in ihrem Bett auf und ließ dann ihre Blicke unruhig durch ihr Zimmer schweifen. Im fahlen Schein des ersten Morgenlichts erkannte sie das leicht geöffnete Fenster, ihren Schreibtisch mit dem Computer, daneben einen Stapel Bücher und einen dicken Aktenordner. Am Kleiderschrank hing das geblümte Sommerkleid, das sie am Abend zuvor beim Kinobesuch mit Alex getragen hatte. Und am Boden in der Ecke lag noch immer die Stoffmaus, mit der Elvis, Alissas Kater, bei seinem letzten Aufenthalt in der Glockenbachstraße so begeistert, fast liebevoll gespielt hatte. Allmählich beruhigte sich Sinas Herzschlag wieder. Sie war nicht irgendwo auf der Landstraße. Sie war zu Hause. Und Alex lag auch nicht blutend und reglos neben seinem Motorrad auf dem Asphalt und starrte sie aus blicklosen Augen an. Sie hatte nur einen Albtraum gehabt. Und nun war sie zurück in der Wirklichkeit, und ihre Welt war wieder in Ordnung. Einen Moment lang stützte Sina trotz ihrer Erleichterung erschöpft ihren Kopf in ihre Hände, dann schlug sie ihre Bettdecke zurück, stand auf und spähte auf den Flur hinaus. Aus dem Badezimmer hörte sie das Rauschen der Dusche. Wenig später verstummte das Prasseln des Wassers, die Badtür öffnete sich, und im Türrahmen erschien Alex, barfuß und im Morgenmantel. Sina stürzte auf Alex zu, schlang ihre Arme um ihn und drückte ihn an sich. So fest, so innig und so lange, dass es Alex schien, als wollte sie ihn nie wieder loslassen. Als Sina ihren Griff endlich lockerte, schüttelte Alex verwundert den Kopf. »Schatz, was ist denn los?«, fragte er.

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Seitenzahl: 136

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Der junge Norden – 37 –Eine besondere Braut

Unveröffentlichter Roman

Carolin Grahl

Sina erwachte von einem gellenden Schrei. Entsetzt riss sie die Augen auf und merkte erst in diesem Moment, dass der Schrei aus ihrer eigenen Kehle gekommen war.

Schweißnass und keuchend setzte sie sich in ihrem Bett auf und ließ dann ihre Blicke unruhig durch ihr Zimmer schweifen.

Im fahlen Schein des ersten Morgenlichts erkannte sie das leicht geöffnete Fenster, ihren Schreibtisch mit dem Computer, daneben einen Stapel Bücher und einen dicken Aktenordner. Am Kleiderschrank hing das geblümte Sommerkleid, das sie am Abend zuvor beim Kinobesuch mit Alex getragen hatte. Und am Boden in der Ecke lag noch immer die Stoffmaus, mit der Elvis, Alissas Kater, bei seinem letzten Aufenthalt in der Glockenbachstraße so begeistert, fast liebevoll gespielt hatte.

Allmählich beruhigte sich Sinas Herzschlag wieder.

Sie war nicht irgendwo auf der Landstraße. Sie war zu Hause. Und Alex lag auch nicht blutend und reglos neben seinem Motorrad auf dem Asphalt und starrte sie aus blicklosen Augen an.

Sie hatte nur einen Albtraum gehabt. Und nun war sie zurück in der Wirklichkeit, und ihre Welt war wieder in Ordnung.

Einen Moment lang stützte Sina trotz ihrer Erleichterung erschöpft ihren Kopf in ihre Hände, dann schlug sie ihre Bettdecke zurück, stand auf und spähte auf den Flur hinaus.

Aus dem Badezimmer hörte sie das Rauschen der Dusche. Wenig später verstummte das Prasseln des Wassers, die Badtür öffnete sich, und im Türrahmen erschien Alex, barfuß und im Morgenmantel.

