Notärztin Andrea Bergen 1551 - Hannah Sommer - E-Book

Notärztin Andrea Bergen 1551 E-Book

Hannah Sommer

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Beschreibung

Ein Routineeinsatz führt Notärztin Andrea Bergen zu einem schwerkranken Mädchen - und zu einem Geheimnis, das acht Jahre lang verborgen blieb. Ein genetischer Test bringt Unglaubliches ans Licht: Zwei Neugeborene wurden damals im Elisabeth-Krankenhaus vertauscht. Während Andrea zwischen medizinischer Verantwortung und menschlichem Mitgefühl steht, geraten zwei Familien an den Rand ihrer seelischen Kräfte - und nur die Wahrheit kann sie retten ...

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Seitenzahl: 135

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Cover

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Das vertauschte Kind

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Impressum

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Inhaltsverzeichnis

Inhaltsbeginn

Impressum

Das vertauschte Kind

Manchmal holt uns die Vergangenheit in den Momenten ein, in denen wir sie am wenigsten erwarten. Ich habe einen Einsatz wegen eines fiebernden Kindes gehabt – und plötzlich stehe ich vor einem alten Fall, der nie ganz abgeschlossen war.

Anni, das Frühchen, dem ich damals geholfen habe, auf die Welt zu kommen, kämpft heute um ihr Leben. Und ihre Krankheit bringt eine Wahrheit ans Licht, die alles verändert: Dieses Kind stammt nicht von den Eltern, die sie großgezogen haben. Es wurde bei der Geburt mit einem anderen Mädchen vertauscht – eine Verwechslung, die acht Jahre lang unentdeckt blieb.

Ich sehe Entsetzen, Schuld und Liebe in den Gesichtern derer, die jetzt um ihr Kind bangen – und ich weiß, dass auch ich damals Teil jener Nacht war, in der alles begann.

Wie soll man den Menschen helfen, wenn die Wahrheit sie zu zerreißen droht? Und kann man ein Herz heilen, das plötzlich nicht mehr weiß, wo es hingehört?

Vor acht Jahren

»Können Sie nicht noch etwas schneller fahren?«

Notärztin Andrea Bergen sah durch das Fenster des Rettungswagens, dass das Fahrerhäuschen mit dem hinteren Bereich, in dem die Patienten transportiert wurden, verband.

Jupp Diederichs, ihr Fahrer, presste angespannt die Zähne zusammen.

»Ich mache, so schnell ich kann, Chefin«, versicherte er ihr.

Andrea Bergen nickte. Sie wusste, dass ihr Team immer sein Bestes gab und sie sich voll und ganz auf ihren Fahrer Jupp Diederichs und ihren Sanitäter Ewald Miehlke verlassen konnte. Dennoch war sie beim heutigen Krankentransport äußerst angespannt.

Juliana Paulsen, die schwangere Patientin, die sie mit starken Wehen in die Klinik einlieferten, stöhnte schon wieder unter Schmerzen.

Sie und ihr Partner hatten nach einem Restaurantbesuch an diesem Abend einen Autounfall gehabt, weil ihnen ein anderes Fahrzeug die Vorfahrt genommen hatte. Jetzt hatten sich bei Juliana vorzeitige Wehen eingestellt. Ansonsten war sie glücklicherweise unverletzt geblieben. Ihr Lebensgefährte war ebenfalls wie durch ein Wunder bis auf eine Platzwunde am Kopf, die die Notärztin vor Ort versorgt hatte, nicht verletzt worden.

Besorgt blickte die Notärztin auf den Bauch der Schwangeren, der schon wieder hart wurde.

»Halten Sie durch«, bestärkte sie Juliana Paulsen. »Wir haben es gleich bis zum Elisabeth-Krankenhaus geschafft.«

Sie erhöhte die Tropfgeschwindigkeit der Wehenhemmer und spürte gleichzeitig, wie der Rettungswagen noch ein wenig schneller fuhr. Draußen konnte sie das Blaulicht sehen, das durch die Dunkelheit zuckte. Wenigstens kein dichter Verkehr, schoss es ihr dankbar durch den Kopf.

Endlich erreichten sie die Zufahrt des Elisabeth-Krankenhauses, und Jupp Diederichs parkte den Rettungswagen vor der überdachten Patientenanlieferung.

