Eine schwere Entscheidung - Carolin Grahl - E-Book

Eine schwere Entscheidung E-Book

Carolin Grahl

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Beschreibung

Jenny Behnisch, die Leiterin der gleichnamigen Klinik, kann einfach nicht mehr. Sie weiß, dass nur einer berufen ist, die Klinik in Zukunft mit seinem umfassenden, exzellenten Wissen zu lenken: Dr. Daniel Norden! So kommt eine neue große Herausforderung auf den sympathischen, begnadeten Mediziner zu. Das Gute an dieser neuen Entwicklung: Dr. Nordens eigene, bestens etablierte Praxis kann ab sofort Sohn Dr. Danny Norden in Eigenregie weiterführen. Die Familie Norden startet in eine neue Epoche! »Ich kann nichts dafür. Ich kann wirklich nichts dafür. Ich trage keinerlei Schuld an dem Unfall. Der Mann ist mir vor meine Harley gekippt. Einfach so. Ohne Vorwarnung. Ich habe eine Vollbremsung hingelegt, bei der ich gestürzt bin. Sogar meine Maschine wurde beschädigt. Und Sie … Sie behandeln mich, als wäre ich ein Schwerverbrecher.« Der Biker strich sachte, beinahe liebevoll über die leicht deformierte Handlebar seiner schwarz lackierten Harley Davidson, als wäre das Motorrad ein lebendiges Wesen, das es zu trösten galt. Dann wandte er sich wieder mit mürrischem Gesicht dem Polizeibeamten zu, der sich, die Hände in die Hüften gestemmt, vor ihm aufbaute und ihn mit misstrauischen Blicken musterte. »Haben Sie getrunken?«, fragte der Polizist streng. »Ja, Wasser«, antwortete der Motorradfahrer mit spöttisch verzogenen Mundwinkeln. »Werden Sie, nach allem, was Sie angerichtet haben, nicht auch noch frech«, wies der Polizeibeamte den Biker zurecht und warf demonstrativ einen Blick auf die Sanitäter, die sich um das auf dem Asphalt liegende Unfallopfer, einen jungen Mann von schätzungsweise 30 Jahren, kümmerten. Neben dem verunfallten Mann lagen zwei Krücken, die der Rettungsassistent soeben aufhob und in den Sanitätswagen verfrachtete, während das Unfallopfer auf eine Bahre gehoben wurde. Das rechte Bein des jungen Mannes steckte in einer Schiene. Sowohl am Unterschenkel als auch am Oberschenkel breiteten sich auf dem hellblauen Jeansstoff bedenkliche dunkelrote Blutflecken aus.

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Seitenzahl: 126

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Chefarzt Dr. Norden – 1257 –Eine schwere Entscheidung

Unveröffentlichter Roman

Carolin Grahl

»Ich kann nichts dafür. Ich kann wirklich nichts dafür. Ich trage keinerlei Schuld an dem Unfall. Der Mann ist mir vor meine Harley gekippt. Einfach so. Ohne Vorwarnung. Ich habe eine Vollbremsung hingelegt, bei der ich gestürzt bin. Sogar meine Maschine wurde beschädigt. Und Sie … Sie behandeln mich, als wäre ich ein Schwerverbrecher.« Der Biker strich sachte, beinahe liebevoll über die leicht deformierte Handlebar seiner schwarz lackierten Harley Davidson, als wäre das Motorrad ein lebendiges Wesen, das es zu trösten galt. Dann wandte er sich wieder mit mürrischem Gesicht dem Polizeibeamten zu, der sich, die Hände in die Hüften gestemmt, vor ihm aufbaute und ihn mit misstrauischen Blicken musterte.

»Haben Sie getrunken?«, fragte der Polizist streng.

»Ja, Wasser«, antwortete der Motorradfahrer mit spöttisch verzogenen Mundwinkeln.

