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Er kommt aus Gran Canaria und ist der Sohn von Dr. Daniel Nordens Cousin Michael und dessen spanischer Frau Sofia. Alexander kennt nur ein Ziel: Er will Arzt werden und in die riesigen Fußstapfen seines berühmten Onkels, des Chefarztes Dr. Daniel Norden, treten. Er will beweisen, welche Talente in ihm schlummern. Dr. Norden ist gern bereit, Alexanders Mentor zu sein, ihm zu helfen, ihn zu fördern. Alexander Norden ist ein charismatischer, unglaublich attraktiver junger Mann. Die Frauenherzen erobert er, manchmal auch unfreiwillig, im Sturm. Seine spannende Studentenzeit wird jede Leserin, jeden Leser begeistern! »Na, dann mal los!«, murmelte Alex vor sich hin, während er, seinen Motorradhelm in der einen und seine Lederjacke in der anderen Hand, vom Personalparkplatz der Behnisch-Klinik zur Eingangspforte lief. Er war nach Beendigung seiner Sanitätsschicht von der Rettungszentrale aus sofort in Richtung Behnisch-Klinik aufgebrochen, um hier seinen nächsten Dienst anzutreten. Trotzdem war die Zeit knapp. Bis zum Beginn seiner Praktikumsschicht blieb ihm gerade noch eine gute Viertelstunde, um seine Sachen in seinem Spind zu verstauen und sich einen Becher Kaffee aus der Cafeteria zu holen. Er winkte dem Krankenpfleger Chris und wenige Minuten später der jungen Lernschwester Emma zu, die, ebenfalls winkend, in entgegengesetzter Richtung an ihm vorbeieilten, um in ihren wohlverdienten Feierabend zu starten. Alex rieb sich die brennenden Augen. Er war müde. Fast beneidete er Chris und Emma ein wenig, wenn er es sich auch nicht eingestehen wollte. Führte er nicht genau das Leben, das er sich wünschte? Wie konnte er sich also derart ausgelaugt fühlen? Wahrscheinlich lag es daran, dass er während der Semesterferien vergessen hatte, wie es sich anfühlte, wenn der Alltag des Studiums mit seinen zahlreichen Vorlesungen und Seminaren mit dem Sanitätsdienst und dem Praktikum in Einklang gebracht werden musste. Ob sein Onkel Daniel doch Recht hatte mit seiner vehementen Weigerung, ihm nach dem Ende seiner Praktikumszeit zusätzlich eine Ausbildung zum Krankenpfleger zuzugestehen? In der Tat würde es, das Lernen für das Vorphysikum eingerechnet, ziemlich eng werden und … Alex blieb abrupt stehen, als er beim Betreten der Eingangshalle der Behnisch-Klinik das ein wenig schräg klingende Klimpern einer Gitarre vernahm. Er runzelte die Stirn. Das konnte doch wohl nicht sein! Was hatten Gitarrenklänge in der Behnisch-Klinik zu suchen? War er mittlerweile schon so müde, dass er halluzinierte? Verwirrt sah er sich um. Es dauerte nicht lange, bis er eine junge Frau entdeckte, die auf einem der Stühle an der Fensterfront vor der Cafeteria saß und in der Tat an einer Gitarre herumzupfte.
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Seitenzahl: 132
Veröffentlichungsjahr: 2022
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»Na, dann mal los!«, murmelte Alex vor sich hin, während er, seinen Motorradhelm in der einen und seine Lederjacke in der anderen Hand, vom Personalparkplatz der Behnisch-Klinik zur Eingangspforte lief. Er war nach Beendigung seiner Sanitätsschicht von der Rettungszentrale aus sofort in Richtung Behnisch-Klinik aufgebrochen, um hier seinen nächsten Dienst anzutreten. Trotzdem war die Zeit knapp. Bis zum Beginn seiner Praktikumsschicht blieb ihm gerade noch eine gute Viertelstunde, um seine Sachen in seinem Spind zu verstauen und sich einen Becher Kaffee aus der Cafeteria zu holen.
