Flammensturm - Tanja Rast - E-Book

Flammensturm E-Book

Tanja Rast

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Beschreibung

Zwei Helden, vom Schicksal zusammengeführt! Zwei Herzen, eine Bestimmung! Das Autorenkollektiv "Die Uferlosen" präsentiert: "Seelengefährten". In jedem Buch wird das Thema neu interpretiert, aber eins haben alle Bände gemeinsam: Sie gehen direkt ins Herz. Geschichte neigt dazu, sich zu wiederholen. Aus gutem Grund bewahren die Elfen die Geschichten über ein Krieger- und Liebespaar, das einst die Albtraumgespinste zurückgeschlagen hat. Mit Lobpreisung hat Elfenkrieger und Hitzkopf Zeriac gerechnet, als er einen der verhassten menschlichen Soldaten als Gefangenen ins Lager schleppt. Aber es kommt anders: Ein Blick auf den sanften und allzu höflichen Hünen Curan genügt der Stammesältesten, um den beiden jungen Männern Scheußliches zu eröffnen. Dabei stellt die Rückkehr der monströsen Albtraumgespinste das kleinste Problem dar, findet Zeriac. Schlimmer ist das, was die Alte da über ein mystisches Paar faselt … Zeriac kennt die Legende natürlich, sieht aber gar nicht ein, sich sein Leben von einer angeblichen Schicksalsmacht vorschreiben zu lassen – und wen er gefälligst zu lieben hat! Doch die Armeen der Albtraumkönigin rücken unaufhaltsam vor, und Zeriac und Curan stehen vor ihrer größten Schlacht. Denn den monströsen Kreaturen ist es gleich, ob sie Mensch, Zwerg oder Elf zerfleischen …

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Für meine Uferlosen

 

 

Flammensturm

 

 

 

 

Tanja Rast

 

 

 

 

 

 

Roman

 

 

 

 

 

Impressum: Tanja Rast, Haßmoorer Weg 1, 24796 Bredenbek

www.tanja-rast.de

 

Cover: Sylvia Ludwig, www.cover-fuer-dich.de und Regina Mars

 

Motive für Cover:

Conqueror, centurion or Roman warrior with iron armor, military helmet with horsehair and sword: Fernando Cortes / shutterstock.com

Attractive Young Man With Long Hair: William Moss / shutterstock.com

Ruins in Taba: givaga / shutterstock.com

 

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Menschen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

Inhaltsverzeichnis
I. Kal und Ten - Helvinges
1 Die Eroberer
2 In Feindeshand
3 Die Vergeltung
4 Elfenweisheit
II. Kal und Ten - Träume
5 Seelenband
6 Eis auf Brombeeren
7 Feuer und Eis
III. Kal und Ten - Gespinste im Wald
8 Zeriacs Gabe
9 Ankunft in Helvinges
IV. Kal und Ten - Schnee in Helvinges
10 Zwergenrat
V. Kal und Ten - Firnkönigin
11 Ring aus Feuer
12 Wald voller Gespinste
13 Der Rat von Barinne
14 Elfen und Zwerge in Barinne
VI. Kal und Ten - Rückkehr des Sommers
15 Funken im Dunklen
16 Aus der Tiefe
17 Die Königin
18 Albtraumflut
19 Sommer in Barinne
VII. Kal und Ten - Nachthain

 

Leseprobe SEELENSUCHE von Kaye Alden
Die Autorin
Eine kleine Bitte
Danksagung

I. Kal und Ten

Helvinges

 

Der Elch folgte Ten mit vertrautem Langmut und kaute auf Zweigen und Blättern, die er unterwegs von Büschen und jungen Bäumen abriss. Oben auf dem Gepäck saß Meisterin Hon und blickte wie eine Eule um sich, die überraschend viel zu früh aufgewacht war und sich nun über das Sonnenlicht ärgerte.

»Wir sind bald da«, meldete Hon sich nun.

Ten spürte, wie sein Herzschlag sich vor Aufregung beschleunigte. In Helvinges war er noch nie gewesen. Eigentlich hatte er das Dorf in der Flussschleife nicht mehr verlassen, seitdem er von Meisterin Hon in die Schmiede aufgenommen worden war. Da war er endlich sesshaft geworden und hatte die Suche nach Meistern aufgegeben, von denen er im Kampfhandwerk noch etwas hätte lernen können. Denn Ten hatte bei den Besten gedient und seine Lehrherren sehr bald überflügelt. Die Arbeit am Amboss war etwas Neues, Aufregendes gewesen, und zum ersten Mal seit Jahren empfand Ten Ruhe und eine gewisse Zufriedenheit. Auch wenn seine große Kriegsaxt ihn immer noch lockte, von Grenzen, Herausforderungen und Gegnern flüsterte. Doch war es, so fand Ten, friedlich geworden. Zwerge und Elfen lebten ohne Krach nebeneinander, hatten Handelsverträge abgeschlossen und verdienten auf beiden Seiten gut daran. Die wenigen Menschen, die sich in das Reich zwischen Wäldern und Fennland verirrt hatten, betrieben Ackerbau und störten gar nicht. Von außerhalb kamen hin und wieder mal Seeräuber und aus den Bergen andere üble Gesellen, die aber jeweils rasch zurückgeschlagen wurden.

Die Lehre in der Schmiede bedeutete einen neuen, ruhigen Lebensabschnitt. Und nun die Reise nach Helvinges zum größten Markt der Zwerge.

Im Wald hatte sich ein Pfad aufgetan. Erst unmerklich, bis er deutlicher wurde und an seinem Rand Wegmarken auftauchten. Auf die hatte Hon sich wohl bezogen, als sie anmerkte, dass es nicht mehr weit war. Alle Wege im Wald führten nach Helvinges, hieß es. Ten war gespannt. Er vernahm voraus das Geräusch eines Wasserlaufs und beschleunigte seine Schritte, um vor dem Elch am Ufer anzulangen und einen Weg hinüber zu erkunden. Vielleicht gab es eine Furt, denn der Pfad war mittlerweile ein Weg, den viele Füße in den Boden getreten hatten, der mit Rindenhack befestigt worden war.

Aus dem Grün tauchte eine stabile, breite Brücke auf. Ten grinste zufrieden und ließ zu, dass Hon und das Tier ihn wieder einholten. Er trat als Erster auf die Brücke. Die Bohlen bogen sich nur ein wenig unter dem Gewicht des Elchs, und Ten blieb stehen, lauschte dem Murmeln des Bachlaufs und genoss für einen kurzen Augenblick den Duft des Wassers, die Wärme des Sonnenscheins auf seiner Haut. Wind säuselte in den Kronen der hohen, alten Bäume, bewegte deren Zweige, sodass das Licht beständig in Bewegung war und ein Fleckenmuster über den Waldboden, das Bachbett, den Elch, Hon und Ten tanzen ließ.

Auf zum großen Markt in Helvinges. Ten spürte ein Kribbeln in der Magengrube. Nie zuvor war er in einer größeren Siedlung als Karinves gewesen, das immerhin fast zweihundert Zwerge ihre Heimat nannten. Helvinges war viel, viel größer, hatte er gehört. Hon war nicht eben in Plauderlaune, wenn es um Helvinges ging. Die alte Schmiedin tat gerne geheimnisvoll, das wusste Ten schon. Sie freute sich kindisch daran, wenn jemand in ihrer Nähe auf etwas Neues stieß, dieses begriff und ihr dann berichtete. Sie wusste das natürlich schon seit Ewigkeiten. Na gut, er würde ihr die Freude machen und fassungslos starren, wenn sie in die Stadt kamen. Wehe, wenn er sich dafür anstrengen musste, weil Helvinges doch nur eine etwas größere Variante von Karinves war!

Er machte sich wieder auf den Weg, lauschte auf die Geräusche des Waldes. Doch kein Vogelschrei warnte vor Gefahr, kein Reh brach erschrocken durch das Unterholz.

Der Weg wurde breiter, und als Ten den Blick zur Seite schweifen ließ, erkannte er frische Anpflanzungen, wo vor etlichen Jahren größere Bäume gefällt worden waren.

Und dann blieb er wie angenagelt auf einer kleinen Erhöhung stehen, von der aus der Weg sich auf einen grünen Wall hinzu wand. Vor einer breiten Öffnung vereinigten sich mehrere Zuwege zu einer breiten Straße. Doch das war es nicht, was Ten fassungslos starren ließ. Mehrtausendjährige Sevvernbäume erhoben sich innerhalb der schützenden Wallanlage, jeder einzelne an seiner Basis so dick, dass Tens Heimatkaff bequem im Stamm hätte verschwinden können. Rund um die gewaltigen Bäume wanden sich Laufstege, hingen Wohngebäude wie Weintrauben an der Rinde, und an einigen Stellen meinte Ten sogar, Durchgänge ins Innere der Stämme zu erkennen, als hätten die Bewohner von Helvinges die Baumriesen zum Teil ausgehöhlt.

Hon lachte leise und zufrieden. »Na? Beeindruckt, Ten?«

Er fand keine Worte und nickte einfach nur.

