Liebe und andere Irrtümer - Carolin Grahl - E-Book

Liebe und andere Irrtümer E-Book

Carolin Grahl

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Beschreibung

Er kommt aus Gran Canaria und ist der Sohn von Dr. Daniel Nordens Cousin Michael und dessen spanischer Frau Sofia. Alexander kennt nur ein Ziel: Er will Arzt werden und in die riesigen Fußstapfen seines berühmten Onkels, des Chefarztes Dr. Daniel Norden, treten. Er will beweisen, welche Talente in ihm schlummern. Dr. Norden ist gern bereit, Alexanders Mentor zu sein, ihm zu helfen, ihn zu fördern. Alexander Norden ist ein charismatischer, unglaublich attraktiver junger Mann. Die Frauenherzen erobert er, manchmal auch unfreiwillig, im Sturm. Seine spannende Studentenzeit wird jede Leserin, jeden Leser begeistern! Der junge Norden Nr. »Noch ein Bierchen zum Abschied, Alex?« Der junge Krankenpfleger Chris hob fragend die Augenbrauen und griff, als Alex nach kurzem Zögern nickte, nach einer weiteren Flasche dunklem Craftbier. »Und du, Sina? Mit Blutorange oder lieber mit Holunder?« »Hmm. Ich nehme Blutorange«, entschied Sina. »Ich auch«, erklärte Sandra, Chris' Freundin, spontan und ließ sich neben Sina auf die Couch fallen. »Danke übrigens für eure Einladung. War eine tolle Party«, sagte Sina und stieß mit Sandra an. »Echt super.« »Finde ich auch«, pflichtete Alex bei. »Sina und ich haben die Fete richtig genossen.« Er grinste. »Deshalb sind wir jetzt auch die letzten, die kurz vor Morgengrauen noch immer nicht den Absprung geschafft haben.« »Irgendwer muss immer der letzte sein«

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Der junge Norden – 15 –Liebe und andere Irrtümer

Carolin Grahl

»Noch ein Bierchen zum Abschied, Alex?« Der junge Krankenpfleger Chris hob fragend die Augenbrauen und griff, als Alex nach kurzem Zögern nickte, nach einer weiteren Flasche dunklem Craftbier. »Und du, Sina? Mit Blutorange oder lieber mit Holunder?«

»Hmm. Ich nehme Blutorange«, entschied Sina.

»Ich auch«, erklärte Sandra, Chris‘ Freundin, spontan und ließ sich neben Sina auf die Couch fallen.

»Danke übrigens für eure Einladung. War eine tolle Party«, sagte Sina und stieß mit Sandra an. »Echt super.«

»Finde ich auch«, pflichtete Alex bei. »Sina und ich haben die Fete richtig genossen.« Er grinste. »Deshalb sind wir jetzt auch die letzten, die kurz vor Morgengrauen noch immer nicht den Absprung geschafft haben.«

»Irgendwer muss immer der letzte sein«, grinste Chris zurück. »Der andere vielversprechende Kandidat wäre mein Papa gewesen. Leider hat er das Ziel knapp verfehlt. Trotzdem finde ich, dass es für einen Greis Mitte Fünfzig ganz ordentlich ist, auf einer Homewarming-Party mit lauter jungen Leuten und Techno- Musik bis drei Uhr morgens durchzuhalten.«

»Greis Mitte Fünfzig?«, wiederholte Alex kopfschüttelnd. »Wenn ich mir vorstelle, dass mein Onkel in deinen Augen ebenfalls schon ein Greis ist …«

»Tja, ja«, kicherte Sandra und nahm einen großen Schluck aus ihrer Bierflasche, »Chris verwendet gern flapsige Formulierungen, wenn es um seinen Daddy geht. Und er hat auch einen guten Grund dafür, Alex, weißt du. Chris macht das nämlich, damit niemand checkt, was für ein Papakind er mit seinen zwanzig Jahren immer noch ist.«

»So ein Quatsch«, ereiferte sich Chris. »Du hättest bei der letzten Runde Wodka mit Gisi, Alfi und Bert lieber passen sollen, Sandra. Dann würdest du jetzt nicht wirres Zeug reden.«

Er raufte sich mit gespreizten Fingern die Haare und fingerte dann an der Stereoanlage herum, um die Musik, die immer noch im Hintergrund lief, abzuschalten.

