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Rom, 44 v. Chr. – Die Republik steht am Abgrund. Gaius Julius Cäsar hat Gallien erobert, den Bürgerkrieg gewonnen und sich zum Diktator auf Lebenszeit ernennen lassen. Doch während das Volk ihn feiert, verschwören sich im Schatten des Senats jene, die die alte Ordnung retten wollen.Marcus Junius Brutus, Philosoph und Patriot, wird zum Mittelpunkt einer Verschwörung, die die Welt verändern soll. An seiner Seite: sein Schwager Cassius, ein Mann getrieben von Ehrgeiz und Prinzipien. Gemeinsam planen sie das Undenkbare – den Mord an Cäsar, dem mächtigsten Mann der bekannten Welt.Die Iden des März werden zur Zeitenwende. Doch der Tod eines Tyrannen bedeutet nicht die Rettung der Freiheit. Im Gegenteil: Marcus Antonius' geniale Leichenrede entfesselt den Mob, die Proskriptionen fordern Tausende Opfer, und auf den Ebenen von Philippi wird die letzte Schlacht der Republik geschlagen.Dies ist die Geschichte von Idealismus und Verrat, von Freundschaft und politischem Kalkül, von Männern, die glaubten, die Geschichte lenken zu können – und stattdessen von ihr verschlungen wurden. Eine epische Neuerzählung von Shakespeares Klassiker, die zeigt: Manchmal führt der Weg zur Hölle über die edelsten Absichten."Dies war ein Mensch." – Die letzten Worte über den letzten Verteidiger der römischen Republik.
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Seitenzahl: 264
Veröffentlichungsjahr: 2025
Anno Stock
Julius Cäsar - Kein Drama nach William Shakespeare
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Table of Contents
Kapitel 1: Lupercalia
Kapitel 2: Die Krone
Kapitel 3: Nächtliche Verschwörungen
Kapitel 4: Brutus ringt mit sich
Kapitel 5: Die Verschwörer vereint
Kapitel 6: Unheilvolle Vorzeichen
Kapitel 7: Decius' Überredungskunst
Kapitel 8: Der Weg zum Kapitol
Kapitel 9: Im Senat
Kapitel 10: Blut und Chaos
Kapitel 11: Antonius' Spiel
Kapitel 12: Die Flucht
Kapitel 13: In Sardes
Kapitel 14: Versöhnung im Zelt
Kapitel 15: Der Marsch nach Philippi
Kapitel 16: Vor der Schlacht
Kapitel 17: Die erste Schlacht
Kapitel 18: Cassius' Ende
Kapitel 19: Die entscheidende Schlacht
Kapitel 20: "Dies war ein Mensch"
Epilog
Nachwort
Impressum neobooks
JULIUS CÄSAR – Kein Drama nach William Shakespeare
Die Sonne stand bereits hoch über den sieben Hügeln Roms, als die ersten Jubelrufe durch die engen Gassen der Subura hallten. Es war der fünfzehnte Tag vor den Kalenden des März, das Fest der Lupercalia, und die Stadt vibrierte in jener eigentümlichen Mischung aus religiöser Inbrunst und ausgelassener Volksfreude, die nur Rom hervorbringen konnte. Doch an diesem Tag sollte mehr als nur ein alter Fruchtbarkeitskult gefeiert werden – Gaius Julius Cäsar, Diktator auf Lebenszeit, Pontifex Maximus und Eroberer von Gallien, kehrte zurück in die Hauptstadt der bekannten Welt.
Die Straßen waren seit den frühen Morgenstunden bevölkert. Handwerker hatten ihre Werkstätten geschlossen, Händler ihre Stände verlassen, selbst die Sklaven waren von ihren Herren freigestellt worden, um dem Spektakel beizuwohnen. Purpurne und goldene Tücher hingen von den Balkonen der Insulae, jenen mehrstöckigen Mietshäusern, in denen sich das einfache Volk drängte. Blütenblätter waren auf dem Pflaster verstreut, und der Duft von Weihrauch mischte sich mit den weniger angenehmen Gerüchen der dichtgedrängten Menschenmassen.
Doch wer genau hinsah, wer die Gesichter in der Menge studierte, der bemerkte etwas Seltsames. Die Begeisterung war nicht einhellig. Manche jubelten mit erhobenen Fäusten und geröteten Gesichtern, andere standen schweigend da, die Arme vor der Brust verschränkt. Alte Männer in abgetragenen Togen schüttelten die Köpfe, während junge Burschen Cäsars Namen wie einen Schlachtruf skandierten. Rom war gespalten – nicht offen, nicht gewaltsam, aber spürbar wie ein Riss in einem Marmorblock, der noch nicht ganz durchgebrochen war.
Flavius, Volkstribun des römischen Volkes, stand auf den Stufen des Concordia-Tempels und beobachtete das Treiben mit zusammengekniffenen Augen. Er war ein hagerer Mann mittleren Alters, dessen Gesicht von den Jahren im Senat und von innerer Verbitterung gezeichnet war. Sein Kollege Marullus stand neben ihm, kräftiger gebaut, aber von ähnlich finsterer Miene.
"Sieh sie dir an", murmelte Flavius, seine Stimme kaum hörbar über dem Lärm der Menge. "Sie haben Pompeius vergessen. Den großen Pompeius, der dreimal triumphiert hat, der das Mittelmeer von Piraten befreite, der den Osten eroberte. Sie haben vergessen, dass Cäsar gegen Pompeius' Söhne gekämpft hat – gegen Römer! Und nun jubeln sie ihm zu, als wäre er ein Gott."