»So sollten Zwerge leben. Nicht in mit Stroh gedeckten Hütten wie die Elfen und Menschen.« Sie grinste. »Warte, bis du den Markt siehst. Ach, ich schäme mich, dich nicht früher hierher gebracht zu haben. Andererseits … du bist ein herrliches Landei, und dein Staunen wird mich für die Unannehmlichkeiten der Reise vollauf entschädigen.«

»Meisterin Hon …«

»Ja, mein Junge?«

»Wie viele Zwerge leben hier?«

»Über eintausend. Ein paar Elfen haben ihre Handelsquartiere hier, und wie ich sie kenne, rennen auch Menschen in Helvinges herum. Tu mir den Gefallen, nicht dümmer als sie zu starren, ja? Ich habe einen Ruf zu verlieren!«

Ten straffte sich. »Keine Sorge. Ich nämlich auch.«

 

Eine Stunde später hatte Ten seinen Pflichten Genüge getan. Der Elch war in einem lang gestreckten Stallgebäude untergebracht, Hon in einem Gasthauszimmer, das am Stamm eines Sevvernbaumes klebte und nach Wald duftete. Das eigene Gepäck hatte Ten in einem kleineren Zimmer abgelegt, bevor er sich ans Fenster stellte und Helvinges in aller Pracht auf sich wirken ließ. Das sollte vor dämlichem Gaffen schützen, wenn er die Stadt gründlicher besichtigte.

Hatte er zumindest gedacht. Doch schon auf dem Weg die überdachte Stiege hinab, die sich an den Stamm schmiegte, erblickte Ten so vieles Unvertrautes, dass er doch fürchten musste, wie ein Mensch zu starren. Der Markt begann erst in zwei Tagen, doch wurden die Stände bereits auf einer großen Lichtung aufgebaut. Buntes Tuch spannte sich über den einzelnen Markthütten, Zelte wuchsen wie Pilze aus dem Boden. Elche stampften umher oder wurden entladen. Und überall Zwerge. So viele seiner Art hatte Ten noch nie auf einem Haufen gesehen. Es waren ja nicht nur die Bewohner der Hauptstadt, sondern Besucher aus dem ganzen Reich. Gegen den großen Markt in Helvinges verblasste jeder andere Flecken, auf dem er bislang gewesen war, zu einem Nichts.

Ein Trupp Elfen zog mit einem Karren an ihm vorbei. Hochgewachsen, schlank, die langen Haare in Zöpfen gebändigt, winzige Silberhülsen zur Betonung der aufstrebenden Ohrlinien, ihr Akzent hart und voll rollender Rs und gezischter s-Laute.

Ten ließ sich treiben. Bis zum Abendessen hatte Hon ihm freigegeben, und wie er die alte Schmiedemeisterin kannte, hing die jetzt halb aus dem Fenster ihres Gastzimmers und beobachtete seinen langsamen Fortschritt auf den Markt zu – und kicherte die ganze Zeit.

Er mochte sie, trotz – oder wegen? – ihres seltsamen Sinnes für Humor. Bei Hon hatte er ein Heim gefunden, nachdem er vorher stets auf der Reise gewesen war. Aber in der Schmiede und der kleinen Hütte nebenan hatte er Ruhe und einen gewissen Frieden gefunden. So sehr ein Krieger eben solchen für sich entdecken konnte. Irgendwie rannten einem die Kämpfe und Gegner hinterher, und wo ein Krieger war, traf auch bald ein Scharmützel ein.

Mitten auf dem Marktplatz befand sich ein Baumstumpf. Ten blieb stehen und versuchte, die Ausmaße dieses Stumpfes zu begreifen. Er ragte so hoch auf wie eine Bauernkate mit großem Lagerboden, und obendrauf stand ein gewaltiges Rundhaus mit dem von Hon kritisierten Strohdach. Ringsum standen Bänke und Tische, und allmählich begriff Ten, dass dieser Überrest eines Sevvernbaumes eine Gastwirtschaft sein musste. Er lachte leise auf, schüttelte über sich selbst den Kopf und hielt auf die große Flügeltür zu, die einladend offen stand. Geschäftige Zwerge schleppten Bierkrüge und geschickt gestapelte Teller zu den Gästen vor dem Lokal.

Ten hatte die Tür beinahe erreicht, als er aus den Augenwinkeln eine Gruppe kriegerisch gekleideter Männer sah, die rund um einen der Tische saßen und sich angeregt unterhielten.

Die Umgebung – Bäume, Zwerge, Elfen, das Geschirrklirren aus der Gastwirtschaft, Karrenrumpeln auf dem Marktplatz, bunte Stände, flatterndes Tuch – verschwamm zu Bedeutungslosigkeit. Tens Herzschlag beschleunigte sich, wurde zu einem dumpfen Trommelwirbel in der Brust, als einer der Männer den Kopf hob und genau in seine Augen blickte. Ten sah eine leichte Röte über das Gesicht des anderen fliegen, was die wie Funken wirkenden Sommersprossen noch verstärkte, sie leuchten ließ wie die Glut in der Schmiedeesse.

Die Augen des anderen weiteten sich, dann stand der Mann unvermittelt auf, ohne seine Kameraden zu beachten, die ihn verblüfft betrachteten und wegen seines Verhaltens das Gespräch unterbrachen.

Tens Hände entwickelte die Neigung, sich ineinander verkrampfen zu wollen. Er wurde sich nur klar, dass er dumm wie ein Elch mit Verdauungsproblemen dreinblicken musste, suchte nach einem Lächeln, das sich viel zu breit und noch dämlicher auf seinem Gesicht anfühlte, als der Fremde den Tisch umrundete und mit fragender Verwunderung zu ihm sah.

Als hätte er hier in der Gesellschaft der anderen Krieger nur auf Ten gewartet. Als hätte Ten ihn sein Leben lang gesucht.

So hochgewachsen und breitschultrig wie er selbst, aber insgesamt leichter gebaut, schlank, geschmeidige Bewegungen, die Ten an einen Luchs erinnerten, und immer noch die weit aufgerissenen Augen, deren Iriden so blau leuchteten wie der Sommerhimmel über dem Wald.

Direkt vor Ten blieb der Zwerg stehen, und einen Augenblick lang verharrten sie so, starrten einander an. Wie verlorene Brüder, die sich wieder gefunden hatten. Nein, mehr, so viel mehr.

Dann lächelte der andere, was das Gesicht mit dem feuerroten Bart und den hohen Wangenknochen jünger, zugleich reifer und unglaublicherweise noch anziehender machte und Ten den Atem nahm.

»Mir ist«, erklang eine tiefe Stimme, in der das Lächeln die Silben wärmer färbte, »als würde ich dich kennen, als hättest du meinen Namen gerufen.«

Ten suchte nach Worten und brachte lahm hervor: »Nein, wir kennen uns nicht. Ich … ich bin nur für den Markt in Helvinges.« Die Erziehung seitens seiner Mutter versetzte ihm einen Klaps auf den Hinterkopf. »Mein Name ist Ten. Vom Stamm der Rewel.«

»Ten.«

Die Silbe klang wie Honig, wie Sonnenschein auf vom Tau benetzten Blättern. Ten fragte sich, wann er zuletzt so einen Schwachsinn gedacht hatte. Er wollte sich in den Augen des anderen verlieren, die Hand nach ihm ausstrecken dürfen, ihn Bruder in Waffen, Freund und mehr nennen, über das feuerrote Haar streicheln und so viel mehr. Elch mit besonders heftigen Verdauungsproblemen, zweifellos!

»Mein Name ist Kal. Vom Stamm der Tiver.«

1.

Die Eroberer

 

Curan erwachte von einem Tritt in den unteren Rücken. Orientierungslos blinzelte er in rötliche Dunkelheit, hörte Atemzüge ringsum, hin und wieder ein sehr unglückliches Stöhnen und erhielt noch einen Stoß, als der Mann auf der Matte neben seiner sich unruhig herumwälzte. Curan versuchte, sich ein wenig dünner zu machen, um seinem Nachbarn auszuweichen. Er war hundemüde und nicht eben bester Laune, von jemandem mit Albträumen aus dem Schlaf gerissen worden zu sein.

Die Matte war zu dünn, Curan zu groß und der nackte Erdboden steinig. Ganz großartig. Der Kerl neben ihm grunzte und drehte sich schon wieder auf die andere Seite. Curan setzte sich auf, rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht und wischte schlafwirres Haar aus seiner Stirn.

Eine Ölfunzel an einer der Zeltstangen beleuchtete die zwei Reihen Schläfer im Mannschaftszelt. Alles Männer, die Curan seit einigen Wochen besser kannte, als ihm lieb war. Besonders jene, die im Schlaf schnarchten oder furzten. Oder beides gleichzeitig erledigten.

Gemeinsam eingeschifft und an einer unwirtlichen Küste abgesetzt. Der schnellere Weg, um Soldaten von Kyelle ins Feindesland zu schaffen, statt sie den langen Marsch auf sich nehmen zu lassen. Abgesehen von seekranken Kotzern sparte das nicht nur Zeit, sondern schonte auch die Kräfte des Heeres.

Wieder ein Stöhnen neben ihm. Im schwachen Licht erkannte er, dass Merwan schweißgebadet war. Curan zögerte, dann reckte er sich zur Seite und rüttelte den unglücklichen Schläfer, bis dieser ebenso verwirrt aus dem Schlaf auftauchte wie Curan dank der Tritte kurz zuvor.

»Was?«, murrte Merwan.

»Schlecht geträumt und mich wachgetreten.«

Der Mann setzte sich auf und rieb sich nun ebenfalls das Gesicht. »Tut mir leid«, nuschelte er hinter den Händen hervor. »Muss an der Luft liegen. Oder am Wasser. Eine Scheiße, die ich mir da erträume.«

»Du bist nicht der Einzige«, meinte Curan, der aus der anderen Reihe ebenfalls Geräusche vernahm, die auf unruhigen Schlummer hinwiesen. Oder da beschäftigte sich jemand intensiv mit dem Inhalt der eigenen Hose. Nein, das klang keinesfalls glücklich. »Leg dich wieder hin. Die Nacht vor dem Weitermarsch ist zu kurz«, sagte Curan leise und ließ sich wieder auf die steinunterfütterte Matte sinken.