Sina stürzte auf Alex zu, schlang ihre Arme um ihn und drückte ihn an sich. So fest, so innig und so lange, dass es Alex schien, als wollte sie ihn nie wieder loslassen. Als Sina ihren Griff endlich lockerte, schüttelte Alex verwundert den Kopf. »Schatz, was ist denn los?«, fragte er. »Und wieso bist du eigentlich schon wach? Es ist noch nicht einmal fünf Uhr morgens!«

Mit einem Mal traten Sina Tränen in die Augen. Mit gespreizten Fingern fuhr sie durch Alex‘ noch ziemlich nasse Haare. »Ich … ich bin so froh, dass du da bist, Alex. Dass es dich gibt, und dass es dir gut geht. Wenn ich mir vorstelle, wie schrecklich leer und traurig und sinnlos alles wäre ohne dich …« Sina schniefte. »Ein Leben ohne dich könnte ich mir überhaupt nicht mehr vorstellen.«

Alex runzelte die Stirn. »Aber das brauchst du doch auch nicht, Sina«, erwiderte er. »Was ist denn los mit dir? Wieso sollte ich dich denn verlassen? Wie kommst du in aller Morgenfrühe auf eine derart verrückte Idee?«

»Ich … ich denke doch gar nicht, dass du mich verlassen willst. Ich … ich hatte nur so einen abscheulichen Traum, weißt du.« Sina wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen. »Ich habe geträumt, dass du mit dem Motorrad verunglückt bist. Es war so ein furchtbares Bild, dich wie tot auf der Straße liegen zu sehen. Und ich … ich stand daneben und konnte nichts tun …«

»Sina!« Alex seufzte, gab Sina einen Kuss und versuchte dann, während Sina sich immer noch an ihn klammerte, in Richtung Küche zu gehen. »Ich mache uns jetzt erst einmal einen schönen, starken Kaffee«, schlug er vor. »Oder … oder möchtest du vielleicht lieber ein Glas Wein zur Beruhigung? Damit du dich, wenn ich fort bin, wieder schlafen legen kannst? Schließlich ist heute Sonntag, also Zeit zum Faulenzen und Ausschlafen.«

Sina grub ihre Finger in den Frotteestoff von Alex‘ Morgenmantel. »Nein, ich will keinen Wein, Alex. Lieber Kaffee«, sagte sie. »Auch ein Glas Wein wird mir nicht helfen, nach diesem schrecklichen Traum wieder einzuschlafen. Nicht einmal eine Schlaftablette würde nützen. Weil ich im Grunde gar nicht wieder einschlafen will. Ich habe viel zu viel Angst, der Albtraum könnte zurückkehren.«

»Träume sind Schäume, Sina. Das ist ein altes Sprichwort, und Sprichwörter beruhen bekanntlich auf Erfahrungswerten.« Möglichst unauffällig warf Alex einen Blick auf die Wanduhr in der Küche. Wenn er Punkt sechs Uhr zu seiner Praktikums-Frühschicht in der Behnisch-Klinik sein wollte …

»Nicht alle Träume sind Schäume«, widersprach Sina. »Und das weißt du sehr gut, Alex. Es gibt auch Wahrträume. Und prophetische Träume.«

Alex befüllte die Kaffeemaschine und schaltete sie ein.

Langsam, aber sicher begann er zu begreifen, worauf Sina hinauswollte.

