Was wird aus dir, Benjamin? - Carolin Grahl - E-Book

Was wird aus dir, Benjamin? E-Book

Carolin Grahl

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Beschreibung

Jenny Behnisch, die Leiterin der gleichnamigen Klinik, kann einfach nicht mehr. Sie weiß, dass nur einer berufen ist, die Klinik in Zukunft mit seinem umfassenden, exzellenten Wissen zu lenken: Dr. Daniel Norden! So kommt eine neue große Herausforderung auf den sympathischen, begnadeten Mediziner zu. Das Gute an dieser neuen Entwicklung: Dr. Nordens eigene, bestens etablierte Praxis kann ab sofort Sohn Dr. Danny Norden in Eigenregie weiterführen. Die Familie Norden startet in eine neue Epoche! »Der Puls ist kaum noch fühlbar, und der Blutdruck ist wirklich extrem niedrig«, stellte Dr. Norden fest und blickte besorgt in das blasse Gesicht der Notfallpatientin, die vor knapp zehn Minuten mit dem Rettungshubschrauber eingeflogen worden war. Wie sie so reglos dalag, wirkte sie fast, als wäre sie tot. »Sie darf nicht sterben. Sie ist doch noch so jung«, sagte Schwester Anna mitfühlend. Dr. Norden nickte stumm. Auch ihm tat die junge Frau leid. Sie hieß Karin Winter und war noch keine dreißig Jahre alt. Ihr Mann Thomas und sie waren in der Nähe des Ammersees mit dem Auto unterwegs gewesen, als aus unerfindlichen Gründen plötzlich der rechte Vorderreifen ihres Autos geplatzt war. Der Wagen war von der Straße abgekommen, hatte sich mehrfach überschlagen und war schließlich gegen einen Baum geprallt. Thomas, der am Steuer gesessen hatte, war sofort tot gewesen. Schwester Anna richtete ihre Augen fragend auf Dr. Norden. »CT? MRT?«, erkundigte sie sich. »Ja, beides«

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Seitenzahl: 128

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Chefarzt Dr. Norden – 1262 –Was wird aus dir, Benjamin?

Unveröffentlichter Roman

Carolin Grahl

»Der Puls ist kaum noch fühlbar, und der Blutdruck ist wirklich extrem niedrig«, stellte Dr. Norden fest und blickte besorgt in das blasse Gesicht der Notfallpatientin, die vor knapp zehn Minuten mit dem Rettungshubschrauber eingeflogen worden war. Wie sie so reglos dalag, wirkte sie fast, als wäre sie tot.

»Sie darf nicht sterben. Sie ist doch noch so jung«, sagte Schwester Anna mitfühlend.

Dr. Norden nickte stumm.

Auch ihm tat die junge Frau leid.

Sie hieß Karin Winter und war noch keine dreißig Jahre alt.

Ihr Mann Thomas und sie waren in der Nähe des Ammersees mit dem Auto unterwegs gewesen, als aus unerfindlichen Gründen plötzlich der rechte Vorderreifen ihres Autos geplatzt war. Der Wagen war von der Straße abgekommen, hatte sich mehrfach überschlagen und war schließlich gegen einen Baum geprallt. Thomas, der am Steuer gesessen hatte, war sofort tot gewesen. Für ihn war jede Hilfe zu spät gekommen …

Schwester Anna richtete ihre Augen fragend auf Dr. Norden. »CT? MRT?«, erkundigte sie sich.

»Ja, beides«, gab Dr. Norden zurück. »Der Verdacht auf Schädel-Hirn-Trauma als vorläufige Diagnose ist mit Sicherheit richtig. Außerdem ich bin überzeugt, dass bei Frau Winter zudem eine massive Gehirnblutung vorliegt. Ich gehe davon aus, dass sie sofort notoperiert werden muss, um eine dauerhafte Schädigung ihres Gehirns zu verhindern.«

Während Dr. Norden alles Notwendige veranlasste und Karin Winter zu den weiteren Untersuchungen gebracht wurde, holte Schwester Anna bereits den nächsten Patienten aus dem Wartezimmer der Notaufnahme.

Es handelte sich um einen älteren Herrn, der bei der Arbeit in seinem Schrebergarten von der Leiter gefallen war und sich dabei die Schulter verletzt hatte. Er wurde von seiner Frau begleitet, die den Hergang des Sturzes detailgenau schilderte, wobei sie ihren Mann immer wieder mit vorwurfsvollen Blicken bedachte und erklärte, dass er sein Alter einfach nicht wahrhaben wolle und in dem Wahn lebe, immer noch in seinen Zwanzigern zu sein.

