Familie in Not - Carolin Grahl - E-Book

Familie in Not E-Book

Carolin Grahl

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Beschreibung

Jenny Behnisch, die Leiterin der gleichnamigen Klinik, kann einfach nicht mehr. Sie weiß, dass nur einer berufen ist, die Klinik in Zukunft mit seinem umfassenden, exzellenten Wissen zu lenken: Dr. Daniel Norden! So kommt eine neue große Herausforderung auf den sympathischen, begnadeten Mediziner zu. Das Gute an dieser neuen Entwicklung: Dr. Nordens eigene, bestens etablierte Praxis kann ab sofort Sohn Dr. Danny Norden in Eigenregie weiterführen. Die Familie Norden startet in eine neue Epoche! »Ich brauche … zwei große Kohlrabi, und dann noch Karotten und Erbsen.« Fee warf einen weiteren Blick auf ihren Einkaufszettel. »Ach ja, Bohnen bekomme ich auch noch. Und einen kleinen Blumenkohl.« Sie zuckte die Schultern. »Wir haben eine Familienfeier, zu der auch meine Tochter Desi kommt. Sie ist Veganerin. Da muss ich wohl wieder einmal meine Kochkünste in puncto Gemüse ausprobieren.« Fee lächelte dem jungen Mann, der an diesem Tag anstelle der freundlichen Biobäuerin Mia Wörner an Fees Lieblings-Gemüsestand auf dem Viktualienmarkt bediente, zu, doch er lächelte nicht zurück. Er machte im Gegenteil ein ausgesprochen mürrisches Gesicht und warf das Gemüse so heftig in Fees Einkaufskorb, als wäre ihm jedes einzelne Stück von Herzen zuwider. »Und Äpfel. 2 kg Äpfel möchte ich auch noch«, fügte Fee hinzu. »Und zwar von dieser wunderbaren alten Sorte, die Sie auf Ihrem Biohof kultivieren. ›Prinz Albrecht‹ heißt die Sorte, hat Ihre Frau gesagt. Sie schmecken einfach fantastisch. Ihr Aroma ist mit dem der neuen Sorten gar nicht zu vergleichen.« Auch Fees Lob für seine Äpfel heiterte den jungen Mann nicht auf. »Ich weiß nicht, ob noch welche da sind«, sagte er nur und begann in den unter dem Stand aufgestapelten Kisten zu wühlen.

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Seitenzahl: 131

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Chefarzt Dr. Norden – 1267 –Familie in Not

Unveröffentlichter Roman

Carolin Grahl

»Ich brauche … zwei große Kohlrabi, und dann noch Karotten und Erbsen.« Fee warf einen weiteren Blick auf ihren Einkaufszettel. »Ach ja, Bohnen bekomme ich auch noch. Und einen kleinen Blumenkohl.« Sie zuckte die Schultern. »Wir haben eine Familienfeier, zu der auch meine Tochter Desi kommt. Sie ist Veganerin. Da muss ich wohl wieder einmal meine Kochkünste in puncto Gemüse ausprobieren.«

Fee lächelte dem jungen Mann, der an diesem Tag anstelle der freundlichen Biobäuerin Mia Wörner an Fees Lieblings-Gemüsestand auf dem Viktualienmarkt bediente, zu, doch er lächelte nicht zurück. Er machte im Gegenteil ein ausgesprochen mürrisches Gesicht und warf das Gemüse so heftig in Fees Einkaufskorb, als wäre ihm jedes einzelne Stück von Herzen zuwider.

»Und Äpfel. 2 kg Äpfel möchte ich auch noch«, fügte Fee hinzu. »Und zwar von dieser wunderbaren alten Sorte, die Sie auf Ihrem Biohof kultivieren. ›Prinz Albrecht‹ heißt die Sorte, hat Ihre Frau gesagt. Sie schmecken einfach fantastisch. Ihr Aroma ist mit dem der neuen Sorten gar nicht zu vergleichen.«

Auch Fees Lob für seine Äpfel heiterte den jungen Mann nicht auf. »Ich weiß nicht, ob noch welche da sind«, sagte er nur und begann in den unter dem Stand aufgestapelten Kisten zu wühlen.

»Aua, verdammter Mist«, entfuhr es ihm plötzlich. »Das war ein Nagel.« Er erhob sich, wobei seine Miene schmerzverzerrt und noch missmutiger war, während er an seinem blutenden Mittelfinger saugte.

»Ich bin Ärztin«, sagte Fee. »Lassen Sie mich mal sehen.«

Widerstrebend hielt der Mann Fee seinen Mittelfinger hin.