Er winkte dem Krankenpfleger Chris und wenige Minuten später der jungen Lernschwester Emma zu, die, ebenfalls winkend, in entgegengesetzter Richtung an ihm vorbeieilten, um in ihren wohlverdienten Feierabend zu starten.
Alex rieb sich die brennenden Augen.
Er war müde.
Fast beneidete er Chris und Emma ein wenig, wenn er es sich auch nicht eingestehen wollte. Führte er nicht genau das Leben, das er sich wünschte? Wie konnte er sich also derart ausgelaugt fühlen?
Wahrscheinlich lag es daran, dass er während der Semesterferien vergessen hatte, wie es sich anfühlte, wenn der Alltag des Studiums mit seinen zahlreichen Vorlesungen und Seminaren mit dem Sanitätsdienst und dem Praktikum in Einklang gebracht werden musste.
Ob sein Onkel Daniel doch Recht hatte mit seiner vehementen Weigerung, ihm nach dem Ende seiner Praktikumszeit zusätzlich eine Ausbildung zum Krankenpfleger zuzugestehen?
In der Tat würde es, das Lernen für das Vorphysikum eingerechnet, ziemlich eng werden und … Alex blieb abrupt stehen, als er beim Betreten der Eingangshalle der Behnisch-Klinik das ein wenig schräg klingende Klimpern einer Gitarre vernahm. Er runzelte die Stirn.
Das konnte doch wohl nicht sein!
Was hatten Gitarrenklänge in der Behnisch-Klinik zu suchen?
War er mittlerweile schon so müde, dass er halluzinierte?
Verwirrt sah er sich um.
Es dauerte nicht lange, bis er eine junge Frau entdeckte, die auf einem der Stühle an der Fensterfront vor der Cafeteria saß und in der Tat an einer Gitarre herumzupfte.
Sie trug eine graue Jogginghose, weiße Turnschuhe und ein dunkelblaues Kapuzenshirt und beugte sich so versunken über ihr Instrument, als würde die Welt um sie herum überhaupt nicht existieren.
Alex‘ Blicke saugten sich an der jungen Frau fest, ob er wollte oder nicht.
Ihre zarte Figur und ihr fein gezeichnetes Gesicht, das von schulterlangen rotblonden Kringellocken umrahmt war, standen, wie er fand, in krassem Gegensatz zu der betont leger-sportlichen Kleidung. Die junge Frau wirkte auf Alex ein bisschen wie eine Elfe, die ihr blumengemustertes, bodenlanges weißes Kleid versehentlich mit dem falschen Outfit vertauscht hatte.
Neugierig hörte Alex ihrem Gitarrenspiel zu.
Dabei stellte er fest, dass die Fingerfertigkeit, mit der sie die Saiten zupfte, beachtlich war und auf eine durchaus fortgeschrittene Spielerin schließen ließ. Während die junge Frau mit dem Daumen ihrer rechten Hand die Melodie von »Greensleeves« intonierte, hüllten die anderen Finger mit flinken Bewegungen die langsamen, etwas schwermütigen Tonfolgen in fluoreszierende Harmonien ein, die die linke Hand geschickt auf dem Griffbrett vorgab. Alex erkannte bald, dass das Spiel der jungen Frau ihm auf Anhieb nur deshalb ein bisschen seltsam vorgekommen war, weil die Lautstärkeabstufungen vor allem zwischen den Melodietönen nicht ganz exakt waren. Dadurch wurde das Fließen der Musik beeinträchtigt und bekam etwas leicht Abgehacktes.
Trotzdem lag in dem Spiel der rotblonden jungen Frau so viel Gefühl und so viel Inbrunst, dass es Alex unwillkürlich ans Herz rührte.
Ohne sich dessen bewusst zu werden, verharrte er an Ort und Stelle und lauschte weiter.
Als die junge Frau geendet hatte, lächelte sie verträumt, rückte ihre Gitarre zurecht und strich sich ihre lockigen Haare hinter die Schulter. Dabei stellte Alex zu seiner Verblüffung fest, dass sie ein Hörgerät trug.