Marullus nickte grimmig. "Das Volk ist vergesslich. Es folgt demjenigen, der ihm Brot und Spiele bietet. Erinnerst du dich noch, wie sie Pompeius zujubelten? Mit derselben Begeisterung, derselben Blindheit. Nun ist Pompeius tot, erschlagen am Strand von Ägypten, und Cäsar erntet die Früchte eines Bürgerkrieges."
"Wir müssen etwas tun", sagte Flavius leise, aber mit einer Intensität, die seinen Kollegen aufhorchen ließ. "Die Republik stirbt, Marullus. Stück für Stück. Erst wurde die Diktatur auf zehn Jahre verlängert, dann auf Lebenszeit. Was kommt als Nächstes? Ein Diadem? Ein Thron? Sollen wir wieder Könige haben in Rom?"
Könige, dachte Marullus und spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Das Wort allein war in Rom ein Fluch, seit Lucius Junius Brutus den letzten König, Tarquinius Superbus, vor fast fünfhundert Jahren vertrieben hatte. Die Republik war auf dem Hass gegen die Königsherrschaft erbaut worden. Und nun...
"Komm", sagte Flavius und begann die Tempelstufen hinabzusteigen. "Wir müssen das Volk an seine Pflichten erinnern."
Sie bahnten sich einen Weg durch die Menge zur Via Sacra, der heiligen Straße, die zum Forum führte. Überall standen Menschen, die auf Cäsars Ankunft warteten. Arbeiter in groben Tuniken, Frauen mit Kindern auf den Armen, sogar einige Senatoren in ihren Togen mit dem Purpurstreifen, obwohl die meisten der Nobilität es vorzogen, sich diskret im Hintergrund zu halten.
Flavius blieb vor einer Gruppe von Handwerkern stehen, die besonders laut grölten. "Ihr dort!", rief er mit der Autorität seines Amtes. "Was seid ihr von Beruf? Warum feiert ihr, anstatt zu arbeiten?"
Ein Schreiner, ein bulliger Mann mit vom Holzstaub weißen Händen, wandte sich um. "Wir feiern Lupercalia, Tribun! Und die Rückkehr unseres großen Führers!"
"Lupercalia wird am Nachmittag gefeiert, mit den traditionellen Riten", entgegnete Flavius scharf. "Aber das hier? Das ist ein Triumph – ein illegaler Triumph! Cäsar triumphiert über römisches Blut, über die Söhne des Pompeius. Wo ist eure Scham? Erinnert ihr euch nicht an Pompeius Magnus?"
Die Umstehenden wurden still. Einige blickten beschämt zu Boden. Der Schreiner jedoch verschränkte die Arme. "Pompeius ist Geschichte, Tribun. Cäsar hat uns Frieden gebracht. Nach all den Jahren des Bürgerkriegs können wir endlich wieder..."
"Frieden?" Marullus trat näher, seine Stimme bebte vor Zorn. "Ihr nennt es Frieden, wenn ein Mann alle Macht an sich reißt? Wenn der Senat zu einer Versammlung von Jasagern wird? Erinnert ihr euch noch an die Zeiten, als Pompeius durch diese Straßen ritt? Da habt ihr auch gejubelt, ihr habt Blumen geworfen und euch heiser geschrien. Und nun ist er tot, und ihr huldigt seinem Mörder!"
"Cäsar ist kein Mörder!", rief eine Stimme aus der Menge. "Er hat Rom gerettet!"
"Er hat Rom erobert!", donnerte Flavius zurück. "Seid ihr so blind? Geht nach Hause! Versammelt eure Nachbarn und weint für das, was ihr verloren habt. Weint für die Republik!"
Die Stimmung kippte. Einige in der Menge murmelten zustimmend, andere schüttelten wütend die Köpfe. Flavius spürte, dass er einen Nerv getroffen hatte, aber auch, wie gefährlich das Spiel war, das er spielte. Cäsars Anhänger waren zahlreich und leidenschaftlich.
In diesem Moment erscholl ein mächtiger Fanfarenstoß. Die Menge wogte auseinander, und durch die Via Sacra bewegte sich eine Prozession. Voran marschierten Liktoren mit ihren Rutenbündeln, den Fasces, Symbol der höchsten Amtsgewalt. Dann kamen die Soldaten, Veteranen aus Gallien und Spanien, gebräunte, narbige Männer, die mit militärischer Präzision schritten. Sie trugen ihre Auszeichnungen zur Schau, Armreifen und Halsketten, die sie für Tapferkeit erhalten hatten.
Und dann kam er.
Gaius Julius Cäsar saß auf einem weißen Pferd, gehüllt in die Toga eines Triumphators. Er war schmächtiger, als man erwartet hätte, fast zerbrechlich wirkend, doch seine Haltung verriet absolute Selbstsicherheit. Sein Gesicht war schmal, die Züge aristokratisch fein, die Stirn hoch – zu hoch, denn das einst dichte dunkle Haar war zurückgewichen, ein Umstand, der ihn mehr zu quälen schien als all die Wunden, die er in Dutzenden von Schlachten erlitten hatte. Seine Augen, dunkel und durchdringend, schienen alles zu erfassen, jeden Winkel, jedes Gesicht in der Menge.