»Und wehe, die Stadt hat keine Kneipen«, antwortete Merwan verschwommen und rollte sich erneut in seine Decke.

Ein Stein bohrte sich in Curans Hüfte, und er musste seine Lage verändern, damit auch nur an ein Fitzelchen Schlaf zu denken war. Energisch schloss er die Augen und zog sich die Decke über den Kopf, weil irgendwo in dem großen Zelt jemand im Schlaf wimmerte.

Lebhafte Träume ringsum. Und hatte er nicht auch geträumt, bevor er so unsanft geweckt worden war? Etwas mit viel Rot, aber kein Blut, wie er als Soldat es schon zu oft gesehen und gerochen hatte, während es auf seinem Panzer trocknete. Es war ein schöner Traum gewesen, meinte er, sich zu erinnern. Vielleicht, wenn er sich auf rotes Leuchten konzentrierte, konnte er die Bilder wieder finden. Er lächelte und suchte nach Fasern des Traumes und des Schlafes.

Doch Merwans Erwähnung der Stadt ging ihm nicht recht aus dem Kopf. Barinne, die Garnisonsstadt im einigermaßen befriedeten fremden Reich zwischen Wäldern und Fennland. Mitten in der Wildnis sollte sie stehen am Ende der Straße aus verfestigtem Bruchstein, der die Truppen seit der Ausschiffung folgten. Kleinere Wachlager wie dieses säumten die Straße, die so schnurgerade wie möglich durch Wälder und endlose Meilen Grasland führte, nur in Notfällen – wie einem aufragenden Felsklotz – von ihrer Linie abwich. Und am Ende? Wohl kaum eine Stadt wie Kyelle, Hauptstadt des Reiches und der ganzen bekannten Welt, Curans Heimatstadt und die Wiege der Zivilisation. Die Stadt hier in der Wildnis? Ein befestigtes Lager, fürchtete er, mit umwallten Siedlungen für Handel, Kneipen und bescheidene Häuser.

Etwas Rotes tauchte aus den Schatten des nahenden Schlafes auf, und Curan machte sich an die Verfolgung, dämmerte langsam weg und hörte ein leises Lachen, während leuchtendes Rot lockte und ihn in dunkle Wälder entführte, wo es keine Straßen und nicht den Schimmer von Mauerwerk gab.

Wie eine Feuerseele huschte das Schimmern hinter schlanken weißen und schwarzen Stämmen entlang, verschwand beinahe vollkommen im Unterholz und leuchtete doch noch immer, wies Curan den Weg. Er folgte ohne das geringste Zögern.

Immer noch konnte er die Gestalt nicht klar erkennen, zu viel Strauchwerk im Weg, der andere nur ein huschender Schatten, der agil jede Deckung nutzte, Curan auf Abstand hielt, aber nicht entkommen wollte. Sein Lachen wehte durch den dunklen Wald, lockte den Verfolger noch mehr. Wie eine lebende Lohe in Rot, Kupfer, Bronze und Gold flackerte es zwischen zwei Stämmen, dann rannte der Mann weiter, lachte wieder – so unbeschwert und lebendig.

 

Morgenappell auf dem großen Sandplatz zwischen Holzhäusern und Zelten, Rauch in der kühlen Luft, die trotzdem schon nach einem weiteren Marsch unter Sommersonne roch. Ein paar Enten in einem großen Pferch quakten und watschelten wichtigtuerisch herum. Hammerschläge aus einer Schmiede klangen silberhell durch das Wachlager, das sich Mühe gab, ein klein wenig an eine Stadt zu erinnern. Vor allem sandte es eine Botschaft an jene, die dieses Land seit Generationen Heimat nannten: Kyelle ist hier, und Kyelle wird bleiben. Wie Kyelle überall blieb, wohin die Armeen der alten Stadt gekommen waren, Widerstand niedergeschlagen, dem wilden Land mit Straßen, Lagern und Städten ihren Stempel aufgedrückt hatten.

Die Männer standen verschlafen herum, einige gähnten auch möglichst unauffällig hinter vorgehaltener Hand und täuschten ein Hüsteln vor, um ihre Müdigkeit zu überdecken. Die Offiziere des Lagers schritten die Reihen ab, während der Befehlshaber der Marschtruppe unter einem Vordach stand und heißen Tee trank.

Curan kannte das Spielchen schon. Jeder Kommandant eines Wachlagers suchte sich ein paar Leute aus dem Marschheer heraus, um seine eigenen Reihen aufzufüllen. Jeder Morgenappell bedeutete ein paar Männer, die abgezogen wurden und somit unter ein neues Kommando gerieten. Manchmal nur zwei oder drei, mitunter ein volles Dutzend. Er war sich nicht sicher, ob er sich wünschen sollte, weiter mit der Haupttruppe zu ziehen oder ausgesucht zu werden.

Ringsum standen übernächtigte Männer. Hin und wieder erklang ein nervöses Husten, während die Offiziere nun nahe einem Kohlebecken zusammenkamen und sich leise unterhielten. Schreiber glichen die Namenslisten ab, und als Curan aufgerufen wurde, meldete er sich gehorsam. Einer der Offiziere zeigte dabei auf ihn und sprach auf einen anderen ein. Curan beobachtete die Männer, so kam es nicht als Überraschung, dass er am Ende des Appells zu den vier Soldaten gehörte, die in diesem verrauchten Wachlager zu bleiben hatten, während das Heer weiter die Straße entlang zog.

Der Kommandant des Lagers suchte noch ein paar seiner Altgedienten aus, bevor er den Rest abtreten ließ. Ein hagerer Mann, der dunkle Ringe unter den Augen hatte, auf die fünfzig zuging und sich trotzdem bewunderungswürdig gerade hielt, schritt er die Reihe ab und richtete dann den Blick auf etwas, was jenseits der Palisaden lag.

»Hier verläuft die Straße nicht nur in einer Schneise durch den Wald, sondern auch ganz in der Nähe des Fennlands. Wir verteidigen Kyelle hier nicht nur vor einer Horde Wilder, sondern es gibt zwei von der Sorte. Ich kann mich nicht ganz entscheiden, ob Zwerge oder Elfen lästiger sind. Glücklicherweise tun sie sich nicht zusammen, und so erteilen wir ihnen abwechselnd Lektionen, wie sich Besiegte fühlen. Irgendwann werden selbst diese unzivilisierten Wilden es begreifen.«

Curans Herzschlag beschleunigte sich bei dieser kleinen Rede ein wenig. Selten genug, dass ein Kommandant seinen Männern mal etwas erklärte. Verblüffend, dass der Hagere nur eine Handvoll Soldaten aus dem Heereszug für sich gefordert hatte. Der Mann beeindruckte ihn.

Der dunkle Blick des Kommandanten senkte sich nun auf Curan. »Du bist Heiler, sagte man mir.«

Curan stand stramm und nickte. Und da er wusste, dass es unterschiedliche Ausprägungen dieser Gabe gab, wagte er – unaufgefordert – eine Antwort. »Eine kleine Gabe, Herr.«

»Gut. Können wir hier gebrauchen. In erster Linie sehe ich aber einen riesigen Kerl vor mir, der sich mit Zwergen herumschlagen darf. Ihr geht auf Patrouille.« Er nickte seinen Altgedienten zu, die ja wussten, was auf sie zukam, bevor er fortfuhr: »Ich will wissen, was sich in der Nähe des Lagers herumtreibt. Vor allem will ich gewarnt werden, falls die Elfen mal wieder aus ihrem Sumpf auftauchen. Verdammte Störenfriede. Abmarsch, Jungs. Und bringt mir den Heiler lebendig zurück.«

Curan schulterte also erneut sein volles Gepäck und schloss sich den anderen Soldaten an. Keiner aus seinem Heereszug, sondern alles Männer, die in diesem Wachlager schon länger dienten. Ihre Rüstungen hatten sie mit zweckmäßigen Erweiterungen verbessert. Curan sah Dolche, die nicht zur Standardausrüstung des Heeres gehörten. Ein Mann trug einen gewaltigen Bogen und gefiederte Pfeile im Köcher. Selbst die Rucksäcke wirkten, als könnte man sie als Waffe verwenden. Curan nahm sich vor – so diese Patrouille erfolgreich verlief –, sich an diese Männer zu hängen und Ratschläge zur Verbesserung und vor allem Anpassung an diese Umgebung einzuholen.

Der Feldwebel, der die kleine Schar durch das Tor in der hohen Befestigungsanlage führte, wandte sich draußen halb zu Curan um und fragte: »Kleine Gabe heißt was?«

»Ich kann Fleischwunden heilen. Teils mit der Gabe, zum Teil auch mit magisch aufgeladenen Heiltinkturen. Wenn ein Zwerg dir ein Bein abbeißt«, plapperte er weiter, bevor er sich davon abhalten konnte, »kann ich es nicht wieder nachwachsen lassen.«

Jemand lachte leise, und der Feldwebel grinste. »Beine weniger, die Mistkerle sind so klein, dass andere Dinge in Gefahr sind. Meistens verpassen sie einem aber nur eine … Kopfnuss, wo es wehtut.«

»Danke für die Warnung!« Curan spürte prompt ein Ziehen in unteren Körperregionen und überlegte, wie groß die Gefahr einer solchen Attacke tatsächlich war.