Dr. Norden untersuchte den älteren Herrn.

Er stellte fest, dass die Schulter mit großer Wahrscheinlichkeit nur geprellt und nicht gebrochen war, schickte den Patienten aber trotzdem sicherheitshalber zum Röntgen.

Die Frau bedankte sich wortreich bei Dr. Norden, doch es fiel ihm schwer, ihrem Redeschwall zu folgen.

Immer wieder kehrten seine Gedanken zu Karin Winter zurück.

Wie würde sie es aufnehmen, wenn sie aus ihrer Bewusstlosigkeit erwachte und erfahren musste, dass sie bei dem Unfall ihren Mann verloren hatte?

»Im Wartezimmer sind nur noch zwei Patienten«, riss Schwester Anna Dr. Norden schließlich aus seinen Gedanken. »Ein Jogger, der von einem Hund gebissen wurde, und eine Hausfrau, die sich beim Kochen verbrüht hat. Soll ich zuerst den Jogger oder zuerst die Frau hereinholen? Eigentlich würden beide nämlich schon in Dr. Ganschows Schicht fallen. Dr. Ganschow ist auch bereits da und …«

Weiter kam Schwester Anna nicht, denn das Heulen des Martinshorns brachte sie zum Schweigen.

Wenig später betraten gleichzeitig mit Dr. Ganschow zwei Sanitäter mit einer Trage die Notaufnahme. Auf der Trage lag ein kleiner Junge, der ängstlich um sich schaute und einen ziemlich ramponierten Teddybären an sich drückte.

»Das Kind saß ebenfalls in dem Unfallwagen, aus dem wir die Frau mit dem Schädel-Hirn-Trauma geholt haben«, erklärte einer der beiden Sanitäter. »Leider war der Kleine eingeklemmt, sodass erst die Feuerwehr anrücken musste, um ihn zu befreien. Zum Glück scheint er, von ein paar Kratzern abgesehen, mit dem Schrecken davongekommen zu sein, aber wir haben ihn sicherheitshalber trotzdem hierhergebracht. Zumal seine Eltern …« Der Sanitäter verstummte abrupt, als sich der Junge bei dem Wort »Eltern« aufrichtete und fragend in die Runde sah. »Wo sind meine Eltern?«, wollte er wissen. »Wo ist Papa? Und wo ist Mama?«

Dr. Norden und Schwester Anna tauschten vielsagende Blicke. »Deine Mama … und dein Papa sind auch hierher in die Behnisch-Klinik gebracht worden«, erklärte Dr. Norden schließlich. »Sie sind bei dem Unfall, den ihr hattet, verletzt worden.«

»Kann ich meine Mama und meinen Papa sehen?«, fragte der Junge.

»Jetzt nicht. Aber später … später kannst du sie sehen«, antwortete Schwester Anna an Dr. Nordens Stelle. »Wie heißt du eigentlich? Und wie alt bist du?«

»Ich heiße Benjamin«, antwortete der Junge. »Und ich bin sechs Jahre alt.« Nach einem Blick auf seinen Teddybären fügte Benjamin hinzu: »Und er heißt Bäro. Er ist erst vier. Er ist furchtbar erschrocken, als plötzlich das Auto durch die Luft geflogen ist. Und jetzt hat er Angst.«

»Und du? Hast du auch Angst, Benjamin?«, wollte Dr. Norden wissen.

»Ein … ein bisschen«, erwiderte Benjamin. »Vor allem, weil ich nicht weiß, wo Papa und Mama sind. Und weil ich ganz allein bin.«

Dr. Norden biss sich auf die Unterlippe. »Du kannst später zu deinen Eltern, Benjamin. Genau wie Schwester Anna gesagt hat«, blieb er notgedrungen bei Schwester Annas barmherziger Lüge. »Erst einmal müssen wir aber herausfinden, ob du verletzt bist. Tut dir etwas weh?«

Benjamin zögerte einen Moment, als müsste er erst darüber nachdenken, dann schüttelte er den Kopf. »Ich … ich glaube nicht«, gab er zurück.

