Shylock Holmes und Dr. Wattsen - Martin Cordemann - E-Book

Shylock Holmes und Dr. Wattsen E-Book

Martin Cordemann

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Beschreibung

Krimis für die Bühne, Band 2 Dies ist NICHT "Sherlock Holmes", auch nicht verwandt oder verschwägert, sondern eine Figur, die ähnlich heißt und auf der Bühne Kriminalfälle mit viel Dialog löst – und es soll auch nicht die Figur von Sir Arthur Conan Doyle sein! Denn mit einem Namen wie "Shylock Holmes" kann man eigentlich nur Detektiv sein, der im Theater Fälle löst – oder umgekehrt. Dieser zweite Band der Reihe bietet ebenfalls drei Stücke mit dem Bühnendetektiv: Diesmal geht es um Selbstdarstellung bei Facebook und Selbstdarstellung in einer Talk Show. Wer schnelle Dialoge und einen cleveren Ermittler mag, der sollte hier auf seine Kosten kommen. Und wer seine Krimis gerne mal in Form eines Theaterstückes lesen möchte, auch.

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Seitenzahl: 236

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Martin Cordemann

Shylock Holmes und Dr. Wattsen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Shylock Holmes Im Angesicht des Buches

ERSTER AKT

ZWEITER AKT

DRITTER AKT

Shylock Holmes in der Tod Show

ERSTER AKT

ZWEITER AKT

DRITTER AKT

Shylock Holmes macht klar Schiff

ERSTER AKT

ZWEITER AKT

DRITTER AKT

Impressum neobooks

Vorwort

Gibt es einen besseren Namen für einen Detektiv, der in einem Stück ermittelt, in dem ständig mit Shakespeare Zitaten um sich geworfen wird? Nun, das alles haben wir im Vorwort zum ersten Band ja schon geklärt. Hier also der zweite Band mit humoristischen Krimi-Stücken für die Bühne mit einem Detektiv namens „Shylock Holmes“. War er im ersten Band zu Beginn noch bei der Polizei, ist er nun definitiv Detektiv. Ihm zur Seite steht die Pathologin Dr. J.K. Wattsen, die gerne mal im unpassendsten Augenblick von ihrer Nichte Chloe angerufen wird.

Die chronologische Reihenfolge der Stücke ist, wie Sie ja aus Band 1 wissen, folgende:

Shylock Holmes (2009)

Shylock Holmes 2: Kammerspiel für Shylock Holmes (2011)

Shylock Holmes 3: Shylock Holmes und Dr. Wattsen (2014)

Shylock Holmes 4: Shylock Holmes im Angesicht des Buches (2012)

Shylock Holmes 5: Shylock Holmes in der Tod Show (2014)

Shylock Holmes 6: Shylock Holmes macht klar Schiff (2016)

Shylock Holmes 7: Ruin sanft, Shylock Holmes (2011)

Shylock Holmes 8: Shylock Holmes in der Todeszelle (2015)

Shylock Holmes 9: Shylock Holmes guckt in die Röhre (2013)

Geht man nun aber nach den Entstehungszeiten, dann ergibt sich folgendes Bild:

Shylock Holmes (2009)

Shylock Holmes 7: Ruin sanft, Shylock Holmes (2011)

Shylock Holmes 2: Kammerspiel für Shylock Holmes (2011)

Shylock Holmes 4: Shylock Holmes im Angesicht des Buches (2012)

Shylock Holmes 9: Shylock Holmes guckt in die Röhre (2013)

Shylock Holmes 3: Shylock Holmes und Dr. Wattsen (2014)

Shylock Holmes 5: Shylock Holmes in der Tod Show (2014)

Shylock Holmes 8: Shylock Holmes in der Todeszelle (2015)

Shylock Holmes 6: Shylock Holmes macht klar Schiff (2016)

Wenn Sie sie also in der Reihenfolge ihrer Entstehung lesen möchten, dann… haben Sie nichts davon!

Und nur um ganz sicher zu sein: Dies ist NICHT „Sherlock Holmes“, auch nicht verwandt oder verschwägert, sondern eine Figur, die ähnlich heißt und auf der Bühne Kriminalfälle mit viel Dialog löst – und es soll auch nicht die Figur von Sir Arthur Conan Doyle sein! Sind das Krimis mit Humor, sind das Komödien mit einem Kriminalfall – ich weiß es nicht. In erster Linie sind es „Wortspiele“, Schauspiele, bei denen das Wort und damit der Dialog im Vordergrund steht. Was das Layout angeht, so entspricht es leider nicht der Art, wie ich es anlege, sondern wird von meinem Satz in diese Form umgewandelt – wenn Sie wissen, wie man das verhindern kann, immer heraus damit!

Diese Sammlung enthält die folgenden Theaterstücke:

Shylock Holmes im Angesicht des Buches

Shylock Holmes in der Tod Show

Shylock Holmes macht klar Schiff (2016)

HINWEIS: Der Erwerb dieses E-Books berechtigt nicht zur Aufführung der Theaterstücke! Falls Sie Interesse daran haben, eines oder mehrere der hier vorhandenen Stücke auf die Bühne zu bringen, wenden Sie sich bitte an den Autor.

