Spenderin gesucht! - Carolin Grahl - E-Book

Spenderin gesucht! E-Book

Carolin Grahl

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Beschreibung

Er kommt aus Gran Canaria und ist der Sohn von Dr. Daniel Nordens Cousin Michael und dessen spanischer Frau Sofia. Alexander kennt nur ein Ziel: Er will Arzt werden und in die riesigen Fußstapfen seines berühmten Onkels, des Chefarztes Dr. Daniel Norden, treten. Er will beweisen, welche Talente in ihm schlummern. Dr. Norden ist gern bereit, Alexanders Mentor zu sein, ihm zu helfen, ihn zu fördern. Alexander Norden ist ein charismatischer, unglaublich attraktiver junger Mann. Die Frauenherzen erobert er, manchmal auch unfreiwillig, im Sturm. Seine spannende Studentenzeit wird jede Leserin, jeden Leser begeistern! »Mama, komm! Die paar Meter schaffst du noch! Schau, da drüben ist schon die Behnisch-Klinik!« »Ich … Ja, Annabelle, natürlich schaffe ich es. Ich muss nur einen Moment … ich …« Lina Prem befreite ihren Arm aus dem Griff ihrer Tochter, schloss mit schmerzverzerrtem Gesicht die Augen und presste beide Hände gegen ihren Bauch. »Mama! Um Himmels willen! Geht es dir so schlecht?« »Nein, nein, Annabelle, mein Mäuschen. Mach dir keine Sorgen«, keuchte Lina Prem. »Du weißt, wie zäh ich bin. Unkraut vergeht nicht, heißt es doch, oder? Es ist …« Lina Prem stöhnte auf, versuchte aber schon im nächsten Augenblick ein Lächeln. »Es ist nur … diese Schmerzen … sie kommen in Wellen, und gerade eben ist es wieder losgegangen.« »Aber jetzt ist es schon ein bisschen besser?«, erkundigte sich Annabelle hoffnungsvoll. »Die Schmerzen flauen doch ab, oder?«

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Seitenzahl: 132

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Der junge Norden – 24 –Spenderin gesucht!

Aber ist die junge Annabelle selbst gesund genug?

Carolin Grahl

»Mama, komm! Die paar Meter schaffst du noch! Schau, da drüben ist schon die Behnisch-Klinik!«

»Ich … Ja, Annabelle, natürlich schaffe ich es. Ich muss nur einen Moment … ich …« Lina Prem befreite ihren Arm aus dem Griff ihrer Tochter, schloss mit schmerzverzerrtem Gesicht die Augen und presste beide Hände gegen ihren Bauch.

»Mama! Um Himmels willen! Geht es dir so schlecht?«

»Nein, nein, Annabelle, mein Mäuschen. Mach dir keine Sorgen«, keuchte Lina Prem. »Du weißt, wie zäh ich bin. Unkraut vergeht nicht, heißt es doch, oder? Es ist …« Lina Prem stöhnte auf, versuchte aber schon im nächsten Augenblick ein Lächeln. »Es ist nur … diese Schmerzen … sie kommen in Wellen, und gerade eben ist es wieder losgegangen.«

»Aber jetzt ist es schon ein bisschen besser?«, erkundigte sich Annabelle hoffnungsvoll. »Die Schmerzen flauen doch ab, oder?« Sie ließ ihre Mutter nicht aus den Augen und atmete erleichtert auf, als Linas Züge sich ein wenig entspannten.

»Alles paletti. Es geht schon wieder.«

Lina blieb noch ein paar Sekunden stehen, dann tätschelte sie ihrer Tochter aufmunternd die Wange. »Wir können weiter«, sagte sie und ließ ihre Blicke über das Gebäude der Behnisch-Klinik schweifen. »Wir gehen wohl am besten direkt in die Notaufnahme.«

»Meinst du, dass … dass sie dich dabehalten, Mama?«

Lina Prem schüttelte den Kopf. »Das werden sie wohl kaum. Nur wegen ein bisschen Bauchschmerzen wird heute niemand mehr ins Krankenhaus aufgenommen. Zumal es der Blinddarm nicht sein kann, weil mir der schon entfernt wurde, als ich noch ein Kind war.«

»Gut. Vielleicht … vielleicht setzt du dich einfach auf diese Bank da«, schlug Annabelle vor und wies auf eine der Sitzbänke am Rande der Parkanlage der Klinik. »Dann sehe ich mich rasch um, wo die Notaufnahme ist.«

»Mach das, Mäuschen. Und danke, dass du dich so lieb um mich kümmerst. Obwohl es eigentlich umgekehrt sein müsste: Ich müsste für dein Wohl und deine Gesundheit Sorge tragen.«

Annabelle verdrehte die Augen. »Bitte, Mama. Fang jetzt nicht wieder mit der alten Leier an. Ich bin siebzehn, schon vergessen? Ich bin alt genug, um für mich selbst verantwortlich zu sein. Und jetzt mache ich mich auf die Socken und suche die Notaufnahme.«

Lina Prem schwieg.