»Na, das ist ja schon einmal etwas«, meinte Dr. Norden. »Dann desinfizieren wir jetzt erst einmal die Kratzer an deinen Armen. Und verpassen dir ein schönes buntes Pflaster. Was magst du lieber? Grün? Oder blau? Oder rosarot?«

»Blau«, entschied Benjamin. »Blau ist meine Lieblingsfarbe.«

»Gut. Dann also blau«, stimmte Dr. Norden zu. Als er das blaue Pflaster auf Benjamins Unterarm klebte, musste er schmunzeln. »Auf dem blauen Pflaster sind viele kleine Teddybären, schau mal!«

Über Benjamins Gesichtchen huschte ein Lächeln. »Kann Bäro auch so ein Pflaster haben?«, wollte er wissen. »Bäro hat sich bei dem Unfall nämlich wehgetan.«

»Aber natürlich kann Bäro so ein Pflaster haben«, sagte Dr. Norden sofort und klebte das Pflaster auf Bäros Bauch, genau über die Stelle, die Benjamin ihm zeigte.

Benjamin nickte zufrieden. »Jetzt sind wir wieder gesund, Bäro«, sagte er zu dem Teddy. »Jetzt können wir nach Hause zu den Eltern.«

»Das geht leider nicht«, widersprach Dr. Norden. »Ihr müsst auf alle Fälle noch ein Weilchen zur Beobachtung hier im Krankenhaus bleiben. Genau wie deine Eltern, Benjamin. Sie sind auch noch nicht wieder zu Hause. Sie müssen ebenfalls noch ein bisschen dableiben.«

Benjamin runzelte die Stirn. »Ich will zu meinen Eltern«, erklärte er mit trotziger und zugleich weinerlicher Stimme. »Ich will zu Mama und Papa. Und Bäro will das auch.«

»Ist ja gut, mein Schatz. Zuerst musst du aber ganz brav sein und mit mir und Dr. Norden auf die Kinderstation kommen«, versuchte Schwester Anna, Dr. Norden beizuspringen. »Dort fühlst du dich auch nicht mehr so allein, weißt du. Dort sind viele andere Kinder. Und es gibt jede Menge Spielsachen.«

Benjamins Miene blieb finster. »Ich will keine anderen Kinder. Und ich will auch keine Spielsachen«, erklärte er. »Ich will meine Mama und meinen Papa.«

»Alles schön der Reihe nach«, beschwichtigte Dr. Norden. »Jetzt kommst du erst einmal mit, Benjamin. Dann sehen wir weiter.«

»Okay«, seufzte der Junge widerwillig, während Dr. Norden ihn auf den Arm nahm, um ihn zur Kinderstation und somit in die Obhut seiner lieben Fee zu bringen.

Da Dr. Norden wusste, dass Fee nicht nur eine äußerst tüchtige Kinderärztin war, sondern auch abseits medizinischer Belange hervorragend mit Kindern umgehen konnte, war er sich sicher, dass ihr das Richtige einfallen würde, um Benjamin fürs Erste zu beruhigen und zu trösten.

Wenn Fee es nicht schaffte, wer dann?

*

Der Abend war schon fortgeschritten, als Fee und Daniel Norden endlich die Behnisch-Klinik verließen. Schweigend liefen sie auf dem von Straßenlaternen erleuchteten Weg nebeneinander her zum Personalparkplatz der Klinik. Als sie ihr Auto fast erreicht hatten, begann es in großen, schweren Tropfen zu regnen, als wollte der Himmel die triste Stimmung teilen, die sich der beiden bemächtigt hatte.

»Hast du dich schon erkundigt, wie es Karin Winter inzwischen geht, Dan?«, wollte Fee wissen, als sie im Auto saßen und Dr. Norden den Motor startete.

Er nickte. »Natürlich habe ich mich erkundigt. Leider hat sich meine Vermutung, dass ihre Bewusstlosigkeit nicht nur von ihrem Schädel-Hirn-Trauma, sondern in erster Linie von einer Hirnblutung herrührt, bestätigt«, antwortete er. »Es war sogar eine ausgesprochen massive Hirnblutung. Dr. Lenz hat Frau Winter sofort operiert. Er konnte die Blutung zum Glück komplett stoppen und beseitigen, ist sich aber nicht sicher, ob Frau Winters Hirn bereits Schaden genommen hat. Erst wenn sie aus der Narkose aufwacht, wird sich zeigen, wie es wirklich um sie steht.«

Unwillkürlich warf Fee einen Blick auf die digitale Uhr am Armaturenbrett des Wagens. »Heißt das, dass Frau Winter, als wir die Klinik verlassen haben, immer noch nicht aus der Narkose aufgewacht war?«, fragte sie.

