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Er kommt aus Gran Canaria und ist der Sohn von Dr. Daniel Nordens Cousin Michael und dessen spanischer Frau Sofia. Alexander kennt nur ein Ziel: Er will Arzt werden und in die riesigen Fußstapfen seines berühmten Onkels, des Chefarztes Dr. Daniel Norden, treten. Er will beweisen, welche Talente in ihm schlummern. Dr. Norden ist gern bereit, Alexanders Mentor zu sein, ihm zu helfen, ihn zu fördern. Alexander Norden ist ein charismatischer, unglaublich attraktiver junger Mann. Die Frauenherzen erobert er, manchmal auch unfreiwillig, im Sturm. Seine spannende Studentenzeit wird jede Leserin, jeden Leser begeistern! »Ausnahmsweise ein ruhiger Nachmittag heute, was?« Notarzt Dr. Lars Rudolf parkte den Rettungswagen vor einer Mc Donalds-Filiale. »Ich habe jetzt Lust auf einen richtig ungesunden Hamburger. Du auch, Alex?« »Keine schlechte Idee. Ein dicker Hamburger mit viel Käse käme mir im Moment sehr gelegen. Und bring am besten noch einen Becher Kaffee mit. Schwarz und ohne Zucker.« »Ich? Wieso ich?« Dr. Rudolf zog erstaunt die Augenbrauen hoch. »Aber … aber du hast doch soeben hier gehalten, Lars, und vorgeschlagen, dass wir …« »So ist es«, fiel Dr. Rudolf Alex ins Wort. »Und damit habe ich meinen Teil der Arbeit geleistet. Das Essen zu holen ist jetzt dein Part.« Er grinste.
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Seitenzahl: 130
Veröffentlichungsjahr: 2022
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»Ausnahmsweise ein ruhiger Nachmittag heute, was?« Notarzt Dr. Lars Rudolf parkte den Rettungswagen vor einer Mc Donalds-Filiale. »Ich habe jetzt Lust auf einen richtig ungesunden Hamburger. Du auch, Alex?«
»Keine schlechte Idee. Ein dicker Hamburger mit viel Käse käme mir im Moment sehr gelegen. Und bring am besten noch einen Becher Kaffee mit. Schwarz und ohne Zucker.«
»Ich? Wieso ich?« Dr. Rudolf zog erstaunt die Augenbrauen hoch.
»Aber … aber du hast doch soeben hier gehalten, Lars, und vorgeschlagen, dass wir …«
»So ist es«, fiel Dr. Rudolf Alex ins Wort. »Und damit habe ich meinen Teil der Arbeit geleistet. Das Essen zu holen ist jetzt dein Part.« Er grinste. »Und vergiss nicht: In meinen Hamburger muss die doppelte Portion Ketchup.«
Alex öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, bedachte den Notarzt dann aber nur mit einem vielsagenden Blick und löste seinen Sicherheitsgurt.
Flink sprang er aus dem Rettungswagen und betrat das Mc Donalds.
Während er sich in die Schlange der Wartenden einreihte, wanderten seine Gedanken zu Sina.
Sie nutzte den vorlesungsfreien Nachmittag wieder einmal, um zusammen mit ihrer Mutter einkaufen zu gehen.
Sina und ihre Mutter wollten die exklusiven Modegeschäfte in der Fußgängerzone am Odeonsplatz unsicher machen. Aber auch ein Abstecher in die Galleria Kaufhof am Marienplatz stand auf dem Programm. Die beiden wollten dort ausgiebig herumstöbern.
Und anschließend natürlich gemeinsam Kaffee trinken gehen und über die neuesten Neuigkeiten plaudern.
Alex grinste in sich hinein.
Heute Abend, wenn er nach Hause kam, würde eine gut gelaunte Sina für ihn Supermodel spielen und ihm in einer kleinen Modenschau ihre neu erworbenen Kleidungsstücke vorführen.
Vielleicht war sogar ein Badeanzug oder ein knapper Bikini darunter …
»Hallo Sie! Sie sind an der Reihe!« Der Mann, der hinter Alex stand, klopfte Alex auffordernd auf die Schulter.
Alex zuckte erschrocken zusammen.
»Äh … ich möchte … äh … zwei Hamburger mit Käse, einer davon mit doppelt Ketchup. Und zwei Becher Kaffee, einer davon schwarz und einer mit Milch und Zucker«, orderte Alex, als er wieder im Hier und Jetzt angekommen war.