»Die Elfen sind hier in der Gegend das größere Problem. Du siehst Krivvens Bogen. Das ist ein Elfenbogen. Die Spitzohren sind kleiner als wir, man sollte meinen, sie können damit keinen Pfeil auf uns loslassen und würden sich die Rippen beim Spannen brechen. Aber sie sind zäh, und eine Pfeilwolke aus dem Hinterhalt ist ihre liebste Waffe.«

Krivven knuffte Curan in die Rippen. »Dumm, dass du so groß und eine so prächtige Zielscheibe bist. Ich passe auf dich auf. Ein Heiler, der einen Pfeil aus mir zieht und mich verpflastert, ist mir deutlich lieber als der Feldscher im Lager.«

Curan nickte und hielt die vorgegebene Geschwindigkeit gut mit. Er gab sich Mühe, sich nicht vorzudrängen, und hörte einfach nur den Gesprächen in der kleinen Einheit zu. Zwei Jahre Heeresdienst hatten ihn – außer Überleben natürlich – einiges gelehrt, auf das ihn seine Ausbildung durch Vater und Großvater niemals hatte vorbereiten können: Kopf unten halten, Klappe halten, zuhören, eigenen Platz und Anerkennung durch Taten erobern. Alleine Körpergröße und Kraft genügten nicht immer. Die Heilergabe half ein wenig dabei. Ein Kamerad, dem Curan das Leben retten konnte, neigte zu Wohlwollen. Und nichts war im Scharmützel so wertvoll wie jemand, der einem den Rücken frei hielt.

Klang das berechnend? Gleichgültig, denn so, wie ein Kamerad Curan vor einer hinterhältigen Attacke schützte, tat er das Gleiche für den anderen. Ein einsamer Wolf hatte einfach schlechtere Aussichten auf Überleben. Mochte Vater auch dreimal seine Nase darüber rümpfen, dass Curan sich mit anderen Soldaten verbrüderte. Hach, wie schrecklich! Er ging sogar mit einfachen Soldaten ins Bett, wenn sie sich einig waren. Natürlich auch undenkbar für den Graukopf daheim in Kyelle. Aber eine einst ach so ruhmreiche Abkunft half Curan hier kein Stück weiter. Schall und Rauch, und auch daheim in Kyelle war der Name nichts mehr wert.

Der Feldwebel riss Curan mit einer Vorstellung der übrigen Männer aus diesen Gedanken. Disziplin machte einer gewissen Kameradschaft Platz, und Curan erhielt einige Hinweise, was ihn in diesem Landstrich alles erwarten konnte.

»Wir sollen nur aufklären, keinen offenen Kampf suchen. Außer uns sind noch mehr Patrouillen unterwegs, und ich kenne unseren Bezirk. Wir sind zwei, drei Tage für eine volle Runde unterwegs. Dann schieben wir Wache auf der Wehr, bis wir wieder dran sind«, erklärte der Feldwebel. »Du stammst direkt aus Kyelle?«

Curan nickte.

»Da leben auch Elfen, hab ich gehört?«

»Händler, mitunter Geiseln, reisende Gruppen, die für ein paar Wochen am Rand der Stadt bleiben, bevor sie weiterziehen.«

»Vergiss alles, was du über sie weißt. Das sind die Zivilisierten, die Besiegten, die verstanden haben, dass es besser ist, nach Kyelles Regeln zu spielen. Sie wissen die Annehmlichkeiten von Badehäusern und festen Dächern über den Köpfen ebenso zu schätzen wie Straßenpflaster. Die Elfen hier sind eine andere Art, und wenn du denkst, dass sie klein und possierlich sind, bist du geliefert. Die Zwerge sind ekelhafte Gegner. Geballte Kraft, aber das sieht man ihnen an. Lieben ihre Äxte und rennen brüllend auf dich zu. Hab schon Rekruten auskneifen sehen vor Angst. Die Elfen sind hinterhältiger. Und gnadenloser. Nimm sie ernst, sonst bist du tot.«

Es klang ein wenig nach einer auswendig gelernten Rede, die der Feldwebel jedem Neuzugang hielt. Curan nahm sich vor, sie trotzdem zu beherzigen. Dies war sein erster Einsatz in einem feindlichen Reich. Bislang hatte es ihn nur in Grenzbastionen verschlagen, wo kriegerische Nachbarn sich die Köpfe an den Wehren einrannten, bis ein Feldherr aus der Hauptstadt beschloss, dass die ewigen Störungen so lästig waren, dass das nächste Stammesgebiet dem Reich von Kyelle einverleibt werden sollte. Doch hier zwischen Wald und Fennland war es etwas anderes. Curan hatte vor, nach Ende seiner Dienstzeit lebendig heimzukehren, damit er von seinem Sold auch etwas hatte.

Aufmerksam blickte er um sich und versuchte, ein Gefühl für seine Umgebung zu bekommen. Der Marsch im großen Heeresverband die Straße entlang war doch etwas ganz anderes gewesen. Unterholz rechts und links wurde durch Brandrodung klein gehalten, um Hinterhalte unmöglich zu machen. Alle paar Meilen gab es dauerhaft bemannte Wachtürme, und die Lager lagen nie weiter als zwei Tagesreisen voneinander entfernt. Doch jetzt auf Patrouille führte der Weg in unberührte Wildnis.

Curan war genug Stadtkind, um all dies mit Staunen und Begeisterung betrachten zu können. Bäume, die uralt sein mussten, deren Stämme von dicken Flechten bewachsen waren und deren Kronen etliche Hundert Ellen hoch im Himmel staken. Mücken, Schmetterlinge und Bienen schwirrten im Sonnenlicht umher, irgendwo rauschte ein Wasserlauf. Und wie in Curans Traum standen zwischen den alten Baumriesen auch jene Bäume mit der weiß schimmernden Rinde.

Er dachte an den Mann, der wie Feuer geleuchtet und Curan immer tiefer in den Wald geführt hatte. Leider waren die Hornsignale zum Wecken zu früh erklungen und hatten Curan unsanft aus diesem Traum gerissen, bevor er dem anderen nähergekommen war, das Gesicht hatte sehen können. Alleine das unbeschwerte, nahezu aufreizende Lachen hatte er immer noch im Ohr und fühlte eine ihm bislang unbekannte Sehnsucht nach der schlanken Gestalt, die ihn so mühelos auf Distanz gehalten hatte, ohne ihn vollkommen abzuhängen. Wenigstens war es ein deutlich angenehmerer Traum gewesen als das, was manch anderer im Mannschaftszelt im Schlaf gesehen haben musste.

Auch Curans jetzige Begleiter sahen müde aus. Krivven und der kleine Blondschopf namens Agyn hatten sogar dunkle Ringe unter den Augen. Vielleicht war das Fleisch aus der Lagerküche nicht mehr ganz so frisch gewesen. Oder jemand hatte beim Pilzesammeln nicht aufgepasst. Denn Wasser oder ungewohntes Wetter konnten ja nicht schuld sein, wenn selbst Männer, die schon seit Monaten im Wachlager dienten, mit einem Mal von Albträumen befallen wurden.

 

Der Marsch führte leicht bergan. Oben auf der Hügelkuppe sollte sich eine kleine Ebene befinden, die die Gruppe immer für ihr Nachtlager aufsuchte. Von dort – so der Feldwebel – hatten sie einen prächtigen Blick auf das elfenverseuchte Fennland und konnten im Dunklen die Lagerfeuer sichten.

Das klang genau so lange gut, bis Curan einen Blick auf die farnbestandene Fläche des geplanten Nachtlagers werfen konnte und dort zwei kleine Kinder sichtete, die fleißig Beeren sammelten.

Langgliedrig und schlank, dass sie beinahe zerbrechlich wirkten. Die spitzen Ohren verrieten sie obendrein.

Die ganze Patrouille verharrte im Schutz eines Gebüsches. Noch hatten die Kinder sie nicht bemerkt, nur von einem Zweig über den kleinen Beerensammlern stieg mit heiserem Krächzen ein Rabe auf und flatterte davon. Curan spürte die Anspannung seiner Gefährten. Vielleicht lächerlich angesichts zweier kleiner Elfen, aber der Feldwebel sprach leise Curans Gedanken aus: »Das stinkt nach einer Falle. Für wie blöd halten die Elfen uns?«

»Für ausreichend blöd, um hineinzutappen«, erklang eine Stimme wie Donnergrollen. »Ergebt euch, legt eure Waffen ab, dann dürft ihr gehen. Wir wollen nur den Heiler.«

Curan warf sich herum, und jetzt konnte er zwischen den Bäumen schemenhaft Gestalten ausmachen. Nun, alle bis auf eine waren schemenhaft: Hochgewachsen für einen Elfen, schlank, von Kopf bis Fuß in Grün- und Erdtönen bemalt, jeder Zoll der Rüstung mit der Farbe bedeckt, ein Schwert in der Hand und die Haltung aufrecht und stolz.

Sein Herzschlag beschleunigte sich, Hitze stieg in ihm auf und nahm ihm kurz den Atem, bis die Bedeutung der Worte durch roten Dunst in sein Bewusstsein sickerte. Wir wollen nur den Heiler. Die Elfen mussten der Patrouille seit Stunden gefolgt sein, um von Curans Gabe zu wissen. Und er war vielleicht der Einzige, der jetzt etwas ausrichten konnte.

Er starrte den Elfen an, hörte hinter sich das Trappeln kleiner Füße und Farnrascheln, als die Kinder wegliefen und die Soldaten alleine mit einem Dutzend Elfenkrieger ließen. Ganz vorsichtig und in der Deckung hinter Krivven löste Curan die Riemen seines Gepäcks, wobei er den Elfen ganz genau im Blick behielt.

Der Feldwebel richtete sich ein wenig auf und grinste schief. »Das wird hier wohl gleich ein kleines Blutbad geben, mein Junge.«

Einen Augenblick lang geschah gar nichts, bis der Anführer der Elfen lässig einen Schritt vortrat und Curan ihm den Rucksack mit aller Kraft gegen die Brust schleuderte, sich auf die Beine katapultierte und dem Gepäck hinterher flog.