Dr. Norden setzte den Blinker und bog vom Parkplatz auf die Straße ein. »Leider nein«, erwiderte er. »Ich habe mich, offen gestanden, zunächst auch darüber gewundert, gehe aber inzwischen davon aus, dass Dr. Lenz sie vielleicht in ein künstliches Koma versetzt hat.«

»Das wäre natürlich möglich«, hakte Fee sofort ein. Der Gedanke erleichterte sie ein wenig. »Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es wäre, wenn Frau Winter als Pflegefall enden würde.«

»Das wird sie mit Sicherheit nicht«, sagte Dr. Norden sofort. »Du machst dir zu viele Sorgen, meine Fee. Was … was ist eigentlich mit Benjamin, Frau Winters kleinem Sohn?«

Fee Norden seufzte. »Wir alle auf der Kinderstation haben uns sehr viel Mühe mit ihm gegeben«, erwiderte Fee. »Es ist uns sehr nahe gegangen, wie der arme Kleine immer wieder nach Mama und Papa gefragt hat. Sina, Alex‘ Freundin, ist nach dem Ende ihrer Praktikumsschicht noch stundenlang dageblieben und hat sich zusammen mit uns um Benjamin gekümmert. Sie hat ihre Sache wirklich ausgezeichnet gemacht. Sie wird einmal eine hervorragende Kinderärztin werden, da bin ich mir ganz sicher. Sogar Alex ist zu guter Letzt noch zu uns gestoßen. Er hat Teddybärenarzt gespielt und Bäro ganz genau untersucht. Mit Stethoskop, Blutdruckmessgerät und allem, was dazugehört. Das hat Benjamin zumindest für eine Weile abgelenkt.«

Dr. Norden konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken. »Alex und Sina werden später einmal gute Eltern werden, da bin ich mir ganz sicher. Sie werden ein Leben lang glücklich miteinander sein und eine große Familie haben. Genau wie wir, meine Fee.«

»Vielleicht«, meinte Fee. »Aber vergiss nicht, dass heute eine andere Zeit ist, Dan.«

Daniel Norden zuckte die Schultern. »Das mag sein«, lächelte er. »Die Zeiten ändern sich natürlich. Aber die Liebe bleibt sich trotzdem immer gleich.«

»Ach, Dan. Wir haben auch sehr viel Glück gehabt, weißt du. Deshalb wünsche ich mir genau dieses Glück auch für Alex und Sina. Denn trotz aller Liebe kann viel Unvorhergesehenes passieren. Das haben wir heute wieder zur Genüge erlebt«, seufzte Fee. »Ich habe immer noch keinen Schimmer, wie ich Benjamin erklären soll, dass er seinen Vater nie mehr wiedersehen wird. Für den Jungen wird, fürchte ich, eine Welt zusammenbrechen. Leider ist es uns heute Abend auf der Kinderstation nicht einmal mit vereinten Kräften gelungen, Benjamin dauerhaft von der Frage nach seinen Eltern abzulenken. So blieb mir letztendlich dann doch keine andere Wahl, als dem Jungen ein leichtes Beruhigungsmittel zu verabreichen, damit er wenigstens den Schlaf findet, den er so dringend benötigt.«

Dr. Norden schwieg, in seine eigenen Gedanken versunken.

Sicher und ruhig lenkte er den Wagen aus der Münchner Innenstadt heraus in das Wohnviertel, in dem das Haus der Familie Norden stand. Als er durch die nächtlichen Straßen der ruhigen Villengegend fuhr und die erleuchteten Fenster der Nachbarhäuser sah, stieg mit einem Mal eine leise Wehmut in ihm auf. Er erinnerte sich an die Zeiten, in denen beim Nachhausekommen auch sein Haus hell erleuchtet gewesen war.

»Gibt es eigentlich jemanden, der sich um den kleinen Benjamin kümmern kann, bis seine Mutter wieder gesund ist?«, kam ihm plötzlich in den Sinn.

»Dasselbe haben wir uns auf der Kinderstation auch gefragt«, meinte Fee. »Wir haben den Kleinen wieder und wieder gelöchert, ob seine Eltern keine Verwandten hätten, aber er hat es jedes Mal beharrlich verneint. Ich habe mich schließlich mehr zufällig als absichtlich nach dem Ausflugsziel erkundigt, zu dem sie unterwegs gewesen waren. Und siehe da: Benjamin begann zu erzählen, dass er und seine Eltern auf der Fahrt zu seiner Oma gewesen wären.«

»Es gibt also doch eine Verwandte. Und sogar eine Oma«, stellte Dr. Norden erleichtert fest. »Bestimmt ist sie bereit, Benjamin vorübergehend bei sich aufzunehmen. Auf diese Weise hat der Junge, bis seine Mutter wieder gesund ist, wenigstens eine Bezugsperson, die er kennt und liebt. Und eine Umgebung, die ihm vertraut ist und in der er sich wohlfühlt.«

Fee zögerte mit ihrer Erwiderung.

