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Er kommt aus Gran Canaria und ist der Sohn von Dr. Daniel Nordens Cousin Michael und dessen spanischer Frau Sofia. Alexander kennt nur ein Ziel: Er will Arzt werden und in die riesigen Fußstapfen seines berühmten Onkels, des Chefarztes Dr. Daniel Norden, treten. Er will beweisen, welche Talente in ihm schlummern. Dr. Norden ist gern bereit, Alexanders Mentor zu sein, ihm zu helfen, ihn zu fördern. Alexander Norden ist ein charismatischer, unglaublich attraktiver junger Mann. Die Frauenherzen erobert er, manchmal auch unfreiwillig, im Sturm. Seine spannende Studentenzeit wird jede Leserin, jeden Leser begeistern! »Ich liebe Hamburger mit Pommes!« Chris, der Krankenpfleger, biss mit weit geöffnetem Mund ein riesiges Stück von seinem Hamburger ab. Er kaute es genüsslich und ließ eine Gabel voll Pommes frites mit Ketchup folgen. »Vor allem, wenn ich einen derartigen Bärenhunger habe wie heute«, setzte er, immer noch kauend, hinzu. Alex, der Chris an einem kleinen Ecktisch in der Cafeteria der Behnisch-Klinik gegenübersaß, konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Heute? Gestern hattest du ebenfalls einen Bärenhunger«, bemerkte er. »Und vorgestern auch, wenn ich mich recht entsinne.« »Von einem Becher Kaffee und einem Müsliriegel zum Mittagessen werde ich nun mal nicht satt«, stellte Chris mit einem leicht verächtlichen Blick auf Alex' Essenstablett fest. Alex schaute auf die große Wanduhr und zuckte dann die Schultern. »Ich habe leider nur wenig Zeit. In spätestens zehn Minuten erwartet mich die Oberschwester im Dienstzimmer, um mir meinen Arbeitsplan auszuhändigen. Du weißt ja, dass sie kein Fan von Unpünktlichkeit ist.« »Ganz im Gegensatz zu dir«, gab Chris zurück, zog ein Salatblatt aus seinem Hamburger und legte es auf seinem Teller ab. »Schneckenfutter kann das beste Essen verderben«, brummte er.
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Seitenzahl: 135
Veröffentlichungsjahr: 2023
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»Ich liebe Hamburger mit Pommes!« Chris, der Krankenpfleger, biss mit weit geöffnetem Mund ein riesiges Stück von seinem Hamburger ab. Er kaute es genüsslich und ließ eine Gabel voll Pommes frites mit Ketchup folgen. »Vor allem, wenn ich einen derartigen Bärenhunger habe wie heute«, setzte er, immer noch kauend, hinzu.
Alex, der Chris an einem kleinen Ecktisch in der Cafeteria der Behnisch-Klinik gegenübersaß, konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Heute? Gestern hattest du ebenfalls einen Bärenhunger«, bemerkte er. »Und vorgestern auch, wenn ich mich recht entsinne.«
»Von einem Becher Kaffee und einem Müsliriegel zum Mittagessen werde ich nun mal nicht satt«, stellte Chris mit einem leicht verächtlichen Blick auf Alex‘ Essenstablett fest.
Alex schaute auf die große Wanduhr und zuckte dann die Schultern. »Ich habe leider nur wenig Zeit. In spätestens zehn Minuten erwartet mich die Oberschwester im Dienstzimmer, um mir meinen Arbeitsplan auszuhändigen. Du weißt ja, dass sie kein Fan von Unpünktlichkeit ist.«
»Ganz im Gegensatz zu dir«, gab Chris zurück, zog ein Salatblatt aus seinem Hamburger und legte es auf seinem Teller ab. »Schneckenfutter kann das beste Essen verderben«, brummte er.
»Es soll aber sehr gesund sein«, belehrte Alex ihn und nahm einen großen Schluck aus seinem Kaffeebecher.