Neben ihm, zu Fuß, aber mit nicht minder stolzer Haltung, schritt Marcus Antonius, sein treuester Gefolgsmann. Antonius war das genaue Gegenteil Cäsars – groß, muskulös, mit dem Körper eines Athleten und dem Gesicht eines Genießers. Sein dunkles, lockiges Haar fiel ihm über die Stirn, und sein Lächeln war breit und gewinnend. Er trug die traditionelle Kleidung für die Lupercalia-Läufer: nur einen Lendenschurz und Sandalen, den athletischen Körper zur Schau stellend. In seiner Hand hielt er einen Lederriemen, mit dem er später durch die Straßen laufen und die Frauen berühren würde, um ihnen Fruchtbarkeit zu schenken.
Die Menge brach in erneutes Jubeln aus. "Cäsar! Cäsar!" Die Rufe überschlugen sich. Frauen warfen Blumen, Kinder wurden auf die Schultern ihrer Väter gehoben, um besser sehen zu können.
Flavius beobachtete die Szene mit zusammengebissenen Zähnen. Er sah, wie Cäsar die Huldigungen entgegennahm – nicht mit überschwänglicher Freude, sondern mit einer Art gnädiger Anerkennung, als wäre es sein natürliches Recht, so gefeiert zu werden. Der Tribun erkannte die Gefahr in dieser Selbstverständlichkeit. Ein Mann, der glaubt, ihm stehe solche Verehrung zu, war nur noch einen kleinen Schritt vom Größenwahn entfernt.
"Wir müssen die Statuen säubern", murmelte Flavius zu Marullus.
"Was?"
"Die Statuen. Hast du sie nicht gesehen? Jemand hat einige von Cäsars Statuen mit Diademen geschmückt, mit königlichen Stirnbinden. Wir müssen sie entfernen, bevor noch mehr Menschen diese Idee in den Kopf gesetzt wird."
Marullus nickte langsam. Es war eine symbolische Geste, gewiss, aber Symbole hatten Macht in Rom. "Das wird Ärger geben."
"Lass ihn kommen", erwiderte Flavius.
Die Prozession bewegte sich weiter zum Forum Romanum, dem Herzen der Stadt. Hier, zwischen den alten Tempeln und Basiliken, würde Cäsar zum Volk sprechen. Tribünen waren errichtet worden, und Tausende drängten sich auf dem Platz.
Cäsar stieg von seinem Pferd und bestieg das Rostra, die Rednerbühne, die mit den Schiffsschnäbeln besiegter Feinde verziert war. Er hob die Hand, und die Menge verstummte wie auf ein unausgesprochenes Kommando. Diese Fähigkeit hatte ihn groß gemacht – seine Soldaten zu befehligen, Massen zu lenken, Senatoren zu überzeugen. Seine Stimme war klar und trug weit, trotz seiner eher zierlichen Statur.
"Bürger von Rom", begann er, und in seiner Stimme lag jene eigentümliche Mischung aus Autorität und Vertrautheit, die seine Anhänger liebten und seine Gegner fürchteten. "Ich kehre zurück zu euch nicht als Eroberer, sondern als euer Diener. Die Söhne des Pompeius hätten euch in einen neuen Krieg gestürzt, hätten die Flammen des Bürgerkrieges erneut entfacht. Ich habe sie besiegt, nicht aus Machtgier, sondern aus Liebe zu Rom."
Liebe zu Rom, dachte ein junger Senator namens Marcus Junius Brutus, der in der Nähe des Rostra stand. Oder Liebe zur Macht?
Brutus war ein schöner Mann von etwa vierzig Jahren, mit klassischen römischen Zügen und einem Ausdruck nachdenklicher Intelligenz in den Augen. Er war bekannt für seine philosophischen Neigungen, seine stoische Gelassenheit und seinen untadeligen Charakter. Sein Name trug historisches Gewicht – er war ein Nachfahre jenes Lucius Junius Brutus, der die Könige vertrieben hatte. Diese Abstammung war ihm zugleich Ehre und Last.
Brutus beobachtete Cäsar mit gemischten Gefühlen. Der Diktator hatte ihm Wohltaten erwiesen, ihn gefördert, ihm vertraut. Mehr noch – Cäsar hatte eine Liaison mit Brutus' Mutter Servilia gehabt, die über Jahre andauerte, und es gab Gerüchte, dass Cäsar möglicherweise Brutus' wahrer Vater sein könnte. Brutus hatte diese Gerüchte stets von sich gewiesen, aber sie nagten an ihm.
Neben Brutus stand ein anderer Mann, kleiner, mit scharfen Zügen und listigen Augen. Gaius Cassius Longinus, ebenfalls Senator, Schwager von Brutus und bekannt für seine Fähigkeiten als Soldat und Stratege. Im Gegensatz zu Brutus' philosophischer Ruhe strahlte Cassius eine unterschwellige Anspannung aus, eine kaum verhaltene Energie, die sich in der Art äußerte, wie seine Augen ständig umherhuschten, wie seine Finger nervös die Falten seiner Toga spielten.
"Er spricht gut", flüsterte Cassius Brutus zu, seine Stimme von kaum verhohlener Ironie durchzogen. "Immer weiß er die richtigen Worte zu finden. 'Euer Diener.' Als ob er jemals jemandes Diener gewesen wäre."