»Zum Mitnehmen? Oder wollen Sie hier im Lokal essen?«
»Zum Mitnehmen.«
»Okay. Macht 14 Euro 80«, sagte der Angestellte.
Alex zog seinen Geldbeutel aus der Gesäßtasche seiner Jeans.
Erst in diesem Moment fiel ihm auf, dass Lars Rudolf ihm kein Geld mitgegeben hatte.
Hatte Lars es etwa auf eine Einladung abgesehen?
Alex verzog missmutig das Gesicht, bezahlte und lief zum Rettungswagen zurück.
Er schwenkte die Tüte mit den Hamburgern in der Luft, um Lars‘ Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, doch der Notarzt würdigte Alex keines Blickes.
Er hielt das Funkgerät in der Hand und war allem Anschein nach gerade damit beschäftigt, einen Notruf abzuhören. Seine Miene war dabei so ernst und entsetzt, dass sich in Alex‘ Magengrube unwillkürlich ein flaues Gefühl ausbreitete.
Er beschleunigte seine Schritte, riss die Tür des Rettungswagens auf und wollte sich gerade erkundigen, was los war, als Lars Rudolf das Funkgerät weglegte und ihn ungeduldig auf den Beifahrersitz zog. »Komm, steig schon ein, Alex. Und nicht in einem solchen Schneckentempo. Wir müssen zur Galleria Kaufhof am Marienplatz. Dort ist ein Mann Amok gelaufen. Er hat in der Bekleidungsabteilung von einer Sekunde auf die andere eine Pistole aus der Tasche gezogen und wild herumgeballert. Wahllos nach allen Richtungen. Zu guter Letzt hat er die Pistole an seine Schläfe gesetzt und sich selbst erschossen. Ob er der einzige Tote ist, wissen wir nicht. Die Polizei ist bereits vor Ort. Es wurden außer uns noch weitere Rettungswägen alarmiert. Sollte es viele Verletzte geben, werden sie auf mehrere Münchner Kliniken verteilt.«
Einen Moment lang drehte sich vor Alex alles im Kreis.
Die Tüte mit den Hamburgern purzelte in die Ablage zwischen Fahrer- und Beifahrersitz, die Kaffeebecher entglitten ihm und ergossen ihren Inhalt über seine Beine und in den Fußraum des Beifahrersitzes.
»Wa … was?«, entfuhr es ihm mit schriller Stimme.
»Frag nicht lang. Schnall dich an und los gehts«, antwortete Dr. Rudolf, startete den Motor und schaltete Martinshorn und Blaulicht ein.
Mechanisch befestigte Alex den Sicherheitsgurt, während vor seinem geistigen Auge ein Schreckensbild das andere ablöste.
Er sah Sina vor sich, wie sie von dem wahnsinnigen Amokläufer gejagt wurde und verzweifelt versuchte, sich zwischen irgendwelchen Mänteln oder Jacken zu verstecken. Er sah Sinas Mutter hingestreckt in ihrem Blut liegen, die Einkaufstüten noch in der Hand. Er sah Sina, wie sie sich, verzweifelt um Hilfe schreiend, über ihre Mutter beugte und in derselben Sekunde von einer Kugel getroffen wurde.
Es würgte Alex, und er hatte mit einem Mal das Gefühl, sich übergeben zu müssen.
»He, Alex! Alles in Ordnung?«, hörte er in diesem Moment Dr. Rudolfs Stimme.
Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass seine Jeans nass von Kaffee war und dass seine Oberschenkel brannten wie Feuer. Und dass auch seine weißen Turnschuhe nass und zudem bräunlich verfärbt waren, weil seine Füße mitten in der Kaffeebrühe standen.
»Ja, alles klar. Alles in Ordnung«, antwortete er dessen ungeachtet, mühsam seine Beherrschung wiederfindend.
Dr. Rudolf wandte ihm für einen Sekundenbruchteil sein Gesicht zu. »Sieht aber nicht unbedingt so aus«, brummte er.
»Sina und ihre Mutter – sie sind unterwegs auf Shoppingtour«, brach es nun doch aus Alex heraus. »Sie wollten unter anderem auch in die Galleria Kaufhof. Und deshalb …«
»Dass sie dort unter anderem hinwollten, heißt nicht notwendigerweise, dass sie genau zum fraglichen Zeitpunkt in der Galleria waren«, beschwichtigte Dr. Rudolf. »Und wenn es so wäre, könntest du jetzt auch nichts mehr daran ändern, Alex. Aber du kannst möglichst vielen Menschen helfen, die völlig unschuldig in diese schreckliche Situation geraten und verletzt worden sind. Und das ist jetzt deine Aufgabe.«
Alex nickte stumm.
