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Er kommt aus Gran Canaria und ist der Sohn von Dr. Daniel Nordens Cousin Michael und dessen spanischer Frau Sofia. Alexander kennt nur ein Ziel: Er will Arzt werden und in die riesigen Fußstapfen seines berühmten Onkels, des Chefarztes Dr. Daniel Norden, treten. Er will beweisen, welche Talente in ihm schlummern. Dr. Norden ist gern bereit, Alexanders Mentor zu sein, ihm zu helfen, ihn zu fördern. Alexander Norden ist ein charismatischer, unglaublich attraktiver junger Mann. Die Frauenherzen erobert er, manchmal auch unfreiwillig, im Sturm. Seine spannende Studentenzeit wird jede Leserin, jeden Leser begeistern! Blauer Himmel, strahlender Sonnenschein, saftig grüne Wiesen voller Löwenzahn, Margeriten und Butterblumen, dazu blühende Bäume und am Horizont die noch schneebedeckten Gipfel der Berge … schöner konnte ein Frühlingstag im Voralpenland nicht sein! Wie berauscht vor Glück fuhr Alex Richtung Ammersee, wo er sich ein erstes Bad in den kühlen Fluten und dann in einem der am Ufer gelegenen Biergärten eine urige bayerische Brotzeit gönnen wollte. Dass Sina an diesem Samstagmorgen keine Lust gehabt hatte, ihn zu begleiten, bedauerte er zwar, wirklich trüben konnte es seine Freude jedoch nicht. Sina war nun einmal kein Motorradfan, und der Gedanke, nur mit einem Helm auf dem Kopf und ganz ohne schützende Blechummantelung an ihn geklammert durch die Gegend zu brausen, jagte ihr eher Angst als Begeisterung ein. Sie hätte das zwar niemals zugegeben und hatte deshalb behauptet, für ihre Klausuren lernen zu müssen und nur aus diesem Grund keine Zeit zu haben, doch Alex kannte Sina mittlerweile gut genug, um ihre wahren Motive zu durchschauen. Sie hatte es einfach nicht geschafft, ihre Bedenken über Bord zu werfen. Auch nicht ihm zuliebe. Alex gab Gas und legte sich in die Kurve. Er bremste und beschleunigte, wiederholte den Vorgang noch ein paar Mal, nahm die nächste Kurve ein wenig schneller und drückte, als sich endlich eine längere gerade Strecke abzeichnete, auf die Tube, was das Zeug hielt. Die Maschine ging ab wie eine Rakete. Unwillkürlich entfuhr Alex ein Jubelruf. Das Motorrad war wirklich große Klasse, Bernd hatte nicht zu viel versprochen! Wenn die Probefahrt weiter so hervorragend lief, würde er es auf alle Fälle kaufen! Immerhin war es fast neu und gerade einmal schlappe 500 Kilometer gefahren. Und günstig war es obendrein! Alex lachte in sich hinein, als ihm bewusst wurde, wie wenig er bis jetzt verinnerlicht hatte, dass der Kostenpunkt diesmal ausnahmsweise keine Rolle spielte. Eigentlich hätte er sich nicht einmal für ein gebrauchtes Motorrad entscheiden müssen. Anneliese Wenzel, die nicht müde wurde, ihn als ihren Lebensretter zu preisen, hätte ihm aus Dankbarkeit bestimmt auch eine komplett neue BMW oder irgendetwas in der Art gekauft. Geld war für die reiche ältere Dame schließlich kein Thema. Für sie bedeutete der Kauf eines Motorrads nicht viel mehr, als wenn er selbst sich eine Pizza vom Lieferdienst leistete.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
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Blauer Himmel, strahlender Sonnenschein, saftig grüne Wiesen voller Löwenzahn, Margeriten und Butterblumen, dazu blühende Bäume und am Horizont die noch schneebedeckten Gipfel der Berge … schöner konnte ein Frühlingstag im Voralpenland nicht sein!
Wie berauscht vor Glück fuhr Alex Richtung Ammersee, wo er sich ein erstes Bad in den kühlen Fluten und dann in einem der am Ufer gelegenen Biergärten eine urige bayerische Brotzeit gönnen wollte.