In diesem Moment ertönte ein ohrenbetäubender Knall.
Alex zuckte erschrocken zusammen, sodass der Kaffee überschwappte und sich auf seine Jeans ergoss. »Mist …«, begann er, konnte aber nicht weiterschimpfen, weil er sich verschluckt hatte und heftig husten musste.
Auch Chris war der Schrecken gehörig in die Glieder gefahren, sodass die Hälfte seiner Pommes frites nun unter dem Tisch auf dem Boden lag. »Bullshit. Was war denn das für ein Krach?«, zischte er. »War das etwa hier in der Behnisch-Klinik?«
Alex schüttelte den Kopf. »Nein, ich glaube nicht«, vermutete er. »Der Knall ist meines Erachtens von draußen gekommen. Vielleicht von der Baustelle an der Münchner Freiheit, an der ich auf meiner Fahrt hierher in die Klinik immer vorbeikomme.«
»Von dieser Ewig-Baustelle, meinst du? Das … hat sich wie eine Explosion angehört. Am Ende ist noch irgendeine uralte Handgranate oder ähnlicher Kram aus Kriegszeiten aufgetaucht und hochgegangen …« Chris unterbrach sich, als die Sirenen losheulten. »Glaubst du, dass es Verletzte gibt?«, fragte er mit gerunzelter Stirn.
Auch die anderen Gäste der Cafeteria, deren Gespräche bei dem Knall von einer Sekunde auf die andere verstummt waren, redeten inzwischen wirr und noch viel lauter als zuvor durcheinander. Etliche drängten in Richtung Fensterfront, um zu sehen, was passiert sein mochte, andere suchten sicherheitshalber das Weite und liefen ins Freie.
Alex und Chris tauschten angesichts der Fliehenden fragende Blicke. Chris wippte nervös mit den Beinen. »Denkst du, es wäre besser, wenn wir … sicherheitshalber …«
»Los, los, ihr beiden. Mittagspause beendet«, ließ sich in diesem Moment eine hektische Stimme vernehmen, die von einem jungen Assistenzarzt kam, der mit Riesenschritten auf Alex‘ und Chris‘ Tisch zurannte und sich dabei mit Ellbogen und Armen einen Weg durch die aufgeregten Menschen bahnte, die ihm das Durchkommen fast unmöglich machten. »Ab in die Notaufnahme mit euch, damit man euch zu den Hilfsteams einteilen kann.«
»Hilfsteams? Was denn für Hilfsteams?«, wollte Chris wissen. »Was ist denn überhaupt passiert?«
Der Assistenzarzt verdrehte ungeduldig die Augen. »Eine Gasexplosion. An der Münchner Freiheit. Bei Bauarbeiten wurde eine Gasleitung beschädigt. Es ist Gas ausgeströmt, irgendwer hat sich eine Zigarette angezündet, und dann hats geknallt. Mehrere Miets- und Geschäftshäuser in der näheren Umgebung wurden in Mitleidenschaft gezogen. Wahrscheinlich gibt es eine Menge Verletzte. Sowohl unter den Hausbewohnern als auch unter den Bauarbeitern und Passanten.«
Alex war bei den letzten Worten bereits aufgesprungen und lief los in Richtung Notaufnahme.
»Ihr werdet von den Ärzten den jeweiligen Teams zugewiesen«, fuhr der Assistenzarzt fort, während er zusammen mit Alex und Chris im Laufschritt die Cafeteria verließ. Zwei Krankenschwestern, die ebenfalls gerade ihr Mittagessen eingenommen hatten, schlossen sich ihnen auf die Aufforderung des Assistenzarztes hin in aller Eile an.
Aus allen Richtungen hasteten mit einem Mal Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger zur Notaufnahme.
Als Alex und Chris ankamen, waren bereits die ersten Martinshörner zu hören, die das Eintreffen der Rettungswägen ankündigten. Wenig später konnte man auch schon das grelle Blinken des Blaulichts sehen.