Lars‘ Antwort befriedigte ihn nicht und nahm ihm auch nicht seine Angst um Sina, dennoch leuchtete ihm der nüchterne Wahrheitsgehalt beinahe gegen seinen Willen ein.
Er schüttelte sich, als könnte er sich auf diese Weise seiner Ängste und Sorgen entledigen. »Vielleicht sitzen Sina und ihre Mutter ja gerade gemütlich und in völliger Sicherheit im ‚Café Glockenspiel‘«, versuchte er schließlich ein schiefes Grinsen. »Sie sehen sich aus luftiger Höhe das Aufgebot an Polizeiautos und Rettungswagen auf dem Marienplatz an, hören den Lärm der Martinshörner und fragen sich, was da wohl passiert sein mag.«
»Und dann bestellen sie sich ein weiteres Stück Torte, um nicht am leeren Tisch zu sitzen, bis sie, nachdem das ärgste Getümmel vorüber ist, den Mumm haben, das Café zu verlassen«, ergänzte Dr. Rudolf.
Allerdings geriet auch ihm das Grinsen zur Grimasse.
Alex wischte mit spitzen Fingern über seine nasse Jeans, hob die Kaffeebecher vom Boden auf und stellte sie zusammen. Dabei stellte er fest, dass sogar die Tüte mit den Hamburgern einen Schwall Kaffee abbekommen hatte.
»Womöglich sind Sina und Paola auch schon auf dem Nachhauseweg«, spann er den Faden weiter. »Und kassieren einen Strafzettel, weil sich ihre Einkaufstüten bis zum Autohimmel stapeln und sie deshalb nicht einmal mehr den Rückspiegel benutzen können.«
»So ists recht, Alex«, lobte Dr. Rudolf. »Man muss immer das Beste annehmen, solange das Schlechteste nicht erwiesen ist.« Er tätschelte kurz Alex‘ Arm. »Das hat einmal irgendein kluger Mann gesagt. Leider weiß ich nicht mehr, wie er geheißen hat.«
*
»Harry, bitte bleib bei mir! Bitte lass mich nicht allein, Harry! Bitte, hilf mir! Ich habe solch schreckliche Angst! Wenn der Mann mit der Pistole wiederkommt, wenn er wieder so laut brüllt und wieder mit der Waffe herumfuchtelt wie ein Berserker, dann …«
Harald Lehmann, ein Mann in seinen Fünfzigern, kehrte sofort um und wandte sich der jungen Frau zu, die, ihre Hände Hilfe suchend nach ihm ausgestreckt, am Boden in einer Ecke der Umkleidekabine kauerte. Er kniete sich neben sie und schloss sie tröstend und beschützend in seine Arme. Dann schmiegte er sein Gesicht an ihres, streichelte wieder und wieder begütigend über ihren Rücken und wiegte sie zu guter Letzt hin und her wie ein Baby.
»Der Wahnsinnige kommt nicht wieder Irina. Du brauchst keine Angst mehr zu haben, mein Schatz. Es fällt kein Schuss mehr. Kein einziger. Und die Polizei und die Sanitäter sind mit Sicherheit auch schon da. Du musst das Martinshorn doch gehört haben.«
Irina nickte stumm und barg das tränenüberströmte Gesicht an Harald Lehmanns Schulter.
Harald löste sich sehr sanft, aber bestimmt von ihr. »Und was macht dein Oberarm, Irina? Hast du starke Schmerzen?«
Irina nickte schniefend. »Es tut ganz schrecklich weh. Und es … es blutet.« Sie warf einen zaghaften Blick auf das rot gefärbte Herrentaschentuch, das sie auf die Wunde drückte, wandte sich aber gleich wieder ab.