»Werden Sie, nach allem, was Sie angerichtet haben, nicht auch noch frech«, wies der Polizeibeamte den Biker zurecht und warf demonstrativ einen Blick auf die Sanitäter, die sich um das auf dem Asphalt liegende Unfallopfer, einen jungen Mann von schätzungsweise 30 Jahren, kümmerten.

Neben dem verunfallten Mann lagen zwei Krücken, die der Rettungsassistent soeben aufhob und in den Sanitätswagen verfrachtete, während das Unfallopfer auf eine Bahre gehoben wurde.

Das rechte Bein des jungen Mannes steckte in einer Schiene. Sowohl am Unterschenkel als auch am Oberschenkel breiteten sich auf dem hellblauen Jeansstoff bedenkliche dunkelrote Blutflecken aus. Auch die Haare des Unfallopfers waren von Blut verklebt und verschmiert. Es quoll aus einer Platzwunde am Hinterkopf. Einer der Sanitäter hatte die Wunde provisorisch mit Verbandsmull abgedeckt, aber das Blut war bereits im Begriff, den Verband zu durchtränken.

Trotz seiner misslichen Lage richtete sich der verletzte junge Mann, während die Sanitäter ihn zum Rettungswagen trugen, auf und versuchte, seinen Kopf dem Polizisten und dem Biker zuzuwenden. »Der Unfall geht wirklich auf mein Konto«, presste er schwer atmend hervor. »Ich wollte die Straße überqueren. Dabei bin ich vom Bordstein abgeglitten und …« Er brach ab und presste die Lippen aufeinander, weil eine Welle von Kopfschmerz ihn überfiel.

Indessen wurde er in den Rettungswagen gehoben, die Tür schloss sich hinter ihm, und mit eingeschaltetem Blaulicht begann die Fahrt ins Krankenhaus.

Der Verletzte lag ruhig und mit geschlossenen Augen, bis die Infusion, die der Rettungssanitäter ihm legte, Wirkung zeigte, und der Schmerz abebbte.

Schließlich öffnete der Patient die Augen wieder und musterte verwirrt den Rettungssanitäter, der sich über ihn beugte. Er war sich sicher, ihn schon einmal irgendwo gesehen zu haben. Die tiefblauen Augen und auch die Gesichtszüge des Sanitäters kamen ihm seltsam bekannt vor.

»Wohin bringen Sie mich?«, fragte er den offensichtlich noch sehr jungen Mann.

»In die Behnisch-Klinik«, war die Antwort.

»Behnisch-Klinik«, wiederholte der Verletzte. »Wieder einmal die Behnisch-Klinik. Die kenne ich leider nur allzu gut.«

Unwillkürlich schweiften seine Gedanken ab.

Etwas mehr als zwei Jahre war es nun her, seit er nach seinem Autounfall in die Behnisch-Klinik eingeliefert worden war.

Vielleicht kam ihm der Sanitäter mit den meerblauen Augen so bekannt vor, weil er auch damals von ihm erstversorgt worden war. Obwohl das Gesicht, mit dem er seine Erinnerung verband, älter gewesen war. Und die Haare waren dunkelblond gewesen, nicht rabenschwarz.

Oder täuschte er sich?

Mit einem leisen Seufzer schloss der Verletzte erneut die Augen.

Der Autounfall hatte sein ganzes Leben zum Schlechteren verändert. Oder, besser gesagt, er hatte sein Leben zerstört.

Er selbst war damals am Steuer gesessen. Und Lena, seine Lebensgefährtin, auf dem Beifahrersitz.

Sie waren nach einer Klettertour in den Garmischer Alpen auf dem Rückweg nach München gewesen. Erschöpft, aber zufrieden und glücklich. Der Zugspitzklettersteig über das Höllental war eine echte Herausforderung gewesen, aber sowohl er selbst als auch Lena hatten sportliche Herausforderungen jeder Art geliebt.

Und nun war er von einem lächerlichen Bordstein gestürzt, weil …

»Sind die Kopfschmerzen und die Schmerzen in Ihrem Bein inzwischen erträglich?«, riss der Rettungssanitäter den Verletzten aus seinen Gedanken.