Sie senkte den Kopf, weil sie plötzlich Übelkeit in sich aufsteigen fühlte. Unwillkürlich hielt sie ihre Hand vor ihren Mund, aber nach wenigen Minuten hörte ihr Magen zu ihrer Erleichterung auf zu rebellieren.

Lina atmete tief durch und sah sich nach Annabelle um.

Eine Welle von Rührung und Zärtlichkeit überflutete Lina, als sie beobachtete, wie ihr kleines Mädchen auf der Suche nach der Notaufnahme hastig an der Behnisch-Klinik entlanglief und dann vor dem Haupteingang stehen blieb, offenbar um ein Hinweisschild zu lesen.

Wie besorgt Annabelle um sie war!

Was für eine liebevolle Tochter sie doch hatte!

Sie konnte wirklich stolz auf Annabelle sein!

Und wie schön ihr kleines Mädchen aussah mit dem seidigen, fast hüftlangen, glatten Blondhaar!

Nur die grellrosarot eingefärbten Strähnen störten, aber die jungen Leute hatten heutzutage nun einmal andere Vorstellungen von Schönheit, die man respektieren musste. Auch wenn sie für die Eltern und Großelterngeneration ein wenig gewöhnungsbedürftig waren.

Ein erneuter heftiger Schmerz im Oberbauch ließ Lina Prem zusammenzucken und Annabelles Bild vor ihren Augen verschwimmen. Für kurze Zeit hatte Lina das Gefühl, nicht einmal mehr klar sehen zu können.

Das wurde ja immer noch schlimmer!

Hoffentlich wussten die Ärzte in der Behnisch-Klinik ein Medikament, das sie so rasch wie möglich wieder fit machte!

Sie hatte sich so sehr auf den gemeinsamen Einkaufsbummel mit Annabelle gefreut!

Leider hatten schon in der ersten Boutique, in der Annabelle ein paillettenbesetztes schwarzes Shirt mit dem aufgedruckten Gesicht irgendeines Popstars, ein bauchfreies türkisgrünes Top und eine knallenge, völlig durchlöcherte Jeans entdeckt hatte, diese entsetzlichen Bauchschmerzen begonnen.

Lina war froh gewesen, dass ihr Mäuschen eine kleine Ewigkeit in der Umkleidekabine zugebracht hatte. Dadurch war ihr desolater Gesundheitszustand zunächst gar nicht weiter aufgefallen.

Dann aber, als Annabelle in dem Schuhgeschäft zwei Straßen weiter mindestens ein Dutzend High Heels und mit Strasssteinen besetzte Zehenslipper probiert hatte, waren die Schmerzen zurückgekommen. Sogar noch schlimmer als beim ersten Mal.

Sie hatte mit aller Macht versucht, sie zu unterdrücken, aber es war ihr nicht gelungen.

Ganz im Gegenteil.

Nur mit Mühe hatte sie es geschafft, der Verkäuferin klar zu machen, dass sie weder einen Arzt noch einen Krankenwagen brauchte.

Beinahe fluchtartig hatte sie, Annabelle im Schlepptau, den Schuhladen verblassen – und wäre auf der Straße beinahe zusammengebrochen.

Daraufhin hatte sie der erschrockenen Annabelle vorgeschlagen, sich in einer Apotheke Aspirin, Novalgin oder irgendein anderes Schmerzmittel zu besorgen und dann den Einkauf fortzusetzen, doch Annabelle hatte darauf bestanden, die nahe gelegene Behnisch-Klinik aufzusuchen.

Zielstrebig hatte Annabelle ihren Arm genommen, sie mit sanfter Gewalt zur Klinik gezerrt und keinen Widerspruch geduldet.

Lina Prem richtete sich ein wenig auf und hielt wieder nach ihrer Tochter Ausschau.

Annabelle stand inzwischen zehn oder fünfzehn Meter vom Haupteingang der Klinik entfernt in einer kleinen Sportanlage mit ein paar Fitnessgeräten und einem Basketballnetz, und sie war nicht mehr allein.

Bei ihr befanden sich zwei junge Männer in weißen Kitteln.