Sina sah ihm zu und dachte mit leisem Bedauern an die Wohnung in der Glockenbachstraße, wo sich die Nachbarn längst telefonierend, klingelnd oder an die Wände klopfend über den Lärm beschwert hätten.

Das Mietshaus, in das Chris und Sandra vor einer guten Woche eingezogen waren, war, wie Sina fand, wirklich nicht übel.

Außer der Wohnung der beiden im obersten Stockwerk gab es im ganzen Haus nur ein Ladengeschäft und etliche Büroräume, sodass man abends in puncto Lärm keinerlei Rücksicht zu nehmen brauchte.

Zwar war die Wohnung der beiden nicht sehr groß, aber für zwei Personen, die ohnehin in jeder freien Minute zusammensteckten, groß genug: eine kleine Küche, ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer, ein Bad und ein weiteres winziges Zimmer, das man, wenn Chris und Sandra in absehbarer Zeit heiraten und eine Familie gründen wollten, problemlos als Kinderzimmer nutzen konnte …

»Ich rede kein wirres Zeug. Und ich habe auch nicht zu viel getrunken. Ich fürchte nur, dass dein Papa irgendwann auf Dauer in dem Kinderzimmer logiert, das du als Gästezimmer bezeichnest«, gab Sandra ungerührt zurück, erntete aber von Chris nur ein missmutiges Brummen als Antwort.

Er war immer noch mit dem Abschalten der Stereoanlage beschäftigt, was ihm sichtlich Mühe bereitete. Erst als Alex hinzutrat und ihm half, schafften die beiden es mit vereinten Kräften, die Tücken der Technik zu besiegen.

»Das wäre gebongt. Wenn man weiß, wie es geht, ist es eigentlich gar nicht so schwer«, stellte Chris nach getaner Tat erleichtert fest.

»Du hattest kompetente Hilfe, vergiss das nicht«, erinnerte Sandra.

Chris schaute sie schweigend mit gerunzelter Stirn an.

»Womit bewiesen wäre, dass man mit Teamwork und Zusammenhalt so ziemlich alles hinkriegt«, sagte Alex an Chris‘ Stelle und fügte augenzwinkernd hinzu: »Ihr solltet euch das, nachdem ihr nun schon eine gemeinsame Wohnung bezogen habt, zu Herzen nehmen.«

Chris stutzte, dann war er mit ein paar raschen Schritten bei Sandra. »Hast du gehört, was Alex gesagt hat? Vergiss meinen Vater und freu dich, dass wir beide endlich ganz zusammen sind.« Er setzte sich zu Sandra, zog sie an sich und küsste sie leidenschaftlich.

Sandra drängte sich an ihn und erwiderte seinen Kuss mit derselben Intensität.

»Ich glaube, wir sollten uns allmählich auf den Nachhauseweg machen«, wandte Alex sich an Sina, die ihm verständnisvoll zunickte und sich erhob.

»Wir … wir wollen euch aber auf keinen Fall vertreiben«, sagte Chris, während er die zufrieden schnurrende Sandra weiter küsste.

»Mich vertreibt lediglich die Tatsache, dass um acht Uhr meine Praktikumsschicht beginnt«, erklärte Alex.

»Himmel, da beginnt ja auch meine Schicht«, stöhnte Chris, während Sandra sich auf seinen Schoß setzte.

»Dann nutz die restlichen Stunden der Nacht«, grinste Alex. »Im Übrigen brauchst du uns nicht zur Tür zu begleiten. Wir finden den Ausgang ganz alleine.«

Chris zuckte die Schultern. »Na gut. Also ciao, ihr beiden. Und einen angenehmen Nachhauseweg«, meinte er. »Ja, ciao. War schön, dass ihr zu unserer Homewarming-Party gekommen seid«, pflichtete Sandra Chris bei und schlang ihre Arme um seinen Hals. »Und danke für die Vase, Sina. Sie passt wirklich perfekt in unser Wohnzimmer.«

»Finde ich auch. Freut mich, wenn sie euch gefällt«, erwiderte Sina, schlang ihr Schaltuch um sich und folgte Alex auf den Flur und in den Lift.

Als sie ins Freie traten, atmeten beide tief die frische Morgenluft ein.

»Kannst du nicht heute ausnahmsweise einmal dein Praktikum schwänzen?«, meinte Sina. »Du könntest zum Beispiel Kopfweh vorschützen. Oder du könntest deinem Onkel sagen, dass du …«

Ein vielsagender Blick aus Alex‘ blauen Augen brachte sie zum Schweigen.