Dass Sina an diesem Samstagmorgen keine Lust gehabt hatte, ihn zu begleiten, bedauerte er zwar, wirklich trüben konnte es seine Freude jedoch nicht.
Sina war nun einmal kein Motorradfan, und der Gedanke, nur mit einem Helm auf dem Kopf und ganz ohne schützende Blechummantelung an ihn geklammert durch die Gegend zu brausen, jagte ihr eher Angst als Begeisterung ein. Sie hätte das zwar niemals zugegeben und hatte deshalb behauptet, für ihre Klausuren lernen zu müssen und nur aus diesem Grund keine Zeit zu haben, doch Alex kannte Sina mittlerweile gut genug, um ihre wahren Motive zu durchschauen.
Sie hatte es einfach nicht geschafft, ihre Bedenken über Bord zu werfen.
Auch nicht ihm zuliebe.
Alex gab Gas und legte sich in die Kurve. Er bremste und beschleunigte, wiederholte den Vorgang noch ein paar Mal, nahm die nächste Kurve ein wenig schneller und drückte, als sich endlich eine längere gerade Strecke abzeichnete, auf die Tube, was das Zeug hielt.
Die Maschine ging ab wie eine Rakete.
Unwillkürlich entfuhr Alex ein Jubelruf.
Das Motorrad war wirklich große Klasse, Bernd hatte nicht zu viel versprochen! Wenn die Probefahrt weiter so hervorragend lief, würde er es auf alle Fälle kaufen!
Immerhin war es fast neu und gerade einmal schlappe 500 Kilometer gefahren. Und günstig war es obendrein!
Alex lachte in sich hinein, als ihm bewusst wurde, wie wenig er bis jetzt verinnerlicht hatte, dass der Kostenpunkt diesmal ausnahmsweise keine Rolle spielte.
Eigentlich hätte er sich nicht einmal für ein gebrauchtes Motorrad entscheiden müssen.
Anneliese Wenzel, die nicht müde wurde, ihn als ihren Lebensretter zu preisen, hätte ihm aus Dankbarkeit bestimmt auch eine komplett neue BMW oder irgendetwas in der Art gekauft. Geld war für die reiche ältere Dame schließlich kein Thema. Für sie bedeutete der Kauf eines Motorrads nicht viel mehr, als wenn er selbst sich eine Pizza vom Lieferdienst leistete.
Alex setzte zu einem Überholmanöver an und bedauerte ein bisschen, dass das geringe Verkehrsaufkommen ihm kaum Gelegenheit bot, anderen Verkehrsteilnehmern zu zeigen, was in dem Motorrad steckte, das schon bald ihm gehören würde.
Dabei hätte er doch am liebsten der ganzen Welt mitgeteilt, dass er der Glückspilz des Jahres war!
Bestimmt gab es außer ihm auf der ganzen Welt keinen einzigen Medizinstudenten im ersten Semester, der im Zuge seines Krankenpflegepraktikums als Lebensretter gefeiert und mit einem Motorrad belohnt wurde!
Sobald er den Kaufvertrag für das Motorrad unterschrieben hatte, würde er, wie er es versprochen hatte, als erstes zu Anneliese Wenzel fahren und ihr einen Besuch abstatten.
Er würde ihr das Motorrad zeigen, das sie ihm finanziert hatte, und ihr bei dieser Gelegenheit natürlich eine ihrer heißgeliebten Pralinenschachteln mitbringen. Vielleicht gelang es ihm sogar, zusätzlich eine Flasche lieblichen spanischen Wein oder Sherry aufzutreiben, um Frau Wenzel die Freude, die sie ihm mit dem Motorrad gemacht hatte, noch reichlicher zu vergelten!
Und wenn er in den Sommer-Semesterferien mit seinem Motorrad nach Spanien fuhr, würde er viele Fotos machen und für Anneliese Wenzel ein Fotobuch gestalten, in dem sie die Orte, an denen sie mit ihrem verstorbenen Mann glücklich gewesen war, wiedersehen konnte!
Er würde …
Das Warndreieck knapp hinter der nächsten Kurve riss Alex abrupt aus seinen Träumereien.