»Der Riss ist nicht weiter schlimm«, erklärte Fee erleichtert. »Er geht gottlob nicht tief. Trotzdem muss er desinfiziert werden, damit sich möglicherweise eingedrungene Keime nicht ausbreiten können.« Sie öffnete ihre Handtasche und holte ein Desinfektionsmittel heraus, das sie auf die Wunde sprühte. Dann nahm sie ein Pflaster und klebte es über den Riss. »Damit die Wunde geschützt ist«, sagte sie.

»Danke«, stieß der Mann nun hervor.

Er bückte sich wieder zu den Kisten unter dem Stand. »Also ›Prinz Albrecht‹ haben wir noch. Wie viel sagten Sie doch gleich?«

»2 kg«, wiederholte Fee. »Ihre Frau hat mir erzählt, Sie hätten erst vor ein paar Jahren wieder mit den alten Obstsorten angefangen. Eine wunderbare Idee, diese Sorten wieder zu kultivieren.«

»Nicht ich habe damit angefangen, sondern Mia. Nach dem Tod unseres Vaters, als wir sozusagen den Hof geerbt haben. Mia hat lauter so verrückte Sachen im Kopf. Der Hof ist ihre Leidenschaft.«

»Den Eindruck, dass Ihre Frau den Hof mit Herzblut betreibt, habe ich auch gewonnen«, erwiderte Fee.

»Mia ist doch nicht meine Frau«, gab der junge Mann nun beinahe entsetzt zurück. »Mia ist meine Schwester.«

Unwillkürlich musterte Fee den jungen Mann und stellte nun in der Tat gewisse Ähnlichkeiten fest. Sie waren ihr offenbar nur deshalb nicht sofort aufgefallen, weil der Gesichtsausdruck des jungen Mannes im Gegensatz zu dem seiner freundlichen Schwester so verschlossen und abweisend war.

»Hätte ich allein und unabhängig entscheiden dürfen, hätte ich nach dem Tod unseres Vaters den Hof sofort verkauft«, redete der junge Mann weiter. »Aber für Mia kam das natürlich auf gar keinen Fall infrage. Und ich … ich habe nachgegeben. Weil ich Mia trotz allem ein bisschen verstehen konnte. Abgesehen von ihrer Begeisterung für die biologische Landwirtschaft war der Hof für sie so etwas wie ein Refugium, das ich ihr letztendlich nicht rauben wollte.«

»Ein Refugium?«, lächelte Fee verwundert.

»Mia hat ein behindertes Kind«, antwortete der junge Mann, während er Fees Äpfel in eine Plastiktüte verpackte, sie mit einem Knoten verschnürte und ihr reichte. »Die kleine Lilly ist Autistin. Ihretwegen hat Mias Mann sich scheiden lassen, und ich kann es ihm nicht verdenken. Die dauernden Wutanfälle der Kleinen sind auch für mich eine ungeheure nervliche Belastung. Dazu noch die Arbeit auf dem Hof – Rackern vom Morgen bis zum Abend.«

Fee nickte. »Dass der Hof eine Menge Arbeit macht, kann ich mir vorstellen. Und ein behindertes Kind … einfach ist das alles sicher nicht.«

»Das dürfen Sie laut sagen«, bestätigte der junge Mann. »Ich bin übrigens Horst«, setzte er schließlich mit einem schiefen Grinsen hinzu, fast als hätte er plötzlich Vertrauen zu Fee gefasst.

Unwillkürlich musterte Fee ihn erneut, wobei ihr seine blutleeren, fast bläulichen Lippen auffielen und seine blasse Haut. Auf seiner Stirn standen Schweißperlen.

Fee fragte sich spontan, ob Horst krank war und hätte ihm am liebsten geraten, in die Behnisch-Klinik zu kommen und sich gründlich untersuchen zu lassen, wollte ihm aber nicht zu nahetreten.

Wenn er an einer Herzkrankheit litt, wäre es andererseits natürlich wichtig …

»Meine und Mias Mutter lebt noch«, unterbrach Horst Fees Gedanken. »Aber sie war nach Vaters Tod leider nicht mehr fähig, eine Entscheidung über den Hof zu treffen. Sie ist dement und wohnt in einem Altersheim. Mia würde sie natürlich am liebsten auf den Hof holen, aber wenigstens in diesem Punkt habe ich mich durchgesetzt. Die kleine Lilly genügt mir vollkommen. Wenn ich mir vorstelle, dass unter unserem Dach auch noch eine demente Frau leben würde …« Horst schüttelte entschieden den Kopf. »Dann wäre das Irrenhaus komplett. Besser tot als so ein Leben.«

Fee erschrak.