»Dann eben nicht«, seufzte sie. »Aber die Party hat mir wirklich gefallen. Und die Wohnung von Chris und Sandra auch. Sie ist so richtig gemütlich. Das Sofa mit den vielen plüschigen Kissen, das Schlafzimmer mit dem Dachfenster, durch das sie von ihrem Bett aus direkt in den Sternenhimmel sehen können …«

»Und was ist mit den Regentagen?«, gab Alex zu bedenken.

Sina verdrehte die Augen. »Sei doch nicht so schrecklich unromantisch! Vielleicht bräuchten wir auch so eine kleine, schnuckelige Wohnung, nur für uns zwei?«

»Bist du sicher?«

»Warum nicht? Und du?«

Alex blieb einen Moment stehen, scheinbar um nachzudenken. »Ich weiß nicht«, meinte er. »Wenn du abends weiterhin so oft bei deinen Eltern bist wie in den vergangenen Wochen, würde ich mich ohne Alissa und Elvis und ohne die turbulenten Stippvisiten von Bernd und Mona ganz schön alleine fühlen. So häufig wie du in letzter Zeit durch Abwesenheit geglänzt hast, ist schon ein bisschen schwer zu schlucken. Ich habe, ehrlich gesagt, nicht einmal damit gerechnet, dass du mich auf Chris‘ und Sandras Party begleiten würdest.«

Sina senkte schuldbewusst den Kopf und fing an, verlegen an den Fransen ihres Schaltuchs herum zu zupfen. »Du weißt ja, die Sache mit Tonio und …«

»Alles gut. Mir ist durchaus klar, dass du ein Familienmensch bist«, lenkte Alex ein. »Und ich habe mich ja auch schon so ziemlich daran gewöhnt. Nur manchmal fällt es mir eben noch ein bisschen schwer.«

Sina schob ihre Hand unter Alex‘ Lederjacke und legte ihren Arm um seine Hüften. »Es … es geht bei meinen Besuchen daheim in der Villa Manolo nicht nur um mich«, sagte sie. »Meine Eltern… Es ist alles irgendwie so schwierig geworden. Und genau genommen nicht erst seit Tonios zweitem MS-Schub. Es fing schon mit dem Ausbruch seiner Krankheit an. Damals, als Tonio und Julia von ihrer Hochzeitsreise zurückgekommen sind.«

Alex schlang wortlos seinen Arm um Sinas Schultern.

Eine Weile liefen sie schweigend die noch menschenleeren Straßen entlang.

»Eigentlich besuche ich gar nicht meine Eltern, sondern nur meine Mama«, begann Sina schließlich wieder. »So ist es zumindest meistens.«

»Ach ja? Und wo ist dein Vater?«, wunderte sich Alex.

Sina seufzte. »Mama sagt, dass er viele, viele Abende bis in die Puppen in seinem Büro sitzt, um zu arbeiten. Und dass er, wenn er denn ausnahmsweise einmal rechtzeitig heimkommt, nach spätestens einer Stunde wieder verschwindet, um in einem seiner ‚Da Manolos‘ nach dem Rechten zu sehen. Mama hat mir das alles ganz ruhig erzählt, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt. Aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass sie nur so tut, als würde sie Papa glauben, dass er wirklich arbeitet.«

Alex runzelte die Stirn. »Das verstehe ich nicht. Wieso denkst du, dass deine Mama annimmt, dein Vater würde sie belügen? Wieso sollte er das tun? Und wo sollte er, ohne zu arbeiten, all die Abende sein?«, fragte Alex entgeistert.

»Ach, Alex«, entfuhr es Sina. »Manchmal bist du nicht nur unromantisch, sondern auch …«

»Naiv?«, versuchte Alex zu ergänzen.

Sina schwieg.