Andrea Bergen öffnete von drinnen die Türen, doch zu ihrer Überraschung stand kein Team der Notaufnahme für sie bereit, das sie in Empfang nahm. Lediglich Mara, die neue Schwesternschülerin, wartete auf sie. Was war hier los?

»Wo sind die anderen?«, fragte sie beinahe harsch, als sie die Trage im selben Moment aus dem Rettungswagen rollte.

Ewald Miehlke, ihr Sanitäter, hatte ihr Kommen doch per Funk angemeldet.

»Dr. Wolters ist zusammen mit Hebamme Carola im Kreißsaal, weil eine andere Schwangere mit Wehen in die Notaufnahme gekommen ist. Das Baby liegt in Steißlage. Und Dr. Schwarzhaupt haben wir angepiept. Er ist in Bereitschaft und schon auf dem Weg hierher. Ebenso Hebamme Gertrud. Aber die ist gerade auch anderweitig verhindert.«

»Was soll das heißen?«, fragte Juliana Paulsen bang. »Muss ich mein Baby ohne einen Arzt und ohne Hebamme bekommen?«

»Nein«, sagte Andrea Bergen entschieden, doch sie merkte, wie ihr Puls stieg. »Ich bleibe bei Ihnen, bis eine geeignete Ablösung kommt. Und wenn alle Stricke reißen, stehen wir das zusammen durch.« Sie lächelte die Schwangere aufmunternd an, ehe sie sich wieder an die Schwesternschülerin wandte. »Mara, rufen Sie Christiane Stellmacher an.«

»Die Beleghebamme aus der Stadt?«, wunderte sich diese.

Andrea Bergen nickte. »Sie muss sofort herkommen und einspringen.«

»Aber das ist nicht meine Hebamme«, wimmerte Juliana Paulsen. »Außerdem ist es noch zu früh für meine Tochter, um auf die Welt zu kommen. Ich bin erst in der sechsunddreißigsten Woche.«

»Ich fürchte, dass wir im Moment nicht sehr viel Auswahl haben, Frau Paulsen. Ist das zweite Entbindungszimmer frei?«, fragte sie dann an Mara gewandt.

Die junge Frau schüttelte den Kopf. »Wir haben noch eine weitere Entbindung.«

Du liebe Zeit! Was war heute nur los?

Andrea Bergen atmete tief durch. Sie musste Ruhe bewahren.

»Okay. Richten Sie den Kreißsaal her, Mara. Ich bringe Frau Paulsen in wenigen Minuten hoch zu Ihnen.«

Mara nickte und machte sich auf den Weg. Hoffentlich bekam sie das hin, dachte Andrea. Mara war erst seit Kurzem am Elisabeth-Krankenhaus und wirkte oftmals noch etwas unbeholfen und unsicher. Sicherlich würde sie in ihre Aufgaben hineinwachsen, doch die Notärztin hatte immer wieder das Gefühl, dass Mara mit allem überfordert war und Gesundheits- und Krankenpflegerin vielleicht doch nicht die richtige Berufswahl für sie war.

»Wann kommt mein Lebensgefährte?«, fragte Juliana und hielt sich erneut den Bauch.

»Er müsste in den nächsten Minuten hier eintreffen. Ewald, bitte geben Sie dem Pförtner Bescheid, falls sich Herr Paulsen dort nach seiner Frau erkundigt.«

Der Sanitäter nickte und war gleich darauf hinter eine Schwingtür verschwunden.

»Jupp, Sie helfen mir, die Trage in den ersten Stock zu bringen«, wies Andrea Bergen ihren Sanitäter an. »Halt! Wehe! Versuchen Sie, sie zu veratmen, Frau Paulsen.«

Sofort stoppten sie die Trage, und Andrea Bergen hielt die Hand der Patientin, die erneut gegen die starken Schmerzen kämpfte.

Verdammt, der Wehenhemmer wirkte nicht. Und der Muttermund war schon zu weit geöffnet, als dass sie die Dosis noch weiter erhöhen könnte. Sie musste der Wahrheit ins Auge sehen. Juliana Paulsen würde heute Nacht ihre Tochter auf die Welt bringen. Auch wenn es eigentlich noch etwas zu früh war.

Hoffentlich hatte Dr. Wolters die Steißlage bald im Griff, sodass sie, Andrea, noch etwas Unterstützung bekam, bis Dr. Schwarzhaupt in der Klinik eintraf.