»Danke, ja. Die Kopfschmerzen sind viel schwächer geworden. Ich spüre sie eigentlich kaum noch. Allerdings fühlt sich mein Kopf an, als wäre er mit Nebel oder mit Watte gefüllt.«

»Das ist zumindest zum Teil durch die Schmerzmittel bedingt. Und wie geht es Ihrem Bein, Herr …«

»König. Hans-Jochen König«, antwortete der Verletzte. »Was im Übrigen mein Bein betrifft, ist es völlig schmerzunempfindlich. Auch ohne Medikamente. Ich kann mein rechtes Bein nicht bewegen. Es ist gelähmt. Deshalb die Krücken. Und ich habe auch kein Gefühl und kein Schmerzempfinden in meinem rechten Bein. Es ist völlig taub. Von der Bewegungseinschränkung, die es mir verursacht, einmal abgesehen, ist es praktisch nicht vorhanden.«

Eine Weile herrschte Schweigen, dann ergriff Hans-Jochen erneut das Wort. »Es tut mir leid für den Motorradfahrer«, sagte er. »Der Asphalt war noch nass von den heftigen Regengüssen am frühen Morgen. Deshalb bin ich, als ich die Straße überqueren wollte, ausgeglitten und vom Bürgersteig auf die Fahrbahn gekippt. Das konnte der Biker nun wirklich nicht voraussehen.«

»Vielleicht nicht. Andererseits hätte er, wenn er halbwegs aufmerksam gewesen wäre, Ihre Krücken sehen und entsprechend vorsichtig sein müssen.«

Auf Hans-Jochens Miene zeigte sich ein Zug von Verbitterung. »Das ist natürlich auch wieder wahr. Auf einen Krüppel muss man schließlich Rücksicht nehmen.«

»Nur weil man mit Krücken gehen muss, ist man kein … Schwerbehinderter. Auch wenn die Bewegungseinschränkung natürlich mit Sicherheit ein gewisses Problem darstellt.«

»Ein gewisses Problem darstellt.« Hans-Jochens Lachen klang so laut und meckernd, wie es angesichts seines angeschlagenen körperlichen Zustands kaum zu erwarten gewesen wäre. »Sind Sie schon einmal mit einem lahmen Bein und mit Krücken gelaufen, junger Mann?«

»Nein, aber ich …«

»Dann können Sie auch nicht wissen, wie es sich anfühlt«, erklärte Hans Jochen barsch. Er wollte noch etwas hinzufügen, aber in diesem Moment hielt der Krankenwagen bereits vor der Notaufnahme der Behnisch-Klinik. Die Tür wurde geöffnet, und die Trage mit Hans-Jochen König herausgehoben.

Mit einem Laut des Unmuts richtete Hans-Jochen seine Blicke auf die Behnisch-Klinik, die ihm, wie er mit einem flauen Gefühl in der Magengegend feststellte, noch in sehr vertrauter Erinnerung war.

»Keine negativen Gedanken, Hans-Jochen. Schlimmer als es schon ist, kann es schließlich nicht mehr werden. Vielleicht hast du ja diesmal mehr Glück«, murmelte er vor sich hin, als wollte er sich selbst Mut zusprechen.

Sagte man nicht, dass es keine Zufälle gab? Und dass alles, was passierte, einen tieferen Sinn hatte?

Hans-Jochen hoffte es.

Und wenn es denn wirklich stimmte, hatte der lächerliche Sturz auf die Straße ja vielleicht auch sein Gutes. Vielleicht leitete er eine Wende ein, und bessere Tage standen in den Startlöchern. Tage ohne diese verdammten Krücken. Tage, an denen er wieder ein halbwegs normales Leben führen konnte.

*

Hans-Jochen beobachtete den Notarzt, wie er vorsichtig den Stoff der Jeans aufschnitt, um das Bein freizulegen.