»Ja, es blutet, meine arme kleine Maus«, bestätigte Harry. »Aber es ist mit Sicherheit weniger schlimm, als es aussieht. Ich bin zwar kein Arzt, aber soweit ich die Wunde beurteilen kann, handelt es sich lediglich um einen Streifschuss.«
»Das glaube ich nicht. Ich habe nämlich grauenhafte Schmerzen. Und mir ist übel. Ich fürchte, ich muss mich übergeben. Und mein Kopf … fühlt sich an, als würde er jeden Moment zerspringen.«
»Ich hole Hilfe, Irina«, versprach Harry. »Die Ärzte und Sanitäter müssen längst im Haus sein. Aber du musst mich jetzt fortlassen, damit ich nach einem Arzt suchen kann. Wenn wir hier in der Umkleidekabine warten, bis man uns findet, dann … dann wird das noch viel zu lange dauern.«
Irina nickte, aber es war ihr nur allzu deutlich anzusehen, wie unbehaglich ihr bei dem Gedanken war, allein zurückbleiben zu müssen.
Sie sank kraftlos in sich zusammen.
»Die Gedanken vor dem Entschlafen«, murmelte sie mit vom Weinen heiserer Stimme, »alle in diesem Augenblick gehauchten Worte der Herbstnacht, alle einsam armen Wege, die Trauer und das Ende der Liebe.« Ein tiefer Seufzer folgte. »Wirst du mich vergessen, Harry, wenn ich …«
Harald Lehmann hielt, den Vorhang des Umkleideraums noch in der Hand, inne.
»Du wirst nicht sterben, Irina. Und deshalb sollst du auch keine Gedichte rezitieren, die vom Tod handeln. Das … das bricht mir das Herz. Und das willst du doch nicht, oder?«
Irina schüttelte wortlos den Kopf.
»Dann lass mich jetzt gehen und einen Arzt holen, ja?«
»Ja, geh«, kam es leise und kaum vernehmlich von Irina.
Harald Lehmann warf noch einen raschen Blick auf die junge Frau, dann eilte er aus dem Bereich der Umkleidekabine.
Zu seinem Entsetzen stellte er fest, dass draußen im Verkaufsbereich ein Durch- und Vorwärtskommen kaum möglich war. Immer noch liefen Menschen in Panik durcheinander, auf der Flucht vor einer Gefahr, die nur noch in ihrer Vorstellung existierte.
Als ein Mann mit blutüberströmtem Gesicht seinen Weg kreuzte, fühlte Harald, wie seine Knie wacklig wurden.
War er hier in einem Horrorfilm gelandet?
Endlich sah er einen weißen Arztkittel aufblitzen, schob mit letzter Kraft eine weinende Frau, die ihm entgegenkam, beiseite und stürzte sich auf das weiße Stück Stoff, als wäre es ein Rettungsanker.
Er hielt sich daran fest, sodass ihm Alex, der Träger des weißen Kittels, nicht mehr entfliehen konnte.
»Hallo, Sie da!«, stieß er hervor. »Sind Sie Arzt? Wir brauchen dringend einen Arzt. Meine … Irina wurde angeschossen. Sie ist schwer verletzt. Sie müssen ihr helfen. Ich weiß nicht, wie lange sie noch durchhält.«
Alex versuchte, sich aus Haralds Griff zu befreien, was ihm allerdings nicht gelang. »Ich bin kein Arzt«, sagte er schließlich. »Ich bin nur Sanitäter. Ich weiß nicht, wo Dr. Rudolf im Moment …«
»Wo dieser Dr. Rudolf ist, ist mir völlig egal. Sie kommen jetzt sofort mit mir, hören Sie! Egal ob Arzt oder Sanitäter. Und wenn ich Sie mit Gewalt zu Irina schleppen muss.«
Alex gab seinen Widerstand als zwecklos auf. »Gut. Bringen Sie mich zu Ihrer Frau«, stimmte er zu.
An durcheinander drängenden Menschen vorbei, erreichten Alex und Harald Lehmann schließlich die Umkleidekabine.
Zu Alex‘ Verblüffung stand er dort aber nicht einer Frau in mittleren Jahren gegenüber, wie er erwartet hatte, sondern einer Jugendlichen, die seiner Schätzung nach nicht mehr als siebzehn Jahre zählte und die er deshalb für Harald Lehmanns Tochter hielt.
Sie war leichenblass und ihr Gesicht war schmerzverzerrt.
Trotzdem konnte man auf den ersten Blick sehen, dass sie eine Schönheit war mit ihren riesigen rehbraunen Augen und den langen, dunkelblonden Haaren, die ihr bis zur Hüfte reichten.