»Ich kann es nicht mehr zurückhalten«, presste Juliana Paulsen zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Das Baby kommt ...«

***

Schweißgebadet schreckte Andrea Bergen aus ihrem Traum auf. Es war alles in Ordnung, sie war zu Hause in ihrem Bett.

»Was ist los, Liebling?« Werner Bergen, ihr Mann, drehte sich zu ihr um und blickte sie besorgt an.

»Nichts«, murmelte Andrea und atmete tief durch. »Ich habe bloß schlecht geträumt.«

»Möchtest du darüber reden?«, bot Werner an und setzte sich ein wenig im Bett auf.

»Es war diese eine Nacht vor acht Jahren, als ich Juliana Paulsen nach einem Unfall mit frühzeitigen Wehen in die Klinik gebracht habe.«

Werner Bergen blickte sie mitfühlend an. »Ich erinnere mich noch gut daran«, sagte er. »Die kleine Anni kam ein wenig zu früh auf die Welt. Aber sie hat sich gut ins Leben gekämpft.«

Werner arbeitete selbst als Belegarzt im Elisabeth-Krankenhaus auf der Kinderstation und hatte den Fall der kleinen Anni übernommen. Auch jetzt noch war sie seine Patientin in seiner eigenen Praxis im Haus am Stadtrand.

Andrea Bergen nickte angespannt. »Ich weiß. Ich bin froh, dass es ihr gut geht. Es war einfach so eine nervenaufreibende Nacht. Erinnerst du dich noch an die andere schwangere Patientin?«

»Die Steißgeburt, bei der es zu Komplikationen kam«, antwortete Werner halblaut.

Natürlich hatte er das auch nicht vergessen. Er hatte sich damals im Krankenhaus um das kleine Mädchen gekümmert, das kurzzeitig im Geburtskanal stecken geblieben war.

»Aber auch diesem Baby ging es gut«, versuchte er, seine Frau zu beruhigen. »Wir konnten sie völlig gesund und ohne weitere Auffälligkeiten entlassen.«

Andrea holte tief Luft und atmete durch. Werner hatte recht. Es war alles in Ordnung.

»Ich weiß auch nicht, wieso mich diese Nacht nach all den Jahren auf einmal wieder beschäftigt.«

Er zog sie liebevoll in seine Arme.

»Vielleicht, weil jetzt wieder die dunkle Jahreszeit beginnt«, sagte er verständnisvoll. »Soweit ich mich erinnere, war der Unfall Ende Januar.«

Es stimmte; es war Herbst. Die Tage waren grau und wurden immer kürzer, die Straßen nass und spiegelnd. Vielleicht war das Wetter unbewusst der Auslöser für die Erinnerung an den Unfall gewesen. Auch damals waren die Straßen vom Regen nass und der Abend ungemütlich kalt und dunkel gewesen.

»Wahrscheinlich hast du recht«, murmelte Andrea und kuschelte sich an ihren Mann. »Ich bin froh, dass damals doch alles gut ausgegangen ist.«

Werner nickte und hauchte ihr einen Kuss ins Haar.

Sie war dankbar, einen so verständnisvollen und fürsorglichen Mann wie Werner zu haben. Dass sie sich darüber hinaus auch beruflich mit ihm austauschen konnte, war ein weiterer Gewinn, den sie nicht missen wollte. Er verstand ihre vollen Tage, hatte Verständnis für ihre Bereitschaftsdienste als Notärztin, und für ihn war es selbstverständlich, dass Jahrestage oder Geburtstage auch mal an anderen Tagen nachgeholt werden mussten, weil noch eine OP anstand oder ein Einsatz länger dauerte.

»Hast du heute lange Dienst?«, erkundigte er sich.

»Nein, mein Kollege Dr. Conrady ist von der Tagung zurück. Wir könnten also zusammen essen gehen, wenn du möchtest«, schlug Andrea Bergen vor.

Werner legte die Stirn in Falten. »Ich weiß noch nicht, ob daraus etwas wird. Frau Paulsen war vor ein paar Tagen mit Anni in der Praxis. Die Kleine hatte Husten und Fieber, und ich wollte bei ihnen noch einen Hausbesuch machen und sehen, ob ihre Krankheit abgeklungen ist. Irgendwie habe ich ein seltsames Gefühl, weil die Medikamente nicht so angeschlagen haben, wie ich es mir erhofft hatte.«

»Dann hast du den Verdacht einer Lungenentzündung?«, fragte Andrea Bergen.