Erst als der Wagen in der Garage stand und Daniel ihr galant die Tür öffnete, überwand sie sich schweren Herzens, das positive Bild, das ihr Mann sich in seiner Vorstellung malte, zurechtzurücken. »Ganz so rosig, wie du es siehst, scheint es leider nicht zu sein«, dämpfte sie Daniels Hoffnung. »Benjamin hat nämlich erzählt, dass er seine Oma überhaupt nicht kennt. Seine Eltern seien mit ihm zu seiner Oma gefahren, weil sie ihm – so hat er sich jedenfalls ausgedrückt – eine Oma schenken wollten.«

»Weil sie ihm was?« Daniel Norden entglitt der Haustürschlüssel, den er soeben hatte ins Schloss stecken wollen.

Er bückte sich, um ihn aufzuheben, doch Fee war schneller. »Du hast richtig gehört, Dan«, bestätigte sie ihre Worte. »Thomas und Karin Winter wollten Benjamin im Alter von sieben Jahren zum ersten Mal seiner Oma vorstellen.«

»Heißt das, dass diese Oma bis dato überhaupt nichts von Benjamins Existenz wusste? Oder bedeutet es nur, dass außer Telefongesprächen bisher keine persönliche Kontaktaufnahme zustande kam?«

»Ich bin mir leider nicht sicher«, gestand Fee. »Ich habe zwar versucht, Benjamin noch weiter auszuforschen, aber leider ohne Erfolg. Das Einzige, was er mir noch verraten hat, war der Name seiner Oma: Sie heißt Selma.«

Daniel hängte seine Jacke über einen der Kleiderbügel an der Garderobe. »Oma Selma«, fasste er zusammen. »Wissen wir Genaueres, wo diese Oma Selma wohnt? Oder wusste Benjamin nicht einmal den genauen Ort, zu dem seine Eltern fahren wollten?«

»Der Ort ist Herrsching am Ammersee«, rief Fee aus der Küche.

»Oma Selma in Herrsching am Ammersee«, wiederholte Daniel. »Das ist leider ein bisschen zu wenig, um mit ihr in Kontakt zu treten. Wir können schließlich nicht jedes Haus in Herrsching abklappern und nach einer Oma Selma fragen.«

Fee musste bei dieser Vorstellung fast lachen. »Wir könnten uns höchstens auf die Suche nach einer Selma Winter machen. Wenn die Dame allerdings nicht Thomas‘, sondern Karins Mutter ist …«

»Vergessen wir also fürs Erste die Oma«, stellte Daniel klar. »Und hoffen wir stattdessen, dass Oma Selma, nachdem sie vom Tod ihres Sohnes oder Schwiegersohnes und von den schweren Verletzungen seiner Partnerin in Kenntnis gesetzt wurde, aus freien Stücken in der Behnisch-Klinik auftaucht, um einen Krankenbesuch zu machen.«

»Möglich. Eigentlich sogar ziemlich wahrscheinlich. Vielleicht machen wir uns einfach viel zu viele Gedanken«, beendete Fee das Thema. »Außerdem kann es durchaus sein, dass Frau Winter, wenn sie aus der Narkose aufwacht, keinerlei Schaden davongetragen hat und schon bald wieder selbst für den kleinen Benjamin sorgen kann. Es macht wenig Sinn, sich mit sämtlichen negativen Szenarien auseinanderzusetzen, solange noch die Möglichkeit besteht, dass sich die Angelegenheit zum Positiven entwickelt.«

»Du hast Recht, liebe Fee. Wie immer«, stimmte Daniel Norden zu. »Vergessen wir also die schwarzen Gedanken und genießen den restlichen Abend. Was haben wir eigentlich an Essbarem im Haus? Ich hatte leider seit dem Frühstück keine Gelegenheit mehr, meinen Hunger zu stillen.«

»So etwas habe ich mir doch fast gedacht. Sicherheitshalber habe ich an meinem freien Tag Rinderbraten vorgekocht und eingefroren«, antwortete Fee. »Gerade bin ich dabei, ihn in der Mikrowelle aufzutauen. Als Beilage schlage ich Bratkartoffeln und grünen Salat vor.«