Shylock Holmes Im Angesicht des Buches

Auch das war angedacht als eine Idee für die Serie „Die Immis“… von der Sie im Vorwort zum nächsten Stück erfahren werden. Da man aber immer wieder davon hört, dass bei Leuten eingebrochen wird, die clevererweise auf Facebook bekannt geben, dass ihre Wohnung zum Durchstöbern bereit steht, bot sich an, das für einen Fall zu nutzen. Und das… hab ich hiermit gemacht.

Personen

SHYLOCK HOLMES

War mal Polizist, ist jetzt Detektiv und denkt evtl. zuviel nach. Sieht ganz so aus, als wäre er Erbe, spielsüchtig und als betrüge er seine Partnerin.

Dr. KATRIN WATTSEN

Sie ist Gerichtsmedizinerin und arbeitet mit Shylock zusammen. Oder läuft da noch mehr?

EMILIA DRAEGER

Dame mittleren Alters mit einem Faible für Waffen und eine exzellente Schützin.

WERNER HIRTHE

Älterer Herr, der vom Land kommt und seit seiner Jugend im Schützenverein ist. Er hat eine schwache Blase.

ANNIKA THORMANN

Adrette junge Frau, die nur wegen ihres Freundes in den Schützenverein eingetreten ist. Sie und ihr Freund…

KAI BLUMHAGEN

…beenden die Sätze des anderen. Er ist ihr Freund, Sportschütze und dem Opfer nicht unbedingt wohl gesonnen

FRANZ JÄGER

Ein Vollblut-Jäger, der alles das ausspricht, was er denkt. Offen, ehrlich, gefährlich.

STEFAN MURDT

Er hat durch das Internet zu einem Betätigungsfeld gefunden, das es ihm ermöglicht, viele Menschen kennen zu lernen und mit ihnen Geschäfte zu machen.

THEO BAUSCHULTE

Vorsitzender des Schützenvereins, Tatverdächtiger und für die Dauer des Stückes in Untersuchungshaft.

MIKE GÖTSCH

Das Opfer.

ERSTER AKT

Erste Szene

(Eine Wohnung. Alles ist ganz hübsch aber irgendwie unpersönlich eingerichtet. Es gibt einen Schrank mit einer Karaffe Wasser und Gläsern, es gibt ein Hirschgeweih an der Wand und es gibt eine Tür, die zur Toilette führt. Shylock Holmes sitzt am Schreibtisch und hat ein Laptop vor sich. Er tippt und spricht dabei.)

SHYLOCK: (zum Computer) Bin wieder zu Hause. Könnte ein interessanter Tag werden. Meine Kollegin bringt einen neuen Kunden mit. Aufregender Fall. Hoffe ich jedenfalls. Und ein bisschen Geld wäre auch nicht schlecht. Spielschulden bezahlen sich schließlich nicht von selbst – obwohl sie das eigentlich sollten! Mit etwas Glück kann ich meine Schuldscheine einlösen.

WATTSEN: (kommt herein) Schon wieder am Computer?

SHYLOCK: Sollte ich nicht?

WATTSEN: Das kommt drauf an? Soziales Netzwerk oder Online-Pornographie?

SHYLOCK: Online-Pornographie!

WATTSEN: Schön wär’s!

SHYLOCK: (zum Computer) Ich melde mich später wieder, denn Dr. Wattsen ist hier…

WATTSEN: Wir haben einen Kunden.

SHYLOCK: (zum Computer) …und wir haben einen Kunden. (sieht auf) Was für einen Kunden?

WATTSEN: Einen, der im Gefängnis sitzt.

SHYLOCK: Ist er schuldig?

WATTSEN: Eben das sollen wir herausfinden.

SHYLOCK: Und dafür bezahlt er uns?

WATTSEN: Genau genommen nicht.

SHYLOCK: Wäre auch reichlich bescheuert.

WATTSEN: Nuuun…

SHYLOCK: Hey, ich will damit nicht sagen, dass es nicht so ist. Es gibt genügend Leute, die reichlich bescheuerte Dinge tun.

WATTSEN: Warum?

SHYLOCK: Weil sie reichlich bescheuert sind. Was ist unser Kunde?

WATTSEN: Verhaftet.

SHYLOCK: Das beantwortet die Frage nicht.

WATTSEN: Ich weiß. Aber wie du weißt kann ich dir nur sagen, was ich weiß.

SHYLOCK: Dann unterstelle ich mal, wir sollen nicht beweisen, dass er schuldig ist?

WATTSEN: Nein, dafür gibt es ja die Polizei. Er hat uns engagiert, weil er…

SHYLOCK: …unschuldig ist?

WATTSEN: Das behauptet er jedenfalls.

SHYLOCK: Alles andere wäre auch…

WATTSEN: …reichlich bescheuert?!

SHYLOCK: Exakt.

WATTSEN: Man hat ihn verhaftet, weil man ihn für den Täter hält.

SHYLOCK: Wäre ja sonst auch etwas unverfroren, oder? Was ist passiert?

WATTSEN: Der Schützenkönig wurde erschossen.

SHYLOCK: Entdecke ich da eine gewisse Ironie?

WATTSEN: Nicht bei mir.

SHYLOCK: Nein, eher beim Schicksal. Also der Schützenkönig wurde erschossen.

WATTSEN: Ganz genau.

