Notärztin Andrea Bergen 1554 - Isabelle Winter - E-Book

Notärztin Andrea Bergen 1554 E-Book

Isabelle Winter

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Beschreibung

Als Dr. Lukas Reinhardt ans Elisabeth-Krankenhaus zurückkehrt, herrscht gespannte Bewunderung: Der Chirurg, der in Krisengebieten Unmögliches möglich macht, gilt vielen als Held - doch innerlich fühlt er sich gebrochen. Hinter seiner kontrollierten Fassade kämpft er mit Albträumen, Schuld und einer Vergangenheit, die ihn nicht loslässt. Bei einem dramatischen Notfall reißt die Fassade schließlich: Während die junge Assistenzärztin Lea Sommer über sich hinauswächst und den Einsatz meistert, bricht Lukas unter der Last seiner Erinnerungen zusammen. Doch Leas warmherzige, unvoreingenommene Art erreicht ihn dort, wo niemand sonst Zugang findet. Kann sie ihm helfen, den Glauben an sich selbst wiederzufinden?

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Seitenzahl: 123

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Cover

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Der gefallene Held

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Impressum

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Inhaltsverzeichnis

Inhaltsbeginn

Impressum

Der gefallene Held

Heute hat mein alter Freund Dr. Lukas Reinhard im Elisabeth-Krankenhaus gekündigt. Einfach so. Sein Blick, als er mir davon erzählte, war hart und abweisend, aber unter der Oberfläche spürte ich seine Angst und seine Schuldgefühle. Die Assistenzärztin Lea hat mir erzählt, was beim Einsatz passiert ist: Dass er mitten im Chaos wie erstarrt war, gefangen in einer Erinnerung, die ihn überrollt hat. Und jetzt will er gehen. Er behauptet, er brauche Abstand und Ruhe – aber ich weiß, das ist nur seine Flucht vor den Bildern aus Krisengebieten, die ihn verfolgen. Ich würde so gerne für ihn da sein, aber er lässt niemanden an sich heran. Ich habe das Gefühl, wenn er geht, verliert er mehr als nur seinen Job. Denn auch Lea, die ihn offensichtlich sehr mag, ist entsetzt über seinen wortlosen Abgang.

Jupp Diederichs steuerte den Notarztwagen mit ruhiger Hand durch die nassen Straßen. Der Schneematsch lag heute Abend in grauen Säumen am Fahrbahnrand, das Orange der Straßenbeleuchtung spiegelte sich auf dem feuchten Asphalt. Die Blaulichter warfen kalte Lichtstreifen über Schaufenster und parkende Autos.

Notärztin Dr. Andrea Bergen spürte die vertraute Spannung vor dem Einsatz als feines Ziehen zwischen den Schulterblättern, während sie den Funkverkehr verfolgte. Neben ihr sortierte der Rettungsassistent Ewald Miehlke routiniert die Ausrüstung, strich mit dem Daumen über die manuell beschrifteten Ampullen und zählte leise: Sauerstoff, Absaugung, Monitoring, Infusionen – alles an Bord.

»Auffahrunfall, zwei Fahrzeuge, eine Person eingeschlossen, bislang ansprechbar«, krächzte die Leitstelle.

Jupp nickte nur knapp. »Noch drei Minuten.«

Als sie einbogen, tauchte die Unfallstelle vor ihnen auf: Ein Lieferwagen stand schief, die Front eines kleinen Kompaktwagens war unter die Heckstoßstange geschoben, Dampf stieg aus den Kühlerhauben. Der Geruch von nassem Gummi und erhitztem Metall lag in der Luft. Feuerwehrleute hatten bereits den Bereich abgesperrt, orangefarbene Kegel leuchteten im Regen.

Andrea öffnete die Tür, der kalte Wind fuhr ihr unter die Jacke. »Ewald, zum Kleinwagen. Jupp, Monitoring vorbereiten.«

Die Fahrerin im Kompaktwagen war Anfang dreißig, ihre Hände klammerten am Lenkrad.