Nein, das war nicht der Notarzt, der ihn vor zwei Jahren versorgt hatte. Das war nicht dieser … dieser zynische Typ mit seinen durchdringend blickenden blauen Augen und seinem Dreitagebart. Der Arzt, der ihn diesmal behandelte, war nicht nur um einiges jünger, sondern wirkte auch freundlicher und zugänglicher.

»Ich bin Dr. Ganschow«, stellte der junge Arzt sich im selben Augenblick vor, als hätte er Hans-Jochens Gedanken erraten. »Ich vertrete zurzeit Herrn Dr. Berger.«

Hans-Jochen nickte und schwieg.

Vertretung also. Und richtig - der Arzt, der ihn vor zwei Jahren hier in der Notaufnahme behandelt hatte, hatte Dr. Berger geheißen. Der Name war ihm entfallen gewesen, aber nun, da er ihn wieder gehört hatte …

Wie auch immer, er vermisste diesen Dr. Berger nicht.

Dr. Ganschow war ihm um Längen sympathischer.

Und was die fachliche Kompetenz anbetraf, schien er Dr. Berger zumindest in nichts nachzustehen. Er arbeitete, wie Hans-Jochen feststellte, sehr ruhig und konzentriert. Mit ebenso geschickten wie vorsichtigen Händen untersuchte er die Wunden an Hans-Jochens rechtem Bein und die Platzwunde am Kopf, säuberte und desinfizierte sie.

»Sie hatten Glück im Unglück, Herr König«, stellte er schließlich klar. »Ihre Verletzungen sind nicht gravierend. Ginge es nur um die Verletzungen, könnte ich Sie sofort in die ambulante Behandlung entlassen. Allerdings besteht auch ein Verdacht auf Gehirnerschütterung. Ich schicke Sie deshalb sicherheitshalber zu unserem Neurologen, Herrn Dr. Groß, in die CT und weise Sie ein paar Tage stationär zur Beobachtung ein.«

»Wenn es denn unbedingt sein muss …«

»Ja, es muss leider sein. Gibt es jemanden, den wir für Sie verständigen sollen?«

Hans-Jochen zögerte kurz mit der Antwort.

Er dachte an Ellie, seine Nachbarin. Sie klingelte hin und wieder an seiner Wohnungstür und bot ihm ihre Hilfe an. Manchmal, wenn sie gekocht hatte, brachte sie ihm auch eine Portion Essen. Oder sie lud ihn, da sie beide krimibegeistert waren, zu einem gemeinsamen Fernsehabend ein. Tatort, Wilsberg, Polizeiruf …

Sollte er Ellies Namen angeben?

»Es gibt niemanden, der verständigt werden müsste«, hörte Hans-Jochen sich sagen, noch ehe er weiter hätte nachdenken können. »Ich lebe allein. Ich bin Single.«

»Gut. Dann melde ich Sie jetzt in der Neurologie an«, bemerkte Dr. Ganschow. »Und nach den Untersuchungen bringt Schwester Inga Sie auf Ihr Krankenzimmer.« Er blätterte kurz in der Patientenakte, die Schwester Inga ihm reichte. »Sie hatten vor zwei Jahren einen Unfall, Herr König, bei dem ihr rechtes Bein schwer verletzt und hier in der Behnisch-Klinik operativ versorgt wurde?«

Hans-Jochen nickte.

»Dr. Erdmann war damals der leitende Chirurg«, stellte Dr. Ganschow fest.

»Ja, Dr. Erdmann«, antwortete Hans-Jochen einsilbig.

»Ein großartiger Arzt« sagte Dr. Ganschow voller Anerkennung, während er weiter in der Krankenakte stöberte. »Dr. Erdmann hat, was Ihr Bein betrifft, wirklich exzellente Arbeit geleistet. Angesichts der Schwere Ihrer damaligen Verletzungen hätten sich die meisten Chirurgen entschlossen, Ihr Bein zu amputieren. Dr. Erdmann hat, indem er es geschafft hat, Ihnen Ihr Bein zu erhalten, fast so etwas wie ein Wunder gewirkt.«

»Wunder hin oder her. Vielleicht wäre eine Amputation trotz allem der bessere Weg gewesen«, erwiderte Hans-Jochen mürrisch, was ihm einen entsetzten und tadelnden Blick sowohl von Dr. Ganschow als auch von Schwester Inga einbrachte.