SHYLOCK: Na, das sollte es doch einfach machen. Gibt ja nicht viele zugelassene Waffen. Es sei denn, natürlich, es war…

WATTSEN: …auf einem Schießstand!

SHYLOCK: Ja, das meinte ich. Und es war kein Unfall?

WATTSEN: Nein, es war Mord. Die Tatwaffe wurde in den Tresor des Schützenvereins eingeschlossen.

SHYLOCK: Vor oder nach der Tat?

WATTSEN: Sowohl als auch.

SHYLOCK: Hmm, langsam fängt es an, interessant zu werden.

WATTSEN: War es das nicht schon bei dem Wort „Mord“?

SHYLOCK: Ja, eigentlich schon.

WATTSEN: Willst du wissen, was passiert ist?

SHYLOCK: Nimmt das nicht ein bisschen die Spannung aus dem Fall?

WATTSEN: Ich sag dir ja nicht, wer der Mörder ist.

SHYLOCK: Okay, dann schieß los.

WATTSEN: Die Geschichte beginnt bei einem Schützenverein. Die haben einen Schießstand. Und dort…

SHYLOCK: Oh, darf ich raten?

WATTSEN: Wenn’s sein muss?

SHYLOCK: Das Opfer und die Verdächtigen… wie viele gibt es da?

WATTSEN: Unseren Auftraggeber und fünf weitere Personen.

SHYLOCK: Diese sieben Personen waren alle auf dem Schießstand.

WATTSEN: Das war bisher nicht so schwierig.

SHYLOCK: Hmmm, ich sage mal, sie haben alle mit derselben Waffe geschossen… weshalb sich auf der Waffe die Fingerabdrücke von jedem von ihnen befinden.

WATTSEN: Woher weißt du…?

SHYLOCK: Und natürlich hatten sie später alle Pulverspuren an den Händen, weil sie ja alle geschossen hatten.

WATTSEN: Wie…?

SHYLOCK: Ist doch die die einzige Möglichkeit, wie so was ablaufen kann.

WATTSEN: Woher wusstest du, dass alle ihre Fingerabdrücke auf der Waffe waren?

SHYLOCK: Weil sie alle verdächtig sind?!

WATTSEN: Vielleicht hatten sie ja alle einen Schlüssel für den Waffentresor.

SHYLOCK: Jaaaa, stimmt, das wäre auch möglich. Was war es?

WATTSEN: Beides.

SHYLOCK: Aha. Hmm. Aaaaalso, sie haben alle mit derselben Waffe geschossen und dann… weiter weiß ich nicht.

WATTSEN: Der Vereinsvorsitzende, unser Auftraggeber, hat die Waffe in den Tresor geschlossen…

SHYLOCK: …zu dem, wie du sagtest, alle unsere Verdächtigen Zugang hatten.

WATTSEN: Ganz genau. Die Waffe wurde eingeschlossen. Später am Abend fand man den Schützenkönig auf der Schießbahn. Erschossen. Die Waffe war im Tresor, sauber weggeschlossen. Dessen Tür scheint man merkwürdigerweise abgewischt zu haben, weil man da Seifenspuren gefunden hat. Komischerweise hat aber niemand die Fingerabdrücke von der Waffe abgewischt, weshalb…

SHYLOCK: …nur die Leute, die sie vorher benutzt hatten als Verdächtige in Frage kommen.

WATTSEN: Du sagst es.

SHYLOCK: Und es war ganz sicher die Tatwaffe?

WATTSEN: Laut den Ballistikexperten der Polizei ja.

SHYLOCK: Klingt interessant.

WATTSEN: Freut mich, dass es dir gefällt.

SHYLOCK: Soweit einem Mord gefallen kann.

WATTSEN: Schau dir die Zuschauerzahlen im Fernsehen an.

SHYLOCK: Das wirft kein gutes Licht auf unsere Gesellschaft, wenn du mich fragst.

WATTSEN: Tu ich nicht, keine Sorge.

SHYLOCK: Weise Entscheidung. Da ist nur eine Sache…

WATTSEN: Und die wäre.

SHYLOCK: Es ergibt keinen Sinn. Warum hat er die Waffe nicht abgewischt?

WATTSEN: Er?

SHYLOCK: Er. Oder sie. Er, der Mörder, geschlechtsunspezifisch. Um nicht die ganze Zeit sagen zu müssen: Warum hat er oder sie dies oder das nicht getan? Weißt du, wie viel länger unsere Konversationen damit werden würden?

WATTSEN: Als ob die nicht schon lang genug wären.

SHYLOCK: Eben. Also können wir bitte, nur, um die Sache einfacher zu machen, von dem Mörder sprechen, auch wenn er sich am Ende vielleicht als Frau erweist.

WATTSEN: Natürlich, mein Liebster. Obwohl du ja sicher weißt, dass Frauen ihre Opfer vergiften und Männer sie erschießen.

SHYLOCK: Welchen Sinn hätte es dann für eine Frau, einem Schützenverein beizutreten?

WATTSEN: Ich hasse es, wenn du Recht hast.

SHYLOCK: Da bist du nicht die einzige.

WATTSEN: Es sind vornehmlich Frauen, die das hassen, oder?

SHYLOCK: Nein, es sind auch Männer, aber die Frauen zeigen es mir mehr.

WATTSEN: Woran kann das nur liegen?