»Ich bin nicht naiv«, wehrte sich Alex. »Aber wenn deine Mutter denkt, dass dein Vater sie betrügt, ist sie meines Erachtens einfach zu misstrauisch. Deine Eltern … sind ein Herz und eine Seele. Jedes Mal, wenn ich die beiden gesehen habe, hatte ich diesen Eindruck. Sie sind wie Daniel und Fee. Und wie meine eigenen Eltern. Nie und nimmer würde Daniel oder mein Vater …«

»Glauben Kinder, selbst wenn sie längst erwachsen sind, nicht immer, dass ihre Eltern ein Herz und eine Seele sind? Dass sie sich immer noch so lieben wie früher?«

»Sina, ich kann mir sehr gut vorstellen, dass dein Vater versucht, Tonio Arbeit abzunehmen. Zum einen, um Tonios Gesundheit zu schonen, und zum anderen, um Tonio und Julia mehr gemeinsame Zeit zu schenken. Das ist doch vollkommen normal für einen Familienvater und werdenden Großvater.«

Sina seufzte. »Vielleicht hast du recht, Alex. Aber Mama fühlt sich trotzdem einsam. Papa hat immer schon viel gearbeitet, doch die Abende im Familienkreis waren Mama und ihm früher heilig. Dass das jetzt plötzlich nicht mehr so ist, tut ihr weh. Sie freut sich so, wenn ich bei ihr bin. Wenn sie nicht allein vor dem Fernseher sitzt, sondern jemanden hat, mit dem sie reden und mit dem sie sich austauschen kann. Sie ist mir jedes Mal so dankbar.«

»Das kann ich durchaus nachvollziehen«, meinte Alex. »Und ich werde dich bestimmt nicht abhalten, deiner Mutter Gesellschaft zu leisten, wenn sie dich braucht. Du musst einfach versuchen, einen Kompromiss zu finden. Wirst du das tun?«

Sina nickte. »Ja, natürlich. Und danke, dass du mich verstehst, Alex. Wenn die Semesterferien zu Ende sind und die Vorlesungen wieder beginnen, werde ich ohnehin viel weniger Zeit haben. Zumal dann auch noch mein Praktikum an der Behnisch-Klinik beginnt. Deshalb wollte ich jetzt noch für Mama tun, was ich kann. Aber ich werde dafür sorgen, dass wir beide nicht zu kurz kommen. Versprochen.«

Wieder gingen Alex und Sina eine Zeitlang stumm nebeneinander her.

»Ich glaube, Sandra und Chris haben ein ähnliches Problem«, sagte Sina plötzlich. »Schon während der Party bin ich das Gefühl nicht los geworden, dass Sandra nicht gerade glücklich über die Anwesenheit von Chris‘ Vater war. Und dass sie ihm zu guter Letzt noch vorgeworfen hat, er sei ein Papakind …«

»Vielleicht hat sie es gar nicht so ernst gemeint. Ich für meinen Teil hatte eher den Eindruck, sie wollte endlich mit Chris allein sein und die neue traute Zweisamkeit mit ihm feiern. Wer könnte ihr das verdenken?«, hielt Alex dagegen.

»Immer siehst du hinter jedem Menschen nur das Gute«, stellte Sina mit einem leicht nachsichtigen Lächeln fest. »Aber für den Fall, dass Chris‘ Vater wirklich des Öfteren von seinem ‚Gastrecht‘ Gebrauch machen sollte, prophezeie ich Chris und Sandra düstere Wolken am Beziehungshimmel.«

»Ich hoffe, du irrst dich«, antwortete Alex. »Chris‘ Vater hatte, soweit ich weiß, bisher kein leichtes Leben. Er hatte nicht so viel Glück in seiner Ehe wie Daniel und Fee und wie unsere Eltern. Chris‘ Mutter hat Mann und Sohn quasi über Nacht verlassen, als Chris noch ein kleiner Junge war. Er war erst acht oder neun Jahre alt, glaube ich. Chris‘ Papa hat Chris dann alleine aufgezogen. Er hat alles für Chris getan und war für seinen Jungen zu jedem Opfer bereit. Dafür ist Chris ihm sehr dankbar.«

»Das kann ich verstehen. Und es ist eigentlich ein schöner Zug von Chris, dass er die Liebe, die ihm sein Vater entgegengebracht hat, auch zu schätzen weiß«, überlegte Sina. »Aber jetzt … jetzt muss Chris‘ Vater doch nicht mehr für Chris da sein. Er könnte sich doch wieder eine Frau suchen. Immerhin ist er, zumindest für meinen Geschmack, trotz seines ‚Greisenalters‘ von fünfzig plus immer noch ein sehr attraktiver Mann.«

»Findest du?«, fragte Alex mit einem gespielt drohenden Unterton in der Stimme. »Stehst du etwa neuerdings auf reifere Männer?«

»Quatschkopf«, maulte Sina und gab Alex einen leichten Stoß, griff aber sofort nach seinem Arm, um ihn festzuhalten, als hinter ihnen die Sirene des Martinshorns zu vernehmen war.