Horsts letzter Satz hatte so entschlossen und düster geklungen, dass sie sich unwillkürlich fragte, ob der junge Mann möglicherweise suizidgefährdet war. War er wirklich so verzweifelt über seine Situation, dass er ernsthaft überlegte, allem ein Ende zu setzen?

»Vergessen Sie am besten, was ich gerade eben gesagt habe«, korrigierte er sich im nächsten Moment jedoch und winkte ab. »Aber so, wie mein Leben jetzt läuft, habe ich es mir weiß Gott nie vorgestellt. Nur hat man manchmal eben leider keine Wahl. Ich hätte es nie und nimmer fertiggebracht, Mia mit ihrem behinderten Kind allein zu lassen. Ein Honigschlecken ist es allerdings nicht, de facto mit meiner Schwester verheiratet zu sein und obendrein ein autistisches Kind zu haben.«

Fee wusste nicht so recht, was sie dazu sagen sollte. Eigentlich musste sie Horst recht geben, aber wenn sie andererseits an Mia mit ihrem sonnigen Gemüt dachte …

Ein wenig verlegen betrachtete sie ihr Gemüse. »Sieht großartig aus. Dann werde ich mal mein Glück mit der veganen Küche versuchen«, meinte sie.

»Wenn Sie einmal zusätzliche Rezepte brauchen, wenden Sie sich am besten an meine Schwester«, erwiderte Horst. »Sie ist eine Expertin, was vegane Küche betrifft. Fleisch kommt zu meinem Leidwesen bei uns so gut wie gar nicht auf den Tisch. Dafür Gemüse in allen Variationen.«

»Gemüse kann aber durchaus lecker sein«, hielt Fee dagegen.

Horst verdrehte die Augen, sagte aber nichts.

Als Fee sich verabschiedet hatte und noch ein bisschen den Viktualienmarkt durchstreifte, ging ihr Horst Wörner nicht mehr aus dem Kopf.

Gab es da möglicherweise eine Liebe, die er geopfert hatte, um für seine Schwester und deren behindertes Kind da sein zu können? Verstärkte der Gedanke an diese verlorene Liebe die Unzufriedenheit mit seinem Leben?

Wieder einmal wurde Fee in aller Deutlichkeit bewusst, welch großes Glück ihr doch beschieden war: Sie hatte einen Mann, den sie über alles liebte, einen Beruf, der sie erfüllte, und eine wunderbare Familie.

Konnte man vom Leben mehr erwarten?

*

»Ich lasse Dir innerhalb der nächsten Viertelstunde ein Kind in die Pädiatrie bringen, das bei einem Traktorunfall verletzt wurde, Feelein«, sagte Dr. Norden. »Die Kleine wurde soeben in der Notaufnahme erstversorgt.«

»Geht in Ordnung. Ich werde mich um das Kind kümmern. Aber du hättest nicht persönlich kommen müssen, um mir meine neue kleine Patientin anzukündigen. Ich weiß doch, wie sehr du in der Notaufnahme immer unter Zeitdruck stehst«, erwiderte Fee mit einem liebevollen Blick in Daniels blaue Augen. »Oder gibt es, was die Kleine betrifft, noch irgendetwas Besonderes, das du mir mitteilen möchtest oder musst?«

»Dass ich ganz einfach Sehnsucht nach dir bekommen habe und dich sehen wollte, kannst du dir wohl überhaupt nicht vorstellen?«, gab Dr. Norden zurück.

»Schmeichler«, konterte Fee. »Und was ist der wirkliche Grund?«

»Die Umstände sind, was das kleine Mädchen betrifft, etwas schwierig. Ich wollte, dass du darauf gefasst bist.«

»Schwierig?«, wunderte sich Fee. »Inwiefern schwierig?«

»Zum einen ist das kleine Mädchen Autistin. Du wirst sie also am besten in einem Einzelzimmer unterbringen, um Ärger und Probleme zu vermeiden. Und zum anderen weicht die Mutter nicht von der Seite der Kleinen. Sie ist nämlich felsenfest davon überzeugt, dass das Kind Opfer eines Mordanschlags geworden ist.«

»Wie bitte?«

»Du hast richtig gehört. Der Traktorunfall war in ihren Augen ein Mordanschlag, den ihr Bruder auf die kleine Lilly verübt hat.«