SHYLOCK: Weil sie mich für einen Frauenhasser halten.

WATTSEN: Und, stimmt das denn nicht?

SHYLOCK: Nein. Ich diskriminiere da nicht, ich kann Menschen allgemein nicht leiden. Also, warum hat er die Waffe nicht abgewischt?

WATTSEN: Vielleicht ist er sehr dumm?

SHYLOCK: Oder sehr clever?

WATTSEN: Und was machen wir jetzt?

SHYLOCK: Sollte ich das nicht fragen?

WATTSEN: Ich habe die Verdächtigen hierher eingeladen, damit wir mit ihnen sprechen können.

SHYLOCK: Gute Idee.

WATTSEN: Aber vorher muss ich noch was Wichtiges erledigen. (sie geht zur Toilettentür)

SHYLOCK: Und das wäre?

WATTSEN: Muss ich dir das wirklich erklären?

SHYLOCK: Wenn du es erklären musst, will ich es nicht wissen.

WATTSEN: Ich geh aufs Klo!

SHYLOCK: Das fällt unter „will ich nicht wissen“.

WATTSEN: Spießer! (geht ab)

SHYLOCK: (zum Computer) Meine Kollegin ist aufs Klo gegangen.

WATTSEN: (durch die Tür) Das will keiner wissen!

SHYLOCK: Das ist das Internet, das ist das einzige, was die wirklich wissen wollen! (zum Computer) Der neue Fall klingt interessant. Während mein Büro umgebaut wird, nutze ich meine Wohnung als Arbeitsplatz. Und jetzt kommen alle Verdächtigen hierher, damit wir mit ihnen sprechen können… man kann also sagen, dass ich mir die Arbeit mit nach Hause nehme. Was bedeutet… dass ich mir einen Mörder ins Haus hole. Offensichtlich ist das alles doch nicht so gut durchdacht. So, noch eine Wette platzieren und der Fall kann losgehen!

Zweite Szene

(Die Wohnung. Es klingelt an der Tür.)

SHYLOCK: Soll ich gehen?

WATTSEN: (durch die Tür) Na rate mal.

SHYLOCK: Dacht ich mir schon. (steht auf, geht zur Tür und öffnet sie) Hallo. Sie wünschen.

EMILIA: Es geht um den Mord.

SHYLOCK: Oh, wen wollen Sie denn loswerden? Nachbar? Ehemann? Steuerfahnder? Wir haben da gerade ein besonders günstiges Angebot.

EMILIA: Nein, Sie missverstehen. Ich möchte niemanden ermorden.

SHYLOCK: Deswegen sind Sie ja hierher gekommen. Damit andere die Drecksarbeit für Sie erledigen.

EMILIA: Es tut mir leid, sind Sie Sherlock Holmes?

SHYLOCK: Nein. Mein Name ist Shylock Holmes und ich mache natürlich nur Spaß.

EMILIA: Sie meinen, Sie sind nicht Shylock Holmes?

SHYLOCK: Doch, das schon, aber ich töte gegen Geld keine Menschen.

EMILIA: Und der Name?

SHYLOCK: Das ist eine lange Geschichte. Wissen Sie, wie meine Partnerin heißt?

EMILIA: Wattsen?

SHYLOCK: Dr. Wattsen, na, was sagen Sie nun? Ja, das klingt albern, da haben Sie Recht. Kommen Sie doch herein. Ich nehme an, es geht um den… Schützenkönig?!

EMILIA: Ja, das ist richtig. (tritt ein)

SHYLOCK: Schön. (schließt die Tür) Und Sie sind?

EMILIA: Unschuldig.

SHYLOCK: Gut zu wissen. Andererseits, wenn Sie die Tat jetzt zugeben würden, würden Sie uns eine Menge Arbeit ersparen.

EMILIA: Aber wenn ich es doch nicht war?

SHYLOCK: Dann würden Sie uns durch Ihr Geständnis nur unnötig aufhalten.

EMILIA: Ich dachte, Theo war es.

SHYLOCK: Theo?

EMILIA: Man hat ihn wenigstens verhaftet. War er es denn nicht?

SHYLOCK: Seiner Meinung nach nicht. Aber vielleicht will er sich nur um den Knast rumdrücken. Und Ihr Name ist…

EMILIA: …im Zusammenhang mit diesem Mord schon einmal gefallen, was mich sehr beunruhigt.

SHYLOCK: Ja, das kann ich verstehen!

EMILIA: Und ich weiß nicht warum. Wissen Sie, wie das ist, wenn man versucht, etwas zu erfahren, und man kommt keinen Schritt weiter?

SHYLOCK: Absolut!

WATTSEN: (tritt auf) Ah, hallo. Ich bin Katrin Wattsen, wir haben telefoniert.

EMILIA: Emilia Draeger. (sie geben sich die Hand)

WATTSEN: Nun, Frau Draeger, es ist sehr freundlich, dass sie sich mit uns unterhalten. Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?

EMILIA: Ein Wasser.

WATTSEN: (sieht Shylock an)

SHYLOCK: (zuckt die Schultern) Ja, ich würd auch eins nehmen.

WATTSEN: (sieht ihn böse an)

SHYLOCK: Oh, klar, ich mach eins. Mit oder ohne Kohlensäure?

EMILIA: Mit, bitte.