Der eine schien sich nicht sonderlich für Annabelle und für das, was sie sagen wollte, zu interessieren. Scheinbar unbeteiligt versuchte er mit ziemlich wechselhaftem Erfolg immer wieder, seinen orangeroten Ball durch das Basketballnetz zu manövrieren.

Der andere, ein schlanker junger Mann mit sehr kurz geschnittenen, fast schwarzen Haaren, hörte Annabelle jedoch umso aufmerksamer zu. Nach einer Weile gab er dem Basketballspieler ein Zeichen und lief dann, zusammen mit Annabelle, in Linas Richtung.

»Das ist meine Mama«, sagte Annabelle, noch ehe sie die Bank, auf der Lina saß, erreicht hatten. »Sie hat auf unserer Shoppingtour plötzlich sehr starke Bauchschmerzen bekommen. Deshalb habe ich sie hierhergebracht. Danke, dass Sie mir helfen.«

Lina Prem musterte den jungen Mann neben Annabelle mit fragenden, ein wenig unsicheren Blicken. Sie fand, dass er für einen Arzt eigentlich ein wenig zu jung war. Andererseits machte er aber einen sehr vertrauenerweckenden Eindruck.

»Ich bin Alex Norden«, stellte er sich vor. »Ich bin Medizinstudent im zweiten Semester und absolviere hier an der Behnisch-Klinik zurzeit ein Praktikum. Wenn es Ihnen recht ist, bringe ich Sie jetzt zur Notaufnahme, Frau …«

»Prem. Lina Prem«, antwortete Lina und streckte Alex ihre Hand hin.

Alex ergriff die dargebotene Hand.

Er hatte das Gefühl, dass sie seltsam heiß war, fast als hätte Lina Prem Fieber, schob seine Vermutung jedoch sofort wieder beiseite.

Frau Prem war an einem zwar nicht glühend heißen, aber doch immerhin ziemlich warmen Sommertag zusammen mit ihrer Tochter shoppen gewesen und dann in ihrem angeschlagenen Zustand hierher zur Behnisch-Klinik gelaufen. War es unter diesen Umständen nicht schlicht und einfach normal, dass sie erhitzt war?

Er war wohl wieder einmal im Begriff, Gespenster zu sehen!

Außerdem war es nicht seine Sache, irgendwelche Überlegungen hinsichtlich des Krankheitsbilds anzustellen.

Er musste lediglich dafür sorgen, dass erst einmal die Schmerzen der Patientin gelindert wurden. Das war im Moment oberstes Gebot.

»Die Notaufnahme ist dort hinten, wo gerade der Rettungswagen hält«, sagte Alex und wies in die entsprechende Richtung.

Lina Prem erhob sich, um Alex zu begleiten, doch in diesem Moment ließ sie ein erneuter kolikartiger Schmerz in ihrem Oberbauch regelrecht in die Knie gehen.

Sanft, aber bestimmt drückte Alex die Patientin auf die Bank zurück. »Ich glaube, es ist besser, wenn ich einen Rollstuhl hole«, sagte er. »Ich bin sofort wieder da. Bitte bleiben Sie so lange, hier sitzen.« Zu Annabelle gewandt, fügte er hinzu: »Bitte setzen Sie sich zu Ihrer Mutter und lassen Sie sie nicht allein, bis ich wiederkomme.«

Annabelle nickte.

Folgsam nahm sie neben ihrer Mutter Platz und legte ihren Arm um sie. »Es tut mir so leid, Mama, dass unsere Shoppingtour im Krankenhaus geendet hat. Es tut mir wirklich leid. Tut dein Bauch noch sehr weh? Sind die Schmerzen stärker geworden?«

»Nein, nein«, wiegelte Lina Prem sofort ab. »Am schlimmsten für mich ist, dass ich dir die Freude am Einkaufen und an deinen neuen Klamotten vermasselt habe. Aber wenn ich Tabletten oder vielleicht sogar eine Spritze gegen die Schmerzen bekommen habe, können wir unsere Tour bestimmt fortsetzen. Dann gehen wir in das Schuhgeschäft zurück, und ich kaufe dir die High Heels aus Schlangenlederimitat und die Glitzersandalen. Versprochen.«

»Ach, Mama.« Für einen winzigen Moment ließ Annabelle zärtlich ihren Kopf auf Linas Schulter sinken. »Das ist jetzt alles nicht so wichtig. Hauptsache, dir geht es bald wieder besser. Dann sehen wir weiter. Schau, da kommt dieser Alex Norden mit deinem Rollstuhl.«

»Ein wirklich netter, hilfsbereiter junger Mann«, stellte Lina Prem mit einem leisen Seufzer fest. »Ein Mann wie dieser Alex Norden wäre der richtige für dich. Wenn dein Jochen ihm auch nur ein kleines bisschen ähnlich wäre, fiele es mir um einiges leichter, ihn als deinen Freund oder gar als meinen künftigen Schwiegersohn zu akzeptieren.«

»Mama! Du kennst diesen Alex Norden doch überhaupt nicht. Du weißt doch gar nicht, wie er wirklich ist. Und bitte lass Jochen aus dem Spiel. Ich weiß, dass du ihn nicht besonders magst, aber …«

Annabelle verstummte abrupt, als Alex mit einer einladenden Geste auf den Rollstuhl wies. »Darf ich Sie bitten einzusteigen, Frau Prem?«, sagte er schmunzelnd.