»Ich heiße Andrea Bergen, ich bin die Notärztin«, sagte Andrea, beugte sich hinein und roch den aufdringlichen, rauchigen Geruch geöffneter Airbags. »Können Sie mich hören?«

Die Frau nickte, Tränen rannen ihr über die Wangen. »Mein Nacken ... Mir ist ein bisschen schwindlig.«

»Alles ist gut, bleiben Sie ganz ruhig«, sagte Andrea freundlich und legte sanft eine Hand auf die Schulter der Frau. »Atmen Sie mit mir, ja?«

Sie tastete Puls und Halsschlagadern und sah auf die Pupillen: Sie waren gleich groß und reagierten normal auf die Lichteinstrahlung. Die Notärztin sah keine offensichtliche Blutung, aber die typische Gurtmarke zeichnete sich über dem Schlüsselbein ab. »Ewald, Stifneck, bitte! Ich will ihre Halswirbelsäule stützen. Und das EKG, sobald sie stabil sitzt.«

»Der Fahrer vom Lieferwagen ist okay«, rief ein Feuerwehrmann herüber. »Leichte Prellungen, steht unter Schock.«

Andrea nickte und konzentrierte sich wieder auf die Fahrerin. »Wie heißen Sie?«

»Katrin.«

»Katrin, ich gebe Ihnen gleich etwas gegen die Schmerzen. Vorher stellen wir den Nacken ruhig. Sie bleiben sitzen, wir arbeiten uns vor.« Andrea sprach ruhig und sachlich. Der Regen trommelte unnachgiebig herab.

Das Anlegen der Halskrause im beengten Innenraum brauchte Fingerspitzengefühl.

Ewald arbeitete neben ihr, sein Atem stieg in weißen Wölkchen auf. »Stifneck sitzt. Sättigung sechsundneunzig, Puls hundertvier, Druck hundertfünfunddreißig zu achtzig«, meldete er.

Andrea sah die feinen Muskelzuckungen am Kiefer der Patientin und hörte die forcierten Atemzüge. »Katrin, auf einer Skala von null bis zehn – wie stark sind die Schmerzen?«

Die Patientin zögerte kurz und atmete rau. »Sieben.«

Andrea nickte und zog eine Ampulle aus dem Etui. »Kleines Schmerzmittel, das Sie wach lässt. Sie sagen mir sofort, wenn Ihnen schwindlig wird.« Die Dosis war gering, half aber, die Schmerzen der Frau zu lindern.

Die Feuerwehr arbeitete sich inzwischen an die verkeilte Tür; ein beherzter Zug reichte, die Scharniere gaben nach.

»Bereit zum Umlagern«, rief Andrea. »Seitenbewegung in drei Schritten, auf mein Kommando. Eins, zwei, drei.«

Sie führten Katrin aus dem Wagen, brachten sie auf die Trage in die stabile Seitenlage und wärmten sie mit einer Folie, die im Regen knisterte. Schon hatten sie die Patientin in den Notarztwagen gebracht.

Die junge Frau atmete ruhiger, die Tränen versiegten, ihr Blick wurde klarer. »Meine Tochter... zum Glück nicht dabei«, flüsterte sie.

Andrea schenkte ihr ein knappes, ermutigendes Lächeln. »Wir fahren jetzt ins Elisabeth-Krankenhaus. Dort führen wir weitere Untersuchungen durch und behandeln Sie. Sie sind in guten Händen.«

Der Fahrer des Lieferwagens, Mitte fünfzig, zitterte, obwohl ihm unter der Jacke warm sein musste.

»Ich hab den anderen Wagen zu spät gesehen«, stammelte er. »Die Ampel... Das Licht hat sich gespiegelt ...« Er rang nach Luft und drohte zu hyperventilieren.

Andrea legte ihm für einen Moment die Hand auf den Unterarm. »Die Details werden alle noch abgeklärt. Wichtig ist jetzt, dass Sie ruhig bleiben und tief atmen. Ein. Aus.«

Sie blieb einen Augenblick lang an seiner Seite, bis er sich beruhigte und wieder gleichmäßiger atmete.

Als beide Patienten versorgt und transportfähig waren, drehte sich Jupp im Sitz um und wartete auf ihr »Fertig«. Sie gab ihr Zeichen. Die Rückfahrt verlief beinahe still, nur das leise Piepen des Monitors, das rhythmische Schlagen der Scheibenwischer und das Summen der Reifen auf nasser Fahrbahn begleiteten sie.