»Ich möchte diese Komplikation in jedem Fall ausschließen.«

Andrea nickte und richtete sich auf.

»Okay, dann lass uns doch einfach schauen, ob es am Wochenende passt«, schlug sie vor.

»Sehr gern.« Werner gab ihr einen raschen Kuss, ehe er selbst aufstand. »Reicht es dir noch, um zusammen zu frühstücken, bevor du ins Elisabeth-Krankenhaus musst?«

Andrea sah auf die Uhr und nickte. »Ein Müsli schaffe ich allemal noch. Und dann kann ich auch gleich Franzi mitnehmen und an der Schule absetzen.«

Franzi war ihre gemeinsame Adoptivtochter. Sie war jetzt zwölf und kam mit ihren Eltern super zurecht.

»Da wird sie sich freuen, wenn sie nicht laufen muss«, sagte Werner.

Andrea schmunzelte. Normalerweise konnte Franzi ihren Schulweg allein bestreiten, aber was sprach dagegen, sie ein bisschen zu verwöhnen? Andrea tat es gern, und sie war sich sicher, dass das bestimmt jede Mutter für ihr Kind tat. Sie war dankbar, eine so wunderbare Familie zu haben, denn sie wusste, dass es auch anders sein konnte.

***

Es klingelte. Juliana erhob sich vom Bettrand des Kinderbettes, an dem sie bis eben gesessen und die Hand ihrer Tochter gehalten hatte.

Anni ging es noch immer nicht besser. Seit Tagen kämpfte sie gegen heftigen Husten, und jetzt war das Fieber hinzugekommen, das einfach nicht nach unten gehen wollte.

Ob das Dr. Werner Bergen war? Sie hoffte es. Der Kinderarzt hatte versprochen, dass er nach Praxisschluss noch einmal bei ihnen vorbeikommen und nach Anni sehen wollte.

Juliana öffnete, aber vor der Tür stand nicht der Kinderarzt, sondern ein anderer Mann, den sie vom Sehen kannte. Das war doch Johannes Stahl, der Vater eines Mädchens, das mit Anni in die gleiche Klasse ging, wenn sie sich recht erinnerte.

»Hallo«, sagte er freundlich. »Ich hoffe, ich störe nicht. Meine Tochter Sophie hat mir erzählt, dass Ihre Tochter heute wieder nicht in der Schule war.«

Juliana nickte. »Anni ist leider immer noch krank«, bestätigte sie.

Johannes blickte sie mitfühlend an. »Das tut mir leid zu hören. Sophie hat die Arbeitsblätter für Anni mitgenommen, die heute in der Schule ausgeteilt wurden.«

»Ach, das ist aber aufmerksam von Ihrer Tochter. Vielen Dank.«

Sie lächelte Johannes an, und obwohl sie nicht sollte, freute sie sich, als er zurücklächelte.

»Sophie wäre auch gerne mitgekommen, aber ich habe ihr davon abgeraten, weil ich nicht wusste, wie es Anni geht. Ich glaube, die beiden Mädchen mögen sich«, sagte Johannes. »Seit sie zusammen in der AG für den Bienengarten waren, erzählt Sophie immer wieder von Anni.«

»Ja, Anni fand Sophie auch sehr nett«, bestätigte Juliana.

»Vielleicht können wir ja mal was zusammen zum Spielen ausmachen«, schlug Johannes vor.

Julianas Magen schlug einen Purzelbaum.

Moment, ermahnte sie sich. Dieser Mann mochte mit seinen dunklen Haaren und der muskulösen Statur umwerfend gut aussehen. Soweit sie wusste, war er Kinderarzt am Elisabeth-Krankenhaus, aber er war auch verheiratet, wie der kleine Goldring an seinem Finger unübersehbar zeigte. Und sie selbst war ja seit der Trennung von Ben, Annis Papa, auch gar nicht mehr auf der Suche.

Als Alleinerziehende mit Teilzeitjob in der Verwaltung hatte sie alle Hände voll zu tun und überhaupt keine Zeit für eine neue Beziehung. Und das hier war ohnehin nur ein nettes Spielangebot für die beiden Töchter gewesen.

»Darüber würde sich Anni bestimmt sehr freuen, wenn sie wieder fit ist«, stimmte Juliana zu, und sie war froh, dass ihre Stimme ihr so gut gehorchte. Dann waren ihre seltsamen Gedanken wenigstens nicht zu erraten.