Er bremste so stark, dass das Motorrad ins Schlingern geriet und er allergrößte Mühe hatte, es abzufangen.
Als er es geschafft hatte und erst einmal aufatmete, wurde er, noch ehe er richtig wusste, wie ihm geschah, sofort von zwei Damen mittleren Alters in Beschlag genommen.
»Ein ganz schrecklicher Unfall, sehen Sie nur«, sagte die jüngere von ihnen, eine füllige Brünette mit einem Kurzhaarschnitt und langen, baumelnden Ohrringen. »Es … es ist so entsetzlich. Meine Schwester und ich … wir wollten in unserem Oldtimer-Benz einen netten Mädelsausflug machen. Wir haben uns gefreut, dass so wenig Verkehr war. Ausnahmsweise einmal kein Stau und somit auch keine Drängler, die einen mit ihren waghalsigen Überholmanövern nervös machen! Stattdessen haben Inge und ich uns super unterhalten, viel gelacht und im Autoradio Schlager aus den Achtzigern gehört und mitgesungen. Vor uns war nur dieses schicke knallrote Cabriolet. Die Fahrerin hatte wunderschöne blonde Locken, die im Wind geflattert sind. Inge und ich … wir haben uns ausgemalt, dass sie vielleicht eine Popsängerin oder ein Filmstar sein könnte, und haben zum Spaß ein bisschen herumgerätselt. Aber dann … dann tauchte plötzlich die schwarze Limousine auf. Sie kam uns mit einem irrsinnig hohen Tempo entgegen. Trotzdem dachten wir zunächst nichts Böses, bis sie plötzlich den Mittelstreifen überfahren hat und auf uns zugesteuert kam. Ohne das Tempo zu drosseln. Sie hat das Cabriolet frontal erwischt. Meine Schwester hat vor Schreck geschrien wie eine Wahnsinnige! Ich … ich bin am Steuer unseres Oldies gesessen und habe natürlich sofort eine Vollbremsung hingelegt. Dabei muss ich allerdings das Steuer zu kräftig herumgerissen haben, und wir sind in der Wiese gelandet. Vielleicht sogar zum Glück, denn sonst wären wir höchstwahrscheinlich auf die beiden verkeilten Autos aufgefahren und …«
»Gibt es Verletzte? Haben Sie einen Krankenwagen verständigt? Und die Polizei?«, unterbrach Alex die Brünette. »Haben Sie erste Hilfe geleistet?«
»Krankenwagen und Polizei haben wir gerufen«, versicherte die andere der Schwestern, der große Tränen aus den kräftig geschminkten Augen kullerten und dunkle Rinnsale auf ihren Wangen hinterließen. »Erste Hilfe wollten wir natürlich auch leisten, aber ich fürchte, für den Fahrer der Limousine … kommt jede Hilfe zu spät. Und die Blondine im Cabriolet … scheint schwer verletzt zu sein. Wir wissen nicht, was wir mit ihr tun sollen. Schließlich wollen wir nichts falsch machen. Sie ist ein ganz junges Mädchen, ein Teenager … ein halbes Kind noch. Hat bestimmt erst seit ein paar Tagen den Führerschein und wollte mit Papas Auto …«
Alex zögerte noch einen Moment, weil die beiden Schwestern ihm leidtaten, dann schob er sie jedoch energisch zur Seite und eilte auf die Unfallstelle zu.
Erst jetzt realisierte er, dass das vor ihm liegende Straßenstück aussah, als hätte eine Schlacht stattgefunden. Glasscherben von gesplitterten Autofenstern und Wrackteile lagen auf dem Asphalt verstreut. Die beiden Unfallfahrzeuge waren nur noch ineinander verkeilte Blechknäuel.
Bei ihrem Anblick fiel es Alex nicht schwer, das Entsetzen der Schwestern, die offenbar die einzigen Augenzeugen des Unfalls waren, nachzuvollziehen.
Auch ihm schnürte das Bild, das sich ihm zeigte, die Kehle zu, und er fühlte einen Moment lang Übelkeit in sich aufsteigen.
Sobald er sich wieder in der Gewalt hatte, warf er einen Blick in die schwarze Limousine oder, besser gesagt, in das, was von ihr noch übrig war.