Ihre atemberaubende Figur war nur von einem schwarzen BH und einem schwarzen Tanga-Höschen verhüllt. Offenbar hatte sie diese Kleidungsstücke anprobiert, kurz bevor das Unglück geschah, denn neben ihr lagen ein gebrauchtes Set Unterwäsche sowie ein Jeansrock, ein Shirt, eine Jeansjacke und eine Handtasche.
»Ich bin Alex. Ich bin Medizinstudent und Sanitäter«, stellte er sich vor, während er vorsichtig das blutgetränkte Herrentaschentuch von Irinas Arm entfernte, um die Wunde in Augenschein zu nehmen. »Ein Streifschuss«, stellte er nach eingehender Betrachtung fest. »Sie kommen am besten mit zum Rettungswagen, Irina. Wir bringen Sie zur Behnisch-Klinik. Dort wird Ihr Oberarm sicherheitshalber geröntgt. Dann wird die Wunde desinfiziert und verbunden. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist es mit dieser ambulanten Behandlung getan, sodass Sie die Klinik noch heute Abend, spätestens aber morgen im Laufe des Vormittags verlassen können. Ich lege Ihnen jetzt anstelle des Taschentuchs erst einmal einen Notverband an.«
Irina bedachte Alex mit zweifelnden Blicken.
Ein voll ausgebildeter Arzt wäre ihr entschieden lieber gewesen als ein Medizinstudent, der nebenbei als Sanitäter jobbte, aber besser als nichts war, wie sie sich sagte, diese Erstversorgung allemal.
»Irina ist, als sie angeschossen wurde, gestürzt und mit dem Kopf an die Wand hinter dem Spiegel geknallt«, sagte nun Harald Lehmann. »Sie hat vorhin über Übelkeit geklagt. Und über Kopfschmerzen.«
»Gut zu wissen.« Alex prüfte Irinas Reaktion auf Licht und ihr Gesichtsfeld mittels Fingerperimetrie. »Ich kann fürs Erste nichts feststellen, was auf eine Kopfverletzung durch den Sturz hinweisen würde«, sagte er schließlich. »Allerdings ist trotzdem ein CT oder ein MRT anzuraten, um eine, wenn auch leichte, Gehirnerschütterung auszuschließen. Die beiden Untersuchungen können in der Behnisch-Klinik ebenfalls zeitnah durchgeführt werden.«
Irina schluckte und wirkte mit einem Mal fast noch ängstlicher als zuvor.
»Ich … ich war noch nie in einer Klinik«, presste sie hervor. »Noch kein einziges Mal. Und ich … ich stelle mir das schrecklich vor. So viele kranke, leidende Menschen. Und diese Apparate, an die man angeschlossen ist oder in die man gesteckt wird. So unpersönlich. Das alles macht mir Angst. Genau wie Ärzte, die den Körper betrachten, als wäre er eine Maschine, die hin und wieder nicht rund läuft und bei der dann ein marodes Teil durch ein neues ersetzt werden muss wie bei einem kaputten Auto, das man in die Werkstatt bringt. Das ist alles so seelenlos.«
Alex konnte ein Schmunzeln kaum unterdrücken. »Die Ärzte an der Behnisch-Klinik sind nicht seelenlos. Sie sind im Gegenteil samt und sonders sehr nett«, versprach er. »Sie sind freundlich und zuvorkommend und betrachten Sie garantiert nicht als eine Art defektes Auto, Irina. Da können Sie ganz sicher sein.«
Irina schaute Alex prüfend ins Gesicht. »Na ja, zumindest was Sie betrifft - Sie sehen wirklich sehr nett aus«, räumte sie schließlich ein, während Alex ihr in ihren Rock half und ihr ihre Jeansjacke über die Schultern hängte und sie notdürftig zuknöpfte. »Zuerst hatte ich ein bisschen Bedenken, weil Sie erst Student sind, aber dafür sind Sie auch noch nicht so kalt und gleichgültig wie die Ärzte.«
Alex suchte am Boden nach Irinas Schuhen. Als er die hochhackigen roten Pumps gefunden hatte, half er ihr, hineinzuschlüpfen.
»Mein Onkel ist nun schon seit fast dreißig Jahren Arzt«, sagte er. »Aber kalt und gleichgültig ist er seinen Patienten gegenüber nie gewesen. Und er ist es auch heute noch nicht.«
Auf Irinas blassen Wangen erschien für ein paar Augenblicke ein Hauch von Röte, und sie senkte ihre lang bewimperten Lider.