Einen Moment lang war Alex versucht, die junge Frau anzusprechen, ließ es dann aber sein, da sie bereits wieder zu spielen begann. »You raise me up« war die nächste Melodie, an der sie sich versuchte. Sie spielte ohne Noten, aber es wirkte keineswegs, als hätte sie die Musikstücke auswendig gelernt. Stattdessen gewann Alex mehr und mehr den Eindruck, dass sie von vorneherein keiner Notenblätter bedurfte. Sie schien die Begleitformen ihrer Lieder komplett zu improvisieren. Und zwar mit scheinbar müheloser Leichtigkeit.
Alex‘ Erstaunen wuchs von Minute zu Minute.
Wie kam eine offenbar schwerhörige junge Frau auf die Idee, ausgerechnet am Musizieren Freude zu finden und es darin, soweit die Umstände es zuließen, sogar zu einer gewissen Meisterschaft zu bringen? Hätte sie gemalt oder Gedichte geschrieben, wäre Alex das nicht weiter verwunderlich erschienen. Aber wie war sie der Musik verfallen? Ausgerechnet der Musik?
Das nächste Stück, das die junge Frau intonierte, war kein Lied. Es schien Alex irgendetwas Klassisches zu sein, hatte aber einen leicht spanischen Einschlag.
Hatte er nicht etwas Ähnliches in seiner Kinderzeit …
»Sind Sie Frau Merle? Belinda Merle?«, drängte sich in diesem Moment eine kräftige, ziemlich dunkle Frauenstimme zwischen die perlenden Töne. Es fiel Alex nicht schwer, die Stimme einer der älteren Krankenschwestern der Behnisch-Klinik zuzuordnen.
Richtig stand die Schwester auch bereits in voller Größe vor ihm und Belinda.
Sie schaute Belinda auffordernd an, worauf diese nickte, das Gitarrenspiel abbrach und sich erhob.
»Die Gitarre können Sie auf keinen Fall mit ins Untersuchungszimmer nehmen, Frau Merle«, erklärte die Krankenschwester im nächsten Augenblick. Da sie offenbar befürchtete, nicht verstanden zu werden, unterstrich sie ihre Worte mit einer deutlich verneinenden Geste beider Hände und schüttelte dazu noch den Kopf.
Belinda Merle nickte wieder, wirkte aber unschlüssig.
Sie sah sich ein wenig hektisch nach einem Ort um, an dem sie ihre Gitarre sicher verwahren konnte, wobei ihre Blicke und Alex‘ Blicke sich trafen.
»Ich … ich könnte Ihre Gitarre in meinen Spind sperren, Frau Merle«, bot Alex spontan an. »Ich gebe Ihnen den Schlüssel. Dann können Sie das Instrument später, nach Ihrer Untersuchung …«
Alex verstummte unter dem skeptischen Blick der Krankenschwester, die, ohne lange zu fackeln, nach der Gitarre griff und sie Belinda Merle aus der Hand nahm.
»Ich bewahre die Gitarre für Sie auf, Frau Merle«, versprach sie. »Und jetzt begeben Sie sich bitte zu Ihrer Untersuchung. Es geht nicht an, dass Sie den Arzt warten lassen.« Wieder unterstrich die Krankenschwester ihre Worte sicherheitshalber mit einer Geste in Richtung Untersuchungszimmer.
Belinda Merle nickte ein weiteres Mal.
Mit eiligen Schritten folgte sie der ausgestreckten Hand der Krankenschwester, drehte sich aber nach ein paar Metern noch einmal um und lächelte Alex zu. Ihr Lächeln war so warmherzig, dass Alex es einfach erwidern musste.
Die Krankenschwester registrierte die stumme Kommunikation mit hochgezogenen Augenbrauen.