Die Airbags hatten sich ordnungsgemäß aufgeblasen, doch das Leben des Mannes, der in den frühen Sechzigern sein mochte, hatten sie anscheinend nicht retten können. Seltsam verrenkt hing der Kopf des Unfallfahrers zur Seite und ließ nichts Gutes ahnen.
Alex streckte seine Hand durch das zerborstene Seitenfenster und legte seine Finger auf die Halsschlagader des Mannes.
Was die ältere der beiden Schwestern vermutet hatte, bestätigte sich: Es war kein Puls zu fühlen. Der Mann war tot, und Alex konnte ihm nur noch die vor Entsetzen geweiteten Augen schließen.
Dann warf er einen Blick in das Cabriolet und fürchtete einen Moment lang, sein Herzschlag würde aussetzen.
Die Fahrerin atmete zwar, war aber in der Tat lebensgefährlich verletzt.
Ihre blonden Locken waren blutrot gefärbt und von geronnenem Blut verklebt, und auch das Gesicht der wirklich sehr kindlich anmutenden Frau war blutüberströmt.
Es war einfach entsetzlich.
Auf ihrer Stirn und auf ihren Wangen klafften zahlreiche Schnittwunden, die von herumfliegenden Splittern und von den Blechteilen des Wracks herrührten, in dem die junge Frau eingeklemmt war.
Als Alex sich ihr näherte und ihr signalisierte, dass er ihr helfen wollte, brachte sie als Antwort nur ein schmerzerfülltes Stöhnen zustande.
Da Alex befürchtete, dass sie möglicherweise außer den Schnittwunden auch noch innere Verletzungen oder Wirbelsäulenverletzungen davongetragen hatte, beschloss er, sie so wenig wie möglich und nur mit äußerster Vorsicht zu bewegen.
In aller Eile holte er sich den unter dem Rücksitz seines Motorrads verstauten Erste-Hilfe-Koffer und begann, die Schnittwunden der jungen Frau notdürftig zu versorgen.
Zu seiner Erleichterung stellte er fest, dass seine Hände so ruhig und sicher agierten, als wüssten sie instinktiv, was zu tun war.
Dennoch war Alex froh, als er endlich das Martinshorn des Sanitätswagens hörte.
Wenige Minuten später standen die Rettungskräfte neben ihm und dem Unfallauto.
Mit raschen, geübten Blicken prüfte der Notarzt, was Alex an Erstversorgung geleistet hatte. »Alle Achtung«, meinte er. »War da am Ende gar ein junger Kollege am Werk?«
Alex wurde rot, und mit einem Mal brach sich seine ganze Aufregung in einer grenzenlosen Unsicherheit Bahn. »Ich … nein, ich bin kein Kollege. Oder jedenfalls noch lange nicht«, stammelte er. »Ich studiere zwar Medizin, befinde mich aber im ersten Semester. Und als Rettungssanitäter bin ich ebenfalls erst am Anfang meiner Ausbildung.«
Der Notarzt und auch die beiden Rettungssanitäter zeigten sich nur umso stärker beeindruckt.
»Das hätte ich als voll ausgebildeter Arzt nicht besser machen können«, erklärte der Notarzt anerkennend. »Dass im Gesicht der jungen Frau Narben zurückbleiben, wird sich nicht vermeiden lassen. Aber Sie haben den Schaden so gering wie möglich gehalten, junger Mann. Das muss Ihnen erst einmal jemand gleichtun.«
Der Notarzt wandte sich an die beiden Rettungssanitäter. »Jetzt ist es an uns, das Unfallopfer möglichst vorsichtig aus dem Wrack zu befreien. Dass mein junger Kollege in dieser Hinsicht keinen Versuch unternommen hat, kann ich ebenfalls nur loben. Es war eine sehr umsichtige Entscheidung.«
Alex schluckte und beobachtete mit Anspannung, wie die junge Frau aus ihrer misslichen Lage befreit und auf die rasch herbeigeholte Trage gelegt wurde.
Ihre Schmerzenslaute gingen ihm nahe, und er war jedes Mal erleichtert, als sie für kurze Zeit das Bewusstsein verlor.
Endlich wurde sie in den Sanitätswagen gehoben.