Der Elf landete hart auf dem Rücken und schlitterte den Abhang ein Stück weit hinab, bevor Curan den Mann erreichte und sich mit blankem Stahl auf ihn stürzte.

»Ich will einen Gefangenen!«, brüllte der Feldwebel.

Großartig! Curan rammte seinem Gegner das Knie in die Magengrube, erhaschte einen Blick aus dunklen Augen, spürte schon wieder Hitze durch seinen ganzen Körper rauschen und wehrte eine Attacke seitens eines anderen Elfen kraftvoll ab. Den Anführer drückte er derweil alleine durch seine Masse zu Boden. Der hatte da zu bleiben!

Metall schrammte mit einem Kreischen über die Oberarmpanzerung, als der andere Elf noch einen Stich versuchte. Curans Antwort bestand in einem Streich, der die Dolchklinge über die feindliche Kehle eine rote Linie ziehen ließ. Blut sprudelte hervor. Doch noch im Sterben stürzte der Elf sich auf ihn, nur um gleich darauf in sich zusammenzusacken. Alles war nass von Rot, und der Anführer der Bande, auf dem Curan notgedrungen ja immer noch hockte, riss das Knie hoch. Hart hämmerte es gegen Curans Oberschenkel, jagte Schmerz in den Muskel und brachte Curan leicht aus dem Gleichgewicht. Er hörte das Keuchen des Mannes – dem Gewicht und der Anstrengung geschuldet –, und hielt dem Kerl den Dolch an die Kehle. Das störte den aber gar nicht.

Eine Hand krallte sich in Curans Rüstungsärmel, die andere schoss auf sein Gesicht zu, die langen Finger zu Klauen gekrümmt.

Curan riss den Kopf zur Seite. Er könnte den Elfen abstechen, aber … das war der Anführer! Welchen besseren Gefangenen konnten sie bekommen?

Hinter sich vernahm er einen Schmerzensschrei und hatte im gleichen Augenblick um sein Gleichgewicht zu kämpfen, da sein Gegner sich wie ein Aal unter ihm wand und versuchte, ihn durch ein Bocken abzuwerfen. Der Kerl war zäh und erheblich stärker, als die schlanke Gestalt vermuten ließ. Zähne bohrten sich in Curans Handgelenk, und der Elf versuchte, ihm den Dolch zu entreißen. Schnell war das kleine Aas!

Obendrein stürzte sich ein zweiter Elf hinterrücks auf Curan. Bogenholz knarrte und presste sich auf Curans Kehle. Er spürte ein Knie im Rücken, das Holz drückte härter zu, zu hoch angesetzt, um den Kehlkopf zu zermalmen.

Curan schleuderte den Dolch zur Seite, damit der Anführer die Klinge nicht erhaschen und ihn ausweiden konnte, während er selbst anderweitig beschäftigt war. Dann griff er nach oben, bekam fettige Haare zu packen, fühlte ein spitzes Ohr und krallte die Finger der anderen Hand darum.

Er warf sich vorwärts, krachte mit vollem Gewicht auf seinen Widersacher am Boden, hörte dessen keuchendes Ausatmen, und versuchte, den Kerl mit dem Bogen abzuschütteln. Schwarze Flecken tanzten schon in seinem Gesichtsfeld.

Wo steckten die anderen?

Er spürte Hitze vom Körper des Elfen unter sich, heftige Abwehrbewegungen, dann eine Hand in seinem Haar, gleich darauf Zähne an seinem Hals. Das Bogenholz drückte immer noch. Curan riss eine Hand frei und kämpfte den Drang nieder, damit den Bogen von seiner Kehle zu zerren. Stattdessen schlug er dem Anführer die Faust gegen den Kopf, damit der Kerl ihm nicht die Halsschlagader durchbiss.

Es war zu eng, zu warm, er sah kaum noch etwas, und wenn nicht gleich einer der Kameraden half, ging das hier nicht gut aus!

»Curan!«, brüllte jemand, und endlich verschwand der Bogenschütze von seinen Schultern.

Curan schnappte nach Luft, stemmte sich halb hoch und legte beide Hände um den Hals des Elfen am Boden. Er fasste in schmierige Farbe und packte fest zu, weil er Angst hatte abzugleiten.

Die dunklen Augen seines Widersachers weiteten sich. Der schlanke Körper bäumte sich auf, aber jetzt hatte Curan festen Halt, kniete breitbeinig über dem Kerl und konnte einem nach oben schnellenden Knie durch ein leichtes Vorbeugen und mehr Druck auf die feindliche Kehle ausweichen. Er wollte dieses wunderschöne Geschöpf nicht umbringen. Konnte der Kerl sich nicht endlich ergeben? Oder zumindest das Bewusstsein verlieren? Zäh? Hinterhältig? Das ist die Untertreibung des Jahres!

Schweiß rann unter der Rüstung an Curan hinab, tränkte Hemd und Hose, tropfte ihm aus den Haaren. Der Elf versuchte, die würgenden Hände loszuwerden, krallte in Curans Unterarme, wand sich und ließ erneut eine Hand in Richtung auf Curans Augen nach vorne zucken. Aber der Größenunterschied half. Curan drehte einfach den Kopf zur Seite. Er keuchte vor Schmerz, als der Elf seinen kleinen Finger packte und sich mühte, diesen abzubrechen.

Eine Stiefelspitze erschien seitlich, als Curan gerade die Überzeugung gewann, bei lebendigem Leib durch die Körperwärme des Elfen gebacken zu werden. Er meinte, ein Flackern wie von Flammen in den dunklen Augen zu sehen, und dann trat der Soldat neben ihm zu, hämmerte die Stiefelspitze gegen die Schläfe des Elfen, und endlich gab dieser Quälgeist Ruhe. Er erschlaffte in Curans Griff, die Arme fielen zur Seite, der schmerzende kleine Finger entkam dem festen Zugriff, und auch diese Hand des Elfen fiel hilflos und weich auf das zerstampfte Farnkraut.

Es kostete Curan Kraft, den Hals des Elfen loszulassen, sich behutsam aufzurichten und umzusehen. Er machte den Feldwebel aus, der sich über einen erschlagenen Elfen beugte und diesen durchsuchte. Krivven saß keuchend auf einem Baumstumpf und hielt sich den Arm.

Langsam, als wäre Sand zwischen seinen Wirbeln, drehte Curan den Kopf und sah zu Philar auf, der den Elfenkrieger getreten hatte.

»Danke.« Seine Stimme klang, als ob noch sehr viel mehr Sand den Weg in das Innere seines Halses gefunden hätte. Curan rieb sich die malträtierte Kehle und fühlte einen Schweißfilm auf der Haut, der in den kleinen Abschürfungen brannte. Er wischte sich Haare aus dem Gesicht, die dem Zopf entkommen waren, und die Strähnen waren tatsächlich klatschnass.

»Ich diene hier seit zwei Jahren. Sie stehen auf Kriegsbemalung, aber so vollkommen getarnt habe ich Elfen noch nie gesehen. Sie waren wirklich unsichtbar. Die anderen sind tot oder geflohen. Krivven braucht dich. Der hat zwei Pfeile abbekommen.«

Curan nickte und sah auf den Elfen nieder. Ein schmales Gesicht mit hohen Wangenknochen und markanter Kieferlinie. Selbst in Besinnungslosigkeit, der Elf endlich zu Boden gestreckt, wiesen die Brauen einen Schwung auf, der der Miene den Ausdruck von Arroganz verlieh. Die fettige Farbe verwischte Konturen, ließ das Gesicht mit den zerknickten Farnwedeln in der aufziehenden Dämmerung verschwimmen, aber Curan sah eines sicher: Der Mann war wunderschön. Und tödlich, sagte er sich stumm, stemmte sich hoch und fand ein wenig schwankend auf die Beine.

Kaum war er aus dem Weg, stürzte Philar sich auf den besinnungslosen Elfen und zerrte Rüstungsriemen auf. Eine Armschiene flog beiseite, enthüllte einen schweißfeuchten, sehnigen Unterarm, und wieder stieg Hitze in Curan auf. Er riss sich mit Mühe von diesem Anblick los und machte sich auf den Weg zu Krivven. Der brauchte ihn jetzt, der Gefangene konnte nicht mehr entkommen. Fertig. Pflichten gegenüber Kameraden gingen vor, und in dem winzigen Funken, der die Heilergabe war, knisterte der Schmerz des Verwundeten. Wie Eisenspäne, die jemand in die Glut warf.

Curan bewältigte den kurzen Weg bis zu Krivven, fiel neben diesem auf ein Knie und machte sich daran, die Pfeile aus den Wunden zu drehen. Schlanke Spitzen ohne Widerhaken, wenigstens etwas. Er drückte einen Daumen auf das erste Loch, kramte mit der freien Hand in der Gürteltasche, bis er das Päckchen mit den salbengetränkten Tüchern hervorziehen konnte. Er legte es auf Krivvens Oberschenkel ab und zog eines der Stoffstücke hervor, faltete es auf und presste es dann auf die Wunde. »Kannst du das halten? Dann kümmere ich mich um den zweiten Pfeil.«

Krivven nickte, das Gesicht weiß und kantig vor Schmerz. Seine Finger schoben Curans beiseite, und nun konnte er sich das zweite Geschoss vornehmen und es vorsichtig herausdrehen, einen zweiten Salbenverband aus dem Päckchen nehmen und auf die Wunde drücken. Sofort versiegte der Blutstrom aus dem zerfaserten Fleisch, und jetzt atmete Krivven auf, da beide Verletzungen zu heilen begannen und der Schmerz verebbte.