Hans-Jochen ignorierte den Blick.

Er entsann sich noch ganz genau, dass der Klinikchef, Dr. Norden, bei seiner Entlassung damals vor zwei Jahren ganz ähnliche Worte gebraucht hatte.

Er, Hans-Jochen, hatte sich sowohl bei Dr. Norden als auch bei Dr. Erdmann beinahe überschwänglich bedankt, hatte er doch allen Ernstes geglaubt, dass die Rettung seines Beins nur ein Vorteil für ihn sein konnte. Er hatte sich beim besten Willen nicht vorstellen können, wie schwer er es mit dem steifen, gefühllosen Bein haben würde. Wo war seine Lebensfreude geblieben?

Die Ärzte hatten ihm nach seiner damaligen Entlassung aus der Behnisch-Klinik Physiotherapie verordnet, die er allerdings schon nach wenigen Sitzungen abgebrochen hatte. Er hatte einfach keinen Sinn darin gesehen, irgendwelche lächerlichen Übungen zu absolvieren, die die für immer geschädigten Nerven, Sehnen und Muskeln seines Beins schließlich nicht wiederherstellen konnten.

Mehr und mehr hatte er angefangen, sein gelähmtes Bein zu hassen. Und daran hatte sich seither nichts geändert. Er hasste es nach wie vor und er würde es immer hassen. Bis zu seinem letzten Atemzug.

Oder bis er es endlich los war.

»Eine Amputation wäre die falsche Entscheidung gewesen. Dr. Erdmann hat das Richtige getan«, verteidigte Dr. Ganschow seinen Kollegen. »Allerdings muss ich zugeben, dass es manchen – auch jungen - Patienten unerwartet schwerfällt, sich an Gehhilfen zu gewöhnen. Diese Patienten brauchen leider etwas länger, um sich mit den neuen Gegebenheiten anzufreunden. Wenn sie es aber erst einmal geschafft haben, sind sie erleichtert, von den schwerwiegenden Folgen einer Amputation verschont geblieben zu sein. Früher oder später wird es Ihnen genauso ergehen, Herr König. Da bin ich mir ziemlich sicher.«

Hans-Jochen schwieg.

Er sah keinen Sinn dahinter, Dr. Ganschow zu widersprechen. Zum einen hackte, wie schon das Sprichwort besagte, keine Krähe der anderen ein Auge aus. Ärztekollegen würden sich immer gegenseitig loben. Egal was geschah, würden sie weder sich selbst noch anderen eingestehen, eine falsche Entscheidung getroffen zu haben.

Was im Grunde ja auch verständlich war.

Schließlich mussten Ärzte ihre Entscheidungen rasch fällen und konnten am Operationstisch nicht des Langen und Breiten sämtliche Für und Wider abwägen.

»Vielleicht sollten Sie es, wenn Ihr Bein von den Verletzungen des neuerlichen Unfalls geheilt ist, noch einmal mit Physiotherapie versuchen, Herr König«, schlug Dr. Ganschow vor und unterbrach damit Hans-Jochens Gedankenkarussell.