SHYLOCK: Wir haben leider nur ohne.

WATTSEN: Warum fragst du dann?

SHYLOCK: Höflichkeit.

WATTSEN: Wir reden nachher noch miteinander.

SHYLOCK: Ich zittere schon.

EMILIA: Vorsicht, damit Sie nichts verschütten.

SHYLOCK: Ich geb mir Mühe. (er schüttet ihr etwas ein und bringt ihr ein Glas)

EMILIA: Danke.

WATTSEN: Nun, Frau Draeger…

SHYLOCK: Was ist Ihr Motiv?

EMILIA: Bitte?

WATTSEN: Bitte?

SHYLOCK: Naja, sie hat schon gesagt, dass sie es nicht war, da dachte ich, wir sparen uns das Drumrumreden und kommen direkt zur Sache. Was wäre Ihr Motiv?

WATTSEN: Ähm… (nimmt ihn beiseite) Was hast du vor?

SHYLOCK: Zeitersparnis?

WATTSEN: Inwiefern?

SHYLOCK: Wir haben sechs Verdächtige, richtig?

WATTSEN: Richtig.

SHYLOCK: Und ich nehme an, jeder von denen wird ein Motiv haben, den Ermordeten zu… ermorden?!

WATTSEN: Ja, nein, wieso?

SHYLOCK: Weil sie sonst nicht wirklich verdächtig wären, oder? Sonst sind das nur irgendwelche Leute, die die Möglichkeit zur Tat gehabt hätten.

EMILIA: Hallo? (winkt ihnen zu)

SHYLOCK: Wir sind gleich bei Ihnen. Also wenn sie kein Motiv hätten, wären sie nicht sonderlich verdächtig und deshalb dachte ich, ich kürze einfach ab.

WATTSEN: Ich würde es begrüßen, wenn du die Sache eher traditionell angehen würdest.

SHYLOCK: Du meinst, mit ausufernden Verhören, bei denen man genau zuhören muss, um mitzukriegen, wo ihr Motiv liegen könnte.

WATTSEN: Wenn es dir keine Umstände macht.

SHYLOCK: Na meinetwegen. (zu Emilia) Frau Draeger, schön, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Erzählen Sie doch mal, wie sind Sie zum Sportschießen gekommen?

EMILIA: Naja, das war so. Ich war ja damals auf der Schule im Basketballkurs.

WATTSEN: (raunt) Vielleicht nicht so ausufernd?!

SHYLOCK: Zu spät!

EMILIA: Die Präzision hat mir sehr gefallen. Ein Ziel anzuvisieren und es dann zu treffen. Ich wollte eine Zeitlang Biathletin werden. Aber ich habe festgestellt, dass ich Skifahren nicht mag. Also bin ich einem Schützenverein beigetreten. Ich liebe es, zu schießen.

SHYLOCK: Es sollte mehr Frauen wie Sie geben.

EMILIA: Finden Sie?

WATTSEN: (stößt ihm in die Rippen)

SHYLOCK: Wie lange sind Sie schon in dem Verein?

EMILIA: Seit 25 Jahren.

SHYLOCK: Wie oft waren Sie in dieser Zeit Schützenkönigin?

EMILIA: Meinen Sie die Frau an der Seite des Schützen oder die Frau, die den Vogel abgeschossen hat?

SHYLOCK: Letzteres.

EMILIA: Neun mal!

SHYLOCK: Glückwunsch.

EMILIA: Danke.

SHYLOCK: Gab es jemals Unfälle.

EMILIA: Sie meinen, dass Mike den Sieg für sich beansprucht hat, obwohl eigentlich ich den Vogel abgeschossen hatte?

SHYLOCK: Hmmm, ja, warum nicht?

EMILIA: Ja, das ist vorgekommen.

WATTSEN: Und gab es Unfälle, bei denen jemand verletzt wurde?

EMILIA: Nein, so was gab es nie. Wir waren immer sehr vorsichtig.

SHYLOCK: Sehr schön. Wer ist Mike?

WATTSEN: Das Opfer.

SHYLOCK: Oh.

WATTSEN: Mike Götsch.

EMILIA: Er war so ein bisschen der Star von unserem Verein. War neun Jahre lang in Folge Schützenkönig. Wenn er dieses Jahr wieder gewonnen hätte, hätte der Verein ihm einen Preis von 25.000 Euro auszahlen müssen.

SHYLOCK: Und ich nehme mal an, der Verein hat nicht soviel Geld. Weswegen die Polizei annimmt, der Vereinsvorsitzende hätte Mike umgebracht, um sich um die Auszahlung zu drücken.

WATTSEN: Die nennen das ein Motiv.

SHYLOCK: Nicht nur die. Ich würde das sogar ein ausgesprochen brauchbares Motiv nennen.

EMILIA: Er war ein guter Schütze.

SHYLOCK: War er besser als Sie?

EMILIA: Och, wissen Sie…

SHYLOCK: Nur keine falsche Bescheidenheit.

EMILIA: Nein.

SHYLOCK: Hmmm, diese Unstimmigkeit von der Sie sprachen, als Mike gewonnen hat, obwohl eigentlich Sie die Gewinnerin gewesen wären. Wann war das?

EMILIA: Letztes Jahr. Vorletztes Jahr. Und vor zehn Jahren.