Im Schockraum des Elisabeth-Krankenhauses wartete das Team bereits. Die Übergabe ging zügig und geordnet vonstatten. »Fahrerin, frontal aufgefahren, gesichert, Gurtmarke, Nackenschmerz, neurologisch orientiert, Pupillen isokor, Analgesie niedrig dosiert, Vitalparameter stabil. Diagnostik bitte: HWS, Thorax, Abdomen. Zweiter Patient: Prellungen, Kreislauf stabil, EKG unauffällig, Beobachtung.«

Ein paar Nachfragen, kurzes Nicken, die nötigen Unterschriften wurden gesetzt. Dann nahm das Klinikgetriebe die beiden auf, wie ein großes, verlässliches Uhrwerk.

Als die Türen hinter den Tragen zufielen, verspürte Andrea die Erschöpfung mit einem Mal in den Knochen. Die kalte Nässe, die unter den Kragen gekrochen war, meldete sich, und ihr Nacken fühlte sich steif an.

Ewald atmete durch und grinste müde. »Ist ja nochmal glimpflich abgelaufen. Aber anstrengend war's. Ich bin kaputt.«

Jupp nickte. »Und ich erst.« Er warf einen Blick auf die Uhr. »Ich wäre reif für den Feierabend. Aber bis dahin dauert es noch eine Weile.«

»Zumindest können wir jetzt eine Pause einlegen«, sagte Andrea.

Gemeinsam gingen sie durch den Gang, vorbei an bekannten Gesichtern, dem gedämpften Summen der Klinik, dem Geruch nach Desinfektionsmittel, Kaffee und frisch gewischtem Linoleum.

Im Aufzug spiegelte sich ihr Gesicht: leicht gerötet von der Kälte, die dunkelblonden Haare waren feucht und zerzaust. Die graugrünen Augen, die sonst so wach und aufmerksam dreinblickten, machten jetzt einen müden Eindruck.

»Und diese Pause haben wir uns wirklich verdient«, fügte sie dann noch hinzu.

***

Im Casino, dem Personalrestaurant des Elisabeth-Krankenhauses, herrschte jene warme Betriebsamkeit, die nach einem anstrengenden Einsatz einfach guttat. Das Klacken der Tabletts, das Zischen der Kaffeemaschine und das gedämpfte Lachen der Kolleginnen und Kollegen mischten sich zu einem beruhigenden Summen. Draußen perlte Schneematsch an den Fensterscheiben herab und ließ die Laternenlichter zu verschwommenen Kreisen werden.

Andrea Bergen trat ein, schob die feuchten Haare aus der Stirn und merkte sofort, dass an den Tischen ein Thema heiß diskutiert wurde. Köpfe steckten zusammen, Sätze überschlugen sich, überall blinkten neugierige Blicke auf.

»Andrea! Hier rüber!« Dietmar Krug winkte mit seiner Gabel. Er saß wie so oft vor einem respektablen Berg aus Brötchenhälften, Salat und einer dampfenden Portion Nudeln. Der schlaksige Blondschopf lächelte ihr herzlich entgegen. »Setz dich. Genau rechtzeitig.«

Sie schnappte sich ein Sandwich und rutschte auf den freien Platz. »Wozu denn rechtzeitig?« Sie biss genussvoll in das Sandwich.

»Na, zum Jahrhunderttratsch«, murmelte Dietmar mit vollem Mund. »Hast du es schon gehört?«

Am Tisch wurde es erwartungsvoll still. Andrea ließ den Blick einmal im Kreis wandern. Zwei Pflegerinnen, eine OP-Schwester, ein junger Assistenzarzt und eine junge Ärztin mit veilchenblauen Augen und schokoladenbraunen, gewellten Haaren, die vor Aufregung kaum still sitzen konnte. Worum es auch ging, alle wirkten ganz aus dem Häuschen.

»Also?« Andrea legte die Serviette zur Seite. »Bitte klärt mich auf, bevor Dietmar an seiner Spannung erstickt.«

Die junge Assistenzärztin beugte sich vor. Ihre sanften Augen blitzten vor Begeisterung. »Dr. Lukas Reinhardt fängt hier an! Bei uns. Am Elisabeth-Krankenhaus.« Ihre Stimme vibrierte, als habe sie eben eine Sensation verkündet.