»Mit Vergnügen. Und vielen herzlichen Dank für Ihre Bemühungen, Herr Norden«, gab Lina, ebenfalls schmunzelnd, zurück. Sie erhob sich und setzte sich bereitwillig in den Rollstuhl, obwohl sie sich, da sie im Moment weder Übelkeit noch Schmerzen verspürte, reichlich albern dabei vorkam.

»Soll ich dich schieben, Mama?«, fragte Annabelle und streckte bereits ihre Hände nach den Griffen des Rollstuhls aus.

»Nein«, widersprach Lina Prem. »Das ist nichts für dich, Mäuschen. Das ist zu schwer für dich. Lass das lieber Herrn Norden machen.«

Annabelle ärgerte sich, versuchte aber, sich in Alex‘ Gegenwart zu beherrschen. Trotzdem konnte sie einen leisen Laut des Unmuts nicht zurückhalten.

»Keine Widerrede. Deine Fürsorge in allen Ehren, Mäuschen, aber du bist kränker als ich. Und deshalb möchte ich nicht, dass du dich für mich anstrengst«, kam es prompt von Lina Prem.

Unwillkürlich zog Alex die Augenbrauen hoch. Während er den Rollstuhl mit Lina in Richtung Notaufnahme schob, musterte er Annabelle von der Seite, konnte aber, zumindest rein äußerlich, keine Anzeichen einer Krankheit oder Schwäche feststellen.

Annabelle hatte, soweit das in Anbetracht der etwas zu üppig aufgetragenen Schminke zu erkennen war, eine gesunde Gesichtsfarbe und glänzendes, dichtes Haar. Sie war schlank, ohne mager zu sein, und bewegte sich leichtfüßig und geschmeidig.

»Glauben Sie, dass meine Mutti Bauchschmerzen hat, weil sie etwas Falsches gegessen hat?«, riss ihre helle, melodisch klingende Stimme Alex aus seinen Beobachtungen.

»Das halte ich durchaus für möglich, aber es ist natürlich nichts weiter als eine Vermutung«, gab Alex wahrheitsgemäß zurück. »Was Ihrer Mutti wirklich fehlt, muss der behandelnde Arzt herausfinden. Wie ich Ihnen schon sagte, bin ich nur Praktikant und deshalb nicht befähigt, eine Diagnose zu stellen.«

»Aber da Sie Medizin studieren, haben Sie auf alle Fälle mehr Ahnung als ich und …«

»Lass Herrn Norden zufrieden«, fiel Lina Prem ihrer Tochter ins Wort. »Was soll ich denn schon Falsches gegessen haben? Du hast schließlich nichts anderes zu dir genommen als ich, Annabelle. Und du hast keine Bauchschmerzen. Wahrscheinlich habe ich also irgendein Darmgrippevirus oder etwas in der Art aufgeschnappt. Oder es ist eine Gallenkolik.«

Annabelle kaute unsicher auf ihrer Unterlippe herum, sagte aber nichts mehr.

Alex wechselte, als sie in der Notaufnahme angekommen waren, zuerst ein paar Worte mit einer Krankenschwester und sprach anschließend noch kurz mit einem Arzt.

Erst als er Lina an den bereits wartenden Patienten vorbei in einen der Schockräume schob, meldete sich Annabelle wieder zu Wort. »Darf ich in das Untersuchungszimmer mitkommen?«, fragte sie.