»Aber das …« Plötzlich klingelten in Fees Kopf sämtliche Alarmglocken. »Das Kind heißt also Lilly?«, vergewisserte sie sich. »Und die Mutter … heißt nicht zufällig Mia Wörner?«

»Woher weißt du, dass sie Mia Wörner heißt?«, erkundigte sich Daniel Norden. »Bist du seit Neuestem etwa auch noch hellsichtig?«

Fee schüttelte den Kopf. »Mit Sicherheit nicht. Aber der Stand am Viktualienmarkt, an dem ich unser Gemüse und unsere Äpfel kaufe, besonders wenn ich für Desi vegan kochen muss …«

Weiter kam sie nicht, denn genau in diesem Moment wurde von mehreren Krankenschwestern ein fahrendes Bett in ihre Station geschoben, auf dem ein kleines Mädchen lag.

»Ist sie das?«, wandte Fee sich an Daniel Norden.

Daniel nickte. »Ja, das ist sie. Und die Mutter folgt auf den Fuß.«

Prompt erschien, kaum dass Daniel seinen Satz vollendet hatte, Mia Wörner auf der Bildfläche. Sie hastete hinter dem fahrbaren Bett her, ihre Augen voller Besorgnis auf ihre Tochter gerichtet. Sie schien außer der Kleinen überhaupt nichts wahrzunehmen.

»Ist die kleine Patientin schwer verletzt?«, erkundigte Fee sich rasch.

Dr. Norden schüttelte den Kopf. »Nein. Sie hat gottlob nur leichtere Verletzungen erlitten.«

»Und … und die Sache mit dem angeblichen Mordanschlag?«

»Ist meines Erachtens ziemlicher Unsinn«, antwortete Daniel Norden. »Aber diese Frau Wörner ist dermaßen außer sich, dass ihr wohl fürs Erste jedes klare Urteilsvermögen abhandengekommen ist. Ich hoffe, du kannst sie beruhigen Fee.«

»Ich werde mein Möglichstes tun«, versprach Fee, verabschiedete sich von Daniel mit einem Kuss und lief dann dem fahrbaren Bett hinterher.

Nachdem sie den Krankenschwestern ein geeignetes Zimmer für Lilly angewiesen hatte, wandte sie sich an Mia Wörner. »Wir kennen uns doch?«, sprach Fee die junge Frau an.

Mia Wörner warf Fee einen verständnislosen Blick zu.

»Vom Viktualienmarkt« ergänzte Fee.

Erst jetzt musterte Mia Fee genauer. »Stimmt«, sagte sie. »Sie sind die freundliche, sympathische Frau, die immer unsere Äpfel der Sorte ›Prinz Albrecht‹ kauft. Und dazu jede Menge Gemüse. Ich … ich hatte keine Ahnung, dass Sie Ärztin sind.« Mia verhoffte einen Moment, dann fügte sie hinzu: »Ich bin froh, dass Lilly zu einer so netten Ärztin kommt, wirklich. Nach allem, was das Kind heute durchmachen musste …«

Fee wandte sich dem kleinen Mädchen zu, das still und scheinbar teilnahmslos dalag. »Willkommen auf der Kinderstation, Lilly. Deine Verletzungen wurden ja bereits in der Notaufnahme versorgt«, sagte sie. Sie warf einen raschen Blick auf das Patientenblatt. »Die Verletzungen werden einige Zeit brauchen, bis sie heilen, aber sie sind nicht weiter schlimm. Wenn du Schmerzen hast, darfst du dich jederzeit an mich oder an eine der Schwestern wenden. Dann bekommst du geeignete Medikamente.«

Ein kurzes Kopfnicken war alles, was Lilly von sich gab.

»Sie … sie ist noch vollkommen verstört«, kommentierte Mia Wörner die knappe Reaktion ihrer Tochter. »Was Horst ihr angetan hat, ist unbeschreiblich. Ich darf gar nicht daran denken, dass ihm sein Vorhaben geglückt und er Lilly tatsächlich umgebracht hätte.«

»Aber …«

»Haben Sie einen Moment Zeit für mich, Frau Doktor?«, erkundigte sich Mia. »Ich kann selbstverständlich auch gerne warten, bis …«

»Nicht nötig.« Fee schüttelte den Kopf.

»Diese Antwort passt zu Ihnen«, sagte Mia. »Ich habe Sie schon bei Ihren Einkäufen jedes Mal als eine überaus liebenswürdige Frau kennengelernt.«

»Es freut mich, dass Sie mich sympathisch fanden«, antwortete Fee. »Und ich kann Sie versichern, dass dieser Eindruck auf Gegenseitigkeit beruht.«

»Danke«, erwiderte Mia.