Brutus antwortete nicht sofort. Er lauschte Cäsars Rede, beobachtete, wie geschickt der Diktator die Menge spielte, wie er Pausen setzte, wie er seine Gesten einsetzte. Es war die Kunst eines Meisters.
"Er hat viel für Rom getan", sagte Brutus schließlich, mehr zu sich selbst als zu Cassius.
"Das hat Sulla auch", erwiderte Cassius scharf. "Und Sulla hat sich zum Diktator gemacht, Tausende auf Proskriptionslisten ermorden lassen und dann – dann hat er die Macht niedergelegt und ist als Privatmann gestorben. Siehst du Cäsar das tun? Siehst du ihn auch nur daran denken?"
"Vielleicht braucht Rom einen starken Mann", wandte Brutus ein, obwohl er selbst an der Überzeugung seiner Worte zweifelte.
"Rom braucht die Freiheit", sagte Cassius mit einer Intensität, die Brutus aufblicken ließ. "Rom braucht die Republik, das Gleichgewicht der Kräfte, die Herrschaft der Gesetze, nicht die eines Mannes. Du bist ein Brutus, Marcus. Dein Vorfahre hat die Könige verjagt. Was würde er sagen, wenn er sähe, wie du einem neuen König huldigst?"
Die Worte trafen Brutus wie Peitschenhiebe. Er spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog, ein Gefühl der Unruhe, das er schon seit Wochen zu verdrängen versucht hatte. Ein König. Das Wort ließ ihn frösteln trotz der Wärme des Tages.
"Cäsar ist kein König", sagte Brutus, aber seine Stimme klang unsicher.
"Noch nicht", flüsterte Cassius. "Noch nicht."
Die Rede endete unter tosendem Beifall. Cäsar stieg vom Rostra herab und wurde von einer Schar von Anhängern umringt. Senatoren drängten sich heran, um ihm zu gratulieren, um gesehen zu werden, um ihre Loyalität zu demonstrieren. Unter ihnen waren Männer, die einst Pompeius die Treue geschworen hatten, nun aber zu Cäsars eifrigsten Verfechtern geworden waren. Die Macht zog Opportunisten an wie Honig die Fliegen.
Durch die Menge schob sich ein alter Mann mit langem, weißem Bart und durchdringendem Blick. Er trug die zerschlissene Tunika eines Wahrsagers, und seine Hände zitterten leicht, als er sie nach Cäsar ausstreckte.
"Cäsar!", rief er mit krächzender Stimme. "Hüte dich vor den Iden des März!"
Die Umstehenden verstummten. Einige lachten nervös, andere machten Abwehrgesten gegen das böse Omen. Cäsar hielt inne und betrachtete den alten Mann mit einer Mischung aus Neugier und Belustigung.
"Was sagst du, Alter?"
"Hüte dich vor den Iden des März!", wiederholte der Seher mit mehr Nachdruck.
Cäsar lächelte – jenes schmale, überlegene Lächeln, mit dem er so viele verunsichert hatte. "Die Iden des März sind noch weit entfernt. Und ich fürchte mich nicht vor Prophezeiungen alter Männer."
Er wandte sich ab und ging weiter, gefolgt von seinem Gefolge. Doch Brutus, der die Szene beobachtet hatte, spürte einen kalten Schauer über seinen Rücken laufen. Die Iden des März. Der fünfzehnte Tag des Monats, nach römischer Rechnung der Mitte des Monats. Nur wenige Wochen entfernt.
Cassius trat zu ihm. "Hast du das gehört? Selbst die Götter warnen ihn."
"Die Götter", murmelte Brutus, "oder die Furcht der Menschen, die in Form von Göttern spricht?"
"Spielt das eine Rolle?", fragte Cassius. "Angst ist ein mächtiges Werkzeug, Brutus. Die Menschen fürchten sich, und sie haben Recht dazu. Cäsar wird nicht aufhören. Er wird die Krone nehmen, ob mit Zustimmung des Senats oder ohne. Und dann wird aus unserer Republik eine Monarchie, und aus uns freien Bürgern werden Untertanen."
Brutus schwieg. Die Worte seines Schwagers hallten in seinem Kopf nach, mischten sich mit seinen eigenen Zweifeln, mit seiner Loyalität zu Cäsar, mit seinem Stolz auf seine Abstammung. Was würde mein Vorfahre tun?, fragte er sich. Was würde ein wahrer Römer tun?
Der Nachmittag brachte die Lupercalia-Feierlichkeiten. Die Priester opferten Ziegen und einen Hund am Fuße des Palatin-Hügels, dort, wo einst Romulus und Remus von der Wölfin gesäugt worden sein sollten. Die Luperci, junge Männer aus vornehmen Familien, wurden mit dem Blut der Opfertiere gesalbt. Dann schnitten sie Riemen aus den Fellen der geopferten Ziegen und begannen ihren rituellen Lauf durch die Straßen Roms.
Marcus Antonius war einer von ihnen. Halbnackt, den muskulösen Körper zur Schau stellend, lief er durch die jubelnde Menge. Frauen streckten die Hände aus, um von dem Lederriemen berührt zu werden, der angeblich Unfruchtbarkeit heilen und eine sichere Geburt garantieren konnte. Antonius spielte seine Rolle mit sichtlichem Vergnügen, lachte, scherzte, genoss die Aufmerksamkeit.