Hans-Jochen winkte ab. »Ich denke, auch der beste Physiotherapeut kann mein Bein nicht wieder in den Zustand vor meinem Autounfall versetzen«, widersprach er. »Ein gelähmtes Bein wird nun einmal nicht wieder beweglich. Egal wie viele Übungen man absolviert.«

»Das ist einerseits natürlich richtig«, stimmte Dr. Ganschow zu. »Aber andererseits geht es in Ihrem und in allen ähnlich gelagerten Fällen nicht in erster Linie darum, durch Physiotherapie eine Verbesserung der Beweglichkeit zu erreichen. Das Ziel der Behandlung ist ein völlig anderes, nämlich den Umgang mit den Gehhilfen zu verbessern und sich so an sie zu gewöhnen, dass ihr Gebrauch zur Selbstverständlichkeit wird und keine Probleme mehr verursacht.« Dr. Ganschow machte eine kleine Pause, um Hans-Jochen Gelegenheit zu geben, sich zu äußern. Hans-Jochen zog es jedoch auch diesmal vor zu schweigen, sodass schließlich Dr. Ganschow wieder das Wort ergriff. »Im Übrigen dauert es nach einer Amputation ebenfalls eine geraume Weile, bis der Patient sich an die Prothese und an den Umgang mit ihr gewöhnt hat. Und mir sind durchaus Patienten bekannt, die ihre Prothese zeitlebens als Fremdkörper empfinden. Vielleicht denken Sie einmal darüber nach, Herr König.«

Hans-Jochen zuckte die Schultern.

Er ließ sich, wenn auch widerwillig, von Dr. Ganschow und Schwester Inga in den Rollstuhl helfen, den Schwester Inga geholt hatte, um ihn damit zu Dr. Groß auf die Neurologie und anschließend in sein Krankenzimmer zu bringen.

Wahrscheinlich wäre es noch schlimmer, querschnittgelähmt und für den Rest seines Lebens an einen Rollstuhl gefesselt zu sein, überlegte Hans-Jochen. Im Vergleich dazu waren Krücken mit Sicherheit das entschieden kleinere Übel.

Aber andererseits – gab es nicht sogar Rollstuhlfahrer, die bei großen Sportveranstaltungen mitmachten? Oder täuschte er sich da? Hans-Jochen war sich nicht sicher, aber es war ihm im Grunde seines Herzens auch egal.

Nicht nur die Olympischen Spiele, an denen er vor seinem Autounfall immer hatte teilnehmen wollen, waren ihm dauerhaft verschlossen, sondern sogar ihr Pendant für Menschen mit körperlichen Behinderungen. Mit Krücken würde er nie und nimmer daran teilnehmen können.

Von seinem heiß geliebten Beruf als Sportlehrer, den er ebenfalls hatte an den Nagel hängen müssen, ganz zu schweigen.

Manchmal konnte Hans-Jochen einfach nicht anders als sich zu fragen, wozu er überhaupt noch am Leben war.

*

»Alles in bester Ordnung, Herr König«, sagte Dr. Groß. »Keine Gehirnblutung, keine Gehirnschwellung. Sie haben lediglich eine leichte Gehirnerschütterung, die nach ein paar Tagen Bettruhe völlig auskuriert sein wird. Glückwunsch. Sie hatten Glück im Unglück.«

»Na, dann.« Hans-Jochen versuchte ein Lächeln, aber es wollte ihm nicht so recht gelingen. »Und trotzdem darf ich die Klinik nicht verlassen? Ich meine, Bettruhe könnte ich schließlich auch zu Hause einhalten.«

»Sie müssen einen Tag und eine Nacht, also komplette 24 Stunden zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben«, beharrte Dr. Groß. »Einfach um auf Nummer sicher zu gehen. Machen Sie das Beste daraus. Ruhen Sie sich ein wenig aus und genießen sie es so gut wie möglich, dem Alltagsstress für eine Weile zu entkommen.«

»Ich werde mir Mühe geben«, lenkte Hans-Jochen ein, lachte aber, als Dr. Groß das Krankenzimmer verlassen hatte, unwillkürlich bitter auf.

Alltagsstress?

Gab es für ihn eigentlich so etwas wie Alltagsstress?

Seit nunmehr zwei Jahren war er fast durchgehend arbeitslos. Natürlich versuchten die Mitarbeiter des Arbeitsamts beharrlich, ihn zu vermitteln, aber seine Arbeitsverhältnisse waren nie von langer Dauer.