Ehe der Notarzt ebenfalls einstieg, um sich um die Patientin zu kümmern, wandte er sich noch einmal an Alex. »Und Sie heißen?«, fragte er.
»Ich bin Alex. Alexander Norden«, antwortete Alex.
»Norden? Ein Sohn des berühmten Daniel Norden von der Behnisch-Klinik?«, hakte der Notarzt nach, wobei seine Frage eher wie eine Feststellung klang. »Dann wundert mich allerdings gar nichts mehr.«
Alex öffnete den Mund, um den Irrtum hinsichtlich seines Verwandtschaftsgrads aufzuklären, kam aber nicht mehr dazu. Die Tür des Sanitätswagens schloss sich, und das Gefährt brauste mit Blaulicht und Martinshorn davon.
Wie betäubt ging Alex zu seinem Motorrad, wo er sofort wieder von den beiden Schwestern umringt wurde.
»Die Polizei muss auch gleich da sein«, meinte die Brünette. »Wären Sie so nett, mit uns zu warten und uns dabei zu helfen, unsere Aussagen zu Protokoll zu geben?«
»Ich … ich fürchte, ich verstehe nicht ganz, was Sie meinen«, hielt Alex dagegen. »Ich habe doch im Grunde nichts gesehen und kann deshalb auch nicht sagen, wie der Unfall passiert ist. Alles, was ich weiß, habe ich von Ihnen gehört.«
Er verstaute sein Erste-Hilfe-Köfferchen wieder unter dem Rücksitz des Motorrads, als neues Martinshorngeheul die Ankunft der Polizei ankündigte.
»Sie dürfen uns jetzt nicht allein lassen«, bettelte die Brünette, während sie sich mit einem fragenden Blick der Zustimmung ihrer Schwester versicherte, die eifrig nickte.
Alex zuckte die Schultern. »Wie Sie meinen«, gab er, immer noch etwas widerstrebend, zurück, blieb aber.
Geduldig wartete er, bis die Schwestern in aller Umständlichkeit dem Polizeibeamten, der zu ihnen trat, den Unfallhergang geschildert und alle Fragen beantwortet hatten. Dabei sah er aus dem Augenwinkel einem weiteren Beamten zu, der nach und nach die Grüppchen von Schaulustigen auflöste, die sich inzwischen gebildet hatten, und dafür sorgte, dass bis zur vollständigen Räumung der Unfallstelle der Verkehr umgeleitet wurde.
Nach Ende der Protokollaufnahme bedankten sich die Schwestern so überschwänglich bei Alex, dass er schließlich gar nicht anders konnte, als gemeinsam mit ihnen auszuharren, bis auch noch ihr Oldtimer aus der Wiese gezogen und abgeschleppt war und beide in einem Taxi saßen, das sie nach Hause brachte.
Schließlich fuhr Alex ebenfalls zurück Richtung München.
Die Lust auf einen Nachmittag am Ammersee war ihm gründlich vergangen, und die Probefahrt, die er so sehr genossen hatte, war ihm inzwischen vergällt.
Immer wieder kreisten seine Gedanken um die junge Frau im Cabriolet, die, so wie es aussah, für den Rest ihres Lebens durch den Unfall gezeichnet sein würde.
Und auch an den Unfallfahrer musste Alex wieder und wieder denken. Der entsetzte Ausdruck, der noch im Tod auf seinem Gesicht gelegen hatte, ging ihm nicht mehr aus dem Sinn.
Was waren seine letzten Gedanken gewesen?
Warum war er überhaupt auf die Gegenfahrbahn gekommen?
Alex war sehr nachdenklich gestimmt, als er das Motorrad wieder bei Bernds Freund in dessen kleiner Werkstatt einstellte und auf dem Fahrrad in seine Wohnung am Glockenbach zurückkehrte.
Was den Abschluss des Kaufvertrags betraf, hatte er sich noch etwas Bedenkzeit ausgebeten. Er war sich mit einem Mal nicht mehr sicher, ob er den Kauf wirklich tätigen oder doch lieber noch eine Weile damit warten sollte.