»Du hast da was am Hals«, murmelte der Bogenschütze.

»Kratzer.«

»Kannst du dich selbst heilen?«

Curan schüttelte den Kopf. »Wenn ein Salbenverband übrig ist, nachdem ich euch alle versorgt habe, klebe ich mir den darauf. Das geht.«

»So hab ich die Elfen noch nie erlebt«, sagte Krivven leise und ließ den Blick über die verwüstete Lichtung fliegen. »Hinterhalt, ja. Pfeile, die einem um die Ohren fliegen. Aber die Attacke hier, überhaupt die Falle … Ungewöhnlich für die Spitzohren. Die haben auf uns gewartet. Sind uns womöglich seit Stunden gefolgt. Ich hab die nicht gesehen.«

Curan hörte sich das müde Gerede geduldig an, stand wieder auf, klopfte Krivvens Schulter und machte sich auf den Weg zum Feldwebel.

Der stopfte Beute in Rucksäcke und blickte erst auf, als Curan neben ihm stand. »Wir haben Fonas verloren. Der Anführer der Elfen lebt noch?«

Wieder konnte Curan nur nicken. Sein Blick flackerte zu den stillen Gestalten von Elfen und dem gefallenen Kameraden.

Der Feldwebel richtete sich auf. »Gut. Wir bestatten Fonas vorerst hier. Ergibt keinen Sinn, ihn durch den Wald zu schleppen, während die Spitzohren womöglich Verstärkung holen. Wir kommen mit einer größeren Einheit zurück, um ihn zu bergen. Jungs, sammelt große Steine. Philar, verschnüre den Kerl da gründlich. Den nehmen wir mit.«

Überlastete Muskeln schrieben böse Beschwerdebriefe, als Curan dem Befehl nachkam und sich auf die Suche nach möglichst großen Steinen machte. Schutz vor Aasfressern – aber nicht vor rachsüchtigen Elfen, wie er wusste. Falls die Kerle es sich in den Kopf setzten, Fonas auszugraben, würden sie das mühelos tun können.

Besser er, als dass sie uns nachkommen und uns mit Pfeilen spicken, bevor wir das Lager wieder erreichen. Er hat es schon hinter sich und ist heimgekehrt ins Schattenreich der Lieben Göttin. Es ist nur noch ein Körper, sagte er sich lautlos vor, während er Steine zum Leichnam trug.

Die anderen halfen – sogar Krivven, obwohl er noch tapsig wie ein kleines Kind wirkte. Curan behielt ihn im Blick, doch mit jedem Schritt ging es ein wenig besser, so schien es. Trotzdem hielt Curan ihn auf. »Trink etwas. Falls der Feldwebel meckert: Anweisung vom Heiler.«

Krivven grinste humorlos. »Gute Idee. Aber wir müssen hier schnell weg. Die Spitzohren rücken bestimmt wieder an, solange sie Hoffnung haben, uns vor dem Lager abzupassen und ihren Anführer wiederzukriegen.«

»Erst mal sind sie kopflos«, behauptete Curan und nahm Krivven den Felsbrocken aus den Händen. »Trinken. Jetzt.«

Der Feldwebel kam nun auch heran und half, Steine auf den Toten zu häufen. Er musterte seine verbliebene Schar kritisch, und Curan zählte stumm im Geiste, wie lange der Mann brauchen würde, das Offensichtliche auszusprechen. Nicht lange!

»Curan, du wirst den Elfen schleppen. Wir anderen passen auf. Jungs, ich hab schon drei Elfenbögen bei unserem Gepäck liegen. Augen auf, ob ihr noch welche seht. Wir marschieren die Nacht durch, mit Glück sind wir bei Sonnenaufgang im Lager.«

Keiner murrte. Nicht einmal Curan, der wusste, dass auch seine Kräfte unter dem Gewicht des bewusstlosen Elfen nicht ewig reichen würden.

Als hätte der Feldwebel seine Gedanken gelesen, sagte der Mann leise zu Curan: »Und wenn du eine Pause brauchst, sagst du das. Ich weiß, dass ich dir harte Arbeit zumute. Aber wir haben keine Zeit, jetzt noch eine Schleppe zu bauen. Außerdem müsstest du die auch ziehen, und du hast gesehen, wie schwierig das Gelände ist.«

»Ich schaffe das«, versprach Curan.

»Ich lasse keinen Elfen an dich herankommen.«

Curan sah zum Gefangenen. Ein Elf würde ihm gleich sehr nahe sein.

Philar hockte neben dem Elfen und bewachte ihn. Der Gefangene war gut verschnürt, und von der bemalten Rüstung befreit blieb eine schlanke Gestalt mit breiten Schultern, schmalen Hüften und schier endlosen Beinen. Wenigstens sah der Mann nicht sehr schwer aus. Curan hatte schon verwundete Kameraden von Schlachtfeldern geschleppt, wozu ihn neben Sorge und einem durch den Kampf aufgeputschten Geisteszustand alleine seine eigene Körpergröße und Muskelmasse befähigt hatten. Er würde den Gefangenen tragen und hoffen, dass der Kerl wieder aufwachte und sich dann in sein Schicksal ergab und ohne Zicken mit seinen Wärtern mitging. Curan hatte zwar seine Zweifel an diesem Ausgang der Geschichte, wenn er an den ungemeinen – ziemlich hinterhältigen – Kampfgeist des Elfen dachte, aber die Hoffnung starb ja bekanntlich zuletzt.

Er übergab sein Gepäck Krivven, kontrollierte seinen Waffengurt und reichte schließlich auch sicherheitshalber den Dolch an den Bogenschützen. Das Schwert sollte der Elf ihm nicht ganz so leicht aus dem Gürtel ziehen können, und Curan spürte eine tief verwurzelte Abneigung sowohl gegen einen Dolch in den Nieren als auch gegen vollkommene Entwaffnung. Gerade in Hinsicht auf die geflüchteten Elfen und eine mögliche zweite Attacke wollte er nicht wehrlos sein.

Er ging neben dem Gefangenen in die Hocke und tätschelte unsanft dessen Wange. Kein Zucken, kein Wimpernflattern. Der Kerl war immer noch weit weg. Im schwindenden Tageslicht und unter der maskierenden Farbe konnte Curan es schlecht ausmachen, aber er meinte, Blut in den farbverklebten Haaren des Elfen zu sehen. Philar hatte mit voller Wucht zugetreten, und dafür war Curan dankbar. Er spürte den Wundschmerz und riss sich zusammen, die Verletzung nicht zu heilen. Die Gabe war endlich, und ein zu häufiger Einsatz erschöpfte Curan. Er durfte es ihr nicht gestatten, ihn auszulaugen. Vielleicht benötigte unterwegs einer der Kameraden sie noch einmal. Dumm, falls er dann alle Reste an den Gefangenen verschwendet hätte.

Der Heimmarsch würde zwar auf dem direkten Wege erfolgen, statt verschlungen Wildwechseln zu folgen wie auf dem Hinweg, aber es lagen trotzdem etliche Meilen zwischen der Patrouille und dem Wachlager. Und wenn der Elf sich nicht bald rührte, würde Curan den Großteil der Strecke mit dem Bewusstlosen auf der Schulter bewältigen müssen.

»Dann los«, sagte der Feldwebel.

Curan atmete tief durch, packte den Gefangenen an den Schultern und setzte ihn auf. Er hatte das Gefühl, sich die Finger an dem Kerl zu verbrennen. Ein heißes Prickeln fuhr ihm direkt unter die Haut, beschleunigte seinen Herzschlag und fühlte sich verblüffend gut an.

Er biss die Zähne zusammen, zog den Elfen hoch, beugte sich vor und wuchtete sich das warme, weiche Gewicht auf die Schulter. Eine Hand schob er zwischen die muskulösen Oberschenkel, um den Elfen sicher halten zu können. Eine kurze Verlagerung des eigenen Schwerpunkts, bis Curan sich im Gleichgewicht befand.

Warme Schauer tanzten über seinen Rücken und ließen ihn schwitzen. Er fragte sich, ob er durch den Erdrosselungsversuch mit dem Bogenholz irgendwie ein wenig den Verstand verloren hatte. Es fühlte sich gut an, den Elfen so nahe zu haben, sein Gewicht zu spüren, ihn zu halten. Beinahe wie ein kleiner Rausch. Ja, der Kerl sah gut aus – was Curan so unter der Tarnfarbe gesehen hatte –, aber eine solche Woge Hitze war doch einfach lächerlich! Er konnte nur hoffen, dass die Anstrengungen des Marsches seinen Kopf klären würden. Und dass keiner der anderen Soldaten bemerkte, dass er gegen ein dummes Grinsen ankämpfen musste!

2.

In Feindeshand

 

Natürlich kam der Elf auf halber Strecke wieder zu sich und benahm sich nicht im Geringsten entgegenkommend. Eben noch hing er wie der ansehnlichste Mehlsack der Welt über Curans Schulter, ehe er unvermittelt zu zappeln begann und sich redlich Mühe gab, einen Ellenbogen gegen Curans Kopf zu hämmern und um sich zu treten. Alleine den Fesseln verdankte Curan es, dass er durch die plötzliche Gegenwehr nur ins Straucheln kam.

Kurzerhand warf er den Elfen zur Seite ab. Glück für den kleinen Mistkerl, dass da ein Gebüsch stand, das den Aufprall ein wenig milderte. Trotzdem fauchte der Elf etwas, was nach einem Fluch, einer Verwünschung oder einem Gossenausdruck klang – so Elfen denn über Gossen verfügten.