Erschrocken schauten beide dem Rettungswagen nach, der mit hohem Tempo an ihnen vorbeifuhr.

»Glaubst du, dass die Sanitäter zur Behnisch-Klinik fahren?«, fragte Sina.

»Gut möglich«, nickte Alex.

Sina warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. »In gut drei Stunden beginnt deine Schicht«, meinte sie und unterdrückte ein Gähnen. »Keine Ahnung, wie du das durchhalten willst. Wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich während der Arbeit vor Müdigkeit umkippen und auf der Stelle einschlafen.«

»Ein starker Kaffee wäre jetzt wirklich nicht schlecht«, pflichtete Alex ihr bei.

Sina rieb ihren Kopf an Alex‘ Schulter. »Weißt du was?«, schlug sie vor. »Wir nehmen die erste U-Bahn des Tages und fahren nach Hause in die Glockenbachstraße. Dort machen wir uns Kaffee und ein schönes Frühstück mit Toast, Butter, Marmelade und Honig.«

»Nicht übel«, meinte Alex.

»Und ich … ich warte auf dich, wenn du am späten Nachmittag von deiner Schicht nach Hause kommst«, fügte Sina hinzu. »Ich rufe Mama an und sage ihr, sie soll sich heute Abend, für den Fall, dass Papa wieder beschäftigt ist, ein paar Freundinnen einladen. Damit nicht nur Chris und Sandra, sondern auch wir zwei auf unsere Kosten kommen.«

*

Chris schlüpfte in seinen Kittel, holte sich einen großen Becher schwarzen Kaffee und zwei Dosen Energydrink aus dem Automaten und machte sich auf den Weg ins Pflegerzimmer.

So sehr er sich über die erste gemeinsame Wohnung für sich und Sandra und über die gelungene Party freute, dämpften die Müdigkeit und vor allem die bohrenden Schmerzen in seinem Kopf seine Stimmung doch beträchtlich.

Hoffentlich taten die aufputschenden Getränke ihre Wirkung und ließen ihn nicht im Stich!

Wenn er daran dachte, dass er noch ganz acht Stunden durchhalten musste …

Im Moment taten ihm selbst die gedämpften Geräusche der Klinik und das Quietschen seiner eigenen Sandalen auf dem Fußboden des Flurs regelrecht weh! Vom Sonnenlicht, das durch die Fenster brach, einmal ganz zu schweigen!

Wie hatte er auch vergessen können, vor der Party noch einen Alka Seltzer zu besorgen! Er hatte erst daran gedacht, als er vor dem Verlassen der Wohnung nach einem Medikament gegen seinen Kater gesucht und das Apothekerschränkchen gähnend leer gefunden hatte.

Aber hier in der Klinik würde er ja wohl fündig werden.

Sicher würde er sich ein Aspirin organisieren können. Oder besser gleich eine ganze Packung!

Dieses gottverdammte Craftbier!

Oder war es doch eher der Wodka gewesen?

Chris blieb einen Moment stehen und trank in großen Schlucken seinen Kaffee und anschließend einen der Energiedrinks. Schließlich gab er sich einen Ruck und machte sich an seine täglichen Pflichten.

In Zimmer 28 war, wie er erfahren hatte, ein Neuzugang.

Es handelte sich um eine Frau Anfang vierzig, die am frühen Morgen auf dem Weg zur Arbeit die Steintreppe, die zur U-Bahnstation führte, hinuntergestürzt war. Die Frau hatte außer Hautabschürfungen und Prellungen mehrere Rippenbrüche, die operativ behandelt werden mussten, und Chris sollte ihr die Medikamente zur Operationsvorbereitung bringen.

Sicherheitshalber überprüfte er die Medikation und den Namen der Frau mehrere Male, um in seinem verkaterten Zustand keinen Fehler zu machen, dann packte er alles auf ein Tablett und begab sich zum Krankenzimmer des Neuzugangs.

Er klopfte an die Tür zu Zimmer 28, wartete aber vergebens auf einen Wink hereinzukommen.

Schließlich drückte er ohne Aufforderung die Türklinke.