»Wenn Sie mir also folgen wollen?«, meinte Fee schließlich mit einem Blick auf Lilly, die an die Decke starrte, als gäbe es dort etwas unheimlich Spannendes zu sehen. »Wir wollen doch nicht vor Lilly sprechen, nicht wahr?«

»Nein, vielleicht besser nicht«, kam es zögerlich von Mia Wörner. »Ich … ich kann Lilly doch allein lassen, oder? Sie wird doch ruhig bleiben? Ich möchte nicht, dass sie Angst bekommt, und dann ist niemand bei ihr.«

»Lilly hat in der Notaufnahme, um sie für die Behandlung ruhigzustellen, ein leichtes Sedativum bekommen«, erklärte Fee. »Wir können uns also völlig entspannt eine Weile unterhalten.«

»Das ist gut«, antwortete Mia mit einem tiefen Seufzer. »Ich habe Ihnen nämlich so einiges zu sagen. Und ich … ich bin unendlich froh und dankbar, dass ausgerechnet Sie Lilly behandeln. Es kommt mir wie eine Fügung des Himmels vor.«

Mit einem letzten besorgten Blick auf Lilly folgte Mia Wörner Fee in deren Büro.

»Schön haben Sie es hier«, sagte Mia, als sie sich schließlich Fee gegenübersetzte. »Es sieht hier gar nicht geschäftsmäßig, sondern fast gemütlich aus. Auch das passt irgendwie zu Ihnen, so wie ich Sie mir immer vorgestellt habe.«

»Danke für das Kompliment.« Fee lächelte. »Und was möchten Sie nun mit mir besprechen?«

»Alles«, entfuhr es Mia. »Meine ganze schreckliche Situation auf dem Hof mit meinem Bruder. Die ganze Tragödie um Lilly. Die Sache mit meiner und Horsts Mutter … einfach alles.«

»Und womit wollen wir anfangen?«, fragte Fee.

»Mit heute. Mit dem angeblichen Unfall«, kam es wie aus der Pistole geschossen von Mia. »Alle wollen mich davon überzeugen, dass es ein Unfall war. Aber glauben Sie mir, Frau Doktor, ich weiß es besser. Ich kenne schließlich die Lage auf unserem Hof. Und ich weiß, wie sehr Horst Lilly hasst.«

»Ich … ich habe bei meinem letzten Einkauf an Ihrem Stand auf dem Viktualienmarkt Ihren Bruder kennengelernt«, erwiderte Fee. »Er hat mir einen sehr unglücklichen und unzufriedenen Eindruck gemacht. Aber dass er ein Mörder sein soll, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.«

»Das glaube ich Ihnen gern«, gab Mia Wörner zurück. »Um so etwas von einem Menschen zu denken, haben Sie ein viel zu gutes Herz. Und doch ist es so, dass Horst versucht hat, Lilly mit dem Traktor zu überfahren.«

»Was macht Sie da so sicher?«, hakte Fee nach.

»Alles, was ich in der Zeit, seit wir zusammen mit Lilly auf unserem Hof wohnen, mit Horst erlebt habe«, antwortete Mia. »Lilly ist Autistin, müssen Sie wissen. Und wenn ihr Dinge, die sie nicht versteht und die sie nicht einordnen kann, gegen den Strich gehen, kann sie furchtbar wütend werden. Aber das ist schließlich keinerlei Bösartigkeit oder Unbeherrschtheit, sondern einfach Folge und Ausdruck ihrer Behinderung. Ein Blinder kann ja auch nicht dafür verantwortlich gemacht werden, dass er nicht sieht.«

»In diesem Punkt gebe ich Ihnen selbstverständlich recht, Frau Wörner«, stimmte Fee zu.

Mia seufzte. »Wissen Sie eigentlich, wie oft ich schon versucht habe, Horst diese ganz einfache Tatsache begreiflich zu machen?«

Fee zuckte die Schultern. »Sehr oft, nehme ich an«, erwiderte sie höflich.

»Mehr als oft, das dürfen Sie mir glauben«, bestätigte Mia. »Gefühlt unzählige Male. Aber Horst versteht mich nicht. Oder, besser gesagt, er will mich nicht verstehen.«

»Manche Menschen können sehr gut mit Autisten umgehen, andere haben da ihre Probleme. Es eignet sich ja zum Beispiel auch nicht jeder zum Kranken- oder Altenpfleger«, nahm Fee einen zaghaften Anlauf, Horst zu verteidigen.