Doch als er die Via Sacra erreichte, wo Cäsar auf einem erhöhten Sitz thronte, veränderte sich seine Miene. Er verlangsamte seinen Lauf, dann blieb er stehen. Die Menge um ihn herum wurde still, spürte, dass etwas Bedeutsames geschehen würde.
Antonius zog aus seiner Tunika – wie durch ein Wunder hatte er dort trotz der knappen Bekleidung etwas versteckt – ein Diadem, eine goldene Stirnbinde, verziert mit Lorbeerblättern. Das Symbol der Königswürde in der hellenistischen Welt, das Symbol dessen, was Rom seit Jahrhunderten verabscheute.
Die Stille war gespenstisch. Selbst die Kinder hörten auf zu weinen. Alle Augen richteten sich auf Antonius, dann auf Cäsar.
Mit theatralischer Geste kniete Antonius nieder und hielt das Diadem hoch. "Das Volk bietet dir die Krone an, Cäsar!", rief er mit lauter Stimme. "Nimm sie an und sei unser König!"
Nein, dachte Brutus, der in der Menge stand und zusah. Nein, das kann nicht sein. Das ist zu offensichtlich, zu direkt. Was spielt ihr für ein Spiel?
Cäsar betrachtete das Diadem mit einer Miene, die schwer zu deuten war. War es echte Überraschung? Gespieltes Zögern? Amüsement über ein abgekartetes Spiel? Niemand konnte es sagen.
Dann schüttelte er den Kopf. "Nein", sagte er laut und deutlich. "Rom hat keine Könige. Ich bin Cäsar, nicht König."
Ein Teil der Menge brach in Jubel aus. "Cäsar! Cäsar!" Doch der Jubel war nicht einhellig. Viele schwiegen, beobachteten misstrauisch.
Antonius erhob sich, nur um erneut niederzuknien. "Das Volk bittet dich!", rief er noch lauter. "Nimm die Krone!"
Wieder schüttelte Cäsar den Kopf, diesmal mit einer Geste der Ablehnung. "Jupiter allein ist König der Römer", sagte er. "Bringt die Krone zu seinem Tempel."
Der Jubel schwoll an, aber nun mischte sich auch Verwirrung darunter. Was hatte das zu bedeuten? War es echte Ablehnung oder nur Theater?
Dreimal bot Antonius das Diadem an, und dreimal lehnte Cäsar ab. Bei jedem Mal schwoll der Jubel an, aber auch die Unruhe. Brutus sah, wie Cassius' Gesicht sich verfinsterte.
"Siehst du?", zischte Cassius ihm zu. "Das ist das Spiel. Er lehnt ab, um zu sehen, wie das Volk reagiert. Er testet uns. Bald wird er es nicht mehr ablehnen."
"Du weißt das nicht", entgegnete Brutus, aber seine Stimme zitterte.
"Ich weiß, wie ehrgeizige Männer denken", sagte Cassius. "Ich habe in Syria gedient, ich habe gesehen, wie Könige herrschen. Cäsar will dasselbe. Er wartet nur auf den richtigen Moment."
Als die Dunkelheit über Rom hereinbrach, löste sich die Menge allmählich auf. Die Menschen kehrten in ihre Häuser zurück, erfüllt von den Eindrücken des Tages – manche begeistert, manche beunruhigt, manche schlicht erschöpft von den Emotionen.
Flavius und Marullus hatten ihren Plan in die Tat umgesetzt. Sie hatten Statuen Cäsars gefunden, die mit Diademen geschmückt waren, und diese königlichen Symbole entfernt. Es war eine gefährliche Geste, ein offener Affront gegen Cäsars Anhänger. Aber die beiden Tribunen hatten das Gefühl, dass sie etwas tun mussten, irgendetwas, um zu zeigen, dass nicht alle Römer bereit waren, die Freiheit kampflos aufzugeben.
Sie wussten, dass es Konsequenzen haben würde. Sie wussten, dass Cäsar nicht der Mann war, Beleidigungen zu vergessen. Aber in diesem Moment, während sie durch die dunklen Straßen zurück zu ihren Häusern gingen, fühlten sie sich fast erleichtert. Sie hatten ein Zeichen gesetzt.
In einem prächtigen Anwesen auf dem Palatin-Hügel saß Brutus in seinem Studierzimmer, umgeben von Schriftrollen griechischer Philosophen. Er hatte versucht zu lesen, aber die Worte verschwammen vor seinen Augen. Immer wieder sah er die Szene vor sich: Antonius mit dem Diadem, Cäsar, der ablehnte – dreimal. Was bedeutete es? Was sollte er denken? Was sollte er tun?
Seine Frau Portia trat leise ein. Sie war eine bemerkenswerte Frau, Tochter des berühmten Marcus Porcius Cato, der sich nach der Niederlage bei Thapsus das Leben genommen hatte, anstatt unter Cäsars Gnade zu leben. Portia hatte dieselbe Stärke geerbt, denselben unbeugsamen republikanischen Stolz.
"Du siehst bekümmert aus", sagte sie sanft und legte eine Hand auf seine Schulter.
"Ich bin... verwirrt", gestand Brutus. "Heute ist etwas geschehen, das ich nicht recht einordnen kann. Antonius hat Cäsar die Krone angeboten."
Portia erstarrte. "Und?"