Andrea nickte. Darum ging es also.

»Ach ja?«, fragte sie ruhig und ließ sich nicht anmerken, dass er sie darüber längst informiert hatte. Lukas selbst hatte es ihr erzählt, als sie das letzte Mal telefoniert hatten.

Dietmar legte die Gabel ab und verschränkte die Arme. »Die Leitung hat es wohl heute Mittag bestätigt. Der Vertrag ist unterschrieben, er startet hier in Kürze. Der Dr. Reinhardt! Unfallchirurgie vom Feinsten, Auslandseinsätze mit ›Ärzte ohne Grenzen‹. Der Kerle hat in Krisengebieten krasse Arbeit geleitet.«

»Er gilt als Held«, schwärmte die OP-Schwester. »Ich erinnere mich an einen Bericht – eine improvisierte OP unter einem Zeltdach, Stromausfälle, Bombennächte. Und er mittendrin, ruhig wie ein Fels.«

Die junge Ärztin – Andrea erinnerte sich jetzt an den Namen: Dr. Lea Sommer – nickte heftig. »Er hat in der Literatur etwas über Traumaversorgung veröffentlicht, mit Fallbeispielen aus Syrien und dem Jemen. Sein Name steht für ... na ja, für Unmögliches, das plötzlich möglich wird.« In ihren Augen lag ein Leuchten.

»Und dann die Sache mit der Explosion«, sagte der Assistenzarzt leiser. »Er wurde verletzt, heißt es. Monatelange Reha war nötig, habe ich gehört.«

»Ziemlich spannend, dass so jemand bald zu unserem Kollegenkreis zählt«, fand Dietmar. »Der Bursche hat sicher ein paar spannende Geschichten auf Lager.«

Andrea legte die Hände um ihren warmen Kaffeebecher. Lukas. Die Erinnerung an seine Stimme flackerte auf – Funkverbindungen, die halb im Rauschen versanken, hastige Mails zwischen Einsätzen, kurze Lebenszeichen, in denen er bescheiden über seine Arbeit sprach. Sie kannte ihn schon lange; sie waren befreundet und hatten auch damals, als er für »Ärzte ohne Grenzen« ins Ausland gegangen war, den Kontakt nie ganz verloren.

Andrea schätzte ihn sehr, nicht nur als guten Freund, sondern auch als ausgezeichneten Arzt. Er war die Sorte Arzt, die man an die schwierigsten Fronten stellte, ohne ein zweites Mal zu überlegen: klug, schnell, kompromisslos empathisch.

Es hatte ihr im Herzen wehgetan, als die Nachricht von der Explosion kam. Zum Glück hatte er überlebt, doch sie wusste, wie sehr ihm das Unglück zugesetzt hatte. Seitdem waren seine ohnehin sporadischen Nachrichten noch seltener geworden. Und wenn er sich gemeldet hatte, dann hatte sie aus seinem Tonfall herausgehört und -gelesen, dass es ihm alles andere als gut ging.

»Du kennst ihn, oder?« Lea schaute sie an. Sie schluckte. »Sorry, wenn ich zu neugierig bin. Aber ich habe gehört, ihr wärt gut befreundet gewesen, als er noch in Deutschland gewohnt hat.«

Andrea nickte. »Wir haben früher eng zusammengearbeitet. Später, als er weg war, hielten wir Kontakt, so gut es ging. Er hatte ... na ja, sehr viel um die Ohren.« Ein sanftes Lächeln glitt über ihr Gesicht. »Der Austausch wurde seltener, ja. Aber er riss nie ganz ab.«

Lea errötete. »Ich kann es kaum erwarten, dass er hier anfängt. Ich bewundere ihn. Für das, was er getan hat.«

Andrea nickte geistesabwesend. Es würde für Lukas bestimmt nicht einfach werden, nach allem, was er durchgemacht hatte, neu anzufangen. Sie konnte nur hoffen, dass er zurechtkam und dass es ihm nach der Reha halbwegs gut ging. Sie konnte sich vorstellen, dass die körperlichen Wunden, die er davongetragen hatte, nicht das Schlimmste waren, sondern dass er vor allem psychisch an den Ereignissen zu knabbern hatte.