Curan verschränkte die Arme vor der Brust und starrte auf den Elfen nieder. Selbst gefesselt und zerkratzt hatte dessen Anblick die Wirkung, ihm den Schädel mit warmer Luft zu füllen, in der wie besoffen Schmetterlinge herum torkelten. Er entsann sich des erschreckenden Augenblicks, da er gemeint hatte, Flammen in den Iriden seines Gegners tanzen gesehen zu haben. Besaßen Elfen magische Gaben? Das wäre ihm vollkommen neu, aber es würde manches erklären! Vielleicht hielten sie es ja geheim und schlugen dann umso überraschender zu?

»Ah, ist das Spitzohr endlich wach?« Der Feldwebel trat neben Curan und machte ihm die Sache mit den Armen vor dem Brustkasten nach. »Wird sich noch zeigen, ob du all die Mühe wert bist. Curan, wenn du ihm die Stricke von den Beinen abmachst, sei vorsichtig. Der sieht ganz so aus, als ob er wie ein Maulesel auskeilen möchte. Strick um den Hals. Lang genug, dass er zwischen zwei Männern gehen kann, die ihn bändigen.«

 

Bändigen. Wie ein wildes Tier. Zeriac hatte bisher gedacht, die Eindringlinge und Eroberer aus Kyelle von Herzen zu verabscheuen, aber er lernte gerade, dass das bislang nur milde Abneigung gewesen war. Er schoss einen hasserfüllten Blick zu dem Anführer der Soldaten empor. Feldwebel! Ha! Wie hatte dieser geistig Minderbemittelte es in die Position geschafft? Vom reichen Vater eingekauft oder sich durch zahlreiche Schwänze gelutscht, bis irgendein Trottel ihm ein Abzeichen umgehängt hatte!

Er wusste nicht, was erniedrigender sein würde: Gegenwehr oder stilles Dulden. Zähneknirschend hielt er still, als die Kerle ihm Stricke um den Hals banden, keine Schlingen, die sich zuziehen konnten. Der Große löste die festen Seile um Zeriacs Unterschenkel, und dann musste er die Zähne zusammenbeißen, um nicht vor Schmerz zu stöhnen, als das Blut wieder zu fließen begann und seine kalten, tauben Zehen weckte.

Ganz genau betrachtet tat ihm alles weh. Hinter seiner Stirn und den Schläfen rumpelten Steine umher, die bei jeder kleinen Bewegung gegen die Innenseite des Schädels krachten, dass Funken aufstoben. Der große Trampel, befand Zeriac, hatte ihm wahrscheinlich Rippen angebrochen, die Würgemale am Hals brannten, und Schlucken war eine ganz schlechte Idee.

»Weiter. Wir haben genug Zeit verloren«, meckerte der Feldwebel herum.

Zeriac wollte ihm gerne in die Augen spucken, bis der Kerl blind war! Auskratzen ging ja leider nicht. Falls er seine Hände jemals wieder benutzen konnte, denn die Stricke, die ihm die Arme auf den Rücken banden und fest gegen den Körper drückten, waren so straff, dass die Finger wie die Zehen zuvor gefühllos und kalt waren.

Einer der Männer ruckte am Strick, und Zeriac mühte sich, auf die Beine zu finden. Die wollten nicht so recht gehorchen, und der zweite Ruck am Seil fiel ungeduldig und härter aus, zerrte Zeriac zur Seite.

Vielleicht sollte er einfach sitzen bleiben, bis sie ihn erwürgten. Er wusste, was die Bastarde aus Kyelle mit Gefangenen machen. Da war eine Erdrosselung vielleicht wirklich die bessere Idee.

Aber eine große, warme Hand umspannte mit einem Mal seinen Oberarm, sandte eine wahre Sturzflut von Funken über Zeriacs Haut, prickelte Wärme in die Muskeln und ließ ihn nach Luft schnappen, als der Heiler ihn auf die Beine zog und ihm dabei offenkundig eine Dosis seiner Magie verpasste. Absichtlich? Oder war der Mann einfach ein Diener seiner Gabe und konnte gar nicht anders, als Verletzungen zu behandeln? Wie auch immer, dem angeschlagenen Kopf half das kein bisschen! Unfähig war der Kerl also auch noch!

Zeriac atmete in flachen Zügen durch zusammengebissene Zähne, um Schwindel und Übelkeit niederzukämpfen. Er würde nicht winseln, nicht um Gnade oder eine Rast bitten. Auf gar keinen Fall!

»Curan, wir müssen weiter«, meldete der verdammte Feldwebel sich wieder.

»Gleich. Er war so fest verschnürt, dass seine Beine ihn noch nicht tragen können. Wir kämen nicht weit und wären vor allem nicht schnell.«

Der Heiler – Curan, wie Zeriac nun wusste – hielt ihn noch eine kurze Weile fest, und wahrscheinlich war es nur dieser Nähe zu verdanken und weil der Kerl zu ihnen gehörte, dass die beiden an den Seilenden noch warteten. Doch der Feldwebel wurde immer ungeduldiger. Zeriac hörte das an seinen Atemzügen, am Rasseln der Rüstung, am Stampfen.

Allmählich verebbte die Übelkeit. Die Schmerzen und ein seltsam leichtes Gefühl im Kopf blieben. Außerdem roch der Große gut. Zeriac biss die Zähne so fest zusammen, dass es wehtat. Wo war dieser hirnverbrannte Gedanke hergekommen? Ein Funkenreigen tanzte seine Wirbelsäule hinab.

Vielleicht sollte ich den Kerl jetzt treten. Am Boden macht er sich bestimmt äußerst reizvoll.

Curan trat beiseite und löste seine Hand langsam von Zeriacs Arm. Sofort fröstelte Zeriac. Jeden Fingerabdruck spürte er als kalte Erinnerung der Berührung. Er stapfte los, bevor seine Bewacher erneut an den Seilen reißen konnten.

Oh, er wusste genau, wie weit es noch war. Zu weit, wenn er nach den Schmerzen in seinen Beinen urteilte. Seitdem die Patrouille aus dem Tor des Wachlagers getreten war, hatte er sie als Schatten verfolgt, ihren Gesprächen gelauscht, nachdem am Vorabend Kundschafter das Gerücht in die Siedlung gebracht hatten, mit dem neuesten Heereszug wäre ein Heiler ins Lager gekommen.

Zeriac hatte Wache gehalten, ob der Heiler – die Beschreibung war ja unverkennbar gewesen: Riesenkerl, feuerrote Haare, fällt wie ein Leuchtturm inmitten der krummbeinigen Soldaten auf – weitermarschierte oder im Lager blieb. Und dann hatte er gewartet, bis ein kümmerlicher Trupp vor das Lagertor getreten war und den roten Leuchtturm an die frische Luft geführt hatte. Der Rest: ein Kinderspiel. Kyelles Männer waren so berechenbar. Jeden Tag der gleiche Weg auf Patrouille. Der gleiche Lagerplatz, immer die gleichen Männer. Nun, bis auf den riesigen Rotschopf.

Der hatte nun sein Gepäck wieder an sich genommen und stapfte vor Zeriac durch den dunklen Wald. Hin und wieder brach Mondlicht durch das dichte Blätterdach, und selbst der bläuliche Schein ließ das rote Haar wie Blut leuchten.

Dass der Kerl viel zu viel Kraft besaß, hatte er ja schon bewiesen, und es war kein Wunder bei diesem Körperbau. Zeriac grollte lautlos über sich selbst, dass er die Attacke nicht rechtzeitig erkannt hatte und deswegen in diese aussichtslose Lage geraten war. Aber Curan war ein Heiler, und als er Zeriac auf die Beine gezogen hatte, war dies ohne Grobheit geschehen. Wenn doch nur die Steine aufhören würden, durch Zeriacs armen Kopf zu rumpeln, könnte er das vielleicht ausnutzen! An Ritterlichkeit appellieren, wie sie in der Oberschicht von Kyelle durchaus noch zu finden war. Denn Curan sprach wie einer aus dieser Klasse. Alle Silben akkurat, nichts verschliffen, nichts verkürzt. Aber der Mann war nur einfacher Soldat, kein Offizier. Das passte nicht zusammen.

Zeriac kniff die Augen halb zu und musterte die eindrucksvolle Gestalt vor sich gründlich und mit dem Blick eines Fachmanns, wie er sich sagte. Groß und schwer, aber nicht tölpelhaft langsam oder gar plump in seinen Bewegungen. Im Kampf niemand, mit dem Zeriac sich gerne ein zweites Mal anlegen wollte, und doch … redete er sich das nur ein, oder legte der Kerl wirklich Fürsorge an den Tag? Da! Jetzt sah er sich um. Helle Augen, die Zeriac musterten, vielleicht nach Schwäche suchten. Nun, die bekam er hier nicht zu sehen! Auf gar keinen Fall. Oder? Zeriac wusste es einfach nicht, aber er musste einen Ansatzpunkt für einen Hebel finden, damit er irgendwie entkommen konnte. Auf den vom Feldwebel erwarteten zweiten Angriff durfte er nicht hoffen. Zu weit war die Siedlung entfernt, aus der Verstärkung herbeigerufen werden könnte. Und die wenigen Überlebenden seines kleinen Trupps konnten keine weitere Attacke wagen. Sehr unwahrscheinlich also, dass bis zum Wachlager etwas von dieser Seite geschah, was Zeriac retten konnte.

 

Nach einer weiteren Stunde spürte Zeriac das Hinken. Das rechte Bein schmerzte bei jedem Schritt, und jede Erschütterung nahm der Kopf mehr und mehr übel.