"Er hat abgelehnt. Dreimal."
"Aber das ist doch gut", sagte Portia, obwohl ihre Stimme zweifelvoll klang.
"Ist es das?", fragte Brutus. "Oder war es nur ein Schauspiel? Eine Möglichkeit zu testen, wie das Volk reagieren würde? Cassius glaubt..."
"Was glaubt Cassius?"
Brutus zögerte. Es war gefährlich, solche Gedanken auch nur auszusprechen. Aber Portia war seine Frau, die Tochter Catos. Wenn er jemandem vertrauen konnte, dann ihr.
"Cassius glaubt, dass Cäsar nach der absoluten Macht strebt. Dass er Rom zu einer Monarchie machen will."
Portia setzte sich neben ihn. Ihr Gesicht war ernst, aber nicht überrascht. "Und was glaubst du?"
"Ich... ich weiß es nicht", gestand Brutus. "Cäsar ist mein Freund, mein Wohltäter. Er hat mir vertraut, mich gefördert. Aber andererseits... ich sehe, wie die Macht ihn verändert. Ich sehe, wie er sich verhält, als stünde ihm alles zu. Die Diktatur auf Lebenszeit, die Ehren, die ihm der Senat verleiht – weil er keine Wahl hat. Ist das noch die Republik, für die meine Vorfahren gekämpft haben?"
Portia nahm seine Hand. "Du bist Marcus Junius Brutus", sagte sie leise, aber mit Nachdruck. "Du trägst einen großen Namen, eine große Verantwortung. Dein Vorfahre hat die Tyrannen vertrieben. Was würde er von dir erwarten?"
Die Frage hing im Raum wie ein Schwert über Brutus' Kopf. Er wusste keine Antwort.
In einem anderen Teil der Stadt, in einem unscheinbaren Haus nahe der Subura, trafen sich Männer im Verborgenen. Cassius war da, und mit ihm Casca, ein Senator mit zynischem Humor und scharfem Verstand. Auch Trebonius, Decius Brutus und Cinna gehörten zu der Gruppe – alles Männer, die einst unter Cäsar gedient hatten, die seine Generosität erfahren hatten, aber nun mit wachsender Sorge seine Machtfülle betrachteten.
"Wir müssen handeln", sagte Cassius ohne Umschweife. "Heute war der Beweis. Er testet die Grenzen. Bald wird er die Krone nicht mehr ablehnen."
"Aber was können wir tun?", fragte Trebonius. "Er hat das Militär hinter sich, das Volk liebt ihn, der Senat wagt es nicht, ihm zu widersprechen."
"Wir können das tun, was unsere Vorfahren gegen Tyrannen getan haben", sagte Cassius leise, aber mit eiserner Entschlossenheit. "Wir können Rom befreien."
Die Worte hingen schwer in der Luft. Alle wussten, was Cassius meinte, aber niemand wagte es, es direkt auszusprechen. Nicht hier, nicht jetzt.
"Wir brauchen Brutus", sagte Cinna schließlich. "Ohne ihn wird das Volk es nicht verstehen. Ohne den Namen Brutus wird es aussehen wie ein gemeiner Mord, nicht wie eine Tat für die Republik."
Cassius nickte langsam. "Ich werde mit ihm sprechen. Ich werde ihm die Augen öffnen. Brutus ist ein ehrenwerter Mann, ein guter Mann. Wenn er erst versteht, was auf dem Spiel steht, wird er das Richtige tun."
"Und wenn nicht?", fragte Casca skeptisch.
"Dann", sagte Cassius, und sein Blick war hart wie Stahl, "müssen wir auch ohne ihn handeln. Aber es wird schwieriger werden. Viel schwieriger."
Die Verschwörer nickten zustimmend, auch wenn Zweifel in ihren Gesichtern geschrieben stand. Sie waren keine professionellen Mörder, keine Krieger im Schatten. Sie waren Senatoren, Bürger Roms, die glaubten, ihre Republik zu retten. Ob die Geschichte ihnen recht geben würde, das konnten sie nicht wissen.
Die Nacht senkte sich vollends über Rom. In den Tempeln brannten die ewigen Feuer, in den Straßen glommen vereinzelte Fackeln. Die Stadt schlief, aber es war ein unruhiger Schlaf, voller Träume und Alpträume, voller Vorahnungen von dem, was kommen sollte.
Hoch oben auf dem Palatin, in seinem prächtigen Haus, stand Cäsar am Fenster und blickte über die Stadt. Sein Gesicht war nachdenklich, fast melancholisch. Er dachte an den Tag, an die Reaktion der Menge, an Antonius' Theater mit dem Diadem. Es war gut gelaufen. Das Volk hatte gesehen, dass er die Krone ablehnte – vorerst. Sie würden sich daran erinnern, wenn die Zeit kam.
Neben ihm erschien seine Frau Calpurnia, eine stille, fromme Frau, die ihren Mann liebte, auch wenn sie die Welt, in der er lebte, nicht immer verstand. "Kommst du nicht zu Bett?", fragte sie sanft.
"Gleich", murmelte Cäsar, ohne den Blick von der Stadt zu wenden. "Ich denke nur nach."
"Worüber?"
"Über Rom. Über die Zukunft. Über das, was ich noch vollbringen muss."