***

Der Himmel über ihm war grellweiß, so blendend, dass es in den Augen brannte. Dann folgte der Knall.

Lukas wusste sofort, was passieren würde, und doch konnte er nichts tun.

Der Boden vibrierte, Sand und Staub stiegen auf, er schmeckte das Metall der Luft. Überall Menschen, Stimmen, Schreie – und inmitten des Chaos das flatternde Banner von »Ärzte ohne Grenzen«, das an einer verbogenen Stange hing.

»Jonas!«, rief er, seine Stimme verhallte zwischen Sirenen und Schüssen.

Irgendwo dort vorne, zwischen den zusammengefallenen Zelten, lag sein Kollege.

Er sah die helle OP-Kleidung, blutdurchtränkt, sah die Bewegung einer Hand – Jonas lebte. Noch.

Er wollte hinlaufen. Doch seine Beine gehorchten ihm nicht.

Der Staub wirbelte dichter, er schmerzte in den Augen. Die Sonne brannte erbarmungslos durch das Loch in der Zeltplane, und der Gestank von verbranntem Gummi mischte sich mit dem von Blut. Jemand schrie etwas auf Arabisch, jemand anderes weinte. Lukas versuchte, das Geräusch einzuordnen, aber das Dröhnen in seinen Ohren verschluckte alles.

»Lukas!«, schrie Jonas.

Die Stimme kam näher, dann war sie wieder weiter weg.

Er wollte antworten, doch sein Körper stand still.

Er spürte das Zittern in den Fingern, den Puls im Hals, das Pochen in der Brust. Aber seine Beine – nichts. Kein Gefühl. Kein Muskel, der reagierte.

Er sah an sich hinab – und erstarrte. Da, wo seine Beine hätten sein sollen, war nur Leere.

Die Hose endete im Nichts. Kein Blut, kein Schmerz, nur eine entsetzliche, lautlose Abwesenheit. Er war halb Mensch, halb Schatten.

»Jonas!«, schrie er, aber seine Stimme hallte dumpf und verzerrt, als spräche er unter Wasser.

Vor ihm sank das Zelt ein, die Stoffbahnen flatterten wie zerrissene Haut. Jonas bewegte sich, griff nach ihm, streckte die Hand aus – und Lukas sah, wie sie zitterte.

Er wollte loslaufen, er wollte retten, er wollte tun, was er immer tat: handeln, helfen, überleben.

Aber er blieb stehen. Er konnte keinen Muskel rühren. Er öffnete den Mund, aber kein Ton kam heraus.

Die Welt brannte.

Dann der zweite Knall – näher, dumpfer, so tief, dass die Erde bebte. Ein Feuerball schoss in den Himmel, Sand und Splitter flogen durch die Luft, und Lukas wurde nach hinten gerissen.

Er fiel. Schlug auf.

Und dann war da nichts mehr. Nur das ferne Rufen seines Freundes.

»Lukas ...«

***

Lukas schrak hoch und starrte mit weit aufgerissenen Augen in die Dunkelheit. Seine Kehle war rau, als hätte er geschrien. Schweiß rann über seine Schläfen, sein ganzes Shirt war schweißnass. Sein Herz donnerte gewaltsam in seiner Brust.

Für einen Moment wusste er nicht, wo er war. Keuchend atmete er, während er sich hektisch umschaute. Er suchte mit den Augen nach der Staubwolke, nach Jonas, nach Licht, Rauch – doch da war nur das fahle Grau des frühen Morgens, das durch die Jalousien drang.

Zu Hause. Er war zu Hause. Zumindest in der Wohnung, die er angemietet hatte und in die er kürzlich gezogen war, auch wenn er sich hier nicht richtig heimisch fühlte. Er war nicht in Gefahr. Langsam wurden seine Atemzüge ruhiger, aber das Engegefühl in seiner Kehle blieb.

Sein Blick fiel auf die Uhr: vier Uhr achtundzwanzig. Viel zu früh, wie so oft. Die Bilder verfolgten ihn fast jede Nacht, raubten ihm den Schlaf und brachten ihn schier um den Verstand.