*
»Ossa carpi – die Handwurzelknochen: Os Scaphonideum – Kahnbein, Os Lunare – Mondbein, Os Triquetrum – dreieckiges Bein …« Alex stieß geräuschvoll die Luft aus und stützte seinen Kopf in seine Hände.
Er versuchte, die lateinischen Bezeichnungen zu wiederholen, ohne ins Lehrbuch zu schauen, doch es wollte ihm einfach nicht fehlerlos gelingen.
Stattdessen tauchte vor seinem geistigen Auge wieder einmal die Unfallstelle mit dem toten Unfallfahrer und der blutüberströmten jungen Frau auf.
Er hätte nur zu gerne gewusst, wie schwer verletzt sie war und was aus ihr geworden war.
Wie würde sie es verkraften, mit entstellenden Narben im Gesicht zu leben?
Hatte sie Angehörige, die ihr beistanden?
Und falls sie einen Freund hatte – hielt er zu ihr, oder würde er sie verlassen?
Energisch riss Alex sich von seinen Gedanken los.
Sie führten zu nichts.
Er konnte der jungen Frau nicht helfen, so gerne er es auch getan hätte.
Er musste sich stattdessen lieber auf seine eigenen Angelegenheiten konzentrieren.
Er musste für seine Klausuren lernen, um sie mit gutem Erfolg zu absolvieren.
Und er musste daneben auch noch Zeit finden, die Laborergebnisse aus Professor Herrenbachs Forschungsprojekt auszulesen und auszuwerten. Es war eine mühevolle und langweilige Kleinarbeit, aber nachdem Professor Herrenbach ihn, aus welchen Gründen auch immer, doch noch in seine Forschungsgruppe aufgenommen hatte, wollte er die ihm gestellte Aufgabe nach bestem Wissen und Gewissen erfüllen.
So schwer es ihm auch fiel.
Wenn es nur irgendein Tool gäbe, mit dem sich das Verarbeiten der Laborergebnisse leichter und schneller erledigen ließe!
Beim letzten Zusammentreffen der Gruppe hatte er Professor Herrenbach nach einem brauchbaren Hilfsmittel gefragt, hatte sich aber nur einen verächtlichen Blick des Professors, ein Kopfschütteln von Britt »Oberstreberin« Gäbel und ein Grinsen von Peter »Schickimicki« Flohr eingefangen.
Alex seufzte und widmete sich wieder seinem Anatomielehrbuch.
Nach einer Weile griff er in die Schublade seines Schreibtischs, um einen Pack Karteikarten herauszuholen.
Wenn er die wichtigsten anatomischen Begriffe verzettelte, würde er möglicherweise mehr Kontrolle über sein Wissen und seinen Lernerfolg gewinnen. Zwar war die Methode recht altmodisch, und bestimmt hatten sogar Daniel und Fee sie schon genutzt, aber das betrachtete Alex eher als einen Beweis für ihre Effizienz.
Sofort begann er eifrig zu schreiben.
Er hatte schon einen ganzen Stapel ausgefüllter Karteikarten vor sich liegen, als ihn mit einem Mal eine bleierne Müdigkeit übermannte. Die Nachtschichten des Krankenpflegepraktikums und etliche nächtliche Einsätze als Rettungsassistent machten sich langsam, aber sicher bemerkbar.
Unwillkürlich wanderten Alex’ Blicke zu seinem Sofa.
Er hätte sich liebend gern ein Viertelstündchen aufs Ohr gelegt, entschied sich aber dagegen. Nach mehreren fast schlaflosen Nächten würde es mit einem Viertelstündchen nicht getan sein. Wenn er sich erst einmal hingelegt hatte, würde er mit ziemlicher Sicherheit sofort in einen bleiernen Tiefschlaf versinken und erst nach mehreren Stunden wieder aufwachen.
Da war ein starker Kaffee die zwar ungesündere, dafür aber weniger zeitaufwändige Wahl.
Alex stand auf und ging zur Küche, um die Kaffeemaschine in Betrieb zu nehmen, doch als er die Tür öffnete, strömte ihm zu seiner Überraschung bereits ein Schwall betörenden Kaffeedufts entgegen.
Am Küchenbüffet stand Sina.
Sie gähnte geräuschvoll und griff nach ihrem Kaffeebecher.