»Und es gibt Träume, die aus unserem Unterbewusstsein aufsteigen und unsere geheimen Ängste offenbaren«, ergänzte er. »Oder unseren Widerwillen gegen bestimmte Dinge. Aber darüber weißt du mit Sicherheit besser Bescheid als ich. Schließlich bist du diejenige, die seit ein paar Wochen jede Menge Psychologievorlesungen besucht.«

Sina ließ sich schwer auf einen der Küchenstühle fallen. »Muss diese Motorradtour heute Nachmittag denn wirklich sein, Alex?«, fragte sie. »Und wenn du schon unbedingt durch die Gegend kurven willst - warum kann ich nicht mitkommen?«

Alex steckte zwei Toastbrote in den Toaster und befüllte seinen und Sinas Kaffeebecher. »Weil es eine Bikertour nur unter Männern ist«, erwiderte er. »Du veranstaltest ja auch hin und wieder einen Mädelsabend mit deinen Freundinnen aus der Schulzeit.«

Schweigend griff Sina nach dem Kaffeebecher, auf dem ihr Name stand, doch Alex war flinker. Mit einer raschen Bewegung vertauschte er die Becher und schob Sina augenzwinkernd den mit der Aufschrift »Alex« hin.

Sinas Mundwinkel hoben sich für einen Moment, doch ein wirkliches Lächeln kam nicht zustande. »Das ist etwas völlig anderes«, widersprach sie. »Mädelsabende sind nicht gefährlich. Und außerdem finden sie nur an Abenden statt, an denen du ohnehin keine Zeit hast. Also … also meistens jedenfalls«, setzte sie rasch hinzu, als sie Alex‘ skeptisch hochgezogene Augenbrauen bemerkte.

Alex trank einen Schluck Kaffee, griff sich die Toastbrote, die soeben aus dem Toaster sprangen, und bestrich sie genussvoll mit Butter und Erdbeermarmelade. Er bot Sina eines der Brote an, doch sie lehnte mit einem Kopfschütteln ab. »Nicht einmal das bisschen Freizeit, das dir bleibt, verbringen wir gemeinsam«, maulte sie stattdessen.

»Das ist nicht wahr«, hielt Alex dagegen. »Erst gestern Abend zum Beispiel waren wir zusammen im Kino. Und letztes Wochenende waren wir beim Baden am Ammersee und haben auf dem Nachhauseweg Alissa und Bastian auf dem Steinebacher Gnadenhof besucht.« Er biss hastig in eines der Toastbrote. »Außerdem dauert die Bikertour ohnehin nur zwei oder allerhöchstens drei Stunden, weil sie notgedrungen erst nach dem Ende meiner Praktikumsschicht starten kann.«

»Auch in zwei oder drei Stunden kann jede Menge Schlimmes geschehen«, unkte Sina. »Und mein Albtraum …«

»Dein Albtraum hat nur zum Ausdruck gebracht, dass du dich über die Bikertour ärgerst«, fuhr Alex Sina in die Parade.

»Nein. Also ja. Ich meine, ein bisschen schon. Aber … aber das ist doch nicht ausschlaggebend«, verteidigte sich Sina. »Wer nimmt an der Bikertour eigentlich sonst noch teil außer dir und Bernd?«

»Habe ich dir das nicht schon erzählt?«, wunderte sich Alex.

Sina schüttelte den Kopf. »Nicht, dass ich wüsste.«

Alex goss sich Kaffee nach. »Die beiden anderen jungen Männer heißen Kevin und Rolf«, erklärte er. »Sie sind Motorradfreunde von Bernd. Viel mehr weiß ich allerdings selber nicht über sie.«

»Und wann fahrt ihr los?«, forschte Sina weiter.

»Nach dem Ende meiner Praktikumsschicht - wie ich bereits sagte. Also ungefähr um halb drei Uhr oder drei Uhr nachmittags. Bernd und die beiden anderen holen mich von der Behnisch-Klinik ab. Sie wollen auf dem Klinikparkplatz auf mich warten.« Alex trank seinen Kaffeebecher leer und erhob sich, um sich anzuziehen. »Wir fahren Richtung Chiemgau. Bernd kennt in der Nähe von Bad Endorf ein Biker-Restaurant. Es heißt Rosl’s oder Resl’s Biker-Schuppen oder so ähnlich. Dort halten wir Einkehr. Und dann geht es auf dem Umweg über eine Passstraße zurück nach München. Wenn es dunkel wird, sind wir längst wieder daheim.«

Sina nickte, machte dabei aber ein ziemlich unglückliches Gesicht. »Ich werde die ganze Zeit über nur Angst um dich haben und immerfort an meinen schrecklichen Traum denken müssen«, klagte sie.