SHYLOCK: Hatten Sie davor neunmal in Folge gewonnen?

EMILIA: Das hatte ich.

SHYLOCK: Gab es damals schon den Preis?

EMILIA: Ja, den gab es. Und ich hätte ihn fast gewonnen.

SHYLOCK: Wäre Mike nicht gewesen?

EMILIA: Wäre Mike nicht gewesen!

WATTSEN: Das ist ein gutes Motiv.

SHYLOCK: Nein, das wäre ein gutes Motiv gewesen. Vor zehn Jahren.

EMILIA: Habe ich Ihnen weiterhelfen können?

SHYLOCK: Nicht unbedingt.

EMILIA: Das tut mir leid.

SHYLOCK: Ist ja nicht Ihre Schuld. Sie können immer noch den Mord gestehen.

EMILIA: Lieber nicht. (erhebt sich) Das Wasser schmeckt merkwürdig.

SHYLOCK: Das tut mir leid. Ich wohne noch nicht so lange hier.

WATTSEN: Danke für Ihre Hilfe.

EMILIA: Gern geschehen. (sie bringen sie zur Tür)

SHYLOCK: Was genau ist eigentlich passiert?

EMILIA: Ich hatte den Vogel genau getroffen, aber dann ist Mike vorgestürmt und hat sofort geschossen, obwohl es meine Schüsse waren, die ihn herunter geholt haben. Es ist nicht mal sicher, ob Mike überhaupt getroffen hat oder ob der Vogel von selbst gefallen ist.

SHYLOCK: Ich meinte eigentlich an dem Tag, als Mike ermordet wurde.

EMILIA: Da waren wir auf dem Schießstand. Den ganzen Nachmittag. Haben die neue Waffe ausprobiert. Schönes Stück.

WATTSEN: Die Tatwaffe?

EMILIA: Das sagte man mir, ja. Theo hatte sie gerade neu gekauft für den Verein. Und wir durften alle damit schießen. Es war herrlich.

SHYLOCK: Und dann?

EMILIA: Sind wir gegangen. Nachdem Theo die Waffe weggeschlossen hatte. Schönes Stück, sehr schönes Stück.

SHYLOCK: Sie sind alle gegangen?

EMILIA: Ja. Es ist ja nicht so, als würden wir mit den Waffen ins Bett gehen. Ach, Theo hat wirklich Glück gehabt.

SHYLOCK: Inwiefern?

EMILIA: Dass er mit einer so schönen Pistole erschossen wurde.

SHYLOCK: Danke für Ihre Hilfe.

WATTSEN: Ich bringe Sie noch zu Ihrem Wagen.

SHYLOCK: Auf Wiedersehen, Frau Draeger.

EMILIA: Wiedersehen, Herr Holmes. (geht raus)

WATTSEN: Ich passe auf, dass sie draußen niemanden anschießt. (geht raus)

SHYLOCK: Guter Gedanke. (geht zu seinem Computer) Ich glaube, weibliche Waffennarren sind genauso wie weibliche Kegelclubs in Zügen – schlimm, aber auf eine andere Art schlimm als Männer. Nur gut, dass meine Partnerin keine Waffe hat. Wenn sie wüsste, dass ich unsere Firma beim Wetten verloren habe… Naja, sie muss es ja nicht wissen. Noch hab ich die Möglichkeit, sie zurück zu gewinnen. Mal sehen, wie meine Quoten stehen!

Dritte Szene

(Die Wohnung. Wattsen kommt herein. Sie ist in Begleitung von Werner Hirthe.)

WERNER: Und Sie sind ganz sicher, dass ich nicht zu früh bin?

WATTSEN: Sie sind absolut pünktlich.

WERNER: Gut. Ich wollte nicht zu früh kommen.

WATTSEN: Seien Sie unbesorgt.

WERNER: Danke. Darf ich mal Ihre Toilette benutzen?

WATTSEN: Natürlich. (sie führt ihn durch den Raum) Das ist übrigens mein Kollege, Shylock Holmes.

SHYLOCK: Hallo.

WERNER: Ich muss Ihre Toilette benutzen. (verschwindet durch die Tür)

SHYLOCK: Ist der nicht etwas früh dran?

WATTSEN: Lass das! Und woher willst du das wissen, immerhin habe ich die Zeugen eingeladen.

SHYLOCK: Ich dachte, es wären Verdächtige.

WATTSEN: Sowohl als auch. Also?

SHYLOCK: Also was?

WATTSEN: Also woher willst du das wissen?

SHYLOCK: Dass er zu früh ist? Ganz einfach: Du hast gerade unsere erste Verdächtige nach draußen geleitet. Und ich wage einfach mal zu bezweifeln, dass du gedacht hast, das Verhör würde so kurz werden. Deshalb tippe ich darauf, sein Termin ist… in ner halben Stunde?

WATTSEN: Weißt du, was ich an dir hasse?

SHYLOCK: Meine Klugscheißerei?

WATTSEN: Arrghh! Ja, er ist zu früh.

SHYLOCK: Möchtest du mir nicht etwas über ihn erzählen?

WATTSEN: Ja, schon…

SHYLOCK: Aber?

WATTSEN: Ich… weiß nicht genau, wer er ist!

SHYLOCK: Bitte?