»Beginnt nicht in fünf Minuten Ihr Dienst, Alex?«, mahnte sie und setzte, als sie Alex‘ erschrockenes Gesicht sah, mit einem Augenzwinkern hinzu: »Ich hatte im Übrigen nicht die geringste Ahnung, dass Sie musikbegeistert sind. Wie schön für Sie. Musik ist bekanntlich die Sprache der Engel. Trotzdem sollten Sie die Oberschwester lieber nicht mehr allzu lange warten lassen.«
»Selbstverständlich nicht«, erwiderte Alex wie ein bei einer Missetat ertappter Schuljunge und machte sich unverzüglich auf den Weg zu seinem Spind.
Dabei hob er kurz die Nase, schnupperte sehnsüchtig den Kaffeegeruch aus der Cafeteria und seufzte bei dem Gedanken, dass er sich das belebende Getränk wohl bis zur nächsten Pause würde versagen müssen.
*
»Papierkörbe leeren«, maulte Alex. »Ich fasse es nicht: Papierkörbe leeren. Und das wegen einer klitzekleinen Verspätung von zehn Minuten. Damit hat sie sich selbst übertroffen. Diese Oberschwester steht, wenn sie weiß, dass ich Schicht habe, garantiert schon in aller Morgenfrühe mit der Stoppuhr da und misst auch noch die Nanosekunden bis zu meiner Ankunft.« Er verdrehte ärgerlich die Augen. »Und nach dem Leeren der Papierkörbe darf ich doch tatsächlich das Essen ausfahren. Welch unverdiente Ehre! Wahrscheinlich hat die liebe Oberschwester sogar allen Ernstes erwartet, dass ich ihr vor Dankbarkeit die Füße küsse, weil sie gnädig davon abgesehen hat, mich auch noch den Boden der Krankenzimmer schrubben zu lassen. Am besten auf den Knien.«
Mit zusammengepressten Lippen betrat Alex das erste Zimmer.
Seine schlechte Laune legte sich allerdings von einer Sekunde auf die andere, als die ältere der beiden Patientinnen, die sich das Zweibettzimmer teilten, ihm freundlich zulächelte. »Sie zu sehen, Alex, bringt Freude in die Tage, die ich im Krankenhaus verbringen muss«, sagte sie und griff nach seiner Hand. »Sie sind immer so nett zu mir. Das tut richtig gut. Man kann Sie sogar nach Dingen fragen, die man keinen der Ärzte fragen würde, weil man als normaler Mensch das medizinische Kauderwelsch, in dem sie ihre Erklärungen vorbringen, ohnehin nicht versteht. Von Ihnen, Alex, bekommt man dagegen immer eine Antwort, mit der man etwas anfangen kann. Obwohl Sie bestimmt genauso viel wissen wie die meisten der Ärzte hier, erklären Sie alles mit Geduld, in einfachen Worten und verständlich.«
»Dem kann ich nur zustimmen«, fügte die jüngere der beiden Bettnachbarinnen hinzu, noch ehe Alex etwas hätte sagen können. »Unseren Alex muss man einfach gernhaben.« Auch auf ihre Lippen trat ein Lächeln, und sie schaute Alex aus leuchtenden Augen an. »Wenn Sie auf dieser Abteilung eingeteilt sind, Alex, ist der Tag gerettet. Dann fühle ich mich hier wie im schönsten Luxushotel.«
Alex bedankte sich ziemlich verlegen für die Komplimente, während er den Inhalt der Papierkörbe in seinen Müllsack schüttete.
»Später bringe ich das Abendessen«, versprach er, als er mit dem Müll fertig war. »Und wenn Sie sonst noch etwas brauchen …«
»Melden wir uns bei Ihnen, Alex«, sagten die beiden Damen wie aus einem Munde.
Als Alex aus ihrem Krankenzimmer auf den Flur hinaustrat, war ihm leichter ums Herz. Mit einem Mal stand ihm wieder klar vor Augen, dass er durch seine Arbeit Menschen helfen konnte. Auch jetzt schon, obwohl er noch meilenweit vom Arztberuf entfernt war. Er konnte zum Mindesten für sie da sein. Und das war im Grunde doch etwas Wunderschönes. Etwas, das Sinn machte und wirklich zählte.