Kurz darauf trennten sich Alex‘ und Chris‘ Wege, da die beiden verschiedenen Teams zugewiesen wurden. Alex wurde als Sanitäter sozusagen an vorderster Front eingesetzt, während Chris als helfende Hand im Hintergrund beschäftigt wurde.
Alex schnaufte aufgeregt.
Ein solches Tohuwabohu hatte er während seines Praktikums an der Behnisch-Klinik noch nie erlebt!
Hoffentlich waren wegen der Explosion keine Toten zu beklagen! Hoffentlich waren nicht allzu viele Schwerverletzte unter den Opfern! Und hoffentlich konnte allen Verletzten geholfen werden, sodass sie wieder ganz gesund werden würden!
Alex sagte sich, dass bestimmt auch zahlreiche Menschen einen Schock erlitten hatten. Wenn er selbst, obwohl ein gutes Stück entfernt vom Unglücksort, bei dem Knall derart erschrocken war …
»Schwere Verbrennungen und wahrscheinlich Knochenbrüche und innere Verletzungen«, riss die Stimme des Notarztes Alex aus seinen Gedanken. »Der Patient kommt in Schockraum eins!«
Alex griff mechanisch nach dem unteren Ende Trage, auf der ein noch sehr junger Mann lag. Er trug einen Bauarbeiteroverall. Sein Gesicht war ebenso versengt wie sein Hals und seine Arme und der Overall. Obwohl der junge Mann an einem Tropf hing, durch den mit großer Wahrscheinlichkeit auch ein Schmerzmittel floss, stöhnte und jammerte er heftig.
Mit aller Kraft musste Alex gegen sein Mitleid ankämpfen, um einen klaren Kopf zu bewahren.
Tatkräftig half er, zahlreiche mehr oder weniger schwer verletzter Patienten zu versorgen, als er plötzlich zuerst zaghaft und dann ein wenig kräftiger am Ärmel gezupft wurde. Er wandte sich um und schaute in das angstvolle, verstörte Gesicht einer etwa dreißigjährigen Frau.
»Warum hilft mir denn keiner? Ich brauche Hilfe, ich …«, begann sie mit weinerlicher, halb erstickter Stimme, wobei sie sich mit dem Handrücken über ihre tränenverschmierten Augen wischte.
»Gleich kommt ein Arzt und kümmert sich um Sie. Es wird nicht mehr lange dauern«, tröstete Alex.
»Ich bin nicht verletzt. Ich brauche keinen Arzt. Die Sanitäter haben mich nur mitgenommen, weil sie behauptet haben, ich stünde unter Schock und hätte eine Rauchvergiftung«, redete die Frau weiter und klammerte sich an Alex’ Ärmel. »Aber was mit mir ist, interessiert mich nicht. Das ist mir völlig egal. Es geht doch nicht um mich, sondern um meinen Jungen. Mein armer Junge …« Die Frau begann zu husten und nach Luft zu ringen. »Es geht um meinen Karli. Ich habe ihn seit der Explosion nicht mehr gesehen. Ich weiß nicht, wo mein Karli ist. Wissen Sie vielleicht, wo er sein könnte? Hat man ihn genau wie mich hierher in die Behnisch-Klinik gebracht?«
Alex schüttelte bedauernd den Kopf. »Das weiß ich leider nicht. Aber mir ist hier kein kleiner Junge aufgefallen«, versicherte er. »Wie sieht Karli denn aus? Und wie alt ist er?«
»Karli ist sechs Jahre alt, fast sieben. Er hat struppige blonde Haare. Und so … so blaue Augen wie Sie. Und er trägt eine dunkelblaue Jeans und ein rotes T-Shirt. Mit einem Pandabären drauf.« Die Frau umfasste nun Alex‘ Arm vollends und krallte sich regelrecht fest. »Können Sie Karli bitte für mich suchen? Er ist doch mein Ein und Alles. Er ist das Liebste, was ich auf der Welt habe. Und das Einzige.«