WATTSEN: Naja, er hat mich mit Frau Draeger gesehen und kam auf mich zu und fragte ob ich die Detektivin wäre mit der er gesprochen hätte und er hätte einen Termin bei uns. Und ob er unsere Toilette benutzen dürfte.

SHYLOCK: Aber du hast nicht gefragt, wie er heißt?

WATTSEN: Nein. Ich nehme an, es ist Werner Hirthe, aber er ist…

SHYLOCK: …ein bisschen zu früh, schon klar. Und wenn es nicht Werner Hirthe ist…

WATTSEN: …dann ist er extrem zu früh…

SHYLOCK: …denn sein Termin wäre dann…

WATTSEN: …morgen!

SHYLOCK: Das wäre in der Tat ein wenig zu früh.

WERNER: (kommt herein) Vielen Dank, dass ich Ihre Toilette benutzen durfte.

SHYLOCK: Gar kein Problem.

WERNER: Ich bin ein bisschen zu früh, glaube ich.

SHYLOCK: Das kommt darauf an.

WERNER: Oh. Worauf?

SHYLOCK: Wer Sie sind!

WERNER: Ach so. Ja, entschuldigen Sie, mein Name ist Werner Hirthe und ich glaube, wir hatten telefoniert.

SHYLOCK: Sie hatten telefoniert. (deutet auf Wattsen und ihn, reicht ihm dann die Hand) Mein Name ist Shylock Holmes.

WERNER: Werner Hirthe. Das ist ein ungewöhnlicher Name.

SHYLOCK: Man gewöhnt sich dran. Nehmen Sie doch bitte Platz.

WERNER: Gerne. Danke.

SHYLOCK: Was zu trinken?

WERNER: Dann muss ich so oft zur Toilette. Ach, was soll’s, ein Bier bitte.

SHYLOCK: Wir haben nur Wasser, fürchte ich.

WERNER: Dann ein Wasser.

SHYLOCK: Ohne Kohlensäure!

WERNER: Das ist fein.

SHYLOCK: (macht es) Herr Hirthe, welches Motiv hatten Sie…

WATTSEN: (sieht ihn böse an)

SHYLOCK: …einem Schützenverein beizutreten? (reicht ihm das Glas)

WERNER: Danke. Nun, ich war ein kleiner Junge und ich habe auf dem Land gelebt. Da gibt es nicht viel. Und wenn man zur Gemeinschaft dazugehören will, dann tritt man dem Schützenverein bei oder der freiwilligen Feuerwehr.

WATTSEN: Und Sie haben sich für den Schützenverein entschieden!?

WERNER: Ich bin beidem beigetreten. Hatte ich „oder“ gesagt? Ich meinte „und“. Man tritt beidem bei. Das Wasser schmeckt merkwürdig.

SHYLOCK: Ja, das hab ich auch schon gehört. Also Schützenverein und freiwillige Feuerwehr. Schießen oder Löschen.

WERNER: Es geht um andere Dinge.

WATTSEN: Sie meinen Kameradschaft und Gemeinschaftsgefühl?

WERNER: Nein, Trinken. Viel trinken. Das ist oft das einzige, was man auf dem Land tun kann. Auf den Feldern oder im Stall arbeiten oder trinken. Ich meinte „und“.

SHYLOCK: Und wenn Sie trinken meinen…

WERNER: Alkohol! In rauen Mengen. Das Landleben kann sehr langweilig sein. Aber es sind diese Vereine, die das Gemeinschaftsgefühl erhalten.

SHYLOCK: Sind Sie noch immer bei der freiwilligen Feuerwehr?

WERNER: Nein. Ich hatte Probleme mit meiner Leber.

SHYLOCK: Wie ging es weiter?

WERNER: Ich bin in die Stadt gezogen. Ich hatte Abitur und habe studiert. Das war eine schöne Zeit. Aber dann habe ich irgendwann festgestellt, dass ich das Landleben ein bisschen vermisse.

WATTSEN: Und deshalb sind Sie einem Schützenverein beigetreten?

WERNER: Das ist richtig. Dürfte ich Ihre Toilette noch einmal benutzen?

SHYLOCK: Aber natürlich.

WERNER: Danke. (erhebt sich)

WATTSEN: (will ihm den Weg weisen)

WERNER: Ich finde den Weg schon. (verschwindet auf die Toilette)

SHYLOCK: (wendet sich dem Computer zu)

WATTSEN: Was machst du da?

SHYLOCK: Na, wir haben doch gerade Pause, oder?

WATTSEN: Wir könnten über den Fall sprechen.

SHYLOCK: Was willst du wissen?

WATTSEN: Wer der Täter war!

SHYLOCK: Ist im Moment noch ein bisschen diffus. Hat sonst noch jemand einen Schlüssel?

WATTSEN: Für den Waffentresor? Nein, praktischerweise nur unsere Verdächtigen.

SHYLOCK: Und das Opfer.

WATTSEN: Bitte?

SHYLOCK: Na, das Opfer wird doch auch einen gehabt haben.

WATTSEN: Ja, und?

SHYLOCK: Was, wenn die Person, die das Opfer angeblich gefunden hat, der Täter war? Hat den Schlüssel des Opfers genommen, die Waffe geholt, das Opfer erschossen und die Waffe wieder eingeschlossen.