Alex, der schon die Klinke der Küchentür in der Hand hatte, wandte sich zu Sina zurück. »Du könntest ein paar Stunden für deine Klausuren lernen«, schlug er vor. »Dann kommst du auf andere Gedanken und hast die Zeit, in der ich unterwegs bin, für etwas Sinnvolles genutzt.«

»Wie bitte?« Sina verdrehte ärgerlich die Augen. »Wenn ich mich nicht täusche, hast du vor einer Viertelstunde noch irgendetwas von Sonntag und Faulenzen gesagt. Und jetzt kommst du mir mit so einem Vorschlag! Soll ich etwa lernen, während du deinem Vergnügen nachgehst?«

Alex tappte zum Küchentisch zurück, beugte sich zu Sina hinunter und schmiegte seine Wange an ihre. »So habe ich das natürlich nicht gemeint«, entschuldigte er sich. »Ich wollte einfach nur etwas finden, das dich ablenkt. Damit du dir keine unnützen Sorgen um mich machst.«

»Nette Ablenkung«, maulte Sina. »Glaubst du allen Ernstes, dass ich mich auf meine Lehrbücher und auf meinen Lernstoff konzentrieren kann, wenn ich weiß, dass jede Minute mein schrecklicher Traum Wirklichkeit werden kann? Der Vorschlag mit dem Lernen war wirklich nicht sehr einfühlsam von dir.«

»Nein, das war er nicht«, räumte Alex ein. »Aber … aber vielleicht hast du ja Lust, einen der Liebesromane zu lesen, die du dir erst vor Kurzem bei Amazon bestellt hast. Das Päckchen mit den Büchern ist gestern angekommen, und du hattest, weil du dich fürs Kino zurechtmachen musstest, noch nicht einmal Zeit, es zu öffnen.«

Sina atmete den Duft von Alex‘ Aftershave ein, der sich mit dem Kaffeegeruch mischte.

Einen Augenblick lang schien sie ernsthaft über Alex‘ Vorschlag nachzudenken, doch dann schüttelte sie den Kopf. »Ich mag keine Liebesromane lesen, während ich Angst habe, dich zu verlieren. Was interessiert mich das Liebesglück wildfremder Menschen, wenn ich selbst mutterseelenallein in der Wohnung sitze! Es macht mich mit Sicherheit nur noch trauriger.« Sie löste sich von Alex und starrte in ihren Kaffeebecher, als würde sich dort die Lösung für ihr Problem offenbaren.

Alex‘ Blicke glitten indessen über ihre schlanke Gestalt, die in dem weißen Schlafanzug mit dem roten Herzchenmuster besonders zierlich wirkte, und über ihre bloßen Füße mit den kleinen Zehen und den sorgfältig lackierten Zehennägeln, ehe sie schließlich zu dem leicht weinerlich verzogenen Gesicht zurückkehrten.

Sina erschien Alex in diesem Moment so kindlich und zerbrechlich, dass unwillkürlich eine Welle von Zärtlichkeit sein Herz überflutete. »Du möchtest, dass ich auf die Bikertour verzichte, nicht wahr?«, brach es aus ihm heraus, noch ehe ihm klar wurde, was er da eigentlich sagte. Wenn Sina nun zustimmte oder auch nur nickte …

Zu Alex‘ Erleichterung schüttelte Sina jedoch den Kopf. »Nein, das … das möchte ich nicht«, stieß sie gequält hervor. »Auf keinen Fall möchte ich, dass dann du an meiner Stelle traurig bist und die ganze Zeit über nur denkst, wie gerne du mit deinen Kumpeln unterwegs wärst und was sie wohl gerade machen. Wenn du meinetwegen auf die Bikertour verzichten würdest, würde mir das gar nichts bringen, weißt du. Weil ich dann zwar keine Angst, dafür aber ein furchtbar schlechtes Gewissen hätte.«

Alex fühlte sich erleichtert und belustigt zugleich. »Ich … ich habe da noch eine Idee, um deinen Nachmittag zu retten, Schatz«, fiel ihm schließlich ein.