Während Alex, leise vor sich hin pfeifend, mit seinem riesigen Müllsack weitere Krankenzimmer abklapperte, fiel ihm plötzlich Belinda Merle wieder ein.
Er fragte sich, zu welcher Art von Untersuchung die junge Frau wohl in die Behnisch-Klinik gekommen war. Hing es mit ihrem Gehör zusammen? Immerhin war es doch sehr seltsam, dass sie in so jungen Jahren bereits ein Hörgerät tragen musste. Und warum hatte sie zu der Untersuchung eigentlich ihre Gitarre mitgenommen?
Wenn alle Menschen, die im Laufe des Tages in der Behnisch-Klinik auf einen Untersuchungstermin warteten, ihre Musikinstrumente mitschleppen und kräftig auf ihnen musizieren würden …
Alex lachte in sich hinein bei der Vorstellung dieses eigenartigen Orchesters und der kakofonen Klangwelt, die es zwangsläufig produzieren würde. Unwillkürlich dachte er an die Harry-Potter-Bücher, die er als Kind gelesen hatte, vor allem an den eigenwilligen Gesang bei den Schulfeiern in Hogwarts.
In seine launige Gedankenwelt versunken, merkte er erst nach einer Weile, dass er sachte, aber beständig am Ärmel seines Pflegerkittels gezupft wurde. Er zog spontan seinen Arm zurück und schaute mit gerunzelter Stirn in das Gesicht eines dunkelhäutigen kleinen Jungen von vielleicht sechs oder sieben Jahren. Das Kind trug einen hellblauen Schlafanzug, auf dessen Oberteil der Kopf eines Teddybären prangte und schaute ihn aus großen Augen zutraulich, aber auch irgendwie ängstlich an.
Unwillkürlich ging Alex in die Hocke, sodass er mit dem Jungen auf Augenhöhe war. »Wer bist denn du?«, fragte er. »Und was möchtest du von mir?«
Der Junge sagte eine Weile nichts, hielt seinen Blick aber weiterhin fest auf Alex geheftet. »Ich bin David«, erklärte er schließlich. »Weißt du, wo Onkel Jo ist?«
Alex machte ein ratloses Gesicht. »Onkel Jo?«, hakte er schließlich nach. »Leider kenne ich niemand, der so heißt. Wie sieht dein Onkel Jo denn aus?«
David dachte mit leicht zur Seite geneigtem Kopf angestrengt nach. »Onkel Jo hat ganz weiße Haut. Sogar weißer als du. So weiß wie die meisten hier. Und er ist richtig lieb. Deshalb will ich, dass er und ich immer zusammenbleiben. Onkel Jo muss mein neuer Papa werden. Ohne ihn gehe ich nicht mehr nach Hause zurück. Wenn Onkel Jo hierbleibt, bleibe ich auch hier. Und genau das will ich Onkel Jo sagen. Deshalb suche ich ihn. Aber ich kann ihn nirgends finden.«
Alex blies zischend die Luft durch die geschürzten Lippen. Er ging im Geiste die Liste der Pfleger und der Assistenz- und Oberärzte durch, konnte aber zu seinem Bedauern fürs Erste keinerlei Entsprechung zu Davids Beschreibung finden. Auch mithilfe der Namen klappte es nicht. Keiner aus der von Alex anvisierten Gruppe hieß Jo. Und auch nicht Johannes oder Joachim oder Josef.
»Onkel Jo ist groß«, fiel es David nach einer Weile ein. »Er ist ganz, ganz groß. Viel größer als du.«
Alex machte ein skeptisches Gesicht. Auch mit dieser Beschreibung konnte er nicht sonderlich viel anfangen.
»Hmm. Und warum bist du eigentlich hier in der Behnisch-Klinik? Solltest du im Übrigen nicht in deinem Krankenzimmer sein und in deinem Bettchen liegen?«, meinte er schließlich mit einem fragenden Blick auf Davids Schlafanzug.
Wieder dachte David nach.