WATTSEN: Es gibt ein paar Dinge, die dagegen sprechen.

SHYLOCK: Die da wären?

WATTSEN: Die Fingerabdrücke.

SHYLOCK: Okay, ja, die hatte ich vergessen.

WATTSEN: Und natürlich die Leute, die die Leiche gefunden haben.

SHYLOCK: Denen kann man vertrauen, weil…?

WATTSEN: …sie die Polizei sind? Die haben spät am Abend Licht im Vereinsheim bemerkt und haben sicherheitshalber mal nachgesehen.

SHYLOCK: Tja, klingt so, als könnten wir die dann wohl ausschließen.

WERNER: (kommt herein) Bin ich zu früh.

SHYLOCK: Sie sind genau richtig.

WERNER: Danke, dass ich Ihre Toilette benutzen durfte.

SHYLOCK: Kein Problem. Noch ein Wasser?

WERNER: Nein, danke. (setzt sich) Sie haben sicher noch Fragen an mich.

SHYLOCK: Eine ganze Menge.

WATTSEN: (sieht ihn böse an)

SHYLOCK: Ein paar. Kleine. Hier und da.

WERNER: Fragen Sie.

SHYLOCK: Nun… jetzt hab ich’s vergessen.

WATTSEN: Wie lange sind Sie schon in dem Schützenverein?

WERNER: Seit 41 Jahren.

WATTSEN: Waren Sie jemals Schützenkönig?

WERNER: Nein. Wissen Sie, es geht mir nicht so ums Schießen.

SHYLOCK: Sondern um die Gemeinschaft?!

WERNER: Es erinnert mich an meine Jugend. Und ich mag den Geruch von Schießpulver. Aber ich war nie ein guter Schütze. Ich habe die Faszination für Waffen, die die anderen haben, nie geteilt. Erst neulich hat Herr Bauschulte eine neue Pistole gekauft.

WATTSEN: Die Tatwaffe.

WERNER: Ach, war das die Tatwaffe? Ja, ich habe mal damit geschossen. Hat mir nicht gefallen. Roch nicht gut.

SHYLOCK: Können Sie uns etwas über das Opfer erzählen?

WERNER: Mike Götsch? Natürlich. Über den kann ich Ihnen eine ganze Menge erzählen. Alles, was Sie wissen wollen. Oh, äh… dürfte ich noch mal Ihre Toilette benutzen?

SHYLOCK: Fühlen Sie sich ganz wie zu Hause.

WERNER: Danke. (erhebt sich) Ich find es schon. (geht aufs Klo)

SHYLOCK: Du wirkst ein wenig unentspannt.

WATTSEN: Du weißt schon, dass ich eigentlich Gerichtsmedizinerin bin. Und dass ich, streng genommen, ein großes Risiko eingegangen bin, als ich mich selbständig gemacht habe.

SHYLOCK: Ja und ja.

WATTSEN: Ich bin diese Detektivarbeit nicht gewöhnt.

SHYLOCK: Wolltest du dich für den Rest deines Lebens mit Toten abgeben und herausfinden, was sie umgebracht hat?

WATTSEN: Was machen wir denn hier?

SHYLOCK: Okay, gutes Argument. Andererseits hast du hier nicht nur mit Toten zu tun, sondern mit Lebenden… nein, ich glaube, das spricht eher für deinen alten Beruf.

WATTSEN: Es ist interessant, zugegeben. Ich muss mich nur erst daran gewöhnen. Und im Zweifel kann ich ja immer in meinen alten Beruf zurück.

SHYLOCK: Das ist die richtige Einstellung!

WATTSEN: Dass ich in meinen alten Beruf zurück kann?

SHYLOCK: Oder das, was du davor gesagt hast.

WATTSEN: Weißt du, was mich wundert?

SHYLOCK: Was?

WATTSEN: Dass noch niemand versucht hat, dich umzubringen.

SHYLOCK: Der Tag ist noch jung!

WERNER: (kommt herein) Danke.

SHYLOCK: Jederzeit.

WERNER: In meinem Alter wird alles ein bisschen schwieriger. (setzt sich) Sie wollten etwas über Mike Götsch wissen.

SHYLOCK: Das wäre sehr hilfreich.

WERNER: Er war ein guter Schütze. Nicht so gut wie Frau Draeger, aber ein guter Schütze. Ihm ging es immer nur ums Gewinnen. Alles war für ihn ein Wettkampf. Alles wurde zum Wettstreit. Und er musste immer der Sieger bleiben. Egal, worum es ging.

SHYLOCK: Ist er mit Ihnen auch so umgegangen?

WERNER: Nein, mich hat er nie als eine Konkurrenz angesehen. Im Gegenteil. Als Schütze war ich ihm zu schlecht. Er hat sich sogar dafür eingesetzt, dass Mitglieder, die eine bestimmte Leistung nicht erbringen, aus dem Verein ausgeschlossen werden.

SHYLOCK: Haben Sie die nötige Leistung erbracht?

WERNER: Nein. Er hat nie verstanden, worum es bei einem Schützenverein wirklich geht. Er war, wie sagt man…

WATTSEN: Ehrgeizig?

WERNER: …ein Arschloch! Ja, das ist die richtige Bezeichnung. Er war ein dummes, ehrgeiziges Arschloch!