»Und was wäre das für eine Idee?«

»Vielleicht ergeht es Mona ja gar nicht so viel anders als dir«, meinte Alex. »Möglicherweise wäre es das Beste, wenn ihr euch zusammentun und euch gemeinsam einen schönen Nachmittag machen würdet.«

Sinas Augen begannen zu leuchten. »Meinst du wirklich, dass Mona Lust hätte, heute Nachmittag mit mir …«

»Bestimmt«, versicherte Alex. »Ruf sie doch einfach an und frag sie.«

Sina angelte sich ihr Handy, das sie am Abend zuvor auf der Anrichte in der Küche liegengelassen hatte, und begann zu wählen, unterbrach sich aber mitten im Tippen der Rufnummer, als Alex eine abwehrende Handbewegung machte.

»Vielleicht solltest du mit dem Anruf noch ein Stündchen oder zwei warten. Mona schläft garantiert noch«, gab er zu bedenken. »Es ist schließlich erst …« Ein Blick auf die Küchenuhr ließ ihn mitten im Satz verstummen. Die Zeiger zeigten unbarmherzig zehn Minuten vor sechs an.

Niemals im Leben würde er es in zehn Minuten schaffen, sich anzuziehen, sein Motorrad startklar zu machen und zur Behnisch-Klinik zu fahren. Er würde unweigerlich wieder einmal zu spät kommen.

»Du hast recht«, stimmte Sina zu, deren Blick wie selbstverständlich Alex‘ Blick gefolgt war. Erst in diesem Moment wurde ihr bewusst, dass Alex eigentlich schon auf dem Parkplatz der Behnisch-Klinik oder, besser noch, vor dem Dienstzimmer der Oberschwester stehen sollte. Schuldbewusst senkte sie die Lider. »Tut mir leid, Alex«, sagte sie zerknirscht. »Tut mir wirklich leid, dass ich dich aufgehalten habe. Ich wollte nicht, dass du schon wieder unpünktlich bist und dir am Ende noch Ärger einhandelst. Ich habe überhaupt nicht mehr daran gedacht, dass du …«

»Schon gut. Kein Problem«, beschwichtigte Alex. »Sonntag ist zwar in einer so großen Klinik wie der Behnisch-Klinik ein Tag wie jeder andere, aber ich werde trotzdem versuchen, einen Ausnahmefall geltend zu machen. Immerhin bin ich freiwillig eingesprungen, weil mein Praktikantenkollege Gerhard, der eigentlich an diesem Wochenende Dienst hätte, unbedingt zu einer Familienfeier muss. Seine Schwester heiratet oder hat Geburtstag oder … ach, keine Ahnung. Jedenfalls war es Gerhard furchtbar wichtig, heute frei zu haben.«

»Klar. Wegen seiner Schwester und ihrer Familienfeier. Verstehe vollkommen«, kommentierte Sina mit spöttisch geschürzten Lippen. Alex hörte ihre Bemerkung allerdings gar nicht mehr, weil er bereits in seinem Zimmer verschwand, um sich endlich anzuziehen.

Keine fünf Minuten später tauchte er in Jeans, T-Shirt und Turnschuhen wieder auf und hastete, seinen Motorradhelm in der Hand, in Richtung Wohnungstür. »Tschüss Sina«, rief er, kehrte dann aber, einem plötzlichen Impuls folgend, um und betrat noch einmal die Küche, um Sina einen Abschiedskuss zu geben.