Schließlich schüttelte er den Kopf. »Ich glaube nicht. Weil ich fast schon wieder gesund bin, weißt du.« David griff erneut nach dem Ärmel von Alex‘ Pflegerkittel. »Wie heißt eigentlich du?«
»Ich bin Alex.«
»Aha. Arbeitest du hier?«
Alex zögerte einen Moment. »Ja. Ja, so könnte man es nennen«, erwiderte er schließlich.
»Dann bist du ein Doktor«, schlussfolgerte der Kleine.
»Ich werde ein Doktor«, verbesserte Alex ihn. »Aber das dauert noch ein bisschen. Erst wenn du groß und stark und fast erwachsen bist, werde ich ein Doktor sein.«
»Ich möchte sehr, sehr gerne ganz groß und stark und erwachsen sein. Wie lange ist ein bisschen?«
»Na, sagen wir mal ein paar Jährchen«, antwortete Alex.
»So lange? Echt jetzt?«
»Echt jetzt.«
David seufzte, dann zuckte er die Schultern und machte ein altkluges Gesicht. »Auch okay«, erklärte er. »Ich kann warten. Mit Onkel Jo als Papa ist das Warten auf das Erwachsenwerden im Grunde nicht weiter schlimm.«
Alex konnte das Grinsen nicht mehr unterdrücken.
»Na, dann ist es ja gut«, meinte er. »Ich mache dir einen Vorschlag, David: Du gehst jetzt wieder schön in dein Krankenzimmer und bleibst dort. Währenddessen versuche ich, deinen Onkel Jo ausfindig zu machen. Und wenn ich ihn entdeckt habe, sage ich ihm, dass du unbedingt mit ihm reden musst, und schicke ihn zu dir. Machen wir das so? Ja?«
David verhoffte einen Moment, dann schüttelte er langsam den Kopf.
»Das mit dem Krankenzimmer geht nicht«, wehrte er ab. »Ich weiß nämlich nicht mehr, wo mein Krankenzimmer ist.«
Alex fuhr sich mit den Fingern durch seine kurz geschnittenen dunklen Locken, dann schob er kurz entschlossen den Müllsack zur Seite, damit er nicht im Weg stand. »Das ist kein Problem«, sagte er und zwinkerte David zu. »Ich bringe dich jetzt zur Kinderstation, und dort fragen wir eine der Krankenschwestern, wo dein Zimmer ist.«
»Und die Krankenschwester weiß das?«
»Garantiert«, versprach Alex.
David nickte und schob seine Hand vertrauensvoll in Alex‘ Hand. Gemeinsam marschierten sie Richtung Aufzug, wo Alex den kleinen Jungen hochhob und ihm den Knopf für das Stockwerk der Kinderstation zeigte, damit er ihn selbst drücken konnte. Stolz presste David die Spitze seines Zeigefingers gegen den Knopf und beobachtete gespannt, was weiter geschah.
Endlich kam der Aufzug an. Die Tür ging auf – und Alex stand zu seiner Überraschung vor seinem Onkel Daniel, der soeben im Begriff war, den Lift zu verlassen.
»Nanu?«, wunderte sich Dr. Norden und ließ seine Blicke fragend zwischen Alex und David hin und her wandern. Alex erklärte Dr. Norden kurz, was es mit David auf sich hatte, und betrat dann, David immer noch auf dem Arm, den Aufzug. Der Junge hatte inzwischen seine Ärmchen um Alex‘ Hals gelegt und schmiegte seinen Kopf, offenbar erschöpft von seiner Suche nach Onkel Jo, an Alex‘ Brust.
Dr. Norden betrachtete das idyllische Bild mit einem Lächeln.
»Gut. Dann bring David jetzt in sein Krankenzimmer, Alex. Aber lass dir nicht zu lange Zeit. Ich warte hier nämlich auf dich«, erklärte Dr. Norden, ehe sich die Tür des Lifts schloss. Unwillkürlich machte sich in Alex‘ Magengrube ein flaues Gefühl breit.