Alex versuchte, sich aus dem Griff der Frau zu befreien. »Ich kann mich leider nicht um Ihren Jungen kümmern«, erklärte er. »So gerne ich Ihnen helfen würde. Aber ich bin hier im Einsatz und darf mich nicht ohne Weiteres auf eigene Faust entfernen.«
»Dann … dann bitten Sie jemand anderen, Karli zu suchen«, flehte die Frau. »Irgendjemanden vom Klinikpersonal. Oder jemanden, der … Ich bin übrigens Manja. Manja Weishaupt. Ich … ich habe mich nicht einmal vorgestellt! Aber Karli … Wenn ihm etwas zugestoßen ist … Karli muss gefunden werden. Bitte, bitte, bitte! Ich kann ihn nicht verlieren, ich …«
»Ich könnte einen der Sanitäter bitten, sich nach Karli umzusehen«, schlug Alex vor. »Ich gebe Karlis Beschreibung weiter, und wenn die Sanitäter mit dem Rettungswagen zurück zum Unglücksort fahren …«
»Ja, bitte!«, fiel Manja Weishaupt Alex ins Wort. »Wenn Karli gefunden wird, soll man ihn hierher zu mir bringen.«
»Ich werde mein Möglichstes tun«, versprach Alex. »Aber bitte setzen Sie sich jetzt wieder und warten Sie auf einen der Ärzte, Frau Weishaupt. Sie sollen nicht herumlaufen. Und Sie sollen sich vor allem nicht derart aufregen. Ich bin mir sicher, dass Karli bald wieder gesund und wohlbehalten bei Ihnen sein wird.«
Manja Weishaupt sank auf ihren Stuhl zurück und begann hemmungslos zu weinen. Alex hätte ihr gerne noch ein paar freundliche und beruhigende Worte gesagt, aber die nächsten Patienten warteten bereits auf ihn.
Es ging ohne Pause weiter.
Trotzdem fand Alex nach einiger Zeit Gelegenheit, einen Sanitätskollegen zu bitten, nach Karli Ausschau zu halten. Und als Alex nach einer Weile Dr. Rudolf entdeckte, der zwar seinen freien Tag hatte, aber offenbar dennoch herbeigerufen und eingesetzt worden war, beschrieb er Karli auch ihm und bat ihn um Hilfe.
»Ich tue selbstverständlich, was ich kann«, versprach Lars Rudolf. »Aber im Moment sind noch so viele Schwerverletzte zu versorgen, dass gar nicht daran zu denken ist, ein Kind zu suchen.« Er wies auf ein fahrbares Bett, auf dem ein etwa vierzigjähriger Mann lag. »Dieser Mann muss dringend nach oben in Operationssaal zwei gebracht und sofort operiert werden«, sagte er. »Er hat durch ein herumfliegendes Eisenteil eine schlimme Verletzung am Brustkorb erlitten. Die Rippen haben dem Aufprall des Eisenteils natürlich nicht standgehalten. Sie sind mehrfach gebrochen. Knochenteile stecken in der Lunge und in den Bronchien des Mannes fest, und auch das Herz ist verletzt. Wenn der Mann nicht unverzüglich operiert wird …«
Den Rest des Satzes sprach Dr. Rudolf nicht mehr aus, aber Alex begriff auch ohne weitere Worte, was gemeint war. Er legte sofort mit Hand an und half Lars Rudolf, das fahrbare Bett in den zweiten Stock der Behnisch-Klinik zu manövrieren.
»Der Mann heißt übrigens Rainer Weishaupt«, erklärte Dr. Rudolf im Aufzug, während seine Blicke von Alex zu Rainer Weishaupt und wieder zurückwanderten.
»Ja, ich bin Rainer Weishaupt«, erklärte der Patient mit dünner, brüchiger Stimme. Trotz seiner schweren Verletzungen war er bemerkenswert klar und bemerkenswert gefasst.
Alex stutzte bei der Nennung des Nachnamens.