Sina schloss glückselig die Augen. »Tschüss Alex«, sagte sie schließlich. »Und pass bitte auf dich auf. Fahr nicht zu waghalsig. Versprichst du mir das?«

»Versprochen. Großes Ehrenwort«, lächelte Alex und hastete davon.

Als die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, griff Sina wieder nach ihrem Handy. Unschlüssig drehte sie es eine kleine Weile zwischen ihren Fingern hin und her und wählte dann kurz entschlossen Monas Nummer.

Später war vielleicht zu spät.

Womöglich schmiedete Mona dann bereits eigene Pläne für den Nachmittag.

*

»Natürlich ist der Zeitpunkt für meine Schwangerschaft nicht der günstigste«, seufzte Mona und streckte sich auf ihrer Liege aus. »Aber was solls. Es ist nun einmal, wie es ist. Und ich freue mich riesig auf das Baby.«

»Das kann ich verstehen«, antwortete Sina im Brustton der Überzeugung. Sie lehnte sich in ihrem Klappstuhl zurück, nippte an ihrer Cola und genoss die warmen Sonnenstrahlen.

Mona und sie hatten sich bei ihrem Telefonat am frühen Morgen spontan zu einem Badeausflug an die Isar entschlossen. Sie hatten, nachdem Mona in der Glockenbachstraße angekommen war, unter viel Geplapper und Gelächter alle erforderlichen Utensilien in Sinas Auto gepackt und waren losgefahren in Richtung Isarstrand.

Sie waren an Sinas Lieblingsbucht ein Stück durchs seichte Wasser gewatet und hatten es sich auf einer kleinen Kiesinsel gemütlich gemacht. Hinter sich in einiger Entfernung das Ufer mit den anderen, allmählich eintrudelnden Badegästen und vor sich den tieferen Arm des Flusses, dessen blaugrünes Wasser eilig dahinjagte und dabei immer wieder weiße Schaumkronen bildete.

Das Rauschen der Wellen vermischte sich mit dem Lärm der Badegäste zu einer monotonen Melodie, die eine wohltuend entspannende Wirkung entfaltete.

Sina dachte zwar hin und wieder an ihren Albtraum, aber er kam ihr inzwischen unwirklicher vor. Als sie Mona schließlich davon berichtete, musste sie fast schon über ihre Angst lachen.

Mona war froh darüber. »Du weißt ja, Sina, wie sehr ich mich am Anfang, kurz nachdem ich Bernd kennengelernt hatte, gegen seine Motorradleidenschaft zur Wehr gesetzt habe«, erinnerte sie die Freundin. »Ich habe mich mächtig ins Zeug gelegt, um ihm seine Motorradbegeisterung auszureden und sie ihm madig zu machen. Leider ohne dauerhaften Erfolg. Mit der Zeit habe ich mich dann notgedrungen damit abgefunden, einen Biker zum Partner zu haben.« Sie zuckte die Schultern. »Motorradfahren, Drachenfliegen … manche Dinge stehen in dem Ruf, besonders gefährlich zu sein. Aber im Grunde sind sie nicht gefährlicher als alles andere auch. Wenn das Schicksal es will, kann man genauso gut auf ebener Straße stolpern und sich das Genick brechen. Ich liebe Bernd und möchte deshalb keine Spaßbremse sein, die ihm die Lebensfreude vermiest.«

»Eine löbliche Einstellung«, stimmte Sina zu und wechselte dann abrupt das Thema. »Was ist eigentlich mit der Wohnung, die ihr euch angeschaut habt? Du hast gesagt, sie liegt ganz in der Nähe der Waldorf-Schule, an der du als Lehrerin arbeiten wirst. Und du fandest die Wohnung megaschön. Habt ihr inzwischen den Zuschlag bekommen?«

Mona stieß geräuschvoll die Luft aus. »Ich fand die Wohnung wirklich super. Ich habe sie in meiner Vorstellung bereits eingerichtet. Aber das hat sich inzwischen leider erübrigt.«