Der einzige Lichtblick bestand darin, dass Curan es ebenfalls gemerkt hatte. Leise wehte seine Stimme zu Zeriac, als der Große den Feldwebel um eine Rast bat. Zeriac atmete lautlos auf, stolperte über eine Wurzel, was das Bein zum Anlass für offene Rebellion nahm. Er stürzte zu Boden, fühlte die Seile hart in seinen Hals einschneiden, sehnte Dunkelheit herbei und landete doch nur bäuchlings in Brombeerranken. Er riss den Kopf vor dem Aufprall noch zur Seite, spürte Dornen frischen Blutzoll fordern und konnte einfach nicht mehr. Sein Körper war ein einziger Schmerz.

»Bringt ihn wieder auf die Beine!«, schnauzte der Feldwebel.

Zeriac schloss die Augen. Nur eine kleine Weile, bitte.

Aber da berührte ihn einer der Soldaten, und sofort spannte er alle Muskeln an, bereitete sich auf Gegenwehr vor, von der er wusste, dass er sie nicht zu leisten vermochte. Funken prickelten über seine Haut. Die Heilergabe. Er atmete lautlos auf. Es war Curan.

Der ihn fast erwürgt hatte! Zeriac wischte das Gefühl falscher Erleichterung beiseite.

»Er kann nicht mehr, Feldwebel.«

»Der tut nur so! Elfen sind zäh!«

»Ich bin Heiler, Feldwebel. Philar hat ihm fast den Schädel eingetreten. Ein Wunder, dass er überhaupt so lange durchgehalten hat. Er kann nicht mehr.« Die große Hand auf Zeriacs Schulter rüttelte ihn kurz. »Ich werde dich wieder tragen. Machst du Zicken, suche ich ein besonders dorniges Gebüsch, um dich hineinzuwerfen. Wirst du vernünftig sein?«

Zeriac raffte seine Würde um sich, soweit die Lage dies gestattete. »Ich füge mich der Gewalt.«

»Du solltest Theaterschreiber werden«, gab Curan zurück, und in der tiefen Stimme klang unverkennbar ein Lächeln mit.

Zorn brodelte heiß in Zeriac auf, mischte sich mit der Wärme, die durch seine Muskeln tanzte. Aber er hielt still und fügte sich tatsächlich, als Curan ihn kurzerhand aus den Brombeeren klaubte, aufsetzte und die Stricke um den Hals entfernte. Menschen sollten einfach nicht so groß und stark sein. Und schon gar nicht sollten sie dazu verlocken, den Kopf an ihre Schulter zu lehnen und zu vertrauen.

Er fühlte sich auf die schmerzenden Beine gezogen und fürchtete die frischen Fesseln, die alles noch schlimmer machen würden. Aber Curan beugte sich einfach vor und wuchtete ihn sich auf die Schulter, ohne erneut Seile um Zeriacs Unterschenkel zu schnüren.

Bequem war es auf der gerüsteten Schulter auch nicht, obendrein vertrug sich der Transport wie ein Mehlsack nicht mit Zeriacs Würde, aber es war eine Wohltat, nicht mehr auf eigenen Beinen durch den Wald stolpern zu müssen. Die wohlige Hitze folgte Zeriac auf seinen luftigen Posten und steigerte sich, als Curan den Unterarm über seine Beine legte, die Finger fest auf den Oberschenkel drückte.

Das konnte nicht alleine die Heilergabe sein! Zeriac wusste, wonach es sich anfühlte, und zählte im Geiste alle Verbrechen auf, die Kyelle seit Anbeginn der Zeiten an Elfen, Zwergen und jedem eingebildeten Feind begangen hatte. Es waren sehr viele Verbrechen, und diese Tätigkeit beschäftigte Zeriac dementsprechend eine ganze Weile und lenkte ihn mitunter für die Dauer von zwei Herzschlägen von der Körperwärme des Großen, von dessen Duft und jener aufdringlichen Hand auf seinem Bein ab.

Erste Morgenröte brach durch das Blätterdach und beleuchtete zwei grimmige Soldaten, die hinter Zeriac und Curan marschierten. Er bedachte sie stumm mit einer erklecklichen Anzahl von Schimpfworten. Dann sah er unter sich die Straße hinwegziehen. Sie überquerten das Symbol der Unterdrückung, und auf der anderen Seite dieser Schnittwunde durch Zwergenland stand das Wachlager. Zeriac schluckte hart und richtete sich soweit wie möglich auf, um Freiheit einen letzten Blick zuzuwerfen.

»Hör auf zu zappeln, sonst suche ich ein Dornengebüsch.«

Die Stimme übertrug sich durch die Rüstung von einem Körper auf den anderen. Zeriac knirschte mit den Zähnen und gab kalt zurück: »Ich zappele nicht.«

Curan lachte leise. Zeriac wollte ihn umbringen!

 

Der Feldwebel erstattete Bericht, nachdem er Curan befohlen hatte, den Gefangenen bei den Kerkerkäfigen abzuliefern. Krivven wies ihm den Weg und humpelte dann müde in seine Unterkunft. Nun, müde war Curan auch, und so schlank und klein der Elf auch aussah, war er in den letzten zwei Stunden doch beharrlich immer schwerer geworden. Jetzt verhielt er sich vollkommen friedlich und schien sich auf Curans Schulter zu ducken. Verdenken konnte Curan ihm das nicht. Wären die Rollen vertauscht und er befände sich in der Gewalt der Elfen, würde er sich auch klein machen und lautlos zu seiner Göttin beten, dass er irgendwie heil aus der Sache herauskäme.

Die Kerkerkäfige standen in einer stillen Ecke, zusätzlich durch eine kleine Palisade umwallt und geschützt unter einem Strohdach auf Holzpfosten. Curan zählte sechs kleine Gitterzellen, von denen zwei durch Soldaten belegt waren. Einer lag in einer Bierwolke da und schnarchte, der andere zuckte furchtsam zusammen, als die Wächter sich erhoben, um Curan von seiner spitzohrigen Last zu befreien.

Der Elf sah blass und angespannt aus, und als die Wächter ihn zu Boden stellten, schienen seine Beine ihn kaum tragen zu wollen. Nicht aus Angst, wie Curan mit widerwilliger Anerkennung sah, als der Elf ihm einen Funken sprühenden Blick voller Wut entgegen schleuderte. Und trotzdem hielt Curan ihn noch einen Augenblick lang fest und hatte das Gefühl, ihn nie wieder loslassen zu wollen. Oder zu können.

Morgenlicht und Fackelschein genügten, um ihn die Augenfarbe erkennen zu lassen. Ein dunkles Blau von solcher Klarheit, dass es fast schon wehtat, in diese Iriden zu blicken. Das mochte aber auch am brodelnden Hass in diesen Augen liegen. Das Licht bestätigte trotzdem, was Curan schon vor Stunden gedacht hatte: Der Elf war schön. Schlicht und ergreifend lautete so die Wahrheit.

Und bevor Curan sich auf die Zunge beißen konnte, fragte er: »Was geschieht jetzt mit ihm?« Er hätte die Worte am liebsten aus der Luft gegriffen und zurückgenommen, bevor irgendjemand sie hören konnte, sah, wie die Augen des Elfen sich ein wenig weiteten, sogleich verengten, als würde dieser Krieger gerade Möglichkeiten abwägen. Nicht gut!

»Das entscheidet der Kommandant. Aber wir sollten ihn wohl am besten entlausen, bevor das ganze Lager die Räude bekommt!«

Knapp schaffte Curan es, die Bemerkung zu unterdrücken, dass Läuse und Räude nichts miteinander zu tun hätten. Außerdem … Falls der Elf wirklich Ungeziefer beherbergte, hätte Curan das schon lange am eigenen Leib zu spüren bekommen. Aber er zuckte die Schultern und verließ den Arrestbereich. Bei jedem Schritt spürte er, wie der Blick des Elfen ihm Brandlöcher in den Rücken sengte. Dann fiel die Tür im Palisadenzaun hinter Curan zu, und er atmete tief durch, wischte sich über die müden Augen und fragte sich nicht zum ersten Mal, ob er vielleicht wirklich gerade den Verstand verlor.

Vielleicht waren im Essen ja tatsächlich giftige Pilze gewesen! Das würde die Albträume im Mannschaftszelt rings um Curans Schlaflager ebenso erklären wie seine eigene Verwirrung. Denn es hatte sich so gut angefühlt, den Elfen nahe bei sich zu haben, ihn zu tragen, die Muskeln unter den Fingern zu spüren, die Körperwärme … Curan stapfte energisch zur Mannschaftsküche. Tee, etwas Brot. Keine Speise, in der sich ein Pilz verstecken konnte! Falls er sich wirklich eine Vergiftung zugezogen hatte, konnte er mit einfachen Lebensmitteln zurechtkommen, bis das letzte bisschen Pilz seinen Körper wieder verlassen hatte. Dann würde er auch aufhören, sich solchen Unsinn einzureden.

Oder der Elf besaß tatsächlich irgendeine magische Gabe. Auf jeden Fall ließ sich nicht leugnen, dass Curan gefallen hatte, was er durch den Wald geschleppt hatte. Das musste er sich eingestehen, dann ging es ihm bestimmt auch bald besser.

Er holte sich Tee und einen kleinen Laib Brot bei der Mannschaftsküche, setzte sich zu Kameraden an einen Tisch, genoss den Sonnenschein und hielt sich an seinem Becher fest.

Der Elf hatte nicht gefleht. Bis auf den einen Fluch, nachdem Curan ihn ins Gebüsch abgeworfen hatte, bis auf die gegrollte Antwort auf Curans Angebot, ihn erneut zu tragen, hatte er gar nichts gesagt.

---ENDE DER LESEPROBE---