Sofort fiel ihm die Frau wieder ein, die nach ihrem kleinen Karli gefragt und sich als Manja Weishaupt vorgestellt hatte.
Ob die beiden zusammengehörten?
Ob sie verwandt waren?
Schließlich war, wie Alex fand, der Name Weishaupt kein Allerweltsname wie Huber oder Schmid, sondern kam erfahrungsgemäß eher selten vor.
»Ich habe vor ein paar Minuten mit einer Frau gesprochen, die …«, begann Alex, führte seinen Satz aber nicht zu Ende, denn in diesem Moment ging die Lifttür auf und gab den Blick auf den Flur vor dem Operationssaal frei.
Alex und Dr. Rudolf tauschten entsetzte Blicke, als sie feststellen mussten, dass dort bereits zwei weitere Patienten auf eine Operation warteten. Nach kurzer Rücksprache mit dem Arzt, der sich um die beiden Patienten kümmerte, stellte sich heraus, dass der ältere der beiden an einer stumpfen Verletzung des Bauchraumes litt, sehr geschwächt war und ebenfalls schon dringlich auf eine Operation wartete.
Alex fühlte plötzlich eine Enge um die Brust, wie er sie noch nie erlebt hatte.
Würde hier eine Triage notwendig werden?
Und nach welchen Kriterien sollte dann entschieden werden?
Der Patient mit dem stumpfen Bauchtrauma war ein Mann in den Sechzigern. Er war somit auch entschieden älter als Rainer Weishaupt, wirkte aber trotz seiner schweren Verletzung und seiner dadurch bedingten momentanen Schwäche keineswegs wie ein alter Mann, der bereits mit seinem Leben abgeschlossen hatte.
Als er die erschrockenen Blicke der Ärzte sah, lächelte er matt. »Ich bin zwar keineswegs lebensmüde«, sagte er mit sehr leiser, jedoch klarer und deutlicher Stimme, »aber meine beiden Leidensgefährten hier sind entschieden jünger als ich. Bestimmt haben sie Frau und Kinder, während ich vollkommen allein in der Welt stehe. Ich werde mich also an letzter Stelle einreihen und auf meine Operation noch warten.«
Alex schluckte trocken.
Würde Dr. Rudolf dieses Angebot annehmen? Wie würde er entscheiden?
Mit einem scheuen Seitenblick auf Dr. Rudolf stellte Alex fest, dass der Notarzt blass wie eine frisch getünchte Wand geworden war. Offenbar sah auch er sich mit einer Triage überfordert.
Noch ehe Dr. Rudolf oder sein Kollege ihre Sprache wiederfanden, wandte sich Rainer Weishaupt an den älteren Herrn. »Sie müssen sich nicht an letzter Stelle einreihen«, sagte er ruhig, aber bestimmt. »Ich bin zwar ein wenig jünger als Sie, aber auch ich stehe ganz allein in der Welt. Und dazu kommt, dass mir mein Leben nicht mehr das Geringste bedeutet. Ich habe mit allem Zeitlichen abgeschlossen. Mir ist es völlig egal, ob mich die Ärzte retten können oder ob ich sterbe.«
Nach diesen Worten herrschte betretenes Schweigen. Und eine Stille, in der man eine Stecknadel hätte fallen hören können.
Auch Alex hielt den Atem an und fragte sich bang, was jetzt wohl geschehen würde.
In diesem Moment kam völlig atemlos eine Krankenschwester den Flur entlang gehetzt. Sie blieb vor Dr. Rudolf und seinem Kollegen stehen und presste erst einmal die Hand auf ihr heftig klopfendes Herz. Es dauerte eine Weile, bis sie fähig war zu sprechen.
»Operationssaal drei ist soeben frei geworden«, stieß sie schließlich, noch immer heftig keuchend, hervor. »Sie können also Herrn Bauer in wenigen Minuten in Operationssaal drei bringen. Dann kann Herr Wagner …« Sie brach ab und schaute irritiert auf Rainer Weishaupt, von dessen Anwesenheit sie jetzt erst Notiz nahm.