»Wenn Sie möchten, gebe ich Ihnen meine Nummer, dann können Sie sich melden.«

»Ja, klar ... Natürlich.« Juliana kramte auf der Kommode neben der Tür nach Stift und Papier und reichte beides Johannes, der seine Nummer notierte.

»Sie können mich ja einfach anrufen«, sagte er. »Dann haben wir auch Ihre Nummer.«

Sie nickte und verabschiedete sich.

Als sie die Tür wieder geschlossen hatte, lehnte sie sich mit dem Rücken dagegen.

Himmel, was war das denn gerade? Wie konnte es sie so aus dem Konzept bringen, dass ein Mann eine Spielverabredung für ihre Töchter vorgeschlagen hatte?

Und seine Nummer hat er dir auch nur gegeben, damit ihr für die beiden Kinder etwas ausmachen könnt, ermahnte sie sich. Er ist vergeben, Juliana. Egal, wie gut er aussieht, und egal, wie oft du ihn schon auf einem Elternabend angehimmelt hast. Lass die Finger von ihm, so etwas gehört sich nicht.

Sie atmete tief durch und ging wieder in Annis Zimmer.

»Wer war das?«, fragte das Mädchen schwach. »Johannes Stahl, Sophies Papa. Er hat dir die Hausaufgaben vorbeigebracht. Sophie hat die Arbeitsblätter im Unterricht für dich mitgenommen.«

Auf Annis Gesicht legte sich ein mattes Lächeln. Wenigstens ein kleiner Silberstreif am Horizont, wo es ihr so schlecht ging, dachte Juliana.

»Wir haben überlegt, dass ihr euch ja mal zum Spielen verabreden könnt.«

»Das wäre schön«, murmelte das Mädchen, dem schon wieder die Augen zufielen.

Juliana legte ihre Hand auf Annis Stirn. Sie glühte immer noch.

Endlich kam Dr. Bergen.

»Wie geht es Anni?«, erkundigte sich Werner Bergen.

»Ihr Zustand hat sich weiter verschlechtert«, erzählte Juliana. »Sie möchte auch kaum etwas trinken, und der Husten quält sie entsetzlich.«

Der Kinderarzt nickte ernst, und Juliana führte ihn zu ihrer Tochter.

Werner Bergen untersuchte das Mädchen eingehend.

»Ich verschreibe ihr noch mal ein Medikament«, sagte er. »Aber wenn auch das nicht hilft, müssen Sie Ihre Tochter unbedingt in der Klinik vorstellen. Wir müssen abklären, was die Ursachen sind. In letzter Zeit haben sich die Infekte bei Ihrer Tochter gehäuft. Und auch, dass sie nicht richtig zunimmt, besorgt mich. Irgendwie sieht mir das nicht nur nach einer Lungenentzündung aus.«

»Woran denken Sie?«, fragte Juliana bang.

»Es ist möglich, dass eine genetische Erkrankung vorliegt. Das müssen wir abklären.«

Juliana nickte angespannt. »Und was mache ich, wenn das Fieber jetzt am Wochenende nicht runtergeht?«

»Zögern Sie nicht zu lange«, riet Dr. Bergen. »Anni ist sehr geschwächt. Wenn die Symptome weiterhin anhalten, muss sie ins Elisabeth-Krankenhaus. Sollten Sie sie einweisen müssen, informieren Sie das Klinikpersonal, dass es sich mit mir in Verbindung setzt. Dann lasse ich dem Krankenhaus Annis Patientenakte zukommen. In dringenden Fällen können sie mich auch anpiepsen. Ich arbeite dort ja als Belegarzt.«

»Das ist wirklich sehr nett von Ihnen, Herr Dr. Bergen. Ich danke Ihnen sehr.«

»Keine Ursache«, sagte Werner Bergen mit einem freundlichen Lächeln. »Wir wollen doch, dass es Anni bald wieder besser geht. Und selbstverständlich tue auch ich alles, damit wir die Ursache finden und ihr helfen können.«

***

Andrea Bergen hatte Frühdienst im Elisabeth-Krankenhaus. Sie saß im Bereitschaftszimmer der diensthabenden Notärzte und hatte am Computer den alten Patientenfall von Juliana Paulsen geöffnet.

Ihr Traum hatte sie nicht losgelassen, und so hatte sie entschieden, noch einmal in die Patientenakte zu sehen und den Geburtsbericht zu lesen.