Calpurnia legte eine Hand auf seinen Arm. "Du hast schon so viel vollbracht. Mehr als jeder andere Mann. Vielleicht... vielleicht ist es Zeit, sich zur Ruhe zu setzen? Wie Sulla?"
Cäsar lächelte, aber es war ein trauriges Lächeln. "Sulla war ein Narr, die Macht aufzugeben. Die Macht ist das Einzige, was zählt, Calpurnia. Alles andere ist Illusion. Aber du verstehst das nicht. Das muss du auch nicht."
Er wandte sich ab vom Fenster und ging zu Bett. Aber Calpurnia blieb noch einen Moment stehen, blickte hinaus in die Dunkelheit und spürte eine seltsame Angst in ihrem Herzen. Die Iden des März, dachte sie, ohne zu wissen, warum. Hüte dich vor den Iden des März.
Die Stadt schlief weiter, ahnungslos, dass in wenigen Wochen alles anders sein würde. Dass Blut auf den Stufen des Senats vergossen werden würde. Dass die Republik in ihren letzten Zügen lag.
Rom schlief, und träumte von Ruhm und Untergang.
Die Morgendämmerung nach Lupercalia brach über Rom herein wie eine Anklage. Der Himmel färbte sich blutrot, und die ersten Sonnenstrahlen warfen lange Schatten über die Stadt. In den Straßen lag noch der Abfall der gestrigen Festivitäten – zertrampelte Blumen, zerbrochene Tonscherben, Reste von Opfergaben. Die Stadt erwachte langsam aus ihrem Rausch, und mit dem Erwachen kam die Ernüchterung.
Cassius hatte nicht geschlafen. Er saß in seinem Arbeitszimmer, vor sich eine Wachstafel, auf der er Namen notiert und wieder ausgestrichen hatte. Namen von Männern, denen er vertrauen konnte. Namen von Männern, die vielleicht bereit wären, das Undenkbare zu tun. Die Liste war erschreckend kurz.
Brutus, dachte er immer wieder. Ich brauche Brutus. Ohne ihn ist alles verloren.
Er wusste, dass Marcus Junius Brutus der Schlüssel zu allem war. Nicht nur wegen seines Namens, dieses legendären Namens, der in den Annalen Roms für Freiheit und Widerstand gegen Tyrannei stand. Sondern auch wegen seiner moralischen Autorität. Brutus war bekannt für seine Integrität, seine philosophische Bildung, seinen unbestechlichen Charakter. Wenn Brutus sich der Sache anschloss, würden andere folgen. Wenn Brutus das Richtige für die Republik tat, würde das Volk verstehen.
Aber Brutus zu überzeugen – das war eine andere Sache. Cassius kannte seinen Schwager gut genug, um zu wissen, dass direkte Konfrontation nicht funktionieren würde. Brutus musste selbst zu der Erkenntnis kommen, dass Cäsar eine Bedrohung darstellte. Er musste glauben, dass er aus eigenem Antrieb handelte, nicht aufgrund der Überredung anderer.
Cassius war ein kluger Mann, ein Stratege. Er hatte nicht nur auf dem Schlachtfeld gekämpft, sondern auch in den verschlungenen Korridoren der römischen Politik. Er wusste, wie man Menschen manipulierte, wie man Zweifel säte, wie man Überzeugungen formte. Es war nicht ehrenvoll, das wusste er. Aber manchmal, so sagte er sich, rechtfertigte der Zweck die Mittel.
Ein Sklave trat leise ein und verkündete, dass draußen jemand auf Cassius warte. Es war Casca, der Senator, der gestern Abend bei dem geheimen Treffen dabei gewesen war.
"Lass ihn herein", sagte Cassius und versteckte die Wachstafel in einer Schublade.
Casca trat ein, das Gesicht noch müde von der durchzechten Nacht, aber die Augen wach und besorgt. Er war ein Mann um die fünfzig, von mittlerer Statur, mit einem Gesicht, das von zu vielen Jahren im Senat gezeichnet war – zynisch, abgeklärt, aber auch intelligent.
"Hast du schon gehört?", fragte Casca ohne Begrüßung.
"Was gehört?"
"Flavius und Marullus. Sie haben die Diademe von Cäsars Statuen entfernt. Letzte Nacht, nach dem Fest. Jemand hatte die Statuen bekränzt – mit königlichen Stirnbinden, als wäre Cäsar bereits König. Die beiden Tribunen haben sie abgerissen."
Cassius richtete sich auf, plötzlich hellwach. "Was? Die Narren! Das ist..."
"Mutig?", unterbrach Casca mit seinem typischen sarkastischen Tonfall. "Oder selbstmörderisch? Schwer zu sagen. Jedenfalls hat es bereits Konsequenzen. Cäsars Anhänger sind außer sich. Sie fordern, dass die Tribunen bestraft werden."
"Wird Cäsar das tun?"
"Was denkst du?", erwiderte Casca. "Natürlich wird er. Er kann es sich nicht leisten, schwach zu wirken. Wenn er zulässt, dass zwei kleine Tribunen ihn beleidigen, wird jeder denken, er sei angreifbar."
Cassius schlug mit der Faust auf den Tisch. "Diese Dummköpfe! Sie hätten warten sollen, bis wir einen Plan haben. Jetzt haben sie Cäsar einen Vorwand gegeben, seine Macht zu demonstrieren."