»Das ist nicht notwendig«, erklärte Alex. »Setzen Sie sich lieber in die Cafeteria, um dort auf Ihre Mutti zu warten. Ihre Mutti kann dann, wenn die Untersuchung abgeschlossen ist, zu Ihnen kommen. Oder ich sage Ihnen Bescheid, für den Fall …«

»Ich denke, es ist besser, du wartest hier vor der Notaufnahme auf mich, Annabelle«, schnitt Lina Prem Alex das Wort ab. »Dann kommst du wenigstens nicht in Versuchung, dir ein Stück Kuchen oder eine Cola einzuverleiben.«

Annabelles Gesichtszüge verhärteten sich von einer Sekunde auf die andere. »Ich warte in der Cafeteria«, erklärte sie kurz entschlossen und mit einer Schärfe, die Alex verblüffte. »Wann wirst du endlich begreifen, Mama, dass du mir nicht bis zu meinem hundertsten Geburtstag vorschreiben kannst, was ich zu tun und zu lassen habe!«

»Aber … aber das wollte ich doch gar nicht«, kam es ein wenig kläglich von Lina Prem. »Es geht mir doch einzig und allein darum …«

Der Rest von Linas Satz blieb ungesagt, denn der diensthabende Arzt bedachte Alex und Annabelle mit einem vielsagenden Blick, gab ihnen einen knappen, aber unmissverständlichen Wink, sich zu entfernen, und zog ihnen dann die Tür zum Schockraum vor der Nase zu.

Annabelle stieß zischend die Luft aus.

Das herrische Verhalten des Arztes ärgerte sie.

Aber mindestens genauso groß war ihr Unmut über die Bevormundung durch ihre Mutter.

»Das war wieder einmal typisch Mama«, sagte sie schließlich mit hochrotem Kopf zu Alex. »Am liebsten würde sie mich keinen Zentimeter von ihrer Seite lassen. Und mich nicht für einen Sekundenbruchteil aus den Augen verlieren. Für Mama werde ich immer und ewig ein kleines Mädchen bleiben.«

Alex zuckte die Schultern. »So sind Mütter nun einmal«, meinte er. »Und deshalb sollten Sie sich nicht die Ermahnungen Ihrer Mutter zu Herzen nehmen, sondern die Liebe, die dahintersteht, Annabelle.«

»Danke für den weisen Ratschlag«, spöttelte Annabelle. »Im Übrigen können wir uns ruhig duzen. Ich bin siebzehn. Und ich schätze, du bist nicht viel älter. Auch wenn du hier mit einem weißen Kittel herumspazierst und dich so reif und abgeklärt gibst, als wärst du der Chefarzt höchstpersönlich.«

Alex stutzte einen Moment, dann musste er lachen. »Immerhin bin ich schon einundzwanzig, also ganze vier Jahre älter als du und obendrein volljährig. Wenn das keinen Unterschied macht …«

Annabelle musterte Alex grinsend von oben bis unten. »Stolze einundzwanzig bist du also. Respekt. Aber, ehrlich gesagt, habe ich mir so etwas fast gedacht, Alter. Ich kann schließlich rechnen. Zuerst Abi mit, sagen wir, neunzehn. Dann nur ein klitzekleines Jahr Wartezeit aufs Medizinstudium, weil du ein Streber bist und den Numerus clausus wirklich nur um Haaresbreite verfehlt hast. Und dann noch die eineinhalb bereits absolvierten Semester Studium obendrauf.«

Sie gab Alex einen scherzhaften Stoß vor die Brust, wurde aber von einer Sekunde auf die andere wieder ernst.

»Ich mag meine Mama sehr«, sagte sie. »Und ich weiß recht wohl, dass sie mich nur aus Liebe gängelt. Trotzdem macht es mich immer wieder wütend, wenn sie mit ihrer Fürsorge übertreibt bis zum Gehtnichtmehr. Allerdings ärgere ich mich nicht aus dem Grund, an den du vielleicht denkst. Ich meine, es geht bei mir und meiner Mama nicht um diesen Psycho-Generationenkonflikt-Kram und so.«

Alex hob die Augenbrauen. »Sondern?«

»Ich bin Diabetikerin. Typ 1. Und, seit das klar ist, hat Mama einen Beschützerwahn entwickelt. Sie glaubt, dass sie jeden meiner Schritte überwachen muss. Das ist echt ätzend.«

»Hmm. Wie lange weißt du das denn schon – ich meine, dass du Diabetikerin bist?«

»Seit knapp drei Jahren. Und seitdem werde ich nach allen Regeln der Kunst betüdelt. Und jetzt erzähl mir bloß nicht, dass sich das irgendwann im Sand verlaufen wird. Ich kenne meine Mama. Solange sie ein offenes Auge hat, wird sie damit weitermachen.«

»Kann sein. Aber ich für meinen Teil habe den Eindruck gewonnen, dass das Betüdeln durchaus auf Gegenseitigkeit beruht. Wie sagt man so schön: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.«

Annabelle schluckte und senkte den Blick. »Das … das sieht nur so aus. In Wirklichkeit verhält sich die Sache, zumindest was mich betrifft, jedoch völlig anders«, stieß sie mit seltsam gepresster Stimme hervor.