»Schon gut, Schwester«, lächelte Dr. Rudolf. »Sie haben uns soeben eine wunderbare Nachricht überbracht.«
»So ist es«, setzte Dr. Rudolfs Kollege hinzu. »Wir können Herrn Wagner bis auf Weiteres stabilisieren. Operationssaal zwei, der, wie ich annehme, ebenfalls jeden Moment frei werden wird, ist somit für Sie und Ihren Patienten reserviert, Herr Dr. Rudolf.«
Alex glaubte für einen Moment, er könnte den Stein, der Dr. Rudolf vom Herzen fiel, zu Boden poltern hören. Wenn Dr. Rudolf genauso grenzenlos erleichtert war wie er selbst …
Noch während Alex aufatmete, kam ihm jedoch ein aberwitziger Gedanke, den er nicht mehr loswurde. Es war ihm plötzlich, als säße ein kleines Teufelchen auf seiner Schulter, das ihm unentwegt Verrücktheiten ins Ohr flüsterte.
War es möglich, dass es aufgrund der Katastrophensituation zu wenige Ärzte gab, die bei den Operationen assistieren konnten? Wenn durch die zahlreichen Opfer der Gasexplosion die personellen Kapazitäten der Behnisch-Klinik bis zum Äußersten ausgelastet oder unter Umständen sogar erschöpft waren … Alex Herz begann von einer Sekunde auf die andere vor Aufregung heftig zu hämmern. Würde Dr. Rudolf ihn am Ende vielleicht sogar bitten, ihm zu assistieren?
Und wenn ja, durfte er sich das zutrauen?
Alex war wild entschlossen, im Zweifelsfall ja zu sagen, und seine Träume schwangen sich bereits zu kühnen Höhenflügen auf, doch der Absturz folgte auf dem Fuß.
»Ich werde jetzt einen der jungen Ärzte aus den klinischen Semestern rufen und ihn bitten, mir zu assistieren«, sagte Dr. Rudolf. »Sie brauchen ohnehin allesamt noch jede Menge Erfahrung im Operationssaal. Selbst die älteren unter ihnen können noch nicht annähernd die Zahl an Operationen nachweisen, die sie für ihre Facharztausbildung brauchen.« Er lächelte Alex zu. »Du warst tüchtig und hast dich bis jetzt wacker geschlagen, Alex«, lobte er. »Ich muss dir meine höchste Anerkennung aussprechen. Du kannst jetzt wieder in die Notaufnahme zurückkehren. Ich schätze, dort wird noch immer jeder Helfer dringend gebraucht.«
Alex hatte das Gefühl, als hätte er einen Schlag mitten ins Gesicht bekommen. Seine Ernüchterung verursachte ihm beinahe Übelkeit. Wortlos nickte er Dr. Rudolf zu und wandte sich ab.
Erst als er schon fast vor der Notaufnahme stand, hatte Alex sich so weit gefasst, dass in seinem Kopf wieder Raum für Gedanken war, die nicht mit seiner bodenlosen Enttäuschung zusammenhingen.
Mit einem Mal sah er Rainer Weishaupt wieder vor sich und hörte sein Eingeständnis, vollkommen allein in der Welt zu stehen und am Leben zu verzweifeln.
Der Mann von Manja und Karlis Vater konnte Rainer Weishaupt also schon einmal nicht sein. Außerdem hatte, wie Alex sich jetzt wieder erinnerte, Manja davon gesprochen, dass Karli nicht nur das Liebste war, das sie auf der Welt besaß, sondern auch das Einzige. Sie war also offenbar alleinerziehend.
Wenn die Namensgleichheit also bedeutete, dass Manja und Rainer Weishaupt vielleicht Schwager und Schwägerin waren, hatten sie offenbar trotz der engen Verwandtschaft keinen Kontakt …