"Vielleicht", sagte Casca langsam, "ist das aber auch gut. Vielleicht zeigt es allen, wer Cäsar wirklich ist. Ein Tyrann, der keine Kritik duldet."
"Oder es zeigt nur, dass Widerstand sinnlos ist", murmelte Cassius. "Verdammt."
Zur selben Stunde verließ Brutus sein Haus für einen frühmorgendlichen Gang. Er hatte eine Gewohnheit, in den Stunden vor Sonnenaufgang durch die ruhigen Straßen zu wandern und nachzudenken. Es war die einzige Zeit, in der Rom wirklich still war, in der er seine Gedanken ordnen konnte.
Heute führten ihn seine Schritte zum Forum, zu den alten Tempeln und Statuen. Die Sonne war noch nicht vollständig aufgegangen, und die Monumente warfen bizarre Schatten. Brutus blieb vor einer Statue seines berühmten Vorfahren stehen – Lucius Junius Brutus, der erste Konsul, der Befreier.
Die Statue zeigte einen strengen Mann in traditioneller Toga, den Arm erhoben in einer Geste des Schwurs. Zu seinen Füßen lagen Inschriften, die seine Taten rühmten: "Er vertrieb die Könige. Er gründete die Republik. Er schwor, niemals Tyrannei zu dulden."
Brutus stand lange da und betrachtete das steinerne Gesicht seines Ahnen. Was würdest du tun?, fragte er stumm. Was würdest du von mir erwarten?
"Beeindruckende Statue, nicht wahr?"
Brutus fuhr herum. Cassius stand hinter ihm, als wäre er aus den Schatten materialisiert. Sein Schwager lächelte, aber es war kein warmes Lächeln.
"Cassius", sagte Brutus überrascht. "Was machst du hier? Es ist noch früh."
"Dasselbe könnte ich dich fragen", erwiderte Cassius und trat näher. "Aber ich weiß die Antwort. Du denkst nach. Du grübelst. Das tust du immer, wenn dich etwas bedrückt."
Brutus wandte sich wieder der Statue zu. "Ist es so offensichtlich?"
"Für jemanden, der dich kennt – ja." Cassius stellte sich neben ihn und betrachtete ebenfalls die Statue. "Dein Vorfahre war ein großer Mann. Er tat, was getan werden musste. Ohne Zögern, ohne Zweifel."
"Du weißt das nicht", sagte Brutus leise. "Vielleicht hat auch er gezweifelt. Vielleicht hat auch er mit sich gerungen."
"Möglich", gab Cassius zu. "Aber am Ende hat er gehandelt. Das ist es, was zählt. Die Tat, nicht die Qual."
Sie schwiegen eine Weile. Die Sonne kletterte höher, und die Stadt begann zu erwachen. In der Ferne hörte man das Rattern von Karren, das Rufen von Händlern.
"Gestern war ein seltsamer Tag", sagte Brutus schließlich.
"Das war er", stimmte Cassius zu. "Antonius bot Cäsar die Krone an. Dreimal. Und dreimal lehnte Cäsar ab."
"Warum tut er das?", fragte Brutus, mehr zu sich selbst als zu Cassius. "Wenn er die Macht will – und wir beide wissen, dass er sie will – warum lehnt er dann ab?"
Cassius lachte bitter. "Weil er ein Spieler ist, Brutus. Ein Meister der Manipulation. Er lehnt ab, damit das Volk ihn anfleht, anzunehmen. Er lehnt ab, damit es nicht aussieht, als hätte er die Krone aus eigenem Antrieb genommen. Er will, dass das Volk ihm die Krone gibt, dass der Senat ihn zum König ernennt. Dann kann er sagen: 'Ich wollte es nicht, aber Rom brauchte mich.'"
"Das ist Spekulation", wandte Brutus ein, aber seine Stimme klang unsicher.
"Ist es das?", fragte Cassius eindringlich. "Denk nach, Brutus. Denk an all die Schritte, die Cäsar unternommen hat. Die Diktatur, erst für kurze Zeit, dann für länger, schließlich auf Lebenszeit. Die Ehrungen, die Statuen, die Tempel, die ihm geweiht werden. Sein Bild auf den Münzen. Ist das ein Mann, der sich mit der Rolle eines Konsuls, eines Senators zufriedengibt?"
Brutus schwieg. Er wusste, dass Cassius recht hatte, zumindest teilweise. Cäsar war ehrgeizig, immer gewesen. Schon als junger Mann hatte er vor einer Statue Alexanders des Großen geweint, weil er in dem Alter noch nichts Großes vollbracht hatte. Er hatte gegen die Gallier gekämpft, nicht nur aus Pflicht, sondern aus Ruhmsucht. Er hatte den Rubikon überschritten und damit einen Bürgerkrieg begonnen, weil er nicht akzeptieren konnte, zum Privatmann zu werden.
Aber bedeutete das, dass er zum König werden wollte? Und selbst wenn – war das unbedingt schlecht? Rom war riesig geworden, das Reich erstreckte sich von Britannien bis Ägypten. Vielleicht brauchte es einen starken Führer, einen Monarchen, um all das zusammenzuhalten?
"Ich sehe deine Zweifel", sagte Cassius sanft. "Und das ehrt dich. Du bist kein Mann, der vorschnell urteilt. Aber Brutus, lass mich dir eine Frage stellen: Was ist dir wichtiger – ein Mann oder ein Prinzip?"
"Was meinst du?"
